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Schnipsel Nr. 14

Alltagsbeobachtungen, Anekdoten, Gedanken, die in wenigen Zeilen erzählt sind oder mit einem Bild ausgedrückt werden können – das sind meine “Schnipsel”. 

6 Jahre in Peking

Wir hatten Jahrestag: am 16. August hat nun schon unser 7. Peking-Jahr begonnen. Hätte mir das früher jemand gesagt, dass wir so lange hier bleiben, hätte ich das vermutlich nicht geglaubt. Und nun sind wir alle vier immer noch gerne hier, und so wie es aussieht, bleibt das auch noch ein paar Jahre so.

Ich finde Peking und China immer noch so spannend und aufregend wie am ersten Tag. Langweilig wird es hier nie. Nicht nur, weil sich hier immer und überall alles ständig ändert, sondern auch weil es immer noch so vieles zu entdecken gibt. Was natürlich inzwischen viel besser als am Anfang ist: das sich auskennen, Ängste und Unsicherheiten abgelegt zu haben.

Was immer noch und immer wieder mal nervt: die Sprachbarriere. Andererseits habe ich mich mit meinem dürren Chinesisch abgefunden, komme im Alltag gut zurecht damit. Um besser sprechen und vor allem mehr lesen zu können, müsste ich viel Zeit investieren. Dieser Aufwand steht in keinem gescheitem Verhältnis zum Ergebnis, und es bliebe keine Zeit mehr für andere Interessen und Aktivitäten. Auch so im Alltag lerne ich ja doch immer wieder ein bisschen dazu. Und sei es, dass ich anlassbezogen Wörter und Floskeln auswendig lerne. Mal sehen, wie schnell ich wieder vergesse, was „entspiegelte Brillengläser/Antireflexbeschichtung“ heißt. ;) Wenn es wirklich mal klemmt, helfen eh Übersetzungs-Apps gut weiter.

Sommerferien gehen zu Ende

Die langen Sommerferien (immerhin fast zwei Monate) gehen mit Riesenschritten auf ihr Ende zu. Nächsten Montag geht die Schule wieder los. Zunächst zwar „nur“ online, aber das läuft hier gut, und die Jungs kommen damit auch gut klar. Die beiden freuen sich eher über den sanften Übergang in den Schulalltag. Ab 1.9. geht’s dann ganz normal mit Präsenzunterricht los.

Die kleinen Jungs, mit denen ich hier angekommen bin, sind inzwischen große Teens, die mich überragen, keine Grundschüler mehr, sondern Oberstufenschüler.

Covid in Peking

Erfreulicherweise ist es bei dem jüngsten Ausbruch bei einer Handvoll Fälle geblieben. Heute wurden 8 Tage ohne lokale Neuinfektion vermeldet. Die spürbare Anspannung auf den Straßen ist wieder weg, das wird u.a. durch die wieder lässigere Handhabung der Masken sichtbar, dazu sind wieder mehr Leute unterwegs. Der Lamatempel ist allerdings noch geschlossen, und die meisten Museen und viele Parks haben noch reduzierte Kapazitäten. Für die Verbotene Stadt werden derzeit maximal 48.000 Tickets/Tag verkauft (60 Prozent von normal vor Corona, da lag die tägliche Kapazitätsgrenze bei 80.000 Tickets).

Wir hoffen nur, dass es bald mit dem Reisen wieder einfacher wird, unsere drei Großen, den Rest der Familie und Freunde so lange nicht sehen zu können, das macht schon etwas zu schaffen. Egal, ob wir nach Europa fliegen oder wir hier Besuch bekommen: das fehlt. Aber vor Sommer 2022 wird das wohl nichts mehr, böse Zungen unken schon von 2023 *Ohrenzuhalt*.

Besuch fehlt auch noch in einer anderen Hinsicht: Wenn ich mit Besuch unterwegs bin, habe ich viel mehr den Blick für das Andere, Besondere, Ungewöhnliche. Nach so langer Zeit ist Peking unser Zuhause, und solche in Deutschland eher ungewöhnlichen Fahrzeuge sind für uns normal. Jetzt muss ich bewusst hinsehen, um den Blick für den hier oft doch so anderen Alltag zu schärfen. Dabei hilft natürlich, dass ich nie ohne Kamera aus dem Haus geh.

Zwei Kinder stehen einem mit Wäschesäcken voll beladenem Tuktuk.

Mumins in Peking

In der Citic Buchhandlung gegenüber vom Capital Mansion sind gerade Mumin-Wochen. Außer Mumin-Büchern (chinesische Übersetzungen) kann man auch Drucke und allerlei Merch erwerben.

Das fand ich jetzt mal richtig knuffig.

 

Buchtipp: 111 Gründe, China zu lieben

Kann man, darf man China mögen, geschweige denn lieben? Auch als überzeugte Demokratin, als Nicht-Kommunistin? Dass ich das kann, hat sich im Laufe der Zeit rausgestellt, sonst wäre ich nicht mehr hier. Aber wie sehen das andere?

Oliver Zwahlen bereist China seit über 20 Jahren, von 2007-2013 hat er in Peking gelebt und gearbeitet. Über China, über seine Erfahrungen und seine Reisen bloggt er auf Der Sinograph. Und nun hat er ein kenntnisreiches Buch darüber geschrieben, warum man China trotzdem lieben kann:

111 GRÜNDE, CHINA ZU LIEBEN*

Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt

Ein Buch, das eine Lücke füllt

Bevor wir nach Peking übergesiedelt sind, war ich sehr skeptisch, auch wenn die Entscheidung für mich sehr klar war. Bei uns ging es ja auch darum, dass die Jungs ihren Vater wieder mehr als nur ein paar Wochen im Jahr sehen. Aber China und Peking? Ich wusste nicht viel darüber, und wenn China in den Nachrichten vorkam, war das selten positiv. Was den Alltag anging, hatte ich vor allem Bilder von Smog und Stau vor Augen. Damit konnte natürlich weder Vorfreude noch eine wirklich positive Einstellung aufkommen. Ich habe mich dann selbst ausgetrickst, in dem ich Reiseführer und Reisemagazine inhaliert habe. Natürlich ist ein Umzug für mehrere Jahre etwas anderes als eine Reise, aber mit dem Gedanken “das Leben ist eine Reise” war es für mich naheliegend und hilfreich. Mit all den schönen Bildern von interessanten Orten und spektakulären Landschaften wuchs dann auch meine Neugier und es kam Vorfreude auf.

Trotzdem war mein Bild natürlich nicht rund, denn zwischen Hochglanzidylle und Superstau musste natürlich mehr liegen. Was fast völlig fehlte: das persönliche Erleben, Geschichten aus dem Alltag. Was erwartet einen wirklich, wenn man länger in China ist? Über die Bücher von z.B. Christian Y. Schmidt bin ich erst viel später gestolpert. Inzwischen gibt es zwar ein paar mehr Chinablogs, aber gemessen an der Vielzahl anderer Blogs ist das weiterhin verschwindend wenig.

Oliver Zwahlens 111 Gründe tragen dazu bei, diese Lücke zu füllen. Und er gibt gleich zu Beginn des Buches auch eine Antwort auf die oben gestellte Frage, ob man China lieben kann:

„Ein unkritisches Jubelbuch dürfen Sie auf den nächsten rund 240 Seiten nicht erwarten. Doch trotz all der berechtigten Kritik sollte man nicht die Augen davor verschließen, dass das Land auch jede Menge liebenswerte Seiten hat. […]
Der Untertitel dieses Buchs verspricht eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt. Und ja: China ist ein schönes Land, vielleicht sogar das schönste. Für mich persönlich ist China mit all seinen Ecken und Kanten aber in erster Linie das faszinierendste Land der Erde. Es ist eine Weltgegend, die man lieben kann, wenn man sich über die vielen Kleinigkeiten freut, die es verdienen, etwas genauer angesehen zu werden. Von diesen Dingen möchte ich Ihnen in den kommenden 110 Kapiteln erzählen. Ich möchte Ihnen ein China vorstellen, das sich zu lieben lohnt. Trotzdem.“

Was steckt drin?

Die 111 Gründe  verteilen sich auf die Abschnitte

  • Geografisches,
  • Sprachliches,
  • Kulinarisches,
  • Liebenswerte Marotten,
  • Kultur,
  • Reisen,
  • Urbanes,
  • Ländliches,
  • Minderheiten,
  • Kurioses

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, aber durch diese Struktur könnte man auch gut je nach Interesse hin- und herspringen und auch nur gelegentlich mal einen Grund lesen (und dann den nächsten, es packt einen nämlich). Die einzelnen Abschnitte sind ganz unterschiedlich, mal berichtet Oliver von persönlichen Erlebnissen, mal fasst er ein paar Fakten oder einen historischen Aspekt zusammen – beides gleich gut lesbar und unterhaltsam, und vor allem immer kenntnisreich.

Stolpersteinchen

Ganz selten denke ich beim Lesen, dass etwas nicht so ganz passt, zum Beispiel als ich bei Grund 43 „Weil sich neben der Verbotenen Stadt die Kuppler treffen“, der unter „Liebenswerte Marotten“ einsortiert ist, von den shengnü (übriggebliebenen Frauen, späte Mädchen…) und dem Kupplermarkt neben der Verbotenen Stadt lese. Es wird zwar kritisch beleuchtet, hätte aber sicher besser unter Kurioses gepasst. Ich nehme mir jedenfalls vor, demnächst mal nachzugucken, ob es den Kupplermarkt überhaupt noch gibt. Aber auch einer der nächsten Gründe – Weil Frauen etwas zu sagen haben – passt für mich nicht unter Marotten. Hobbylinguistik oder doch ein unterschiedlicher Blick von Frauen und Männern auf die Geschlechterverhältnisse? Oder auch nur durch das Schema der 111-Gründe-Buchreihe bedingt? Nichtsdestotrotz interessant zu lesen und für mich Anstoß, mich selbst wieder mehr mit dem Thema Frauen in China zu beschäftigen.

Was es nicht mehr gibt – zumindest in Peking – sind die privaten Feuerwerke zum chinesischen Neujahrsfest, die anders als unter Grund 68 „Weil zum Frühlingsfest die größte Völkerwanderung der Welt einsetzt“ noch erwähnt nicht mehr zwei Wochen lang für Schmutz und Lärm sorgen. Richtig ist und bleibt aber, dass rund um das Frühlingsfest definitiv die schlechteste Reisezeit für China ist. Und auch das „Friends-Café“ Central Perk (Grund 109 unter Kurioses) gibt es leider nicht mehr, es hat letztes Jahr nach der seuchenbedingten Schließung nicht wieder geöffnet und nun ist da irgendein Shop drin.

So ist das aber, wenn man über China schreibt: was heute noch stimmt, ist morgen vielleicht schon Geschichte.

Lieblingsgrund?

Schwierig! Gerade dass Vielfältige hier macht China ja so spannend. Es gibt ganz viele Punkte in dem Buch, bei denen ich heftig mit dem Kopf nicke und denke: ja, genau das. Zum Beispiel, dass Hostels hier keine Sparmaßnahme für Reisende auf der Suche nach einer günstigen Unterkunft sind, sondern erste Wahl sein können, wegen ihrer Lage, Architektur und weil sie wirklich spannende Kontakte ermöglichen, die man sonst nicht hätte. Oder doch Liu Cixin, über den ich einen ersten Zugang zu chinesischer Literatur gefunden habe? Oder Karaoke? Die kulinarischen Gründe (vielleicht probiere ich jetzt doch einmal Stinktofu?)?

Sehr gern gelesen habe ich auch den Abschnitt über das Reisen mit chinesischen Reisegruppen – da wäre ich gerne dabei gewesen, das klingt abenteuerlich, skurril, pragmatisch – und eben liebenswert in einem.

In Wahrheit ist das Liebenswerte an China die Summe aller Gründe und noch viel mehr – dieses Spannende und Vielfältige macht China für mich aus. Dass es hier nie langweilig wird, das wird auch im Buch deutlich, auch ohne dass es explizit ausgeschrieben wird.

Olivers 111. Grund heißt: Weil es mindestens 111 weitere Gründe gibt. Einer davon könnte sein: Das einzig Beständige in China ist der Wandel. Die rasante Entwicklung Chinas wird zwar direkt zu Beginn des Buches angesprochen, aber so schließt sich dann der Kreis.

Leseempfehlung(en)!

Die 111 Gründe sind eine gute Ergänzung zu klassischen Reiseführern, egal ob man sich auf eine China-Reise oder einen längeren Aufenthalt vorbereitet. Auch wenn es wegen der Pandemie vermutlich noch eine Weile dauern wird, bis China die Grenzen für Touristen wieder öffnet – das Buch eignet sich prima für die Wartezeit. Es lässt sich aber auch gut lesen, wenn man sich erinnern möchte – viele der Anekdoten können Erinnerungen wachrufen.

Obwohl ich jetzt ja nun auch schon 6 Jahre in China bin und es ein bisschen kenne, habe ich neue Ideen für Reisen und Ausflüge mitgenommen und wieder den Blick für das Andere hier geschärft. Auch wenn man vielleicht nicht mit allen Punkten übereinstimmt – wir schreiben ja alle über unsere subjektiven Erfahrungen, die sich natürlich voneinander unterscheiden, bewerten manches unterschiedlich – das Buch kann zu einem runderen Chinabild beitragen.

Ein schönes Porträt von Oliver gibt es auf dem Fluegge-Blog von Susanne Helmer: 111 Gründe, China zu lieben“: Autor Oliver Zwahlen im Porträt

Auch Timo Peters hat auf seinem Blog „Bruder Leichtfuss“ über das Buch geschrieben: Die unsichtbare Mauer oder: „Warum man China trotzdem lieben kann“

Mehr von Oliver Zwahlen zu lesen gibt es auf dem bereits erwähnten China-Blog „Der Sinograph“ und auf seinem Blog Weltreiseforum.

111 Gründe, China zu lieben
Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt

von Oliver Zwahlen

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

Taschenbuch: 14,99€

Shaolin-Kloster

Für den Ausflug zum Shaolin-Kloster (bei Dengfeng am Berg Songshan) habe ich mir wieder über das Hotel einen Fahrer vermitteln lassen. Die Fahrt geht durch das überschaubar große Luoyang. Vorbei an vielen, typischen braunen Schildern, die auf Sehenswürdigkeiten hinweisen: Museen, Tempel, noch mehr Tempel…

Dann lassen wir die Stadt hinter uns, es geht durch schier endlose Maisfelder. Die Gegend ist flach, noch sind wir im breiten Tal des Gelben Flusses. Irgendwann ersetzen Pflaumenbäume die Maisfelder und endlich tauchen aus dem Dunst am Horizont die ersten Berge auf. Wir biegen auf eine schmalere Landstraße ein, kommen noch durch einen leicht verlassen wirkenden Ort. Dann windet sich die Straße den Berg hinauf. Auf einem der Berge ist ein Tempel zu sehen, und meine Aufregung wächst.

Ich hab eigentlich keinen großen Bezug zu den Shaolin oder Kungfu. Vor einer Ewigkeit habe ich mal ein bisschen ins Taekwondo hineingeschnuppert, das ist noch das, was dem Kungfu am nächsten kommt (ich höre den Aufschrei der Kenner! ;) ). Ich habe mitbekommen, wie Bekannte zu Kungfu-Workshops gefahren sind, und ich habe die großartige Kungfu-Show im Pekinger Red Theatre besucht. Und natürlich habe ich mit den Jungs Kungfu-Panda gesehen. Trotz dieser geballten Masse an „Nicht-Wissen“ erwarte ich etwas Besonderes, vielleicht ein wenig Mystisches.

Erster Eindruck: groß, größer, China!

Dann wird die Straße breiter, Parkplätze sind ausgeschildert, der Fahrer lässt mich raus und sagt, ich soll mich über WeChat melden, wenn ich zurückfahren möchte, dann holt er mich an der gleichen Stelle wieder ab.

Statue vor dem Shaolin-Kloster

Der Eingangsbereich ist nicht so gigantisch wie z.B. bei der Terrakotta-Armee, aber dennoch China-typisch überdimensioniert. Klar, es muss ja auch dem großen Ansturm während der Golden Week standhalten. Eine große, hässliche Statue eines Shaolin überragt den Eingangsbereich – dies hätte mich eigentlich vorwarnen sollen (seltsam, auf dem Foto sieht das nun gar nicht mehr so scheußlich aus, wie ich es vor Ort empfunden habe!).

In welchem der vielen Gebäude verbirgt sich nun das Ticket-Center?

Shaolin-Kloster

Eingangsbereich Shaolinkloster

Schließlich finde ich es und gehe dann durch den Sicherheitscheck und ein großes Tor. Vor mir liegt eine breite Promenade, wohin nun? Ich gehe ein Stück, werde von einem fiesen Hustenanfall durchgeschüttelt und beschließe, einen der Elektrobusse zu nehmen, um einen ersten Eindruck zu bekommen und mich dabei etwas zu erholen.

Aber dann fährt der Bus am Shaolin-Tempel vorbei, und mich hält es dann doch nicht mehr. Ich steige aus und laufe zurück. Vor dem Tempel ist ein großer Platz, aus einer Lautsprecheranlage dröhnt Musik, dazu singt eine Gruppe von etwa 100 fähnchenschwingenden Menschen die chinesische Nationalhymne. Und nochmal. Nochmal! Und nochmal. So richtig begeistert wirken sie alle nicht. Ja, es ist halt kurz vor dem Nationalfeiertag!

Das alte Tempelgebäude

Ein paar Stufen hoch, noch eine Ticketkontrolle, dann betrete ich das Tempelgelände. Im ersten Gebäude sind nicht die üblichen vier Himmelskönige zu sehen, sondern vier Shaolinmönche in verschiedenen Posen.

Kein Himmelskönig…

… sondern Shaolinmönch!

Ansonsten bleibt mir vor allem eines im Gedächtnis: Es ist voll.

Die Gebäude sehen zu einem großen Teil neu aus. Neu, nicht nur frisch renoviert. Nahe der alten Hauptstadt Luoyang gelegen, war das Kloster in Wahrheit nicht der mystifizierte friedliche Ort, sondern oft umkämpft. Die große Halle ist 1928 abgebrannt. Ein Großteil der Gebäude wurde 2004 wieder/neu errichtet.

voll hier!

Ich lasse mich mit dem Strom weiter bergauf treiben, halte mich dann rechts und da ist dann endlich doch ein altes Gebäude. Abblätternde Farbe, gammelndes Holz, schief hängende Fenster. Gefällt mir besser als die „hübschen“, adretten anderen Gebäude.

schöner, oder?

Ja, und sonst? Es ist halt ein Tempel wie viele andere, nett in den Bergen gelegen. Über die Geschichte erfährt man praktisch nichts, obwohl in der ganzen Shaolin Scenic Area viele, viele Schilder verteilt sind. Einige wenige Mönche achten darauf, dass in den Hallen nicht fotografiert wird oder geben Räucherstäbchen aus. Ich beobachte zwei Frauen, vermutlich Mutter und Tocher, die auf mich wirken, als wären sie beim Speeddating mit den vielen Buddhas. Routiniert brennen sie ihre Räucherstäbchen ab, verbeugen sich in alle vier Himmelsrichtungen und hetzen weiter zum nächsten Buddha.

Und plötzlich Ruhe…

Ich hingegen lasse mir Zeit, und tatsächlich verschwinden die Touristengruppen. Auf einmal bin ich fast alleine und dann wirkt der Tempel plötzlich ganz anders. Für einen Moment rückt die Vergangenheit näher, wird spürbarer – bis mich ein lärmender Guide mit Megaphon in die Gegenwart zurückholt. Langsam gehe ich weiter, achte jetzt auf Details, die mir beim Hinweg entgangen sind.

Viele bemerkenswerte Details

Talin – Der Pagodenwald

Wieder auf der breiten Promenade gehe ich weiter zum „Talin“, dem Pagodenwald. Bis zu 1500 Jahre alte Pagoden, der größte Pagodenwald in ganz China. Und er überrascht mich, denn hier finde ich am ehesten das, was ich vom eigentlichen Tempel erwartet hätte. Der Pagodenwald ist ein Friedhof, die Pagoden beherbergen die Überreste verstorbener Mönche beziehungsweise sollen an diese erinnern. Die Atmosphäre erinnert dementsprechend auch an einen westlichen Friedhof. Obwohl immer wieder Touristengruppen einen Blick auf die Pagoden werfen, ein Bild knipsen und weiterziehen, ist es hier doch deutlich ruhiger, friedlicher.

Pagodenwald (Talin) im Shaolinkloster

Kungfu Show oder: Ich möchte diesen Teppich nicht kaufen, bitte.

Die blöde Erkältung bremst mich wirklich aus, ich brauche schon wieder eine Pause. Ich stoppe an einer Imbissbude und esse ein paar Nudeln. Dann wird es Zeit: die Kungfu-Show wartet. Ich bin so gespannt – die Show in Peking hat mir schon so gut gefallen, dann wird das hier bei den Shaolin bestimmt großartig werden!

Erneute Ticketkontrolle, Schlange stehen. Der Theaterbau ist, hmm, nennen wir es mal funktional. Hat man so nicht in den 80ern in Hamburg gebaut? Die Ränge füllen sich bis auf den letzten Platz, dann betritt ein Showmaster die Bühne. Auf den Bildschirmen links und rechts gibt es leider keine Englische Übersetzung, wie ich das von Shows aus Peking kenne. Zwei Teenager im orangefarbenen Mönchsgewand betreten die Bühne, tragen einen Tisch nach vorne, ein älterer Mann erscheint – und pinselt ein paar Schriftzeichen, während der Showmaster immer weiterredet. Der Künstler ist fertig, die Jungs nehmen das Papier und zeigen es dem Auditorium, das begeistert klatscht. Die Kalligraphie wird zusammengerollt und verpackt und verkauft.

Ich glaube, mir sind die Gesichtszüge entgleist – das hatte etwas von Butterfahrt. Vielleicht bin ich aber auch nur eine ungebildete, uninformierte Kunstbanausin? Das geht so zwanzig Minuten weiter, ich bekomme davon nicht mehr so viel mit, weil mich wieder ein fieser Husten schüttelt und mein Kreislauf anfängt rumzuzicken. Zum Glück ist es so laut, dass mein Bellen im Lärm der Menge untergeht. Endlich verbeugt sich der Kalligraph, die Teenager im Mönchskostüm tragen den Tisch von der Bühne, und es beginnt der nächste Teil.

Vier Darsteller der Shaolin-Show

Shaolin-Show

Eine Gruppe von Kindern (!) und Jugendlichen (wie oft die wohl auftreten müssen?) betritt die Bühne und zeigt ein wenig Formations-Kungfu. Ja, es sieht leichter aus, als es ist. Wirkt auf mich trotzdem wie eine Gymnastikstunde. Dass es wirklich nicht so einfach ist, wird dann noch eindrücklich demonstriert: Drei Freiwillige aus dem Publikum sollen nachmachen, was ihnen vorgemacht wird – und scheitern bemerkenswert. Okay, ist halt kein Jet Li Film, sondern echte Körperbeherrschung, die nicht durch filmische Möglichkeiten dramatisiert wird. Es folgen drei, vier weitere Nummern, keine davon so ein cooler, dramatischer Showkampf, auf den ich insgeheim gehofft hatte.

Zwischendrin will der Showmaster nochmal etwas verkaufen: DVDs. Auch die gehen weg wie warme Semmeln, äh, frische Jiaozi. Der Showmaster verbeugt sich, und zack, das war’s. Definitiv nicht das, was ich erwartet habe.

Kommerz

Das Publikum wird auf einer Seite der Halle herausgeschleust – und findet sich in einem Shop wieder. Es gibt keinen direkten, kurzen Weg zum Ausgang, es bleibt mir nichts anderes übrig, als der Slalomstrecke zwischen den Verkaufsständen zu folgen.

Völlig fassungslos bin ich, als ich lauter Daunenmäntel entdecke: die kann man sich für 300 RMB (!) ausleihen – um die IceWorld zu betreten. Mitten im Shaolinkloster eine IceWorld? Oh Mann, ich glaube ich bin in China…

An einem Verkaufsstand lasse ich mir einen superdupereinzigartigen Kräuterklumpen aufdrängen: spezielle Kräuter, die es nur hier so gibt! Super gegen Erkältung! – Das war das Widerlichste, was ich in meiner ganzen Chinazeit je gekostet habe, geholfen hat’s auch nicht, nur zusätzliche Übelkeit beschworen. 

Mein zickender Kreislauf schreit nach Kaffee, erstaunlicherweise gibt es hier keinen Starbucks (was mich wirklich nicht mehr hätte überraschen können), aber immerhin bekomme ich einen überteuerten Instantkaffee…

Allmählich wird es Zeit, nach Luoyang zurückzufahren. Kurz vor dem Treffpunkt, aber schon außerhalb der „scenic area“ merke ich, dass mein Handy keinen Saft mehr hat. Oh, und nun? Verschollen bei den Shaolin? Zu Fuß zurück nach Luoyang? Ich erinnere mich, auf dem Hinweg ein Toilettenschild gesehen zu haben – und finde das Klohäuschen auch – inklusive Steckdose. Die Wartezeit bis das Telefon wieder funktioniert, wird mir durch zwei Chinesinnen vertrieben, die sich vor dem Spiegel umziehen, praktische Reisekleidung gegen schickes Ausgeh-Outfit austauschen. Ganz selbstverständlich und ohne Scham werfen die beiden sich in Schale. Ich glätte ein bisschen mit den Fingern meine verstrubbelten Zotteln, bewundere meine rote Schnupfnase, ziehe eine Grimasse, woraufhin die beiden fast zusammenbrechen vor Lachen. Das Handy hat wieder Saft, ich erreiche den Fahrer und sitze wenig später im Auto und fahre nach Luoyang zurück.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe – das jedenfalls nicht: Kitsch und Kommerz. Andererseits denke ich, dass mich das im fünften Jahr in China eigentlich nicht mehr so überraschen sollte!
Sollte ich noch einmal in die Gegend kommen, bin ich hoffentlich nicht krank – und dann würde ich mir deutlich mehr Zeit nehmen, um auch die abgelegeneren Tempel in der Scenic Area zu erkunden. Das Gelände ist wirklich riesig, ich würde bei einem erneuten Besuch die komplette Öffnungszeit ausnutzen (8-17:30, Oktober-März 8-17 Uhr).

Fotos!

Fotos vom Schilderwald

Huangcheng Xiangfu

Als ich überlegt habe, wohin ich diesen September wohl fahren könnte, bekam ich von Ulrike vom bambooblog den Tipp, mir eine echte Burg in China anzusehen: Huangcheng Xiangfu. Ihr Blogeintrag hat mich wirklich neugierig gemacht, diese Burg mit eigenen Augen zu sehen – ist halt doch mal etwas ganz anderes. Shaolinkloster und die Longmen-Grotten hatte ich auch auf meiner Wunschliste, daher bot sich Luoyang als Standort an, auch wenn es von hier bis zur Burg es gut zwei Stunden Autofahrt sind.

Hinfahrt

Kreuz und quer geht es durch Luoyang über breite, aber leere Straßen zur Autobahn. Auch hier kaum Verkehr. Wir überqueren den Huang He, den Gelben Fluss, was der Fahrer mir nicht ohne Stolz noch bestätigt. An der Grenze zwischen Henan und Shanxi werden wir angehalten und unsere Papiere kontrolliert.

Die Sicht ist nicht besonders gut, eine doofe Mischung aus Nebel und Smog, aber dann tauchen am Horizont doch bald Berge auf. Ich klebe die ganze Zeit mit der Nase an der Scheibe. Die Berge sind für mich Flachlandtiroler ganz schon groß und steil, die Brückenbauwerke faszinierend, vor allem, wo es ganz oben am Rand von Kühltürmen entlang geht.

Ankunft

Ticketcenter und Zugangskontrolle sehen genauso aus wie an vielen anderen chinesischen Sehenswürdigkeiten. Es ist – fast – nichts los, die breiten Zufahrtsstraßen, die riesigen Parkplätze hatten mich anderes vermuten lassen. In der Golden Week sieht das sicher ganz anders aus.

Nachdem ich endlich die – ausgiebige – Sicherheitskontrolle hinter mich gebracht habe, stehe ich vor dem eigentlichen Zugang und fühle mich angesichts des eindrucksvollen Komplexes recht klein. 

Burg, Festung, Residenz?

Ausgeschildert war unterwegs „Primeminister’s mansion“. Ich muss Ulrike zustimmen, all diese Bezeichnungen passen nicht richtig und irgendwie doch. Wie eine Burg ist es eine große, gemauerte Anlage, aber halt doch eindeutig chinesisch. So zum Beispiel die vielen Wohnhöfe innerhalb der Burg, die zahlreichen, detaillierten Verzierungen. Als erste kraxele ich auf die Burgmauer, auf der ich fast den ganzen Komplex umrunden kann und einen Überblick gewinne.

 

Natürlich sind das hier keine Satellitenschüsseln, sondern Trommeln…

Auch wenn es auf den ersten Blick wie ein wuseliges Gewirr von Dächern aussieht, es lassen sich doch Strukturen wie die „Siheyuans“ (4 Gebäudeteile rund um einen Innenhof) erkennen.

Es ist brüllend heiß, Smog und Nebel haben sich aufgelöst und oben auf der Mauer gibt es kaum Schatten. Ich bin immer noch nicht dem klugen Beispiel der Chinesinnen gefolgt und habe immer noch keinen Sonnenschirm in meinem Ausflugsgepäck. Trotzdem, ich bin so hingerissen, dass ich nur kurz in einem der Ecktürme raste, meine Wasserflasche in einem Zug leere und dann doch jeden zugänglichen Meter erkunde – und alle paar Schritte ist wieder etwas neues zu entdecken. Irgendwann klettere ich aber doch eine Treppe hinunter.

Auch wenn es in den schmalen Gängen zwischen den Gebäuden zum Teil schattig ist, steht hier doch die Hitze. Ich brauche dringend Wassernachschub, aber mein erster Versuch scheitert am Mittagsschlaf des Verkäufer, macht nichts, es gibt ja noch weitere Verkaufsstände.

Zum Glück werde ich rasch fündig und laufe dann etwas erfrischt kreuz und quer unten durch die Gänge. Die meisten Gebäude sind verschlossen, nur ein paar Shops sind geöffnet – Bilder, Kalligraphien, Souvenirs, Getränke, Snacks. In vielen Höfen wird gearbeitet, es werden Blumentöpfe zu Blumenbildern arrangiert, die von zahlreichen Arbeitern überall hin getragen werden.

Nach drei Stunden bin ich fix und fertig, meine Erkältung ist wirklich übel. Ich wäre gerne noch länger geblieben, aber das wäre ziemlich unklug gewesen. Also texte ich dem Fahrer und zwanzig Minuten später treffen wir uns und fahren zurück.

Rückweg

Natürlich – wir sind in China! – ist hinter dem Burgausgang eine kleine „Shoppingmeile“ aufgebaut, wo es alles zu kaufen gibt, was es überall in China an Souvenirs gibt, hier kommt der berühmte Shanxi-Essig dazu.

Ich kann nicht den gleichen Weg zurück zum Parkplatz nehmen, der direkte Weg ist versperrt, aber an der schmalen Landstraße ohne Fußwege, auf der immer wieder Busse und Laster vorbeifahren, möchte ich eigentlich nicht zurückgehen. Ich erinnere mich, bei der Ankunft eine Unterführung gesehen zu haben, und richtig, dort ist der Eingang. Irgendwie finde ich das sehr kurios, dieser moderne Tunnel, wie es so viele auch in Peking gibt, direkt vor dem alten Gemäuer.

Auch die Rückfahrt genieße ich, hätte mir viel Spaß gemacht, hier selbst zu fahren (blöd, dass ein Mietwagen immer viel teurer ist, als einen Wagen mit Fahrer zu engagieren). An einem Berghang sehe ich wieder eine beeindruckende Serpentinenstraße – inklusive Spuren eines Abrutsches. Ein mit Gefahrstoffen beladener und x Gefahrenschildern gekennzeichneter LKW überholt uns. Auch im Tunnel wird die durchgezogene Linie von ihm ignoriert und er gibt mächtig Gas. Da bin ich dann doch ganz froh, nicht selbst am Steuer zu sitzen, denn vermutlich hätte ich selber das Gaspedal durchgetreten, um bloß keine unangenehme Begegnung im Tunnel damit zu haben.

Wir fahren wieder an den Kühltürmen vorbei, dann das letzte Gefälle, bis wir wieder in der breiten, flachen Flussebene sind, wo dann ein paar Kilometer weiter die ersten Hochhauswälder Luoyangs erscheinen.

Ich bin einerseits total begeistert von dem Tag, andererseits bin ich total kaputt. Meine Stimme ist komplett weg, die zweite Großpackung Taschentücher ist aufgebraucht. Ich habe vermutlich auch wieder Fieber. Also falle ich zurück im Hotel direkt ins Bett. Beim Einschlafen überlege ich, am nächsten Tag zurück nach Peking zu fahren, wenn es mir nicht besser geht.

Ein paar Tage in Luoyang

Wie jedes Jahr sind die Jungs in der Woche vor der Golden Week auf Klassenreise, wie jedes Jahr ist das auch für mich die Gelegenheit in China zu reisen. Die Wahl fiel diesmal auf Luoyang in der Provinz Henan. Für chinesische Verhältnisse mit nur 1,6 Millionen Einwohnern im eigentlichen Stadtgebiet fast ein Dorf (im kompletten Verwaltungsgebiet Luoyangs sind es 6,5 Millionen).

Drei Tagesflüge hatte ich auf dem Zettel: Longmen-Grotten, Shaolin-Kloster und die Festung Huangcheng-Xiangfu. Für An- und Abreisetag hatte ich den Tempel des Weißen Pferdes, den Guanlin-Tempel und die Altstadt auf dem Zettel. Spoiler: krankheitsbedingt sind die Tempel ausgefallen, ich war mal wieder mit unschöner Erkältung unterwegs und hab es deutlich langsamer angehen lassen als sonst.

Angenehme Zugreise

Montagmorgen verabschiede ich erst den einen, danach den anderen Sohn, anschließend tuckere ich selbst zum Westbahnhof. Pekings Straßen sind relativ frei, so dass das ganz entspannt ist (ich muss an meine erste Shanghai-Reise denken, wo ein schlimmer Unfall auf der Jingmi Lu für einen solchen Megastau gesorgt hat, dass ich meinen Zug nur dank pfiffigem-mutig/leichtsinnigem Taxifahrer knapp erwischt hab). Der Westbahnhof ist etwas kleiner als Süd- und Hauptbahnhof. Anders als dort gibt es hier keinen großen Wartebereich in der Mitte, sondern vom langen, breiten Gang gehen Wartebereiche für die jeweiligen Gleise ab. Insgesamt wirkt der Bahnhof etwas altmodischer, aber auch ruhiger auf mich – obwohl es recht voll ist.

Gut 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges (der über Xi’an nach Chongqing weiterfahren wird) ballt es sich etwas vor der Ticketkontrolle, aber dann geht es doch zügig weiter und runter auf den Bahnsteig. Wagen 1-8 nach links, 9-16 nach rechts. Auf dem Boden sind Markierungen mit den Wagennummern an denen sich ordentliche (!) Schlangen bilden. Der Zug fährt ein und ratzfatz sitze ich auf meinem Fensterplatz. Mit bis zu 300 Stundenkilometern geht es über Baoding, Shijiazhuang, Xingtai, Zhengzhou nach Luoyang-Longmen. Pünktlich. Überall.

Provinzbahnhof in China

Zwischenhalt

Ca. 800 Kilometer in 4 Stunden (es gibt auch einen Zug mit weniger Zwischenhalten, der nur 3 Stunden braucht, war aber ausverkauft). Ich hab auch durchgängig super Handyempfang, nur in Tunneln ist es mal kurz ruckelig (habe mich aber auch nicht ins Zug-WLAN eingeloggt).

Ankunft in Luoyang

Wie so viele Städte war auch Luoyang mal Hauptstadt, bis es von Chang’an (dem heutigen Xi’an) abgelöst wurde. Im Norden der Stadt fließt der Gelbe Fluss, durch die Stadt der Luohe und der Yihe. Es ist völlig eben, erst am Stadtrand beginnen die Berge. Rund um den Bahnhof ist viel gesperrt, eine Mischung aus Bauarbeiten und Sicherheitsvorkehrungen. Schließlich finde ich ein Taxi, fahre zum Hotel und lege meine Erkältung erstmal ins Bett. Am späten Nachmittag hält mich dann aber nichts mehr, ich bitte noch schnell die Mitarbeiterin am Empfang, einen Fahrer für den nächsten Tag für mich zu finden und mache mich auf in die Altstadt.

Luoyangs Altstadt

Durch das sehr hübsch wieder aufgebaute Lijing Gate gehe ich in die Altstadt. 

Eine Gasse mit unzähligen Läden, Restaurants und Verkaufsständen, von der kleinere, schmuddelige unrenovierte Gassen abgehen. Es ist wuselig und voller Leben. Es gibt Kitsch und Kunsthandwerk, Snacks und Süßigkeiten. Viele Ateliers, viele Werkstätten (vor allem solche, die Bilder und Kalligraphien individuell rahmen). Hier wird gewohnt, gelebt und gearbeitet.

Der Nachtmarkt

Dann komme ich an eine Kreuzung. In die eine Richtung sieht es so aus:

 In den anderen drei Richtungen stehen lauter rote Buden auf Rädern.

Es ist ein wildes Durcheinander. Geschnatter und Gekicher. Plötzlich eine Lautsprecherdurchsage und ein schriller Pfiff und dann rennen und fahren die Leute mit ihren Buden los: jetzt wird der Nachtmarkt aufgebaut. Als ich später zurück komme, sieht es so aus:

Noch später ist es dann noch voller und wuseliger. Und trotz meiner Schnupfnase hauen mich die vielen verschiedenen Gerüche beinah um. An einem Straßenstand esse ich ein paar Jiaozi, danach reicht es mir (bzw. der Erkältung) auch – und am nächsten Tag will ich halbwegs fit für die Burg sein.

Fotos

 

Mehr aus Luoyang wird in den nächsten Tagen erscheinen:

Neu: Ein Peking-Forum

Update 2021

Ich habe das Forum wieder eingestampft.

 

ombidombi goes Forum: Ich habe ein Peking-Forum eingerichtet!

Seit fünf Jahren blogge ich auf ombidombi.de über unsere Entscheidung nach Peking zu ziehen und über unser Leben hier. Seit Langem erreichen mich regelmäßig Mails, oft mit genau den gleichen Fragen, die ich mir damals auch gestellt hab. Fragen, die sich wohl so oder ähnlich fast jeder stellen wird, der vor der Entscheidung „Peking oder nicht“ steht. Ob die Übersiedlung kurz bevor steht oder man ist neu in Peking: da sind ganz viele Fragen – und oft hat man noch keine Kontakte, kennt die neuen Nachbarn noch nicht.

Sicher gibt es inzwischen einige Angebote, Blogs, Gruppen in sozialen Netzwerken etc. – aber die muss man erstmal finden und zusammentragen. Und die Gruppen auf Facebook z.B. haben einen klaren Nachteil, denn sie sind unübersichtlich, der Facebook-Algorithmus – und damit was man zu Gesicht kriegt und was nicht – ist und bleibt ein Mysterium (und dann mal davon abgesehen, dass FB von China aus eh ein funktionierendes VPN voraussetzt).

Ich hätte damals gerne ein Forum gehabt – und auch heute noch. In Peking ändert sich alles so schnell (das einzige Konstante hier ist der ständige Wechsel, um mich mal selbst zu zitieren). Da es bis jetzt kein passendes Forum gibt, habe ich nun selbst ein ein Forum eingerichtet.

Informationen und gegenseitige Unterstützung für Deutsche in Peking 

Meine Idee ist deshalb, mit diesem Forum eine Anlaufstelle im Netz zu schaffen, die offen für alle Interessierten ist, altersunabhängig, nicht auf bestimmte Arbeitgeber beschränkt. Es soll übersichtlich und gut durchsuchbar sein. Sowohl als Peking-Neuling als auch als „Alteingesessene“ soll man Informationen und Austausch finden können.

Ich merke ja schon nach dem Umzug von einem Stadtteil in den anderen, wie unterschiedlich die Infrastruktur und die Nahversorgung ist. Hier tun sich also immer neue Fragen auf.

Beim Bloggen sind es nur meine persönlichen Erfahrungen – in einem Forum lassen sich die Erfahrungen und unterschiedlichen Perspektiven von vielen zusammentragen, mit dem Ziel gegenseitiger Hilfe und Unterstützung.

Auch für China- und Peking-Reisende interessant 

Die Unterforen für Sightseeing in Peking und China sind mit Sicherheit auch für Reisende, nicht nur für in Peking Lebende, interessant. Hier werden sich mit der Zeit bestimmt viele Tipps rund um Peking und China finden, die es so nicht in den gängigen Reiseführern gibt – und wie man Peking und China auch abseits der Touristenpfade erkunden kann.

Ich bin sehr gespannt, ob und wie dieses Peking-Forum angenommen werden wird!

Noch steht das Forum ganz am Anfang, gerade ein paar Stunden alt. Ich hoffe, es wird sich mit der Zeit mit Leben füllen: mit Mitgliedern und Beiträgen. Es ist ein Experiment, denn ein Forum lebt vom Mitmachen. Da es viel einfacher ist, ein paar Zeilen in einem Forum zu schreiben als ein eigenes Blog zu betreiben, hoffe ich, dass sich der eine oder die andere angesprochen fühlt!

Das Peking-Forum braucht vermutlich ein bisschen Anlaufzeit. In einem Jahr will ich ein vorläufiges Fazit ziehen.

Zu Besuch in Shanghai

Meine Freundin ist von Peking nach Shanghai umgezogen. Die Jungs und ich haben uns direkt zu einem Besuch in Shanghai aufgemacht. Die Anreise mit dem Gaotie, dem Superschnellzug, war komfortabel, angenehmer als zu fliegen. Sicherheitskontrollen gibt es zwar auch in Bahnhöfen, aber Check-in und Boarding gehen dann doch erheblich schneller als am Flughafen. Mit Zugfahren in Deutschland kaum zu vergleichen: die Züge sind günstig, zuverlässig und pünktlich. Mit 340-350 km/h haben wir in viereinhalb Stunden die 1200 km nach Shanghai zurückgelegt (Hamburg-München: über 6 Stunden für keine 800 km).

Sightseeing mit Kindern

Im Vordergrund stand natürlich der Besuch bei Freunden, trotzdem war ein bisschen Sightseeing möglich. Von Qingpu aus sind wir erst mit dem Didi ins Zentrum zum People’s Square gefahren. Der Spaziergang dort fiel kurz aus, vier Kinder können ganz schön viel „Wie lange noch?“, „Wann gibt’s Eis?“, „Mir tun die Beine weh!“, „Es ist zu heiß!“ (korrekt! Es war sehr heiß und extrem schwül.) von sich geben. Also bestiegen wir einen der Hop-on-hop-off-Busse und liessen uns kreuz und quer durch Shanghai fahren.

Mit dem Bus durch Shanghai

Mit dem Bus durch Shanghai

Im klimatisierten Bus waren dann auch alle wieder zufrieden. Am Bund stiegen wir dann aus – und das Pudong-Panorama mit den Türmen hat tatsächlich auch die Kinder eine Weile gefesselt.

Shanghai

Shanghai

Shanghai - Huangpu

Huangpu

Dann war die Bande hungrig, also ging es zu einem Food Court in der Nanjing Road. Essen fassen plus Sightseeing, clever gelöst von uns. Auf dem Weg zum Bus kamen wir dann noch an einem Flagshipstore für bunte Schokolinsen mit und ohne Nüsse oder Mandeln vorbei. Das war ein wenig Konsumquatsch-Overkill, aber durchaus interessant. Und: mit diesem Proviant versorgt war dann auch für gute Laune für die weitere Sightseeingtour mit dem Bus gesorgt.

Nanpu-Bridge

Die Tour führte uns jetzt von Puxi nach Pudong, und zwar über die Nanpu-Brücke. Wow! Was für ein Bauwerk: eine der größten Schrägseilbrücken der Welt. Platz ist knapp in Shanghai, deshalb ist die Brückenauffahrt in Puxi in spiralförmig. Oben im offenen Doppeldeckerbus war das schon sehr abenteuerlich, fast wie Achterbahn fahren. Die Brücke hat uns jedenfalls alle – auch die Kinder – nachhaltig beeindruckt.

Auffahrt Nanpu-Brücke

Auffahrt Nanpu-Brücke

Mistwetter

Aus der extrem feuchten Luft wurde erst ein leichter Nieselregen, dann wurde der Regen heftiger. Die Wolken hingen ziemlich tief. Bedeutet: die Fahrt auf die Türme kann man sich schenken bei praktisch kaum vorhandener Sicht. Ich war ja schon bei meinem ersten Shanghai-Aufenthalt vor vier Jahren schon auf dem Flaschenöffner und dem Oriental Pearl Tower, für die Jungs haben wir das jetzt auf den nächsten Besuch in Shanghai verschoben. Jedenfalls beschlossen wir, im Bus sitzen zu bleiben und die Rücktour mitzumachen, die uns noch einmal über die großartige Nanpu-Brücke führte. 

Gringotts?

Am Bund auf Höhe des Fußgänger-Sightseeingtunnels steigen wir wieder aus dem Bus. Die Kinder sind platt, aber wenn man schon am  Bund ist, möchte man natürlich gerne auch in eines der historischen Gebäude gehen. Praktischerweise ist genau gegenüber eine Filiale der Bank of China. Wir steigen ein paar Stufen im Eingangsbereich hoch, passieren einen Wächter und stehen dann in einer riesigen Halle, die mich von der Atmosphäre her stark an die Zaubererbank Gringotts aus den Harry-Potter-Verfilmungen erinnert. Nur, dass keine Kobolde an den vielen Schaltern sitzen, sondern Menschen. Leider ist Fotografieren verboten. Der Größe der Bank zum Trotz gibt es nur zwei ATMs, von denen nur einer funktioniert. Jetzt reicht es den Kindern wirklich, und so tuckern wir nach Hause.

Besuch in Shanghai, nachts

Bund und Pudong wirken im Dunkeln, bunt beleuchtet noch mal ganz anders als tagsüber. Die eine Hälfte der Kinder kannte das schon, die andere wollte nicht, also tuckerten meine Freundin und ich an einem Abend alleine in die Stadt hinein. Starten wollten wir am Pearl Tower, aber leider waren wir knapp zu spät dran – ab 21 Uhr werden keine Tickets mehr verkauft. Ich kannte den Blick schon, meine Freundin wird als Neu-Shanghaierin noch viele Gelegenheiten haben, auf die Türme zu kommen, also hielt sich die Enttäuschung in Grenzen – zumal wir beide Pudong auch von unten absolut atemberaubend fanden.

Shanghai, Skyscraper

Shanghai, Skyscraper

Der Oriental Pearl Tower ist an diesem Abend ausschließlich rot angestrahlt, ich erinnere mich, dass beim letzten Besuch die Farben wechselten. Wir spazieren über die Fußgängerbrücke vom Pearl Tower in Richtung Flaschenöffner (Shanghai World Financial Center). Das gefällt uns beiden ausnehmend gut, eine Fußgängerzone oberhalb des Autoverkehrs, gerade hier, wo man den Blick nach oben und nicht zum Verkehr ausrichten will, ist das super.

Schließlich stehen wir genau zwischen den drei Türmen:

  1. dem höchsten Gebäude Chinas: dem Shanghai Tower
  2. dem Shanghai World Financial Center, auch als „Flaschenöffner“ bekannt und
  3. dem Jinmao Tower.

Wie beim ersten Besuch in Shanghai vor vier Jahren bin ich total fasziniert und kann nicht genug kriegen (merkt man eventuell auch in der Fotogalerie…). Zusammen mit den vorbeiziehenden Wolken und den vielen Lichtern ist es ein großartiger Anblick. Auch bei diesen Türmen sind die Aussichtsplattformen inzwischen geschlossen, wir umrunden den Shanghai Tower und begegnen dabei fast niemandem mehr – und das mitten in Shanghai, zu gar nicht mal so später Stunde.

Besuch bei Freunden

Der Rest unseres Shanghai-Aufenthaltes war weniger touristisch. Wir haben die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort erkundet und waren uns einig, wie gut wir es mit dem alten Supermarkt am Pinnacle Plaza in Shunyi hatten. Rückblickend wissen wir beide den jetzt noch mehr zu schätzen. Die Kinder haben ungeachtet des Altersunterschiedes gespielt wie die Weltmeister, und wir Frauen hatten Zeit zum reden.

Aufreibender Aquariumbesuch

An einem Tag bin ich mit den Kindern noch einmal durch Pudong spaziert und wir waren im Aquarium (direkt neben dem Oriental Pearl Tower). Davon hatten wir uns mehr versprochen, es war nett, aber nicht umwerfend, und unglaublich voll und wahnsinnig laut. Und ich war froh, dass ich alle vier Kinder zusammenhalten konnte und wieder mit rausgebracht habe, da hätte ich gerne diese „Kinderleinen“ im Einsatz gehabt, die man in China oft sieht (genau für solche Örtlichkeiten sind die sicher gemacht). Der Unterwassertunnel, durch den man auf einem schmalen Laufband getragen wird, hat uns aber gut gefallen. Dusseligerweise hatte ich meine Kamera vergessen, aber in dem Gewusel hätte ich sowieso nicht fotografieren können ohne die Kinder zu verlieren.

Die paar Tage gingen viel zu schnell vorbei, aber früher oder später heißt es bestimmt wieder „zu Besuch in Shanghai“ (gerne aber auch „Besuch in Peking“!). Die Rückfahrt mit dem Zug war genauso angenehm wie die Hinfahrt. Beiden Jungs hat Shanghai gut gefallen, beeindruckt haben sie die „elevated roads“, die Türme, die Nanpu-Brücke und dass Shanghai viel grüner als Peking sei. Und Shanghai fühle sich weniger chinesisch als Peking an. Gibt auf jeden Fall noch mehr als gut genug dort anzugucken. :)

Fotos

 

Taronga Western Plains Zoo

Auf halber Strecke zwischen unserer Farm und Dubbo liegt der Taronga Western Plains Zoo, und Silvester und Neujahr waren wird dort. Kurz.  ;) 

Rückblick: Wir haben viele Jahre in der Nähe von Hagenbecks Tierpark gewohnt, hatten Jahreskarten. Ausdauernde, lange Zoobesuche. Dauernd.

Gegenwart: Der, dessen Name nicht genannt wird, findet in Australien knapp 40 Grad zu heiß für mehr als 3 Stunden Zoobesuch. Und das, obwohl man sich in diesem Zoo im eigenen Auto bewegen kann. Im klimatisierten PKW. Mit Getränken. Vor den Gehegen befinden sich Parkplätze, wenn man nicht will, läuft man zu keinem Zeitpunkt weiter als 100 Meter, und nur im Ausnahmefall steht man in der prallen Sonne.

Speed-Dating mit Viechern

Bongo im Taronga Western Plains Zoo, Dubbo

Bongo!

Nur der Dackelblick des Jüngsten und dessen inniger Wunsch, doch noch die Bongos zu sehen, ermöglicht einen zweiten Besuch am Neujahrstag (Ticket gilt dort immer für zwei aufeinanderfolgende Tage) – ganze großzügige 20 Minuten wurden gewährt, und auch nur für die Bongos. Die fand nicht nur der Junior sehenswert: irgendwie seltsam proportionierte Antilopenart mit schön gemustertem Fell.

Wenn man den, dessen Name nicht genannt wird, kennt, weiß man übrigens, dass 20 Minuten für alles reichen – Sommerpalast, Mauer, Verbotene Stadt… Ein Grund dafür, dass ich gerne allein auf Reisen gehe…

Ok, zu Voldepapas Entschuldigung sei angeführt, dass man ja nicht unbedingt nach Australien fährt, um sich (überwiegend) afrikanische Zootiere anzusehen. Die Redneck-Wallabys im Zoo waren zwar sehr niedlich, aber wir hatten unsere täglichen Swamp Wallabys und andere Kängurus frei Haus. ;) Dazu Papageien, Kakadus, große und kleine Eidechsen, mal abgesehen von einer Fantastillion verschiedener Insekten. Die meisten Tiere im Zoo haben irgendwo im Schatten gelegen und  geschnarcht.

Zu meiner Entschuldigung, dass ich nicht selbst mit den Kurzen noch mal für länger hin bin: ich hab leider Probleme mit dem Linksverkehr, an jeder Kreuzung hab ich so einen Knoten im Kopf, dass ich mich lieber auf den Beifahrersitz beschränkt habe, um den Fahrer anzupflaumen, wenn der mal wieder die Spur nicht halten kann und zu weit links fährt…

Und vielleicht hat uns auch das Schild: „Achtung, hier gibt es Schlangen auch außerhalb der Gehege“ ein bisschen Respekt eingeflösst…

Der Zoo ist jedenfalls sehr schön angelegt. Die Gehege wirken groß und gut gepflegt, und soweit wir als Laien das beurteilen können, geht es den Tieren gut. Bei der Hitze ist es wirklich nicht empfehlenswert, zu Fuß da durch zu spazieren. Es gibt ein paar Imbissbuden, die auf uns nicht besonders einladend gewirkt haben, also unbedingt an ausreichend Getränke denken. Man könnte Fahrräder leihen – nicht viel besser als zu Fuß – oder Golfwagen im schicken Zebralook. Für uns als Tuktuk-Besitzer jetzt nicht so der Wow-Faktor, vor allem nicht für 70 australische Doller für drei Stunden. Hätten wir zwar trotzdem gerne gemacht, waren aber leider schon wenige Minuten nach Öffnung des Zoos alle verliehen. Den Eintrittspreis (20% Rabatt bei Online-Kauf, Familienticket 2 Erwachsene/2 Kinder 122 AUD für zwei aufeinanderfolgende Tage) fand ich fair. 

Fotos

 

Die Große Wildganspagode

Die Große Wildganspagode ist eines der Wahrzeichen von Xi’an. Die Pagode liegt etwas südlich der Stadtmauer im Da Ci’en Tempel. 7 Stockwerke verteilen sich auf 64 Meter. Im Inneren führt eine hölzerne Treppe nach oben.

Chinas größte Wasserspiele

Das Viertel rund um die Tempelanlage ist zu einem touristischen Hotspot ausgebaut. Shoppingmalls, Park, Restaurants, eine Fußgängerzone, die durch einen kitschig dekorierten Grünstreifen aufgewertet wurde. Wer mag, kann auch mit einer elektrischen Bimmelbahn fahren statt zu laufen. Auf dem Nordplatz findet sich eine riesige Fontänenanlage, im Hintergrund die Pagode. Mittags und Abends, am Wochenende häufiger, kann man hier die angeblich größten Wasserspiele in China, wenn nicht sogar ganz Asien, bewundern. Ich bin mittags da, ich finde die Wasserspiele nett und kann mir gut vorstellen, dass das im Dunkel bunt beleuchtet noch schöner ist. Aber selbst vor dem grauen Himmel ist es beeindruckend. Mindestens ebenso interessant wie die Show finde ich, wie streng uniformierte Wächter aufpassen, dass niemand auf oder über die Umrandung tritt. Natürlich machen das doch viele Leute, die Selfies werden dann doch viel schöner. ;) Und schon ertönt die Trillerpfeife eines Wächters, und er kommt angeflitzt, um dann doch sehr freundlich darum zu bitten, dass man unten stehen bleibt.

Die große Wildganspagode

Der Eingang zum Tempel ist auf der gegenüberliegenden Seite. Ich werfe einen Blick auf Trommel- und Glocken“türmchen“. Auf den Stufen vor der ersten großen Halle werde ich von zwei Mönchen angesprochen, die wissen wollen, wo ich herkomme. Sie schenken mir erst einen Anhänger am roten Faden, fragen dann, ob ich Kinder habe. Ja, fünf – es folgt das gleiche ungläubige Staunen wie fast immer hier. Und schon habe ich fünf Anhänger in der Hand. (Ich hoffe, dass meine drei Großen bald Gelegenheit haben, sie hier in Peking abzuholen.)

Nach dieser netten Begegnung zieht es mich direkt zur Pagode. Hier muss ich noch einmal ein Ticket lösen und dann geht es ans Treppensteigen. (Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass China nichts für Fußkranke ist?) In jeder Etage werfe ich einen Blick aus dem Fenster und trotz des trüben Graus, einer unschönen Kombi aus Wetter und Luftverschmutzung, wird der Ausblick immer beeindruckender.

Runterkommen

Von oben festigt sich das Bild, dass ich mir inzwischen von Xi’an gemacht habe: hier kann man dem Blick auf die Hochhauswälder einfach nicht entkommen. Es gibt viele interessante und schöne Sehenswürdigkeiten, und nicht nur wegen der Terrakotta-Armee ist Xi’an eine Reise wert – aber die Stadt an sich finde ich nicht schön. Ich klettere die Treppen wieder runter und schlendere weiter durch die Tempelanlage. In einer Halle bestaune ich uralte Schriften, draußen gefällt mir die Bepflanzung. Zum Schluss spaziere ich dann auch noch durch die Fußgängerzone, wobei ich da den dekorierten, bepflanzten Streifen in der Mitte deutlich interessanter finde als die Geschäfte. Als es wieder zu regnen anfängt, nehme ich ein Taxi und fahre in Richtung City.

Hanyanglin: Die nackte Terrakotta-Armee

Bei Xi’an gibt es nicht nur die eine Terrakotta-Armee! Zwanzig Kilometer nördlich von Xi’an findet sich die kleine, nackte Terrakotta-Armee: Hanyanglin. Dies ist die Grabanlage des Kaisers Jingdi.

1990 wurden hier beim Bau der Autobahn von Xi’an zum Flughafen bei Xianyang die ersten Funde gemacht. Aufgrund der Autobahnnähe empfehlen viele Reiseführer, den Flughafentransfer mit einem Besuch dort zu verbinden.

Grube in Hanyanglin

Tiere und Alltagsgegenstände als Grabbeigabe

Die Terrakotta-Armee von Qin Shihuangdi steht für das erste chinesische Kaiserreich, für einen Kriegsherrn, wovon auch die Funde in seinem Mausoleum zeugen: Tausende überlebensgroße Krieger. Han Jingdi, von dessen Mausoleum hier die Rede ist, hat weniger Krieger und viel mehr zivile Grabbeigaben – auch Unmengen von Tieren. Dies lässt deutlich mehr Rückschlüsse auf das zivile Leben zu.

Warum „nackt“?

Hanyanglin wird mal die nackte, mal die kleine Terrakotta-Armee genannt. Warum eigentlich?

Die Figuren in Hanyanglin sind nur ein Drittel so groß wie die Terrakottakrieger, darauf bezieht sich das klein. Die Anlage selbst ist vielleicht nicht so groß wie die von Qin Shihuangdi, aber auch sehr ausgedehnt. Allerdings fehlt das riesige Hangar-artige Gebäude der ersten Grube bei der großen Armee – und allein deren Größe und die Zahl macht ja einen Teil der Faszination der Terrakotta-Armee aus. Hier in Hanyanglin sind die Gruben nicht eingezäunt und werden von Besuchern umrundet, sondern der Museumsteil der Anlage ist größtenteils unterirdisch und die Gruben befinden sich unter Glasböden. Das in Verbindung mit der Beleuchtung sorgt für eine intensive Atmosphäre.

Die armen Ton-Männeken sind nicht nur nackig, sondern haben auch keine Arme. Die Arme bestanden aus Holz – und das hat den Lauf der Jahrhunderte ebenso wenig überstanden wie die (Seiden-)Bekleidung. Allerdings sind die Figuren auch unterhalb der nicht mehr vorhandenen Kleidung detailliert ausgeformt und deutlich als Frauen, Männer – und auch Eunuchen zu erkennen.

Kein Geheimtipp mehr, aber immer noch ruhig

Grabhügel in Hanyanglin

Grabhügel in Hanyanglin

Ein anderer Unterschied: während die Terrakotta-Armee ein absoluter Touristenmagnet ist, ist Hanyanglin zwar sicher kein Geheimtipp mehr, zieht aber deutlich weniger Besucher an. Bei meinem Besuch waren nur drei Schulklassen, ein Bus mit chinesischen Touristen und wenige individuell angereiste Besucher dort. Wenn man dann noch fast allein draußen zwischen den Gruben spazieren geht, ist das ein ganz anderes Erleben als im Trubel beim „großen Bruder“.

Auch hier ein Wow-Effekt

Es regnet, als ich ankomme. Schnell löse ich mein Ticket und mache mich auf den Weg zum Museum. Direkt hinter der Sicherheitskontrolle muss ich Stoff-Überzieher über meine Schuhe ziehen, dann darf ich weitergehen. Es ist ziemlich dunkel, eine Schulklasse schnattert aufgeregt durcheinander und ich suche mir meinen Weg. Die Aufregung der Kinder steckt mich an. Es geht noch ein bisschen abwärts, durch einen dunklen Gang und dann sehe ich die Gruben, unter Glas, dass teilweise betreten werden darf. Das ist schon beeindruckend inszeniert. Wow!

Kutschenmodell

Kutschenmodell

Es gibt aber auch ganz praktische Gründe dafür, schließlich sollen die uralten Funde nicht durch Licht und Luft kaputtgehen. Stative und Blitzlicht sind hier ebenso verboten wie bei der anderen Terrakotta-Armee, darum mache ich nur wenige Bilder und habe davon auch noch eine Menge verwackelt und nicht scharf hinbekommen.

Langsam gehe ich an den Gruben vorbei: die nackten menschlichen Figuren, Haustiere, Pferde und Kutschenüberreste, aber auch viele Tontöpfe und Krüge. Ein Stück weiter ist ein buntes Modell aufgebaut: so sahen die Grabbeigaben vermutlich ursprünglich aus.

Als letztes führt der Rundgang noch etwas tiefer in die Erde und man geht nicht mehr über eine Grube, sondern am Rand einer Grube entlang und sieht durch eine Glasscheibe auf eine Haustier-Armee. Diesem Kaiser waren ganz offensichtlich ganz andere Dinge wichtig als Qin Shihuangdi.

Grabanlage und Tor

Eine Rampe führt schließlich wieder nach draußen ans Tageslicht. Ich folge einem Holzbohlenweg, der zu einem Wachgebäude führt. Ich lasse den Blick über die Anlage wandern, betrachte die flachen grasbewachsenen Wiesen, unter denen sich viele weitere Gruben verbergen, dazwischen die Grabhügel. Weit hinten im Dunst verschwimmen vier Türme eines Kraftwerks. 

In dem Gebäude verbirgt sich eine alte Tor- und Wallanlage. Hier wird es jetzt tatsächlich voll, denn der Regen ist heftig geworden, und nun suchen hier alle Besucher Schutz, die sich vorher über das Gelände verteilt haben. Zum Glück habe ich einen Schirm dabei, der Regen kommt aber von allen Seiten und so mache ich mich doch direkt auf den Rückweg. Das ist eigentlich schade, ich wäre gerne noch weiter in Richtung der Grabhügel gegangen.

Deshalb würde ich mich dem Reiseführer-Ratschlag (hier auf dem Weg zum Flughafen Station zu machen) auch nur dann anschließen, wenn die Zeit für Xi’an und Umgebung knapp ist, um hier keinen Zeitdruck zu haben und frei entscheiden zu können, wann man wirklich genug gesehen hat.

Fotos

 

Die Terrakotta-Armee

Terrakotta-Armee?

Wow! Ich bin nachhaltig beeindruckt, und das, obwohl ich ehrlicherweise zugeben muss, dass meine Xi’an-Reise auch damit zu tun hatte, „dass man da halt hin muss und zu einer richtigen China-Reise unbedingt auch die Terrakotta-Armee gehört“. Auch wenn mir meistens ziemlich egal ist, was „man“ tut – so ganz frei machen konnte ich mich davon bisher nicht. Der Gedanke, etwas zu verpassen, wenn man in China war ohne die Terrakotta-Armee gesehen zu haben, setzte sich fest. Natürlich war ich neugierig auf die Terrakotta-Armee, aber (Groß-)Städte sind bei mir schon länger nicht mehr erste Reise-Wahl, und ich habe diesmal lange überlegt, wo es hingehen soll. Trotzdem, wer weiß, ob sich die Gelegenheit wieder bietet – mit meiner Sightseeing-Muffel-Familie wäre das definitiv nichts. Also doch Xi’an und Terrakotta-Armee! Und jetzt bin ich froh, dass ich da war, denn – Spoiler – ja, man würde etwas verpassen!

Das erste Mal mit Reisegruppe

Terrakotta-Souvenir-Fabrik

Terrakotta-Souvenir-Fabrik

Ich reise auf eigene Faust und organisiere auch meine Ausflüge selber, aber für die Tour zur Terrakotta-Armee habe ich  mich einer kleinen, international bunt gemischten Gruppe – insgesamt acht Leute plus Guide – angeschlossen. Zuerst geht es zum Steinzeitdorf Banpo (Bericht folgt), dann folgt eine Terrakotta-Fabrik – also genau so etwas, weswegen ich Gruppen vermeide. Immerhin gibt es ein überraschend gutes Mittagessen. Der Fabrikbesuch, den ich gern weggelassen hätte, ist tatsächlich doch interessant, da es einen kurzen Einblick in die Produktion der Souvenir-Terrakottafiguren von Mini- bis Maxigröße gibt. Das hilft mir später bei der Vorstellung, was für ein unmenschlich gigantischer Aufwand die Erschaffung der eigentlichen Terrakotta-Armee vor 2000 Jahren gewesen sein muss. Auch die Verkäuferinnen sind zum Glück nicht zu aufdringlich, es ist also ein insgesamt vertretbarer Zwischenstopp. Trotzdem sind wir alle froh, als es weitergeht, sind alle kribbelig vor Spannung auf die Terrakotta-Armee. Auch ich, trotz vorheriger Skepsis. :)

Das Mausoleum von Qin Shihuangdi

Auf der Fahrt zum Ziel informiert uns unsere Reiseführerin über die Geschichte der Terrakotta-Armee bzw. des Mausoleums von Qin Shihuangdi. Das kann ich hier jetzt nicht komplett wiedergeben, aber man kann es übersichtlich zusammengefasst im bambooblog von Ulrike nachlesen. Auf Wikipedia findet sich ein ausführlicherer Artikel, der für Interessierte zum Einstieg sicher reicht, wer noch tiefer einsteigen mag, findet am Ende des Wikipedia-Eintrags etliche nützliche Links und auch sonst hilft die Suchmaschine der Wahl sicher weiter. ;) 

Also nur ganz knapp: Qin Shihuangdi war der erste chinesische Kaiser. Noch zu Lebzeiten hat er sich eine monumentale Grabanlage bauen lassen – die Terrakotta-Armee ist ein Teil davon. Es war bekannt, in welcher Region die Grabanlage liegt, gibt es doch einige Grabhügel in der Gegend. Aber erst 1974 wurde die Terrakotta-Armee entdeckt: Ein paar Bauern waren auf der Suche nach Wasser, und als sie versuchten, einen Brunnen zu graben, stießen sie auf ein paar Scherben – der Rest ist Geschichte.

Endlich da

Die Anlage liegt etwa eine Autostunde entfernt von Xi’ans Zentrum bei Lintong. Vom Parkplatz bis zum Ticketschalter ist es ein längerer Fußweg. Es sieht dort aus, wie eine Einkaufsmeile: Restaurants, Souvenirshops und dann auch größere Gebäude für Theater und Shows. Bei dem grauen Mistwetter wirkt das alles ein wenig deprimierend, trotzdem ist die Stimmung dank Vorfreude gut. Dann ein riesiger Platz, viele Schalter: der Ticketverkauf. Am Ende des Platzes endlich der eigentliche Eingang mit – natürlich – Sicherheitskontrolle. Jetzt geht es weiter durch eine ausgedehnte Parkanlage. In der Ferne sind zwischen den Regenwolken Berge zu erkennen – muss eigentlich eine hübsche Gegend sein. Lustigerweise steht mitten auf einer der Grünflächen eine alte Telefonzelle.

Der große Moment

Schließlich landen wir auf einem Platz, die Reiseführerin erklärt, dass das Gebäude vor uns das Museum ist, in den anderen verbergen sich die Gruben. Keiner hört mehr richtig zu, denn jetzt brennen wir alle darauf, endlich mit eigenen Augen die Terrakotta-Armee zu sehen. Es wird noch Treffpunkt und Zeitpunkt für die Rückfahrt vereinbart, und dann stürme ich los, direkt in das erste Gebäude. Und da ist er, der Wow-Moment. Die Halle ist riesig und vor mir erstrecken sich ordentlich aufgereiht unzählige Terrakotta-Krieger.

Terrakotta-Armee in Xi'an

Erster Blick auf die Terrakotta-Armee

Zum Glück ist es vergleichsweise leer, so dass ich langsam die komplette Grube umrunden, immer wieder stehenbleiben und all die vielen Details bewundern kann. Ich denke weniger an den Kaiser, der soviel Angst vor dem Leben nach dem Tod gehabt haben muss, dass er meinte, diese riesige Armee zu brauchen, sondern viel mehr an die vermutlich rund 700.000 Arbeiter, die die Anlage und die Krieger geschaffen haben.

Nur schwer kann ich mich von dem Anblick lösen und mache mich auf zu den nächsten Hallen und zum Museum. Ebenfalls faszinierend, doch es zieht mich zurück in die erste Halle, die allein durch ihre Größe beeindruckt und durch die vielen Details. Trotzdem fällt mir auf, dass auf dem Gelände alles für den erwarteten Ansturm zur Golden Week vorbereitet wird. Auf der Treppe zum Museum werden Blumentöpfe arrangiert, vor sämtlichen Gebäuden werden Gitter für Warteschlangen aufgebaut. 

Nochmal, nochmal, nochmal

Beim zweiten Rundgang durch die erste Halle fallen mir noch mehr Details ins Auge – zum Beispiel die Stelle, wo die Bauern 1974 versucht haben, den Brunnen zu graben -, und ich habe mehr Ruhe, die Schilder (zweisprachig) zu lesen, auf denen alles detailliert erklärt ist. Einen Guide braucht man da also nicht zwingend.

Mein Kopf platzt beinahe, so voll ist er mit neuen Eindrücken, als wir uns wiedertreffen und langsam zurück zum Parkplatz spazieren. Wir machen nur einen kurzen Stopp an der Straße, um einen Blick auf den Grabhügel zu werfen, wo Kaiser Qin Shihuangdi tatsächlich begraben ist. Eigentlich wollten auch hier Archäologen tätig werden, uneigentlich wurden Quecksilberströme gefunden, so dass man noch nach Möglichkeiten sucht, wie das ohne Gesundheitsgefahr möglich sein könnte.

Spätestens jetzt bin ich froh, mich für Xi’an entschieden zu haben. Es war ein toller Tag, ein schöner Ausflug mit unvergesslichen Eindrücken. Ich kann mir gut vorstellen, doch noch einmal dorthin zurückzukehren. Wer weiß, vielleicht möchten meine Männer ja doch mal mehr von China sehen?

Fotos