Es gibt etwas Tolles, Neues zum Thema Schule in Peking: eine Website, die von einer 9. Klasse der Deutschen Botschaftsschule erstellt wurde: dieschuelerpekings.com

Hier gibt es es einen guten Einblick in die Schule aus SchülerInnensicht, ein paar Erfahrungsberichte und viele Tipps und Infos zum Leben in Peking.
Lieblingsplätze, Freizeit- und Restauranttipps sind auch für Reisende interessant.

Ich finde das eine großartige Idee, super umgesetzt – und wünschte, dass hätte es schon vor ein paar Jahren gegeben!

Die Seite soll laufend aktualisiert und ausgebaut werden.

Mehr zur DSP:

Offizielle Schulwebseite

Schule(n) in Peking

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Das haben wir jahrzehntelang in Deutschland zu hören bekommen, jetzt sollte es umgekehrt für uns gelten. Oder?

Wieviel Chinesisch braucht man im Expat-Alltag wirklich?

Natürlich macht es einem das Leben in China leichter, wenn man (etwas) Chinesisch versteht und spricht. Aber es geht auch ohne, zumindest mit dem Rundum-Sorglos-Expat-Paket.

Wir wohnen in Compounds mit englischsprachigem Management, unsere Kinder besuchen deutsche/internationale Schulen und werden mit dem Schulbus zur Schule und zurück transportiert. Es gibt in „unseren“ Wohnvierteln auf uns ausgerichtet Supermärkte, Restaurants, Kliniken (bzw. Ärztehäuser). Die Metro ist in der ganzen Stadt zweisprachig ausgeschildert, ebenso sind alle Durchsagen auf Chinesisch und Englisch. Sehenswürdigkeiten sind ebenfalls auf Englisch ausgeschildert und teils auch detaillierter erklärt. Ehrlich gesagt, ist das ein Umfeld, in dem man eher Englisch als Chinesisch braucht. Und wenn es doch mal hakt, gibt es Hilfe aus den Büros der Göttergatten.

In der Pekinger Expatbubble kommt man gut ohne Chinesisch klar. Vielleicht kann es einen auch beruhigen, dass viele Menschen nach und durch China reisen, ohne ein Wort Chinesisch zu verstehen oder zu sprechen. 

Und auf Reisen?

Wenn man nur kurze Zeit durch China reist, stellt sich die Frage, wie viel Zeit man vorab ins Sprachenlernen stecken kann, noch mehr. In den großen Städten, den vielen Touristenmagneten, geht es gut ohne Chinesisch, selbst wenn man keinen übersetzenden Guide dabei hat. Wenn man sich als Backpacker/Individualreisende auch abseits der Touristenpfade tummeln will, dann kann es einem schon passieren, dass man niemanden trifft, der Englisch sprechen kann (wobei das auch in Peking passieren kann). Aber mit App und/oder Wörterbuch, abfotografierten/ausgedruckten Adressen geht auch das und gehört zum Abenteuer China dazu.

Trotzdem: Sprachkenntnisse öffnen Türen

Viele Chinesen rechnen gar nicht damit, dass wir Langnasen Chinesisch können, und wenn wir dann doch immerhin ein paar Sätze herausbringen können, und sei die Aussprache noch so unterirdisch und die Grammatik sehr fantasievoll – ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Bemühungen anerkannt werden, die Leute reagieren (noch) freundlicher. Aber vor allem fühle ich mich sicherer und unabhängiger, auch wenn mein Chinesisch, um es mit den Worten meiner Jungs zu sagen „so mittel“ ist, was sich aber auch nur aufs Hörverstehen und Radebrechen bezieht, Lesen kann ich nur sehr wenig…

Raus aus der Expatbubble

Ich finde durchaus, dass unsere Blase Vorteile hat. Manchmal kann einen China pur und ungefiltert durchaus überfordern, und dann ist es gut, wenn man sich mit Menschen mit gleichen Erfahrungen in der Muttersprache (oder immerhin Englisch) austauschen kann. Aber wenn man schon in China ist, dann will man doch auch mehr über Land und Leute erfahren. Ich jedenfalls. Dazu ist es natürlich hilfreich, wenn man sich ein bisschen auf Chinesisch unterhalten kann. Ob man Hände, Füße oder Handy-Apps unterstützend verwendet, ist dabei gar nicht mehr so wichtig. Ich glaube, man traut sich einfach eher, wenn man schon ein paar Kursstunden hinter sich hat.

Im Sprachkurs lernt man mehr als nur die Vokabeln

Chinesischbücher

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In meinen Sprachkursen habe ich außer Vokabeln und Grammatik und die richtige Schreibreihenfolge und -richtung für die Radikale (die Bestandteile der Schriftzeichen) viel über Land und Leute gelernt, über Fettnäpfchen und Feiertage, Sitten und Gebräuche. Allein, dass es kein „richtiges“ Wort für „Nein“ gibt – das sagt doch schon viel, oder?

Ich würde jedem, der für mehr als ein paar Tage nach China geht, raten: Lerne Chinesisch. Guten Tag, Tschüss, Danke, Bitte – das kann jeder. Dazu Zahlen und: „Wie teuer?“, dass man aus Deutschland kommt – das ist immerhin ein guter Anfang.

Aber machen wir uns nichts vor, wenn wir über Anfängerniveau hinauskommen wollen, ist Chinesisch zu lernen wirklich fordernd. Mir fällt das Sprachen lernen an sich sehr leicht, das habe ich aber nur gedacht, bis es mit Chinesisch losging. Damit tue ich mich schwer, weil es so anders ist und weil ich es mit keiner der bisher erlernten Sprachen verknüpfen kann. Kathedrale: the Cathedral, la cathédrale, la catedral, katedralen… Auf Chinesisch: 大教堂 (dà jiàotáng).

Meine Aussprache ist und bleibt unterirdisch, es wird zwar etwas besser, wenn ich mir vorstelle, Sätze wie ein Lied mit bestimmter Betonung und Rhythmus zu singen, aber das Gefühl vom Knoten in der Zunge bleibt.

Damit es vorangeht, muss man wirklich viel Zeit investieren – neben dem normalen Alltag. Man lernt ja nicht einfach nur Vokabeln wie bei Deutsch-Schwedisch beispielsweise, sondern Pinyin (was die Aussprachehinweise enthält) und die Zeichen. Man muss es schon sehr wollen, um sich soviel Zeit freizuschaufeln und dran zu bleiben. Und wenn man wie so viele Expats dann doch nur 2-3 Jahre hier ist, dann finde ich es völlig in Ordnung, wenn man sich dagegen entscheidet, mehr als die Basics zu pauken. Bei schönem Wetter die Stadt zu erkunden, ist ja auch viel spannender als allein am Schreibtisch zu sitzen.

Fazit:

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich direkt nach unserer China-Entscheidung mit dem Chinesisch lernen angefangen habe. Und das würde ich auch jedem anderen raten, der  eine Zeit lang in China leben wird. Aber wenn es einem an Sprachbegabung und/oder Zeit zum Lernen fehlt: das ist kein Drama! Ich denke, es nimmt viel Druck von einem, wenn man weiß: es geht auch ohne.

 

Leben im Ausland ist ja so toll. Das muss doch wie dauerhaft Urlaub sein? Nein, das Expatleben ist kein Dauerurlaub, auch nicht für das mitreisende Anhängsel. Ja, es hat auf jeden Fall seine tollen, aber  eben auch Schattenseiten. Wir leben hier unseren ganz normalen Alltag mit Arbeit und Schule, und der normale Peking-Alltag verschlingt doch deutlich mehr Energie. Ich versuche, das Positive zu sehen und das Beste aus unserer Zeit hier zu machen, und das gelingt meistens auch gut. Aber das heißt nicht, dass es manchmal nicht auch schwer ist.

Verzeihung, ich muss mal kurz jammern

Eine hartnäckige Erkältung hat mich eine Zeit lang aus dem Verkehr gezogen, auch die Jungs hatte es – zum Glück nicht so lang – erwischt.  Außer ein paar richtig schönen, wärmeren Sonnentagen mit brauchbarer Luft habe ich unter anderem einen Ausflug mit der Patengruppe zum Tempel der Roten Schnecke verpasst. Das werde ich nun hoffentlich bald auf eigene Faust in Angriff nehmen. Kranksein ist nirgends schön, aber hier stelle ich mir immer obendrein die Frage, welchen Anteil der Smog an Häufigkeit und Heftigkeit von Atemwegserkrankungen hat oder ob es doch „nur“ die familiäre Vorbelastung ist.

Verpassen ist ein „gutes“ Stichwort: Gerade ist mir die Einladung zur Jubiläumsfeier an meinem Gymnasium in die Mailbox geflattert – natürlich findet das außerhalb der Ferien statt, ist dadurch aber für mich nicht organisierbar. Schade, denn ich habe auch schon das 30-Jahre-Abi-Treffen versäumt. Das Jubiläum wäre Gelegenheit gewesen, auch Mitschüler aus den anderen Jahrgängen wiederzusehen, und vermutlich überhaupt viele Bekannte aus meiner Jugend. Schade, geht einfach nicht. Überhaupt läppern sich mit der Zeit doch ziemlich viele Anlässe zusammen, die jetzt außer Reichweite liegen. Leider kann ich nicht zu jedem runden Geburtstag und besonderen Ereignis „mal eben nach Europa düsen“. Eine Ausnahme ist in Sicht: der 80. meiner Mutter. 

Ja, natürlich gibt es auch hier in Peking viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen. Man lernt viele neue nette Menschen kennen, kann sich oft verabreden – man muss sich schon sehr anstrengen, um allein zu bleiben. ;) Aber das ist halt doch anders, als wenn man alte Bekannte trifft. Irgendwas und irgendwen vermisst man hier fast immer. Das lässt sich auch nicht damit vergleichen, dass man sich im öden Alltag nach seinem Lieblingsurlaubsort sehnt – ich vermisse meine Vergangenheit, meine Wurzeln, meine Heimat. (Und trotzdem ahne ich inzwischen, dass eine Rückkehr sehr, sehr schwer werden würde.)

Alle Jahre wieder: Abschiede

Letzten Sommer sind wir ja ganz gut davongekommen, aber dieses Jahr wird es wieder schwer: enge Freunde gehen aus Peking weg. Und einer der Junioren hat erzählt, dass fast ein Drittel seiner Mitschüler gehen wird. Der Countdown läuft, nur noch 100 Tage bis Ende Juni – und da gehen u.a. auch noch die Osterferien von ab. Auch wenn man sich hier an vieles gewöhnen kann: das wird nicht leichter. Inzwischen habe ich u.a. von Tanya Crossman (nachzulesen z.B. in ihrem Buch Misunderstood*) gelernt, dass wir den Abschiedskummer zulassen und nicht wegwischen sollten. Aber im Kummer ertrinken wollen wir auch nicht, darum überlege ich schon jetzt, was wir in einem halben Jahr zum Beginn des neuen Schuljahrs machen könnten. Dass neue Leute ankommen werden, ist das eine (auch wenn die sich erfahrungsgemäß eher mit denen zusammentun, die zur gleichen Zeit eintreffen), aber das reicht nicht. 

Licht

Genug gejammert, Schluss mit der Peking-Variante des Winterblues‘. Der Frühling ist in Peking angekommen, on top gibt es dazu gute Luft! Der Himmel strahlt in schönstem Blau, davor leuchtet die Weide vor meinem Fenster in hellem Grün. Es ist endlich warm genug, dass man nicht nach spätestens einer Stunde bis auf die Knochen durchgefroren ist (gegen den eisigen, fiesen Winterwind kommt die tollste Funktionskleidung nicht an).  Die Luftvorhersage für die nächsten Tage ist im gelb-grünen Bereich, die Temperaturen steigen auf über 20 Grad: nichts wie raus! Ich hab jedenfalls einiges auf dem Zettel: unter anderem wieder den Botanischer Garten, das Vogelnest auch mal von innen und oben besichtigen – und der x. Anlauf für Prinz Gong’s Mansion, das sollte doch jetzt mal klappen. :)

Oh, und nicht meinem Mann verraten: ich möchte ihn und die Jungs für ein Wochenende nach Chengde* schleppen – noch eine kaiserliche Sommerresidenz. Spätestens seit dem Besuch im Alten Sommerpalast interessiert mich das. Sollten meine drei Männer nicht wollen, bin ich aber auch nicht böse, wenn ich mir das ohne Sightseeingmuffel an meiner Seite ansehen kann. ;)

Auch auf die Osterferien freuen wir uns, wir bekommen wieder Besuch von Freunden aus Hamburg. Nur noch vier Wochen!  Sie kommen schon zum zweiten Mal hierher und ich freue mich jetzt schon auf Entdeckungstouren und lange, durchgequasselte Nächte!

 

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Miào huì – Temple Fair

Anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes finden im ganzen Land Temple Fairs statt (Tempel-Jahrmarkt geht mir irgendwie nicht so gut über die Zunge).  Im Pekinger Ditan-Park, dem Tempel der Erde mit dem Erdalter, findet die größte Veranstaltung von allen statt. Jedes Jahr gibt es weit über eine Million Besucher allein hier. Kein Wunder, denn außer dem Zusammenkommen der Familie, dem Essen, dem Feuerwerk gehört der Besuch einer Tempelmesse zum Wichtigsten am chinesischen Neujahr. Mehr zur Geschichte der Temple Fairs findet sich hier (auf Englisch).

Ich vermeide Menschenmassen meist, wo ich nur kann, aber dieses Jahr hat mich der gerade zu Besuch weilende mittlere Sprößling genötigt, mit ihm zusammen zum Ditan-Park zu fahren. Dass es voll werden wird, haben wir spätestens kurz vor dem Lamatempel gemerkt und steigen schon eine Kreuzung vorher aus unserem Didi aus.

Einmal das folgende Foto angucken, bitte:
Die obere Straße ist der Zweite Ring, da sieht man, dass in Gegenrichtung nichts los ist (wir haben von uns aus auch gerade mal eine halbe Stunde bis hierhin gebraucht, das dauert normalerweise mindestens 20 Minuten länger). Unten rechts auf der Andingmen East Street staut es sich. Einen Parkplatz werden all diese Leute auf keine Fall in der Nähe finden… Ja, eigentlich ist das wirklich ein typisches Bild für die Neujahrsferienzeit in Peking: Straßen ziemlich leer, aber vor Sehenswürdigkeiten ist es hoffnungslos überfüllt.

Andrang - Stau bei der Parkplatzsuche

Ich seh‘ rot

Es war tatsächlich sehr voll, aber wirklich unangenehm nur an den Kassenhäuschen vor dem Park, vor den beliebtesten Buden und direkt vor den Bühnen. Für jeweils 10 RMB Eintritt können wir uns ins Getümmel stürzen.

Wo man auch hinsieht, rot dominiert: die Buden, die Bäume, die Bühnen, es ist alles rot dekoriert und wirklich viele Leute tragen rote Kleidung. Sobald wir die Sicherheitskontrolle und den Eingangsbereich hinter uns gelassen haben, verteilt es sich etwas mehr. Der kleine Große meinte zu mir, das sei jetzt so, wie man sich in Deutschland aufgrund der Medienberichterstattung China immer vorstellt – dabei ist dieses krass Überfüllte auch hier die Ausnahme. Aber Alltag ist halt weniger berichtenswert als die eindrucksvolle Völkerwanderung zum chinesischen Neujahrsfest.

Essen, Schnickschnack, Fotos machen

Wir folgen den Massen. Zuerst geht es an einer Reihe eigens aufgestellter Dixis vorbei. Zum Glück ist es so kalt, dass sich der Mief in Grenzen hält. Unter roten Lampions spazieren wir auf einen ersten Platz zu, wo eine Bühne aufgebaut ist, der Auftritt ist aber leider gerade vorbei. Angesichts der beißenden Kälte bleiben wir nicht stehen und warten auf den nächsten. Wir kommen zu einem weiteren Platz.

Massen vor künstlichen Kirschblüten

Der kleine Große bricht vor Lachen fast zusammen, als er merkt, dass es künstliche Kirschblüten sind. Und ich merke, dass ich schon so lange hier bin, dass ich das eigentlich total normal finde. Natürlich machen ALLE Fotos. Irgendwo habe ich gelesen (Quelle finde ich leider gerade nicht wieder), dass die Deko des Parks extra für schöne Foto-Hintergründe designt wurde…

Der kleine Hügel hinter dem Kräutergarten, wo im Alltag der Chor singt, ist komplett abgesperrt.

Buden gibt es nicht überall, sondern nur an manchen der breiteren Hauptwege: es gibt Süßes und Salziges, Dinge, die wir auch lecker finden würden und solche, die immerhin interessant anzugucken sind… Es gibt Dekoschnickschnack, von billigem Plastikkitsch bis handwerklich Schönem.

Mein Tierkreiszeichen - der Affe

Mein Tierkreiszeichen – der Affe

Auf einem weiteren Platz sind 24 Säulen aufgebaut für die jeweils zweiwöchigen Jahreszeiten des chinesischen Bauernkalenders. Auf einer Bühne stehen zwei Männer und erzählen Witze: Xiangsheng („Komischer Dialog“).  Leider ist unser Chinesisch nicht annähernd gut genug, um die Wortspiele zu verstehen, mit Glück bekommen wir das Thema mit.

Inzwischen ist uns beiden so kalt geworden, dass wir in Richtung Ausgang schlendern. Dabei kommen wir an großen bunten Tierkreiszeichenfiguren vorbei – und natürlich an Schweinen. Schließlich feiern wir den Beginn des Jahr des Schweines! Je näher wir dem Ausgang kommen, umso voller wird es wieder.

Unser Fazit

Wir hatten jetzt keine konkrete Erwartung von einer Tempelmesse. Ich weiß nicht, ob man diese mit deutschen Jahrmärkten/Volksfesten vergleichen könnte oder sollte – da würden vor allem Fahrgeschäfte fehlten, und es gäbe noch deutlich mehr an Attraktionen, um annähernd solche Menschenmengen anziehen zu können. Wir hatten allerdings auch kein Programm, wann die Auftritte und Paraden sind, und uns war einfach zu kalt, um noch länger zu bleiben.
Aber das ist halt auch China, dass allein der schön geschmückte Park Leute anzieht – und natürlich die für uns fremde, jahrhundertealte Tradition der Tempelmessen. Mir hat es jedenefalls gefallen, und ich werde mal gucken, ob ich es am Wochenende noch eine andere Temple Fair besuchen kann.

Fotos

 

Superbowl

Heute ist das chinesische Silvester. Ich bin trotzdem früh aufgestanden, um mir den Superbowl LIII anzusehen – läuft jetzt gerade noch. Spiel wie Show: enttäuschend. Von der Show war das zu erwarten (Absagen von Superstars wegen Kaepernick), aber das angekündigte Offensivfeuerwerk ist bislang ausgeblieben. Bisher die wenigsten Punkte in den ersten 3 Quartern ever! Trotzdem, seit wir hier in China sind, muss ich mir dafür nicht mehr die Nacht um die Ohren hauen, sondern kann es entspannt zum Frühstückskaffee schauen.

Chunwan

Nach dem Spiel werde ich kulturell von den USA zurück nach China schwenken und Jiaozi vorbereiten, denn abends steht ein noch größeres TV-Ereignis an: Chunwan. Chunwan heißt wörtlich Silvesterabend, aber auch die TV-Neujahrsgala wird so genannt. Wir werden uns also wieder vor dem Fernseher versammeln und dabei die selbstgemachten Jiaozi essen. Die Frühlingsfest-Show steht dies Jahr unter dem Top-Motto: „Vorwärts in ein neues Zeitalter und Feiern des neuen Jahres“. *grins* Propaganda und Unterhaltung, für uns definitiv interessant.

In Deutschland mag es sowas nicht mehr geben, aber das ist tatsächlich ein TV-Termin hier, wo sich die komplette Familie und damit fast komplett China vor dem Fernseher versammelt. Nicht annähernd zu vergleichen mit unserer Begeisterung für Dinner for One und Ekel Alfreds Silvesterpunsch, hier gehört Chunwan seit 1983 wirklich unbedingt zu Silvester. Mehr dazu lesen? Analyse der Gala vom letzten Jahr.

Feuerwerk?

Von der Bedeutung her ist das chinesische Neujahrsfest für Chinesen wohl vergleichbar mit dem, was Weihnachten für uns bedeutet.
Ob es hier Feuerwerk geben wird? Das bleibt spannend! Wir leben zwar außerhalb des 5. Ringes (innerhalb ist Feuerwerk grundsätzlich verboten), aber bei uns in der Wohnanlage ist es auch verboten. Wir werden sehen, ob wie in den vorherigen Jahren in unserem Umfeld trotzdem das alte Jahresmonster Nian mit Feuerwerk vertrieben wird. Das Feuerwerksverbot – wohl aus Sicherheits- und ökologischen Gründen – scheint mir fast so zu sein, als ob man Deutschen den Weihnachtsbaum aus diesen Gründen verbieten würde…

Jetzt muss ich aber noch ein bisschen für die Rams die Daumen drücken!

Ich wünsche einen guten Start in ein glückliches Jahr des Schweins: Zhunian kuaile – Happy year of the pig!

Vorher

Nachmittags, 20. Januar:
Seit ich nicht mehr in Hamburg lebe, war ich bei keinem einzigen Rockkonzert mehr. Heute ist es soweit, Slash, Myles Kennedy + The Conspirators treten bei ihrer „Living the Dream“-Tour auch in Peking auf. Anders als bei Metallica vor zwei Jahren hat es geklappt, ich habe eine Karte bekommen! Autsch, Konzerte sind in Deutschland schon lange nicht mehr billig, aber hier wird es richtig teuer. Aber für ein so seltenes Vergnügen darf das mal sein.

Myles Kennedy und seine Band Alter Bridge gehören schon ewig zu meinen Favoriten, und ich freu mich sehr, ihn zum ersten Mal live zu sehen, wenn auch ohne Alter Bridge. Slash finde ich cool, nehme ich da gerne mit! 

Eben habe ich nachgesehen, wo ich heute Abend hin muss: Beijing Exhibition Center Theatre, in Xicheng nahe beim Zoo gelegen. Ich hab mich auf der Website des Theaters umgesehen – oha, Rockkonzert in sehr gepflegtem Rahmen… Ich bin echt gespannt!

Nachher

Vormittags, 21. Januar:
Schade, schon vorbei! Schön war’s! Manches war anders, vieles vertraut.

Beijing Exhibtion Centre Theatre

Beijing Exhibtion Centre Theatre

Der Veranstaltungsort, das Beijing Exhibition Centre ist ein sino-sowjetischer Prachtbau aus den 50ern. Schon von weitem sieht man den Turm mit dem roten Stern. Der Theaterbau ist rund, 1000 Besucher finden hier Platz. Es bleiben auch nur vereinzelt Plätze frei. Um viertel nach Sieben kommt die erste obligatorische Durchsage: Professionelle Kameras müssen in den Taschen bleiben. Thank you for your cooperation (das hört man hier immer und überall). Ich bin gespannt, was das gibt, die meisten haben ihre Jacken noch an, man unterhält sich oder ist mit dem Handy beschäftigt. Kurz vor halb kommt noch mal ein größerer Schwung Menschen dazu. Um Punkt halb geht das Licht aus – und alle springen auf und jubeln und es geht los.

Slash, Myles Kennedy + The Conspirators in Peking

Slash, Myles Kennedy + The Conspirators in Peking

Den Applaus nach den Songs empfinde ich als recht verhalten und auch sonst geht die Crowd (bis auf wenige Ausnahmen Chinesen) erst nicht so mit, wie ich das gewohnt bin. Doch sobald Myles Kennedy auffordert: „Jump!“ oder „I wanna see your hands!“ – dann geht es los, und es ist wohl wie überall sonst auf der Welt. Besonders viel Beifall brandet auf, wenn Kennedy „Xièxiè!“ – Danke – sagt.

Irritierend ist allerdings, wenn mitten in der hüpfenden, singenden, klatschenden Menge Frauen sitzen und sich auf WeChat Katzenvideos angucken. Huch?

Slash, Myles Kennedy + The Conspirators in Beijing

Slash, Myles Kennedy + The Conspirators in Beijing

Die Soli von Slash sind sensationell, Kennedys Stimme und seine Vocalrange (4 Oktaven!) beeindruckt live noch mehr als aus der Konserve.  Todd Kerns (Bass), Frank Sidoris (Rhythmusgitarre) und Brent Fitz (Drums) machen das ganze Paket rund.  Nach zwei Zugaben ist der Abend nach 1 Stunde und 45 Minuten vorbei – ich hab jede einzelne davon genossen. :)

Die Living-the-Dream-Tour geht jetzt weiter über Shanghai nach Neuseeland und Australien, aber auch Europa und Deutschland sind noch dran. Offenbach im Februar ist bereits ausverkauft, für Hamburg (Sporthalle) am 3. März und Berlin am 4. März gibt es noch ein paar Karten. Klare Empfehlung von mir! :) 

Man könnte meinen, dass die Weihnachtszeit in China nur eine untergeordnete Rolle spielt. Vielleicht tut sie das grundsätzlich auch, aber man sieht es doch auf den großen Straßen und Malls, dass „weihnachtlich“ geschmückt wird. Und in der internationalen Community gibt es so viele Angebote, da wird es schon fast zuviel. Theateraufführungen, Konzerte, Basare und  Märkte, Aktionen für den guten Zweck. Von Organisationen, Schulen und privat. Dazu kommt, dass die Weihnachtszeit in Peking für viele schon zehn Tage bis zwei Wochen vor Weihnachten endet: Schulferien! Die allermeisten Ausländer fliehen dann aus dem Pekinger Winter, der nicht nur bitterkalt ist, sondern in dem die Luft im Jahresdurchschnitt auch am Schlechtesten ist. Die einen zieht es in die Heimat und zur Familie, die anderen nutzen die Ferien für Reiseziele in Asien und Ozeanien.

Alle Jahre wieder

Letztes Jahr habe ich schon über unsere Weihnachtszeit geschrieben, dieses Jahr – unser viertes Weihnachten, seit wir in China leben – heißt es erst recht:  Alle Jahre wieder. Im ersten Jahr, gerade mal vier Monate hier, war noch alles neu und aufregend. Wir kannten uns noch nicht so aus wie heute und kannten auch noch nicht so viele Leute, die man hätte fragen können, was man wo bekommt. Jetzt erleben wir die Weihnachtszeit hier zum vierten Mal und es fühlt sich nicht mehr fremd, sondern vertraut an.

Vorfreude

In unserem ersten Peking-Jahr sind wir hier geblieben, wollten die Kinder nicht so bald nach der Ankunft schon wieder herausreißen. Statt dessen sind unsere großen Kinder zu Besuch gekommen. Auch letztes  Jahr, unser drittes Peking-Jahr, hatten wir Besuch und waren hier. In unserem zweiten Pekingjahr sind wir nach Australien geflogen und hatten eine wundervolle, erholsame Zeit auf der Farm Bulwarra. Und weil das so schön war, fahren wir da dieses Jahr wieder hin.

In New South Wales ist dann Hochsommer, und so fühlten sich unsere Weihnachtsferien – auch wenn wir Weihnachten und Silvester mit unserer Gastgeberin zusammen gefeiert haben – mehr nach Sommerferien an. Uns hat das gefallen, Sehnsucht nach den typischen Hamburger Weihnachten mit 12 Grad und Nieselregen ist da so gar nicht aufgekommen. Die großen Kinder haben wir vermisst, aber die haben inzwischen eigene Weihnachtspläne – hatten wir vor einer gefühlten Ewigkeit in deren Alter ja auch schon. Jedenfalls freuen wir uns sehr auf Weihnachten in der Sonne.

Neue Traditionen (er-)finden

Köttbull

Köttbull

So erleben wir die Weihnachtszeit recht komprimiert und suchen uns aus dem großen Angebot das raus, was uns gefällt. Inzwischen sind zu alten Traditionen auch neue hinzugekommen. Neben den traditionellen Weihnachtssternen, die mir dieses Jahr eine liebe Freundin vom Blumenmarkt mitgebracht hat, steht auch Kollege „Köttbull“ wieder in der Leseecke.

Seit 2015 gibt es hier im Compound in der deutschen Gruppe auch die Möglichkeit, sich am „Plätzchentausch“ zu beteiligen. Statt selber 10 Sorten zu backen, backt man nur eine, aber davon so viel, dass man mit allen anderen tauschen kann. So viele verschiedene leckere Weihnachtsplätzchen würde ich alleine sonst nie backen, und die größere Menge ist tatsächlich deutlich weniger Aufwand als viele verschiedene Sorten in kleineren Mengen zu backen. Größere Mengen Eierlikör „muss“ ich allerdings herstellen. Dafür bring ich den Ansatzalkohol immer aus Deutschland mit.

In unserem internationalen Umfeld mischen sich die Traditionen und Bräuche aus aller Welt, und es ist eine Bereicherung, das alles Kennenlernen zu können. 

Weihnachtsbäckerei mit Hindernissen

Für mich hat es sich bewährt, Lebkuchengewürz, Backpulver, Hirschhornsalz usw. aus Deutschland mitzubringen/mitbringen zu lassen. Aber fast alles bekommt man auch hier, wenn auch nicht immer in der gewünschten Qualität oder zu horrenden Preisen. Kein Puderzucker ohne Zusätze! Nach Sahne ohne Aroma oder Verdickungsmittel muss man suchen und findet das leider auch nicht immer. Ungesalzene Mandeln gibt es nicht im Supermarkt, zum Glück auf dem Gemüsemarkt. Die müssen dann für Zimtsterne und Co. eben selbst gemahlen werden. Kokosraspeln gibt es – allerdings nicht die getrockneten, die ich aus der deutschen Weihnachtsbäckerei kenne, sondern feuchte. Da musste ich halt ein bisschen experimentieren. 

Und dass man hier mit einem neuen Herd backen muss, macht es für fast alle auch nicht einfacher. Wenn man wie ich dann auch noch mit einem Gasbackofen ausgestattet ist, wo die Temperatureinstellungen eher auf Zufallszahlen beruhen und die obere Flamme alle drei Wochen mal auf voller Leistung brennt und sonst gar nicht – das macht es nicht einfacher, auch nicht im vierten Jahr.

Hübsche Papierförmchen, Ausstechformen, Backformen, Spritzbeutel und anderes Handwerkszeug und Zubehör bekommt man gut auf dem Hotelmarkt, soweit nicht im Supermarkt vorhanden. (Es laufen Gerüchte rum, dass der Hotelmarkt abgerissen/umgebaut/verkleinert wird – überraschend ist das nicht, ändert sich hier ja eh alles.)

Eigentlich kriegt man alles – sogar Weihnachtsbäume

Dieses Jahr geben wir kein Vermögen für einen echten Weihnachtsbaum aus, weil wir ja verreisen. Immerhin bekommt man welche, hier ist es nicht nur unter Amerikanern verbreitet, schon in der Vorweihnachtszeit den Baum aufzustellen. Kein Wunder, wenn die meisten Peking über Weihnachten verlassen, sei es nun in die Heimat oder in  den Urlaub. Ich habe aber beim Möbelschweden ein kleines künstliches Bäumchen gefunden, was nun auf dem Kaminsims weihnachtliche Stimmung verbreiten darf.

Beim Möbelschweden habe ich übrigens gedacht, wie witzig, die Chinesen werfen alle Feste durcheinander, jetzt gibt es Weihnachtshasen. Das hat sich aber nicht als chinesische Eigenart, sondern – ups – doch als neuer schwedisch-internationaler Dekotrend entpuppt. Naja, wer das mag. :)

Wer sich von den Phantasiepreisen für echte Bäume abschrecken lässt, hat die Auswahl zwischen unzähligen künstlichen Bäumen: geschmückt und ungeschmückt, in allen Farben und Stilen. Wenn einem das Angebot im Supermarkt nicht gefällt: bei Taobao gibt es mit Sicherheit etwas Passendes!

Lichterketten gibt es hier auch in allen Formen, Längen, Farben. Meine Sammlung wächst! :)

Eines Tages wird mein Haus in der Weihnachtszeit von der ISS aus zu sehen sein! Auch wenn ich mich dümmer anstelle beim Schmücken als Chevy Chase . ;)

Die direkt beim Umzug aus Deutschland mitgebrachten Adventskalender für die Jungs hängen wieder am Treppengeländer, diesmal auch mit mitgebrachten Weihnachtssüßigkeiten aus Deutschland gefüllt. Das ist schön, dass es diese vertrauten Dinge gibt. Am zweiten Adventswochenende verzichten wir auf die Compound-Weihnachtsparty, obwohl das sicher auch mal ein interessantes Erlebnis wäre. Stattdessen freuen wir uns auf eine private Weihnachtsparty, am Tag darauf gibt es ein kleines Gänsebraten-Essen bei uns. Vergangenes Wochenende fand der Weihnachtsbasar auf dem Botschaftsgelände statt, traditionell war die Luft auch wieder schlecht (wenn auch besser als in den Vorjahren).

Schule: Nikolaus, Wichteln, Weihnachtskonzert

Auch die Schule ist weihnachtlich dekoriert. Wie in Deutschland auch wird gemeinsam gebacken (Grundschule), es wird in den Klassen gewichtelt und es gibt Weihnachtsfeiern, bei den einen nachmittags mit Eltern, bei den anderen als Weihnachtsfrühstück während der Schulzeit, im Grunde die gleiche Bandbreite wie in Deutschland auch. Im Foyer ist ein Schrank mit vielen Fächern zum Adventskalender umfunktioniert, jede Klasse bereitet eine Überraschung für eine andere Klasse vor. Ein Höhepunkt zum Jahresabschluß ist sicher das Weihnachtskonzert, an dem nicht nur Schülerinnen und Schüler beteiligt sind. Auch die Schule hat eine eigene besondere Tradition zu Nikolaus: alle Kinder werden mit einer gefüllten Nikolausmütze beschenkt, anschließend wird auf dem Schulhof ein Foto mit allen gemacht. (Foto von der Schulwebseite)

Die 7. Klassen fahren zu Nikolaus bzw. kurz vorher zur Wanderarbeiterschule nach Daxing. 

Ich zitiere von der Webseite der Schule:

Für den 6. Dezember steht jährlich eine Weihnachtsfeier auf unserem Plan. Ausgestattet mit einem Weihnachtsbaum, Tannengrün, Kerzen, Plätzchen, Geschenken … fahren gutgelaunte Siebtklässler, Interessierte und engagierte Lehrer nach Daxing. Dort werden wir immer wieder freudig erwartet und herzlich empfangen. Nicht nur ein rot gekleideter Mann mit einem weißen Bart, sondern gleich fünf überraschen die Kinder der Grundschule mit kleinen Geschenken und erzählen ihnen die Geschichte vom „Heiligen Nicolaus“. Ein anschließendes Weihnachtsprogramm, gestaltet von beiden Schulen, hilft den Kindern fremde Bräuche und Traditionen kennenzulernen.

Ich wurde geblitzdingst

Steine. Steine sind okay!

Steine. Steine sind okay!

You've been tinseled!

You’ve been tinseled!

Nein, nicht geblitzdingst, sondern gelammetat: „You’ve been tinseled!“ Hach schön. Ich muss nur noch ergründen, aus welcher Ecke der Welt diese Idee stammt.

Eine Freundin hat sich gemerkt, dass ich Steine für optimale Haustiere halte: schmutzen und haaren nicht so, fressen einem nicht die Haare vom Kopf, hinten kommt nix Ekliges raus; wenn man keine Zeit hat, nehmen sie es einem nicht übel – aber streicheln und mögen kann man sie auch.

Jedenfalls gab es bei dieser schönen Advents-Überraschung nicht nur einen Weihnachtsstern, sondern auch diesen hübschen Stein! Auch wieder ein neuer Brauch, der mir noch besser als das „ge-boo-ed“ werden zu Halloween gefällt und den ich wohl ins eigene Repertoire übernehmen werde. 

Ja, ich mag Weihnachten und die Weihnachtszeit, und diese Mischung aus eigenen und vertrauten Traditionen mit neuen Eindrücken macht die Zeit noch lebendiger und bunter. 

Welche Schule?

Wenn man mit schulpflichtigen Kindern ins Ausland geht, ist die Frage „welche Schule“ eine der wichtigsten. Wir haben uns vor vier Jahren Gedanken dazu machen müssen. Nachdem ich gelesen hatte, dass es eine deutsche Schule in Peking gibt, habe ich mich damals gar nicht weiter um die anderen internationalen Schulen hier gekümmert. Der Schritt von Hamburg nach Peking ist groß genug, da muss man es Kindern mit zum damaligen Zeitpunkt nur mäßigen Englisch nicht unnötig schwer machen, dachte ich damals und denke ich heute noch. Ich hab es so nicht erwartet, aber in dem internationalen Umfeld hier verbessert sich das Englisch sowieso ganz von selbst.

Das Ankommen in der Schule ist meinen Söhnen leicht gefallen. Etwas, woran ich vor China gar nicht gedacht habe: hier sind alle neu oder waren es noch vor ganz kurzer Zeit. Die Kinder helfen sich gegenseitig und kümmern sich umeinander. Zumindest in den Klassen meiner Jungs war und ist das so.

Schulwechsel und Anerkennung von Abschlüssen

Auch ein anderer Vorteil ist nicht von der Hand zu weisen: Da es sich hier um eine anerkannte deutsche Auslandsschule handelt, ist es für die Kinder einfacher, zurück in Deutschland wieder in der Schule anzukommen – und auch der Zugang zu deutschen Unis sollte problemlos klappen. Mit einem internationalen Schulabschluss kann es Probleme geben, wenn die Fächerkombi nicht stimmt oder bestimmte Stundenumfänge nicht erreicht werden. Man muss da jedenfalls sehr darauf achten.

Ganz so schwierig ist es bei einer deutschen Schule nicht. Wenn man allerdings weiß, wohin man in zwei, drei Jahren (zurück-)geht und vielleicht sogar weiß, welche Schule es dann werden soll, dann sollte man ein Auge auf Fächerkombinationen haben. Latein wird an der DSP derzeit nicht als weitere Fremdsprache angeboten, auch nicht als AG – betroffene Familien haben das jetzt privat organisieren müssen, damit ihre Kinder im kommenden Schuljahr in Deutschland an ihr Wunschgymnasium gehen können.

Alternativen?!

Wenn man so wie wir „draußen“ in Shunyi wohnt, werden viele der internationalen Schulen – BSB, ISB,WAB, Dulwich und wie sie alle heißen – interessant, weil sie dichter dran sind. Für die ganz Kleinen gibt es da zum Teil einen deutschen Zweig. Die Rückmeldungen aus dem Bekanntenkreis, die ich bisher aufgeschnappt haben, verleiten mich zu der Einschätzung: Für jüngere Kinder bis zum Ende der Grundschule super, weiterführende Schule eher durchwachsen, hängt extrem an der konkreten Lehrkraft. 

Es ist aber auch immer alles eine Frage des persönlichen Geschmacks und des eigenen Lebensstils. Was ich über den Compound-Chat z.B. mitbekomme über Parents Association und allerlei Events – es ist mir von allem zu viel und in mir wächst das dringenden Bedürfnis „Bad Moms“ fünfmal nacheinander zu sehen. ;)

Aber das bin ich, andere Eltern sind gut zufrieden. Und das ist doch auch schön, dass es eine gewisse Auswahlmöglichkeit von Schulen gibt, selbst Tausende Kilometer von Deutschland entfernt.

Die DSP – Deutsche Botschaftsschule Peking

Deutsche Botschaftsschule Peking

DSP – Deutsche Botschaftsschule Peking

Weg vom Hörensagen, hin zu dem, was ich kenne: Meine Jungs gehen gerne zur DSP. Das finde ich mit 12 und 14 Jahren wirklich positiv. Wäre die Schule schrecklich, wäre das mit Sicherheit anders. Als wir uns vor fast vier Jahren die Schule das erste Mal angesehen habe, waren wir direkt vom Gebäude, der Ausstattung und der Sauberkeit beeindruckt. Okay, es ist halt auch eine Privatschule und da wir hier in China sind, ist es eben möglich, dass Putzkräfte den ganzen Schultag über für Sauberkeit sorgen.

Die Schulbüchereien (!) – eine für die Kleinen, eine für Sekundarstufe und Erwachsene – bieten viel und gut sortierten Lesestoff. Soweit ich das beurteilen kann, sind auch die Fachräume gut ausgestattet für naturwissenschaftliche Experimente, Kunst und Musik. Die Klassenräume sind mit Smartboards ausgestattet, mit denen auch die Kinder ganz selbstverständlich und souverän z.B. im Rahmen von Projektpräsentationen umgehen. 

Die Mensa bietet täglich drei verschiedene Essen („treudeutsch“/westlich, chinesisch, vegetarisch), Salatbuffet ab Klasse 7, fertig zusammengestellte Salate für die Jüngeren, Tagessuppe und Nachtisch. Ein Hauptgericht kostet derzeit 20 oder 25 RMB, d.h. ca. 2,50/3,20 Euro. Das Essen wird frisch in der Schule gekocht. Außer der Mensa gibt es auch Bistro, in dem Brezeln, Wraps, belegte Brötchen und auch Muffins, Joghurt und Obst verkauft werden.

Es gibt einen Schulshop, in dem man benötigte Schulmaterialien wie Stifte, Hefte und Mappen kaufen kann, aber auch jahreszeitliche Kleinigkeiten, Bastelmaterialien, Schlampermäppchen, Becher, Shirts u.a. mit dem Schullogo – und Bücher (nicht nur für Kinder).

Foyer - Deutsche Botschaftsschule Peking

Deutsche Botschaftsschule Peking – Foyer

Das Schulleben/Extras ist bunt und bietet ausser den AGs viel Abwechslung und Veranstaltungen. Eine Wanderarbeiterschule wird unterstützt, es gibt Adventskalender- und Nikolausaktionen, Vorlese- und Mathewettbewerb, Beteiligung an aus Deutschland bekannten Aktionen (Vorlesetag, Känguru-Wettbewerb).

Nicht zuletzt sieht sich die Schule auch als Anlaufpunkt für die Deutsche Community in Peking. Lesungen und Konzerte und Feste locken nicht nur Schüler und ihre Eltern. Viele Veranstaltungen der Patengruppe starten hier oder finden hier statt.

Die Schule bietet alle deutschen Schulabschlüsse bis zum Abitur an, auch ein Kindergarten und eine Vorschule gehören dazu.

Lange Schultage

Weil wir halt „draußen“ wohnen, ist der normale Schultag lang für die Jungs: Um 6:55 Uhr fährt der Schulbus am Compoundtor ab, gegen 16:30 Uhr trudeln die Jungs wieder ein. Haben sie AGs in der 9.+10. Stunde, wird es frühestens 18:15 Uhr, mit Pech – rush hour halt – später. Da kommt bei mir doch immer wieder die Überlegung auf, doch in Schulnähe umzuziehen. Noch lehnen die Kinder das aber vehement ab. Wir haben es mit unserer Nachbarschaft aber auch gut getroffen – so gut, dass sie lieber den langen Weg in Kauf nehmen als in die Stadt zu ziehen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Das schulische Lernen, die Inhalte und Methoden, am Ende die Abschlüsse – alles wie in Deutschland. Manche Lehrer werden lieber gemocht als andere, manche Fächer mag man dafür gar nicht, mit den Kumpeln Spaß zu haben und die Pausen sind am Wichtigsten – kennen wir alles aus Deutschland.

Freiwillige AGs kennen wir auch aus Deutschland, hier sind sie aber wichtiger, weil es nicht 50 verschiedene Vereine und Verbände, Musikschulen, Freizeitzentren gibt.

War es in Hamburg die Ausnahme, dass mal ein neues Kind in die Klasse kam, gilt hier, dass alle neu sind oder es vor kurzem noch waren. Das hilft beim Ankommen (siehe oben).

Smog

Gute Luft in Peking!

So gute Luft ist hier selten. Sehr selten.

In Deutschland wird inzwischen zwar auch über Feinstaubbelastung gesprochen, aber wir leben jetzt in Mega-Smog-City.  Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Schule. Die verfügt über eine gute Luftfilteranlage, die auch an richtig schlimmen Smog-Tagen für atembare Luft sorgt. Das Problem sind Pausen, Sportunterricht und AGs – alles, was nicht drinnen stattfindet. Bisher gab es die Regelung, dass ab einem AQI von 250 keiner mehr raus darf. In den Pausen wird die Sporthalle geöffnet, damit die Kinder sich dort austoben können. So riesig ist die Sporthalle leider nicht und dadurch an Smog-Tagen ziemlich überfüllt. AQI 250 ist der höchste Grenzwert im Vergleich der internationalen Schulen, bei allen anderen liegt es drunter.

Die Luft in Peking ist zwar immer noch oft übel – aber es wird doch von Jahr zu Jahr besser. Aktuell wird der Vorschlag in den Gremien diskutiert, diesen „Grenzwert“ auf 200 abzusenken – den Wert, den die meisten anderen  internationalen Schulen auch haben – und der verglichen mit deutschen/europäischen Grenzwerten immer noch absurd hoch ist.

Update

Inzwischen wurde der Grenzwert auf 200 abgesenkt!

Fazit

Wenn Schulen sich präsentieren, zeigen sie gerne nur die Sonnenseite. Wenn man an einem Punkt nicht ganz überzeugt ist: nachhaken. Noch besser ist es natürlich, wenn man Bekannte hat, die man fragen kann. Bei den großen Arbeitgebern sollte das möglich sein. Dabei nicht vergessen: Meinungen und Geschmäcker sind verschieden, so findet sich hier im Blog natürlich mein Geschmack und meine Meinung.

Und welche Schule soll man denn nun wählen, wenn alles mit den Fremdsprachen machbar ist, die Fahrzeit in Ordnung geht und Übergänge problemlos laufen sollten? Wenn man alle Sachargumente gegeneinander abgewogen hat und auch dann noch zu keiner Entscheidung kommt? Wenn der Kostenfaktor nicht ausschlaggebend ist? Dann könnte man doch auch ein bisschen auf sein Gefühl hören.

Wir haben bei unserem Peking-Kennenlern-Trip die Schule besichtigt. Mir haben die Räumlichkeiten und die Atmosphäre auf Anhieb gefallen und noch wichtiger: auch die Kinder haben sich wohl gefühlt. Das gute Gefühl hat uns bislang nicht getrogen, die Kinder sind gut aufgehoben an der Schule und werden gefördert und gefordert. Natürlich gibt es auch mal doofe Schultage, ungerechte Lehrer und organisatorische Schwierigkeiten. Aber wo gibt es das nicht? Solange es die Ausnahme bleibt: alles ok. Wir würden uns jedenfalls auch aus heutiger Sicht wieder für die DSP entscheiden.

Weitere Informationen über die Deutsche Botschaftsschule auf der Schulwebseite!

Webseite von Schülerinnen für Schüler: dieschuelerpekings.com

Hier gibt es eine durchsuchbare Übersicht über alle (?) internationalen Schulen in Peking.

Und auch bei Beijing Kids findet sich ein „School Choice Guide„. Leider fehlt hier die Deutsche Schule, liegt wohl daran, dass es keinen englischsprachigen Zweig gibt (auch wenn einzelne Fächer auf Englisch unterrichtet werden, bei meinen Jungs Erdkunde ab Klasse 7).

Hinweis

Beitrag aktualisiert im Juni 2019!

 

Heute Morgen sitze ich am Schreibtisch, als mein Handy rappelt: „Ich will was für die Fotogruppe nachgucken, kommst Du mit?“
Na klar.

99 Luftballons

Meine Freundin fährt. Auf Höhe des Supermarktes ist es wie immer vollgeparkt, Autos rangieren vorsichtig aneinander vorbei. Der Wagen, der uns entgegenkommt, fährt allerdings außergewöhnlich langsam. Ich meine, so wirklich langsam. Millimeter für Millimeter. So eng ist es dann doch nicht. Als wir dichter dran sind, sehen wir warum: Die Fahrerin sieht fast gar nichts, der Wagen ist proppevoll mit lila Luftballons. Proppevoll! Zwischen den an der Scheibe klebenden Luftballons klebt ihre Nase!

Luo Hong Art Museum

Luo Hong Art Museum

Parkplatz-Puzzle

Wir erreichen das Museum, die Schranke am Parkplatz geht hoch, meine Freundin parkt ein, wir steigen aus.
Ein Wächter kommt angerannt: „Bitte rückwärts einparken.“
Okay, wird erledigt.
Ein anderer Wächter kommt angerannt: „Bitte hier nicht, dort drüben.“
Keine Ahnung, warum, denn es ist nichts los, nur einige wenige Autos verteilen sich – immerhin alle rückwärts eingeparkt – über den Parkplatz.
Nach dem dritten Mal einparken ist alles gut.
Wir erkundigen uns nach dem Eintrittspreis (oh, günstiger als vor einem Jahr, jetzt „nur“ noch 100 RMB (für chinesische Museen ist das immer noch viel), Gruppentarifen (gibt es nicht) und Eintrittszeiten – passt. Wir bekommen beide noch ein hübsches Heftchen mit und sind im Handumdrehen wieder am Parkplatz. Das Parken hat länger gedauert als unser eigentliches Anliegen.

Scheibenwaschanlage, manuelle Version

Wir fahren weiter zur Markthalle. Wir schließen zu einem in die Jahre gekommenen LKW auf. Der Fahrer hält eine Flasche aus dem Fenster. Wir kommen näher, er fuchtelt damit herum. Huch?

Als wir ihn überholen, sehen wir, was das soll: Die Scheibenwischer sind an, und er spritzt das Wasser aus seiner Flasche auf die Frontscheibe. Ach so. Wir prusten beide los.

Markthalle

Markthalle

Heute kein Fleisch

Die Markthalle war ein paar Wochen geschlossen und zum Glück ist sie jetzt wieder geöffnet. Nicht plattgemacht, sondern nett renoviert, wirkt heller, aufgeräumter und sauberer als vorher. Schön. Auch das Fleisch in den Auslagen sieht appetitlich aus.
„Hast Du hier schon mal Fleisch gekauft?“
„Nein. Obwohl, jetzt im Winter… Und die Kühlkette in unserem Westler-Supermarkt ist ja auch ziemlich löchrig…“
„Lieber nicht drüber nachdenken!“
Voll bepackt mit Obst und Gemüse kehren wir zum Auto zurück und machen uns auf den Rückweg. Lieber kein Fleisch.
(Wobei das vermutlich blöd ist, wir kaufen ja auch Fleisch auf dem Sanyuanli-Markt, da ist das im Zweifel auch nicht anders als in der Markthalle hier.)

Spülmaschinen-Spinnereien

Zuhause räume ich in der Küche rum und mache ganz in Gedanken versunken die Spülmaschine an. Erst als sie läuft, fällt mir wieder ein: Die sollte doch sicherheitshalber ausbleiben. Es ist sehr mysteriös, manchmal springt die Sicherung raus, wenn man die Spülmaschine anschaltet, manchmal nicht. Heute hab ich Glück gehabt, die Sicherung bleibt drinnen, Spülmaschine läuft und das Haus ist auch nicht abgebrannt. Ich weiß nicht, wie oft inzwischen die Arbeiter deswegen hier waren. Natürlich gab es einmal auch den Vorführeffekt: Alles funktionierte. Am Tag danach nicht mehr. Irgendwas ist kaputt, keiner kann es reparieren, letzte Ansage war: Wir kontaktieren den Vermieter, da muss eine neue her. (Spülmaschine gehört zum mitgemieteten Inventar.) Das war letzte Woche. Ich sag ja, man lernt hier zwangsläufig, Geduld zu haben. Oder von Hand zu spülen. ;)

Wasser. Ich brauche Wasser.

Ich räume etwas in die Garage und sehe dabei, dass wir nur noch einen vollen Wasserkanister haben. Kein Problem, ich muss eh noch Milch und Brot kaufen, dann bestelle ich gleich drei neue Kanister.
Doch Problem: „Out of stock. Perhaps tomorrow.“
Nicht genügend Trinkwasser im Haus zu haben, ist hier eines der Dinge, die mich am meisten beunruhigen. Ich nehme sicherheitshalber eine Fünfliterflasche mit. Und zwei Paletten Softdrinks. Und eine Kiste Mineralwasser mit viel Sprudel. Import aus Deutschland, unglaublich teuer. (Nicht genügend bedeutet heute: ein noch fast voller 19-Liter-Kanister im Wasserspender und ein voller in der Garage. Aber man weiß doch nie… ;) )

Zum Schluss noch ein wenig Smog-Gejammer

Jetzt wird es dunkel, wobei es heute nicht hell geworden ist. Dass der AQI bei etwa 200 liegt, das riecht man nicht nur, fühlt man nicht nur, sondern sieht man auch.
Ibuprofen sei dank keine Kopfschmerzen mehr, aber ich könnte gleich mal versuchen, Joe Cocker zu covern – ohne dass man einen Unterschied hört. Allerdings müsste ich dabei gegen das Brummen der Luftfilter ankrächzen, ach nee, dann macht das ja auch keinen Spaß und ich sing lieber nicht.

Das war also mein ziemlich ereignisloser Tag. Alles ganz normal in Peking!

Es ist grau. Mal ist es der Smog, mal das Wetter, mal beides. Nach längerer Zeit haben die Luftwerte mal wieder die 250 überstiegen, was sich direkt mit Kopfweh und Heiserkeit bemerkbar gemacht hat. Das sind Tage, wo man dann wirklich nicht so gerne hier ist und ins Grübeln kommen kann.

In der Facebookgruppe der Expatmamas wurde diese Woche gefragt, was man seinem Vor-Expat-Ich aus heutiger Sicht sagen würde. Meine Antwort war ganz spontan:

Hab weniger Bammel und freu dich mehr! Das wird großartig! Es gibt absolut keinen Grund zur Panik!

Ja, rückblickend kann ich zugeben, dass vom Augenblick der Entscheidung im Spätsommer 2014 bis zur tatsächlichen Übersiedlung im August 2015 mein vorherrschendes Gefühl Angst war. Klar war da auch Vorfreude, Aufregung und vor allem schrecklich viel zu tun und zu organisieren. Aber dominiert hat die Angst vor dem Neuen, dem so ganz Anderen. Ein Aufbruch ins Unbekannte. Im Vordergrund stand die Sorge um die beiden „Kleinen“, wie die das verkraften würde, aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen zu werden. Mir war nicht wohl dabei, soweit weg von den drei Großen zu sein und sie nur noch selten zu sehen, ebenso wie den Rest der Familie, die Freunde. Ich hab mir Gedanken gemacht, ob wir Anschluss finden würden oder ganz auf uns gestellt sein würden. Positiv war natürlich, dass die langen Trennungen vom Papa/Ehemann wegfallen würden. 

Positives Fazit?

Der zweite Teil meiner spontanen Feststellung hingegen klingt ja positiv. Freuen! Großartig! Und ja, das ist es auch. Ich bin wirklich dankbar dafür, dass ich diese Erfahrungen machen kann. Ich lerne ein Land immer besser kennen, dass ich früher nicht mal als Reiseland in Erwägung gezogen haben, und in dem ich jetzt von Herzen gerne reise und lebe. Mein Chinabild, durch deutsche Medien vermittelt, war früher eher negativ, inzwischen kann ich vieles differenzierter sehen. Und umgekehrt: Deutschland und Europa sind nicht der Nabel der Welt. Es wäre schlau, würde man häufiger über den Tellerrand schauen und nicht große Teile der Welt bestenfalls ignorieren oder schlimmer ablehnen.

Der Herr Gemahl ackert nach wie vor viel und glänzt durch häufige Abwesenheit, ist aber happy, uns hier zu haben. Die beiden Jungs und mich hat es noch enger zusammen geschweißt. Die Jungs besuchen eine wirklich gute Schule und gehen nach wie vor gerne hin, auch wenn für sie wohl mehr der Spaß in den Pausen und mit ihren Kumpeln im Vordergrund steht als, hust, Hausaufgaben. In den ersten Monaten wurde von ihnen von Zeit zu Zeit schon der Wunsch geäußert, zurück nach Hamburg zu gehen. Das ist nicht mehr so. Zum Glück. Eigentlich ist es hier doch gar nicht so anders, findet der Lütte. Könnte man sich manchmal was von Abgucken, mehr auf die Gemeinsamkeiten als auf die Unterschiede zu sehen.

Grundsätzlich zu der Entscheidung zu stehen und sie nach wie vor gut zu finden, heißt allerdings nicht, dass es nicht auch Probleme gäbe. Dass es manchmal schwierig ist. Dass das Leben hier einen vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Heimweh nach Deutschland, häufiger Sehnsucht nach bestimmten Menschen. Frust, wenn das Novembergrau einem die Luft zum Atmen nimmt. 

Bleibt alles anders

So wie der Grönemeyer-Song fühlt sich das Leben hier oft an. Oder mit anderen Worten: das einzig Beständige ist der Wandel. Als ich vorhin den Jungs die Frage gestellt habe, was sie ihrem Vor-China-Ich raten würden, war eine Antwort:

Befreunde dich mit niemanden. Alle gehen.

Beinahe hat es mir die Tränen in die Augen getrieben, zum Glück wurde dann gelacht. Leider hat es einen wahren Kern. Abschiede. Immer Abschiede. Damit hatten wir vorher wirklich nicht gerechnet, dass es nicht nur die Abschiede von und in Deutschland geben würde, sondern dass auch hier ein ständiges Kommen und Gehen ist. Letzten Sommer hatten wir Glück, aber zum Ende dieses Schuljahrs wird es wieder schlimm werden, weil wir uns von vielen lieb gewonnenen Menschen verabschieden müssen. In Kontakt und befreundet zu bleiben ist halt doch anders, als wenn man den Alltag miteinander teilt. Wenn jemand dafür einen Ratschlag hat, wie wir das besser auf- und einfangen können: Nur her damit!

Etwas Gejammer vorweg

Ich habe neulich bereits angerissen, dass es mir in diesem Sommer so schwer wie noch nie gefallen ist, wieder richtig in Peking anzukommen. Ähnlich ging es einigen anderen Freundinnen hier – auch denen, die erst nach dem extremen Regen zurückgekommen sind. An dem miesen Wetter allein kann das also nicht gelegen haben. Es war auch unabhängig davon, ob man nur „kurz“ oder die kompletten Ferien weg war. Unabhängig davon, ob man Heimat“urlaub“ gemacht hat oder „richtig“ verreist war.

Es kam so einiges zusammen: katastrophale Regenfälle, gleich dreimal ein kaputter Boiler, ausgefallene Kühltruhe im Supermarkt (und damit verbunden die sonst meist verdrängte Sorge um Lebensmittelqualität, Frische, Haltbarkeit), mein mangelhaftes Chinesisch, das Verkehrschaos, herumfliegender Müll, dazu mit Herz und Kopf noch bei den Lieben in Deutschland und, und, und…

Mich haben solche Kleinigkeiten aus der Bahn geworfen wie das Nichtvorhandensein von schlichter, normaler Sahne (sondern nur solcher mit zwölfunddreissig Zusatzstoffen), die ich für die von Junior gewünschte Geburtstagstorte brauchte.

Es ist anders, nicht besser, nicht schlechter, einfach nur anders!

Eigentlich war ich doch längst, fast von Anfang an in dem Stadium „manches ist hier halt so, wird schon gehen“. Der Satz „Es ist anders, nicht besser, nicht schlechter, einfach nur anders!“ war mein Mantra, auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass hier wie dort manches subjektiv und auch objektiv besser (oder schlechter) ist. Und doch hat jetzt, nach über drei Jahren, plötzlich beinah alles genervt.

Zum Glück überstanden

Jetzt ist es bei mir wieder besser. Und das scheint nicht (nur) daran zu liegen, dass uns der Alltag mit all den vielfältigen Aktivitäten wiederhat, was mir schon Spaß macht und auch den Jungs. Noch ist das Schuljahr so frisch, dass die Jungs begeistert bei der Sache sind. Auf die Frage „Wie war’s?“ kommt derzeit ein Wortschwall – das ist noch anders als das übliche „gut“. Freut mich für die zwei.

Buddhastatue

Buddhastatue aus einem einzigen Stück Sandelholz, 26 m hoch, davon 8 m unter der Erde

Ich glaube, dass ich mich wieder richtig wohl fühle, hängt vor allem mit unserem aktuellen Besucher zusammen. Der ist zum Glück sehr selbstständig, fügt sich prima ins Familienleben und unseren Alltag ein, macht viel allein – aber unternimmt auch gelegentlich etwas mit uns/mir zusammen. Ein Schlüsselerlebnis war für mich letzte Woche ein Ausflug in den Lamatempel mit ihm. Geschlagene zwanzig Minuten stand er in der letzten Halle und war total geflasht von dem großen Sandelholzbuddha, der ja zweifelsohne sehr beeindruckend ist. Aber so offensichtlich begeistert war bislang kein Besuch! Und diese Begeisterung zieht sich durch. Und das tut mir gut.

Begeisterung steckt an

Ich sehe Peking ein wenig durch seine Augen, nehme das Andere, das Exotische, das Beeindruckende stärker wahr. Peking ist für mich in den vergangenen drei Jahren mein Zuhause geworden, Peking ist Alltag und nichts Besonderes mehr, vor allem, weil es ja allen Freundinnen, Nachbarinnen und Bekannten hier so geht (mal abgesehen von den ganz frisch Angekommenen vielleicht).  Aber gleichzeitig stellt mich und alle Expats der Pekinger Alltag doch vor andere Herausforderungen als daheim in Deutschland, und ich habe in den letzten Wochen eher die Schattenseiten gesehen.

Da tat es gerade unglaublich gut, Peking etwas durch die Augen unseres Besuchers zu sehen, mir bewusst zu machen, dass Peking für uns eben doch besonders ist – was zwar anstrengende Seiten hat, aber eben auch viel Schönes, Außergewöhnliches. Für viele Menschen ist eine zweiwöchige China-Rundreise mit 2-3 Tagen in Peking ein „Once-in-a-lifetime“-Erlebnis: einmalig, besonders, ein Highlight. Und ich bin in der privilegierten Situation, dass ich so viel Zeit auch für abgelegenere Sehenswürdigkeiten habe, die den Reisenden schlichtweg fehlt.

Als ich letzte Woche neben dem jungen Mann vor der riesigen Statue stand, nur ein bisschen Weihrauch-benebelt, durchströmte mich endlich wieder das Glücksgefühl, tatsächlich hier zu sein und all diese Erfahrungen machen zu dürfen.

Achja – als vorgestern erst gar kein und später nur matschbraunes Wasser aus den Leitungen kam, hat mich das nicht wieder zurückgeworfen. Und für den Besuch war es auch interessant zu sehen, dass hier eben doch vieles anders ist. Tief überstanden!

Fotos

Die Sommerferien gehen allmählich zu Ende und in ein paar Tagen starten die Jungs in ihr viertes Schuljahr in Peking – schon 7. und 8. Klasse. So mini sind meine „Minis“ also gar nicht mehr.

Eigentlich wollten wir diesen Sommer ein bisschen durch China reisen, uneigentlich war Männe unabkömmlich, und so waren die Jungs und ich in Hamburg und bei den beiden Omas. Die eine zieht mit beinah 80 Jahren aus dem Norden nach Bayern um und erfüllt sich damit einen Traum. Kurzfristig war es dann wohl aber doch ein wenig zu nervenaufreibend, also haben wir ein bisschen mit angepackt und für Ablenkung von all der Aufregung und dem Kummer beim Abschiednehmen gesorgt. Die Jungs wissen inzwischen nur zu gut, wie das mit dem Abschiednehmen so ist und haben ihre jeweils eigenen Strategien dafür gefunden – und konnten der Oma damit gut zur Seite stehen.

Heimat Hamburg

Zum Glück hat es diesen Sommer auch für einen Besuch an den Hamburger Landungsbrücken gereicht.

Hamburg

Auch ein Besuch bei meinem Bruder im Alten Land war drin. Das war ein richtig toller Abend, aber auch die Rückfahrt hatte ihre Highlights: wunderschöne Stimmung am Estesperrwerk.

Este-Sperrwerk

Wie bei den bisherigen Heimaturlauben war auch die Gefühlsachterbahn wieder dabei: Wiedersehensfreude und Abschiedskummer, manchmal innerhalb von wenigen Stunden. Man sollte meinen, es würde mit der Zeit leichter werden – wird es nicht. Und wie immer hat es auch diesmal nicht ausreichend Zeit für alle Lieben, Freunde und Verwandten gegeben.

Zuhause in Peking

Deutschland fühlt sich inzwischen ganz merkwürdig an: einerseits ist alles vertraut, andererseits sind wir nur zu Besuch – zuhause ist jetzt wirklich Peking.

Zurück in Peking haben wir uns trotzdem so schwer wie noch nie getan, in die Zeit und den Alltag wieder hineinzufinden, was eine Phase von Nachtaktivität zur Folge hatte – und mir noch mehr bewusst gemacht hat, dass meine beiden „Lütten“ jetzt keine kleinen Kinder, sondern (fast) Teenies sind. Da hier aber eher Weltuntergangswetter war und ein Wetterwarnung nach der anderen verbreitet wurde (Überschwemmungen, Erdrutschgefahr…), war das „Nachtleben“ aber auch in Ordnung.

Inzwischen ist der Jetlag Geschichte, wir schlafen wieder nachts statt tagsüber und die Phase des endlosen Regens scheint – hoffentlich – überstanden. Wir haben Geburtstage und Jahrestage gefeiert und huch, jetzt sind wir schon über drei Jahre in China. Alte Hasen!

Klimakatastrophe?

Vor fast zwei Wochen war nach chinesischem Kalender schon Herbstbeginn, nach dem gleichen Kalender ist erst Ende dieser Woche „Ende der Hitze“. Laut Wetterbericht bleibt uns die Hitze aber noch eine Weile länger erhalten. Da müssen wir ja zugeben, dass es hier zwar deutlich länger als in Deutschland heiß ist, aber dank der allgegenwärtigen Klimaanlagen doch erträglich – zumindest drinnen. Trotzdem, dass es so extrem nass ist, ist genau wie die große Trockenheit in Deutschland nicht normal. Weltweit unnormales Wetter – das ist schon beunruhigend. Mal sehen, wie die kommenden Jahre werden.

Vorfreude

Jedenfalls kann das neue Schuljahr jetzt starten, mal sehen, was und wen es mit sich bringt, wen wir neu kennen lernen, wen wir wiedersehen werden. Peking hat jedenfalls noch eine ganze Menge für uns zu bieten – wir sind gespannt.

Vor einem Jahr führte der vorerst letzte gemeinsame Ausflug mit meiner finnischen Freundin, die ein paar Tage darauf nach Finnland zurückkehren musste, uns zum Eunuchen-Museum. Leider war das Museum da noch wegen Bauarbeiten geschlossen und es hieß „nächstes Jahr!“. Jetzt ist sie gerade zu Besuch bei uns und wir sind zu dritt zusammen mit einer gemeinsamen Freundin wieder dorthin gefahren.

Der Taxifahrer mochte nicht durch das enge Tor in den Hutong hineinfahren, also gingen wir zu Fuß weiter. Ich habe schon gefürchtet, wir wären im falschen Hutong, weil mir der Weg viel länger vorkam als im Vorjahr. Aber da war schon der Eingang. Schreck lass nach, das ist ja immer noch Baustelle! Und wir hatten vorher extra anrufen lassen, um herauszufinden, ob es auch wirklich geöffnet ist! Aber wir hatten Glück.


Adresse: Shijingshanqu, Moshikou Dajie 80 (石景山区, 模式口大街 80). Eintritt: 8 RMB


Der „Friedhofsbereich“ mit der Grabstätte von Tianyi, einem der bekanntesten und einflussreichsten Eunuchen überhaupt, ist so gut wie fertiggestellt. Daneben gibt es ein paar Ausstellungsräume. Gewerkelt wird noch an einem Bereich mit weiteren Gebäuden, einem Torbogen – sieht auch als Baustelle interessant genug aus, um es nächstes Jahr wieder zu versuchen.

Zunächst sehen wir uns die Ausstellung an. Die Texte sind überwiegend Chinesisch, aber Bildunterschriften und Zusammenfassungen gibt es auch auf Englisch. Im ersten Raum gibt es Infotafeln zu den Eunuchen seit deren Anfängen im 8. Jahrhundert (oder doch früher?) bis hin zum letzten Eunuchen Sun Yaoting, der erst 1996 verstarb. 

Die Kastration wurde besonders in der Mingzeit „vollständig“ durchgeführt, also auch mit Penektomie. Ohne Betäubung. Die „drei Kostbarkeiten“ führten die Eunuchen dann bis zu ihrem Tod mit sich, um körperlich vollständig als ganzer Mann ins Jenseits übergehen zu können. Allerdings überlebte viele Jungen und Männer die Prozedur nicht, sie starben an Infektionen oder am Blutverlust. 1911 endete das Eunuchen-(Un-)Wesen mit dem Ende des Kaiserreichs.

Kastration und Penektomie

Gruselig

Die plastische Darstellung der Entmannung ist nicht das einzig Gruselige hier, denn es wird auch eine mumifizierte Leiche eines unbekannten Eunuchen ausgestellt. Und ein sichelförmiges Messer mit verrosteter Klinge ist zu sehen…

Nach der Ausstellung sehen wir uns die Grabstätte an. Hier sind die Bauarbeiten so gut wie abgeschlossen. Es gibt drei Pavillions, in denen auf beschrifteten Stelen von wichtigen Stationen im Leben Tianyis erzählt wird.

Weiter hinten befinden sich zwei Grabkammern, die von Tianyi im Schatten eines großen Kaki-Baumes. Wir stiegen hinunter, es ist kalt und feucht und obwohl alles frisch renoviert ist, ist es unheimlich. Als wir wieder draußen sind, erschlägt uns die Hitze fast.

Weg aus der Gruft

Am Ausgang treffen wir genau den Mann, der meine Freundin und mich vor einem Jahr herumgeführt hat und meine Freundin wechselt ein paar Worte mit ihm.

Hinterher spazieren wir noch ein Stück durch den Hutong, der teils kaum wieder zu erkennen ist, so wurde er herausgeputzt. Für einen Besuch des Fahai-Tempels, der nur zehn Minuten entfernt liegt, reicht diesmal die Zeit nicht mehr. 

 

Letzte Woche war Tanya Crossman hier im Compound und hat einen Vortrag über TCKs – Third Culture Kids, Drittkulturkinder – gehalten. Tanya ist die Autorin von „Misunderstood – The Impact of growing up overseas in the 21st century“. Sie ist selbst als TCK aufgewachsen, theoretisiert also nicht nur, sondern weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie spricht und schreibt.

Ich dachte, ich hätte schon viel zu dem Thema gelesen, aber es war ein gutes Gefühl, das alles so sachlich und systematisch vorgetragen zu bekommen. Es gibt mir neue Sicherheit, weil mir bewusster geworden ist, dass wir instinktiv im Großen und Ganzen vieles richtig machen und gemacht haben. Nur an einem Punkt werde ich künftig versuchen, etwas anders damit umzugehen …

Was sind eigentlich TCKs?

Den Begriff Third Culture Kids gibt es seit den 1960ern, entwickelt von Dr. John Useem und Dr. Ruth Hill Useem:

Ein Third Culture Kid ist eine Person, die einen bedeutenden Teil ihrer Entwicklungsjahre außerhalb der Kultur ihrer Eltern verbracht hat. Ein TCK baut Beziehungen zu allen Kulturen auf, nimmt aber keine davon völlig für sich in Besitz. Zwar werden Elemente aus jeder Kultur in die Lebenserfahrung des TCKs eingegliedert, aber sein Zugehörigkeitsgefühl bezieht sich auf andere Menschen mit ähnlichem Hintergrund.

Bei Drittkulturkindern geht es also nicht darum, die Länder zu zählen, in denen sie bereits gelebt haben. 

Wo ist denn das Problem?

Man sollte ja meinen, den Kindern ginge es prima: wir leben in einem netten Haus in einer netten Wohngegend, lernen ein Land besser kennen, wo andere höchstens mal auf einer zweiwöchigen Rundreise einen oberflächlichen Eindruck bekommen können, wenn überhaupt. Wir selbst haben tolle Reisemöglichkeiten, die wir von Deutschland aus sicher nicht in die engere Wahl gezogen hätten. Wir erleben viel und machen spannende Erfahrungen, lernen Menschen aus aller Welt kennen. Und dank dem tollen Internet und den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten ist es ja auch gar nicht mehr so tragisch, wenn man so weit weg ist. Letzteres ist leider nicht so easy, wie man meint (allein die Zeitverschiebung) und auch ansonsten: Das ist nur die eine Seite der Medaille.

Nur mal überlegen: Was hat man zuhause in Deutschland gemacht, wenn man traurig, glücklich, wütend, frustriert war oder einfach nur einen blöden Tag hatte? Und nun sitzt man fast 8000 km von zuhause in einer fremden Stadt in einem fremden Land und muss sich erstmal zurechtfinden – und für seine Gefühlslagen Möglichkeiten damit umzugehen finden und entwickeln.

Das braucht zusätzlich zu all dem, was eh schon zum Ankommen und Einleben gehört, viel Zeit und Kraft. Und bei dem ständigen Kommen und Gehen hier, ist das ein dauernder Prozess, der nicht nach dem ersten Jahr überstanden ist.
Sicher wird nach dem ersten Jahr vieles einfacher, weil man Dinge nun schon zum zweiten Mal tun kann. Aber dazu gehören halt auch wieder Abschiede. Es ist also nicht nur der konkrete Wechsel, ein einmaliges Ereignis, sondern ständige Veränderungen als dauerhafter Prozess.

Tanyas Tipps:

Nr. 1: Es ist schwer.

Man schafft weniger, als man „daheim“ geschafft hätte, der Kopf ist nicht so frei wie gewohnt. Das gilt für die ganze Familie, jeder kämpft und jeder ist nicht gerade in Bestform. Das kann bei jedem Familienmitglied anders sein. Es kann helfen, sich das gelegentlich bewusst zu machen, dass eben (noch) nicht alles normal ist.

Nr. 2: Sei geduldig!

– mit dir selbst
– mit jedem Familienmitglied
– mit Neuankömmlingen

Die Familie als ganzes und jedes Familienmitglied muss für sich seinen Weg finden. Das kann bei vielen ähnlich und doch sehr unterschiedlich ablaufen. Wenn einer ein Hoch hat, können die anderen gerade in einem Tief stecken.

Nr. 3: Durchhalten!

Es nutzt ja nix, Augen zu und durch. Durchbeißen und Dinge tun, von denen man glaubt, dass einem eigentlich gerade die Kraft dazu fehlt. Das ist eine Investition in die Zukunft.

Nr. 4: Sei traurig.

Jeder Wechsel ist mit Verlust verbunden und Verlust ist traurig. Das heißt nicht, dass der Wechsel an sich schlecht ist, aber die Traurigkeit ist teil davon. Kummer ist ermüdend, aber wenn man das nicht zulässt, könnte es zu langfristigen Problemen führen. Für Mütter ist das ganz schwierig, wenn die Kurzen weinen, weil sie ihre Freunde vermissen. Und da sagt Tanya: „Do not fix but listen!“ – nicht reparieren, sondern zuhören.

Wir können es nicht heilen. Die Freunde sind Tausende Kilometer und x Zeitstunden entfernt, das ist eine Tatsache. Es helfe nicht, wenn man so reagiert: „Du findest bald neue Freunde.“ Besser sei: „Es ist okay, jetzt traurig zu sein.“ Denn es ist traurig – das geht uns Erwachsenen ja auch nicht anders.
Und das ist der Punkt, wo ich künftig wohl anders mit umgehen sollte. Wenn die Kinder traurig sind, natürlich will ich sie dann ablenken, trösten, den Blick auf das Positive lenken. Künftig werde ich dem Kummer mehr Raum geben. Mit dem „grieving well“ (gut trauern), dem Umgang mit Verlust und Veränderung werde ich mich doch noch etwas mehr befassen müssen. 

Nr. 5: Alte Freunde behalten!

Beziehungen verändern sich mit der Entfernung, sogar wenn wir in Verbindung bleiben. Unsere bestehenden Freundschaften können ein Gerüst für uns sein, während wir neue – zusätzliche – Freundschaften aufbauen. So bilden wir mit der Zeit ein vielfältiges Netzwerk für uns.

Auch unseren Kindern können wir dabei helfen. Sie brauchen Freunde vor Ort und gleichzeitig ihre bisherigen Freunde. Wir können sie nach ihren Freunden fragen, ihre Freundschaften bejahen und Besuche ermöglichen.

Nr 6: Hilfe finden!

Diesen Punkt habe ich als relativ amerikanisch empfunden (auch wenn Tanya gebürtige Australierin ist).  Trotzdem, wenn man alleine und/oder im Rahmen seiner bestehenden Beziehungen nicht weiterkommt, dann ist es richtig, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Tanya führt allerdings aus, dass es besser ist, nicht erst zu warten, bis der Notfall eingetreten ist, sondern sich bereits vorher Unterstützung für den Fall der Fälle zu suchen. Diese hat auch den Vorteil, dass sie objektiv ist, geschult darin zu helfen – und es ist jemand, zu dem ich sprechen darf.

Wir haben hier vielleicht auch insofern Glück gehabt, dass wir hier gleich zu Beginn neue Freunde kennengelernt haben, wo einfach alles gepasst hat und dass wir sowohl im Compound als auch innerhalb der deutschen Community ein gutes Netzwerk mit viel gegenseitiger Unterstützung haben.

Der Input kam gerade recht

Der Input hat gut getan und kam auch gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn jetzt geht es gerade wieder mit den allsommerlichen Abschiedspartys los. Es war hilfreich zu erfahren, dass wir uns jetzt einfach bequem zurücklehnen können, weil wir ja schon drei Jahre in China sind und „nun ist es auch mal gut“. Nein, es bleibt ein andauernder Prozess, übrigens nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns Erwachsene.

Zum Weiterlesen:

Liebe Freunde aus Deutschland waren zu Besuch. Die Tage waren üppig gefüllt mit Ausflügen (siehe unten für ein paar Fotos) und vielen guten Gesprächen. Es war, als hätten wir uns letzte Woche zuletzt gesehen und nicht zuletzt vor einer gefühlten Ewigkeit so zu viert zusammengesessen. Am liebsten hätten wir Schlaf komplett weggelassen, denn es war soviel Zeit nachzuholen, und wer weiß, wie lange es bis zum Wiedersehen dauert.

Gestern Morgen mussten wir uns verabschieden. Wir haben noch Witze gemacht:
– Die lassen euch eh nicht raus, wollt Ihr nicht vielleicht ohne oder wenigstens mit leeren Koffern los?
– Zum Kaffeetrinken um 2 seid Ihr aber wieder da!

Dann waren sie weg und das Haus war viel zu groß und leer. Auf dem Weg zum Einkaufen musste ich ein Tränchen oder zwei wegblinzeln, weil ich wieder allein unterwegs war. Naja, so ist das hier halt, und wir müssen damit leben.

Überraschung!

Wenig später sitze ich am Schreibtisch, poste die „Komm zurück!“-Szene aus Titanic auf die Facebookseite meiner Freundin, fange an, die Fotos zu sichten. Dann klingelt es – viel zu früh für die Geburtstagsgäste. Einer der Jungs ist an der Tür, ich höre eine Frauenstimme und denke, das ist aber nicht meine südafrikanische Freundin, komisch. Neugierig gehe ich runter und bleibe auf halber Treppe stehen – da waren sie wieder, S. und H. Mir sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen, der Mund offen – gut, dass da keiner ein Bild geschossen hat, das muss herrlich dämlich ausgesehen haben. Männe hat genauso geguckt. Und dann haben wir uns alle einfach nur gefreut. Der Flug nach Kopenhagen ist gecancelt worden, was uns einen weiteren gemeinsamen Tag geschenkt hat! 

Heute Morgen mussten wir uns wieder verabschieden, was keiner von uns so richtig ernst genommen hat. Aber bis jetzt hat es noch nicht wieder geklingelt, und wir finden uns so langsam damit ab, dass sie jetzt leider wirklich weg sind.

Vor ein paar Monaten wollte ich mit einer Freundin Prince Gong’s Mansion besuchen. Bedauerlicherweise waren wir an einem Montag unterwegs. Montag? Ja genau, montags sind hier alle Museen geschlossen. Hatten wir leider vergessen und sind stattdessen um den nur wenige hundert Meter weiter gelegenen Beihai-See herumspaziert. (Beihai-See ist genau genommen doppelt gemoppelt, weil Beihai Nord-See heißt.)

Gestern war der Tag viel zu schön, um nichts zu unternehmen: Traumwetter, schön warm, aber noch nicht zu heiß, atembare Luft und deutlich weniger flying cotton fluff. Also extremer Pollenflug, als ob es in dicken Flocken schneit, an Kantsteinen, in Winkeln, Häuserecken sammelt sich das dann auch als dicke „Schneedecke“. Vom Management kam auch schon die alljährliche Mail: „never ever under no circumstances burn the flying cotton fluff“! Ich frag mich immer noch, wie man auf die Idee kommen könnte, denn wer das macht, wäre definitiv ein heißer Kandidat für den Darwin-Award.

Déjà vu

Allerdings tobt derzeit in unserer Nachbarschaft ein Verkehrschaos ohne gleichen: zur Zeit findet die AutoShow statt, die weltweit größte Automesse. Egal, ich wollte den schönen Tag unbedingt nutzen! Ich vergewissere mich auf der Webseite, dass heute auch geöffnet ist und drucke mir die Hinweise für die dreistündigen Runde aus. Als ich nach langer Fahrt und kurzem Spaziergang endlich vor den schnieken, gut gesicherten Hallen stehe: geschlossen! Ich habe ein déjà vu, aber heute ist doch definitiv nicht Montag? Vielleicht nur dieser Eingang? Ich biege um die Ecke, nein, auch alles zu. Irritiert stehe ich davor und versuche, die Schilder zu entziffern – irgendwas von März-Mai, arbeiten. Zwischendrin wimmele ich bestimmt fünf Rikschafahrer ab, dann spreche ich einen der Wächter an. Ja, im Mai ist es wieder auf. Schade, aber so wird das nichts mit Prinz Gong und mir. Schade auch, dass auf der Website kein Hinweis auf die Schließung zu finden war.

Alster? Elbe? Beihai!

Ich muss aber nicht lange überlegen, was ich nun anstelle. Inzwischen ist es spät am Vormittag, die Sonne brennt, an einem Kiosk schieße ich mir eine Flasche Wasser und bewege mich Richtung Beihai-Park. Dort löse ich nur das Park-Eintritts-Ticket (10 RMB in der Sommersaison, von November bis März 5 RMB), jetzt will ich nichts mehr besichtigen. Schnurstracks gehe ich auf den Bootsanleger zu, der dem Eingang am nächsten ist, aber dort gibt es nur noch Duckboats. Nein danke, ein bisschen Würde muss ich mir doch bewahren!

Ich spaziere entgegen dem Uhrzeigersinn um den See herum. Tretboot? Nein. Lotusboot? Nee. Der Park ist gut besucht, Schüler- und Touristengruppen: bitte alle mal dorthinüber schauen! Der Anleger hinter dem Souvernirshop hat endlich noch freie kleine Elektroboote (100 RMB/Stunde) und ratzfatz fahre ich auf den See hinaus. Ruhe. Frieden. *Huuuuup*Trööt*Meepmeep*

Oh, die „Inselfähre“ meckert ein Duckboat an: aus dem Weg! Ich mache einen Bogen darum und lasse mich dann erstmal ein Stück treiben. Hier ist es jetzt wirklich still bis auf das leise Plätschern des Wassers. Herrlich, wie hab ich das vermisst! Ich mag Peking wirklich gern, aber mir fehlt Wasser!

Ich tuckere wieder weiter, werfe einen Blick auf das NCPA, dessen Kuppel die Sonne reflektiert und aus dieser Perspektive auch eine schnöde Sporthalle sein könnte. Ist es aber nicht! Dann geht es nicht weiter, unter den Brücken darf man nicht durchfahren, also umkehren. Jetzt habe ich einen schönen Blick auf den Zhongguo Zun – demnächst fertig, das neue höchste Gebäude Pekings. Dichter dran ist natürlich die Weiße Pagode. Typisch Peking, typisch China – altes und neues auf einen Blick.

Richtig stimmungsvoll wird es, als ich an einem Boot vorbeikomme, auf dem die Damen chinesische Lieder singen – zu schön!

Touri?

Meine Stunde ist fast um, also tuckere ich zurück zum Anleger, hole meine Kaution ab und mache mich auf die Suche nach einem Taxi. Da sich in der Straße am Ausgang alles staut, gehe ich zu Fuß am Jingshan-Park vorbei. Kurz reizt es mich, auf den Kohlehügel zu klettern, aber der Blick auf die Uhr sagt: Rückfahrt! Ein Taxi hält ungefragt und trotz Halteverbot (das gilt rund um die Verbotene Stadt), ist sogar bereit mich nach Shunyi zu fahren – für den Schnäppchenpreis von 300 RMB! Seh‘ ich aus wie ein Touri, der drauf reinfällt? Vermutlich ja. :) Ich sage ihm, dass ich seit drei Jahren in Peking bin, er lächelt entschuldigend und fährt weg.

Ein paar Meter weiter werde ich fast von einem in falscher Richtung fahrendem Tuktuk umgefahren: „Lady, where are you going?“ Shunyi, bisschen zu weit für ein Tuktuk. Er meint, er hätte einen starken Motor… Nichts wie weg, denke ich mir. Eine Ecke weiter biege ich in eine Straße ohne Halteverbote ein, rufe ein Didi, das sofort kommt und bin trotz Autoshow-Chaos relativ zügig wieder zuhause – und zufrieden wie schon lange nicht mehr. Sollte man sich wirklich öfter gönnen, so eine Auszeit auf dem Wasser!

Meine Tochter und ich sind in der Unterzahl, in unserer Familie steht es 2:5. Hier in Peking steht es sogar nur 1:3. Verflixte Männerübermacht, die – Achtung, ein Klischee – eine Vorliebe für Schnitzel hat. Ich weniger. Also hat Männe lange Jahre probiert und experimentiert und es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Mit seinen Suppen muss er noch üben, aber bei den Schnitzeln gibt es nichts mehr zu meckern. Für unsere mäkeligen Kurzen ist das sogar das Lieblingsessen.

Als dann kürzlich Nummer 4 in der Schule gefragt wurde, ob und was die Kinder an Essbarem zum Schulflohmarkt für den guten Zweck beitragen – es wird mit dem Projekt Candlelight eine Wanderarbeiterschule unterstützt, mehr Informationen auf der Schulwebseite – war es für den Junior klar: wieder Schnitzel. Das haben er und Männe schon beim letzten Flohmarkt angeboten und es lief super. Junior hatte dann auch schon alles klargezogen, und uns danach erst informiert – da hat er Glück gehabt, dass Männe tatsächlich Zeit hat.

Normalerweise kaufen wir Fleisch hier draußen bei uns im auf Westler ausgerichteten Supermarkt. Aber für so eine Aktion braucht man ja ein paar Grämmchen mehr, also habe ich eine Freundin gefragt, ob sie nicht zufällig was vom Sanyuanli-Markt braucht – Glück gehabt, sie brauchte. Zu zweit ist es ja doch netter, den weiten Weg in die Stadt hineinzufahren, wobei wir Glück gehabt haben, und es zwar Stockungen aber keinen Stillstand gab. Einen Parkplatz gab es auch genau gegenüber vom Markt, alles perfekt.

Der Sanyuanli-Markt

Der Sanyuanli-Markt ist eine Pekinger Institution. Hier kaufen Restaurantschefs und Hobbyköche, aber auch Otto Normalchinese. Es gibt einfach alles, was man in der Küche brauchen könnte. Ich bin eine Weile nicht dort gewesen, konnte es anfangs nicht so richtig greifen, aber etwas war anders. Der Bäcker gleich vorne an ist neu, da war vorher ein Obststand, aber das war es nicht. Dann sah ich eine Frau mit Besen und der Groschen fiel: Es wirkte alles deutlich aufgeräumter und sauberer, der Gang war frei – der Markt befindet sich in einem langgezogenem Gebäude, ein Gang in der Mitte und links und rechts die kleinen Verkaufsstände. Auch alles schön sortiert: Vorne an finden sich jetzt Backwaren, dann haltbare Importware wie Kaffee, Kakao, Konserven, dann Obst, später folgen Geflügel, Schwein, Rind und Schaf, dann gibt es Gemüse, dann Fisch und Meeresfrüchte…

Und es riecht natürlich immer entsprechend! Als wir an den Fischständen vorbeigegangen sind, musste ich an den Markt in Liuku denken, wo es noch intensiver gerochen hat, wo die Gänge kreuz und quer gingen, es noch bunter und viel chaotischer war, wo mir dann ein Fisch vor die Füße gesprungen ist und es doch einen Moment gruselig war. Aber heute blieben alle Fische brav (und tot) auf den Tischen liegen, auch aus den Bottichen und Tüten (ja, Fische in wassergefüllten Tüten) ist nichts herausgesprungen – puh.

Fertig?

Wir haben unsere Einkäufe erledigt: Reichlich Schnitzelfleisch für den Schulflohmarkt, dann Geflügel zum Einfrieren für uns privat, dazu etwas Gemüse – am Ende waren wir schon ordentlich bepackt und sind umgedreht, den langen Gang zurück zum Ausgang.

Wir waren gerade wieder beim Fleisch angekommen, da höre ich das Klicken einer Kamera und sehe hoch und in ein großes Objektiv hinein. Ja klar, der Markt ist wirklich ein beliebtes Ziel für Fotografen. Es war allerdings nicht nur ein Fotograf, sondern es war eine Gruppe Japaner, alle mit Kameras bewaffnet – und alle konnten sich nicht über die beiden Langnasen einkriegen, die einen Großeinkauf auf einem chinesischen Markt getätigt haben. Man hat sich gegenseitig zugerufen und die Gruppe (samt Hocker für die bessere Perspektive von oben) zusammen getrommelt, nein, wie unfassbar exotisch, kicher, gacker, kreisch. Ich guck meine Freundin an – sie grinst, ich grinse, die Verkäuferinnen und Verkäufer an den Seiten grinsen und irgendjemand lacht los und irgendwann lachen wir alle, der ganze Markt. Der Wahnsinn.

Irgendwann können wir uns lösen, kommen noch an ein paar japanischen Nachzüglern dabei, müssen immer wieder kurz stehen bleiben und uns ablichten lassen. Gerne hätte ich zurückfotografiert, aber ich war zu schwer bepackt, keine Chance. Endlich kommen wir zum Auto und können fahren.

Für mich war das jedenfalls der lustigste Marktbesuch überhaupt – und auf dem Flohmarkt gibt es dann morgen sicher die fröhlichsten Schnitzel der Welt.

Peking ist nicht nur wahnsinnig groß und verändert sich rasant, es steckt auch voller Gegensätze. Futuristische Gebäude stehen gleich neben traditionellen Hutongs. Hier die Konsumpaläste, dort die Tempel. Reichtum und Armut. Und oft findet man das alles nur wenige Meter voneinander entfernt.

Wenn man aus der Metrostation Dongsi kommt, fällt einem gleich ein traditionelles Tor ins Auge. Geht man über die Straßenbrücke, sieht man, dass auf der linken Seite hinter der Mauer schon alles abgerissen ist, auf der rechten Seite scheint alles unverändert.  Von der Brücke aus sehe ich erst eine alte Frau, die langsam die Straße entlang schlurft und sich dabei an ihrem Einkaufswägelchen festhält. Von der anderen Seite eilt ein junger Mann zur Metro.

Hutong

Ein paar Schritte in den Hutong hinein hört man den Verkehrslärm nicht mehr, dafür werden Obst, Gemüse oder Getränke per Bandansage und Megaphon angepriesen. Dann biege ich um eine Ecke in eine schmale Gasse und es ist ruhig. Wäsche trocknet draußen in der Frühlingssonne, teilt sich die Leine mit einem Vogelkäfig. Es ist noch nicht soviel Leben in den Gassen wie im Sommer, doch die ersten Menschen und ihre Haustiere genießen draußen den ersten Hauch des Frühlings.

Ein paar Schritte weiter kommt man auf der Rückseite einer Durchgangstraße raus, genau zwischen zwei Baustellen. Auf der einen Seite ein Neubau, auf der anderen Seite wird ein älteres Bürohaus abgerissen. Vor der Baustelle werden Feuerwehr-Untensilien wie Schaufeln, Eimer und Feuerlöscher aufbewahrt. Kreuz und quer geht es durch den Hutong zurück Richtung Hauptstraße, vorbei an den alten orangefarbenen Telefonzellen, die man hier oft noch sieht, obwohl doch beinah jeder ein Handy hat – oder etwa doch nicht?

Galaxy Soho

Ein Stück die Straße entlang, wieder über eine Straßenbrücke, kommen wir am Galaxy Soho heraus: ein ins Auge fallender futuristischer Gebäudekomplex, der sich strahlend weiß gegen den leuchtend blauen Himmel abhebt. Vier „Kugeltürme“ sind durch Brücken miteinander verbunden, hier gibt es Büros, Einzelhandel und Restaurants. Wirklich ein Hingucker! Und was für ein Gegensatz zu den Hutongs.

 

Heimaturlaub

Heimat. Urlaub?

Die Jungs und ich sind gerade zurück von der emotionalen Achterbahn namens Heimaturlaub. Das heißt, eigentlich sind wir noch auf den letzten Metern beim Ausrollen, bevor wir richtig aussteigen können und der Alltag uns wirklich wieder hat. Bis wir nicht nur physisch in Peking zurück sind. Noch hat uns der Jetlag im Griff und die vielen Abschiedstränen sind noch nicht ganz getrocknet.

Warum heißt es eigentlich Heimaturlaub, wenn es mit unseren Vorstellungen von Urlaub nur wenig zu tun hat? Urlaub ist bei uns möglichst wenig verplant, stattdessen gibt es viel Raum für Nichtstun, Lesen, Chillen und Spontanes nach Lust und Laune. Aber nicht im Heimaturlaub.

Wenn man also endlich wieder ein paar wenige, kostbare Tage in der Heimat ist, man so viel unternehmen und so viele Leute treffen möchte, wie fängt man das an? Alle Wünsche lassen sich nie erfüllen. Bei der Wahl zwischen Ausflügen zu alten Lieblingsorten oder Treffen mit Familie und Freunden gewinnen bei uns die Menschen, vor allem unsere drei Großen, und verlieren die Orte. Wieder nichts mit Ausflug ans Meer. Mit Glück lässt sich im Einzelfall beides miteinander verbinden, Verabredungen an den Landungsbrücken zum Beispiel.

Kein Geheimrezept

Ein Geheimrezept habe ich auch nach mittlerweile einigen Heimaturlauben nicht. Für uns funktioniert es nicht, jede freie Minute zu verplanen und möglichst viele Verabredungen und Unternehmungen effektiv unterzubringen. Das haben wir beim ersten Heimaturlaub so gemacht, da war der Kalender komplett gefüllt und es war der bisher Stressigste. Wir haben danach eine gefühlte Ewigkeit gebraucht, wieder richtig in Peking Fuß zu fassen, und es hat lange gedauert, bis bei den Jungs „ich vermisse…“ nicht mehr die häufigsten Worte waren. Wobei Letzteres auch bei weniger voll verplanten Besuchen in Deutschland passiert. Aber nach dem „Urlaub“ erst so richtig urlaubsreif zu sein, das möchten wir so nicht noch mal erleben.

Nichts vorab zu planen und uns ausschließlich auf Spontaneität zu verlassen, klappt aber auch nicht. Schließlich haben die Daheimgebliebenen ihr eigenes Leben und ihre eigenen Verpflichtungen, wo wir in unserem Ferien-Zeitraum vielleicht gerade nicht reinpassen. Da kann es dann passieren, dass es zu keiner Verabredung kommt, wenn man sich erst zu kurzfristig meldet.

Also wird es bei uns ein Zwischending, wobei sich die für Spontanes vorgesehen Lücken im Kalender doch immer rasend schnell füllen.

Wie man es auch anfängt, es ist immer falsch

Kann man die Zeit „gerecht“ auf die Daheimgebliebenen verteilen? Nein. Keine Chance. Irgendjemanden wird man immer enttäuschen, und wenn man sich noch so sehr anstrengt. Das fängt bei dem Punkt an, mit wem man sich zuerst verabredet und hört bei der Frage, wie viel Zeit man miteinander verbringen kann, nicht auf.

Dieses Mal war die Zeit noch kürzer als sonst: 10 Tage. Minus zwei Tage für Hin- und Rückflug. Von den verbleibenden acht Tagen waren wir die Hälfte bei meiner Mutter, die mir kürzlich einen Schrecken eingejagt hat, als sie krank war – zum Glück dann doch nicht so schlimm. Aber deshalb wollte ich diesmal unbedingt etwas länger als sonst bei ihr bleiben. Das war dann doch noch das Entspannteste und das, was „Urlaub“ noch am nächsten kam.

Verzicht auf Heimaturlaub ist auch keine Lösung

Der Gedanke schleicht sich ein, lieber nur in China und Asien zu reisen, die Reisemöglichkeiten hier vor Ort auszunutzen und „richtigen“ Urlaub zu machen. Aber ist es nicht gerade für die Kinder wichtig, ihr Heimatland zu besuchen, damit sie wissen und behalten, woher sie kommen? Ist es nicht notwendig, die alten Beziehungen auch mit persönlichen Treffen zu pflegen? Auf der anderen Seite tun die häufigen Abschiede weh. Reißen Wunden auf, die vielleicht gerade verheilt sind. Weil man sich gerade damit arrangiert hat, mit den Lieben nur zu gewissen Zeiten chatten, sie aber nicht umarmen zu können. Aber letzteres muss doch wenigstens von Zeit zu Zeit sein, deshalb kommt der Verzicht auf Heimaturlaub nicht infrage. Wir werden aber auch nicht sämtliche Schulferien in Deutschland verbringen.

Die Heimat wird allmählich fremd

Hamburg fühlt sich für mich nach wie vor vertraut an. Hier brauche ich kein Navi, auch wenn ich kreuz und quer durch die Stadt fahre. Und gleichzeitig fange ich an zu fremdeln. Es ändert sich immer mehr. Unglaublich, wie viele Bäume in unserer Straße gefällt wurden und wie ein Neubau nach dem anderen die alten bekannten Häuser ersetzt. Aber nicht nur unsere Straße ändert sich, auch das weitere Umfeld, überall Baustellen: Einkaufszentrum und Autobahn (A7-Deckel…). Wenn das alles erstmal fertig ist, wird es womöglich noch fremder sein als jetzt schon. Wenn man das tagtäglich sieht, fällt es einem vielleicht nicht so ins Auge. Aber wie viel sich in dem halben Jahr seit dem letzten Hamburgbesuch getan hat, das ist schon krass.

Und es ist doch auch schön

Natürlich ist Heimaturlaub auch schön. Es ist ja nicht nur Abschiedskummer, sondern auch Wiedersehensfreude. Es ist so schön, sich mit alten Freunden zu treffen. Besonders, wenn es so ist, als hätte man sich gerade letzte Woche zuletzt gesehen und nicht vor etlichen Monaten.

Grünkohl

Grünkohl, Kassler, Kohlwurst…

Es macht Spaß, die Dinge zu genießen, die wir hier in Peking nicht haben. In Buchhandlungen zu gehen und deutsche Bücher in die Hand zu nehmen (und nicht nur eBooks zu lesen). Von sauberer Luft und trinkbarem Leitungswasser gar nicht erst zu reden (ich weiß, ich wiederhol mich). Ach ja, Lebensmittel überhaupt, (fast) kein Nachdenken über deren Qualität, Herkunft, Schadstoffbelastung. Natürlich haben wir auch reichlich eingekauft: Früchtetees, die es hier überhaupt nicht gibt. Kaffee (gibt es zwar, aber zu Mondpreisen). Medikamente, Cremes, Küchenkrimskrams…

Ich fand es auch angenehm, mal unauffällig durch die Stadt zu stromern und nicht schon von weitem als Ausländer erkennbar zu sein. Alles lesen und verstehen können und nicht sich nicht als halber Analphabet zu fühlen.

In die Zeit sind wir diesmal so überhaupt nicht reingekommen, was aber nicht so schlimm ist, jetzt ist es hier in Peking einfacher. Und nachts wach zu sein hatte den Vorteil, in die deutsche Glotze starren zu können. Okay, da verpassen wir nicht viel. Nur das Filme streamen haben wir wirklich sehr genossen. Dieses Geo-Blocking in der ach so globalisierten Welt ist und bleibt einfach Bockmist!

Zuhause in Peking

Back in Beijing - Blue sky

Blauer Himmel in Peking

Immerhin macht uns Peking das Wiederankommen leicht. Die Luft könnte zwar besser sein, aber die Sonne scheint und wärmt, es liegt ein Hauch von Frühling in der Luft. Es ist schön, die Nachbarn und Freunde hier wieder zu treffen (und sich nicht sofort verabschieden zu müssen).

Und so richtig ging mir eben das Herz auf, als die Jungs aus der Schule kamen, beide fröhlich und bester Dinge. Aber einer der zwei besonders happy – er hat von einem Freund ein Urlaubsmitbringsel bekommen: eine Dose Ravioli aus Deutschland. Das finde ich so süß, dass ich nicht wie sonst über Juniors seltsame Dosenfraß-Vorliebe schimpfe! 

Eigentlich würde ich dem Pekinger Winter gerne bei jeder Gelegenheit entfliehen. Okay, einer der Hauptgründe dafür – der Smog – gilt nicht mehr so stark wie in den Vorjahren, denn der heftigste Wintersmog ist doch deutlich weniger geworden. 

Aber es ist bitter-, bitterkalt. Selbst wenn das Thermometer mal über Null steht, lässt einen der eisige Wind frieren.

Und es ist trocken. Aber so richtig. Einerseits  ist das schön, wenn man da mal an die verregneten Hamburger Winter denkt. Über einen Mangel an Sonne, Licht und blauem Himmel können wir uns hier derzeit nicht beklagen. Andererseits ist es so trocken, dass hier beinah jeder über Hautprobleme klagen könnte. Jucken und spannen ist da noch das harmloseste, was sich mit regelmäßigem Cremen noch ganz gut in den Griff kriegen lässt. Wer da empfindlicher ist oder auch nur einmal zu lange nicht eincremt, hat womöglich aufgerissene, blutige Hände. Luftbefeuchter können etwas helfen – solange man drinnen ist.

Schnee?

Skifahren, ohne dass es schneit?

Weil es so trocken ist, ist Schnee auch die absolute Ausnahme, auch in den Bergen im Umland. Skigebiete gibt es trotzdem: mit technischem Schnee, also Kunstschnee. Nur eine Dreiviertelstunde von unserem Haus liegt das Skigebiet Nanshan. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal mit der Patengruppe dort, und auch dieses Jahr ging es wieder dorthin. 

Auch wenn man nicht Skifahren oder Snowboarden kann oder möchte, lohnt sich ein Ausflug. Man kann auch Reifenrodeln, mit einer (Sommer-)Rodelbahn von oben den Berg herabsausen oder einfach nur ein bisschen Spazieren gehen und dann auf einer der Terrassen in der Sonne sitzen und den Skifahrenden auf den verschiedenen Pisten zusehen. Es gibt verschiedenen Restaurants und Imbissbuden, Trinkwasser und heißes Wasser findet sich natürlich auch, klar, wir sind in China.  

 

Lieber aufs Eis?

Die lange knackige Kälte lässt auch alle Seen einfrieren. Bei den großen Seen in der Stadt darf man da aber nicht einfach so drauf stiefeln, sondern es sind extra sichere Bereiche umzäunt, wofür man dann auch Eintritt zahlen muss. Am Beihai-See ist in den 80 RMB dann aber auch der Gebrauch sämtlicher Fahrzeuge enthalten: Schlitten, Eisfahrräder, „Bumper“, und das alles zeitlich unbegrenzt. Aber irgendwann wird es einem dann auch einfach zu kalt. Nur Schlittschuhe müsste man selbst mitbringen.

Auch am Houhai gibt es so eine Eisfläche. Den Kunming-See beim Sommerpalast würde ich gerne mal sehen, vor der Kulisse muss es einfach wunderschön sein. Vielleicht schaff ich das ja diesen Winter noch.