Alltagsbeobachtungen, Anekdoten, die in wenigen Zeilen erzählt sind oder mit einem Bild ausgedrückt werden können – das sind meine “Schnipsel”. Dieses Mal: Schönwetterflash, Ferien in Sicht, Corona…

Schönwetterflash

Im September ist es in Peking ja immer besonders schön. Es ist noch sommerlich-warm, aber die brütende Hitze mit an die 40 Grad ist überstanden, die Regenzeit ist vorbei. Da macht es noch viel mehr Spaß, draußen unterwegs zu sein. Und dann kam in den letzten Tagen auch noch supergute Luft dazu. Ich war die Woche nur so viel verabredet, so dass ich es nicht in Richtung Berge oder an einen der Seen geschafft habe. War trotzdem schön und hat gut getan. 

Mittwoch ging es zu den Weihnachtsengeln – da fahre ich immer hier (Kreuzung von Airport Expressway und 4. Ring) entlang und finde diesen über mehrere Etagen gestapelten Verkehr höchst faszinierend.

Hier treffen der 4. Ring und der Airport Expressway aufeinander.

Am Donnerstag konnte ich die Sonne, die einem jetzt nicht mehr das Hirn wegbrennt, beim Brunch auf der Dachterrasse des MaiFresh mitten in den Hutongs zwischen Glockenturm und Konfuziustempel genießen. Tolle Location, leckeres Essen (auch “instagrammable”), nette Gesellschaft und gute Gespräche – sehr, sehr schön, da lohnt sich auch das Warten (der Service ist nicht so schnell, aber sehr reizend).

Abends leider auch weder irgendwo herumgetuckert, noch nett draußen gesessen, sondern in der Schule am Elternabend teilgenommen. Der war zum Glück kurz und schmerzlos.

Am Freitag bin ich mit der Strickgruppe zum Wollmarkt gefahren. Diesmal hatte ich nicht so hochfliegende Erwartungen und keine deutschen Geschäfte mit handgefärbten Strängen in allen denkbaren Qualitäten vor Augen – und tatsächlich lohnt sich ein Besuch dort doch. Ich selbst habe zwar nur ein paar Knöpfe erworben, aber alle anderen haben gut zugeschlagen – unser kleiner Beitrag zur Standortsicherung. ;) 

Auf der Rückfahrt haben wir dann noch diesen Mann gesehen:

Stylisher Cruiser auf der G110 in Peking

Der war so lässig! Kommt auf dem Foto leider nicht raus – schicke Federn am Hut. Der wusste jedenfalls, wie man so einen schönen Sonnentag genießen kann.

Gestern habe ich geschwächelt, heute hatten wir Besuch – schön war’s. 

Ferien, Mondfest und Golden Week in Sicht

Die kommende Woche ist auch noch mal so vollgepackt. Ich bin wieder jeden Tag verabredet, die Jungs schreiben Klausuren, aber am Freitag ist der letzte Schultag und dann sind Ferien: Golden Week. Dabei sind die Sommerferien doch gerade erst rum! Jedenfalls ist dann auch wieder Zeit für spontanes Rumstromern. Ich weiß, der “Freizeitstress” ist selbstgemacht, aber nach der langen Zeit ohne soziale Kontakte außerhalb der Familie gab es auch ein gewisses Nachholbedürfnis, und das war jetzt eher zufällig, dass es sich so geballt hat.

Ich bin gespannt, wie es dieses Jahr in Peking sein wird. Sonst sind zur Golden Week die Straßen leer, dafür ballt es sich bei den Sehenswürdigkeiten. Das schau ich mir auf jeden Fall an.

Herbstlich ist es ja schon – in der Vegetation: es ist Erntezeit, vieles ist verblüht, die ersten Blätter fallen… Nur die Temperaturen sind noch sommerlich. Aber 28 Grad gelten hier nicht mehr als sommerlich genug, morgen wird die Klimaanlage abgeschaltet.

Der Vermieter hat uns gestern Mondkuchen geschenkt. Dieses Jahr ist das Mondfest relativ spät und fällt mit dem Nationalfeiertag am 1.10. auf den selben Tag.

Corona

Gestern ist es passiert: es wurde eine Corona-Infektion in Peking gemeldet, und das nach 43 Tagen ohne. Zwar “nur” importiert, d.h. das Risiko für uns Pekinger dürfte nicht größer geworden sein, da direkt am Flughafen abgefangen und isoliert, Mitpassagiere in Quarantäne… Trotzdem mahnt es einen, nicht leichtsinnig zu werden, das Virus ist nicht weg. 

Ansonsten bin ich weiterhin froh, hier zu sein. Unser Leben ist derzeit halbwegs normal, zwar mit Maske und App – aber das kann man dafür dann schon in Kauf nehmen. Beatmung wäre schlimmer. Wieder niemanden treffen zu können, wäre schlimmer. Wieder Schulschließung wäre schlimmer – wobei die Jungs ja sehr gut mit dem Online-Unterricht zurechtgekommen sind, und zumindest teilweise konzentrierter und effektiver lernen konnten. Aber ich habe kein Ambitionen, wieder als Mathelehrerin einzuspringen. ;) Und ihre Kumpel und die Pausen haben die Kerle ja auch vermisst.

Da keiner weiß, wie sich die Corona-Lage während des Winters entwickeln wird, aber durchaus befürchtet wird, dass es dann (auch hier in Peking/China) wieder mehr Krankheitsfälle geben könnte, will ich noch möglichst viel unternehmen, solange es geht.

Nächste Woche steht noch einmal einiges an Gruppenaktivitäten an, unter anderem ein Ausflug mit der Fotogruppe, in der Golden Week dann mehr solo und spontan.

Ein traumhafter Sommertag, die Jungs sind mit Online-Unterricht und Hausaufgaben beschäftigt, nichts wie raus. Da sich das Leben und die Corona-Regeln hier ziemlich normalisiert haben, will ich Fotowalks für die Fotogruppe planen. Einen Ort, den die Gruppe in den vergangenen fünf Jahren noch nicht besucht hat und zu dem es mich selbst schon lange hinzieht: Die Residenz von Prinz Gong. Die soll so besonders schön sein, ein bisschen an die Verbotene Stadt erinnern und gleichzeitig mit schönem Garten, Teichen und Flüssen aufwarten. 

Bisher habe ich nur kein Glück gehabt! Entweder es war Montag (und montags sind fast alle Sehenswürdigkeiten geschlossen) oder es wurde gebaut. Prinz Gong und ich – das wird nix.

Es wurde auch länger gebaut als vorgesehen, und ich hab es dann aus den Augen verloren, dann kam Corona, aber heute! Heute versuch ich es. Es ist auch nicht Montag!

Tja.

Alles dicht. Zu. Geschlossen.

Ich spreche ein paar Männer an, die vor dem verschlossenen Tor stehen. Nein, diesen Monat nicht mehr. Nächsten Monat. So ist das halt, zum Glück bin ich ja für länger hier und kann es dann im September wieder versuchen (wenn ich das nicht wieder vergesse…). Der Tag ist auch viel zu schön, um sich darüber zu ärgern, ich fahre dann halt ein Stück um die Residenz herum. 

Rechts hinter der Mauer befindet sich Prinz Gongs Residenz. Aber die Straße ist auch schon ziemlich idyllisch, oder?

Es ist Waschtag. Ach so, deshalb darf man nicht zum Prinzen.

Wäsche vor dem Nebeneingang von Prince Gong’s Mansion.

Ich fahr noch mal am Haupteingang vorbei, aber kein Schild, nichts. Auch die Männer von vorhin sind verschwunden. 

Prince Gong’s Mansion. Geschlossen, wie immer, wenn ich da hinein möchte.

Ich beschließe, dass der Fotogruppenausflug zum Dongyue-Tempel gehen soll. Auch das eine Location, wo die Gruppe in den vergangenen fünf Jahren nicht war. Aber um auf Nummer sicher zu gehen, will ich vorbeifahren und schauen, dass da nicht auch plötzlich Waschtag ist oder Bauarbeiten…

Am Shichahai

Vorher komme ich am Shichahai vorbei. Da muss ich auch unbedingt stoppen. Zuerst sehe ich zwei Arbeitern dabei zu, wie sie Müll rausfischen, der sich im Durchflussgitter Richtung Beihai verfangen hat. Als sie fertig sind, brausen sie los. Hach ja, aufs Wasser wäre jetzt eine feine Sache, aber der Bootsverleih hat geschlossen.

Shichahai

Ich bin an der Ecke vom See, wo sich der Lotosmarkt befindet. Der heißt so, weil…

Lotos. Blütezeit geht zu Ende.

Ist es ein Alien? Ist es verblühter Lotos?

Alt und neu – da kommt noch eine Blüte nach!

Auch verblüht immer noch schick.

Und dann kommt eine dieser Aussichten, wo man total vergisst, dass das hier mitten in der Großstadt ist.

Ist das nicht einfach unheimlich schön hier?

Die Sonne knallt ganz schön vom Himmel, mein Wasser ist alle, hier steht kein Verkaufswagen, die Shops sind geschlossen – ich mach mich auf den Weg zum Dongyue-Tempel.

Der Dongyue-Tempel

Okay, ich bin schon über fünf Jahre in Peking, aber die Stadt ist so riesig und mein Orientierungsvermögen so schlecht – und trotzdem finde ich den Weg ohne einmal aufs Handy zu gucken. Auch ein gutes Gefühl.

Das Ticketbüro ist nach draußen umgezogen. Ja, der Tempel ist geöffnet, keine Bauarbeiten oder Schließzeiten geplant. (Da wo mein Chinesisch nicht ausreicht, hilft die Übersetzungsapp!). Super, dem Fotogruppenausflug hierher steht also nichts im Weg. Wo ich schon mal da bin, will ich aber trotzdem rein.

Einen ersten Code mit WeChat-Pay scannen, um den Eintritt zu bezahlen. Einen zweiten Code mit der Beijing Health App scannen: damit bin ich zum einen registriert (und zwar nicht als Pippi Langstrumpf aus Bullerbü, wie manche weniger nette Menschen das in Deutschland wohl machen) und zum anderen wird mein grüner Code (nicht in Risikogebieten gewesen und wer weiß, was das Ding noch weiß) gesichtet: ich darf hinein.

Oh. Hier findet heute ein Event statt. Ich vermute, es hat mit dem chinesischen Valentinstag, Qixi zu tun. Das wurde hier aber nicht von darbenden Blumenhändlern erfunden, sondern geht auf eine alte Legende (Vom Kuhhirten und der Weberin) zurück.

Vorne am Eingang ist es relativ voll, also gehe ich erst einmal weiter.

Hauptachse

In Wahrheit zieht es mich auch zu den Nischen an den Außenseiten, wo 76 Departements aus dem daoistischen Jenseits dargestellt werden. Damit ich beim Fotogruppenausflug noch was zu tun und hinterher was zu erzählen habe, werde ich mir bis dahin mehr über diese Departements anlesen.

Dies scheint mir ein freundlicher Dämon…

Departement of Mord und Totschlag?

Hmm. Dies ist nicht das Department für unzüchtigen Lebenswandel. Aber welches dann?

Zwischen den vielen Gruselgestalten auch mal was Liebes!

Junger Mann, was haben Sie genommen?

Einerseits typischer Tempel: Ähnlicher Grundriss, rote Hallen mit Säulen und blau-grünen Verzierungen. Aber mehr Schrift – und halt die Department-Nischen (von denen viele übrigens Opferboxen vorne am Zäunchen haben).

Außer den Departments gibt es diese Stelen. Dazu muss ich mir auch noch mehr anlesen, ich glaube, diese hier haben mit den Tierkreiszeichen zu tun – und sie sollen aus der Geschichte der Umgebung erzählen.

Schildkröte! <3 Langlebig, weise… – Und zwei Dachreiter am Boden.

Innenhof. Mit Feuerlöschstation. Und so groß sehen die Dachreiter oben auf dem Dach jetzt gar nicht mehr aus, oder? Sind aber genauso groß wie die beiden goldenen am Boden.

Peking. Tradition und Moderne, Altes und Neues.

Kleine Säulen, große Säulen.

Fast vergessen: Dieser Tempel beherbergt zwar ein Museum (das Folkloremuseum, heute habe ich nur einen Blick auf ein paar sehr alte TCM-Fläschchen geworfen), aber es ein “aktiver” Tempel. Die Mönche passen auch gut auf, dass man bestimmte Buddhas nicht fotografiert.

Auch im Tempel geht ohne Handy nix.

Noch ein Department. Schlachten? Tier-Opfer? Ich muss mich da echt noch mehr einlesen.

Nun bin ich einmal rundherum durchgegangen. Die Sonne knallt immer noch, ich hab immer noch nichts zu trinken, aber vorne am Tor muss ich mir doch noch diese drei hübschen Tänzerinnen ansehen.

Tänzerinnen beim Event im Tempel.

Ja, das war mein Pekinger Sommertag. Anders als geplant, aber trotzdem schön und voller bleibender Eindrücke. Also schon irgendwie typisch. 

Jetzt ist es passiert. Zum ersten Mal in über fünf Jahren habe ich vor lauter Heimweh feuchte Augen gekriegt. Naja, um ehrlich zu sein: ich hab Rotz und Wasser geheult. Das kam echt überraschend.

Ich vermisse Menschen. Ich vermisse Gerüche: Garten im und nach dem Regen, Wald, (Elb-)Strand… Ich sehne mich manchmal danach, dass ich alles verstehe, zwischen den Zeilen lesen kann, dass alles einfach und normal und gewohnt und selbstverständlich ist – und selbst wenn mal was Neues/Anderes kommt, man schnell damit klar kommen kann, weil man mit Sprache und Kultur vertraut ist. Aber Heimweh? Nee, ich doch nicht.

Und dann kehrte vorgestern die Peking nach über 80 Jahren nach Hamburg zurück.

Als echte Hamburgerin finde ich Boote und Schiffe (vom Kanu bis zum MegaContainerfrachter) großartig. Ich weiß gar nicht, ob das heute noch in der Grundschule dazugehört, eines der ersten Lieder, die ich damals gelernt habe, war das vom “Hamborger Veermaster”. 

Begrüssung der Peking – © Birgit Höpfner

Also völlig selbstverständlich, dass ich den Livestream vom NDR angemacht hab und immerhin am Bildschirm mit dabei war, als es von Twielenfleeth nach ein paar Stunden tidebedingter Wartezeit auf den letzten Abschnitt ging. Sogar das Wetter hat mitgespielt, blauer Himmel mit ein paar dekorativen Wolken. Meine Schwester war auf dem Wasser mit dabei und hat mich auch live mit Bildern zugeballert. Da wäre ich echt gern dabeigewesen.

Die Peking – © Birgit Höpfner

Soweit alles gut, schöne Bilder, tolle Stimmung, die auch über das Internet nach Peking herübergeschwappt ist. Und dann fuhr die Peking an Willkommhöft vorbei. Oh, die vertraute Lautsprecherdurchsage: Musik, kleiner Text, Hymne. Bei “Willkommen in Hamburg” gingen meine Schleusen auf. Zu viele schöne Erinnerungen damit verbunden, dazu die tollen Bilder – da gab es kein Halten mehr. Das ist mein Hamburg, da komme ich her, da habe ich meine Wurzeln.

Logenplätze! – © Birgit Höpfner

Irgendwann habe ich mich dann auch wieder eingekriegt. War aber auch zu schön, das Gewimmel auf dem Wasser, fast wie Hafengeburtstag, aber spezieller. Das Wendemanöver habe ich noch gesehen, aber dann fielen mir die Augen zu.

Hach…. Traumschön! – © Birgit Höpfner

Peking ist aber auch schön

Die Nacht war kurz, denn ich war mit unserem Vermieter verabredet – er wollte mir den “Importmarkt” zeigen.

Ich weiß gar nicht, ob ich das schon mal erzählt habe? Wir haben so ein Glück mit unserem Vermieter, nicht nur dass er wirklich ganz reizend ist – wann immer es irgendein Problem gibt, kümmert er sich sofort. Keine Diskussionen, ob das wirklich sein muss, wer das zahlt, wer Schuld ist, ob man nicht irgendwas selbst provisorisch machen könnte. Nein, wird alles immer gleich und gut erledigt. Keine Klebeband-Provisorien mehr.

Er hat schon öfter angeboten, mit mir zum Einkaufen da hin, zum Essen dort hin und zum Sightseeing woanders hin zu fahren. Da kann man/ich auch nicht immer nein sagen. Also ging es gestern morgen los. So schön wie es am Vortag in Hamburg gewesen sein muss, so schön war es gestern hier. Nur wärmer, bätschi! ;) Berge in Sicht, d.h. nicht nur Wetter toll, sondern Luft auch.

Hotelmarkt = Importmarkt = Großmarkt

Nach einer halben Stunde (Stau…) standen wir vor dem Komplex, den ich als “Hotelmarkt” kenne. Huch? Allerdings sind wir in das große Hauptgebäude vorne rein und hinten wieder raus marschiert. Und das war dann wieder ein Eintauchen in eine andere Welt. Leider habe ich keine Bilder gemacht, nicht mal mit dem Handy, das wäre mir unhöflich vorgekommen… 

Die Sonne brennt vom Himmel. Staubige Straßen, vollgestopft mit Fahrzeugen aller Art. Eingeschossige schlichte Bauten, eine “Garage”/Laden am anderen. Unzählige Schilder und Plakate. Ganz viel Leben davor, die meisten Ladenbesitzer sitzen draußen. Es ist bunt, und es ist laut, und es fühlt sich gar nicht mehr wie 2020 an, sondern Jahre früher…

Die meisten Läden sind spezialisiert: hier gibt es nur Öl, dort nur Reis, hier Getränke, da Gewürze… Wir gehen immer weiter, kreuz und quer, der Vermieter wird immer nervöser. Wir gehen in einen Laden, der belgisches Bier und schwedischen Cider verkauft. Er spricht den Ladenbesitzer an, der den Kopf schüttelt. Nein, die Läden, die er suchte, sind nicht mehr hier. Die “Kronenepidemie” (schöne Übersetzung, oder?), keine (ausländischen) Touristen mehr in Peking, einige Händler sind zurück in den Heimatort, dazu der ganz normale schnelle Wandel in Peking – warum auch immer: die Importshops sind nicht mehr da. Einige wenige seien in das große Gebäude umgezogen.

Dahin gehen wir nun zurück, fahren nach oben, sehen uns um, aber werden nicht fündig. Ich merke, dass es ihm etwas peinlich ist und sage (und meine es auch), dass ich das gerade wirklich interessant finde. Ich war jetzt schon einige Male beim “Hotelmarkt”, aber das Gewusel dahinter habe ich mir nie angesehen. Er möchte noch Tee kaufen, ist aber wählerisch und findet “seine” Sorte nicht.

Ich frage, ob wir in einen der Kaffee-Läden gehen können. Und das tun wir dann, lassen uns Vollautomaten vorführen und probieren uns durch unzählige Kaffeevarianten. Die Preise machen uns schwindelig, eventuell muss ich vom ersten Nach-Corona-Heimaturlaub ein Maschinchen aus Deutschland mitbringen. Er kauft eine Großpackung Instant-Kaffee, ich eine Flasche Caramelsirup – und dann reicht es auch.

Als wir wieder im Auto sitzen, sagt er: Ich lade Dich jetzt zum Mittagessen ein. Zwanzig Minuten später gehen wir ins JinDingXuan neben dem Tuanjiehu Park. Mir war bis zu dem Moment nicht klar, dass das eine kleine “Kette” ist, acht Filialen in Peking, ich kannte bisher nur die schräg gegenüber vom Lamatempel am Ditan-Park. Anders als dort gibt es hier allerdings weder englische noch bebilderte Speisekarte. Aber wozu auch, das hier ist keine Touristen-Gegend. Trotzdem ist das Restaurant proppevoll. Abends sollen die Leute sogar Schlange stehen.

Clean Plate? Heute nicht.

Er bestellt einmal querbeet durch die Speisekarte, als die Kellnerin anmerkt, dass das sehr viel für zwei Leute seit, sagt er, dass er alle Reste mitnehmen wird. Ah – “Clean Plate!”. Eine (staatlich iniitierte) Aktion gegen Lebensmittelverschwendung. Teller leer essen. Nicht mehr zeigen, dass man ein guter Gastgeber ist, in dem man viel mehr Gerichte bestellt als tatsächlich gegessen werden kann. Stattdessen verantwortungsbewusst mit Lebensmitteln umgehen. Definitiv ein gutes Projekt, aber das ist ja fast wie ein vegetarischer Tag pro Woche in der Kantine… ;) Eine krasse Änderung in der chinesischen Ess-Kultur.

Wurm? Gedärm? Minihühnerfuß?

Die meisten der bestellten Gerichte sind gut oder sehr gut. Die Kette führt Spezialitäten aus vielen Teilen Chinas, Schwerpunkt liegt aber auf Südchina/Guandong. Die DimSum sind sehr lecker, besonders die ShaoMei. Typisch Mann (?) – wenig Gemüse auf dem Tisch. ;) Ein Hühnchengericht, dass an Kung Pao Chicken erinnert, aber samt Knochen und Haut serviert wird, ordentliches Mapo Doufu. Schweinebauch. Ich mag so fettes Fleisch eigentlich nicht, aber das ist in einer superleckeren Sauce ganz weich gekocht – kann man gut essen. Und dann kommt noch etwas.

Ich weiß echt nicht, was es ist. Würmer, Schnecken, Innereien oder Minihühnerfüße? Der Vermieter grinst mich an, ich zwinge mich, zurückzulächeln, will mir elegant mit den den Stäbchen so einen Wurm zur Gemüte führen – und scheitere an meiner Feinmotorik. 

Bitte verlassen Sie Ihre Komfortzone jetzt.

Zweiter Versuch. Es ist mit einer Art weicher Panade ummantelt, da knabbere ich erst einmal vorsichtig dran. Puh, zum Glück ist der Geschmack echt gut. Ich fühle seinen Blick auf mir. Oh nein. Todesmutig beiße ich hinein, denke an was Schönes, während ich kaue und schlucke. Und schlucke. Und schlucke. Oh Mann, es schmeckt nicht schlecht, aber mein Ekel ist so groß, ich kann es nicht aufessen.

Der Vermieter grinst mich an. Boah, er hat genau gewusst, was er tut – aber ich hab wohl bestanden. Ich halte mich an die DimSum und das Gemüse, er spachtelt den Schweinebauch und das Gewürm weg, Hühnchen und Tofu lässt er für seinen Sohn einpacken.

Zu trinken gab es weder warmes Wasser noch heißen Tee, sondern den besten Eistee, den ich je hatte.

JinDingXuan – Getränke und Mondkuchen

Da das Mondfest näher rückt, gibt es auch Mondkuchen. Einen teilen wir uns, und dann geht’s nach Hause.

Peking ist cool

Ich hab den Tag trotz aller Herausforderungen (Gewürm!) total genossen. Einziger Wermutstropfen: Ich bin hinterher (mental) total erledigt – wegen der Sprache. Der Vermieter spricht kein Englisch, mein Chinesisch reicht für den Alltag, aber bei längeren Gesprächen wird es echt haarig. Ich verstehe zwar inzwischen relativ viel gesprochenes Chinesisch (wobei ich natürlich oft total daneben liegen kann). Selber sprechen ist und bleibt katastrophal, ich treffe die Töne nicht, vernachlässige Grundregeln des chinesischen Satzbaus… Und abhängig vom Thema fehlt mir natürlich auch immer wieder mal auch das Vokabular. Es ist echt peinlich, dass es nicht besser ist.

Aber trotz dieser Schwierigkeiten kommen wir klar – es lebe die moderne Technik. Seine chinesische App ist meinen Übersetzungsapps nebenbei bemerkt haushoch überlegen… 

Nach dem tränenfeuchten Abend vorher war das genau das richtige Programm für mich. Vom genialen Wetter angefangen, etwas anderes entdecken bzw. mit anderen Augen sehen, raus aus der üblichen Bubble, mit einem Pekinger unterwegs sein – mir hat das gut getan. Trotz des akuten, inzwischen überstandenen Heimwehanfalls – ich bin nach wie vor, trotz und wegen allem immer noch gerne hier. Bin noch lange nicht fertig mit Peking und China, gibt noch so viel zu entdecken. Und ich bin echt froh darüber, dass ich das alles erleben kann. 

 

Die Regenzeit scheint hinter uns zu liegen (hoffentlich), die Temperaturen sind etwas angenehmer, die Luft dazu ganz okay – nichts wie raus, Zeit für einen Spaziergang am Shichahai.

Zuerst stoppe ich aber  noch an Trommel- und Glockenturm.

Glockenturm

Auf dem Platz zwischen den beiden Türmen tobt das Leben. Chinesische Popsongs untermalen das Ganze, getanzt wurde (noch?) nicht.

Trommelturm

Ein junger Mann bringt Kindern Inlineskaten bei. Sicherheitshalber haben manche Kinder nicht nur die auch in Deutschland übliche Schutzausrüstung, sondern obendrein ein Kissen unter den Po geschnallt.

Ich bin ja immer wieder entzückt und begeistert von der Vielzahl der verschiedenen Fahrzeuge, die hier in Peking fahren. Mit diesen Tuktuks/Elektro-Dreirädern (die es in 1000 verschiedenen Varianten gibt) kann fast jeder bis ins hohe Alter mobil bleiben.

Tuktuk – Warum gibt es die eigentlich nicht in Deutschland?

Von den Türmen aus gehe ich weiter zum Shichahai. Sieht das nicht ruhig und friedlich aus?

Shichahai

Das täuscht allerdings. Es ist hier ganz und gar nicht so ruhig, wie das Bild vom Steg vermuten lässt, denn rings um den See steppt der Bär.

Viel los am Shichahai

Obwohl es noch relativ früh ist, sind die Bars offen, überall spielen Live-Bands.

Live-Musik am Shichahai

Auf beiden Seiten des Sees ist richtig Trubel, aber auch  in den Hutongs links und rechts.

Blick vom See Richtung Glockenturm

Die Maskenpflicht ist outdoor aufgehoben! Peking meldet heute zwei Wochen ohne Corona-Neuinfektionen. Trotzdem trägt deutlich mehr als die Hälfte der Menschen, die mir heute begegnet sind, weiterhin eine. Ich auch.

Auf dem Rückweg stoppe ich noch am Liangma Fluss. Die Bauarbeiten zwischen Maizidian und Xindong Road sind praktisch abgeschlossen. Der Fluss war ein? zwei? Jahre trockengelegt worden, um ein Upgrade verpasst zu kriegen. Holzbohlenwege säumen das Ufer, schnieke Beleuchtung wurde installiert – und auch hier ist richtig was los.

Am Liangma Fluss

Ja, das lässt sich alles gerade gut aushalten. So sehr ich mich immer über den Frühling und das Ende des Winters freue, so schön ist Peking von Mitte August bis Mitte/Ende Oktober. Danach wird’s kalt… Im Hochsommer bremsen mich halt oft übermässige Hitze oder der Regen aus. Von daher kommt jetzt die Zeit zum Genießen, wenn es weiterhin keine Corona-Neuinfektionen gibt, ist das Leben hier dann wirklich beinah normal. :)

Am 15. August 2015 haben wir uns von Hamburg verabschiedet und uns auf den Weg nach Peking gemacht. Am Tag drauf sind wir in Peking angekommen. Heute beginnt demnach unser 6. Peking-Jahr.

Rückblick:

Die erste Hälfte vom 5. Peking-Jahr war wie die vorhergehenden Jahre auch abwechslungsreich mit vielen Highlights, für mich unter anderem meine Reise nach Luoyang, die vielen Ausflüge, ob allein, zu zweit oder in Gruppen. Vor Weihnachten war der Große zu Besuch, zu Chinesisch Neujahr der Mittlere mit Freundin.

Tja, und ab Chinesisch Neujahr war dann nichts mehr normal. Nicht mal unsere schräge, anstrengende, aber niemals öde Peking-Normalität. Anfänglich wusste man und wussten wir noch viel zuwenig über dies Virus, so dass es allein durch das Unbekannte beängstigend war. Die Maßnahmen hier kamen fix und konsequent: Social distancing, Maskenpflicht, Zugangsbeschränkungen zu den Wohngebieten, Temperaturchecks, Schließung von allen Locations, wo zuviele Menschen zu dicht aufeinander kommen…

Fühle ich mich als Ausländerin in China sowieso schon sehr auf die Familie zurückgeworfen (weil man hier halt nicht das über Jahrzehnte gewachsene Familien- und Freundes-Netzwerk hat), hat sich das durch Corona potenziert.

Als es hier dann keine Neuinfektionen mehr gab und die Schule immerhin vorübergehend ihre Pforten wieder öffnen durfte, Compounds auch wieder von Nicht-Bewohnern betreten werden durften, wurde das Leben für mich wieder gefühlt einfacher. Zwar weiterhin mit Maske und “Beijing Health App” etablierte sich doch eine neue Normalität, in der man sich z.B. wieder verabreden kann, aber auf Bussi-Begrüssung etc. verzichtet. Okay, für mich Nordlicht ist letzteres sogar ganz angenehm. ;)

Was noch fehlt: das Reisen. Dass während einer Pandemie “stay where you are” das Schlauste ist, hab ich als Katastrophenfilm-Junkie verinnerlicht. Trotzdem fehlt es mir, Besuch zu bekommen – und der Heimaturlaub erst Recht. Ich war jetzt über ein Jahr nicht in Deutschland, ebenso lange habe ich viele enge Freunde und Teile der Familie nicht gesehen. Reisen, um den Horizont zu erweitern und Abstand zu bekommen, fehlt mir zwar auch, aber darauf lässt es sich leichter verzichten.

Zum Schuljahresende hieß es auch wieder Abschied nehmen – anders als gewohnt nur im kleinsten Kreis, keine Klassen-, Schul- oder Sommerfeste, wo das auch immer seinen Platz hatte. Aber dadurch, dass manche nach den verlängerten Neujahrsferien in Deutschland oder anderswo fest sassen, gab es oft auch gar keinen richtigen Abschied.

Ausblick

Jetzt neigen sich die Schulferien dem Ende zu. Am 24. August geht es erstmal wieder mit Online-Schule los, jahrgangsweise gestaffelt ab dem 31. August dann auch wieder Offline. Diesmal klappt es mit der Umsetzung der diversen Regeln hoffentlich besser, war ja auch jetzt mehr als genug Zeit, das vorzubereiten. Nähere Infos folgen sicher im Lauf der Woche per Mail.

Aktuell hat Peking seit 9 Tagen keine Neuinfektionen, noch 3 Infizierte sind im Krankenhaus. Es wird vermutlich immer wieder mal Ausbrüche geben, so wie kurz vor den Ferien den am Xinfadi-Markt. Aber jetzt wissen wir, dass mit (teilweisen) Schulschließungen, Isolation von Wohngebieten, Quarantäne von allen, die auch nur in der Nähe waren, das relativ zügig wieder eingedämmt werden kann. Damit lässt es sich leben.

Es zeichnet sich ab, dass China die Grenzen für Ausländer so langsam wieder öffnet, wenn auch erstmal für die, die hier arbeiten und leben. Sicher irgendwann auch wieder für Besucher und Touristen, aber das sicher nicht ohne Kombi aus Tests und Quarantäne, so richtig attraktiv wird eine China-Reise also erstmal nicht. Viele haben Peking – ob planmäßig oder vorzeitig – verlassen, viele kommen nicht zurück, das hat große Lücken hinterlassen. Schön, wenn es dann wenigstens ein paar Neuankömmlinge gibt.

Wenn denn tatsächlich der Unterricht auch wieder in der Schule stattfindet, wird sich unser Leben deutlich normalisieren. Was uns nicht fehlt: frühes Aufstehen, von uns aus könnte Schule auch von 10-18 Uhr statt von 8-16 Uhr sein… 

Mit Maske, Abstand, Temperaturchecks und Health App läuft der Alltag ab Schulstart dann vermutlich-hoffentlich annähernd normal. Nur auf ein paar Highlights im Jahresablauf werden wir verzichten müssen: keine Welcome-Party, keine Projektwoche in der Schule, keine (größeren) Gruppenausflüge, keine Klassenreisen (und keine China-Reise für mich), keine Weihnachtspartys, kein Weihnachtsbasar. All die vielen Gruppenaktivitäten und Veranstaltungen waren für mich ein attraktiver Bestandteil des Peking-Lebens. Muss jetzt halt erstmal ohne gehen. Das Schwerste ist tatsächlich, keinen Besuch aus Deutschland bekommen oder selbst dorthin fliegen zu können.

Und so gerne ich “mein Hamburg” wiedersehen würde (und noch lieber manche Menschen dort), bin ich doch froh, dass ich mich nicht direkt mit Maskenmuffeln auseinandersetzen muss oder überlegen muss, wie ich die Jungs zuhause behalten kann, weil ich den Schulbesuch in Hamburg derzeit nicht für sicher halte (trotz infizierter Schülerin in einer Schule wird nicht mal der Jahrgang unter Quarantäne gestellt – undenkbar aus hiesiger Perspektive). Da fühle ich mich derzeit tatsächlich sicherer hier.

Trotz Corona will ich das Beste aus der Situation und meinem 6. Peking-Jahr machen. Gibt immer noch mehr als genug zu entdecken und zu erleben – selbst unter Corona-Bedingungen. Der Weg liegt vor mir, ich muss ihn nur gehen.

Rückblicke der letzten Jahre: 201920182017

Heute war es zwar wieder viel zu heiß, auch abends noch. Aber die Luft war gut, das Licht war toll – also habe ich mir die Kamera umgehängt und bin einfach mit dem Scooter drauflos getuckert. War mal wieder höchste Zeit für eine abendliche Kontrollrunde. ;)

Und doch wieder Drama-Himmel

Erstmal in Richtung CBD losgefahren. Auch wenn derzeit nichts normal ist, der Verkehr ist es inzwischen wieder, zumindest abends.

Feierabendverkehr

Die Lange Unterhose und der Zhongguo Zun fesseln mich immer wieder. Sind halt schon sehr coole Gebäude.

CBD-Ostseite: Zhongguo Zun und Lange Unterhose (CCTV-Hauptquartier)

Dann biege ich aber Richtung Westen ab und komme an der “kleinen” Kreuzung Dongdaqiao/Chaoyang North Road vorbei. Auf dem großen Monitor läuft einiges querbeet: marschierendes Militär, Restaurantwerbung, Corona-Verhaltenshinweise…

Dongdaqiao

Ein kurzes Stück weiter befindet sich der Dongyue Tempel, der natürlich schon geschlossen ist, außerdem ist eh Montag (= fast alles dicht). Trotzdem ein schöner Anblick. Und ich sollte mal wieder während der Öffnungszeiten hingehen.

Dongyue Tempel

Dann lasse ich mich einfach weitertreiben, Richtung Dongsi.

Zwischendrin immer wieder mal Musik und tanzende Ayis an kleinen Plätzen. Nur die Masken erinnern daran, dass nicht alles normal ist.

Dancing Ayis

Die Dongsi North Street ist links und rechts “eingekerkert”, hier wird irgendwas gebaut. Das ist mir bisher gar nicht so aufgefallen, aber es zieht sich komplett bis zur Kreuzung Beixinqiao so durch.

Dongsi North Street

Von Beixinqiao geht es weiter in Richtung Lama-Tempel. Oh mein Gott! Auf der Yonghegong-Straße tobt das Leben. Hier wird getanzt, gespielt, der würzige Geruch von Chuan’r (gegrillte Fleischspieße) liegt in der Luft. Hach, mein Peking… (Keine Bilder, ich musste das einfach so direkt genießen. Ich muss da die Tage mal gezielt zum Fotografieren hinspazieren.)

So langsam werde ich von Mücken aufgefressen und will nach Hause fahren, verhedder mich aber wie immer an der Nord-Ost-Ecke vom 2. Ring unter den diversen Brücken… Von dort führen echt viele Wege nach Sanyuanqiao – der direkte Weg ist Autos vorbehalten.

Aber als ich die Lotusleuchten auf dem Grand Metropark Hotel sehen, weiß ich auch ohne Navi-App wieder wo ich bin. Als Bonus gab es den Vollmond dazu. :)

Vollmond über Sanyuanqiao

Alltagsbeobachtungen, Anekdoten, die in wenigen Zeilen erzählt sind oder mit einem Bild ausgedrückt werden können – das sind meine “Schnipsel”. Dieses Mal: Müll und Minibrand, Wollmarkt, Wetter.

Müll und Minibrand

An dem Tag, an dem unsere Klimaanlage geschrottet worden ist, hat ein besonders schlauer Raucher seine Kippe in eine Mülltonne geworfen und damit einen kleinen Brand im Nachbarturm ausgelöst. Zum Glück war dieser Dank dort schon fertig erneuerter Feuerlöschanlage schnell gelöscht. Wir haben auch erst Tage später davon etwas mitbekommen – durch die nun eingeführten Änderungen: Mülltonnen raus aus den Treppenhäusern! Seh ich ein, Sicherheit geht vor.

Zeitgleich wurde nun die inzwischen auch in Peking angekommene Mülltrennung direkt in den Haushalten eingeführt: kitchen/food, residual , recycable, hazardous. Die Standortfrage der Tonnen ist noch nicht richtig gelöst, alle paar Tage sucht man nun mit dem Müll in der Hand nach den Tonnen. Es ist halt eine Umstellung, fix vor die Apartmenttür stellen oder 20 Minuten Müllspaziergang. Das Richtige zu tun ist halt nicht immer das Bequemste.

Braucht jemand ‘nen Schlauch?

Aber auch in unserem Turm ist die Anlage nun komplett erneuert, und das ist durchaus beruhigend.

Wollmarkt

Vor ein paar Tagen war ich das erste Mal auf dem Wollmarkt. Für die, die das noch von früher kennen: das Schild “Wool City” gibt es nicht mehr. Dafür ist an der Ecke jetzt ein McDoof.

Wollmarkt – Eingang

Leider bin ich ein bisschen enttäuscht. Das liegt nicht daran, dass mehr als die Hälfte der Geschäfte dort geschlossen sind, sondern auch die Qualität (fast alles mit Kunstfaseranteil) und die Auswahl sind recht begrenzt, die Preise sind allerdings günstig bis okay. Außerdem hier erhältlich: Stoffe, Kleidung und ganz wenig Accessoires (Knöpfe, Borten, Reißverschlüsse etc.). Wenn man auf das in die Hand nehmen verzichten kann, bieten jindong oder taobao sicher mehr Auswahl.

Das einzige, was sich richtig ins Gedächtnis eingebrannt hat: diese beeindruckende Auswahl verschiedener Mopps.

Moppsauswahl

Pandemiebesonderheiten: Temperatur- und Health App-Check am Eingang, maximal 3 Personen pro Geschäft. Viele Geschäfte geschlossen.

Wollmarkt

Adresse:

Anningzhuang Donglu (west of Qinghe Xiaoying Qiao), Haidian District, Beijing
地址: 北京市清河毛纺城, 海淀区清河镇安宁庄东路(近清河小营桥) –  Wolle im 3. und 4. Stock – Täglich geöffnet, 09:30-17:00

Wetter…

Gefühlt regnet es in diesem Sommer bisher häufiger und heftiger als in den Vorjahren. Statistiken dazu kenne ich (noch?) keine. Jedenfalls war es gestern wieder so weit. Den ganzen Tag schon grau und dunstig, nachmittags wird es dann plötzlich noch dunkler und es fängt an zu schütten, und das richtig heftig. Ordentlich Wind dabei, so dass der Regen von allen Seiten kam. Normalerweise bleibt man dann besser drinnen, denn heftiger Regen in Peking kann durchaus gefährlich werden. 2012 sind 77 Menschen im Stadtgebiet ertrunken, nachzulesen hier im Beijinger. Jenseits des Zentrums in den Bergen besteht die Gefahr von Erdrutschen.

Gestern war zuhause bleiben aber keine Alternative, denn ich war ein letztes Mal mit einer Freundin zum Kaffeetrinken verabredet, die Peking heute verlassen wird. Unten in der Lobby war aber klar, dass rausgehen jetzt nicht so gut ist. Trotz Sandsäcken und fleißigen Ayis im Einsatz wurde die Pfütze immer größer.

Ayis und Sandsäcke kommen nicht gegen die Fluten an

Meistens sind die Regenschauer hier ja schnell vorüber, so haben wir unsere Verabredung nur eine halbe Stunde geschoben. In der Tat ließ der Regen nach und ich bin los gelaufen. Wasserfeste Trekkingsandalen haben doch ihre Existenzberechtigung in der Millionenmetropole, denn das Wasser stand weiterhin in den Straßen. Ich war gerade drei Minuten unterwegs, da gingen die Schleusen wieder auf und wegen des blöden Windes bin ich trotz Schirm ordentlich nass geworden. Bei 31 Grad wird einem dann aber nicht kalt. ;)

Neu angelegter Tümpel an der US-Botschaft… ;)

Ich musste dann noch an der US-Botschaft vorbei schwimmen, dann war ich im Café, wo die Klimaanlage zum Glück nicht auf Maximum gestellt war und ich schnell wieder trocken war. 

Da gestern niemand zu Schaden gekommen ist, kann ich es ja zugeben: war einer der coolsten Nachmittage seit langem.

Die chinesische Wirtschaft soll mit verschiedenen Maßnahmen wieder angekurbelt werden. Gleichzeitig ist Sicherheit ganz wichtig. Also gibt es nun sowohl eine gesetzliche Verpflichtung für moderne Feuermelde-Anlagen samt Notausgangs-Beschilderung wie gleichzeitig staatliche finanzielle Unterstützung bei der Installation oder Modernisierung derselben. So wurde es mir hier im Compound zumindest erzählt.

Tagelang waren Arbeiter im gesamten Komplex in den Treppenhäusern und Fluren unterwegs, haben große Löcher in die (abgehängten) Decken gesägt und kleine Löcher in die Wände gebohrt, Leitungen verlegt und so weiter. Letzten Freitag wurde dann auf unserer Etage gewerkelt und gebohrt.

Dann machte es nachmittags „plopp“ und unsere Klimaanlage ging aus. Sicherung rausgesprungen.

Sicherung ging nicht wieder rein.

Klimaanlage ging nicht wieder an.

Tja, es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ein neues Sicherheitsfeature installiert werden soll, dabei aber Leitungen angebohrt werden. Der Kurzschluss hat “nur” unseren Klimaanlagen-Kondensator gekillt, aber immerhin keinen Brand ausgelöst (Die Leitung ist inzwischen repariert worden, uff. Sonst müssten wir womöglich direkt die neue Warnanlage oder die neue Notausgangsbeschilderung testen…)

Neue, beleuchtete Notausgangs-Schilder gibt es auch.

Es dauert – und es wird heiß in der Bude

Unser Vermieter hat sofort einen Worker vorbeigeschickt, der eine Stunde vor sich hin werkelte und dann sagte: Ersatzteil muss bestellt werden. Vermieter brachte abends noch lauter Ventilatoren vorbei, die immerhin etwas Erleichterung gebracht haben. Trotzdem: Die Temperatur stieg und stieg. Nächtlicher Durchzug bei 26 Grad draußen brachte etwas Erleichterung – und ein Rudel Mücken, ich bin wieder von Kopf bis Fuß zerstochen. Immerhin übertragen die Mistviecher hier weder Denguefieber noch Malaria.

Auch am Wochenende wurde weiter gearbeitet, ein weiteres Ersatzteil fehlte, das kam gestern, und es wurde wieder stundenlang gewerkelt. Endlich, nach vier langen Tagen mit 30-35 Grad im Apartment und drei schlaflosen Hitze-Nächten können wir seit gestern Abend die Segnungen einer funktionierenden Klimaanlage dann auch wieder richtig schätzen. Als ich heute Morgen ausgeschlafen und fit wieder auf den Beinen war, hab ich erst richtig gemerkt, wie sehr mich die Hitze ausgeknockt hatte.

Anstrengende Begleiterscheinungen

Das Timing war sensationell – Freitag war laut chinesischem Kalender der Beginn der “Großen Hitze”, 大暑, Dàshu. Und tatsächlich ist es derzeit entsprechend heiß, selbst mit funktionierender Klimaanlage kann das schlauchen. Und ohne… 

Der Vermieter war fast die ganze Zeit da, um die Arbeiten zu beaufsichtigen – und sich mit mir zu unterhalten. Er ist wirklich nett, wir werden demnächst auch zusammen frühstücken gehen (und den bereits angedachten Familienausflug zum ältesten Pekinger Tempel irgendwo in den Bergen machen). Aber stundenlang auf Chinesisch zu kommunizieren (zum Teil mit Hilfe von Übersetzungsapps) ist normalerweise schon unheimlich anstrengend. Aber sich in der schwierigsten Fremdsprache, die man je lernen musste, zu unterhalten, wenn einem die Hitze das Hirn kocht, da platzt einem irgendwann der Schädel.

Ich bin ja einerseits immer total fassungslos-begeistert, wie viel ich selber inzwischen verstehe – und andererseits total gefrustet, weil mein aktiver Wortschatz dahinter deutlich zurückbleibt oder wenn nach Blick auf die App klar wird, dass ich etwas eigentlich hätte verstehen müssen bzw. selber sagen können. Und über Grammatik und Aussprache reden wir besser gar nicht erst.

Nächste Woche blüht mir das noch mal, dann werden die in Folge der Reparaturarbeiten beschädigten abgehängten Decken in Küche und Abstellkammer repariert. Solange sollen wir erstmal beobachten, ob die Anlage jetzt fehlerfrei und ohne zu tropfen läuft (das hatten wir ja vor kurzem erst, das wurde aber am selben Tag noch repariert). 

Lang lebe das Handwerk!

Auch in der Umgebung wird gearbeitet

Das Hotel gegenüber hat wohl auch was an der Klimaanlage erneuert. Das sah dann so aus:

Ohne Netz und doppelten Boden – ungesichert…

Da sind die Fensterputzer (die demnächst kommen müssten) tatsächlich besser gesichert. Und das ist beim Zugucken schon immer Nervenkitzel genug.

Wie auch immer: langweilig wird es hier nie.

Ich wäre inzwischen aber mehr als bereit für positive Abwechslung. Da sind “2 Wochen ohne lokale Neuinfektionen in Peking” schon mal ein guter Anfang. Und auch gut, dass unser Nordtor am Compound morgen wieder geöffnet wird oder dass  jetzt einige bisher noch geschlossene Bars und Restaurants und auch Kinos wieder aufmachen dürfen und sogar – unter bestimmten Bedingungen – Veranstaltungen mit bis zu 500 Personen wieder stattfinden dürfen. Das sind wohltuende Erleichterungen, aber nicht mit Normalisierung verwechseln. Maskenpflicht, Abstandsgebote, Health App(s), Temperaturchecks, Kontaktdaten angeben etc. gehören hier weiterhin zum Corona-Alltag.

 

 

 

Ich habe sicher schon erwähnt, dass ich unser Stadtleben sehr mag? Auch wenn wir keinen tollen Blick über den Chaoyang-Park oder zum CBD mit den ikonischen Gebäuden wie der Langen Unterhose oder dem Zhongguo Zun haben, die Lage ist für uns trotzdem super. Und was die Aussicht angeht: das mögen zwar keine Postkartenansichten sein, aber es gibt immer was zu gucken!

Nur ein paar Minuten bis zur Schule (wird ja irgendwann wieder relevant sein…), ein langer Spaziergang zur Arbeit, mit dem Scooter (fast) alles in Reichweite – was will man mehr. Jetzt muss sich nur noch das blöde Virus in Luft auflösen, dann ist es wieder perfekt.

Jedenfalls, auch wenn ich aus dem Apartment nicht die tollen Postkartenansichten hab, so ist trotzdem immer was los und was zu sehen.

Zum Beispiel morgens beim ersten Kaffee auf dem Balkon – plötzlich rasen lauter Polizeiautos herbei und umstellen das Bürohochhaus gegenüber.

Oder der Blick auf die Baustelle. Das ist inzwischen die vierte Fundament-Etage.

Heute Abend gab es was mit Seltenheitswert: Wolken am Himmel. So richtig schön dramatisch. Wir kennen hier ja sonst entweder nur smoggy-grau oder quietsch-blau.

Richtung Westen

Norden! Man beachte die Berge! Das heisst: die Luft ist (endlich mal wieder) gut!

Nordosten.

Nordwesten etwas später. Drama Baby, Drama! ;)

Und zum Schluss noch mal in Richtung Norden. “Your favorite color is orange; Not a bright orange, but a soft orange, like the sunset.” (Suzanne Collins, Tribute von Panem). Ja, kann ich nachvollziehen.

Das Schuljahr und damit unser fünftes Peking-Jahr gehen zu Ende. Corona-Ferien stehen vor der Tür.

Eigentlich hatte ich mir für dies Jahr soviel vorgenommen: jeden Tag ein (ordentliches) Foto auf Pekingfotos zeigen, ein- bis zweimal in der Woche bloggen (und ein paar Vorhaben mehr). Und dann kam Corona… Zwischenzeitlich lähmt es mich einfach nur, da funktioniere ich so vor mich hin. Für die Jungs da zu sein, das geht immer, da gibt es aber auch so viel zurück, so dass das meine leichteste Übung ist.

Aber darüberhinaus ist es tatsächlich gerade oft schwierig. Für Kreativität fehlt jegliche Energie und innere Gelassenheit. Ich habe keine Schreibblockade, ich schreibe weiterhin täglich. Aber ich mag es nicht veröffentlichen – entweder es ist zu zornig, zu jammernd, zu intolerant. Hoffnung, Zuversicht, Humor – kommt viel zu kurz. Der Optimismus, der mich schon durch viele Krisen (wenn bisher auch noch durch keine Pandemie) getragen hat, hat Sprünge bekommen. 

Fünf Jahre Peking

Mit dem Ende des Schuljahres geht auch unser fünftes Jahr in Peking zu Ende. Die erste Hälfte war wieder voller toller Erlebnisse und Erfahrungen, Reisen und Ausflügen und Besuch aus Deutschland.

Die zweite Hälfte davon war durch Covid-19 geprägt.

2020 haben die Jungs keine fünf Wochen die Schule von innen gesehen: drei Wochen im Januar, acht Tage im Juni. Der Online-Unterricht war lehrerabhängig sehr unterschiedlich, wir hoffen sehr, dass das nach den Ferien besser ist.  Noch ist offen, wann die Schulen in Peking wieder öffnen dürfen. Obendrein ist damit zu rechnen, dass bei erneuten Ausbrüchen (und seien sie noch so klein) Schulen wieder geschlossen werden. Online-Unterricht wird also weiterhin ein Thema sein.

Corona-Ferien. Der Heimaturlaub fällt aus.

Jetzt fangen aber erstmal zwei Monate Ferien an. Ohne die gemischten Gefühle und das Schulhofgewimmel am letzten Schultag: letzte Goodbyes und Abschiede, aber auch Vorfreude auf viel freie Zeit und Reisen. Fällt alles aus. Jetzt ist da nur ein bisschen Erleichterung, dieses seltsame Schuljahr zu Ende gebracht zu haben. Und ja, bei den Jungs ist doch auch Freude auf zwei Monate ohne Schulaufgaben.

Urlaubsreif wie schon lange nicht mehr, fällt Reisen derzeit für uns aus – wir kämen nicht mehr nach Peking zurück. 

Pekinger Hitzesommer mit an die 40 Grad, Pools müssen weiterhin geschlossen bleiben, Provinzwechsel nicht angeraten (ich möchte nicht, weil ich zur falschen Zeit am falschen Ort bin, in einem Quarantänehotel landen, mit genügend Lesestoff könnte ich das allein schon wuppen, aber mit den Jungs dabei? Alptraumvorstellung.). Viele Sehenswürdigkeiten geschlossen oder nur eingeschränkt zugänglich. Trotzdem, irgendwas wird uns schon einfallen.

Die Nachwuchsnerds halten endloses Zocken und vorm Computer hocken zwar für ein tolles Ferienprogramm, aber ich werde sie aus ihren Höhlen locken und der Sonne aussetzen, am Ende verwandeln sie sich sonst doch noch in Vampire…

Goodbye-Season in Corona-Zeiten

Ich fühle mit denen, die Peking jetzt verlassen, wobei da auch jeder seine eigene Geschichte und Wahrnehmung hat: die einen sind erleichtert, dass sie endlich wegkommen, andere sind wehmütig, weil wegen Corona alles so anders ist als das, an was man sich hier gewöhnt und darauf gefreut hatte. Mal abgesehen von der ganz normalen Wehmut, wenn man einen Lebensabschnitt beendet. Wieder andere wollen/müssen weg, und haben noch keinen Flug.

Keine Sommer-/Abschiedsfeste, keine Gruppenausflüge, keine China-Rundreisen zum Abschluss. Und es ist tatsächlich ein Riesenproblem, überhaupt einen Flug nach Deutschland zu bekommen, mal gar nicht zu reden von “bezahlbar”. Von Peking direkt geht das derzeit eh nicht, nur von Shanghai aus. Mit Glück kommt man über Kopenhagen, Zürich oder Wien z.B. nach Europa. Die Flugpreise sind weiterhin jenseits von gut und böse: Google Flights hat mir gerade den Schnäppchenpreis von über 7000 Euro für einen Flug nach Hamburg gemeldet. Pro Person. Eco.

Für uns, die wir zurückbleiben, fehlen die Sommer- und Abschiedsfeste auch. Hier war immer die Gelegenheit, sich von Menschen zu verabschieden, mit denen man vielleicht nicht enger befreundet war, aber mit denen man doch ein Stück gemeinsamen Weges hinter sich hat. Das fehlt. Sehr.

Und konnte man sich in den letzten Jahren immerhin darauf freuen, dass es nach den Sommerferien wieder viele Veranstaltungen und Gruppenausflüge geben würde, also auch viele Gelegenheiten Neuankömmlinge kennenzulernen, fehlt diese Perspektive.

Nicht nur, weil noch völlig offen ist, was im Rahmen von Anti-Corona-Maßnahmen möglich sein wird. Sondern auch, weil es kaum Neuankömmlinge geben wird: bis Oktober gilt noch das Einreiseverbot für Ausländer (das kann durch die Charterflüge für “Essentials” plus Angehörige auch nicht wirklich aufgefangen werden). Es kommen überhaupt weniger Expats nach China, die Schule vermeldet nur eine Handvoll Neuanmeldungen. Die deutsche (und internationale) Community schrumpft.

Gewitterstimmung

Tatsächlich passen Stimmung und Wetter gerade gut zusammen. Aufgeheizt, drückend,  angespannt.

Hier ist es heiß, schon geraume Zeit über 30 Grad, oft näher an den 40 als an den 30. Und schwül dabei, also auch gelegentliche Gewitter. Gestern war es noch zu hell, heute hat es erst nachmittags, aber dann auch abends noch mal gewittert, und ich habe immerhin ein halbwegs brauchbares Bild schießen können.

Gewitter über Peking

Den ganzen Tag lastet die schwüle Hitze auf einem, bremst einen aus. Aber nach dem Gewitter, abgekühlte frische Luft, die selbst mitten in Peking gut riecht, da ist der Kopf dann wieder freier.

Was fehlt ist das Corona-Gewitter. Impfung, kuratives Medikament, Mutation hin zum harmlosen Erkältungsvirus, was auch immer. Das liegt leider noch nicht in der Luft. Aber es ist so, wie es ist. Immerhin sind wir und unsere Familie und Freunde gesund. Hoffentlich bleibt das so, angesichts der Entwicklungen in Deutschland machen wir uns da schon große Sorgen. Nur weil wir keinen Bock mehr haben, wird das Virus nicht verschwinden. Hilft alles nichts, wir müssen uns arrangieren und sehen, wie wir das Beste aus der Situation machen. Wird schon. Irgendwo wird sich doch noch ein Zipfel Optimismus finden lassen.

Welche Schule?

Wenn man mit schulpflichtigen Kindern ins Ausland geht, ist die Frage „welche Schule“ eine der wichtigsten. Wir haben uns vor vier Jahren Gedanken dazu machen müssen. Nachdem ich gelesen hatte, dass es eine deutsche Schule in Peking gibt, habe ich mich damals gar nicht weiter um die anderen internationalen Schulen hier gekümmert. Der Schritt von Hamburg nach Peking ist groß genug, da muss man es Kindern mit zum damaligen Zeitpunkt nur mäßigen Englisch nicht unnötig schwer machen, dachte ich damals und denke ich heute noch. Ich hab es so nicht erwartet, aber in dem internationalen Umfeld hier verbessert sich das Englisch sowieso ganz von selbst.

Das Ankommen in der Schule ist meinen Söhnen leicht gefallen. Etwas, woran ich vor China gar nicht gedacht habe: hier sind alle neu oder waren es noch vor ganz kurzer Zeit. Die Kinder helfen sich gegenseitig und kümmern sich umeinander. Zumindest in den Klassen meiner Jungs war und ist das so.

Schulwechsel und Anerkennung von Abschlüssen

Auch ein anderer Vorteil ist nicht von der Hand zu weisen: Da es sich hier um eine anerkannte deutsche Auslandsschule handelt, ist es für die Kinder einfacher, zurück in Deutschland wieder in der Schule anzukommen – und auch der Zugang zu deutschen Unis sollte problemlos klappen. Mit einem internationalen Schulabschluss kann es Probleme geben, wenn die Fächerkombi nicht stimmt oder bestimmte Stundenumfänge nicht erreicht werden. Man muss da jedenfalls sehr darauf achten.

Ganz so schwierig ist es bei einer deutschen Schule nicht. Wenn man allerdings weiß, wohin man in zwei, drei Jahren (zurück-)geht und vielleicht sogar weiß, welche Schule es dann werden soll, dann sollte man ein Auge auf Fächerkombinationen haben. Latein wird an der DSP derzeit nicht als weitere Fremdsprache angeboten, auch nicht als AG – betroffene Familien haben das jetzt privat organisieren müssen, damit ihre Kinder im kommenden Schuljahr in Deutschland an ihr Wunschgymnasium gehen können.

Alternativen?!

Wenn man so wie wir „draußen“ in Shunyi wohnt, werden viele der internationalen Schulen – BSB, ISB, WAB, Dulwich und wie sie alle heißen – interessant, weil sie dichter dran sind. Für die ganz Kleinen gibt es da zum Teil einen deutschen Zweig. Die Rückmeldungen aus dem Bekanntenkreis, die ich bisher aufgeschnappt haben, verleiten mich zu der Einschätzung: Für jüngere Kinder bis zum Ende der Grundschule super, weiterführende Schule eher durchwachsen, hängt extrem an der konkreten Lehrkraft. 

Es ist aber auch immer alles eine Frage des persönlichen Geschmacks und des eigenen Lebensstils. Was ich über den Compound-Chat z.B. mitbekomme über Parents Association und allerlei Events – es ist mir von allem zu viel und in mir wächst das dringenden Bedürfnis „Bad Moms“ fünfmal nacheinander zu sehen. ;)

Aber das bin ich, andere Eltern sind gut zufrieden. Und das ist doch auch schön, dass es eine gewisse Auswahlmöglichkeit von Schulen gibt, selbst Tausende Kilometer von Deutschland entfernt.

Die DSP – Deutsche Botschaftsschule Peking

Deutsche Botschaftsschule Peking

DSP – Deutsche Botschaftsschule Peking

Weg vom Hörensagen, hin zu dem, was ich kenne: Meine Jungs gehen gerne zur DSP. Das finde ich mit 12 und 14 Jahren wirklich positiv. Wäre die Schule schrecklich, wäre das mit Sicherheit anders. Als wir uns vor fast vier Jahren die Schule das erste Mal angesehen habe, waren wir direkt vom Gebäude, der Ausstattung und der Sauberkeit beeindruckt. Okay, es ist halt auch eine Privatschule und da wir hier in China sind, ist es eben möglich, dass Putzkräfte den ganzen Schultag über für Sauberkeit sorgen.

Die Schulbüchereien (!) – eine für die Kleinen, eine für Sekundarstufe und Erwachsene – bieten viel und gut sortierten Lesestoff. Soweit ich das beurteilen kann, sind auch die Fachräume gut ausgestattet für naturwissenschaftliche Experimente, Kunst und Musik. Die Klassenräume sind mit Smartboards ausgestattet, mit denen auch die Kinder ganz selbstverständlich und souverän z.B. im Rahmen von Projektpräsentationen umgehen. 

Die Mensa bietet täglich drei verschiedene Essen („treudeutsch“/westlich, chinesisch, vegetarisch), Salatbuffet ab Klasse 7, fertig zusammengestellte Salate für die Jüngeren, Tagessuppe und Nachtisch. Ein Hauptgericht kostet derzeit 20 oder 25 RMB, d.h. ca. 2,50/3,20 Euro. Das Essen wird frisch in der Schule gekocht. Außer der Mensa gibt es auch ein Bistro, in dem Brezeln, Wraps, belegte Brötchen und auch Muffins, Joghurt und Obst verkauft werden.

Es gibt einen Schulshop, in dem man benötigte Schulmaterialien wie Stifte, Hefte und Mappen kaufen kann, aber auch jahreszeitliche Kleinigkeiten (Osterdeko, Adventskalender…), Bastelmaterialien, Schlampermäppchen, Becher, Shirts u.a. mit dem Schullogo – und Bücher (nicht nur für Kinder).

Foyer - Deutsche Botschaftsschule Peking

Deutsche Botschaftsschule Peking – Foyer

Das Schulleben/Extras ist bunt und bietet außer den AGs viel Abwechslung und Veranstaltungen. Eine Wanderarbeiterschule wird unterstützt, es gibt Adventskalender- und Nikolausaktionen, Vorlese- und Mathewettbewerb, Beteiligung an aus Deutschland bekannten Aktionen (Vorlesetag, Känguru-Wettbewerb).

Nicht zuletzt sieht sich die Schule auch als Anlaufpunkt für die Deutsche Community in Peking. Lesungen und Konzerte und Feste locken nicht nur Schüler und ihre Eltern. Viele Veranstaltungen der Patengruppe starten hier oder finden hier statt.

Die Schule bietet alle deutschen Schulabschlüsse bis zum Abitur an, auch ein Kindergarten und eine Vorschule gehören dazu.

Lange Schultage

Weil wir halt „draußen“ wohnen, ist der normale Schultag lang für die Jungs: Um 6:55 Uhr fährt der Schulbus am Compoundtor ab, gegen 16:30 Uhr trudeln die Jungs wieder ein. Haben sie AGs in der 9.+10. Stunde, wird es frühestens 18:15 Uhr, mit Pech – rush hour halt – später. Da kommt bei mir doch immer wieder die Überlegung auf, doch in Schulnähe umzuziehen. Noch lehnen die Kinder das aber vehement ab. Wir haben es mit unserer Nachbarschaft aber auch gut getroffen – so gut, dass sie lieber den langen Weg in Kauf nehmen als in die Stadt zu ziehen.

Update im Juni 2020: Wir sind jetzt “Städter”

Vor einem Jahr sind wir umgezogen und wohnen so nah an der Schule, dass die Jungs zu Fuß gehen können.

Das war für uns die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt.

Es ist nicht nur der Zeitgewinn, das Länger-schlafen-können und das Nicht-mehr-im-Stau-stecken, sondern die Jungs – inzwischen Teenager – sind hier unabhängiger, können sich leichter mit Freunden treffen und sind nicht mehr aufs Mama-Taxi angewiesen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Das schulische Lernen, die Inhalte und Methoden, am Ende die Abschlüsse – alles wie in Deutschland. Manche Lehrer werden lieber gemocht als andere, manche Fächer mag man dafür gar nicht, mit den Kumpeln Spaß zu haben und die Pausen sind am Wichtigsten – kennen wir alles aus Deutschland.

Freiwillige AGs kennen wir auch aus Deutschland, hier sind sie aber wichtiger, weil es nicht 50 verschiedene Vereine und Verbände, Musikschulen, Freizeitzentren gibt.

War es in Hamburg die Ausnahme, dass mal ein neues Kind in die Klasse kam, gilt hier, dass alle neu sind oder es vor kurzem noch waren. Das hilft beim Ankommen (siehe oben).

Smog

Gute Luft in Peking!

So gute Luft ist hier selten. Sehr selten.

In Deutschland wird inzwischen zwar auch über Feinstaubbelastung gesprochen, aber wir leben jetzt in Mega-Smog-City.  Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Schule. Die verfügt über eine gute Luftfilteranlage, die auch an richtig schlimmen Smog-Tagen für atembare Luft sorgt. Das Problem sind Pausen, Sportunterricht und AGs – alles, was nicht drinnen stattfindet. Bisher gab es die Regelung, dass ab einem AQI von 250 keiner mehr raus darf. In den Pausen wird die Sporthalle geöffnet, damit die Kinder sich dort austoben können. So riesig ist die Sporthalle leider nicht und dadurch an Smog-Tagen ziemlich überfüllt. AQI 250 ist der höchste Grenzwert im Vergleich der internationalen Schulen, bei allen anderen liegt es drunter.

Die Luft in Peking ist zwar immer noch oft übel – aber es wird doch von Jahr zu Jahr besser. Aktuell wird der Vorschlag in den Gremien diskutiert, diesen “Grenzwert” auf 200 abzusenken – den Wert, den die meisten anderen  internationalen Schulen auch haben – und der verglichen mit deutschen/europäischen Grenzwerten immer noch absurd hoch ist.

Update

Inzwischen wurde der Grenzwert auf 200 abgesenkt!

Fazit

Wenn Schulen sich präsentieren, zeigen sie gerne nur die Sonnenseite. Wenn man an einem Punkt nicht ganz überzeugt ist: nachhaken. Noch besser ist es natürlich, wenn man Bekannte hat, die man fragen kann. Bei den großen Arbeitgebern sollte das möglich sein. Dabei nicht vergessen: Meinungen und Geschmäcker sind verschieden, so findet sich hier im Blog natürlich mein Geschmack und meine Meinung.

Und welche Schule soll man denn nun wählen, wenn alles mit den Fremdsprachen machbar ist, die Fahrzeit in Ordnung geht und Übergänge problemlos laufen sollten? Wenn man alle Sachargumente gegeneinander abgewogen hat und auch dann noch zu keiner Entscheidung kommt? Wenn der Kostenfaktor nicht ausschlaggebend ist? Dann könnte man doch auch ein bisschen auf sein Gefühl hören.

Wir haben bei unserem Peking-Kennenlern-Trip die Schule besichtigt. Mir haben die Räumlichkeiten und die Atmosphäre auf Anhieb gefallen und noch wichtiger: auch die Kinder haben sich wohl gefühlt. Das gute Gefühl hat uns bislang nicht getrogen, die Kinder sind gut aufgehoben an der Schule und werden gefördert und gefordert. Natürlich gibt es auch mal doofe Schultage, ungerechte Lehrer und organisatorische Schwierigkeiten. Aber wo gibt es das nicht? Solange es die Ausnahme bleibt: alles ok. Wir würden uns jedenfalls auch aus heutiger Sicht wieder für die DSP entscheiden.

Weitere Informationen über die Deutsche Botschaftsschule auf der Schulwebseite!

Webseite von Schülerinnen für Schüler: dieschuelerpekings.com

Hier gibt es eine durchsuchbare Übersicht über alle (?) internationalen Schulen in Peking.

Und auch bei Beijing Kids findet sich ein “School Choice Guide“. Leider fehlt hier die Deutsche Schule, liegt wohl daran, dass es keinen englischsprachigen Zweig gibt (auch wenn einzelne Fächer auf Englisch unterrichtet werden, bei meinen Jungs Erdkunde ab Klasse 7).

Hinweis

Beitrag aktualisiert im Juni 2020!

 

Im Januar waren die Jungs drei Wochen in der Schule. Dann kam Corona, und seit dem nicht mehr. Mit viel Vorfreude, aber auch gemischten Gefühlen haben wir die Wiedereröffnung der Schule erwartet. Ist es wirklich sicher? Lohnt sich der Aufwand für die knapp vier Wochen bis zu den Ferien? Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Kumpeln hatte die Oberhand. So trafen sich meine Jungs am Dienstagmorgen mit einem Schulfreund und sind zum ersten Mal seit Januar zur DSP – Deutschen Botschaftsschule gegangen.

Homeoffice im Schulgebäude?

Kein Splitten der Klassen nötig, keine Gruppenbildung, kein Schichtbetrieb. Da wäre doch fast normaler Unterricht möglich? Leider nicht, inhaltlich hatte sich schon vor dem Start etwas Ernüchterung eingestellt, als per Mail das Prozedere erläutert wurde. “Unterricht” findet zwar während der normalen Unterrichtszeiten statt – aber nicht nach Stundenplan, sondern mit Wochenplänen. Nur Sport, Kunst und Musik werden tatsächlich unterrichtet, ansonsten werden die Klassen vom Klassenlehrer und 3 weiteren Lehrern im Wechsel beaufsichtigt. Im Prinzip findet der Online-Unterricht nun in den Schulräumen statt – nur unter schlechteren Bedingungen:

  • Technisch (die Jungs haben Desktoprechner, für die kurze Zeit schaffen wir sicher keine zusätzlichen Laptops an, wenn es dann bald wieder heißt: “in Schönschrift ins Heft”)
  • Hitze – die Klimaanlage darf erst ab 32 Grad im Raum angestellt werden
  • Unterstützung – es stehen zwar viele Fachlehrer zur Verfügung, die aufsichtsführenden Lehrer haben Listen, wer wo zu finden ist. Die Hemmschwelle, das zu nutzen, scheint bei den Kindern aber recht groß – zuhause reicht ein “Mamaaaaa?”
  • Was weiterhin fehlt: Erklärungen und Einordnungen der Lehrer über die Buchtexte hinaus, jetzt nicht mal mehr per WebEx.

Tatsächlich haben es nach 15 Wochen Online-Schule einige Lehrer noch immer nicht geschafft, mehr anzubieten als “Lest Seite 56 und bearbeitet die Aufgaben 1-5”. Achja, eLearning? Guckt bei Anton (oder einer anderen Lernplattform nach) – könnte man auch mit “googelt das halt” übersetzen. Sagen wir mal so, sich Lernstoff eigenständig zu erarbeiten, haben meine Jungs jetzt wirklich gut drauf. 

Warum ist das so?

Etwa ein Drittel der Schüler ist nicht in Peking und muss natürlich auch unterrichtet werden. Das lief unter dem Stichwort “Doppelbeschulung”. Das sieht nun aber nicht nach doppelt, sondern nach sehr einfach aus, und ich könnte mir andere, deutlich bessere Lösungen vorstellen. Aber für die paar Tage bis zu den Ferien kann man das notfalls halt so machen.

Ein paar Tage bis zu den Ferien? Möglicherweise wird ein Teil der Schüler erst im November wieder zurückkehren können (Einreiseverbot für Ausländer, es werden wohl nicht alle auf die Handelskammer-Charterflüge kommen können). Tja, und deshalb soll das nach den Ferien so fortgesetzt werden. Entschuldigung, das geht gar nicht.

Luft nach oben ist ja immer, und mir ist klar, dass das verglichen mit Schulen in Deutschland jammern auf hohem Niveau ist. Allerdings zahlt man in Deutschland auch keine Schulgebühren. Aber selbst ohne diesen Aspekt: es gibt so viele Möglichkeiten, und es ist ein Jammer, das diese nicht genutzt werden.

Trotzdem sind die Jungs schon sehr froh, endlich wieder zur Schule gehen zu können. Wie für viele andere Kinder ist auch für sie der soziale Aspekt das Wichtigste an Schule. An die besonderen Umstände – Temperaturchecks, Maskenpflicht, markierte Laufwege etc. – kann man sich gewöhnen. Und in drei Wochen sind schon wieder Ferien – die sich zu Corona-Zeiten voraussichtlich viel länger anfühlen werden als normalerweise. Von daher ist es echt gut, dass die Schule wieder gestartet ist. Auf Normalität müssen wir aber weiter warten.

 

Ab und zu erreichen mich Fragen aus Deutschland, wie weit es sich denn inzwischen in Peking/China normalisiert hätte. Das stößt bei mir leider auf wenig Verständnis, denn mein Leben normalisiert sich leider bisher gar nicht. Für Leute, die arbeiten gehen müssen/dürfen, ist das vielleicht etwas anders. Bevor nicht beide Jungs wieder zur Schule gehen, ist für uns aber mit Normalisierung nicht zu rechnen, und bis das Leben wieder richtig normal ist, dürfte wohl noch mehr Zeit vergehen.

Ein Datum für die Wiedereröffnung der Schulen gibt es weiterhin nicht, was heute auch noch mal in einem Elternbrief der Schule mitgeteilt wurde. Ob es nach den Osterferien losgeht? Ich fürchte nicht, befürchte eher, dass die Jungs in diesem Schuljahr die Schule nicht mehr von innen sehen werden. Würde mich extrem freuen, wenn das anders kommt.

Maskenpflicht, überall Temperatur- und Zugangskontrollen; immer mehr Parks, die den Zugang begrenzen,  damit das Abstandhalten möglich bleibt. Für Parks, für die Eintritt zu zahlen ist, wird empfohlen, vorab Tickets online zu kaufen. 

Normalisierung ist auch nicht, dass man sich an das Unnormale gewöhnt hat.

Dass draußen vorm Fenster der Frühling angekommen ist, macht das Drinnenhocken nicht leichter. Vor einem unserer Fenster befindet sich aber auch eine Baustelle, paradoxe Welt, dass man sich freut, dass da wieder gearbeitet wird. Okay, das lass ich als winzig kleinen Schritt in Richtung Normalität gelten. (Gleicht den Rückschritt, dass Chinas Grenzen für Ausländer vorerst komplett dicht sind, aber nicht aus.)

Wenn man nachts wach wird, und es vorm Fenster flackert, dann brennt nicht die Bude ab, sondern auf der Baustelle wird auch mitten in der Nacht noch geschweißt…. 

Quarantine Cook-off, zweite Woche

Der Quarantine Cook-off von The Hutong ging in die zweite Woche. Ich hab wieder mitgemacht, weil es Abwechslung in den Alltag bringt. Food-Fotografie und eine Mahlzeit zu inszenieren und abzulichten anstatt sie zusammen zu genießen – das ist nicht mein Ding und das werde ich auch jetzt nicht anfangen. Aber fix knipsen, das geht. Sieht vielleicht nicht so toll aus, war aber sehr lecker.

MaLaXiangGuo

Das zweite Gericht während des vierwöchigen Quarantine Cook-off von The Hutong: MaLaXiangGuo - Würzig-scharf-duftend-Topf mit einer Vielzahl von frischen Zutaten, Gewürzen und einer Würzpaste “Sichuan Pixian Chilibohnenpaste”.
Gericht: Hauptgericht
Land & Region: Chinesisch
Keyword: Fleisch
Portionen: 4 Portionen

Zutaten

  • 200 g Schweinebauch
  • 100 g Lotuswurzel
  • 100 g Spargelsalat Stammsalat, chinesischer Salat, "lettuce stem"
  • 1 Block Räuchertofu kleiner Block
  • 200 g Broccoli
  • 100 g Bambussprossen
  • 100 g Sellerie
  • 200 g gemischte Pilze Champignons, Enoki, Austernpilze, Seitling... was man halt bekommt
  • 50 g Lauch
  • 10 Knoblauchzehen
  • 15 g Ingwer
  • 1-2 Korianderstiele
  • 3 EL Sichuan Pixian Chilibohnenpaste kann durch Tomatenmark ersetzt werden
  • 1 EL Austernsauce
  • 2 EL helle Sojasauce
  • 1-2 EL Kochwein kann mit Sherry ersetzt werden - oder weglassen
  • 2 TL Zucker
  • 1 TL Salz
  • 100 ml Pflanzenöl
  • 1-2 TL Sesamöl
  • 1 EL Sichuanpfeffer
  • 80 g getrocknete Chilischoten
  • 1 TL Fenchelsamen
  • 3 Stück Sternanis
  • 2 Lorbeerblätter
  • 1 Stück Zimtrinde

Anleitungen

  • Schweinebauch in dünne Scheiben schneiden.
  • Gemüse, Pilze, Tofu und Würzgemüse (Lauch, Knoblauch, Ingwer) kleinschneiden.
  • Koriander grob hacken.
  • Lotus, Spargelsalat und Broccoli kurz blanchieren, abschrecken.
  • Öl im Wok erhitzen, Gewürze hinzufügen, wenn diese duften, die Chilibohnenpaste und den Schweinbauch dazugeben. Ständig rühren!
  • Wenn der Schweinebauch braun zu werden beginnt und das Fett austritt, Knoblauch, Ingwer und Lauch zufügen.
  • Sobald es knofelig duftet, Pilze dazugeben. Etwa zwei Minuten weiterbraten und -rühren.
  • Nun das restliche Gemüse und den Tofu zugeben und weitere 2-3 Minuten braten und rühren.
  • Mit Kochwein, Sojasauce, Austernsauce, etwas Salz und Zucker abschmecken.

Zum Anrichten mit wenig Sesamöl besprenkeln und mit Koriander garnieren. Mit Reis servieren.

    Das Gericht gibt es in unzähligen Varianten, erlaubt ist was gefällt, geht auch mit Hühnchen oder ganz ohne Fleisch. Hier gab es die Woche noch eine vegane Version mit Lotus, Paprika und Pilzen.

    Das war jedenfalls schon etwas anspruchsvoller und aufwendiger als letzte Woche. Jetzt bin ich gespannt, was nächste Woche auf dem Speiseplan stehen wird – das ist auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung im Pekinger Wohnungsknast.

    Osterferien

    Hurra, Ferien. Hurra? Neun Wochen Online-Schule liegen hinter uns bzw. hinter den Jungs, und eine Pause haben sie sich redlich verdient. Aber unseren Corona-Knastalltag wird es nicht wesentlich ändern. Was für ein Unterschied zu den letzten Ferien, den Chinesischen Neujahrsferien, die hier noch begeistert begrüsst wurden. Die Jungs haben dieses Jahr die Schule tatsächlich nur drei Wochen von innen gesehen, im Januar zwischen Weihnachts- und Neujahrsferien. Schaun wir mal, wann es soweit ist, dass sie wieder hinmüssen/-dürfen. Wie gesagt, ich fürchte, dass wir da noch viel Geduld brauchen werden.

    Ein Highlight in China ist sicherlich die chinesische Küche, wobei es in Wahrheit nicht „die“ chinesische Küche gibt, sondern eine unglaubliche Vielfalt aus den verschiedenen Regionen. Wer mehr darüber lernen und erfahren möchte, dem möchte ich zum einen ein Buch: Culinaria China, zum anderen die Kochworkshops im „The Hutong“ ans Herz legen. Eine leckere Möglichkeit, sich dem Reich der Mitte über die Esskultur anzunähern!

    Culinaria China – wer es bekommt, sollte die alte Hardcoverausgabe bevorzugen, inhaltlich nur minimal abgespeckt die neue broschierte Ausgabe. Mit diesem Buch kann man sich auf eine Reise durch China machen und lernt etwas über die jeweiligen Regionen und deren Küche. Umfangreiches Sach- und Rezeptregister machen das Wiederfinden von Rezepten leicht. Von meinen chinesischen Bekannten werden die Rezepte als authentisch eingestuft und natürlich kann man sich, wie bei jedem anderen Kochbuch auch, inspirieren lassen, variieren und dem eigenen Geschmack folgen.

    Tolle Kochworkshops!

    Für die Kochworkshops im The Hutong muss man nicht in Peking leben, man kann sie man auch bei einem kurzen Pekingaufenthalt gut einbauen, vielleicht anstatt Mittagessen zu gehen: das Essen selbst zubereiten und dann genießen. Man könnte zum Beispiel gleich morgens um 9 Uhr den ganz in der Nähe gelegenen Lama-Tempel besichtigen (auch wenn man dann nur eine Stunde Zeit dafür hat, mehr Zeit hat man bei organisierten Pekingreisen aber auch nicht), dann die Yonghegong Street Richtung Süden zur Dongsi North Street entlang spazieren, die große Kreuzung überqueren und ganz kurz danach vor der Post links in den Shique Hutong einbiegen. Oder gleich mit der U-Bahn bis zur Station Beixinqiao fahren.

    Dann wird es etwas kniffelig, aber wenn man sich für einen Workshop angemeldet hat, bekommt man mit der Bestätigungsmail eine idiotensichere Wegbeschreibung (ich weiß das, mein Orientierungsvermögen ist armselig). Um 10:30 Uhr beginnen die Vormittags-Workshops, weitere gibt es nachmittags und abends, aktuell kostet ein Workshop ohne Ermässigung 300 RMB.

    Ich habe inzwischen 5 Kurse dort besucht, zufällig alle bei Sophia. Sie stammt aus der Inneren Mongolei, und ist quirlig, engagiert, dynamisch, mitreißend! Sie spricht hervorragend Englisch – und sagt immer, sie sei nicht wegen ihrer Kochfähigkeiten, sondern wegen ihres Sprachvermögens dort beschäftigt. Ersteres ist definitiv tiefgestapelt! Sophia beginnt die Kurse stets mit einer kurzen (!) Vorstellungsrunde – mag nur ein Nebenaspekt sein, aber oft befindet man sich dort in internationaler Runde mit Menschen von allen Kontinenten, was absolut positiv für die Atmosphäre ist. Die Teilnehmerzahl bewegt sich zwischen 5 und 16-20 (?) Personen, wobei größere Gruppen dann einen zweiten Chief bekommen und auf zwei Küchen verteilt werden – die Gruppe bleibt also klein genug für individuelles Lernen. Bei der Vorstellungsrunde wird klar, ob Teilnehmer zum ersten Mal dabei sind, dann gibt es eine ausführliche Einführung in die regionalen Chinesischen Küchen und deren Besonderheiten; sind nur Wiederholungstäter da, wird das etwas abgekürzt.

    Im Norden sind Nudeln und Nudelgerichte zuhause, die im Süden nicht gegessen werden, dort wird Reis bevorzugt. Im Norden ist die Küche generell etwas milder als im Süden, wo die schweißtreibende scharfe Küche bevorzugt wird, das Schwitzen sorgt für Abkühlung…

    Input!

    Gewürze

    Dann werden die wichtigsten Gewürze vorgestellt, wer mag kann auch probieren: neben Salz und weißem Pfeffer sind dies helle und dunkle Sojasoße, Reiswein, Reisessig, Sesamöl, Chili, Ingwer, Knoblauch und Zucker, sowie – Sichuanküche! – Sichuanpfeffer. Je nach Rezept kommen weitere Gewürze hinzu, nicht alles wird immer verwendet, dafür kommen andere würzende Zutaten wie eingelegte Gemüse, Bohnenpaste, Chiliöl oder oder oder hinzu. Anschließend stellt Sophia die Rezepte des Tages vor, in der Regel sind es drei Gerichte, die gekocht werden. Sie erläutert die Herkunft, die Besonderheiten, spezielle Zutaten und den Umgang damit. Die eher langweilig-mühseligen Vorbereitungsarbeiten (rohes Fleisch vom Knochen lösen, Gemüse waschen…) werden vorab von Ayis erledigt, eine ist auch während des Workshops dabei und achtet darauf, dass reichlich Tee und Wasser fließt, kocht Reis, räumt Abfälle direkt weg. Das ist nicht nur ein bisschen Luxus, man kann sich dann auch besser auf das Wesentliche konzentrieren.

    The Hutong - Küche

    The Hutong-Küche

    Das war dann auch genug Theorie, dann wird geschnippelt. Halt – doch noch etwas Theorie: knife skills! Gearbeitet wird mit einem großen chinesischen Messer, mörderisch scharf, und bevor man sich damit die Finger absäbelt, bringt Sophia (oder andere chiefs) einem zunächst den richtigen Umgang damit bei: wie fasst man es an, wie schneidet man dieses oder jenes Gemüse am besten? Meine Knoblauchpresse liegt seit dem ersten Kurs übrigens in der Ecke, mir gefällt die chinesische Methode: Ende abschneiden, Knoblauchzehe mit herzhaftem Bums aufs Messer plattklopfen, Haut einfach abziehen, fix kleinhacken, fertig. Geht viel schneller als die Hautabpfriemelei…

    Push! Turnover! Quick!

    Dann werden alle Zutaten vorbereitet, jeder muss ran, jeder bekommt ein bisschen Ingwer, Knofi, Gemüse und muss das Gelernte umsetzen und erst wenn alles fertig vorbereitet, gegebenenfalls mariniert ist, geht es an den Gasherd. Jeweils zwei Leute müssen ran und unter Sophias strenger Aufsicht pfannenrühren, weitere reichen andere Zutaten an, fügen Gewürze hinzu etc. Jeder kommt dran, drücken geht nicht – aber so lernt man alles. Push! Turnover! Quick! Quicker! Stehen eher scharfe Rezepte auf dem Speiseplan, wird abgefragt, wer scharf und wer lieber weniger scharf ist, dann werden gegebenenfalls zwei Varianten zubereitet. Spätestens jetzt ist Zeit für das erste Tsingtao! :)

    Dank Ayi ist der große Tisch inzwischen freigeräumt und gedeckt und dann können die selbstgebrutzelten Köstlichkeiten genossen werden, Zeit für Fragen und Antworten, für Smalltalk – was unterscheidet eigentlich südamerikanische Schärfe von chinesischer? Ulkig, Fleischklößchen gibt es offensichtlich überall auf der Welt. Oh, und Teigtaschen wohl auch! Man entdeckt Unterschiede und Gemeinsamkeiten…

    The Hutong

    So ein Workshop ist definitiv ein Erlebnis und selbst am Ergebnis beteiligt zu sein: dann schmeckt es nochmal so gut. Den jeweils aktuellen Plan findet man hier auf der Webseite unter Calendar, der Anmeldeprozess ist ganz einfach. Ich habe bisher die Kurse Tastes of China B, Streetfood A, Sichuan B, Saisonales Gemüse/Februar und Neujahrsspezialitäten besucht – und habe mir fest vorgenommen, weiterhin etwa einmal im Monat einen Workshop zu besuchen. Gerne würde ich auch die anderen Angebote (Marktbesuche, Vorträge, Stadtteilspaziergänge, Ausflüge oder sogar Reisen) einmal wahrnehmen, das ist sich bislang terminlich nicht ausgegangen.

    Meine Männer sind ja leider eher von der deutschen Schnitzelmafia. Nichtsdestotrotz mögen zumindest die beiden Kurzen inzwischen zum Beispiel Gong Bao Ji Ding: Hühnchen mit Erdnüssen und Sichuanpfeffer – wenn es ein chinesisches Nationalgericht gibt, dann ist es vielleicht dieses traditionelle aus der Sichuanküche stammende Gericht. Es gibt unzählige Varianten, auch vegetarisch – nur ohne Erdnüsse und Sichuanpfeffer ist es kein Gong Bao mehr!

    Überhaupt essen wir inzwischen auch von mir gekochtes wesentlich schärfer als noch vor zwei Jahren, treudeutsche Küche kommt uns jetzt oft einfach zu fad vor! Allerdings – während ich dies geschrieben habe, steht Männe in der Küche und kocht Omas Tomatensuppe…

    Käsekuchen ohne Boden

    KOB in China

    Dieses usselige Stück Kuchen ist vielleicht nicht schön, aber lecker, heiß erseht und eine Premiere: Käsekuchen ohne Boden – vielen auch bekannt als KOB ;) – hergestellt mit chinesischen Bordmitteln. Wie ich sicher schon mal beklagt habe, ist Quark hier Mangelware und im Supermarkt vor Ort nur ganz selten zu haben. Bei einer Stunde Fahrzeit und über 30°C ist mitbringen aus der Stadt (wenn dort überhaupt im April Gourmet erhältlich) auch keine Alternative. Und über den kläglich gescheiterten Versuch, selber Quark herzustellen, möchte ich nicht schreiben…

    Heute habe ich dann den Tipp einer Freundin, Joghurt und Philadelphia zu mixen, ausprobiert und: tadaaa, es gibt eine Lösung für unser KOB-Problem! Sie macht allerdings KMB – also nur 750 g “Quark”masse – mit Boden, d.h. ich musste mit den Mengen tüfteln.)

    Hier nun das Rezept zum Nachmachen für alle anderen in China gestrandeten KOB-Süchtigen:

    200 g ungesalzene Butter
    250 g weißen Zucker
    5 mittelgroße Eier (mit Quark in Deutschland nimmt man 6, aber der Teig wird sonst zu flüssig)
    500 g möglichst festen Joghurt (meiner kam aus der Flasche und war etwas dickflüssiger als Buttermilch)
    500 g Philadelphia (den steinharten amerikanischen Import aus den 250g Alupäckchen mit Kartonumverpackung, gibt es immer bei Jenny Wang)
    1-2 TL abgeriebene Zitronenschale (oder wenn man den gewachsten, gespritzten, gepimpten Zitronen hier nicht traut: 1 TL Zitronenessenz, gibt’s bei Jenny)
    1 Päckchen Vanillezucker (aus Deutschland mitgebracht, sonst 1 guter EL selbstgemachten Vanillezucker: pro 100 g Zucker eine Vanillestange aufschlitzen und 14 Tage im verschlossenen Glas stehen lassen, gelegentlich schütteln).
    2 Päckchen Vanillepuddingpulver (aus Deutschland mitgebracht – sonst 80 g Stärke plus 2 EL Vanillezucker)

    Butter schaumig rühren, Vanillezucker, Zitrone und Zucker zufügen, danach die Eier. Joghurt und Philadelphia zugeben, dann Puddingpulver. In gefettete Springform 26 cm Ø füllen, ab in den Ofen.

    In Deutschland würde so gebacken: 165° C Umluft mind. 50 min. backen, bis oben goldgelb, Kuchen im Ofen auskühlen lassen. Mit chinesischem Gasofen: 210°, leeres Backblech auf die unterste Schiene, Kuchenform auf den Rost/mittlere Schiene stellen, eineinhalb Stunden backen, nach 50 Minuten alle 10 Minuten nachsehen und neu einschätzen…

    Beim nächsten Mal werde ich die Eier trennen und den Eischnee zum Schluss unterheben, außerdem den Philadelphia zuerst weich rühren und dann mit dem Joghurt mischen und dann zur Butter-Eigelb-Masse hinzufügen. Fürs Backen hab ich noch keine bessere Lösung.

    Aber: es ist ein KOB und er schmeckt! :) Wir sind gerüstet für die kommenden Geburtstagsfeiern! :)

    Meine Tochter und ich sind in der Unterzahl, in unserer Familie steht es 2:5. Hier in Peking steht es sogar nur 1:3. Verflixte Männerübermacht, die – Achtung, ein Klischee – eine Vorliebe für Schnitzel hat. Ich weniger. Also hat Männe lange Jahre probiert und experimentiert und es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Mit seinen Suppen muss er noch üben, aber bei den Schnitzeln gibt es nichts mehr zu meckern. Für unsere mäkeligen Kurzen ist das sogar das Lieblingsessen.

    Als dann kürzlich Nummer 4 in der Schule gefragt wurde, ob und was die Kinder an Essbarem zum Schulflohmarkt für den guten Zweck beitragen – es wird mit dem Projekt Candlelight eine Wanderarbeiterschule unterstützt, mehr Informationen auf der Schulwebseite – war es für den Junior klar: wieder Schnitzel. Das haben er und Männe schon beim letzten Flohmarkt angeboten und es lief super. Junior hatte dann auch schon alles klargezogen, und uns danach erst informiert – da hat er Glück gehabt, dass Männe tatsächlich Zeit hat.

    Normalerweise kaufen wir Fleisch hier draußen bei uns im auf Westler ausgerichteten Supermarkt. Aber für so eine Aktion braucht man ja ein paar Grämmchen mehr, also habe ich eine Freundin gefragt, ob sie nicht zufällig was vom Sanyuanli-Markt braucht – Glück gehabt, sie brauchte. Zu zweit ist es ja doch netter, den weiten Weg in die Stadt hineinzufahren, wobei wir Glück gehabt haben, und es zwar Stockungen aber keinen Stillstand gab. Einen Parkplatz gab es auch genau gegenüber vom Markt, alles perfekt.

    Der Sanyuanli-Markt

    Der Sanyuanli-Markt ist eine Pekinger Institution. Hier kaufen Restaurantschefs und Hobbyköche, aber auch Otto Normalchinese. Es gibt einfach alles, was man in der Küche brauchen könnte. Ich bin eine Weile nicht dort gewesen, konnte es anfangs nicht so richtig greifen, aber etwas war anders. Der Bäcker gleich vorne an ist neu, da war vorher ein Obststand, aber das war es nicht. Dann sah ich eine Frau mit Besen und der Groschen fiel: Es wirkte alles deutlich aufgeräumter und sauberer, der Gang war frei – der Markt befindet sich in einem langgezogenem Gebäude, ein Gang in der Mitte und links und rechts die kleinen Verkaufsstände. Auch alles schön sortiert: Vorne an finden sich jetzt Backwaren, dann haltbare Importware wie Kaffee, Kakao, Konserven, dann Obst, später folgen Geflügel, Schwein, Rind und Schaf, dann gibt es Gemüse, dann Fisch und Meeresfrüchte…

    Und es riecht natürlich immer entsprechend! Als wir an den Fischständen vorbeigegangen sind, musste ich an den Markt in Liuku denken, wo es noch intensiver gerochen hat, wo die Gänge kreuz und quer gingen, es noch bunter und viel chaotischer war, wo mir dann ein Fisch vor die Füße gesprungen ist und es doch einen Moment gruselig war. Aber heute blieben alle Fische brav (und tot) auf den Tischen liegen, auch aus den Bottichen und Tüten (ja, Fische in wassergefüllten Tüten) ist nichts herausgesprungen – puh.

    Fertig?

    Wir haben unsere Einkäufe erledigt: Reichlich Schnitzelfleisch für den Schulflohmarkt, dann Geflügel zum Einfrieren für uns privat, dazu etwas Gemüse – am Ende waren wir schon ordentlich bepackt und sind umgedreht, den langen Gang zurück zum Ausgang.

    Wir waren gerade wieder beim Fleisch angekommen, da höre ich das Klicken einer Kamera und sehe hoch und in ein großes Objektiv hinein. Ja klar, der Markt ist wirklich ein beliebtes Ziel für Fotografen. Es war allerdings nicht nur ein Fotograf, sondern es war eine Gruppe Japaner, alle mit Kameras bewaffnet – und alle konnten sich nicht über die beiden Langnasen einkriegen, die einen Großeinkauf auf einem chinesischen Markt getätigt haben. Man hat sich gegenseitig zugerufen und die Gruppe (samt Hocker für die bessere Perspektive von oben) zusammen getrommelt, nein, wie unfassbar exotisch, kicher, gacker, kreisch. Ich guck meine Freundin an – sie grinst, ich grinse, die Verkäuferinnen und Verkäufer an den Seiten grinsen und irgendjemand lacht los und irgendwann lachen wir alle, der ganze Markt. Der Wahnsinn.

    Irgendwann können wir uns lösen, kommen noch an ein paar japanischen Nachzüglern dabei, müssen immer wieder kurz stehen bleiben und uns ablichten lassen. Gerne hätte ich zurückfotografiert, aber ich war zu schwer bepackt, keine Chance. Endlich kommen wir zum Auto und können fahren.

    Für mich war das jedenfalls der lustigste Marktbesuch überhaupt – und auf dem Flohmarkt gibt es dann morgen sicher die fröhlichsten Schnitzel der Welt.

    Gestern war ein trüber, grauer Tag, und da man sich ja manchmal selbst einfach am Schopf packen und aus dem Sumpf ziehen muss, habe ich kurzerhand doch noch zu “meiner” Kochschule “The Hutong” Kontakt aufgenommen und das Zutatenpaket für deren “Quarantine cook-off” bestellt.

    In dieser Woche ging es los: Vier Wochen lang veröffentlicht “The Hutong” ein Rezept und ruft zum Nachkochen auf. Wer mag, kann Fotos bei WeChat Moments oder Instagram veröffentlichen und damit auch an einem kleinen Wettbewerb teilnehmen. Klar, gewinnen ist schick, aber mir geht es gerade um Abwechslung im Alltag und im Speiseplan. Erst hab ich mich geziert, weil diese Woche “pickled Kohlrabi” in Wahrheit nicht so wahnsinnig lecker klingt. Aber wie gesagt, gestern war ein echt mieser Tag, dafür nehme ich dann auch das in Kauf.

    Keine Sorge, das wird hier kein Foodblog (ich würde mich sonst auf die Dauer wohl auch eher bei “Worst of Chefkoch” wiederfinden), aber im Moment nehme ich gerne jede denkbare Abwechslung mit, die auch innerhalb der eigenen vier Wände machbar ist. Für mich steht bei dem Event die Abwechslung im Vordergrund, sowohl im Tagesablauf als auch im Speiseplan (wenn es nach den nimmersatten Teenagern geht, würde es hier abwechselnd nur Pasta Bolognese, Hühnerfrikassee, Kung Pao Chicken, Kartoffelsuppe mit Würstchen und Schnitzel geben – bloß nicht zu viel giftiges Gemüse…).

    Heute Morgen bin ich dann für Wohnungsknast-Verhältnisse früh aufgestanden, weil ja mit der Lieferung zu rechnen war. Erster Blick aus dem Fenster (leider nicht für die Nachwelt festgehalten): guter Tag, Berge sehr detailliert in Sicht = gute Luft. Zwar immer noch grau, nachts hatte es geregnet, aber im Vergleich zu gestern schon ein recht charmantes hellgrau… ;) 

    Auf dem Weg zur Kaffeemaschine der Blick auf meine Tulpen, die ich am vergangenen Wochenende gekauft hab – achja, ein paar Blümchen müssen sein.

    Indoor-Frühlingsboten

    Etwas später kam die SMS, dass die Lieferung gestartet ist – könnte ich besser chinesisch lesen, hätte ich das live tracken können. So kann ich nur schätzen (bin aber selbst oft genug mit dem Scooter von hier nach dort unterwegs gewesen), und bin rechtzeitig in Jack und Büx, so dass ich sofort losstürmen kann, als der Anruf kommt:
    “Bin da, aber das Tor ist zu.”
    “Bitte geh zum Haupttor, das Südtor – ich komme runter”
    “Okay!”
    Dasss ich mit meinem Pidgin-Chinesisch sogar mal am Telefon so halbwegs klar komme, hätte mir vor kurzer Zeit auch keiner prophezeien können…

    Ich düse runter, nehme am Tor die Tüte mit den Zutaten in Empfang, mache noch einen Abstecher zum Briefkasten (wie immer: nix) und zum täglichen Smalltalk mit dem Shopbesitzer und fahre wieder nach oben, zurück in den Knast.

    Ich packe aus: Gehacktes vom Schwein, Paprika und der ominöse “pickled Kohlrabi”. Kann man natürlich auch alles selbst einkaufen, aber ich hänge am “The Hutong” und unterstütze die jetzt von Herzen gerne (mal abgesehen davon, dass ich nach dem Kohlrabi echt lang gesucht hätte).

    Am späten Nachmittag stürme ich dann mein Kochloch – Küche kann man den winzigen Raum kaum nennen, reicht uns normalerweise, denn wir sind hier ja in Peking: man isst auswärts und braucht die Küche außer zum Kaffee kochen nur ausnahmsweise. Dass uns diese blöde Seuche samt aller Konsequenzen hier erwischt und wir wie Millionen von Chinesen plötzlich fast ausschließlich selbst kochen, hätte ja auch keiner für möglich gehalten.

    Yunnan Hei San Duo

    Diese Woche gibt es Yunnan Hei San Duo (Yunnan Schwarz Drei Kleingeschnippeltes): Ein Klassiker aus Yunnan, schwarz nach dem pickled Kohlrabi, drei Zutaten: Pork, Paprika, pickled Kohlrabi, alle kleingeschnippelt.

    Zutaten:

    • 250 g Gehacktes vom Schwein
    • 1 große grüne Spitzpaprika
    • 1 große rote Spitzpaprika
    • 100 g kleingehackter Yunnan pickled Kohlrabi  (kann durch kleingehackte Tomate ersetzt werden, wird milder im Geschmack und hong statt hei – rot statt schwarz).
    • 500 g Eisbergsalat oder Kopfsalat
    • 1 Esslöffel helle Soyasoße
    • 1 Esslöffel Chinesischer Kochwein (kann z.B. durch Sherry ersetzt werden)
    • 2 Esslöffel Pflanzenöl

    Die Zubereitung ist denkbar einfach: Paprika und pickled Kohlrabi kleinschneiden. Hack im Öl anbraten, Gemüse hinzufügen, mit Soyasauce und Kochwein würzen, fertig.

    Yunnan Hei San Duo

    Mit Salatblättern/im Salatblatt servieren. Wer das Gericht nicht im Salatblatt futtern will, kocht sich etwas Reis dazu.

    Das Ergebnis fand ich lecker, nur war mir das Gericht durch die pickled Kohlrabi etwas zu salzig, obwohl ich schon die salzreduzierte Soyasoße verwende. Beim nächsten Mal würde ich nur die Hälfte Kohlrabi verwenden – oder ich probiere direkt die Hong San Duo Variante mit Tomate, dann würde es vermutlich auch den Jungs besser schmecken. Es kommen tatsächlich keine weiteren würzenden Zutaten hinzu – kein Chili, Knofi, Ingwer, kein Salz, Pfeffer – nix. Einfacher geht es kaum. Damit ist das Gericht auch für totale Kochanfänger geeignet, keine besonderen Skills erforderlich, obendrein geht es wirklich fix. Ich werde es auf jeden Fall ins “Kochrepertoire” mit aufnehmen. 

    Yunnan Hei San Duo im Salatblatt serviert

    Ich bin jetzt sehr gespannt, was die Rezepte der kommenden drei Wochen sein werden und ob sich die Schwierigkeit/der Aufwand steigert. Zeit zum Kochen haben wir derzeit ja alle mehr als genug.

    Ich finde, das ist eine großartige Idee von The Hutong – übrigens unterstützt von den englischsprachigen Stadtmagazinen The Beijinger und Beijing Kids. Ich freu’ mich auf die nächsten Gerichte in den kommenden drei Wochen. Ach, und wer mag, kann mir natürlich auch ein Like bei Instagram dalassen. ;)

    Traumhaftes Wetter, sonnig und warm (lauschige 25 Grad!), Luft nicht gut, aber noch annehmbar: Zeit für eine kleine Frühlingstour. Der Mann wegen des Feiertags zu Hause – ich nutze die Chance rauszukommen. Ich brauche Bewegung und will in einem Park spazieren gehen, und ein bisschen „altes China“ würde mir auch gut tun. Bevor es losgeht, bau ich erst noch schnell die Winterwindschutzkuscheldecke vom Scooter ab – damit wäre es wirklich viel zu warm – und ich bin derzeit ja auch nie abends unterwegs, wenn es noch kühler ist.

    Ich fahre an der Schule vorbei – steht noch. Deutsche Botschaft steht auch noch. Als ich weiter die Dongzhimen Outer und Inner Street entlangfahre, denke ich an den chinesischen Neujahrsabend vor zweieinhalb Monaten zurück, als ich in Richtung Verbotene Stadt hier entlang gefahren bin. Da waren es sicher 30 Grad weniger, auf der Straße war wegen des Feiertags kaum Verkehr, nur wenige Menschen unterwegs, die aber bepackt mit Geschenktaschen, vor manchen Restaurants kleine Trauben von wartenden Leuten, Straßen und Restaurants geschmückt. Ich bin auch zwischendrin schon hier entlanggefahren, da war fast gar nichts los und der Feiertagsglanz fehlte, stattdessen apokalyptisches Feeling in der verlassen wirkenden Stadt mit den wenigen, allesamt Masken tragenden Passanten. Viel Verkehr ist jetzt auch nicht, aber doch deutlich mehr und vor allem sind viel mehr Menschen unterwegs.

    An der Kreuzung Dongsi/Yonghegong muss ich mich entscheiden: links herum in Richtung Jingshan Park oder rechtsherum zum Ditan-Park. Die Ampelschaltung entscheidet für mich, also fahre ich kurz darauf am Lama Tempel vorbei, überquere noch die große Kreuzung unter dem 3. Ring und parke den Scooter zwischen Dutzenden anderen vor dem Parkeingang.

    Ditan-Park

    Kurzer Augenblick der Spannung: bekomme ich ein Ticket? Und ist der Park noch nicht zu voll? Beides kein Problem. Am Tor muss ich noch kurz die Temperatur messen lassen, gehe noch ein paar Schritte in den Park hinein und das viele Grün tut augenblicklich gut. Ein paar Meter weiter kann ich den süßen Duft der Blüten einsaugen, der es sogar durch die Maske schafft. Überall wird fotografiert, dieses Jahr gibt es Frühlingsblüten-Selfies-mit-Maske.

    Ich lasse mich weiter durch den Park treiben. Es ist schön zu sehen, dass es auch jetzt noch das normale Pekinger Parkleben gibt, wenn auch weniger und mehr auf Distanz als zu normalen Zeiten. Eine einsame Sängerin zwischen den Bäumen. Junge Leute in traditioneller Kleidung beim Fotografieren. Musikanten. Fußfederball, Tai Chi, Tänzerinnen… Nur der Sportplatz mit den Fitnessgeräten ist abgesperrt (so wie der Erdaltar auch).

    Eigentlich will ich gerade versuchen, ein ferngesteuertes Auto fotografisch nett einzufangen, als ein Ball vor meine Füße rollt. Ich kicke ihn zurück, Ball kommt wieder, weitere Leute gesellen sich dazu. Das war ein unglaublich schöner Moment, fast normal, wären die Masken nicht.

    Dieser Parkspaziergang hat echt gut getan. Ich schwinge mich auf den Scooter und mache mich auf den Rückweg.
    Erst am Lama-Tempel vorbei…

    Lama-Tempel

    Durch die Yonghegong Straße in Richtung Beixinqiao…

    Yonghegong Street

    Blick in die Guozijian Street, in der sich der Konfuziustempel befindet…

    Tor zur Guozijian Street…

    Und schließlich noch an der Kreuzung Yonghegong Street/Dongsi North Street/Dongzhimen Inner Street: Allmählich mehr Verkehr, aber immer noch weit entfernt vom normalen Wahnsinn.

    Warten an einer Ampel

    Ich komme ziemlich zufrieden wieder zuhause an und beschließe, dass wir darüber reden müssen, ob und in wieweit wir unsere selbst festgelegten Sicherheitsmaßnahmen (Jungs gehen nicht raus, ein Elternteil immer bei ihnen…) lockern können. 

    Grüsse nach Deutschland und viel Geduld für Eure zweite Woche ohne Schule und Co. Bei uns sind es jetzt zwei Monate und weiterhin ist kein Ende in Sicht. Ich habe inzwischen einen ausgewachsenen Corona-Koller: Budenkoller, Frust, Lethargie, Zorn, Trauer über ein verlorenes Vierteljahr (das wird es wohl mindestens), Mangel an realen sozialen Kontakten. Zum Glück immer nur phasenweise, es nutzt ja nix, wir müssen da durch – und es geht uns angesichts der Umstände gut.

    Ja, aber kann man in China nicht schon von Normalisierung reden? Es gibt doch keine lokalen Neuansteckungen mehr, “nur” noch importierte? Es ist doch mehr auf den Straßen los?

    Vielleicht ist das Normalisierung, aber hier ist noch lange nichts normal…

    Ja, es ist mehr auf den Straßen los, denn immer mehr Menschen müssen/dürfen wieder arbeiten gehen. Außerdem ist Frühling, über 20 Grad, eigentlich fängt jetzt die schönste Jahreszeit hier an. Es ist ja auch nicht grundsätzlich verboten rauszugehen. Gestern hatte ich nach der Fahrt zum Supermarkt aber keinen Nerv mehr. Die eigene Maske nervt und ausschließlich in andere Maskengesichter zu gucken, das ist nicht normal, das fühlt sich apokalyptisch an. In den eigenen vier Wänden habe ich dann doch wenigstens die Illusion von Normalität.

    Frühling, endlich.

    Allerdings bin ich heute am Compoundtor gefragt worden, wo ich hin möchte, als ich ein zweites Mal losgefahren bin, nachdem ich vormittags schon beim Bäcker und beim Metzger war.
    “Sachen kaufen.” -“Was für Sachen?” -“Reis.”- “Okay.” 

    “Sachen kaufen” habe ich mit einem Umweg verbunden, erst ein bisschen in der Stadt nach dem Rechten sehen. Da ich zwischendrin das Scooter-Akku nicht wieder vollgeladen hatte, hat es nur für eine kürzere Runde gereicht: Sanlitun, Dongzhimen, Galaxy Soho, Observatorium, CBD – steht alles noch. Straßen immer noch relativ leer.

    CBD steht noch

    Tuanjiehu-Park

    Irgendwann sagte der Blick aufs Akku: umdrehen/Rückweg. Der Tuanjiehu-Park liegt auf dem Weg, also habe ich da einen Zwischenstopp eingelegt, um mir die Füße zu vertreten. Da war relativ viel los, also Normalisierung? Nee, nicht mit all diesen Masken. 

    Wasserkalligraphie

    Der Tuanjiehu-Park ist klein, aber seht nett mit viel Wasser angelegt.

    Tuanjiehu-Park

    Einen Großteil der Parkfläche nehmen ein Aquapark und Kinderbespassungsanlagen “Carnies” (Karussels, Hüpfdinger etc.) ein – natürlich geschlossen im Moment. Nicht normal. Ob die Entenboote noch Winterpause haben oder auch mit unter Quarantäne fallen, weiß ich nicht.

    Park mit Aussicht

    Nach zwei Runden hat es dann auch gereicht, und ich bin weiter zum Jingkelong gefahren. Wir brauchten wirklich Reis. Hier steht wie erwartet ein Wächter am Eingang, aber als ich ihm mein Handgelenk für die Temperaturkontrolle entgegenhalte, winkt er ab und deutet auf einen Kasten, aus dem mich mein eigenes Maskengesicht anlacht und, nachdem ich kurz davor stehen geblieben bin, 36° anzeigt – ich darf hinein. Der Laden ist gut besucht, aber nicht übervoll, die Regale sind gut gefüllt, es gibt alles. Die Reisauswahl im Jingkelong überfordert mich wie immer, also einfach irgendeinen 5-Kilo-Sack geschnappt, fertig. Am Ausgang ist ein Blumenstand, ein paar Tulpen müssen mit. Mittlerweile könnte ich wohl auch eine komplette Kleinfamilie mit dem Scooter transportieren, da kann ich auch mit Blumen in der Hand fahren…

    Wer den Scooter liebt, der…

    Ja, der Scooter. Als ich am Chaoyangpark entlangfahre, zeigt er mit noch 20 Prozent Akkuladung an, das reicht locker, denke ich, und switche nicht in den eco-Modus. Aber hinter der Französischen Botschaft sind es plötzlich nur noch 4 Prozent, hektisches rotes Blinken und aus. Tja, Premiere, wer seinen Scooter liebt, der schiebt. Zum Glück hab ich kein größeres, schwereres Modell, aber viel länger als diese Viertelstunde hätte ich auch nicht schieben mögen. Schreckmoment am Compoundtor nach dem ersten Fiebermessen, andere Hand hingehalten, uff, alles gut.

    Keine Normalität, kein Ende in Sicht

    Wie gesagt, allein dadurch, dass man überall außerhalb der eigenen vier Wände mit den Masken konfrontiert ist, wird man ständig daran erinnert, dass derzeit nichts normal ist. Dass es weiterhin kein Datum für die Wiederöffnung der Schulen gibt und dass wir nach der letzten Mail aus der Schule weiterhin damit rechnen, dass es frühestens ab dem 20. April wieder losgehen kann – keine Normalität.

    Teilweise werden Regelungen sogar verschärft, in Restaurants soll nur noch eine Person pro Tisch sitzen, in einem Restaurant, wo normalerweise 300 Leute Platz finden, sind aktuell maximal 15 Personen gleichzeitig erlaubt. Das in Verbindung damit, dass keine Besucher in die Compounds gelassen werden, hat unser soziales Leben außerhalb der Familie fast komplett in den virtuellen Raum verlagert.

    Meine Nachwuchsnerds kommen mit der Situation immer noch überraschend gut klar, so wie sie auch mit der Online-Schule gut zurechtkommen, teils sogar deutlich besser als mit normaler Schule. Ich steh ja auch normalerweise für Fragen zur Verfügung, aktuell muss ich deutlich mehr erklären. Nun bin ich also doch das, was ich nie sein wollte: Aushilfslehrerin. ;)

    Ich habe hier den Eindruck, dass Kinder mit bisher streng reglementierten Medienzeiten und wenig Zugang zu Handy/PC sich derzeit deutlich schwerer tun. Oder etwas zugespitzt: Medienabstinent ist das neue Bildungsfern. Und wir sind hier in einer relativ privilegierten Situation mit der gut ausgestatteten Auslandsschule – an staatlichen deutschen Schulen dürfte da vieles nicht machbar sein. 

    Blick nach Deutschland

    Hier so lange schon mit den Einschränkungen zu leben, das zerrt so schon an den Nerven. Aber zuzugucken, wie die Krankheitswelle nahezu ungebremst auf Deutschland zu- und darüberwegrollt, das belastet zusätzlich, weil das so nicht hätte passieren müssen. (Kluger Artikel dazu übrigens in der New York Times: “China Bought the West Time. The West Squandered It.” Ist zwar schon eine Woche alt, aber weiterhin aktuell.)

    Wir haben uns ja schon lange gewundert, warum nichts passiert, z.B. bei der Einreise am deutschen Flughafen. Ja, auch mit Temperaturkontrollen erwischt man sicher nicht alle Infizierten, aber Passagiere einfach so durchzuwinken kann es definitiv auch nicht sein. Wer Maßnahmen eingefordert hat und entsprechendes geschrieben oder gesagt hat, musste sich der Panikmache und der Hysterie bezichtigen lassen.

    Wie kann es sein, dass in der globalisierten Welt erst mit zögerlichem Handeln begonnen wird, wenn die Einschläge in unmittelbarer Nachbarschaft sind? Hallo, Luftverkehr, schon mal davon gehört? Aber China ist das Land, wo nur ein Sack Reis umfällt, sowieso böse und sowas von hinter dem Mond? Was in China in den ersten Wochen passiert ist, daran gibt es nichts zu beschönigen – aber der Rest der Welt hätte wissen müssen, was da kommt und hat trotzdem nicht genug getan.

    Wochenlanges Runterspielen – alles ja nur Hysterie, Panikmache – ist es dann wirklich verwunderlich, wenn viele Menschen das jetzt noch nicht ernst nehmen? Hätten die sehr harten Maßnahmen für alle jetzt wirklich sein müssen, wenn man frühzeitig Einreisende unter Quarantäne gestellt hätte,  so wie China das jetzt macht, um den Re-Import des Virus bzw. die weitere Ausbreitung zu verhindern? 

    Nun ist es vermutlich eh zu spät. Immerhin, endlich Frühling.

    Forsythie. Hilft nicht gegen Covid-19 (auch nicht gegen den Virus im Film “Contagion”). Macht aber gute Laune.

    Da wir daran festhalten, dass immer ein Elternteil bei den Jungs bleibt, hatte ich erst gestern wieder Gelegenheit, länger durch die Stadt zu streifen. Luft ganz okay, Wetter traumhaft: 15 Grad und sonnig, es wird Frühling. Zuerst habe ich mein Glück am Shichahai versuchen wollen, aber: kein Zutritt.

    Hier geht es eigentlich zum See…

    Ich fahre weiter zum Jingshan-Park. Es ist tatsächlich deutlich mehr los als letzte Woche noch.

    Kohlehügel in Sicht

    Im Rückspiegel den Trommelturm.

    Trommelturm

    Wie gesagt, es ist deutlich mehr los, aber es ist immer noch weit entfernt von normalen Zeiten.

    Tatsächlich Leute…

    Der Jingshan-Park ist geöffnet. Der Zähler läuft (im Bild: weiße Schrift rechts oberhalb Ticketfensters), zu viele Leute gleichzeitig werden nicht in den Park gelassen. Aber es ist eh nicht viel los. Aufkleber auf dem Boden erinnern daran, Abstand zu halten.

    Abstand halten

    Mit behandschuhten Fingern nimmt eine Wächterin mein Ticket entgegen und hält es vor den Scanner, dann trete ich durchs Tor und habe gleich danach diesen Anblick – und ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie gut mir das gerade tut.

    Im Jingshan-Park

    Ich lasse mich kreuz und quer durch den Park treiben.

    Großstadt-Spatzen

    Pavillon

    Natürlich geht es auch nach ganz oben. Nur die oberste Ebene des Wanchun-Pavillons ist weiterhin gesperrt. Wächter mit Megaphonen drehen ihre Runden. Trotzdem knuddelt es sich hier ein bisschen, so dass ich nur fix knipse und weitergehe.

    Hallo, Schönheit!

    Die Verbotene Stadt ist weiterhin geschlossen.

    Nord-Tor der Verbotenen Stadt

    Wanchun-Pavillon

    Blick nach Norden

    Entdeckt ihr das Megaphon? Hier leiert unaufhörlich eine Durchsage.

    Peking 2020 – Handy und Maske

    Noch mal Richtung Norden gucken: Trommelturm und dahinter die Olympia-Türme

    Blick nach Osten: der Central Business District (CBD)

    Frühling!

    Auch von etwas weiter unten ist der Blick nach Norden schön.

    Ich such mir eine abgelegene Ecke und nehme kurz die Maske ab, unter der es unangenehm warm ist und die mir so am Mund klebt, dass ich das Gefühl hab, keine Luft mehr zu kriegen. Mistdinger, aber muss hier leider sein.

    Die Katz’ wohnt im Park, jedenfalls treffe ich sie jedes Mal.

    Das hier will ich mir nächste Woche wieder angucken:

    Frühlingsboten…

    Bambi?

    Blick zurück nach oben

    Letzter Blick

    Das hat echt gut getan. Nach meinem Spaziergang fahre ich weiter an der Verbotenen Stadt vorbei und stehe dann kurz vor dem Tian’anmen, habe aber nicht die Nerven, einfach an der Wächterin vorbei zu fahren. Ich dreh wieder um und fahre zur Wangfujing, um in der apm-Mall Schulmaterialien für die Jungs zu besorgen. Der Foreign-Language-Bookstore ist geschlossen, wenn ich das Schild richtig entziffert habe, aber nur diesen einen Tag. Auch hier ist mehr los als neulich, aber weiterhin weit entfernt von normalen Zeiten.

    Wangfujing: Immer noch ziemlich wenig los

    Für den Rückweg wähle ich eine andere Route und tuckere schließlich am 3. Ring entlang durch den CBD nach Hause.

    CBD – rechts ein Bein der Langen Unterhose (CCTV-Headquarter)

    Und sonst? Stand der Dinge

    In Peking kommen aktuell wieder neue Kranke hinzu, die meisten sind nun “importierte” Fälle. Da aber mehr Menschen wieder gesund werden, sinkt die Zahl der aktuell noch Kranken: von 428 Gesamtfällen sind es “nur” noch 112 Kranke. 8 Menschen sind gestorben. Trotzdem bleiben die strikten Regelungen bestehen.

    Nach Peking würde ich derzeit nicht reisen: Quarantäne droht,  und das nicht unbedingt in den eigenen vier Wänden (sofern vorhanden) oder im Hotelzimmer, sondern mit Pech in einer Einrichtung in Flughafennähe. Das “genießt” gerade ein ehemaliger Nachbar aus unserem alten Compound, der in einem der Flieger aus Moskau sass, in dem zwei kranke Mitreisende saßen.

    Die Schule teilt mit, dass es am 16. März noch nicht wieder mit “richtiger” Schule losgehen wird. Wenn es bis Mitte März keine Mitteilung der Pekinger Behörden gibt, dass der Schulbetrieb wieder gestartet werden darf, wird es nicht vor den Osterferien wieder losgehen. Oder andersherum: Möglicherweise beginnt Schule erst am 20. April wieder. Weitere Informationen werden in der vor uns liegenden Woche folgen – ich bin gespannt.

    Wird es tatsächlich erst der 20. April, dann haben wir jetzt gerade erst Halbzeit des Ausnahmezustands… Und dann gucke ich nach Deutschland und lese, dass selbst Schulen mit Corona-kranken Lehrkräften (Stade, Düsseldorf) nicht geschlossen werden. War also doch nicht falsch, in Peking zu bleiben. Unter den gegebenen Umständen geht es uns ja gut, auch wenn die Aussicht auf weitere sechs Wochen Ausnahmezustand gerade verflixt niederschmetternd sind.