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Grüsse nach Deutschland und viel Geduld für Eure zweite Woche ohne Schule und Co. Bei uns sind es jetzt zwei Monate und weiterhin ist kein Ende in Sicht. Ich habe inzwischen einen ausgewachsenen Corona-Koller: Budenkoller, Frust, Lethargie, Zorn, Trauer über ein verlorenes Vierteljahr (das wird es wohl mindestens), Mangel an realen sozialen Kontakten. Zum Glück immer nur phasenweise, es nutzt ja nix, wir müssen da durch – und es geht uns angesichts der Umstände gut.

Ja, aber kann man in China nicht schon von Normalisierung reden? Es gibt doch keine lokalen Neuansteckungen mehr, “nur” noch importierte? Es ist doch mehr auf den Straßen los?

Vielleicht ist das Normalisierung, aber hier ist noch lange nichts normal…

Ja, es ist mehr auf den Straßen los, denn immer mehr Menschen müssen/dürfen wieder arbeiten gehen. Außerdem ist Frühling, über 20 Grad, eigentlich fängt jetzt die schönste Jahreszeit hier an. Es ist ja auch nicht grundsätzlich verboten rauszugehen. Gestern hatte ich nach der Fahrt zum Supermarkt aber keinen Nerv mehr. Die eigene Maske nervt und ausschließlich in andere Maskengesichter zu gucken, das ist nicht normal, das fühlt sich apokalyptisch an. In den eigenen vier Wänden habe ich dann doch wenigstens die Illusion von Normalität.

Frühling, endlich.

Allerdings bin ich heute am Compoundtor gefragt worden, wo ich hin möchte, als ich ein zweites Mal losgefahren bin, nachdem ich vormittags schon beim Bäcker und beim Metzger war.
“Sachen kaufen.” -“Was für Sachen?” -“Reis.”- “Okay.” 

“Sachen kaufen” habe ich mit einem Umweg verbunden, erst ein bisschen in der Stadt nach dem Rechten sehen. Da ich zwischendrin das Scooter-Akku nicht wieder vollgeladen hatte, hat es nur für eine kürzere Runde gereicht: Sanlitun, Dongzhimen, Galaxy Soho, Observatorium, CBD – steht alles noch. Straßen immer noch relativ leer.

CBD steht noch

Tuanjiehu-Park

Irgendwann sagte der Blick aufs Akku: umdrehen/Rückweg. Der Tuanjiehu-Park liegt auf dem Weg, also habe ich da einen Zwischenstopp eingelegt, um mir die Füße zu vertreten. Da war relativ viel los, also Normalisierung? Nee, nicht mit all diesen Masken. 

Wasserkalligraphie

Der Tuanjiehu-Park ist klein, aber seht nett mit viel Wasser angelegt.

Tuanjiehu-Park

Einen Großteil der Parkfläche nehmen ein Aquapark und Kinderbespassungsanlagen “Carnies” (Karussels, Hüpfdinger etc.) ein – natürlich geschlossen im Moment. Nicht normal. Ob die Entenboote noch Winterpause haben oder auch mit unter Quarantäne fallen, weiß ich nicht.

Park mit Aussicht

Nach zwei Runden hat es dann auch gereicht, und ich bin weiter zum Jingkelong gefahren. Wir brauchten wirklich Reis. Hier steht wie erwartet ein Wächter am Eingang, aber als ich ihm mein Handgelenk für die Temperaturkontrolle entgegenhalte, winkt er ab und deutet auf einen Kasten, aus dem mich mein eigenes Maskengesicht anlacht und, nachdem ich kurz davor stehen geblieben bin, 36° anzeigt – ich darf hinein. Der Laden ist gut besucht, aber nicht übervoll, die Regale sind gut gefüllt, es gibt alles. Die Reisauswahl im Jingkelong überfordert mich wie immer, also einfach irgendeinen 5-Kilo-Sack geschnappt, fertig. Am Ausgang ist ein Blumenstand, ein paar Tulpen müssen mit. Mittlerweile könnte ich wohl auch eine komplette Kleinfamilie mit dem Scooter transportieren, da kann ich auch mit Blumen in der Hand fahren…

Wer den Scooter liebt, der…

Ja, der Scooter. Als ich am Chaoyangpark entlangfahre, zeigt er mit noch 20 Prozent Akkuladung an, das reicht locker, denke ich, und switche nicht in den eco-Modus. Aber hinter der Französischen Botschaft sind es plötzlich nur noch 4 Prozent, hektisches rotes Blinken und aus. Tja, Premiere, wer seinen Scooter liebt, der schiebt. Zum Glück hab ich kein größeres, schwereres Modell, aber viel länger als diese Viertelstunde hätte ich auch nicht schieben mögen. Schreckmoment am Compoundtor nach dem ersten Fiebermessen, andere Hand hingehalten, uff, alles gut.

Keine Normalität, kein Ende in Sicht

Wie gesagt, allein dadurch, dass man überall außerhalb der eigenen vier Wände mit den Masken konfrontiert ist, wird man ständig daran erinnert, dass derzeit nichts normal ist. Dass es weiterhin kein Datum für die Wiederöffnung der Schulen gibt und dass wir nach der letzten Mail aus der Schule weiterhin damit rechnen, dass es frühestens ab dem 20. April wieder losgehen kann – keine Normalität.

Teilweise werden Regelungen sogar verschärft, in Restaurants soll nur noch eine Person pro Tisch sitzen, in einem Restaurant, wo normalerweise 300 Leute Platz finden, sind aktuell maximal 15 Personen gleichzeitig erlaubt. Das in Verbindung damit, dass keine Besucher in die Compounds gelassen werden, hat unser soziales Leben außerhalb der Familie fast komplett in den virtuellen Raum verlagert.

Meine Nachwuchsnerds kommen mit der Situation immer noch überraschend gut klar, so wie sie auch mit der Online-Schule gut zurechtkommen, teils sogar deutlich besser als mit normaler Schule. Ich steh ja auch normalerweise für Fragen zur Verfügung, aktuell muss ich deutlich mehr erklären. Nun bin ich also doch das, was ich nie sein wollte: Aushilfslehrerin. ;)

Ich habe hier den Eindruck, dass Kinder mit bisher streng reglementierten Medienzeiten und wenig Zugang zu Handy/PC sich derzeit deutlich schwerer tun. Oder etwas zugespitzt: Medienabstinent ist das neue Bildungsfern. Und wir sind hier in einer relativ privilegierten Situation mit der gut ausgestatteten Auslandsschule – an staatlichen deutschen Schulen dürfte da vieles nicht machbar sein. 

Blick nach Deutschland

Hier so lange schon mit den Einschränkungen zu leben, das zerrt so schon an den Nerven. Aber zuzugucken, wie die Krankheitswelle nahezu ungebremst auf Deutschland zu- und darüberwegrollt, das belastet zusätzlich, weil das so nicht hätte passieren müssen. (Kluger Artikel dazu übrigens in der New York Times: “China Bought the West Time. The West Squandered It.” Ist zwar schon eine Woche alt, aber weiterhin aktuell.)

Wir haben uns ja schon lange gewundert, warum nichts passiert, z.B. bei der Einreise am deutschen Flughafen. Ja, auch mit Temperaturkontrollen erwischt man sicher nicht alle Infizierten, aber Passagiere einfach so durchzuwinken kann es definitiv auch nicht sein. Wer Maßnahmen eingefordert hat und entsprechendes geschrieben oder gesagt hat, musste sich der Panikmache und der Hysterie bezichtigen lassen.

Wie kann es sein, dass in der globalisierten Welt erst mit zögerlichem Handeln begonnen wird, wenn die Einschläge in unmittelbarer Nachbarschaft sind? Hallo, Luftverkehr, schon mal davon gehört? Aber China ist das Land, wo nur ein Sack Reis umfällt, sowieso böse und sowas von hinter dem Mond? Was in China in den ersten Wochen passiert ist, daran gibt es nichts zu beschönigen – aber der Rest der Welt hätte wissen müssen, was da kommt und hat trotzdem nicht genug getan.

Wochenlanges Runterspielen – alles ja nur Hysterie, Panikmache – ist es dann wirklich verwunderlich, wenn viele Menschen das jetzt noch nicht ernst nehmen? Hätten die sehr harten Maßnahmen für alle jetzt wirklich sein müssen, wenn man frühzeitig Einreisende unter Quarantäne gestellt hätte,  so wie China das jetzt macht, um den Re-Import des Virus bzw. die weitere Ausbreitung zu verhindern? 

Nun ist es vermutlich eh zu spät. Immerhin, endlich Frühling.

Forsythie. Hilft nicht gegen Covid-19 (auch nicht gegen den Virus im Film “Contagion”). Macht aber gute Laune.

Da wir daran festhalten, dass immer ein Elternteil bei den Jungs bleibt, hatte ich erst gestern wieder Gelegenheit, länger durch die Stadt zu streifen. Luft ganz okay, Wetter traumhaft: 15 Grad und sonnig, es wird Frühling. Zuerst habe ich mein Glück am Shichahai versuchen wollen, aber: kein Zutritt.

Hier geht es eigentlich zum See…

Ich fahre weiter zum Jingshan-Park. Es ist tatsächlich deutlich mehr los als letzte Woche noch.

Kohlehügel in Sicht

Im Rückspiegel den Trommelturm.

Trommelturm

Wie gesagt, es ist deutlich mehr los, aber es ist immer noch weit entfernt von normalen Zeiten.

Tatsächlich Leute…

Der Jingshan-Park ist geöffnet. Der Zähler läuft (im Bild: weiße Schrift rechts oberhalb Ticketfensters), zu viele Leute gleichzeitig werden nicht in den Park gelassen. Aber es ist eh nicht viel los. Aufkleber auf dem Boden erinnern daran, Abstand zu halten.

Abstand halten

Mit behandschuhten Fingern nimmt eine Wächterin mein Ticket entgegen und hält es vor den Scanner, dann trete ich durchs Tor und habe gleich danach diesen Anblick – und ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie gut mir das gerade tut.

Im Jingshan-Park

Ich lasse mich kreuz und quer durch den Park treiben.

Großstadt-Spatzen

Pavillon

Natürlich geht es auch nach ganz oben. Nur die oberste Ebene des Wanchun-Pavillons ist weiterhin gesperrt. Wächter mit Megaphonen drehen ihre Runden. Trotzdem knuddelt es sich hier ein bisschen, so dass ich nur fix knipse und weitergehe.

Hallo, Schönheit!

Die Verbotene Stadt ist weiterhin geschlossen.

Nord-Tor der Verbotenen Stadt

Wanchun-Pavillon

Blick nach Norden

Entdeckt ihr das Megaphon? Hier leiert unaufhörlich eine Durchsage.

Peking 2020 – Handy und Maske

Noch mal Richtung Norden gucken: Trommelturm und dahinter die Olympia-Türme

Blick nach Osten: der Central Business District (CBD)

Frühling!

Auch von etwas weiter unten ist der Blick nach Norden schön.

Ich such mir eine abgelegene Ecke und nehme kurz die Maske ab, unter der es unangenehm warm ist und die mir so am Mund klebt, dass ich das Gefühl hab, keine Luft mehr zu kriegen. Mistdinger, aber muss hier leider sein.

Die Katz’ wohnt im Park, jedenfalls treffe ich sie jedes Mal.

Das hier will ich mir nächste Woche wieder angucken:

Frühlingsboten…

Bambi?

Blick zurück nach oben

Letzter Blick

Das hat echt gut getan. Nach meinem Spaziergang fahre ich weiter an der Verbotenen Stadt vorbei und stehe dann kurz vor dem Tian’anmen, habe aber nicht die Nerven, einfach an der Wächterin vorbei zu fahren. Ich dreh wieder um und fahre zur Wangfujing, um in der apm-Mall Schulmaterialien für die Jungs zu besorgen. Der Foreign-Language-Bookstore ist geschlossen, wenn ich das Schild richtig entziffert habe, aber nur diesen einen Tag. Auch hier ist mehr los als neulich, aber weiterhin weit entfernt von normalen Zeiten.

Wangfujing: Immer noch ziemlich wenig los

Für den Rückweg wähle ich eine andere Route und tuckere schließlich am 3. Ring entlang durch den CBD nach Hause.

CBD – rechts ein Bein der Langen Unterhose (CCTV-Headquarter)

Und sonst? Stand der Dinge

In Peking kommen aktuell wieder neue Kranke hinzu, die meisten sind nun “importierte” Fälle. Da aber mehr Menschen wieder gesund werden, sinkt die Zahl der aktuell noch Kranken: von 428 Gesamtfällen sind es “nur” noch 112 Kranke. 8 Menschen sind gestorben. Trotzdem bleiben die strikten Regelungen bestehen.

Nach Peking würde ich derzeit nicht reisen: Quarantäne droht,  und das nicht unbedingt in den eigenen vier Wänden (sofern vorhanden) oder im Hotelzimmer, sondern mit Pech in einer Einrichtung in Flughafennähe. Das “genießt” gerade ein ehemaliger Nachbar aus unserem alten Compound, der in einem der Flieger aus Moskau sass, in dem zwei kranke Mitreisende saßen.

Die Schule teilt mit, dass es am 16. März noch nicht wieder mit “richtiger” Schule losgehen wird. Wenn es bis Mitte März keine Mitteilung der Pekinger Behörden gibt, dass der Schulbetrieb wieder gestartet werden darf, wird es nicht vor den Osterferien wieder losgehen. Oder andersherum: Möglicherweise beginnt Schule erst am 20. April wieder. Weitere Informationen werden in der vor uns liegenden Woche folgen – ich bin gespannt.

Wird es tatsächlich erst der 20. April, dann haben wir jetzt gerade erst Halbzeit des Ausnahmezustands… Und dann gucke ich nach Deutschland und lese, dass selbst Schulen mit Corona-kranken Lehrkräften (Stade, Düsseldorf) nicht geschlossen werden. War also doch nicht falsch, in Peking zu bleiben. Unter den gegebenen Umständen geht es uns ja gut, auch wenn die Aussicht auf weitere sechs Wochen Ausnahmezustand gerade verflixt niederschmetternd sind.

 

Viel von meinem Alltag zu berichten habe ich derzeit nicht. Wohnungsknast halt. Highlight heute: Postkarte aus San Francisco ist nach 5 (fünf) Monaten angekommen. Yay!
Und immerhin, ich komme dem Ziel näher, den Film „2012“ zweitausendundzwölfmal zu sehen …

Nach einer kurzen Phase mit einer einzigen Neuinfektion und dem Rückgang von aktuell noch Erkrankten in Peking, gab es vorgestern gleich 10 neue Infektionen auf einmal. Da war die Hoffnung, es könnte sich hier doch bald normalisieren dahin. Dass erste Parks jetzt den Zugang begrenzen (Chaoyang-Park nur noch maximal 20.000 Besucher/Tag; für den Sommerpalast gibt es nur noch online Tickets), zeigt dass wir noch weit entfernt von Normalität sind.

Heute Vormittag war ich kurz einkaufen. Geringfügig mehr Verkehr als noch letzte Woche, aber weiterhin ziemlich tote Hose. Die wenigen Leute, die man sieht, tragen selbstverständlich alle Maske – und schon stellt sich das surreale Gefühl wieder ein, Statistin in einem Katastrophenfilm zu sein.

Maske oder keine?

Hier müssen wir Masken tragen, von daher ist die Diskussion über deren Sinnhaftigkeit für uns nicht ganz so relevant, wenn auch trotzdem interessant. Wer das hier ohne probieren möchte: Viel Spaß dabei, sich hinterher als Märtyrer zu inszenieren. Abgesehen davon gibt es in Asien grundsätzlich auch jenseits von Covid-19 eine andere “Maskenkultur” als in Deutschland, und damit meine ich jetzt nicht die Anti-Smog-Masken.

Die Regale in den Läden waren voll, nur Masken und Desinfektionsmittel gibt es nicht. Da hier Maskenpflicht herrscht, wird das mit den Masken so langsam ein Problem. Es gibt keine Vorschrift, welche Masken zu tragen sind, ich kann auch meine ganz normale Anti-Smog-Maske nehmen. Die ist ganz sicher nicht virendicht, aber sollte ich mal niesen oder angeniest werden, dürfte das zumindest einen Volltreffer verhindern. Wichtiger ist vielleicht, dass man sich mit Maske nicht so viel im Gesicht rumfummelt. Inzwischen habe ich mir auch angewöhnt, die Maske nicht mehr zwischendurch runterzuziehen, sondern nur noch mit frisch gewaschenen oder desinfizierten Händen (hurra, ich habe noch etwas Sterillium-Virugard) beim Gehen und Wiederkommen anzupacken. Das Desinfektionsmittel hat der Mittlere im Januar mitgebracht und da schon berichtet, dass es nach seinem Einkauf ausverkauft war. Und heute lese ich dann, dass der gerade erst eingesetzte Krisenstab sich jetzt erst um Schutzausrüstung kümmern will…

 

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In welchem Paralleluniversum hat man in Deutschland die letzten Wochen verbracht? Bisschen spät, oder?

Zwischen Beschwichtigungen und Panikmache

Beschwichtigungen oder Panikmache und zuwenige leise Stimmen dazwischen. Sehr nett aufbereitet vom Postillon.

Bleiben Sie ruhig. LEGEN SIE VORRÄTE AN! Corona ist nicht schlimmer als eine Grippewelle. BEREITS 53 DEUTSCHE INFIZIERT!!

Nachdem Covid-19 nun auch in Deutschland angekommen ist, ist es nun auch wieder Thema in den Medien und sozialen Medien. Die einen zu sehr in Panik, die anderen zu wenig. Ich glaube, dass für jeden Einzelnen (egal ob hier in Peking oder in Hamburg) die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken eher gering ist. Oder ist das nur eine Hoffnung, weil es ja eh immer nur die anderen trifft? Was anderes ist es mit dem Staat, der die Aufgabe hat, seine Bürger zu schützen – und dann Verdachtsfälle nach Hause zu schicken, Menschen, die glauben, sie könnten infiziert sein, von Pontius zu Pilatus zu scheuchen, Großveranstaltungen nicht abzusagen… Reicht das aus? 

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Whataboutism at its best

Vergleiche können sinnvoll sein, um ein Ereignis einzuordnen. Wenig Sinn macht es aber, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, damit man zeigen kann, es sei alles nicht so schlimm.

Die Menschheit hat unzählige ungelöste Probleme, Kriege und Hunger, Krankenhaushygiene, Verkehr, Klima, Menschenrechte, fragwürdige kulinarische Praktiken… Was jetzt alles aufgeführt wird, um zu beweisen, dass das Coronavirus nicht so schlimm ist, kennt keine Grenzen. Viele, die Whataboutism sonst zu Recht kritisieren, stehen jetzt mit in der ersten Reihe und verkünden ihre „ja, abers“. Was soll das? Wem nützt das? Der notwendigen Eindämmung einer für viele Menschen tödlichen Krankheit jedenfalls nicht.

Ich hab Puls

Grenzen kennt das Virus übrigens auch nicht. Unglücklich, dass es so wirkt, als habe Deutschland es vorgezogen hat, eine Laissez-faire-Politik zu fahren, obwohl man mit Blick auf China hätte vorgewarnt sein können. „Thoughts and prayers“? Really? Wird schon nicht so schlimm, weil: wir sind ja Deutschland? Dass der Krisenstab jetzt erst eingerichtet wurde (und jetzt erst auf die Idee kommt, sich um die Herstellung und Beschaffung von Schutzausrüstungen zu kümmern, siehe oben), dazu fällt mir nichts mehr ein. Doch: Das ist grob fahrlässig und gefährdet Menschenleben. Es wird – wahrscheinlich – nicht mich treffen, mögen sich viele sagen. Ich auch. Aber: Habt Ihr alle keine älteren Angehörigen oder vorerkrankten Freunde?

Gerade lief die Pressekonferenz im UKE (Für die Nichthamburger: Universitätsklinikum Eppendorf, wo ein Arzt des Kinder-UKE infiziert ist). Ein Aspekt: ein Reporter verwies auf die Schweiz, in der Veranstaltungen mit über 1000 Personen verboten wurden, aber in Hamburg werden wegen des einen bestätigten Coronafalls keine Großveranstaltungen (konkret z.B. der LiLaBe) abgesagt. Zum Vergleich: In Peking (über 21 Millionen Einwohner, derzeit 146 Erkrankte) dürfen nicht mehr als 3 Leute an einem Restauranttisch sitzen, nur die Hälfte aller Tische darf überhaupt besetzt werden.

Das klingt jetzt vermutlich ungewohnt grantig für mich. Kann sein, dass ich nach wochenlangem Wohnungsknast mit wenig Freigang inzwischen etwas dünnhäutig bin. Und natürlich glaube ich – will ich glauben -, dass diese massiven Einschränkungen ihren Sinn haben und Schlimmeres verhindern. Man möge mir also nachsehen, dass ich aus meiner Peking-Perspektive finde, dass in Deutschland noch nicht der richtige Umgang  mit Covid-19 gefunden wurde. 

Heute waren eigentlich perfekte Bedingungen für einen Wochenendausflug: saubere Luft, strahlender Sonnenschein, mit 10 Grad schon fast ein Hauch von Frühling in der Luft. Zumindest die Vögel scheinen das zu glauben, die hört man derzeit nämlich im Gegensatz zu normalen Zeiten, weil die Stadt so still geworden ist. Peking im Schatten des Virus ist nicht nur leer, sondern auch leise.

Ich habe kurz mit dem Gedanken gespielt, mich in Richtung Duftberge, Badachu oder zum Botanischen Garten aufzumachen. Aber im Hinterkopf brodelt es leider doch. Auch in Peking soll es Compounds geben, die sich extrem abschotten und streng Buch darüber führen, wann und wie lange ihre Bewohner unterwegs sind, alle zwei Tage maximal zwei Stunden für den Einkauf von Lebensmitteln, mehr ist unerwünscht. Auch wenn das bei uns nicht so ist, so lässt mich das halt doch nicht kalt und auch bei meinen kurzen Streifzügen drängt es mich eher früher als später wieder zurück. 

Trotzdem, an so einem wundervollen Tag ist drinnen bleiben keine Option für mich. Scooter gesattelt, und einfach drauf los, mal sehen, wo es mich hintreibt, grobe Richtung Beihai Park.

Erstmal den 3. Ring Richtung Süden. Normalerweise ist hier auch am Wochenende dicker Verkehr!

3. Ring – nichts los

Am Dongzhimen Kreisverkehr werfe ich einen Blick auf die Werbung: Fight the virus!

Fight the virus!

Hier an der Ampel kram ich in meiner Tasche. Super, meine Sonnenbrille liegt zuhause auf dem Schreibtisch.

Das ist schon vergleichsweise viel Verkehr heute…

Wenn sonst nichts los ist, fallen die Straßenkehrer viel stärker auf als sonst.

Straßenkehrer. Mit Maske natürlich.

Eigentlich könnten die Ampeln auch abgeschaltet werden…

Das kann doch unmöglich Peking sein?

Zwischen Beixinqiao und Dongsi ist etwas mehr los. Zumindest, was Fußgänger und Zweiräder angeht.

Auf den Straßen allerdings eher nicht so.

Die Hutongs sind größtenteils gesperrt, als ich an einem die Barrikade fotografieren will, werde ich weitergescheucht. Ein paar Meter weiter ist dann ein Mann im weißen Schutzanzug mit Tank und Desinfektionsspritze zugange. Okay, dann mach ich wirklich lieber, dass ich weiterkomme.

Ich rolle auf die Chang’an zu, aber in Richtung Tian’anmen darf ich nicht abbiegen, also überquere ich sie bloß und werfe einen Blick hinein:

Chang’an in Richtung Tian’anmen

Ladies and Gentlemen, das ist normalerweise eine der meistbefahrenen Straßen Pekings, die wichtigste Ost-West-Verbindung im Zentrum. Etwa 1000 Meter von meinem Standort befinden sich links der Tian’anmen und rechts die Verbotene Stadt. Und was sehen wir? NIX.  Das ist doch alles total surreal!

Ich versuche, hintenrum in Richtung Tian’anmen zu fahren, aber es ist alles abgesperrt, also fahre ich zurück zur Chang’an und dort dann Richtung Osten.

CBD mit dem Zhonguo Zun von der Chang’an aus.

Die fast leeren Busse fahren übrigens zum Pekinger Hauptbahnhof. Nur: da war auch nichts los. Ich fahre dann den 2. Ring entlang Richtung Norden. Und wieder ein Blick auf den Zhonguo Zun und die “kleinen” Gebäude ringsherum…

 

Weiter am Galaxy Soho vorbei. Ich weiß, ich wiederhole mich: nichts los hier.

Und noch ein letztes Bild für heute. Auch hier: nichts los. Auf dem 2. Ring!

Ich tuckere durch Sanlitun zurück, wo ein paar mehr Fußgänger unterwegs sind. Mache einen Zwischenstopp im Jenny Lou (internationaler Supermarkt) und fahre zurück nach Hause. Heute muss ich Fieber messen lassen, Daumen hoch, puh. :)

Und sonst?

Quarantäne-Bestimmungen für Rückkehrer/Reisende

Es gab wieder eine “Landsleute-Mail”, in der die aktuellen Quarantäne-Bestimmungen erläutert werden:

Liebe Landsleute,
in unserem letzten Schreiben hatten wir Sie darüber unterrichtet, dass in China in den vergangenen Tagen die Quarantänebestimmungen deutlich verschärft wurden, allerdings örtlich unterschiedlich. Vielerorts wird nunmehr eine 14-tägige Quarantänezeit für alle Personen vorgesehen, die von außerhalb kommen. Die Stadt Peking hat jetzt allerdings noch einmal schriftlich klargestellt, dass diese Regel keine Anwendung auf Personen findet, die sich in den vergangenen 14 Tagen nicht in der Volksrepublik China aufgehalten haben und über den Beijing Capital International Airport oder den Flughafen Daxing nach China einreisen. Diese Personen sind von der Anforderung der 14tägigen Haus-Quarantäne ausgenommen. Allerdings müssen sie bei ihrer Einreise ein Formular über ihren Gesundheitszustand ausfüllen bzw. vorlegen, eine Fiebermessung akzeptieren und eine Maske tragen.

[…]

 

Zahlen…

Ich versuche, mich von den Statistiken nicht mehr zu verrückt machen zu lassen, was mal mehr, mal weniger gut klappt.

In Peking scheint die Zahl der Erkrankten zurückzugehen. Viel Hoffnung, dass sich das Leben hier zügig normalisiert, habe ich dennoch nicht. Der Tiefschlag von gestern – die Mitteilung der Schule, dass nicht vor dem 16. März mit einer Wiederöffnung gerechnet wird – wirkt nach.

Die Virus-Nachrichten aus dem Rest der Welt, vor allem Südkorea, sind nicht wirklich ermutigend.

Das soziale Leben fehlt

Ich kann es gut mit mir selbst aushalten. Ich bin gerne alleine. Aber auch, wenn ich nicht rund um die Uhr Gesellschaft und Bespassung brauche, so habe ich inzwischen doch die Nase voll davon, mich nicht verabreden zu können, unterwegs mit Fremden ins Gespräch zu kommen, ich vermisse meine Freundinnen und die Aktivitäten mit Fotogruppe, Strickgruppe und Schreibstammtisch, ich vermisse Kochkurse und organisierte Ausflüge, spontane Treffen im Café, 30 Sekunden Gespräche an den Ampeln… Das einem das (der Mangel an sozialen Kontakten) ausgerechnet in Peking passiert, ist wirklich kaum in den Kopf zu kriegen.