Geht es aufwärts?

Gut einen Monat hatte die Pandemie Peking fest im Griff, aber nun scheint es endlich aufwärts zu gehen. So langsam findet die Stadt in die „Pandemie-Normalität“ zurück.

Trotz Massentests werden nur noch wenige Fälle gefunden, die sich alle auf bereits bekannte Infektionskettenzurückführen lassen. Die Maßnahmen werden nach und nach aufgehoben: Restaurants, Parks, Sehenswürdigkeiten, Geschäfte öffnen wieder, wenn auch mit eingeschränkter Kapazität. Home Office ist für die meisten vorbei, Compounds dürfen wieder von Außenstehenden betreten werden. Und die Schulen öffnen wieder: K4 ist seit gestern zurück in der Schule, K5 darf nächste Woche. Die Abstände zwischen den Tests wurden von zwei auf drei Tage ausgedehnt. Zur Erinnerung: ohne negativen Test kein Zutritt zu allem, was hinter einer Tür/einem Tor liegt. Und das ist hier fast alles.

Kein Test, kein (Outdoor-)Leben

Blöd nur, dass mein Testergebnis von gestern den Weg auf mein Handy nicht gefunden hat. In der Safe-and-Sane-Gruppe (siehe weiter unten) wurde nur einmal nach diesem Problem gefragt, scheint also kein Bug in der Software, sondern eher ein Tippfehler zu sein (die Daten von Ausländer*innen werden beim Test händisch eingetippt, nur die chinesische ID-Card kann gescannt werden). Da ich morgen Vormittag verabredet bin, musste ich heute also schon wieder zum Test (statt eigentlich erst am Donnerstag).

Meine bevorzugte Teststelle war gestern geschlossen, sah schon halb abgebaut aus, also bin ich zur nächstgelegenen gegangen. Die vermeide ich eigentlich, weil es dort immer ewig dauert. Wenn das Abtippen deutscher Namen für Chines*innen schwierig ist, kein Ding, denn mir fällt es ja auch schwer, Chinesisch zu schreiben. Aber wenn jemand, der sich offensichtlich richtig schwer damit tut, mich nach freundlicher Bitte nicht mal einen Blick darauf werfen lässt, ob die Daten korrekt erfasst sind, dann finde ich das blöd, zumal das an anderen Teststellen durchaus grundsätzlich üblich ist. Es hängt halt der ganze Alltag an dem aktuellen Testergebnis, und nachdem das gestern schon nicht geklappt hat, war ich zunächst ein bisschen gnatzig, was zu leichter Verunsicherung abebbte und jetzt bei „ach, ist auch egal“ angekommen ist. Wird schon hinhauen.

Safe and Sane?

„Safe and sane“ – das ist nicht nur ein guter Wunsch, sondern der Name von WeChat-Gruppen, die von Mike Wester ins Leben gerufen wurden. Mike Wester ist der Gründer und Geschäftsführer u.a. des „Beijingers“, dem englischsprachigen Stadtmagazin nicht nur für Ausländer*innen, lebt seit über 25 Jahren in China und ist sicherlich einer der Laowais, die die Stadt am besten kennen. In den „Safe and Sane“-Gruppen informiert er die englisch sprechende Community über die Pandemiesituation in Peking: nur Fakten, keine Gerüchte, keine Spekulationen.

Das ist – wenn man nicht oder nur mit Hilfe von mehr oder weniger präzisen Übersetzungsapps Chinesisch lesen kann – unglaublich wertvoll für uns geworden. Die erste WeChat-Gruppe war rasch voll (Obergrenze von 500 Mitgliedern), inzwischen gibt es 17 (!) dieser Gruppen. Mike fasst die wesentlichen Informationen der Pressekonferenzen der städtischen Gesundheitskommission zusammen, die zweimal am Tag – jeden Tag – stattfinden. Außerdem gibt es Hilfestellung beim Finden von Testcentern, Problemen mit der App und Ähnlichem. Habe ich schon erwähnt, wie hilfreich das ist?

Goodbye-Season

Dass viele Deutsche zum Schuljahresende Peking verlassen werden, war „schon immer“ so. Dass es dieses Jahr mehr als sonst sein werden, war lange absehbar. Jetzt kommt alle paar Tage aber noch jemand dazu, der seine Pläne ändert und Peking vorzeitig den Rücken kehren wird. So sehr ich die eine oder andere vermissen werde, so gut kann ich das nachvollziehen. Die Pandemie ist ja nicht vorbei, es kann niemand seriös einschätzen, wann das Damokles-Schwert möglicher (Teil-)Lockdowns endgültig verschwinden wird.  Wann wirklich wieder Normalität einkehren wird, darüber kann man nur spekulieren. Der – endlich aufgehobene – Lockdown in Shanghai und die starken Einschränkungen in den letzten Wochen hier in Peking haben bei manchen sicher zur Entscheidung gegen Peking beigetragen.

Einer der Punkte, die das Leben in Peking für viele interessant gemacht haben, war das Reisen von hier aus. Ganz Asien vor der Haustür, der Weg nach Australien und Neuseeland nur noch halb so weit wie von Deutschland aus… Aber solange China bei den pandemiebedingten Einreisebeschränkungen bleibt, fällt das hinten runter.

Obendrein war es leichter, sich für China zu entscheiden, als man noch innerhalb von Stunden im Flieger nach Deutschland sitzen konnte, aber aktuell sind Flüge rar und extrem teuer (mal abgesehen von der Rückkehr-Problematik). Aktuell fühlt sich Deutschland deshalb viel weiter weg an, als es noch vor der Pandemie war. Also absolut nachvollziehbar, wenn man jetzt ausreist – oder gar nicht erst einreist.

Wieder mehr unterwegs

Jetzt, wo sich die Fallzahlen wieder der Null annähern, mag ich auch wieder mehr unterwegs sein (wenn nicht gerade die HealthApp nervt). Es war keinesfalls verboten, aber vorher hatte ich immer etwas Bammel im Hinterkopf, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein – und mit Pech als Kontaktperson identifiziert zu werden (da reichte es schon, mit mehreren Stunden Abstand im gleichen Supermarkt gewesen zu sein!). Und das hätte entsprechende Auswirkungen nicht nur auf die Familie, sondern die ganze Nachbarschaft. Das kann theoretisch zwar immer noch passieren, aber bei nur einer Handvoll bekannter aktiver Fälle auf 22 Millionen Einwohner, ist das dann doch eher unwahrscheinlich.

Das Farbfoto zeigt eine Pekinger Straßenszene an einem Zebrastreifen: ein Scooter, auf dem eine dreiköpfige Familie sitzt, ein Tuktuk, in dem ein betagtes Ehepaar fährt. Im Hintergrund Leihfahrräder und Fußgänger.

Endlich wieder mehr los draußen!

Gestern bin ich nicht eine meiner üblichen Strecken gefahren, um dann ein bisschen rumzulaufen, sondern habe mal eine andere Richtung eingeschlagen. Nur ganz normale Wohn-/Geschäftsviertel, keine Sehenswürdigkeiten. Und genau das war richtig gut, denn weil zum ersten Mal in dieser Ecke habe ich genauer hingeguckt und das Andere, Exotischere, Chinesische viel bewusster wahrgenommen, als wenn ich zum 548. Mal zum Shichahai getuckert wäre, um dort spazieren zu gehen. Das ist halt auch vertraut, Peking ist ja nun schon sieben Jahre mein Zuhause. Zum Shichahai werde ich sicher weiterhin häufig fahren, ist halt wirklich schön dort; aber ich will jetzt ganz bewusst den Blick für das Andere wieder schärfen.

Teile diesen Beitrag

Kommentar-Abo (wird nur bei Aktivieren der Glocke eingerichtet):
Ich erlaube die Verwendung meiner E-Mail-Adresse, um mir Benachrichtigungen über neue Kommentare und Antworten zu senden. (Du kannst dich jederzeit abmelden).

4 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
21 Tage zuvor

Schön, dass ich auf diese Weise erfahre, wie Dein Alltag so läuft! Ich freue mich, dass es Dir gut geht und China immer noch Spass macht. LG Ulrike

[…] mich ausgebremst hat, ist der Rückschlag in Sachen Pandemie. Vor zehn Tagen sah es so aus, als ginge es aufwärts, aber es kam anders. Nun weiß ganz Peking, dass es in […]

Lux
1 Tag zuvor

Mich würde Mal interessieren, warum Ihr weiterhin in China/Peking bleibt. Du schreibst, dass du das verstehen kannst,
wenn jemand jetzt China verlässt aber mich würde viel mehr interessieren warum man noch dort bleibt? Angeblich mutieren die Flüge zu Rettungsflügen, weil so viele Expats das Land verlassen. Viele Grüße aus Hamburg