Teil eines Screenshots einer Luftqualitäts-App, die "hazardous" und 999 anzeigt.

Peking und das Ende von Zero Covid

Letzten Mittwoch wurde quasi das Ende von ZeroCovid in Peking verkündet. Erste Vereinfachungen hat es bereits von den Protesten gegeben, aber diese haben das sicher beschleunigt.

Einerseits ist das eine große Erleichterung und normale(re) Zeiten rücken näher, Grund zur Hoffnung.  Natürlich ist es gut, nicht mehr ständig zum Test wackeln zu müssen, natürlich ist es gut, dass man sich im Falle der Ansteckung zuhause auskurieren kann.

Andererseits ist das zunächst aber auch mit viel Verunsicherung und der Befürchtung, dass sich nun extrem viele Menschen anstecken werden, verbunden.

Das hat unter anderem mit (nicht nur) unserem suboptimalen Impfschutz zu tun. Im November hieß es ja nach dem Staatsbesuch des Kanzlers direkt: Biontech kommt für Ausländer:innen in China. Vor gut zwei Wochen habe ich den Regionalarzt angeschrieben, Antwort: dauert noch, muss noch weiter ausgehandelt werden. Einen Schritt weiter ist das inzwischen wohl mit der Zulassung chinesischer Impfstoffe für chinesische Staatsbürger in Deutschland, aber bis wir uns hier tatsächlich mit Biontech impfen lassen können, wird es noch dauern. Dabei wünscht man sich angesichts der derzeitigen Situation, dass da der Turbo angeworfen wird, aber an den Weihnachtsmann glaube ich auch nicht mehr. Meine dritte Sinovac-Impfung ist ein Jahr her, Minderjährige haben gar keinen Anspruch auf eine dritte Impfung, und nebenbei wird in unserer Klinik aktuell nur gegen Grippe, nicht gegen Covid geimpft. Arghs.

Und wie befürchtet gibt es inzwischen tatsächlich lange Schlangen vor den Kliniken.

Ach, und einem maximal 48 Stunden alten negativen Tests braucht man weiterhin doch noch unter anderem für Restaurants, Behördengänge, Kinos, Fitnesscenter, Schulen (soweit überhaupt geöffnet). Problem dabei: wo ist die nächste Teststation? So wie die im Frühling wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, sind sie jetzt über Nacht spurlos verschwunden.

Eine Art Ausnahmezustand

Peking befindet sich derzeit in einer Art Ausnahmezustand. Die Straßen sind wie leergefegt, wer irgendwie kann, igelt sich zuhause ein.

Botschaft

Gestern sagt die Botschaft 3,5 Stunden vor dem geplanten Beginn ihren Weihnachtsempfang ab. Heute wird der für nächsten Dienstag gebuchte Termin zur Passbeantragung  abgesagt, zusammen mit dem Hinweis, dass es vor dem 9.1. auch keine neuen Termine mehr geben wird. Fast einen Monat keinen Pass beantragen können? Das ist schon sehr krass. Mit dem Ablaufdatum des Passes läuft auch die Aufenthaltserlaubnis ab. Zum Glück hatte ich großzügig geplant, aber mit weiteren Absagen würde es eng werden, und ich bezweifele, dass die Botschaft den Expresszuschlag übernehmen wird.

Einkaufen/Versorgung

Jingkelong, Pekinger Supermarktkette, liefert derzeit gar nicht. Lieferzeiten von Restaurants haben sich in etwa verdreifacht. Bei Jindong und Taobao verlängern sich die Lieferzeiten ebenfalls um mehrere Tage. D.h. es wird schwieriger, sich zu Hause einzubuddeln und allen potenziellen Virenschleudern aus dem Weg zu gehen.

Zum Glück haben wir unseren Compoundshop, dessen Besitzer aktuell deutlich mehr frische Lebensmittel als normalerweise im Angebot hat.

Erkältungsmedikamente, Ibuprofen, Paracetamol usw. können inzwischen zwar wieder ohne formelle Registrierung erworben werden. Rein praktisch gestaltet sich das schwierig: es hat einen großen Ansturm darauf gegeben, und nun sind diese Medikamente nahezu überall ausverkauft.

Schule

Mittwoch war in der Zeit (leider hinter der Bezahlschranke) zu lesen, dass der Schulleiter auf baldigen Präsenzunterricht hofft. Donnerstag kam dann auch eine Mail an die Eltern: wir hoffen auf Präsenzunterricht ab Montag. Mail am Freitag: es wird noch verhandelt, wir melden uns. Am Sonnabend musste die Schule dann mitteilen, dass in der letzten Schulwoche vor den Weihnachtsferien doch nicht zum Präsenzunterricht übergegangen werden kann, weil von Erziehungsbehörde und Schule(n) noch an den Maßnahmen gefeilt würde.

Heute wird per Mail mitgeteilt, dass aufgrund des hohen Krankenstandes ein großer Teil des Onlineunterrichts ersatzlos entfallen muss. Am Freitag beginnen die Weihnachtsferien, zum Glück. Nach den Ferien ist die Situation dann hoffentlich wirklich normaler.

Es ist und bleibt schwierig

Aktuell finde ich die Situation so schwierig wie zu Beginn der Pandemie (wenn nicht noch schlimmer, weil wir ins vierte Pandemiejahr gehen und es inzwischen Impfungen gibt). Von daher fällt der Jubel für das Ende von Zero Covid hier nur sehr verhalten aus.

Montag vom Feinsten

Und weil die Situation derzeit wohl doch noch nicht aufreibend genug ist: Montagmorgen wache ich auf und denke, oh nein, warum ist es schon wieder so kalt? Aber als ich dann das Licht nicht anknipsen konnte, war klar, dass das Problem diesmal nicht die Heizung war. Blick aus dem Fenster: bei den Nachbarn brennt das Licht.

Strom ist alle!

Damit ist klar: Strom ist alle (der ist hier prepaid). Nachdem wir tagelang nur mit e-Heizungen geheizt haben, auch kein Wunder, dass das so viel schneller als erwartet passiert. Also bin ich im Dunkeln in die Klamotten gesprungen, runtergeflitzt, Strom gekauft, wieder hoch und noch ein paar Minuten auf den Worker gewartet und: es wurde hell. Aber leider rief mich im gleichen Moment einer der Jungs: „Unter meinem Schreibtisch hat es geblitzt und geknallt.“ Ja, da war noch eine Sicherung raus. Also Kabel gecheckt, den Übeltäter identifiziert und weggeworfen, Ersatzkabel eingesteckt, Sicherung angemacht. Soweit schon ein anstrengender Start in die neue Woche, aber besonders, wenn der Junior dann auch gleich eine Online-Klausur schreiben muss…

Sandsturm

Auf meinem Handy kam derweil eine blaue Gefahrenwarnung an: Sandsturm. Blau ist die niedrigste von vier Warnstufen. Und tatsächlich wurde der AQI vierstellig, wenn auch nicht auf meiner App, da endet die Skala bei 999. Solche extremen Luftwerte gab es lange nicht, wenn man bedenkt, dass es solche Werte früher auch ohne Sandsturm gegeben hat. Inzwischen pfeift immer noch eiskalter Wind ums Haus, aber der Sand ist zum Glück weg.

Wenn der Wind doch nur auch Sorgen und Verunsicherung und vor allem dieses Drecksvirus wegblasen könnte…

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Anke
1 Monat zuvor

Liebe Linni! Weiter durchhalten . Ich weiß nicht, ob es Dich tröstet: in D sind es anstelle der weniger als 1000 Grippe erkrankten im Vorjahr nun 85.000. Das Immunsystem ist nicht in Übung nach der langen Zeit Maske tragen und Abstand halten 😟. Ich wünsche Euch trotz allem wunderschöne Feiertage und bleibt gesund 😘 Anke