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Am zweiten Tag in Yangshuo gab es nach dem Ausschlafen erstmal ein leckeres Frühstück im Hotelgarten, wer mal dort hinkommen sollte: Nudelsuppe, Jiaozi oder Pancakes fanden wir am besten. :) Auf jeden Fall schön, den Tag so in Ruhe im Grünen zu beginnen.

Danach sind wir nach Xingping gefahren und haben dort eine Fahrt auf dem Lijiang zum Yucun Fishing Village und zurück nach Xingping gemacht. Famous place, made really famous by President Bill Clinton! Wir waren gespannt und haben eigentlich ein kleines altes Dörfchen und einen Einblick in die Kormoranfischerei erwartet.

Zunächst aber machten wir Bekanntschaft damit, wie Chinesen reisen und wurden quasi Teil einer kleinen Reisegruppe, Betriebsausflug einer Hardwarefirma aus Guangdong. Ein Teil der Gruppe nutzte die Sitzgelegenheit direkt für ein Schläfchen, ein anderer Teil packte etwas zu Futtern aus und guckte nach unten aufs Handy und der kleinste Teil schaute wie wir aus dem Fenster oder ging sobald es erlaubt wurde nach draußen und genoss von dort die Aussicht.

Als das Schiff mitten auf dem Fluss vor einem besonders schönen Panorama anhielt, dazu wurde durch ein Loch im Schiffsboden ein Pflock in den Grund gerammt, machte der Reiseführer/Bordfotograf erstmal unendlich viele Erinnerungsfotos, die Bilder konnten direkt auf dem Schiff ausgedruckt werden und wurden mitsamt Album zahlreich verkauft. Eine Frau mit Kormoranen paddelte heran, kam kurz mit ihren Vögeln an Bord und verschwand wieder. Das war irgendwie merkwürdig, dazu wurde nichts weiter erklärt oder erzählt.

Im Fishing Village angekommen bekamen wir nicht wirklich viel zu sehen, außer ein paar vergilbten Bildern von Bill, Hillary und Chelsea Clinton, dabei hätte der Guide viel über Ming- und Qing-Geschichte des nur vom Wasser aus erreichbaren Örtchens erzählen können. Der kurze Weg vom Ufer ins Dorf war ziemlich zugemüllt, Hitze und der Pomelo-Geruch trugen aber zu einer intensiven Stimmung bei. Aber schon schade, dass es nur so ein 5-Minuten-Stopp war.

Insgesamt war die Tour trotzdem extrem cool, nicht nur die Landschaft, sondern auch eine interessante Begegnung mit dem chinesischen Tourismus: Hauptsache schönes Foto! Als ausreichend Fotos geschossen waren (immer Selfies/gegenseitiges Aufnehmen, soweit ich mitbekommen habe nie nur die Landschaft – dabei ist die echt alles andere als öde), ging es wieder raus aus der Sonne nach unten, wo dann gefuttert wurde. Wir haben einen Blick auf den Imbiss geworfen und dankend abgelehnt. ;) Jedenfalls gab es auch viele Bilder mit uns, außer uns gab es nur ein weiteres westliches Pärchen an Bord, was sich aber abgeschottet hat. Naja, und unsere paar Brocken Chinesisch machen echt Türen auf. Zuerst wurde noch schüchtern gefragt – und dann ging’s los, nichts mehr mit Ruhe und Landschaft vom Wasser aus genießen, dabei hatte ich nie den Wunsch, Model zu werden… Aber einmal darauf eingelassen, hat es direkt Spass gemacht, „chinesisch“ zu posieren.  Gut verkauft hat sich ein Foto mit einem jungen, sehr coolen Chinesen der ein T-Shirt mit der Aufschrift „What the fuck?“ trug und  zwei doppelt so alte Nordeuropäerinnen im Arm hatte. *kicher*

Die Gegend jedenfalls wunderschön, vom Wasser aus bald noch reizvoller als sowieso schon. Auf dem Rückweg haben wir einen Blick auf die Rückseite der Rückseite des Panaramas vom 20 RMB-Schein werfen können, und das ganz in Ruhe, weil fast alle Chinesen unten im klimatisierten Bereich waren. Wieder in Xingping angekommen, hatten wir noch Zeit genug, uns den kleinen Ort anzusehen. Außer den Touristen waren wohl eine Kunst-Klasse unterwegs, überall ist man über malende junge Menschen gestolpert.

Auf dem Rückweg begann es zu regnen, also sind wir dann im Hotel geblieben. Das Hotel war für mich die absolut richtige Wahl, draußen im grünen, in einem Yangshuo vorgelagerten Dorf, aber durchaus noch fussläufig zum Zentrum, und sämtliche Mitarbeiter unglaublich hilfsbereit, da blieb keine Frage offen, kein Wunsch unerfüllt, gab es Anregungen, was wir noch hätten unternehmen können, und das ganze ganz unaufdringlich. Auch wenn wie überall in der Gegend auch in unmittelbarer Hotelnähe Baustellen, Bauruinen, Leerstände waren, störte das nicht weiter, gab auch keinen Krach, dafür gab es ausreichend grün und krawallerndes Geflügel überall. Zur Strafe haben wir dann auch für Donnerstagabend nen ganzen organic Gockel bestellt!

Die Jungs waren in der letzten Woche auf Klassenreise, Männe musste arbeiten, also wie letztes Jahr wieder die Gelegenheit für mich, auf Reisen zu gehen. Diesmal ging es zusammen mit meiner finnischen Freundin in den Süden nach Yangshuo.

Es war echt unglaublich schön, es hat einfach alles gepasst, wir haben uns super verstanden, das Wetter hat mitgespielt und die Gegend ist atemberaubend, märchenhaft, wunderschön, exotisch, fremd, grün, … Die Menschen, die wir kennengelernt haben, waren fröhlich, freundlich, zugewandt, hilfsbereit. Es gibt so viele Möglichkeiten für Aktivitäten, es gibt so viel zu entdecken: kleine und größere Orte, die Landschaft, Höhlen, eigentlich waren 5 Tage zu kurz. Auch das Essen war interessant, auch wenn ich eine lokale Spezialität, beer fish, nicht mochte, der schmeckte echt so modderig wie der Fluss teils roch, und anderes wie kleine Fluss-Schnecken und Krebse gar nicht erst probiert hab. Zum ersten Mal in meiner Zeit in China habe ich auch gesehen, wie ein Hund zum Essen vorbereitet wurde.

Anreise am Montag

Das Problem, frühmorgens ein Taxi zu bekommen, hat eine liebe Freundin kurzerhand für uns gelöst, in dem sie uns selbst durch den strömenden Regen zum Flughafen gefahren hat. Die Sicherheitskontrolle war streng und pingelig, danach war noch Zeit für einen Kaffee im Terminal 1, anders als bei den anderen Terminals war das Angebot von Restaurants und Shops ganz untypisch für China sehr überschaubar. Beim Boarding sind wir doch noch nass geworden, es ging mit dem Bus raus aufs Flugfeld und die Gangway war nicht überdacht. Zum Glück haben hinter uns gehende Chinesen ihren Schirm mit uns geteilt. Der Flug selbst war entspannt, und etwa eine Stunde vor Ankunft riss die Wolkendecke auf und machte den Blick auf grüne Hügel und Berge frei. Beim Anflug auf den Flughafen ging es ziemlich dicht an den Bergen vorbei.

Erste Eindrücke

Guilin empfing uns mit strahlendem Sonnenschein, Hitze und Schwüle, wir wurden wie geplant durch eine Fahrerin abgeholt und dann ging es über überraschend leere Straßen nach Yangshuo, erste Gelegenheit, die steilen Karstberge, die auf total plattem Grund stehen zu bestaunen, erste Eindrücke vom ländlichen Guangxi. Kurz vor Yangshuo wurde es staubig: Straßenbauarbeiten, teils ging es über sandige Pisten weiter. Über die Hauptstraße ging es kurz durch Yangshuo, dann wieder raus aus der Stadt in das nördlich von Yangshuo gelegene Shi Ban Qiao: angekommen im Yangshuo Village Retreat.

Fix ausgepackt, erst im Hotelgarten noch einen Kaffee und dann haben wir den Hotel-Shuttle (Kleinbus mit Platz für 8 Gäste) in die Stadt hinein genommen und haben uns dann kreuz und quer durch die Stadt treiben lassen. Hotels, Restaurants und Shops ohne Ende, viele Baustellen und von fast überall Karstkegel in Sicht.

Li Jiang - Li River

Am Li Jiang

Am Ende sind wir am Fluss hängengeblieben. Wir haben uns dort hingesetzt und die Füße ins Wasser baumeln lassen und die Aussicht genossen. Später sind wir zu Fuß am Fluss entlang zum Hotel zurückgegangen, hat auch nur 20 Minuten gedauert.

Li River bei Yangshuo

Spaziergang am Li River

Erster Eindruck: schon touristisch! Besonders die West Street und die angrenzenden Straßen, anstrengende pushy Verkäufer, aber es gibt auch ruhigere Ecken. Wie ein Örtchen an Mosel, Rhein oder Elbe, nur auf Chinesisch. Die Hauptattraktion ist und bleibt jedoch die Landschaft und das Panorama.

Am 30.4.2016 wurde im Nordosten Pekings in der Shilinxia Scenic Area eine neue Attraktion eröffnet: The Flying Saucer – Ein Skywalk. Eine Aussichtsplattform mit Glasboden, hoch über dem Tal, angeblich die weltweit größte. Wenn das mal kein Ausflugsziel für die Fotogruppe ist! Aber das musste natürlich vorher erkundet werden, und so machten wir uns am Freitagmorgen zu dritt auf den Weg. Etwa 1,5 Stunden später waren wir am Parkplatz. Da war schon ganz gut was los, obwohl es gerade erst gegen 10 Uhr war. Wie ein Schild klar machte: es handelt sich um eine AAAA-Attraktion! ISO-zertifiziert! Ob es ohne den Rummelplatz nur für drei A gereicht hätte?

Rauf, rauf, rauf, rauf, immer schön die Treppe rauf…

Nicht lange aufhalten, Tickets gekauft (78 RMB Eintritt in die Scenic Area, 50 RMB Seilbahn einfache Fahrt) und losgelaufen. Von der Seilbahn aus boten sich erste nette Aussichten, auch wenn es ein bisschen diesig war (für Pekinger Verhältnisse konnten wir eigentlich nicht meckern). Die Seilbahn fuhr allerdings nicht bis ganz oben, also mussten nun Treppen gestiegen werden. Chinesische Treppen. Chinesische Outdoor-Treppen. Teils in den Berg gehauene Steinstufen, die mal nur 5 cm, mal 50 cm hoch sind. Stahltreppen (juhuu, gleichmäßige Stufen, allerdings immer so kurze Abschnitte, dass man nicht wirklich in einen Rhythmus kommen kann). Holztreppen, alt und ausgetreten und die meisten Stufen abschüssig. In praller Sonne und nur mäßig fit (*hust*) war das schon anstrengend, allerdings hat es trotzdem Spaß gemacht, weil es so viel zu gucken gibt, und damit meine ich nicht nur die Landschaft. :) Trotzdem war ich ziemlich froh, endlich oben zu sein und das Ziel unseres Aufstiegs vor Augen zu haben!

Langnasen und andere Aliens

Für 10 RMB Leihgebühr mussten Stoffüberzieher über die Schuhe, dann ging es hinaus aufs Glas. Unterhalb der Verankerung der Plattform wurde noch gearbeitet, da war eine Lastenseilbahn unterwegs. So viel zu sehen! Nicht nur die Landschaft, sondern auch viele posierende Chinesen. Ich muss gestehen, dass ich es doch unheimlich fand, dass mich und den Abgrund einige hundert Meter tiefer nur ein bisschen Glas trennt und hab mich überwiegend schon am Geländer festgehalten und immer im Blick gehabt, wo die nächste Stahlstrebe ist. Kurz kam mir in den Sinn, dass vor gar nicht langer Zeit an einem anderen chinesischen Skywalk eine Scheibe (von dreien) zersprungen ist… Aber der Gedanke konnte sich glücklicherweise nicht breitmachen, denn ich wäre vor Lachen fast runtergefallen: Ich dachte, der Skywalk heißt „Flying Saucer“, weil er halt untertassenrund ist. Aber nein, in der Mitte des kreisförmigen Skywalks befindet sich tatsächlich ein Ufo mit blauen Aliens an Bord. Miriam, sehr groß und blond, musste allerdings häufiger als diese mit aufs Bild. :D Bis auf ein belgisches Paar haben wir aber auch keine weiteren westlichen Ausländer gesehen.

Unnötig zu erwähnen, dass es laut ist. Unten der Rummelplatz mit entsprechend skandierten Werberufen, die Gondeln der Seilbahn ließen sich als Trommel nutzen, in verschiedenen Pavillons am Berg gab es Glocken und Trommeln, dazu hatte der eine oder andere sein Radio dabei und so laut an, dass alle mithören konnten, dazu das Stimmengewirr… Wir haben dann ein Stück weiter eine andere Seilbahn bergab genommen, da war es dann tatsächlich kurz so ruhig, dass wir Vögel zwitschern hören konnten. Zurück zum Ausgangspunkt war es dann ein schöner, entspannter Spaziergang durch eine Schlucht, an einem Wasserfall vorbei, am Fluss entlang. Nur einmal eine laaaaaaaaange Treppe abwärts, aber diese ist noch ganz neu und ohne Abenteuerfaktor, dafür mit künstlichen Blümchen dekoriert…

Unten angekommen tobt inzwischen das Leben, die Karussells sind in Betrieb, jetzt sehen wir auch eine Ladestation für E-Fahrzeuge, ein letzter Blick nochmal nach oben, und dann ging es in die Stadt zurück. Und ich freu mich drauf, dass es ich am Donnerstag direkt noch einmal dahin fahre! 

Ein Highlight in China ist sicherlich die chinesische Küche, wobei es in Wahrheit nicht „die“ chinesische Küche gibt, sondern eine unglaubliche Vielfalt aus den verschiedenen Regionen. Wer mehr darüber lernen und erfahren möchte, dem möchte ich zum einen ein Buch: Culinaria China, zum anderen die Kochworkshops im „The Hutong“ ans Herz legen. Eine leckere Möglichkeit, sich dem Reich der Mitte über die Esskultur anzunähern!

Culinaria China – wer es bekommt, sollte die alte Hardcoverausgabe bevorzugen, inhaltlich nur minimal abgespeckt die neue broschierte Ausgabe. Mit diesem Buch kann man sich auf eine Reise durch China machen und lernt etwas über die jeweiligen Regionen und deren Küche. Umfangreiches Sach- und Rezeptregister machen das Wiederfinden von Rezepten leicht. Von meinen chinesischen Bekannten werden die Rezepte als authentisch eingestuft und natürlich kann man sich, wie bei jedem anderen Kochbuch auch, inspirieren lassen, variieren und dem eigenen Geschmack folgen.

Tolle Kochworkshops!

Für die Kochworkshops im The Hutong muss man nicht in Peking leben, man kann sie man auch bei einem kurzen Pekingaufenthalt gut einbauen, vielleicht anstatt Mittagessen zu gehen: das Essen selbst zubereiten und dann genießen. Man könnte zum Beispiel gleich morgens um 9 Uhr den ganz in der Nähe gelegenen Lama-Tempel besichtigen (auch wenn man dann nur eine Stunde Zeit dafür hat, mehr Zeit hat man bei organisierten Pekingreisen aber auch nicht), dann die Yonghegong Street Richtung Süden zur Dongsi North Street entlang spazieren, die große Kreuzung überqueren und ganz kurz danach vor der Post links in den Shique Hutong einbiegen. Oder gleich mit der U-Bahn bis zur Station Beixinqiao fahren.

Dann wird es etwas kniffelig, aber wenn man sich für einen Workshop angemeldet hat, bekommt man mit der Bestätigungsmail eine idiotensichere Wegbeschreibung (ich weiß das, mein Orientierungsvermögen ist armselig). Um 10:30 Uhr beginnen die Vormittags-Workshops, weitere gibt es nachmittags und abends, aktuell kostet ein Workshop ohne Ermässigung 300 RMB.

Ich habe inzwischen 5 Kurse dort besucht, zufällig alle bei Sophia. Sie stammt aus der Inneren Mongolei, und ist quirlig, engagiert, dynamisch, mitreißend! Sie spricht hervorragend Englisch – und sagt immer, sie sei nicht wegen ihrer Kochfähigkeiten, sondern wegen ihres Sprachvermögens dort beschäftigt. Ersteres ist definitiv tiefgestapelt! Sophia beginnt die Kurse stets mit einer kurzen (!) Vorstellungsrunde – mag nur ein Nebenaspekt sein, aber oft befindet man sich dort in internationaler Runde mit Menschen von allen Kontinenten, was absolut positiv für die Atmosphäre ist. Die Teilnehmerzahl bewegt sich zwischen 5 und 16-20 (?) Personen, wobei größere Gruppen dann einen zweiten Chief bekommen und auf zwei Küchen verteilt werden – die Gruppe bleibt also klein genug für individuelles Lernen. Bei der Vorstellungsrunde wird klar, ob Teilnehmer zum ersten Mal dabei sind, dann gibt es eine ausführliche Einführung in die regionalen Chinesischen Küchen und deren Besonderheiten; sind nur Wiederholungstäter da, wird das etwas abgekürzt.

Im Norden sind Nudeln und Nudelgerichte zuhause, die im Süden nicht gegessen werden, dort wird Reis bevorzugt. Im Norden ist die Küche generell etwas milder als im Süden, wo die schweißtreibende scharfe Küche bevorzugt wird, das Schwitzen sorgt für Abkühlung…

Input!

Gewürze

Dann werden die wichtigsten Gewürze vorgestellt, wer mag kann auch probieren: neben Salz und weißem Pfeffer sind dies helle und dunkle Sojasoße, Reiswein, Reisessig, Sesamöl, Chili, Ingwer, Knoblauch und Zucker, sowie – Sichuanküche! – Sichuanpfeffer. Je nach Rezept kommen weitere Gewürze hinzu, nicht alles wird immer verwendet, dafür kommen andere würzende Zutaten wie eingelegte Gemüse, Bohnenpaste, Chiliöl oder oder oder hinzu. Anschließend stellt Sophia die Rezepte des Tages vor, in der Regel sind es drei Gerichte, die gekocht werden. Sie erläutert die Herkunft, die Besonderheiten, spezielle Zutaten und den Umgang damit. Die eher langweilig-mühseligen Vorbereitungsarbeiten (rohes Fleisch vom Knochen lösen, Gemüse waschen…) werden vorab von Ayis erledigt, eine ist auch während des Workshops dabei und achtet darauf, dass reichlich Tee und Wasser fließt, kocht Reis, räumt Abfälle direkt weg. Das ist nicht nur ein bisschen Luxus, man kann sich dann auch besser auf das Wesentliche konzentrieren.

The Hutong - Küche

The Hutong-Küche

Das war dann auch genug Theorie, dann wird geschnippelt. Halt – doch noch etwas Theorie: knife skills! Gearbeitet wird mit einem großen chinesischen Messer, mörderisch scharf, und bevor man sich damit die Finger absäbelt, bringt Sophia (oder andere chiefs) einem zunächst den richtigen Umgang damit bei: wie fasst man es an, wie schneidet man dieses oder jenes Gemüse am besten? Meine Knoblauchpresse liegt seit dem ersten Kurs übrigens in der Ecke, mir gefällt die chinesische Methode: Ende abschneiden, Knoblauchzehe mit herzhaftem Bums aufs Messer plattklopfen, Haut einfach abziehen, fix kleinhacken, fertig. Geht viel schneller als die Hautabpfriemelei…

Push! Turnover! Quick!

Dann werden alle Zutaten vorbereitet, jeder muss ran, jeder bekommt ein bisschen Ingwer, Knofi, Gemüse und muss das Gelernte umsetzen und erst wenn alles fertig vorbereitet, gegebenenfalls mariniert ist, geht es an den Gasherd. Jeweils zwei Leute müssen ran und unter Sophias strenger Aufsicht pfannenrühren, weitere reichen andere Zutaten an, fügen Gewürze hinzu etc. Jeder kommt dran, drücken geht nicht – aber so lernt man alles. Push! Turnover! Quick! Quicker! Stehen eher scharfe Rezepte auf dem Speiseplan, wird abgefragt, wer scharf und wer lieber weniger scharf ist, dann werden gegebenenfalls zwei Varianten zubereitet. Spätestens jetzt ist Zeit für das erste Tsingtao! :)

Dank Ayi ist der große Tisch inzwischen freigeräumt und gedeckt und dann können die selbstgebrutzelten Köstlichkeiten genossen werden, Zeit für Fragen und Antworten, für Smalltalk – was unterscheidet eigentlich südamerikanische Schärfe von chinesischer? Ulkig, Fleischklößchen gibt es offensichtlich überall auf der Welt. Oh, und Teigtaschen wohl auch! Man entdeckt Unterschiede und Gemeinsamkeiten…

The Hutong

So ein Workshop ist definitiv ein Erlebnis und selbst am Ergebnis beteiligt zu sein: dann schmeckt es nochmal so gut. Den jeweils aktuellen Plan findet man hier auf der Webseite unter Calendar, der Anmeldeprozess ist ganz einfach. Ich habe bisher die Kurse Tastes of China B, Streetfood A, Sichuan B, Saisonales Gemüse/Februar und Neujahrsspezialitäten besucht – und habe mir fest vorgenommen, weiterhin etwa einmal im Monat einen Workshop zu besuchen. Gerne würde ich auch die anderen Angebote (Marktbesuche, Vorträge, Stadtteilspaziergänge, Ausflüge oder sogar Reisen) einmal wahrnehmen, das ist sich bislang terminlich nicht ausgegangen.

Meine Männer sind ja leider eher von der deutschen Schnitzelmafia. Nichtsdestotrotz mögen zumindest die beiden Kurzen inzwischen zum Beispiel Gong Bao Ji Ding: Hühnchen mit Erdnüssen und Sichuanpfeffer – wenn es ein chinesisches Nationalgericht gibt, dann ist es vielleicht dieses traditionelle aus der Sichuanküche stammende Gericht. Es gibt unzählige Varianten, auch vegetarisch – nur ohne Erdnüsse und Sichuanpfeffer ist es kein Gong Bao mehr!

Überhaupt essen wir inzwischen auch von mir gekochtes wesentlich schärfer als noch vor zwei Jahren, treudeutsche Küche kommt uns jetzt oft einfach zu fad vor! Allerdings – während ich dies geschrieben habe, steht Männe in der Küche und kocht Omas Tomatensuppe…

Grüsse nach Deutschland und viel Geduld für Eure zweite Woche ohne Schule und Co. Bei uns sind es jetzt zwei Monate und weiterhin ist kein Ende in Sicht. Ich habe inzwischen einen ausgewachsenen Corona-Koller: Budenkoller, Frust, Lethargie, Zorn, Trauer über ein verlorenes Vierteljahr (das wird es wohl mindestens), Mangel an realen sozialen Kontakten. Zum Glück immer nur phasenweise, es nutzt ja nix, wir müssen da durch – und es geht uns angesichts der Umstände gut.

Ja, aber kann man in China nicht schon von Normalisierung reden? Es gibt doch keine lokalen Neuansteckungen mehr, „nur“ noch importierte? Es ist doch mehr auf den Straßen los?

Vielleicht ist das Normalisierung, aber hier ist noch lange nichts normal…

Ja, es ist mehr auf den Straßen los, denn immer mehr Menschen müssen/dürfen wieder arbeiten gehen. Außerdem ist Frühling, über 20 Grad, eigentlich fängt jetzt die schönste Jahreszeit hier an. Es ist ja auch nicht grundsätzlich verboten rauszugehen. Gestern hatte ich nach der Fahrt zum Supermarkt aber keinen Nerv mehr. Die eigene Maske nervt und ausschließlich in andere Maskengesichter zu gucken, das ist nicht normal, das fühlt sich apokalyptisch an. In den eigenen vier Wänden habe ich dann doch wenigstens die Illusion von Normalität.

Frühling, endlich.

Allerdings bin ich heute am Compoundtor gefragt worden, wo ich hin möchte, als ich ein zweites Mal losgefahren bin, nachdem ich vormittags schon beim Bäcker und beim Metzger war.
„Sachen kaufen.“ -„Was für Sachen?“ -„Reis.“- „Okay.“ 

„Sachen kaufen“ habe ich mit einem Umweg verbunden, erst ein bisschen in der Stadt nach dem Rechten sehen. Da ich zwischendrin das Scooter-Akku nicht wieder vollgeladen hatte, hat es nur für eine kürzere Runde gereicht: Sanlitun, Dongzhimen, Galaxy Soho, Observatorium, CBD – steht alles noch. Straßen immer noch relativ leer.

CBD steht noch

Tuanjiehu-Park

Irgendwann sagte der Blick aufs Akku: umdrehen/Rückweg. Der Tuanjiehu-Park liegt auf dem Weg, also habe ich da einen Zwischenstopp eingelegt, um mir die Füße zu vertreten. Da war relativ viel los, also Normalisierung? Nee, nicht mit all diesen Masken. 

Wasserkalligraphie

Der Tuanjiehu-Park ist klein, aber seht nett mit viel Wasser angelegt.

Tuanjiehu-Park

Einen Großteil der Parkfläche nehmen ein Aquapark und Kinderbespassungsanlagen „Carnies“ (Karussels, Hüpfdinger etc.) ein – natürlich geschlossen im Moment. Nicht normal. Ob die Entenboote noch Winterpause haben oder auch mit unter Quarantäne fallen, weiß ich nicht.

Park mit Aussicht

Nach zwei Runden hat es dann auch gereicht, und ich bin weiter zum Jingkelong gefahren. Wir brauchten wirklich Reis. Hier steht wie erwartet ein Wächter am Eingang, aber als ich ihm mein Handgelenk für die Temperaturkontrolle entgegenhalte, winkt er ab und deutet auf einen Kasten, aus dem mich mein eigenes Maskengesicht anlacht und, nachdem ich kurz davor stehen geblieben bin, 36° anzeigt – ich darf hinein. Der Laden ist gut besucht, aber nicht übervoll, die Regale sind gut gefüllt, es gibt alles. Die Reisauswahl im Jingkelong überfordert mich wie immer, also einfach irgendeinen 5-Kilo-Sack geschnappt, fertig. Am Ausgang ist ein Blumenstand, ein paar Tulpen müssen mit. Mittlerweile könnte ich wohl auch eine komplette Kleinfamilie mit dem Scooter transportieren, da kann ich auch mit Blumen in der Hand fahren…

Wer den Scooter liebt, der…

Ja, der Scooter. Als ich am Chaoyangpark entlangfahre, zeigt er mit noch 20 Prozent Akkuladung an, das reicht locker, denke ich, und switche nicht in den eco-Modus. Aber hinter der Französischen Botschaft sind es plötzlich nur noch 4 Prozent, hektisches rotes Blinken und aus. Tja, Premiere, wer seinen Scooter liebt, der schiebt. Zum Glück hab ich kein größeres, schwereres Modell, aber viel länger als diese Viertelstunde hätte ich auch nicht schieben mögen. Schreckmoment am Compoundtor nach dem ersten Fiebermessen, andere Hand hingehalten, uff, alles gut.

Keine Normalität, kein Ende in Sicht

Wie gesagt, allein dadurch, dass man überall außerhalb der eigenen vier Wände mit den Masken konfrontiert ist, wird man ständig daran erinnert, dass derzeit nichts normal ist. Dass es weiterhin kein Datum für die Wiederöffnung der Schulen gibt und dass wir nach der letzten Mail aus der Schule weiterhin damit rechnen, dass es frühestens ab dem 20. April wieder losgehen kann – keine Normalität.

Teilweise werden Regelungen sogar verschärft, in Restaurants soll nur noch eine Person pro Tisch sitzen, in einem Restaurant, wo normalerweise 300 Leute Platz finden, sind aktuell maximal 15 Personen gleichzeitig erlaubt. Das in Verbindung damit, dass keine Besucher in die Compounds gelassen werden, hat unser soziales Leben außerhalb der Familie fast komplett in den virtuellen Raum verlagert.

Meine Nachwuchsnerds kommen mit der Situation immer noch überraschend gut klar, so wie sie auch mit der Online-Schule gut zurechtkommen, teils sogar deutlich besser als mit normaler Schule. Ich steh ja auch normalerweise für Fragen zur Verfügung, aktuell muss ich deutlich mehr erklären. Nun bin ich also doch das, was ich nie sein wollte: Aushilfslehrerin. ;)

Ich habe hier den Eindruck, dass Kinder mit bisher streng reglementierten Medienzeiten und wenig Zugang zu Handy/PC sich derzeit deutlich schwerer tun. Oder etwas zugespitzt: Medienabstinent ist das neue Bildungsfern. Und wir sind hier in einer relativ privilegierten Situation mit der gut ausgestatteten Auslandsschule – an staatlichen deutschen Schulen dürfte da vieles nicht machbar sein. 

Blick nach Deutschland

Hier so lange schon mit den Einschränkungen zu leben, das zerrt so schon an den Nerven. Aber zuzugucken, wie die Krankheitswelle nahezu ungebremst auf Deutschland zu- und darüberwegrollt, das belastet zusätzlich, weil das so nicht hätte passieren müssen. (Kluger Artikel dazu übrigens in der New York Times: „China Bought the West Time. The West Squandered It.“ Ist zwar schon eine Woche alt, aber weiterhin aktuell.)

Wir haben uns ja schon lange gewundert, warum nichts passiert, z.B. bei der Einreise am deutschen Flughafen. Ja, auch mit Temperaturkontrollen erwischt man sicher nicht alle Infizierten, aber Passagiere einfach so durchzuwinken kann es definitiv auch nicht sein. Wer Maßnahmen eingefordert hat und entsprechendes geschrieben oder gesagt hat, musste sich der Panikmache und der Hysterie bezichtigen lassen.

Wie kann es sein, dass in der globalisierten Welt erst mit zögerlichem Handeln begonnen wird, wenn die Einschläge in unmittelbarer Nachbarschaft sind? Hallo, Luftverkehr, schon mal davon gehört? Aber China ist das Land, wo nur ein Sack Reis umfällt, sowieso böse und sowas von hinter dem Mond? Was in China in den ersten Wochen passiert ist, daran gibt es nichts zu beschönigen – aber der Rest der Welt hätte wissen müssen, was da kommt und hat trotzdem nicht genug getan.

Wochenlanges Runterspielen – alles ja nur Hysterie, Panikmache – ist es dann wirklich verwunderlich, wenn viele Menschen das jetzt noch nicht ernst nehmen? Hätten die sehr harten Maßnahmen für alle jetzt wirklich sein müssen, wenn man frühzeitig Einreisende unter Quarantäne gestellt hätte,  so wie China das jetzt macht, um den Re-Import des Virus bzw. die weitere Ausbreitung zu verhindern? 

Nun ist es vermutlich eh zu spät. Immerhin, endlich Frühling.

Forsythie. Hilft nicht gegen Covid-19 (auch nicht gegen den Virus im Film „Contagion“). Macht aber gute Laune.

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Das haben wir jahrzehntelang in Deutschland zu hören bekommen, jetzt sollte es umgekehrt für uns gelten. Oder?

Wieviel Chinesisch braucht man im Expat-Alltag wirklich?

Natürlich macht es einem das Leben in China leichter, wenn man (etwas) Chinesisch versteht und spricht. Aber es geht auch ohne, zumindest mit dem Rundum-Sorglos-Expat-Paket.

Wir wohnen in Compounds mit englischsprachigem Management, unsere Kinder besuchen deutsche/internationale Schulen und werden mit dem Schulbus zur Schule und zurück transportiert. Es gibt in „unseren“ Wohnvierteln auf uns ausgerichtet Supermärkte, Restaurants, Kliniken (bzw. Ärztehäuser). Die Metro ist in der ganzen Stadt zweisprachig ausgeschildert, ebenso sind alle Durchsagen auf Chinesisch und Englisch. Sehenswürdigkeiten sind ebenfalls auf Englisch ausgeschildert und teils auch detaillierter erklärt. Ehrlich gesagt, ist das ein Umfeld, in dem man eher Englisch als Chinesisch braucht. Und wenn es doch mal hakt, gibt es Hilfe aus den Büros der Göttergatten.

In der Pekinger Expatbubble kommt man gut ohne Chinesisch klar. Vielleicht kann es einen auch beruhigen, dass viele Menschen nach und durch China reisen, ohne ein Wort Chinesisch zu verstehen oder zu sprechen. 

Und auf Reisen?

Wenn man nur kurze Zeit durch China reist, stellt sich die Frage, wie viel Zeit man vorab ins Sprachenlernen stecken kann, noch mehr. In den großen Städten, den vielen Touristenmagneten, geht es gut ohne Chinesisch, selbst wenn man keinen übersetzenden Guide dabei hat. Wenn man sich als Backpacker/Individualreisende auch abseits der Touristenpfade tummeln will, dann kann es einem schon passieren, dass man niemanden trifft, der Englisch sprechen kann (wobei das auch in Peking passieren kann). Aber mit App und/oder Wörterbuch, abfotografierten/ausgedruckten Adressen geht auch das und gehört zum Abenteuer China dazu.

Trotzdem: Sprachkenntnisse öffnen Türen

Viele Chinesen rechnen gar nicht damit, dass wir Langnasen Chinesisch können, und wenn wir dann doch immerhin ein paar Sätze herausbringen können, und sei die Aussprache noch so unterirdisch und die Grammatik sehr fantasievoll – ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Bemühungen anerkannt werden, die Leute reagieren (noch) freundlicher. Aber vor allem fühle ich mich sicherer und unabhängiger, auch wenn mein Chinesisch, um es mit den Worten meiner Jungs zu sagen „so mittel“ ist, was sich aber auch nur aufs Hörverstehen und Radebrechen bezieht, Lesen kann ich nur sehr wenig…

Raus aus der Expatbubble

Ich finde durchaus, dass unsere Blase Vorteile hat. Manchmal kann einen China pur und ungefiltert durchaus überfordern, und dann ist es gut, wenn man sich mit Menschen mit gleichen Erfahrungen in der Muttersprache (oder immerhin Englisch) austauschen kann. Aber wenn man schon in China ist, dann will man doch auch mehr über Land und Leute erfahren. Ich jedenfalls. Dazu ist es natürlich hilfreich, wenn man sich ein bisschen auf Chinesisch unterhalten kann. Ob man Hände, Füße oder Handy-Apps unterstützend verwendet, ist dabei gar nicht mehr so wichtig. Ich glaube, man traut sich einfach eher, wenn man schon ein paar Kursstunden hinter sich hat.

Im Sprachkurs lernt man mehr als nur die Vokabeln

Chinesischbücher

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In meinen Sprachkursen habe ich außer Vokabeln und Grammatik und die richtige Schreibreihenfolge und -richtung für die Radikale (die Bestandteile der Schriftzeichen) viel über Land und Leute gelernt, über Fettnäpfchen und Feiertage, Sitten und Gebräuche. Allein, dass es kein „richtiges“ Wort für „Nein“ gibt – das sagt doch schon viel, oder?

Ich würde jedem, der für mehr als ein paar Tage nach China geht, raten: Lerne Chinesisch. Guten Tag, Tschüss, Danke, Bitte – das kann jeder. Dazu Zahlen und: „Wie teuer?“, dass man aus Deutschland kommt – das ist immerhin ein guter Anfang.

Aber machen wir uns nichts vor, wenn wir über Anfängerniveau hinauskommen wollen, ist Chinesisch zu lernen wirklich fordernd. Mir fällt das Sprachen lernen an sich sehr leicht, das habe ich aber nur gedacht, bis es mit Chinesisch losging. Damit tue ich mich schwer, weil es so anders ist und weil ich es mit keiner der bisher erlernten Sprachen verknüpfen kann. Kathedrale: the Cathedral, la cathédrale, la catedral, katedralen… Auf Chinesisch: 大教堂 (dà jiàotáng).

Meine Aussprache ist und bleibt unterirdisch, es wird zwar etwas besser, wenn ich mir vorstelle, Sätze wie ein Lied mit bestimmter Betonung und Rhythmus zu singen, aber das Gefühl vom Knoten in der Zunge bleibt.

Damit es vorangeht, muss man wirklich viel Zeit investieren – neben dem normalen Alltag. Man lernt ja nicht einfach nur Vokabeln wie bei Deutsch-Schwedisch beispielsweise, sondern Pinyin (was die Aussprachehinweise enthält) und die Zeichen. Man muss es schon sehr wollen, um sich soviel Zeit freizuschaufeln und dran zu bleiben. Und wenn man wie so viele Expats dann doch nur 2-3 Jahre hier ist, dann finde ich es völlig in Ordnung, wenn man sich dagegen entscheidet, mehr als die Basics zu pauken. Bei schönem Wetter die Stadt zu erkunden, ist ja auch viel spannender als allein am Schreibtisch zu sitzen.

Fazit:

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich direkt nach unserer China-Entscheidung mit dem Chinesisch lernen angefangen habe. Und das würde ich auch jedem anderen raten, der  eine Zeit lang in China leben wird. Aber wenn es einem an Sprachbegabung und/oder Zeit zum Lernen fehlt: das ist kein Drama! Ich denke, es nimmt viel Druck von einem, wenn man weiß: es geht auch ohne.

 

Heute Morgen sitze ich am Schreibtisch, als mein Handy rappelt: „Ich will was für die Fotogruppe nachgucken, kommst Du mit?“
Na klar.

99 Luftballons

Meine Freundin fährt. Auf Höhe des Supermarktes ist es wie immer vollgeparkt, Autos rangieren vorsichtig aneinander vorbei. Der Wagen, der uns entgegenkommt, fährt allerdings außergewöhnlich langsam. Ich meine, so wirklich langsam. Millimeter für Millimeter. So eng ist es dann doch nicht. Als wir dichter dran sind, sehen wir warum: Die Fahrerin sieht fast gar nichts, der Wagen ist proppevoll mit lila Luftballons. Proppevoll! Zwischen den an der Scheibe klebenden Luftballons klebt ihre Nase!

Luo Hong Art Museum

Luo Hong Art Museum

Parkplatz-Puzzle

Wir erreichen das Museum, die Schranke am Parkplatz geht hoch, meine Freundin parkt ein, wir steigen aus.
Ein Wächter kommt angerannt: „Bitte rückwärts einparken.“
Okay, wird erledigt.
Ein anderer Wächter kommt angerannt: „Bitte hier nicht, dort drüben.“
Keine Ahnung, warum, denn es ist nichts los, nur einige wenige Autos verteilen sich – immerhin alle rückwärts eingeparkt – über den Parkplatz.
Nach dem dritten Mal einparken ist alles gut.
Wir erkundigen uns nach dem Eintrittspreis (oh, günstiger als vor einem Jahr, jetzt „nur“ noch 100 RMB (für chinesische Museen ist das immer noch viel), Gruppentarifen (gibt es nicht) und Eintrittszeiten – passt. Wir bekommen beide noch ein hübsches Heftchen mit und sind im Handumdrehen wieder am Parkplatz. Das Parken hat länger gedauert als unser eigentliches Anliegen.

Scheibenwaschanlage, manuelle Version

Wir fahren weiter zur Markthalle. Wir schließen zu einem in die Jahre gekommenen LKW auf. Der Fahrer hält eine Flasche aus dem Fenster. Wir kommen näher, er fuchtelt damit herum. Huch?

Als wir ihn überholen, sehen wir, was das soll: Die Scheibenwischer sind an, und er spritzt das Wasser aus seiner Flasche auf die Frontscheibe. Ach so. Wir prusten beide los.

Markthalle

Markthalle

Heute kein Fleisch

Die Markthalle war ein paar Wochen geschlossen und zum Glück ist sie jetzt wieder geöffnet. Nicht plattgemacht, sondern nett renoviert, wirkt heller, aufgeräumter und sauberer als vorher. Schön. Auch das Fleisch in den Auslagen sieht appetitlich aus.
„Hast Du hier schon mal Fleisch gekauft?“
„Nein. Obwohl, jetzt im Winter… Und die Kühlkette in unserem Westler-Supermarkt ist ja auch ziemlich löchrig…“
„Lieber nicht drüber nachdenken!“
Voll bepackt mit Obst und Gemüse kehren wir zum Auto zurück und machen uns auf den Rückweg. Lieber kein Fleisch.
(Wobei das vermutlich blöd ist, wir kaufen ja auch Fleisch auf dem Sanyuanli-Markt, da ist das im Zweifel auch nicht anders als in der Markthalle hier.)

Spülmaschinen-Spinnereien

Zuhause räume ich in der Küche rum und mache ganz in Gedanken versunken die Spülmaschine an. Erst als sie läuft, fällt mir wieder ein: Die sollte doch sicherheitshalber ausbleiben. Es ist sehr mysteriös, manchmal springt die Sicherung raus, wenn man die Spülmaschine anschaltet, manchmal nicht. Heute hab ich Glück gehabt, die Sicherung bleibt drinnen, Spülmaschine läuft und das Haus ist auch nicht abgebrannt. Ich weiß nicht, wie oft inzwischen die Arbeiter deswegen hier waren. Natürlich gab es einmal auch den Vorführeffekt: Alles funktionierte. Am Tag danach nicht mehr. Irgendwas ist kaputt, keiner kann es reparieren, letzte Ansage war: Wir kontaktieren den Vermieter, da muss eine neue her. (Spülmaschine gehört zum mitgemieteten Inventar.) Das war letzte Woche. Ich sag ja, man lernt hier zwangsläufig, Geduld zu haben. Oder von Hand zu spülen. ;)

Wasser. Ich brauche Wasser.

Ich räume etwas in die Garage und sehe dabei, dass wir nur noch einen vollen Wasserkanister haben. Kein Problem, ich muss eh noch Milch und Brot kaufen, dann bestelle ich gleich drei neue Kanister.
Doch Problem: „Out of stock. Perhaps tomorrow.“
Nicht genügend Trinkwasser im Haus zu haben, ist hier eines der Dinge, die mich am meisten beunruhigen. Ich nehme sicherheitshalber eine Fünfliterflasche mit. Und zwei Paletten Softdrinks. Und eine Kiste Mineralwasser mit viel Sprudel. Import aus Deutschland, unglaublich teuer. (Nicht genügend bedeutet heute: ein noch fast voller 19-Liter-Kanister im Wasserspender und ein voller in der Garage. Aber man weiß doch nie… ;) )

Zum Schluss noch ein wenig Smog-Gejammer

Jetzt wird es dunkel, wobei es heute nicht hell geworden ist. Dass der AQI bei etwa 200 liegt, das riecht man nicht nur, fühlt man nicht nur, sondern sieht man auch.
Ibuprofen sei dank keine Kopfschmerzen mehr, aber ich könnte gleich mal versuchen, Joe Cocker zu covern – ohne dass man einen Unterschied hört. Allerdings müsste ich dabei gegen das Brummen der Luftfilter ankrächzen, ach nee, dann macht das ja auch keinen Spaß und ich sing lieber nicht.

Das war also mein ziemlich ereignisloser Tag. Alles ganz normal in Peking!

Es ist grau. Mal ist es der Smog, mal das Wetter, mal beides. Nach längerer Zeit haben die Luftwerte mal wieder die 250 überstiegen, was sich direkt mit Kopfweh und Heiserkeit bemerkbar gemacht hat. Das sind Tage, wo man dann wirklich nicht so gerne hier ist und ins Grübeln kommen kann.

In der Facebookgruppe der Expatmamas wurde diese Woche gefragt, was man seinem Vor-Expat-Ich aus heutiger Sicht sagen würde. Meine Antwort war ganz spontan:

Hab weniger Bammel und freu dich mehr! Das wird großartig! Es gibt absolut keinen Grund zur Panik!

Ja, rückblickend kann ich zugeben, dass vom Augenblick der Entscheidung im Spätsommer 2014 bis zur tatsächlichen Übersiedlung im August 2015 mein vorherrschendes Gefühl Angst war. Klar war da auch Vorfreude, Aufregung und vor allem schrecklich viel zu tun und zu organisieren. Aber dominiert hat die Angst vor dem Neuen, dem so ganz Anderen. Ein Aufbruch ins Unbekannte. Im Vordergrund stand die Sorge um die beiden „Kleinen“, wie die das verkraften würde, aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen zu werden. Mir war nicht wohl dabei, soweit weg von den drei Großen zu sein und sie nur noch selten zu sehen, ebenso wie den Rest der Familie, die Freunde. Ich hab mir Gedanken gemacht, ob wir Anschluss finden würden oder ganz auf uns gestellt sein würden. Positiv war natürlich, dass die langen Trennungen vom Papa/Ehemann wegfallen würden. 

Positives Fazit?

Der zweite Teil meiner spontanen Feststellung hingegen klingt ja positiv. Freuen! Großartig! Und ja, das ist es auch. Ich bin wirklich dankbar dafür, dass ich diese Erfahrungen machen kann. Ich lerne ein Land immer besser kennen, dass ich früher nicht mal als Reiseland in Erwägung gezogen haben, und in dem ich jetzt von Herzen gerne reise und lebe. Mein Chinabild, durch deutsche Medien vermittelt, war früher eher negativ, inzwischen kann ich vieles differenzierter sehen. Und umgekehrt: Deutschland und Europa sind nicht der Nabel der Welt. Es wäre schlau, würde man häufiger über den Tellerrand schauen und nicht große Teile der Welt bestenfalls ignorieren oder schlimmer ablehnen.

Der Herr Gemahl ackert nach wie vor viel und glänzt durch häufige Abwesenheit, ist aber happy, uns hier zu haben. Die beiden Jungs und mich hat es noch enger zusammen geschweißt. Die Jungs besuchen eine wirklich gute Schule und gehen nach wie vor gerne hin, auch wenn für sie wohl mehr der Spaß in den Pausen und mit ihren Kumpeln im Vordergrund steht als, hust, Hausaufgaben. In den ersten Monaten wurde von ihnen von Zeit zu Zeit schon der Wunsch geäußert, zurück nach Hamburg zu gehen. Das ist nicht mehr so. Zum Glück. Eigentlich ist es hier doch gar nicht so anders, findet der Lütte. Könnte man sich manchmal was von Abgucken, mehr auf die Gemeinsamkeiten als auf die Unterschiede zu sehen.

Grundsätzlich zu der Entscheidung zu stehen und sie nach wie vor gut zu finden, heißt allerdings nicht, dass es nicht auch Probleme gäbe. Dass es manchmal schwierig ist. Dass das Leben hier einen vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Heimweh nach Deutschland, häufiger Sehnsucht nach bestimmten Menschen. Frust, wenn das Novembergrau einem die Luft zum Atmen nimmt. 

Bleibt alles anders

So wie der Grönemeyer-Song fühlt sich das Leben hier oft an. Oder mit anderen Worten: das einzig Beständige ist der Wandel. Als ich vorhin den Jungs die Frage gestellt habe, was sie ihrem Vor-China-Ich raten würden, war eine Antwort:

Befreunde dich mit niemanden. Alle gehen.

Beinahe hat es mir die Tränen in die Augen getrieben, zum Glück wurde dann gelacht. Leider hat es einen wahren Kern. Abschiede. Immer Abschiede. Damit hatten wir vorher wirklich nicht gerechnet, dass es nicht nur die Abschiede von und in Deutschland geben würde, sondern dass auch hier ein ständiges Kommen und Gehen ist. Letzten Sommer hatten wir Glück, aber zum Ende dieses Schuljahrs wird es wieder schlimm werden, weil wir uns von vielen lieb gewonnenen Menschen verabschieden müssen. In Kontakt und befreundet zu bleiben ist halt doch anders, als wenn man den Alltag miteinander teilt. Wenn jemand dafür einen Ratschlag hat, wie wir das besser auf- und einfangen können: Nur her damit!

Wie jedes Jahr in der letzten Septemberwoche sind die Jungs auf Klassenreise gegangen, der Mann muss arbeiten – die Gelegenheit für mich, alleine in China zu reisen. Diesmal habe ich mich für Xi’an entschieden (2015: Shanghai, 2016: Yangshuo, 2017: Liuku und Dali/Yunnan). Da ich schon etwas gedrängelt wurde (*wink zu B.*), hier schon mal eine erste Zusammenfassung! Ich muss die Eindrücke noch sacken lassen, Bilder sichten und werde dann noch ausführlicher von den einzelnen Stationen berichten.

Xi’an

Von Xi’an wusste ich bis vor Kurzem noch nicht viel mehr, als dass es der Ausgangsort für Besuche bei der Terrakotta-Armee ist – die war auch für mich der Hauptgrund, nach Xi’an reisen zu wollen. Xi’an war Ausgangspunkt der Seidenstraße und ehemalige und erste Hauptstadt des chinesischen Kaiserreichs. Vor der Reise habe ich Reiseführer gelesen und im Web gestöbert. Dabei bin ich wieder einmal bei Ulrikes Bambooblog gelandet – ohne ihre Berichte hätte ich was verpasst.

Terrakotta-Armee

Terrakotta-Armee

Besucht habe ich:

Gerne wäre ich auch in die Berge gefahren, zum Hua Shan. Angesichts des Wetters – Nebel und/oder Regen – war das aber keine gute Idee.

Unterwegs war ich zu Fuß, mit dem lokalen Bus, mit Didi (Taxi-App), mit einer übers Hotel gebuchten überschaubaren Gruppe (Banpo und Terrakotta-Armee), mit übers Hotel organisiertem privaten Fahrer (Hanyanglin und Famen-Tempel).

Vorläufiges Fazit

Glocken- und Trommelturm

Glocken- und Trommelturm

Xi’an selber finde ich nicht schön, aber interessant. Es gibt zwar nette Ecken, aber man sieht halt doch von fast überall die Hochhauswälder. Es ist halt eine typische chinesische Millionenstadt, vielleicht klein im Vergleich zu Peking und Shanghai, aber verglichen mit deutschen „Großstädten“ gigantisch. Innerhalb der Stadtmauer hätte ich mehr traditionelle Bauten vermutet, stattdessen gibt es an jeder Ecke gigantische Malls und unzählige Baustellen. Das Muslimviertel ist – vor allem abends – voll, bunt, lebendig. Aber auch sehr kommerziell. Ich fühlte mich an den Hamburger Dom (für Nicht-Hamburger: Volksfest, Rummel, Kirmes…) erinnert, wo es statt Fischbrötchen Biang-biang-Nudeln (lecker) und chinesische Hamburger (nicht mein Fall) gibt. Hat mich trotzdem (gerade?) jeden Abend wieder dahin gezogen. :)

Die Stadtmauer fand ich beeindruckend, auch wenn mich die Aussicht von dort eher enttäuscht hat.  Und gähn, noch ein Turm-Pärchen – Trommel- und Glockentürme gibt es in China doch an jeder Ecke. Ich muss aber zugeben, dass die in Xi’an bei nächtlicher Beleuchtung schon sehr cool aussehen.

Terrakotta-Armee

Terrakotta-Armee

Die Terrakotta-Armee war definitiv mein Highlight – allerdings dicht gefolgt von der Namaste Dagoba – dazu in den nächsten Tagen mehr. Jetzt nur so viel: Chinesischer geht es nicht. Gigantisch, protzig, komplett überdimensioniert. Aber das muss gerade hier vielleicht so sein, schließlich soll hier ein Fingerknochen des Gautama Buddha liegen.

Auch wenn Xi’an kein durchweg hübscher Ort ist – die Reise hat sich gelohnt, ich bin froh, dass ich da war. Und ich bin auch froh darüber, alleine dagewesen zu sein: keine Sightseeing-Muffel an meiner Seite, die quengeln, wann sind wir da, nicht noch ein Tempel, wie lang denn noch, meine Beine tun weh und wann gibt’s Eis… Dafür viele Gelegenheiten, mit Menschen aus aller Welt (nicht nur Chinesen) in kürzere und längere Gespräche zu kommen, das geht allein irgendwie immer besser.

Dank Tianwei Fu (Lehrer am Hamburger Konfuzius-Institut) hab ich nun einen Ohrwurm… „Kleiner Apfel“ von den Chopstick Bros. Soll in diesem Sommer überall in China in Endlosschleife gelaufen und viel, viel populärer als z.B. „Gangnam Style“ sein.

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Mehr über den Song und dessen Verbreitung in China sowie die Lyrics auch in Englisch findet sich hier:
http://blogs.transparent.com/chinese/little-apple-song/

Sehr nett für mich dabei: mit dem bisher gelernten Chinesich kann ich schon einzelne komplette Sätze und den (Un-)Sinn des Textes verstehen. :)

Ohne chinesischen Führerschein darf man in China nicht Auto fahren. Man muss also noch einmal zur theoretischen Prüfung.

Im Chinaforum gab es den Hinweis auf folgende App:

Driving in China

Falls ich also Pause vom Chinesisch lernen brauche, büffel ich dann mal wieder für den Führerschein. :)

 

Stockwerkszählung

Stockwerkszählung

Zahlen sind hier furchtbar wichtig!

„8“ ist super und bringt Glück, weil’s so ähnlich klingt wie das Wort für „Reichtum“. „8“ steht also für Glück und Wohlstand. „4“ hingegen ist ganz schlecht, klingt so ähnlich wie „Tod“.

Ebenfalls positiv belegt sind „6“ (problemlos, erfolgsversprechend) und „9“ (= für immer, im Zusammenhang mit Freundschaften, Partnerschaften). Negativ belegt sind „10“ (klingt ähnlich wie „4“, ist aber nicht ganz so schlimm) und „7“ (= fort gegangen, steht für Verlust)

Für entsprechende Autokennzeichen oder Telefonnummern wird dann auch gern mehr gezahlt. Hochzeitsdaten werden entsprechend gewählt oder Termine für Vertragsabschlüsse. Und natürlich macht das auch vor Stockwerkszählungen (und in Hotels vor Zimmernummern) nicht halt, es gibt keine 4., 14, … und aus Respekt vor der westlichen Unglückszahl „13“ auch keine 13. Etage. Die 1. Etage ist das Erdgeschoss.

Das Chinesische Neujahr und damit das Jahr das Feuer-Affen steht vor der Tür. Wenn überhaupt möglich, ist jetzt alles noch bunter und üppiger dekoriert als sowieso schon. Vor ein paar Tagen gingen Arbeiter durch den Compound und verteilten an jeden Haushalt gegen Unterschrift ein Merkblatt zum Umgang mit Feuerwerk („do not set off fireworks inside buildings“ usw., Verbot falls orange or red alert). Nun hängt seit gestern ein unübersehbares Schild am Eingang des Clubhauses: Feuerwerk im Compound verboten. Och, schade.

Letztes Jahr haben die Jungs und ich ja „nur“ das Ende der Feierlichkeiten mitbekommen und waren schon vom Laternenfest hinreichend beeindruckt. Diesmal wollen wir alles! ;) Es heißt ja, es würde tagelang geböllert, wobei der Höhepunkt wohl schon am 8.2. sein solle – wir sind gespannt.

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Spätestens Freitag ab Schulschluss (die DSP hat dann eine Woche Ferien, chinesische Schulen haben – teils? – schon Ferien, insgesamt 3 Wochen) droht der Wahnsinn auf den Straßen, Bahnhöfen und Flughäfen: die Expatgemeinde drängt es in die Sonne oder in die Heimat, der Großteil der Chinesen fährt in die Herkunftsorte zur Familie. Das ist wohl alle Jahre wieder die größte Völkerwanderung der Welt… Aber wenn alle weg sind, haben wir Peking für uns! ;)

Ulrike vom Bambooblog ruft zu einer Blogparade „Authentizität auf Reisen“ auf. In ihrem eigenen Artikel dazu finde ich mich an so vielen Punkten wieder, dass ich sagen könnte „Haken dran, fertig“. Aber das Thema geht mir immer weiter durch den Kopf, und so versuch ich doch mal, meine Gedanken dazu aufzuschreiben.

Alles gar nicht authentisch hier?

Als unser mittlerer Sohn zu Weihnachten hier zu Besuch war, schien er enttäuscht, weil „Peking nicht authentisch chinesisch“ sei. Sein Bild von China hat er sich allerdings im Freiwilligen Sozialen Auslandsjahr in einer Kleinstadt in Yunnan gemacht – klar, dass sich seine Erfahrungen von unseren in Peking sehr unterscheiden. Und dennoch ist beides China.

Wie könnte man sagen, dass die Hauptstadt Peking nicht authentisch chinesisch ist? Ist Berlin dann auch nicht authentisch deutsch? Deutschland ist doch auch mehr als Bayern und Neuschwanstein! Zu Peking gehören eben auch die Touristenmassen (sowohl die chinesischen als auch die internationalen), die zweisprachigen Ansagen der Metro, alle Küchen der Welt, Hutongs und Hochhäuser, Märkte und Mega-Malls etc… Und ist die Schickimicki-Chinesin in der Glitzerfunkel-Mall nicht genauso authentisch chinesisch wie der Jianbing-Verkäufer an der Straßenecke? Reichtum, Armut und ganz viel dazwischen, alles ganz echt hier. Nur Peking ist nicht Yunnan.
Und ja, wir leben hier in einem Ausländerwohnviertel, wo nur eine Handvoll Chinesen lebt – das ist wirklich nicht besonders chinesisch, aber doch authentisch für eine große Gruppe westlicher Ausländer in China.

Der Begriff authentisch scheint tatsächlich auch zu meinen: ist etwas so, wie ich es erwartet habe oder wie ich es gerne hätte?

Unser Sohn war von Yunnan sehr beeindruckt, es war für ihn eine großartige Zeit. Ich vermute, er hat gehofft, etwas davon hier wiederzufinden. Aber – siehe oben – Peking hat mit Yunnan genauso wenig zu tun wie Hamburg mit den Alpen. Ich glaube, was ihn hier gestört hat war, dass Peking verglichen mit Yunnan schon richtig international ist, dass es für Nichtchinesen inzwischen relativ leicht geworden ist, sich hier zurechtzufinden (Speisekarten mit Bildern (!) für uns Analphabeten, Wegweiser und Schilder zweisprachig).

Schild im Side Park

Schild im Side Park

Statt „das ist ja gar nicht authentisch chinesisch hier“ – was meiner Meinung nach nicht stimmt -, wäre „das ist so ganz anders als Yunnan“ vermutlich die richtigere Erwartung und Einschätzung gewesen. Aber wenn man sich nach Bergen am Ende der Welt und spektakulärer Natur sehnt und damit rechnet, als Langnase unglaublich exotisch zu sein und damit interessant, was die Möglichkeit zu vielen interessanten, wirklich authentischen Begegnungen eröffnet, dann muss man halt auch nach Yunnan fahren und nicht nach Peking. Jedenfalls hoffe ich, dass mir Sohnemann sein Yunnan noch zeigen wird!

Ist Authentizität wirklich ein sinnvolles Kriterium für die Reiseplanung?

Ob mir auf Reisen etwas gefällt, hängt nicht unbedingt davon ab, ob es authentisch ist. Ok, einem Spaßbad in Schweden kann ich echt nichts abgewinnen, wenn ich die Auswahl zwischen Hunderten von Seen habe, und die dann auch ganz für mich allein, da empfinde ich eine Tropenlandschaft als geradezu absurd. (Ich kann aber nachvollziehen, dass es Familien gibt, die nicht nur am 3. Regentag froh darüber sind.)
Sind Katthult oder Bullerbü (Gibberyd/Rumskulla und Sevedstorp/Pelarne) authentisch oder nicht? Ist mir egal, ich habe die Lindgren-Bücher und -Verfilmungen schon immer geliebt und dort zu sein, ein bisschen in die eigene Kindheit zurück und in die Geschichten einzutauchen, das waren tolle Erlebnisse. Der Ristafall (Glupa-Wasserfall von Ronja Räubertochter) ist auch ohne den Film-Bezug einen Ausflug wert und ein beeindruckender Flecken Erde (und nicht weit davon der Tännforsen erst recht.

Ristafallet

Ristafallet

Jetzt habe ich unseren Yunnan-Reisenden gerade gefragt, ob er damit einverstanden ist, dass ich so von ihm erzähle (ist er, sonst könntet Ihr das nun nicht lesen), da sagt er: „Lofsdalen! Hörbuch!“ Ich brauche fast eine Minute, bis der Groschen fällt:
Wir hören beim Autofahren fast immer Hörbücher. Im letzten Sommer lief bei uns zuerst Jules Verne (Die Reise zum Mittelpunkt der Erde und In 80 Tagen um die Welt, von Rufus Beck super gelesen, hat allen gefallen). Kalle Blomquist haben wir nach kurzer Zeit ausgemacht – das war leider gar nicht nett gelesen, sondern zu meiner großen Enttäuschung altbacken und staubig. Müssen die Jungs nun doch die Bücher in die Hand nehmen und selber lesen.

Aber, um wieder auf das Thema zurückzukommen: Gregs Tagebuch, 9. Teil: „Böse Falle“, lief dann in Endlosschleife. In diesem Band verreist Greg mit seiner Familie. Ein Roadtrip durch Amerika, denn seine Mutter hat in ihrer Elternzeitung „Familienspaß“ gelesen, dass es total wichtig ist, als Familie im Urlaub gemeinsam authentische Erlebnisse zu haben. #rolleyes (Auch wenn ich das anders ausdrücken würde und der Tonfall im Hörbuch einem die Fußnägel hochrollt: Recht hat sie).Vater und Kinder der Familie sind nicht begeistert, und die Familie fährt dann auch von einer Katastrophe in die nächste. Wir hatten alle Bauchweh vor Lachen! – Und ich durfte mir vor jedem Ausflug anhören, ob wir denn da auch authentische Erlebnisse haben würden!

Tja, authentische Erlebnisse…

Für mich steht Authentizität also nicht wirklich ganz weit oben bei der Reiseplanung. Ich suche Natur, Landschaft, gerne mal einen spektakulären Ausblick oder auch einen beruhigend, ganz unaufgeregt-friedlichen. Kann man das vielleicht auch authentische Naturerlebnisse nennen? Aber selbst, wenn das nicht mehr 100% authentisch ist, weil die ehemals unberührte Natur gut erschlossen ist mit Wanderparkplätzen, befestigten Wegen, und weil da ein Windrad steht und dort eine Skipiste zu sehen ist und drüben der Weg für die Schneescooter– das ist der Lauf der Zeit. Genau, Zeit. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir „authentisch“ sagen und in Wahrheit „historisch“ meinen.

Trondheimfjord

Trondheimfjord

Wir haben aber inzwischen doch etliche, von uns als authentisch empfundene, im Gedächtnis bleibende Reiseerlebnisse gehabt. Einige wenige Beispiele:

  • Mit Thomas bin ich kurz nach der Wende die Ostseeküste bis nach Swinemünde und wieder zurück gefahren. An einem Abend in einem Landgasthof zwischen Wismar und der Insel Poel haben wir die Frau eines relativ bekannten Dissidenten kennengelernt. Thomas hat sich die halbe Nacht mit ihr unterhalten – aber ich habe diese Chance zum Teil verpennt, bin einfach irgendwann am Tisch eingeschlafen, obwohl das Gespräch wirklich tiefging, theoretisches, angelesenes Wissen mit persönlichen Erfahrungen lebendig werden ließ. Klar, dass ich das heute noch unter die Nase gerieben kriege und mich entsprechend ärgere! (Authentisch geht auch bei Reisen „um die Ecke“, dafür muss man nicht ans Ende der Welt!)
  • Am Trondheimfjord dem Lachsfischer auf dem Hof beim Ausnehmen der Lachse zu helfen und ein noch schlagendes Lachsherz in der Hand zu halten. Ein Schneehuhn von eben diesem Fischer geschenkt bekommen und es dann selber zu rupfen!
  • In Los Angeles mit dem Bus fahren, sich während der Fahrt auf Spanisch zu unterhalten und am 3. Tag als „welcome, crazy german tourist“ begrüßt zu werden. Touristin im Bus, wo gibt es denn sowas! ;)
  • Eine liebe Freundin in Ljungdalen besuchen und mit ihr beim Dorffest im Hemslöjd den stärksten Kaffee ever zu trinken und noch warme selbstgebackene Zimtschnecken zu essen und dann am Webstuhl noch einige Reihen an einem Gemeinschaftsprojekt mitwirken zu dürfen.
  • Für den Yunnanreisenden: 3 Tage wandern in der Tigersprungschlucht.
  • Und vielleicht ist es eine persönliche Marotte, vielleicht hat es doch etwas mit „authentischem Erleben“ zu tun: in Supermärkten in fremden Städten und Ländern den Einheimischen in die Einkaufswagen zu gucken: was kaufen sie?
Trondheimfjord

Denkmalgeschützter Hof am Trondheimfjord

Wenn ich mir das so ansehe, denke ich: Man kann authentisches Reisen nicht wirklich planen, egal, was Werbeprospekte und Co. versprechen mögen (was dort angepriesen wird: ist es inszeniert oder tatsächlich authentisch oder irgendwo dazwischen?). Die Momente, die im Gedächtnis bleiben, sind meist spontan, aus der Situation heraus entstanden. Einen Plan zu haben ist sicher gut, aber noch besser ist es, wenn man jederzeit bereit ist, vom Plan abzuweichen und Gelegenheiten zu nutzen. Solche Momente und Erlebnisse entwickeln sich wie gesagt oft aus einer Situation heraus. Und ja, wenn man individuell reist, ist die Chance auf solche Erlebnisse vermutlich größer, als wenn man Strandurlaub in einem Resort macht. Es war ein Riesenglück, dass wir Ingolf, den norwegischen Fischer, kennengelernt haben und uns auf Anhieb sympathisch waren, so dass er uns an seinem Leben teilhaben ließ. Sowas kann man nicht erzwingen oder planen, aber wenn es solche Gelegenheiten gibt, sollte man sie ergreifen und Plan Plan sein lassen. So werde ich meine/unsere Reisen weiterhin nicht mit dem Gedanken, möglichst viel Authentisches zu erleben zu planen, sondern mich weiterhin davon leiten lassen: was möchte ich sehen und erleben, was interessiert mich, was wollen die Kinder (ok, und Thomas auch) – und wenn sich dann Chancen auftun, will ich sie nutzen.

Liebe Ulrike, vielen Dank für den Anstoß durch Deine Blogparade über das Thema nachzudenken und in Erinnerungen zu schwelgen!

Jetzt sind wir bald ein Jahr hier in China, sind wirklich angekommen und fühlen uns wohl. In zwei Wochen endet das Schuljahr, vor zwei Wochen war schon das erste Sommerfest. Sommerfeste vor den Ferien sind hier immer gleichzeitig auch Abschiedsfeste, und zusätzlich zu den Sommerfesten gibt es die eine oder andere Farewell-Party. Aus Justus‘ 5. Klasse verlassen 7 Kinder Peking, obendrein alles Jungs. Damit schrumpft die Klasse auf 16 Kinder, wenn nicht doch noch Neuankömmlinge dazukommen. Bei Rasmus geht nur ein Mädchen, aber aus einer der Parallelklassen gehen viele Kinder, so dass aus drei 4. Klassen künftig zwei 5. Klassen werden. Bei beiden Kindern ist jeweils mindestens ein „guter Freund“ unter denen, die weggehen. Und auch aus meinem engeren Umfeld gehen einige Frauen zurück nach Deutschland. Auch wenn ich jetzt nicht innerhalb eines Jahres gleich ganz dicke Freundschaften aus dem Boden stampfen kann, das braucht bei mir mehr Zeit – wer weiß, ob das nicht echte Freundschaften hätten werden können? So oder so, hier werden Lücken entstehen, und es ist gut, dass wir in den Sommerferien direkt verreisen und erstmal anderes in den Vordergrund rückt.

Hello – good bye

Ja, es ist anders mit Beziehungen hier, fast alle sind auf Zeit hier und man weiß schon beim Kennenlernen, dass in überschaubarer Zeit Goodbye gesagt werden muss. Den Zusammenhalt im Compound und in der deutschen Community empfinde ich als sehr groß. Wie ich sicher schon erzählt habe, macht es einem unter anderem die Patengruppe leicht, in Peking anzukommen, etwas zu unternehmen, Kontakte zu knüpfen. Auf Fragen zum Alltag („wo gibt es eigentlich…?“) bekommt man immer eine Antwort, nein, nicht nur eine Antwort, sondern direkt das Angebot mit hingenommen zu werden.

Zàijiàn! - Auf Wiedersehen!

Zàijiàn! – Auf Wiedersehen!

Auch die Jungs sind schnell in ihren Klassen angekommen und haben rasch Freundschaften geschlossen. Aber hier kennen alle Kinder das neu sein, sie sind vor gar nicht allzu langer Zeit selbst noch der Neue gewesen. Das ist doch anders als in Hamburg, wo sich manche Kindergruppen schon seit der Kindergartenzeit kennen und es eigentlich nur bei der Einschulung und beim Übergang auf die weiterführende Schule die Situation „alle neu“ gibt und nur ganz selten wirklich mal ein Kind ganz neu dazukommt. Die Kinder hier wissen alle, wie das mit Heimweh und dem Vermissen der alten Freunde ist und – soweit ich das als Mutter beurteilen kann und aus den knappen Erzählungen der Jungs heraushöre – unterstützen sich gegenseitig.

Ich erlebe diese neuen Beziehungen hier als intensiver, die Phase des Beschnupperns geht viel schneller, dadurch, dass  hier die mitreisendenden Partnerinnen zumeist keine eigene Arbeitserlaubnis und demzufolge viel Zeit haben, sieht man sich viel öfter und lernt sich relativ schnell kennen. Es heißt, wenn einen der deutsche Alltag erstmal wieder hat, bleibt nicht mehr viel Zeit, an Peking und die deutschen Pekinger zu denken. Aber ich hoffe doch sehr, dass es nicht nur Abschiede für immer gibt, sondern dass es auch Wiedersehen gibt – wann und wo auch immer.

Hab ich schon darüber gejammert, dass mir das Wiederankommen in Peking diesmal so schwergefallen ist wie noch nie? Und das, obwohl wir hier jetzt doch schon zu den alten Hasen gehören und unser 3. Pekingjahr begonnen hat! Inzwischen habe ich mehrere Gründe dafür ausgemacht. Da es aber nun mal so ist, wie es ist, und es mir nicht liegt, lange jaulend in der Ecke zu hocken, muss ich gezielt aktiv werden, um aus dem Jammertal wieder herauszukommen.

Startschwierigkeiten

Ein Grund für die Startschwierigkeiten war bestimmt, dass wir bisher noch nie so lange am Stück weg aus Peking waren. Das Umschalten von europäischen auf chinesische Standards fiel mir da nun besonders schwer. Hier habe ich mir bewusst gemacht, was mir an China und Peking gut gefällt.

Bei so toller Luft ist der Sommer hier nochmal so schön!

Beispiele: Ich mag den langen Sommer hier und es ist gut zu wissen, dass wir noch ein paar sommerliche Wochen vor uns haben. Auch wenn einem hier Käse und Grillwurst fehlen kann, gibt es doch hervorragendes chinesisches Essen. Ich mag den Pragmatismus, mit dem Probleme schnell gelöst werden (können…). Einkaufen im chinesischen Supermarkt ist viel entspannter, weil ich nicht im Akkord das Tempo der Supermarkt-Kassiererin halten muss, ich fand das Bezahlen in deutschen Supermärkten wirklich anstrengend. Ich mag die aktive Nachbarschaft hier, den Zusammenhalt unter den Deutschen. Das mögen nur Kleinigkeiten sein, aber mein Alltag setzt sich nun mal aus 1000 Kleinigkeiten zusammen.

Keine Kleinigkeit: Auch wenn der Abschiedskummer beim Abflug aus Hamburg fürchterlich war, meine Jungs sind wieder richtig angekommen, sogar schneller als ich. Und wenn es den Kindern gut geht, dann ist die Welt für mich im Wesentlichen in Ordnung. Okay, auch ihnen fehlen die Finnen…

Ja, die Finnen. Meine finnische Freundin fehlt an allen Ecken und Enden. Sie ist nicht die erste, die gegangen ist, und die vermisst wird, und wird auch nicht die letzte sein. Aber sie war eine der ersten, die ich hier kennengelernt habe und mit der ich besonders viel unternommen habe. Zum Glück ist meine südafrikanische Freundin noch hier! Jetzt sind wir halt nicht mehr drei, die sich gegenseitig stützen und treiben und ins Abenteuer stürzen, aber zu zweit wird das auch gehen. Und im nächsten Sommer reisen wir nach Finnland – und mit Glück klappt es vorher mit einem finnischen Besuch hier.

„Früher war alles besser“-Peking Edition. ;)

Es ist nicht mehr alles neu und aufregend. Klar, mit unserem finnisch-südafrikanisch-deutschen Trio ließ sich die chinesische Welt wirklich besonders gut erobern. War ja alles auch noch ganz frisch, neu und aufregend. Aber als Duo und/oder in neuen Kombinationen wird das auch gehen!

War das schön, als Miriam noch die Fotogruppe geleitet hat! An ihre fotografischen Fähigkeiten werde ich nie herankommen, aber es macht Spaß, zu überlegen, wohin die Fotogruppenausflüge gehen können und eine gute Mischung von Zielen herauszusuchen und vorher auszuprobieren.

Das Pekingleben mag mir ja jetzt im dritten Jahr schon total vertraut sein,

Immer wieder aufregend!

aber ist es in Wahrheit nicht doch wahnsinnig aufregend und ein Privileg, das erleben zu dürfen? Hier in unserer Nachbarschaft, in der deutschen Community ist „Leben in Peking“ total normal. Aber eigentlich ist es doch etwas Besonderes, was nicht jeder erleben kann. Und wenn ich daran denke, dann bin ich trotz aller gelegentlichen Nickeligkeiten außerordentlich dankbar für diese Erfahrungen hier.

Auch das Weltbild ändert sich

Einmal abgesehen vom Alltag, das Leben in Peking ändert auch das eigene Weltbild. Meines war vorher doch sehr eurozentrisch. Erst jetzt habe ich eine wirkliche Vorstellung davon, wie klein Deutschland und Europa im Vergleich zu China und Asien sind. Ich habe immer gedacht, ich lebe in einer Großstadt, doch wenn ich jetzt „zu Besuch/nach Hause“ nach Hamburg komme, kommt es mir klein und überschaubar vor, vieles sogar ein bisschen provinziell. Trotz der Nörgelei: Hamburg bleibt für mich die schönste Stadt Deutschlands! Den Slogan „global denken, lokal handeln“ fand ich immer super – aber in Wahrheit kann ich erst, seit ich in Peking lebe „global denken“. Vielleicht auch nicht, vielleicht müsste ich auch erst noch in Südamerika etc. mal gelebt haben, bis das wirklich geht… Es ist eben doch ein großer Unterschied zwischen angelesenem, theoretischem Wissen und dem wirklichen Leben.

Und was das „ich kenne Peking“ angeht: Es gibt noch so viele sehenswerte Orte in Peking und Umgebung, die ich noch erkunden will und werde! Gut, die Reiseführer TOP 10, TOP 20+ habe ich sicher alle schon (mehrmals) gesehen. Aber auf insidebeijing.de finden sich fast 170 Sehenswürdigkeiten, also langweilig wird es nicht werden.

Vorhaben für mein drittes Pekingjahr: 

  • Regelmäßiges Sightseeing, mind. 2 mal im Monat, besser wöchentlich. Hängt ein bisschen von Luftwerten und Pflichten ab.
  • Auch ohne Chinesischkurs weiter pauken. HSK3 ist das nächste Ziel.
  • Meine wenigen Kontakte zu Chinesinnen weiter hegen und pflegen!
  • Meine Weiterbildung erfolgreich und in weniger als der vorgesehen Zeit abschließen und mein Buchprojekt vorantreiben: schreiben, schreiben, schreiben. Das wird aber noch über das dritte Pekingjahr hinaus Zeit benötigen. Pssst, das ist eigentlich geheim. ;)
  • Nach Xi’an und Yunnan reisen. 
  • Mehr Zeit mit den Nachbarinnen verbringen bzw. mit ihnen etwas unternehmen. Hier gibt es so viele sympathische, interessante Frauen mit den unterschiedlichsten Biographien! 
  • Möglichst viele Besucher aus Deutschland hier empfangen! Wir haben Platz, und ich liebe es, Peking durch Besucher-Augen zu sehen und Guide zu spielen!
  • Offen sein für Unvorhergesehenes, Gelegenheiten beim Schopf ergreifen!

Hmm, wenn ich das jetzt so sehe, dann wird auch mein drittes Pekingjahr aufregend, interessant und schön werden. Jammerei endet hier. :)

Lange hat Nr. 3 immer wieder gefragt, ob ich nicht mit ihm, seiner Freundin und einem weiteren Freund nach Yunnan reisen wolle: Flug nach Kunming, von da aus mit dem Nachtbus nach Liuku, dort 2-3 Tage bleiben und weiter mit dem Bus nach Dali. Dort würden sich nach weiteren 3-4 Tagen unsere Wege dann trennen, die drei würden nach Sichuan weiterreisen, ich zurück nach Peking.
Das Timing wäre gut, nämlich genau zur Klassenreisezeit der beiden Kurzen. Aber ob ein Backpacker-Abenteuer noch das richtige für mich ist? Einerseits wollte ich natürlich gerne sehen, wo Nr. 3 sein Freiwilliges Soziales Auslandsjahr verbracht hat und war neugierig auf Yunnan, andererseits stand eine Fahrt mit einem chinesischen Nachtbus zwischen mir und Liuku. Aber er drängelte immer weiter, und es war ihm deutlich anzumerken, dass es ihm wichtig war. Naja, aber soweit weg, so lange Anreisezeiten, das lohnt sich nicht wirklich für nur fünf Tage. Dann hat Männe zugesagt, dass er sich natürlich vor und nach der Klassenreise um die zwei Kurzen kümmern kann, also stand der Reise von Sonntag bis Sonntag nichts mehr im Weg.
In dem Wissen, dass ich mich dabei weit aus meiner Komfortzone rausbewegen muss, habe ich also zugesagt und Flüge (Peking-Kunming-Peking) und Bahnfahrt Dali-Kunming gebucht – und angefangen, mich auf das Abenteuer zu freuen.

Sorry, Ihr Flug wurde von der Airline gecancelt!

Zwei Tage, bevor Nr. 3 hier in Peking ankam, bekam ich eine SMS von ctrip: Airline hat meinen Rückflug von Kunming nach Peking gecancelt. Ups. Schnell in den ctrip-Service-Chat eingeloggt. Man konnte mir nur das Umbuchen mit der gleichen Airline anbieten. Naja, ok. Da der neue Flug deutlich früher ab Kunming ging, musste ich nun auch die Zugfahrt umbuchen und einmal in Kunming übernachten.

Mit Nr. 3 und Co. hatten wir eine schöne Zeit in Peking und freuten uns zusammen auf die Reise. Doch vier Tage vor dem Abflug meldete sich kleinlaut Männe: er müsse beruflich innerhalb Chinas reisen, ob ich eine alternative Betreuung für die Kurzen vom Ende der Klassenreise am Freitag bis zum Samstagmorgen organisieren könnte? Da das der Job ist, von dem auch ich lebe, war ich zwar etwas grummelig, dass immer alles an mir hängen bleibt, aber so ist das halt. Nach beinah 30 Jahren mit Kindern (und diesem Mann ;) ) gewöhnt man sich dran, dass Pläne sich immer wieder in Luft auflösen oder geändert werden müssen.

And again

Obendrein kam dann am selben Abend wieder eine SMS: Diesmal wurde der Hinflug von der Airline gecancelt. Och nee. Es war schon zu spät, um etwas zu klären und innerlich hab ich die Reise bereits abgehakt, bevor ich sie überhaupt angetreten bin. Meine Freundin wollte ich nicht per Chat, sondern am nächsten Morgen direkt und persönlich fragen, ob sie die Kurzen betüddeln könnte. Als ich schlafen ging, war es also wieder offen, ob ich nach Yunnan kommen würde.

Am nächsten Morgen bekam ich eine WeChat-Nachricht von Nr. 4: Er hätte gerade am Schulbus meine Freundin gefragt, alles klar, sie könnten nach der Klassenreise zu ihr. Was für ein cooles Kerlchen! Dabei war er am Vortag ebenfalls grummelig gewesen und wollte nach der Klassenreise nach Hause und nicht noch woanders hin. Ich wollte meine Freundin persönlich fragen und nicht per WeChat, und da ist der Lütte dann einfach mal vorgeprescht, und damit war das Kinderbetreuungsproblem gelöst. Tolles Kind, tolle Freundin! <3

Blieb noch der gecancelte Flug. Morgens war ich mit der Fotogruppe verplant, hab dann aber von unterwegs aus dem Park telefonieren können und – Hurra – einen neuen Flug bekommen, der auch noch rechtzeitig in Kunming sein würde.

Das war es jetzt, oder? Oder…

Samstagmittag war ich beinah fertig mit dem Kofferpacken, für die Klassenreisen der Kurzen und für mich selbst. Und dann kam wieder eine SMS. Auch der neue Rückflug wurde von der Airline gecancelt. Mir hat’s gelangt, ich hab meinen Koffer wieder ausgepackt. Was ein Mist, keine 24 Stunden vorm Abflug! Aber für Nr. 3 kam aufgeben nicht infrage! Er hat sich ans Telefon gehängt und am Ende hatte ich den gleichen Hinflug wie die drei jungen Leute und einen Rückflug direkt von Dali aus. Alles viel besser als die ursprünglichen Flüge! Also hab ich meinen Koffer wieder eingepackt, auch wenn ich ziemlich durch den Wind war und fest damit gerechnet hab, dass am Ende doch noch etwas dazwischen kommen würde.

Doch am nächsten Morgen ging es dann tatsächlich und ohne weitere Zwischenfälle nach Yunnan! 

Nach all dem Hickhack im Vorfeld geht es am Sonntag tatsächlich los. Der Flug ist unruhig, „We are experiencing some turbulence. Please don’t worry!“ Wie war das, solange der Service nicht eingestellt wird, kein Grund zur Sorge? „Service is suspended!“ Merke: Vomex hilft nicht nur gegen Reiseübelkeit, sondern beglückt einen auch noch mit Schläfrigkeit und „Mir-Egal-Haltung“. So bin ich bei der Ankunft in Kunming halbwegs ausgeruht und gespannt auf den Nachtbus. 

Kunming ist für uns nur Zwischenstation, aufgeteilt auf zwei Taxen gurken wir einmal quer durch die Stadt zum Busbahnhof. Also nur ein flüchtiger Eindruck von Kunming: heiß, schwül, viele Hochhäuser und Baustellen. Ein Teil der Fahrt geht im Schritttempo über einen Markt, der ist so bunt, farbenfroh, wuselig, exotisch, dass wir am liebsten halten würden, um darüber zu bummeln. Aber wir müssen weiter zum Busbahnhof.

chinesischer Nachtbus mit Etagenliegen

Nachtbus Kunming-Liuku

Dort angekommen teilen wir uns auf, Nr. 3 kauft die Fahrkahrten, seine Freundin Getränke und Proviant, wir  beiden anderen bewachen das Gepäck, bestaunen das Gewusel und werden unsererseits bestaunt: wir sind die einzigen Langnasen. Wir haben noch Zeit für eine schnelle Nudelsuppe, dann entern wir den Nachtbus. Auch hier wieder Gepäckdurchleuchtung und Sicherheitsscan, großes Gepäck in den Kofferraum. Notiz an mich: Handgepäck auf das absolute Minimum beschränken, mein Daypack war definitiv zu groß für den nicht vorhandenen Stauraum…

Ja, Nachtbus: 3 Reihen schmale Pritschen auf 2 Etagen, 35 Plätze, ausgebucht. Unsere zusammenhängenden „Betten“ werden von chinesischen Frauen mit Kleinkindern belagert, also finden wir uns über den ganzen Bus verteilt wieder. 14 Stunden unterwegs. Nach gut zwei Stunden der erste Zwischenstopp an einem Rastplatz, natürlich gibt es hier keine westlichen Toiletten… Bevor wir weiterfahren, geht noch ein Uniformierter mit Taschenlampe durch den Bus, er scheint zu kontrollieren, dass alle angeschnallt sind und der Bus nicht überladen ist.

Im Bus ist es entweder kalt und zugig oder man schlüpft unter die dicke Decke, dann ist es zu warm. Immerhin, als es dunkel wird, ist draußen wirklich nichts mehr zu sehen, und ich verschlafe tatsächlich einen Großteil der Fahrt. Mitten in der Nacht fährt der Bus wieder ein Rasthaus an, aber anders als zuvor steigt niemand aus. Wir haben zwar zwei Busfahrer an Bord, aber es muss wohl eine Pflicht-Pause gewesen sein, denn es geht erst 2 Stunden später weiter.

Bei Sonnenaufgang fahren wir ins Nujiang-Tal ein. Hier befindet sich eine Zoll-Grenz-Station (Nujiang ist ein autonomer Bezirk), Soldaten mit Maschinengewehren gehen durch den Bus, wir Westler müssen aussteigen und werden am Schalter interviewt, was uns nach Liuku treibt. Nummer 3 übernimmt für uns alle, unsere Pässe werden registriert und dann dürfen wir weiterfahren. Die Straße windet sich in Serpentinen die Berge rauf und runter, dann geht es wieder eine Zeitlang am Fluss entlang. Der Nujiang (auf Deutsch meist Saluen) ist ein fast 3000 km langer Gebirgsfluss, der von Tibet aus durch Yunnan über Myanmar und Thailand bis in die Andamanensee fließt, es ist einer der wasserreichsten Abflüsse des Himalaya. Das im Hinterkopf habend bin ich entsprechend beeindruckt, als ich den schnell und wild fießenden, schlammig-braunen Fluß sehe. Was ich auch immer wieder sehe: Spuren von Erdrutschen. Ja, es ist schon eine wilde, beeindruckende Landschaft hier.

In Yunnan: Blick auf den Nujiang

In Yunnan: Blick auf den Nujiang

Auch in Liuku befindet sich der Busbahnhof am Stadtrand, wir verteilen uns wieder auf zwei Taxen und fahren ins Zentrum, wo wir ein einfaches Hotel (das aber westliche Badezimmer offeriert!) beziehen.