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Kann man, darf man China mögen, geschweige denn lieben? Auch als überzeugte Demokratin, als Nicht-Kommunistin? Dass ich das kann, hat sich im Laufe der Zeit rausgestellt, sonst wäre ich nicht mehr hier. Aber wie sehen das andere?

Oliver Zwahlen bereist China seit über 20 Jahren, von 2007-2013 hat er in Peking gelebt und gearbeitet. Über China, über seine Erfahrungen und seine Reisen bloggt er auf Der Sinograph. Und nun hat er ein kenntnisreiches Buch darüber geschrieben, warum man China trotzdem lieben kann:

111 GRÜNDE, CHINA ZU LIEBEN*

Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt

Ein Buch, das eine Lücke füllt

Bevor wir nach Peking übergesiedelt sind, war ich sehr skeptisch, auch wenn die Entscheidung für mich sehr klar war. Bei uns ging es ja auch darum, dass die Jungs ihren Vater wieder mehr als nur ein paar Wochen im Jahr sehen. Aber China und Peking? Ich wusste nicht viel darüber, und wenn China in den Nachrichten vorkam, war das selten positiv. Was den Alltag anging, hatte ich vor allem Bilder von Smog und Stau vor Augen. Damit konnte natürlich weder Vorfreude noch eine wirklich positive Einstellung aufkommen. Ich habe mich dann selbst ausgetrickst, in dem ich Reiseführer und Reisemagazine inhaliert habe. Natürlich ist ein Umzug für mehrere Jahre etwas anderes als eine Reise, aber mit dem Gedanken “das Leben ist eine Reise” war es für mich naheliegend und hilfreich. Mit all den schönen Bildern von interessanten Orten und spektakulären Landschaften wuchs dann auch meine Neugier und es kam Vorfreude auf.

Trotzdem war mein Bild natürlich nicht rund, denn zwischen Hochglanzidylle und Superstau musste natürlich mehr liegen. Was fast völlig fehlte: das persönliche Erleben, Geschichten aus dem Alltag. Was erwartet einen wirklich, wenn man länger in China ist? Über die Bücher von z.B. Christian Y. Schmidt bin ich erst viel später gestolpert. Inzwischen gibt es zwar ein paar mehr Chinablogs, aber gemessen an der Vielzahl anderer Blogs ist das weiterhin verschwindend wenig.

Oliver Zwahlens 111 Gründe tragen dazu bei, diese Lücke zu füllen. Und er gibt gleich zu Beginn des Buches auch eine Antwort auf die oben gestellte Frage, ob man China lieben kann:

„Ein unkritisches Jubelbuch dürfen Sie auf den nächsten rund 240 Seiten nicht erwarten. Doch trotz all der berechtigten Kritik sollte man nicht die Augen davor verschließen, dass das Land auch jede Menge liebenswerte Seiten hat. […]
Der Untertitel dieses Buchs verspricht eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt. Und ja: China ist ein schönes Land, vielleicht sogar das schönste. Für mich persönlich ist China mit all seinen Ecken und Kanten aber in erster Linie das faszinierendste Land der Erde. Es ist eine Weltgegend, die man lieben kann, wenn man sich über die vielen Kleinigkeiten freut, die es verdienen, etwas genauer angesehen zu werden. Von diesen Dingen möchte ich Ihnen in den kommenden 110 Kapiteln erzählen. Ich möchte Ihnen ein China vorstellen, das sich zu lieben lohnt. Trotzdem.“

Was steckt drin?

Die 111 Gründe  verteilen sich auf die Abschnitte

  • Geografisches,
  • Sprachliches,
  • Kulinarisches,
  • Liebenswerte Marotten,
  • Kultur,
  • Reisen,
  • Urbanes,
  • Ländliches,
  • Minderheiten,
  • Kurioses

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, aber durch diese Struktur könnte man auch gut je nach Interesse hin- und herspringen und auch nur gelegentlich mal einen Grund lesen (und dann den nächsten, es packt einen nämlich). Die einzelnen Abschnitte sind ganz unterschiedlich, mal berichtet Oliver von persönlichen Erlebnissen, mal fasst er ein paar Fakten oder einen historischen Aspekt zusammen – beides gleich gut lesbar und unterhaltsam, und vor allem immer kenntnisreich.

Stolpersteinchen

Ganz selten denke ich beim Lesen, dass etwas nicht so ganz passt, zum Beispiel als ich bei Grund 43 „Weil sich neben der Verbotenen Stadt die Kuppler treffen“, der unter „Liebenswerte Marotten“ einsortiert ist, von den shengnü (übriggebliebenen Frauen, späte Mädchen…) und dem Kupplermarkt neben der Verbotenen Stadt lese. Es wird zwar kritisch beleuchtet, hätte aber sicher besser unter Kurioses gepasst. Ich nehme mir jedenfalls vor, demnächst mal nachzugucken, ob es den Kupplermarkt überhaupt noch gibt. Aber auch einer der nächsten Gründe – Weil Frauen etwas zu sagen haben – passt für mich nicht unter Marotten. Hobbylinguistik oder doch ein unterschiedlicher Blick von Frauen und Männern auf die Geschlechterverhältnisse? Oder auch nur durch das Schema der 111-Gründe-Buchreihe bedingt? Nichtsdestotrotz interessant zu lesen und für mich Anstoß, mich selbst wieder mehr mit dem Thema Frauen in China zu beschäftigen.

Was es nicht mehr gibt – zumindest in Peking – sind die privaten Feuerwerke zum chinesischen Neujahrsfest, die anders als unter Grund 68 „Weil zum Frühlingsfest die größte Völkerwanderung der Welt einsetzt“ noch erwähnt nicht mehr zwei Wochen lang für Schmutz und Lärm sorgen. Richtig ist und bleibt aber, dass rund um das Frühlingsfest definitiv die schlechteste Reisezeit für China ist. Und auch das „Friends-Café“ Central Perk (Grund 109 unter Kurioses) gibt es leider nicht mehr, es hat letztes Jahr nach der seuchenbedingten Schließung nicht wieder geöffnet und nun ist da irgendein Shop drin.

So ist das aber, wenn man über China schreibt: was heute noch stimmt, ist morgen vielleicht schon Geschichte.

Lieblingsgrund?

Schwierig! Gerade dass Vielfältige hier macht China ja so spannend. Es gibt ganz viele Punkte in dem Buch, bei denen ich heftig mit dem Kopf nicke und denke: ja, genau das. Zum Beispiel, dass Hostels hier keine Sparmaßnahme für Reisende auf der Suche nach einer günstigen Unterkunft sind, sondern erste Wahl sein können, wegen ihrer Lage, Architektur und weil sie wirklich spannende Kontakte ermöglichen, die man sonst nicht hätte. Oder doch Liu Cixin, über den ich einen ersten Zugang zu chinesischer Literatur gefunden habe? Oder Karaoke? Die kulinarischen Gründe (vielleicht probiere ich jetzt doch einmal Stinktofu?)?

Sehr gern gelesen habe ich auch den Abschnitt über das Reisen mit chinesischen Reisegruppen – da wäre ich gerne dabei gewesen, das klingt abenteuerlich, skurril, pragmatisch – und eben liebenswert in einem.

In Wahrheit ist das Liebenswerte an China die Summe aller Gründe und noch viel mehr – dieses Spannende und Vielfältige macht China für mich aus. Dass es hier nie langweilig wird, das wird auch im Buch deutlich, auch ohne dass es explizit ausgeschrieben wird.

Olivers 111. Grund heißt: Weil es mindestens 111 weitere Gründe gibt. Einer davon könnte sein: Das einzig Beständige in China ist der Wandel. Die rasante Entwicklung Chinas wird zwar direkt zu Beginn des Buches angesprochen, aber so schließt sich dann der Kreis.

Leseempfehlung(en)!

Die 111 Gründe sind eine gute Ergänzung zu klassischen Reiseführern, egal ob man sich auf eine China-Reise oder einen längeren Aufenthalt vorbereitet. Auch wenn es wegen der Pandemie vermutlich noch eine Weile dauern wird, bis China die Grenzen für Touristen wieder öffnet – das Buch eignet sich prima für die Wartezeit. Es lässt sich aber auch gut lesen, wenn man sich erinnern möchte – viele der Anekdoten können Erinnerungen wachrufen.

Obwohl ich jetzt ja nun auch schon 6 Jahre in China bin und es ein bisschen kenne, habe ich neue Ideen für Reisen und Ausflüge mitgenommen und wieder den Blick für das Andere hier geschärft. Auch wenn man vielleicht nicht mit allen Punkten übereinstimmt – wir schreiben ja alle über unsere subjektiven Erfahrungen, die sich natürlich voneinander unterscheiden, bewerten manches unterschiedlich – das Buch kann zu einem runderen Chinabild beitragen.

Ein schönes Porträt von Oliver gibt es auf dem Fluegge-Blog von Susanne Helmer: 111 Gründe, China zu lieben“: Autor Oliver Zwahlen im Porträt

Auch Timo Peters hat auf seinem Blog „Bruder Leichtfuss“ über das Buch geschrieben: Die unsichtbare Mauer oder: „Warum man China trotzdem lieben kann“

Mehr von Oliver Zwahlen zu lesen gibt es auf dem bereits erwähnten China-Blog „Der Sinograph“ und auf seinem Blog Weltreiseforum.

111 Gründe, China zu lieben
Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt

von Oliver Zwahlen

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

Taschenbuch: 14,99€

Letztes Wochenende war ich mit meiner chinesischen Freundin im National Art Museum, wo anlässlich des 100. Geburtstags der KP zahlreiche Bilder ausgestellt sind. Ich weiß nicht, ob ich von selbst auf die Idee gekommen wäre (Propaganda?), aber in chinesischer Begleitung versprach das dann doch ganz interessant zu werden.

Als ich mich morgens auf den Scooter schwinge, ist der Himmel strahlend blau, die Luft total klar und sauber. Als ich so durch die Straßen fahre, denke ich zum allerersten Mal, dass Peking sogar gut riecht – da fahre ich gerade durch eine Allee, in der gerade die Blumenbeete gewässert werden. Das macht richtig gute Laune.

Am Museum bin ich schon oft vorbeigefahren, aber nun ist es das erste Mal, dass ich es besuche. Während ich auf meine Freundin warte, kann ich zusehen, wie viele Besucher als erstes Selfies von sich mit dem Museum im Rücken machen. Das große rote Banner fällt natürlich sofort ins Auge.

Journeys to greatness and pictures of time 1921-2021. An Exhibition celebrating the 100th anniversary of the founding of the communist party of China

Da Gebäudes des National Art Museum in Beijing - mit wehender roter Fahne und dem Ausstellungsbanner am Zaun

National Art Museum in Beijing

Am Ticketschalter müssen Reisepass bzw. chinesische ID-Card vorgezeigt werden, reserviert für den Besuch hatten wir ja zusammen eine Woche zuvor im Purple Bamboo Park. Nun folgt das übliche Sicherheitsprozedere, und dann sind wir drin. Im Museum ist Essen und Trinken streng verboten, und so sieht man einige Leute, die jetzt noch mal trinken, bevor sie hineingehen.

Die Ausstellung ist über drei Etagen verteilt und wir sehen uns jedes einzelne Bild genau an. Eine „kleine“ Auswahl folgt weiter unten in der Fotogalerie.

Ich bin zunächst erstmal total beeindruckt, wie viele Besucher an diesem wundervollen Sommertag hier im Museum sind.

100 Jahre KP - Ausstellung im National Art Museum, vier große Gemälde an rot gestrichener, geschwungener Wand, davor zahlreiche Besucher.

In den großen Ausstellungsräumen verteilen sich die Besucher zum Glück ganz gut

Father von Luo Zhongli

Dieses Bild habe ich sicher schon ein paar Mal gesehen, kein Wunder, es zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen chinesischen Werken. Allerdings kannte ich bisher die Geschichte dazu nicht. Es ist nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch wegen der damit verbundenen Symbolik berühmt.

Das Bild "Father" von Luo Zhongli im National Art Museum in Peking

Father von Lou Zhongli

Luo Zhongli hatte dies 1980 entstandene Bild ursprünglich „My Father“ genannt, aber da dies als zu persönlich galt, wurde es umbenannt und das „my“ gestrichen. Auch der Stift hinter dem Ohr wurde erst nachträglich eingefügt, um zu zeigen, dass der Bauer lesen und schreiben kann. Erst mit diesen Änderungen konnte Luo das Bild für die 2. China Youth Art Exhibition einreichen – und gewann den 1. Preis. Davon ab ist an diesem realistischen Bild (dunkle, raue Haut, trockene Lippen, beschädigte Schüssel) nichts idealisiertes, nicht das für die damalige Zeit typische Bild des rotwangigen, fröhlichen Bauern. Auch, dass das Bild so groß ist, symbolisiert einen Helden – so große Portraits waren bis dahin nur Berühmtheiten vorbehalten.

Welche Sehenswürdigkeit auch immer besucht wird, man sieht immer Leute, nicht nur Kinder/Schüler, die zeichnen und malen, sondern auch viele Erwachsene. So auch hier.

Der Mann erzählt uns, dass er am Vortag schon fast zehn Stunden an seinem Bild gezeichnet hat und heute auch schon über eine Stunde. Ich bin beeindruckt.

Lange Straße (路漫漫 – lù mànmàn) von Li Tianxiang

Oder: Die Geschichte vom kleinen Karottenkopf

Vor diesem Bild haben wir lange verweilt und meine Freundin hat mir die Geschichte des Jungen auf dem Bild erzählt.

Das Bild zeigt das Gemälde "lù mànmàn" (Lange Straße)

Li Tianxiang: lù mànmàn – Lange Straße

Der 1940 geborene Junge Song Zhenzhong kam mit nur acht Monaten mit seinen kommunistischen Eltern Xu Linxia und Song Qiyun ins Gefängnis und wurde dort mit 9 Jahren am 6. September 1949 von den Kuomintang ermordet. Nie hat der Junge die Außenwelt gesehen – diesen Aspekt findet meine Freundin besonders schlimm, aber auch bei meinen Versuchen, mehr über diese Geschichte herauszufinden, wird dies immer wieder betont. Durch die schlechte Ernährung blieb er winzig mit großem Kopf und wurde daher Xiaoluotou – Kleiner Karottenkopf – genannt. Er soll im Gefängnis fleissig gelernt haben (und natürlich den Lehrer sehr respektiert haben), Botengänge zwischen den Gefangenen gemacht haben – und gilt als jüngster revolutionärer Märtyrer. In seinem Geburtsort Pizhou in Jiangsu wurde eine Gedächtnishalle errichtet.

Weiter durch die chinesische Geschichte

Wir gehen weiter durch die Ausstellung. Viele Bilder zeigen Kämpfe, Bürgerkrieg und Krieg gegen die Japaner, Bilder vom Langen Marsch… Vor diesem Bild machen viele Gruppen längeren Halt, es zeigt einen Fackelzug in Yan’an 1945 nach der Kapitulation Japans – und ist ein Beispiel für „Variantenmalerei“.

Besuchergruppe vor Gemälde im NAMOC

Besuchergruppe vor Cai Liangs „Yan’an Torch“, 1972

Die erste Variante dieses Bildes (nicht im Museum gezeigt) entstand 1959 – ohne Mao-Porträt.

Es geht weiter mit dem Aufbau Chinas, der industriellen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Bild: Eine ältere chinesische Frau hält einen Wahlzettel in der Hand.

Yang Zhiguang: „Das erste Mal im Leben“ (die erste Wahlkarte)

Dong Xiwen: Thousand Years of Land Turn Over

Xu Wenhua "Morgen" - eine Frau wartet vor der Bibliothek

Xu Wenhua „Morgen“ – eine Frau wartet vor der Bibliothek

Shi Weiping, „Polar Scientific Expedition: The Snow Dragon Sailing into the Arctic Ocean“

Zum Schluss kommen wir in der jüngsten Vergangenheit an.

Bilder im NAMOC, die Covid-19-Themen zeigen: Maske, Krankenwagen, medizinisches Personal in Schutzkleidung

Auch Covid-19 fehlt nicht in der Ausstellung

Lohnt sich der Besuch?

Auch wenn die Ausstellung aus einer bestimmten Perspektive gestaltet wurde, gibt es doch viel zu entdecken und zu lernen – und etliche Bilder stehen für sich und sind definitiv sehenswert. Die Lücken lassen sich ja andernorts füllen. Um China wieder ein klitzekleines bisschen mehr zu verstehen, ist ein Besuch dieser Ausstellung (wenn man denn die Möglichkeit hat) die Zeit alle mal wert. Wir haben uns wirklich jedes einzelne Bild angesehen und waren 4 Stunden im Museum. Da nur die Einleitungstexte zu den unterschiedlichen Abschnitten auf Englisch übersetzt sind, empfiehlt sich chinesische Begleitung. Die Ausstellung endet am 25. Juli 2021.

Fotos

Mit einer neuen chinesischen Freundin habe ich den Taoranting-Park besucht. Der liegt auf einer Höhe mit dem Himmelstempel, rund 7 km südwestlich vom Tiananmen, und ist damit relativ weit weg vom Zentrum. So verlaufen sich nicht viele Ausländer und schon gar keine Touristen dahin. Bei den in der Nähe wohnenden Pekingern ist der Park aber extrem beliebt. Seit 2002 ist der Park als 4A/AAAA-Attraction (in ganz China gibt es nur 279 5A/AAAAA-Attractions) klassifiziert.

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Kindheitserinnerungen

Wir betreten den Park am Nordeingang und nach wenigen Schritten stehen wir vor hüpfenden Kängurus. Okay, keine echten, sondern ein Känguru-Karussell! Hier ist ein kleiner Rummelplatz, „Fun Park“ vor allem für Kinder: verschiedene Karussells, eine kleine Achterbahn – man denke sich die entsprechende Lärmkulisse dazu…

Känguru-Karussell im Pekinger Taoranting-Park

Am Ende des Rummelplatzes steht ein Plastik-Hügel „Snow Mountain“. Hier können Kindern klettern und rutschen. Meine Freundin wird ganz wehmütig, sie war als Kind oft mit ihren Großeltern hier. Mich erinnert der „Snow Mountain“ an die Bullerberge in Planten un Blomen in Hamburg, sogar der Geruch ist ganz genau so (dieses warme Plastik in der prallen Sonne…). Leider hab ich gar kein Foto gemacht, es war aber auch kein Foto-Ausflug, sondern unser Gespräch stand im Vordergrund, zum Beispiel mit eben dieser Erkenntnis, dass es außer vielen Unterschieden auch viel Vergleichbares gibt.

Pavillons

Jedenfalls wird es viel ruhiger, als wir den Rummelplatz hinter uns lassen, obwohl der Taoranting-Park gut besucht ist.

Der heutige Park wurde 1952 errichtet. 1985 wurde der Park renoviert und 36 originalgroße Nachbildungen berühmter Pavillons aus ganz China im Park verteilt. Allein das lohnt sich für einen weiteren Ausflug, dann mit dem Fokus aufs Fotografieren. :)

Einer der Pavillons auf einem Hügel im Pekinger Taoranting-Park.

Aktives Parkleben

Eine Weile beobachten wir diese Gruppe, wie sie ihre Instrumente (aufeinander ab-) stimmen. Meine Begleitung erklärt mir Erhu und Pipa. Wir hören noch eine Weile zu und schlendern dann weiter.

Park-Orchester - Pekinger Bürger musizieren gemeinsam im Taoranting-Park

Später kommen wir an dieser Plattform vorbei. Die wurde eigens nachträglich für die Tänzer, die sich täglich hier treffen gebaut.

Plattform mit Tänzern im Taoranting-Park

Es gibt Spieltische, überall wird solo oder in kleinen Gruppen TaiChi gemacht.

Der See

Besondere Anziehungskraft hat natürlich der 16 ha große See. Hier sind die Elektro- und Tretboote besonders beliebt. Wir setzen uns in einen der Pavillons am Wasser, wo es etwas kühler ist. Zum Glück gibt es noch keine Mücken, die sind dieses Jahr spät dran und nicht so zahlreich – hoffentlich bleibt das so!

See im Taoranting-Park

Blick über den See auf die Xiehu Bridge

Im Winter soll es sich hier prima Schlittschuhlaufen lassen.

Chinesischer Pavillon am See mit blauem Elektroboot davor

Einer der Pavillons am See

Das Nonnenkloster…

Wir steuern das Cibei Nonnenkloster an, welches auf einer Insel in der Mitte des Sees liegt und über Brücken zu erreichen ist. Hier ist auch der für den Taoranting-Park namensgebende Taoran-Pavillon.

Während der Qing-Dynastie war das ein Ort für Gelehrte und Literaten. Zu der Zeit waren die meisten Parks und Gärten den kaiserlichen Familien vorbehalten. Wie man sieht: nur drei Dachreiter (je mehr, desto mächtiger die Bewohner, nur in der Verbotenen Stadt gibt es auf der Halle der Höchsten Harmonie elf Dachreiter).

… und die Kommunisten

Fast hätte ich Kloster und Ausstellung nicht besuchen können – hier wird wieder eine App eingesetzt, die ohne Chinesischkenntnisse schwer zu durchschauen ist. Zum Glück kann meine Begleitung einfach zwei Tickets kaufen – Glück gehabt.

Es riecht nach frischer Farbe, die Ausstellung ist ganz neu eröffnet. Passt, denn jetzt starten überall die 100-Jahr-Feierlichkeiten zum Jubiläum der Kommunistischen Partei Chinas.

Hier haben sich 1919 Mao, Zhou Enlai und Li Dazhai getroffen und gearbeitet. Leider sind nur einige wenige Schilder übersetzt. Schade. Ich muss nämlich gestehen, dass mich die allermeisten Geschichtsbücher langweilen (das muss doch auch interessanter und spannender zu erzählen sein!), dass es mir aber großen Spaß macht, an Originalschauplätzen und Museen etwas dazuzulernen. Das ist dann zwar nur häppchenweise, sicherlich hier und dort auch mal ideologisch eingefärbt, unsystematisch, unvollständig, unstrukturiert – aber ich strebe ja auch keinen wissenschaftlichen Abschluss an, sondern möchte nur mehr über das Land lernen, in dem ich lebe. Und dafür sind solche Ausstellungen und Museen wirklich super, ist halt nur schade, wenn man an der Sprache scheitert. Unsere Denglisch-Chinglish-Kombi ist da leider auch an Grenzen gestoßen.

Neben der Foto-Ausstellung kann man schließlich noch einen Blick in diese Halle werfen.

Zum Abschluss noch mal ein Schild mit Politlyrik!

Die Dekorationen außen an der Halle sind aber ganz unideologisch und objektiv hübsch!

Inzwischen hat es sich zugezogen, ein Gewitter ist im Anmarsch und über eine der Brücken gehen wir von der Mittelinsel zurück zum Ausgang.

Hier werde ich sicher bald noch mal wieder hinkommen. Meine Liste „wohin“ wird tatsächlich wieder länger und länger.

 

Inzwischen haben sich die Nachrichten von den wandernden Elefanten in China ja auch bis nach Deutschland verbreitet. Die sozialen Medien hier sind voll davon, die Reise der Elefanten wird von den meisten begeistert-humorvoll kommentiert. Und das in einem Land, das den Elfenbeinhandel erst 2018 verboten hat.

Auch wenn ich weiß, dass vielleicht grundsätzliche Probleme den Anstoß für die Wanderung gegeben haben (Konkurrenz um den Lebensraum Bauern/Wildtiere, schwindender Lebensraum, weil zu viel Kautschuk und Tee und kein „Elefantenfutter“), auch wenn hoher Sachschaden angerichtet wird und auch schon Menschen in Gefahr waren – irgendwie sind das zur Zeit nette Gute-Laune-Nachrichten für mich. Und wer hat sowas derzeit nicht nötig?

Bei uns heißt es derzeit jeden Morgen: „Was gibt es Neues von den Elefanten?“ Yunnan ist zwar weit weg von Peking (über 2000 km), aber hey, wir leben in einem Land, in dem Elefantenherden umherstreifen!

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Was heißt Elefant auf Chinesisch?

Elefant heißt auf Chinesisch 大象 (Dà xiàng) oder auch verkürzt 象 (Xiàng). Dà bedeutet „groß“, Xiàng „mögen“.

Video: Wandering Elephants/CGTN

Asiatische Elefanten: gefährdet, aber der Bestand wächst

Die asiatischen Elefanten in China waren kurz vor dem Aussterben, es gab in den 1970er Jahren nur noch 150-170 Tiere (Angaben schwanken). Inzwischen sind es mindestens 300 – immer noch wenig, immer noch vom Aussterben bedroht, aber die Tendenz ist positiv.

In Südwestchina in der Provinz Yunnan gibt es bei Xishuangbanna ein Schutzgebiet für die Elefanten. Das ist kein umzäunter Park – also sind die Tiere irgendwann im Dezember 2020 losmarschiert.

Zwei „Reisegruppen“

Eine 15-rüsselige Gruppe blieb in der Nähe und hat sich im Botanischen Garten von Xishuangbanna ausgetobt und dort großen Schaden angerichtet (seltene Pflanzen vernichtet), eine weitere Gruppe zog Richtung Norden. Zuerst waren es 16, einer ist umgekehrt, 2 Kälber wurden geboren, 2 weitere sind umgekehrt – derzeit sind diese 15 Elefanten am Stadtrand von Kunming unterwegs. Mit Drohnen und Manpower werden sie begleitet, unzählige LKWs werden eingesetzt, um Zufahrten zu Dörfern zu sperren, mit stark duftenden „Elefantenleckereien“ wie Bananen, Ananas und Mais wird versucht, die Herde zu lenken, um Gefahren für Menschen abzuwenden.

Der folgende Artikel ist zwar chinesisch, aber die meisten Browser liefern inzwischen ja brauchbare Übersetzungen. Hier wird der Frage nachgegangen: „Warum machen die Elefanten das?“ und die Theorie zur Sprache gebracht, dass Sonnenstürme/Geomagnetismus die Reise der Elefanten angestoßen haben könnten. Es könnte auch sein, dass diese Migration „normales Elefantenverhalten“ ist, wobei es schon ungewöhnlich ist, dass sie so weit im Norden unterwegs sind. Vielleicht hat auch nur der Leitbulle die Orientierung verloren.

Warum ziehen asiatische Elefanten in Yunnan nach Norden?

Was mich freut: die Tiere sollen nicht betäubt und zurückgeschafft werden, sondern man will die Wanderung der Tiere weiterbeobachten und die Herde halt nur um Städte etc. herumlenken.

Auch der nächste verlinkte Artikel ist irgendwie anrührend. Hier geht es ebenfalls zunächst um die Elefanten, teils in der blumig-poetischen Sprache, auf die man hier auch in der Öffentlichkeit immer wieder stößt (Beschilderungen an Sehenswürdigkeiten).  Es folgt ein Abschnitt, in dem eher sachlich geschildert wird, dass und wie Menschen und Elefanten geschützt werden sollen. Am Ende wird auf die Schönheit Yunnans und die dortige Biodiversität – und weitere „Internet-Promitiere“ hingewiesen. Der Artikel kann auch mit dem Browser übersetzt werden:

Das ist Yunnan, wohin der „Xiang“ geht

„Unsere „Reise“

Selten auf der Welt

Es ist das erste Mal in China

Daher der Einkaufs- und Essensausflug unserer Familie

Beeinflusst die Herzen vieler Menschen“.

Ich hoffe jedenfalls, dass es eine schöne Geschichte bleibt – für Menschen und Tiere.

Es waren einmal drei Schwestern, von denen man sagte: „Eine liebt das Geld, eine liebt das Land, eine liebt die Macht“. Gemeint waren die Song-Schwestern: Ailing, verheiratet mit dem Bankier H.H. Kung (Geld), Qingling, verheiratet mit Sun Yat-sen (Land), und Meiling, verheiratet mit Chiang Kai-shek (Macht). Sie gelten als die einflussreichsten Frauen des Chinas ab den 1930er Jahren. Das mag einerseits der Rolle als „Frau von XY“ (wobei XY in diesem Fall zu den mächtigsten Männern des damaligen Chinas gehört) geschuldet sein, andererseits – insbesondere bei Qingling – geht es aber auch auf eigene Leistungen zurück.

Song Qingling (chinesisch 宋慶齡 / 宋庆龄, Pinyin Sòng Qìnglíng, W.-G. Sung Ch’ing-ling, * 27. Januar 1893 in Kunshan, Provinz Jiangsu, Kaiserreich China; † 29. Mai 1981 in Peking, China[1]) war eine der drei Song-Schwestern, deren Männer zu den bedeutendsten Politikern Chinas im 20. Jahrhundert gehörten. Als Madame Sun Yat-sen wird sie als diejenige beschrieben, „die China liebte“. Ihr Taufname war Rosamond. Ihr Mann Sun Yat-sen war 1912 der erste Präsident der Republik China. Im Nachkriegschina war sie von 1949 bis zu ihrem Tod in verschiedenen Ämtern stellvertretende Vorsitzende und nach Liu Shaoqis Parteiausschluss von 1968 bis 1972 zusammen mit Dong Biwu geschäftsführend Vorsitzende der Volksrepublik China. Nach dem Tod Zhu Des war sie von 1976 bis 1978 als Vorsitzende des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses noch einmal Staatsoberhaupt. 1981 wurde sie als bisher einzige Person zur Ehrenpräsidentin erklärt.

Song Qinglings Residenz

Bei meinem Spaziergang am Houhai Anfang der Woche stand ich auf einmal vor einer Sehenswürdigkeit, von der ich bisher nichts gehört hatte. Durch ein offenes Tor sah ich ungefähr das hier (ungefähr – ich hab am Tor kein Bild gemacht, dies ist schon auf dem Gelände entstanden).

Song Qinglings Residenz

Song Qinglings Residenz

Neugier war geweckt, also habe ich mich näher umgesehen. Song Qinglings Residenz, soso. Die Frau von Sun Yat-sen, der Gründer des modernen China, von dem habe ich schon öfter mal gehört und gelesen. ;)

Ich muss gestehen, dass ich über Song Qingling bis dahin praktisch nichts wusste. Selbst wenn unser Geschichtsunterricht früher nicht so oft ausgefallen wäre, China und seine Geschichte stand eh nicht auf dem Lehrplan. Soviel zu meiner – schwachen – Entschuldigung. Vom Tor aus waren ein Pavillon und ein Laubengang zu sehen, interessant, lass ich mich doch mal überraschen. Ticket gab es für 20 RMB (hurra, ein spontaner Besuch ist möglich, keine Vorausbuchung erforderlich). Health Code mit der App scannen, Temperatur am Handgelenk messen lassen, normale Sicherheitskontrolle und dann konnte es losgehen.

Die Anlage ist gut beschildert, alles auch mit englischer Übersetzung. So wusste ich dann doch bald, was ich mir hier nun ansehe: hier hat die „Mutter des modernen China“ von 1963 bis zu ihrem Tod 1981 gewohnt. Die Anlage hat natürlich eine viel längere Geschichte und geht zurück bis auf die Qing Dynastie. 1888 übergab Kaiserinwitwe Cixi die Anlage an Prinz Chun I (Yixuan), später ging die Anlage auf Prinz Chun II (Zaifeng) über – dieser war der Vater des letzten Kaisers Puyi. 1949 machte der erste Premierminister der Volksrepublik China Zhou Enlai den Vorschlag, dass Song Qingling hier einziehen könne – was sie dann 1963 tat.

Pavillons

Gleich hinter dem Eingang erhebt sich ein kleiner Hügel, auf dem oben der „Fächerförmige Pavillon“ steht. Ja, mit ein bisschen Phantasie ist das wohl so. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, kann ich knapp über die Hecke auf den See hinüberspähen. Aber interessanter finde ich das ältere Paar, das klassische chinesische Musik hört und sichtlich im Augenblick schwelgt. Das jüngere Paar hat sich dann mit dazugesetzt.

„Fan-shaped Pavilion“

Ein Stück weiter steht ein weiterer Pavillon: „Room for Listening to Rain“. Dieser Pavillon ist „geschlossen“, nicht offen, vor den verglasten Fenstern hängen Gardinen, innen steht ein einsamer Eimer Farbe auf blankem Boden. Also zwei Pavillons, einer für sonniges, einer für Regenwetter. Gefällt mir gut. Also die Idee, einen Pavillon zu haben, um dem Regen zu lauschen, nicht die Renovierung und dass ich nicht hinein kann.

Garten, Steine, Teich

Ich gehe weiter, der Rundgang führt mich am Teich vorbei. Wobei der Teich eher ein Kanal ist, das Wasser wird vom Houhai abgezweigt und einmal rund durch das Anwesen geleitet.

Teich in Song Qinglings Residenz, Bäume mit erstem Frühlingsgrün spiegeln sich darin.

Teich in Song Qinglings Residenz

Zu einem ordentlichen chinesischen Anwesen gehören auch immer hübsche Steine und besonders gehegte Bäume und Pflanzen.

„must haves“ in chinesischen Gärten!

Die Ausstellung

Nächste Station des Rundgangs ist die Ausstellungshalle. Davor steht aber dieses Gefährt.

Fahrzeug vor der Ausstellungshalle

Überhaupt ist viel Militär auf dem Gelände. Auf einem kleinen Platz stehen etwa 40 Soldaten in kleinen Gruppen, die jeweils verschiedene Texte laut und durcheinander rezitieren. Haltung und Stimmung scheinen eher locker-gelöst. Ich hab keine Ahnung, um was es geht, bin neugierig, aber niemand da, der es mir erklären könnte.

Ich betrete das Ausstellungsgebäude. Gleich hinter dem Eingangsbereich befindet sich eine große Halle, die offensichtlich auch für Veranstaltungen genutzt wird.

Statue von Song Qingling in der Halles des Ausstellungsgebäudes ihrer Residenz

Halle im Ausstellungsgebäude

In der Ausstellung – chronologisch wird man durch Song Qinglings Leben und Wirken geführt – werden viele Bilder (Fotos und Gemälde), Briefe, etliche Kleidungsstücke gezeigt.

Gemälde, das Song Qingling inmitten einer Kinderschar zeigt.

Die beliebteste Großmutter aller chinesischen Kinder!

Mich freut wirklich, dass die Ausstellung durchgängig auch Englisch beschriftet ist. Das sind viele kleinere Schilder an den Wänden, aber auch so schnieke „Bücher“.

Buch als Beschilderung in der Ausstellung

So edel kann man eine Ausstellung beschildern

Besonders beeindruckt mich jedoch ein Geschenk, dass Stalin Song Qingling gemacht hat: ein ZIS-110 Sedan.

Ein ZIS-110-Sedan, Geschenk von Stalin an Song Qingling

Geschenk von Stalin

Rund 20 Jahre lang soll sie ausschließlich diesen Wagen benutzt haben.

Dann bin ich durch mit der Ausstellung, trete vor die Tür und da steht dann dieser Wagen. Nicht so schnieke, aber auch praktisch (manchmal vermisse ich mein Tuktuk).

In die Jahre gekommenes Tuktuk vor dem Ausstellungsgebäude

Das ist keine Limousine.

Taubenschlag des Friedens

Der Rundgang führt mich nun zum „Taubenschlag des Friedens“.

Taubenschlag

Taubenschlag

Taubenschläge sieht man hier in Peking ja viele, zum Beispiel auf vielen Dächern in den Hutongs. Diesen hier gab es zu Lebzeiten von Song Qingling noch nicht, sondern er wurde 2001 von Unternehmern, die mit Taubenzucht zu tun haben, gestiftet. Lest euch den Text des Schildes durch! Ist das nicht wieder herrlich? Ich glaube ja, dass man China auch durch aufmerksames Lesen und Betrachten seiner Schilder gut kennenlernen kann. :)

Das Hauptgebäude

Die nächste Station ist das eigentliche Wohnhaus, das Hauptgebäude. Die Einrichtung ist original, auf etlichen Schildern wird darauf hingewiesen, dass Song Qingling sparsam war und an der veralteten Ausstattung festgehalten hat.

Arbeits- und Schlafzimmer

Empfangs- und Wohnzimmer

Outdated oder nicht, auch wenn es kein protziger Palast ist, geräumig genug ist es jedenfalls, vor allem im Vergleich dazu, wie beengt viele Chinesen heute noch leben. Andererseits aber sicher ein angemessener Wohnsitz für die bisher einzige chinesische Ehrenpräsidentin.

Durch den Garten geht es zurück zum Eingang. Dabei geht es an diesem  500 Jahre alten Gelehrtenbaum (auch „japanischer Pagodenbaum“) vorbei, der von Song Qingling als „Phönixbaum“ bezeichnet worden sein soll, weil der Baum mit den im Westen nach oben gerichteten Ästen und den im Osten zum Boden geneigten Ästen wie ein Phönix beim Abheben aussehen solle. Aha. :)

Gelehrtenbaum – „Phönixbaum“

Mehr über Song Qingling

Mein Interesse, mehr über Song Qingling zu erfahren, wurde durch diesen netten Rundgang jedenfalls geweckt. Und mir ist wieder klargeworden, dass ich jetzt unbedingt endlich mal ein anständiges chinesisches Geschichtsbuch lesen muss.

Einen informativen Artikel findet man zum Beispiel hier bei der BBC: Soong Qingling: ‘The mother of modern China’.

Das Buch „Die drei Schwestern“ von Jung Chang wandert auf meine Wunschliste.

Und ich werde mal gucken, ob ich den Film „The Soong Sisters“ auftreiben oder streamen kann.

 

Fotos

Grüsse nach Deutschland und viel Geduld für Eure zweite Woche ohne Schule und Co. Bei uns sind es jetzt zwei Monate und weiterhin ist kein Ende in Sicht. Ich habe inzwischen einen ausgewachsenen Corona-Koller: Budenkoller, Frust, Lethargie, Zorn, Trauer über ein verlorenes Vierteljahr (das wird es wohl mindestens), Mangel an realen sozialen Kontakten. Zum Glück immer nur phasenweise, es nutzt ja nix, wir müssen da durch – und es geht uns angesichts der Umstände gut.

Ja, aber kann man in China nicht schon von Normalisierung reden? Es gibt doch keine lokalen Neuansteckungen mehr, „nur“ noch importierte? Es ist doch mehr auf den Straßen los?

Vielleicht ist das Normalisierung, aber hier ist noch lange nichts normal…

Ja, es ist mehr auf den Straßen los, denn immer mehr Menschen müssen/dürfen wieder arbeiten gehen. Außerdem ist Frühling, über 20 Grad, eigentlich fängt jetzt die schönste Jahreszeit hier an. Es ist ja auch nicht grundsätzlich verboten rauszugehen. Gestern hatte ich nach der Fahrt zum Supermarkt aber keinen Nerv mehr. Die eigene Maske nervt und ausschließlich in andere Maskengesichter zu gucken, das ist nicht normal, das fühlt sich apokalyptisch an. In den eigenen vier Wänden habe ich dann doch wenigstens die Illusion von Normalität.

Frühling, endlich.

Allerdings bin ich heute am Compoundtor gefragt worden, wo ich hin möchte, als ich ein zweites Mal losgefahren bin, nachdem ich vormittags schon beim Bäcker und beim Metzger war.
„Sachen kaufen.“ -„Was für Sachen?“ -„Reis.“- „Okay.“ 

„Sachen kaufen“ habe ich mit einem Umweg verbunden, erst ein bisschen in der Stadt nach dem Rechten sehen. Da ich zwischendrin das Scooter-Akku nicht wieder vollgeladen hatte, hat es nur für eine kürzere Runde gereicht: Sanlitun, Dongzhimen, Galaxy Soho, Observatorium, CBD – steht alles noch. Straßen immer noch relativ leer.

CBD steht noch

Tuanjiehu-Park

Irgendwann sagte der Blick aufs Akku: umdrehen/Rückweg. Der Tuanjiehu-Park liegt auf dem Weg, also habe ich da einen Zwischenstopp eingelegt, um mir die Füße zu vertreten. Da war relativ viel los, also Normalisierung? Nee, nicht mit all diesen Masken. 

Wasserkalligraphie

Der Tuanjiehu-Park ist klein, aber seht nett mit viel Wasser angelegt.

Tuanjiehu-Park

Einen Großteil der Parkfläche nehmen ein Aquapark und Kinderbespassungsanlagen „Carnies“ (Karussels, Hüpfdinger etc.) ein – natürlich geschlossen im Moment. Nicht normal. Ob die Entenboote noch Winterpause haben oder auch mit unter Quarantäne fallen, weiß ich nicht.

Park mit Aussicht

Nach zwei Runden hat es dann auch gereicht, und ich bin weiter zum Jingkelong gefahren. Wir brauchten wirklich Reis. Hier steht wie erwartet ein Wächter am Eingang, aber als ich ihm mein Handgelenk für die Temperaturkontrolle entgegenhalte, winkt er ab und deutet auf einen Kasten, aus dem mich mein eigenes Maskengesicht anlacht und, nachdem ich kurz davor stehen geblieben bin, 36° anzeigt – ich darf hinein. Der Laden ist gut besucht, aber nicht übervoll, die Regale sind gut gefüllt, es gibt alles. Die Reisauswahl im Jingkelong überfordert mich wie immer, also einfach irgendeinen 5-Kilo-Sack geschnappt, fertig. Am Ausgang ist ein Blumenstand, ein paar Tulpen müssen mit. Mittlerweile könnte ich wohl auch eine komplette Kleinfamilie mit dem Scooter transportieren, da kann ich auch mit Blumen in der Hand fahren…

Wer den Scooter liebt, der…

Ja, der Scooter. Als ich am Chaoyangpark entlangfahre, zeigt er mit noch 20 Prozent Akkuladung an, das reicht locker, denke ich, und switche nicht in den eco-Modus. Aber hinter der Französischen Botschaft sind es plötzlich nur noch 4 Prozent, hektisches rotes Blinken und aus. Tja, Premiere, wer seinen Scooter liebt, der schiebt. Zum Glück hab ich kein größeres, schwereres Modell, aber viel länger als diese Viertelstunde hätte ich auch nicht schieben mögen. Schreckmoment am Compoundtor nach dem ersten Fiebermessen, andere Hand hingehalten, uff, alles gut.

Keine Normalität, kein Ende in Sicht

Wie gesagt, allein dadurch, dass man überall außerhalb der eigenen vier Wände mit den Masken konfrontiert ist, wird man ständig daran erinnert, dass derzeit nichts normal ist. Dass es weiterhin kein Datum für die Wiederöffnung der Schulen gibt und dass wir nach der letzten Mail aus der Schule weiterhin damit rechnen, dass es frühestens ab dem 20. April wieder losgehen kann – keine Normalität.

Teilweise werden Regelungen sogar verschärft, in Restaurants soll nur noch eine Person pro Tisch sitzen, in einem Restaurant, wo normalerweise 300 Leute Platz finden, sind aktuell maximal 15 Personen gleichzeitig erlaubt. Das in Verbindung damit, dass keine Besucher in die Compounds gelassen werden, hat unser soziales Leben außerhalb der Familie fast komplett in den virtuellen Raum verlagert.

Meine Nachwuchsnerds kommen mit der Situation immer noch überraschend gut klar, so wie sie auch mit der Online-Schule gut zurechtkommen, teils sogar deutlich besser als mit normaler Schule. Ich steh ja auch normalerweise für Fragen zur Verfügung, aktuell muss ich deutlich mehr erklären. Nun bin ich also doch das, was ich nie sein wollte: Aushilfslehrerin. ;)

Ich habe hier den Eindruck, dass Kinder mit bisher streng reglementierten Medienzeiten und wenig Zugang zu Handy/PC sich derzeit deutlich schwerer tun. Oder etwas zugespitzt: Medienabstinent ist das neue Bildungsfern. Und wir sind hier in einer relativ privilegierten Situation mit der gut ausgestatteten Auslandsschule – an staatlichen deutschen Schulen dürfte da vieles nicht machbar sein. 

Blick nach Deutschland

Hier so lange schon mit den Einschränkungen zu leben, das zerrt so schon an den Nerven. Aber zuzugucken, wie die Krankheitswelle nahezu ungebremst auf Deutschland zu- und darüberwegrollt, das belastet zusätzlich, weil das so nicht hätte passieren müssen. (Kluger Artikel dazu übrigens in der New York Times: „China Bought the West Time. The West Squandered It.“ Ist zwar schon eine Woche alt, aber weiterhin aktuell.)

Wir haben uns ja schon lange gewundert, warum nichts passiert, z.B. bei der Einreise am deutschen Flughafen. Ja, auch mit Temperaturkontrollen erwischt man sicher nicht alle Infizierten, aber Passagiere einfach so durchzuwinken kann es definitiv auch nicht sein. Wer Maßnahmen eingefordert hat und entsprechendes geschrieben oder gesagt hat, musste sich der Panikmache und der Hysterie bezichtigen lassen.

Wie kann es sein, dass in der globalisierten Welt erst mit zögerlichem Handeln begonnen wird, wenn die Einschläge in unmittelbarer Nachbarschaft sind? Hallo, Luftverkehr, schon mal davon gehört? Aber China ist das Land, wo nur ein Sack Reis umfällt, sowieso böse und sowas von hinter dem Mond? Was in China in den ersten Wochen passiert ist, daran gibt es nichts zu beschönigen – aber der Rest der Welt hätte wissen müssen, was da kommt und hat trotzdem nicht genug getan.

Wochenlanges Runterspielen – alles ja nur Hysterie, Panikmache – ist es dann wirklich verwunderlich, wenn viele Menschen das jetzt noch nicht ernst nehmen? Hätten die sehr harten Maßnahmen für alle jetzt wirklich sein müssen, wenn man frühzeitig Einreisende unter Quarantäne gestellt hätte,  so wie China das jetzt macht, um den Re-Import des Virus bzw. die weitere Ausbreitung zu verhindern? 

Nun ist es vermutlich eh zu spät. Immerhin, endlich Frühling.

Forsythie. Hilft nicht gegen Covid-19 (auch nicht gegen den Virus im Film „Contagion“). Macht aber gute Laune.

Als ich überlegt habe, wohin ich diesen September wohl fahren könnte, bekam ich von Ulrike vom bambooblog den Tipp, mir eine echte Burg in China anzusehen: Huangcheng Xiangfu. Ihr Blogeintrag hat mich wirklich neugierig gemacht, diese Burg mit eigenen Augen zu sehen – ist halt doch mal etwas ganz anderes. Shaolinkloster und die Longmen-Grotten hatte ich auch auf meiner Wunschliste, daher bot sich Luoyang als Standort an, auch wenn es von hier bis zur Burg es gut zwei Stunden Autofahrt sind.

Hinfahrt

Kreuz und quer geht es durch Luoyang über breite, aber leere Straßen zur Autobahn. Auch hier kaum Verkehr. Wir überqueren den Huang He, den Gelben Fluss, was der Fahrer mir nicht ohne Stolz noch bestätigt. An der Grenze zwischen Henan und Shanxi werden wir angehalten und unsere Papiere kontrolliert.

Die Sicht ist nicht besonders gut, eine doofe Mischung aus Nebel und Smog, aber dann tauchen am Horizont doch bald Berge auf. Ich klebe die ganze Zeit mit der Nase an der Scheibe. Die Berge sind für mich Flachlandtiroler ganz schon groß und steil, die Brückenbauwerke faszinierend, vor allem, wo es ganz oben am Rand von Kühltürmen entlang geht.

Ankunft

Ticketcenter und Zugangskontrolle sehen genauso aus wie an vielen anderen chinesischen Sehenswürdigkeiten. Es ist – fast – nichts los, die breiten Zufahrtsstraßen, die riesigen Parkplätze hatten mich anderes vermuten lassen. In der Golden Week sieht das sicher ganz anders aus.

Nachdem ich endlich die – ausgiebige – Sicherheitskontrolle hinter mich gebracht habe, stehe ich vor dem eigentlichen Zugang und fühle mich angesichts des eindrucksvollen Komplexes recht klein. 

Burg, Festung, Residenz?

Ausgeschildert war unterwegs „Primeminister’s mansion“. Ich muss Ulrike zustimmen, all diese Bezeichnungen passen nicht richtig und irgendwie doch. Wie eine Burg ist es eine große, gemauerte Anlage, aber halt doch eindeutig chinesisch. So zum Beispiel die vielen Wohnhöfe innerhalb der Burg, die zahlreichen, detaillierten Verzierungen. Als erste kraxele ich auf die Burgmauer, auf der ich fast den ganzen Komplex umrunden kann und einen Überblick gewinne.

 

Natürlich sind das hier keine Satellitenschüsseln, sondern Trommeln…

Auch wenn es auf den ersten Blick wie ein wuseliges Gewirr von Dächern aussieht, es lassen sich doch Strukturen wie die „Siheyuans“ (4 Gebäudeteile rund um einen Innenhof) erkennen.

Es ist brüllend heiß, Smog und Nebel haben sich aufgelöst und oben auf der Mauer gibt es kaum Schatten. Ich bin immer noch nicht dem klugen Beispiel der Chinesinnen gefolgt und habe immer noch keinen Sonnenschirm in meinem Ausflugsgepäck. Trotzdem, ich bin so hingerissen, dass ich nur kurz in einem der Ecktürme raste, meine Wasserflasche in einem Zug leere und dann doch jeden zugänglichen Meter erkunde – und alle paar Schritte ist wieder etwas neues zu entdecken. Irgendwann klettere ich aber doch eine Treppe hinunter.

Auch wenn es in den schmalen Gängen zwischen den Gebäuden zum Teil schattig ist, steht hier doch die Hitze. Ich brauche dringend Wassernachschub, aber mein erster Versuch scheitert am Mittagsschlaf des Verkäufer, macht nichts, es gibt ja noch weitere Verkaufsstände.

Zum Glück werde ich rasch fündig und laufe dann etwas erfrischt kreuz und quer unten durch die Gänge. Die meisten Gebäude sind verschlossen, nur ein paar Shops sind geöffnet – Bilder, Kalligraphien, Souvenirs, Getränke, Snacks. In vielen Höfen wird gearbeitet, es werden Blumentöpfe zu Blumenbildern arrangiert, die von zahlreichen Arbeitern überall hin getragen werden.

Nach drei Stunden bin ich fix und fertig, meine Erkältung ist wirklich übel. Ich wäre gerne noch länger geblieben, aber das wäre ziemlich unklug gewesen. Also texte ich dem Fahrer und zwanzig Minuten später treffen wir uns und fahren zurück.

Rückweg

Natürlich – wir sind in China! – ist hinter dem Burgausgang eine kleine „Shoppingmeile“ aufgebaut, wo es alles zu kaufen gibt, was es überall in China an Souvenirs gibt, hier kommt der berühmte Shanxi-Essig dazu.

Ich kann nicht den gleichen Weg zurück zum Parkplatz nehmen, der direkte Weg ist versperrt, aber an der schmalen Landstraße ohne Fußwege, auf der immer wieder Busse und Laster vorbeifahren, möchte ich eigentlich nicht zurückgehen. Ich erinnere mich, bei der Ankunft eine Unterführung gesehen zu haben, und richtig, dort ist der Eingang. Irgendwie finde ich das sehr kurios, dieser moderne Tunnel, wie es so viele auch in Peking gibt, direkt vor dem alten Gemäuer.

Auch die Rückfahrt genieße ich, hätte mir viel Spaß gemacht, hier selbst zu fahren (blöd, dass ein Mietwagen immer viel teurer ist, als einen Wagen mit Fahrer zu engagieren). An einem Berghang sehe ich wieder eine beeindruckende Serpentinenstraße – inklusive Spuren eines Abrutsches. Ein mit Gefahrstoffen beladener und x Gefahrenschildern gekennzeichneter LKW überholt uns. Auch im Tunnel wird die durchgezogene Linie von ihm ignoriert und er gibt mächtig Gas. Da bin ich dann doch ganz froh, nicht selbst am Steuer zu sitzen, denn vermutlich hätte ich selber das Gaspedal durchgetreten, um bloß keine unangenehme Begegnung im Tunnel damit zu haben.

Wir fahren wieder an den Kühltürmen vorbei, dann das letzte Gefälle, bis wir wieder in der breiten, flachen Flussebene sind, wo dann ein paar Kilometer weiter die ersten Hochhauswälder Luoyangs erscheinen.

Ich bin einerseits total begeistert von dem Tag, andererseits bin ich total kaputt. Meine Stimme ist komplett weg, die zweite Großpackung Taschentücher ist aufgebraucht. Ich habe vermutlich auch wieder Fieber. Also falle ich zurück im Hotel direkt ins Bett. Beim Einschlafen überlege ich, am nächsten Tag zurück nach Peking zu fahren, wenn es mir nicht besser geht.

Wie jedes Jahr sind die Jungs in der Woche vor der Golden Week auf Klassenreise, wie jedes Jahr ist das auch für mich die Gelegenheit in China zu reisen. Die Wahl fiel diesmal auf Luoyang in der Provinz Henan. Für chinesische Verhältnisse mit nur 1,6 Millionen Einwohnern im eigentlichen Stadtgebiet fast ein Dorf (im kompletten Verwaltungsgebiet Luoyangs sind es 6,5 Millionen).

Drei Tagesflüge hatte ich auf dem Zettel: Longmen-Grotten, Shaolin-Kloster und die Festung Huangcheng-Xiangfu. Für An- und Abreisetag hatte ich den Tempel des Weißen Pferdes, den Guanlin-Tempel und die Altstadt auf dem Zettel. Spoiler: krankheitsbedingt sind die Tempel ausgefallen, ich war mal wieder mit unschöner Erkältung unterwegs und hab es deutlich langsamer angehen lassen als sonst.

Angenehme Zugreise

Montagmorgen verabschiede ich erst den einen, danach den anderen Sohn, anschließend tuckere ich selbst zum Westbahnhof. Pekings Straßen sind relativ frei, so dass das ganz entspannt ist (ich muss an meine erste Shanghai-Reise denken, wo ein schlimmer Unfall auf der Jingmi Lu für einen solchen Megastau gesorgt hat, dass ich meinen Zug nur dank pfiffigem-mutig/leichtsinnigem Taxifahrer knapp erwischt hab). Der Westbahnhof ist etwas kleiner als Süd- und Hauptbahnhof. Anders als dort gibt es hier keinen großen Wartebereich in der Mitte, sondern vom langen, breiten Gang gehen Wartebereiche für die jeweiligen Gleise ab. Insgesamt wirkt der Bahnhof etwas altmodischer, aber auch ruhiger auf mich – obwohl es recht voll ist.

Gut 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges (der über Xi’an nach Chongqing weiterfahren wird) ballt es sich etwas vor der Ticketkontrolle, aber dann geht es doch zügig weiter und runter auf den Bahnsteig. Wagen 1-8 nach links, 9-16 nach rechts. Auf dem Boden sind Markierungen mit den Wagennummern an denen sich ordentliche (!) Schlangen bilden. Der Zug fährt ein und ratzfatz sitze ich auf meinem Fensterplatz. Mit bis zu 300 Stundenkilometern geht es über Baoding, Shijiazhuang, Xingtai, Zhengzhou nach Luoyang-Longmen. Pünktlich. Überall.

Provinzbahnhof in China

Zwischenhalt

Ca. 800 Kilometer in 4 Stunden (es gibt auch einen Zug mit weniger Zwischenhalten, der nur 3 Stunden braucht, war aber ausverkauft). Ich hab auch durchgängig super Handyempfang, nur in Tunneln ist es mal kurz ruckelig (habe mich aber auch nicht ins Zug-WLAN eingeloggt).

Ankunft in Luoyang

Wie so viele Städte war auch Luoyang mal Hauptstadt, bis es von Chang’an (dem heutigen Xi’an) abgelöst wurde. Im Norden der Stadt fließt der Gelbe Fluss, durch die Stadt der Luohe und der Yihe. Es ist völlig eben, erst am Stadtrand beginnen die Berge. Rund um den Bahnhof ist viel gesperrt, eine Mischung aus Bauarbeiten und Sicherheitsvorkehrungen. Schließlich finde ich ein Taxi, fahre zum Hotel und lege meine Erkältung erstmal ins Bett. Am späten Nachmittag hält mich dann aber nichts mehr, ich bitte noch schnell die Mitarbeiterin am Empfang, einen Fahrer für den nächsten Tag für mich zu finden und mache mich auf in die Altstadt.

Luoyangs Altstadt

Durch das sehr hübsch wieder aufgebaute Lijing Gate gehe ich in die Altstadt. 

Eine Gasse mit unzähligen Läden, Restaurants und Verkaufsständen, von der kleinere, schmuddelige unrenovierte Gassen abgehen. Es ist wuselig und voller Leben. Es gibt Kitsch und Kunsthandwerk, Snacks und Süßigkeiten. Viele Ateliers, viele Werkstätten (vor allem solche, die Bilder und Kalligraphien individuell rahmen). Hier wird gewohnt, gelebt und gearbeitet.

Der Nachtmarkt

Dann komme ich an eine Kreuzung. In die eine Richtung sieht es so aus:

 In den anderen drei Richtungen stehen lauter rote Buden auf Rädern.

Es ist ein wildes Durcheinander. Geschnatter und Gekicher. Plötzlich eine Lautsprecherdurchsage und ein schriller Pfiff und dann rennen und fahren die Leute mit ihren Buden los: jetzt wird der Nachtmarkt aufgebaut. Als ich später zurück komme, sieht es so aus:

Noch später ist es dann noch voller und wuseliger. Und trotz meiner Schnupfnase hauen mich die vielen verschiedenen Gerüche beinah um. An einem Straßenstand esse ich ein paar Jiaozi, danach reicht es mir (bzw. der Erkältung) auch – und am nächsten Tag will ich halbwegs fit für die Burg sein.

Fotos

 

Mehr aus Luoyang wird in den nächsten Tagen erscheinen:

Meine Freundin ist von Peking nach Shanghai umgezogen. Die Jungs und ich haben uns direkt zu einem Besuch in Shanghai aufgemacht. Die Anreise mit dem Gaotie, dem Superschnellzug, war komfortabel, angenehmer als zu fliegen. Sicherheitskontrollen gibt es zwar auch in Bahnhöfen, aber Check-in und Boarding gehen dann doch erheblich schneller als am Flughafen. Mit Zugfahren in Deutschland kaum zu vergleichen: die Züge sind günstig, zuverlässig und pünktlich. Mit 340-350 km/h haben wir in viereinhalb Stunden die 1200 km nach Shanghai zurückgelegt (Hamburg-München: über 6 Stunden für keine 800 km).

Sightseeing mit Kindern

Im Vordergrund stand natürlich der Besuch bei Freunden, trotzdem war ein bisschen Sightseeing möglich. Von Qingpu aus sind wir erst mit dem Didi ins Zentrum zum People’s Square gefahren. Der Spaziergang dort fiel kurz aus, vier Kinder können ganz schön viel „Wie lange noch?“, „Wann gibt’s Eis?“, „Mir tun die Beine weh!“, „Es ist zu heiß!“ (korrekt! Es war sehr heiß und extrem schwül.) von sich geben. Also bestiegen wir einen der Hop-on-hop-off-Busse und liessen uns kreuz und quer durch Shanghai fahren.

Mit dem Bus durch Shanghai

Mit dem Bus durch Shanghai

Im klimatisierten Bus waren dann auch alle wieder zufrieden. Am Bund stiegen wir dann aus – und das Pudong-Panorama mit den Türmen hat tatsächlich auch die Kinder eine Weile gefesselt.

Shanghai

Shanghai

Shanghai - Huangpu

Huangpu

Dann war die Bande hungrig, also ging es zu einem Food Court in der Nanjing Road. Essen fassen plus Sightseeing, clever gelöst von uns. Auf dem Weg zum Bus kamen wir dann noch an einem Flagshipstore für bunte Schokolinsen mit und ohne Nüsse oder Mandeln vorbei. Das war ein wenig Konsumquatsch-Overkill, aber durchaus interessant. Und: mit diesem Proviant versorgt war dann auch für gute Laune für die weitere Sightseeingtour mit dem Bus gesorgt.

Nanpu-Bridge

Die Tour führte uns jetzt von Puxi nach Pudong, und zwar über die Nanpu-Brücke. Wow! Was für ein Bauwerk: eine der größten Schrägseilbrücken der Welt. Platz ist knapp in Shanghai, deshalb ist die Brückenauffahrt in Puxi in spiralförmig. Oben im offenen Doppeldeckerbus war das schon sehr abenteuerlich, fast wie Achterbahn fahren. Die Brücke hat uns jedenfalls alle – auch die Kinder – nachhaltig beeindruckt.

Auffahrt Nanpu-Brücke

Auffahrt Nanpu-Brücke

Mistwetter

Aus der extrem feuchten Luft wurde erst ein leichter Nieselregen, dann wurde der Regen heftiger. Die Wolken hingen ziemlich tief. Bedeutet: die Fahrt auf die Türme kann man sich schenken bei praktisch kaum vorhandener Sicht. Ich war ja schon bei meinem ersten Shanghai-Aufenthalt vor vier Jahren schon auf dem Flaschenöffner und dem Oriental Pearl Tower, für die Jungs haben wir das jetzt auf den nächsten Besuch in Shanghai verschoben. Jedenfalls beschlossen wir, im Bus sitzen zu bleiben und die Rücktour mitzumachen, die uns noch einmal über die großartige Nanpu-Brücke führte. 

Gringotts?

Am Bund auf Höhe des Fußgänger-Sightseeingtunnels steigen wir wieder aus dem Bus. Die Kinder sind platt, aber wenn man schon am  Bund ist, möchte man natürlich gerne auch in eines der historischen Gebäude gehen. Praktischerweise ist genau gegenüber eine Filiale der Bank of China. Wir steigen ein paar Stufen im Eingangsbereich hoch, passieren einen Wächter und stehen dann in einer riesigen Halle, die mich von der Atmosphäre her stark an die Zaubererbank Gringotts aus den Harry-Potter-Verfilmungen erinnert. Nur, dass keine Kobolde an den vielen Schaltern sitzen, sondern Menschen. Leider ist Fotografieren verboten. Der Größe der Bank zum Trotz gibt es nur zwei ATMs, von denen nur einer funktioniert. Jetzt reicht es den Kindern wirklich, und so tuckern wir nach Hause.

Besuch in Shanghai, nachts

Bund und Pudong wirken im Dunkeln, bunt beleuchtet noch mal ganz anders als tagsüber. Die eine Hälfte der Kinder kannte das schon, die andere wollte nicht, also tuckerten meine Freundin und ich an einem Abend alleine in die Stadt hinein. Starten wollten wir am Pearl Tower, aber leider waren wir knapp zu spät dran – ab 21 Uhr werden keine Tickets mehr verkauft. Ich kannte den Blick schon, meine Freundin wird als Neu-Shanghaierin noch viele Gelegenheiten haben, auf die Türme zu kommen, also hielt sich die Enttäuschung in Grenzen – zumal wir beide Pudong auch von unten absolut atemberaubend fanden.

Shanghai, Skyscraper

Shanghai, Skyscraper

Der Oriental Pearl Tower ist an diesem Abend ausschließlich rot angestrahlt, ich erinnere mich, dass beim letzten Besuch die Farben wechselten. Wir spazieren über die Fußgängerbrücke vom Pearl Tower in Richtung Flaschenöffner (Shanghai World Financial Center). Das gefällt uns beiden ausnehmend gut, eine Fußgängerzone oberhalb des Autoverkehrs, gerade hier, wo man den Blick nach oben und nicht zum Verkehr ausrichten will, ist das super.

Schließlich stehen wir genau zwischen den drei Türmen:

  1. dem höchsten Gebäude Chinas: dem Shanghai Tower
  2. dem Shanghai World Financial Center, auch als „Flaschenöffner“ bekannt und
  3. dem Jinmao Tower.

Wie beim ersten Besuch in Shanghai vor vier Jahren bin ich total fasziniert und kann nicht genug kriegen (merkt man eventuell auch in der Fotogalerie…). Zusammen mit den vorbeiziehenden Wolken und den vielen Lichtern ist es ein großartiger Anblick. Auch bei diesen Türmen sind die Aussichtsplattformen inzwischen geschlossen, wir umrunden den Shanghai Tower und begegnen dabei fast niemandem mehr – und das mitten in Shanghai, zu gar nicht mal so später Stunde.

Besuch bei Freunden

Der Rest unseres Shanghai-Aufenthaltes war weniger touristisch. Wir haben die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort erkundet und waren uns einig, wie gut wir es mit dem alten Supermarkt am Pinnacle Plaza in Shunyi hatten. Rückblickend wissen wir beide den jetzt noch mehr zu schätzen. Die Kinder haben ungeachtet des Altersunterschiedes gespielt wie die Weltmeister, und wir Frauen hatten Zeit zum reden.

Aufreibender Aquariumbesuch

An einem Tag bin ich mit den Kindern noch einmal durch Pudong spaziert und wir waren im Aquarium (direkt neben dem Oriental Pearl Tower). Davon hatten wir uns mehr versprochen, es war nett, aber nicht umwerfend, und unglaublich voll und wahnsinnig laut. Und ich war froh, dass ich alle vier Kinder zusammenhalten konnte und wieder mit rausgebracht habe, da hätte ich gerne diese „Kinderleinen“ im Einsatz gehabt, die man in China oft sieht (genau für solche Örtlichkeiten sind die sicher gemacht). Der Unterwassertunnel, durch den man auf einem schmalen Laufband getragen wird, hat uns aber gut gefallen. Dusseligerweise hatte ich meine Kamera vergessen, aber in dem Gewusel hätte ich sowieso nicht fotografieren können ohne die Kinder zu verlieren.

Die paar Tage gingen viel zu schnell vorbei, aber früher oder später heißt es bestimmt wieder „zu Besuch in Shanghai“ (gerne aber auch „Besuch in Peking“!). Die Rückfahrt mit dem Zug war genauso angenehm wie die Hinfahrt. Beiden Jungs hat Shanghai gut gefallen, beeindruckt haben sie die „elevated roads“, die Türme, die Nanpu-Brücke und dass Shanghai viel grüner als Peking sei. Und Shanghai fühle sich weniger chinesisch als Peking an. Gibt auf jeden Fall noch mehr als gut genug dort anzugucken. :)

Fotos

 

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Das haben wir jahrzehntelang in Deutschland zu hören bekommen, jetzt sollte es umgekehrt für uns gelten. Oder?

Wieviel Chinesisch braucht man im Expat-Alltag wirklich?

Natürlich macht es einem das Leben in China leichter, wenn man (etwas) Chinesisch versteht und spricht. Aber es geht auch ohne, zumindest mit dem Rundum-Sorglos-Expat-Paket.

Wir wohnen in Compounds mit englischsprachigem Management, unsere Kinder besuchen deutsche/internationale Schulen und werden mit dem Schulbus zur Schule und zurück transportiert. Es gibt in „unseren“ Wohnvierteln auf uns ausgerichtet Supermärkte, Restaurants, Kliniken (bzw. Ärztehäuser). Die Metro ist in der ganzen Stadt zweisprachig ausgeschildert, ebenso sind alle Durchsagen auf Chinesisch und Englisch. Sehenswürdigkeiten sind ebenfalls auf Englisch ausgeschildert und teils auch detaillierter erklärt. Ehrlich gesagt, ist das ein Umfeld, in dem man eher Englisch als Chinesisch braucht. Und wenn es doch mal hakt, gibt es Hilfe aus den Büros der Göttergatten.

In der Pekinger Expatbubble kommt man gut ohne Chinesisch klar. Vielleicht kann es einen auch beruhigen, dass viele Menschen nach und durch China reisen, ohne ein Wort Chinesisch zu verstehen oder zu sprechen. 

Und auf Reisen?

Wenn man nur kurze Zeit durch China reist, stellt sich die Frage, wie viel Zeit man vorab ins Sprachenlernen stecken kann, noch mehr. In den großen Städten, den vielen Touristenmagneten, geht es gut ohne Chinesisch, selbst wenn man keinen übersetzenden Guide dabei hat. Wenn man sich als Backpacker/Individualreisende auch abseits der Touristenpfade tummeln will, dann kann es einem schon passieren, dass man niemanden trifft, der Englisch sprechen kann (wobei das auch in Peking passieren kann). Aber mit App und/oder Wörterbuch, abfotografierten/ausgedruckten Adressen geht auch das und gehört zum Abenteuer China dazu.

Trotzdem: Sprachkenntnisse öffnen Türen

Viele Chinesen rechnen gar nicht damit, dass wir Langnasen Chinesisch können, und wenn wir dann doch immerhin ein paar Sätze herausbringen können, und sei die Aussprache noch so unterirdisch und die Grammatik sehr fantasievoll – ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Bemühungen anerkannt werden, die Leute reagieren (noch) freundlicher. Aber vor allem fühle ich mich sicherer und unabhängiger, auch wenn mein Chinesisch, um es mit den Worten meiner Jungs zu sagen „so mittel“ ist, was sich aber auch nur aufs Hörverstehen und Radebrechen bezieht, Lesen kann ich nur sehr wenig…

Raus aus der Expatbubble

Ich finde durchaus, dass unsere Blase Vorteile hat. Manchmal kann einen China pur und ungefiltert durchaus überfordern, und dann ist es gut, wenn man sich mit Menschen mit gleichen Erfahrungen in der Muttersprache (oder immerhin Englisch) austauschen kann. Aber wenn man schon in China ist, dann will man doch auch mehr über Land und Leute erfahren. Ich jedenfalls. Dazu ist es natürlich hilfreich, wenn man sich ein bisschen auf Chinesisch unterhalten kann. Ob man Hände, Füße oder Handy-Apps unterstützend verwendet, ist dabei gar nicht mehr so wichtig. Ich glaube, man traut sich einfach eher, wenn man schon ein paar Kursstunden hinter sich hat.

Im Sprachkurs lernt man mehr als nur die Vokabeln

Chinesischbücher

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In meinen Sprachkursen habe ich außer Vokabeln und Grammatik und die richtige Schreibreihenfolge und -richtung für die Radikale (die Bestandteile der Schriftzeichen) viel über Land und Leute gelernt, über Fettnäpfchen und Feiertage, Sitten und Gebräuche. Allein, dass es kein „richtiges“ Wort für „Nein“ gibt – das sagt doch schon viel, oder?

Ich würde jedem, der für mehr als ein paar Tage nach China geht, raten: Lerne Chinesisch. Guten Tag, Tschüss, Danke, Bitte – das kann jeder. Dazu Zahlen und: „Wie teuer?“, dass man aus Deutschland kommt – das ist immerhin ein guter Anfang.

Aber machen wir uns nichts vor, wenn wir über Anfängerniveau hinauskommen wollen, ist Chinesisch zu lernen wirklich fordernd. Mir fällt das Sprachen lernen an sich sehr leicht, das habe ich aber nur gedacht, bis es mit Chinesisch losging. Damit tue ich mich schwer, weil es so anders ist und weil ich es mit keiner der bisher erlernten Sprachen verknüpfen kann. Kathedrale: the Cathedral, la cathédrale, la catedral, katedralen… Auf Chinesisch: 大教堂 (dà jiàotáng).

Meine Aussprache ist und bleibt unterirdisch, es wird zwar etwas besser, wenn ich mir vorstelle, Sätze wie ein Lied mit bestimmter Betonung und Rhythmus zu singen, aber das Gefühl vom Knoten in der Zunge bleibt.

Damit es vorangeht, muss man wirklich viel Zeit investieren – neben dem normalen Alltag. Man lernt ja nicht einfach nur Vokabeln wie bei Deutsch-Schwedisch beispielsweise, sondern Pinyin (was die Aussprachehinweise enthält) und die Zeichen. Man muss es schon sehr wollen, um sich soviel Zeit freizuschaufeln und dran zu bleiben. Und wenn man wie so viele Expats dann doch nur 2-3 Jahre hier ist, dann finde ich es völlig in Ordnung, wenn man sich dagegen entscheidet, mehr als die Basics zu pauken. Bei schönem Wetter die Stadt zu erkunden, ist ja auch viel spannender als allein am Schreibtisch zu sitzen.

Fazit:

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich direkt nach unserer China-Entscheidung mit dem Chinesisch lernen angefangen habe. Und das würde ich auch jedem anderen raten, der  eine Zeit lang in China leben wird. Aber wenn es einem an Sprachbegabung und/oder Zeit zum Lernen fehlt: das ist kein Drama! Ich denke, es nimmt viel Druck von einem, wenn man weiß: es geht auch ohne.

 

Was sind Pekings TOP 10? Diese Frage wird uns immer wieder gestellt, nach beinah sieben Jahren Leben in Peking haben wir es ja schon recht gut kennengelernt – auch wenn wir immer wieder Neues entdecken und die Stadt sich laufend ändert. Da wir viel Besuch bekommen (aktuell während der Pandemie leider nicht), sind wir immer wieder auch als Reiseführer aktiv. Ich versuche, einen Mix zu zeigen aus kaiserlichem und modernem Peking, ein bisschen Kultur darf nicht fehlen und auch das grüne Peking. Im Laufe der Zeit haben sich dabei fünf  „Ausflugspakete“ entwickelt, die an fünf – anstrengenden – Tagen schaffbar sind. Das Programm lässt sich bei weniger Zeit straffen und kürzen oder bei mehr Zeit entzerren. Wer abends noch fit ist: Ausgehen z.B. in Sanlitun oder am Houhai, eine Varieté-Show im Laoshe-Teehaus oder eine Kung Fu-Show… Jedenfalls sind in diesen 5 Tagen Pekings TOP 10 enthalten – und ein bisschen mehr!

1. Die Große Mauer und modernes Peking/CBD

Kontrastprogramm! Der Mauerausflug kann fast den ganzen Tag in Anspruch nehmen, nachmittags/abends geht es dann in Richtung CBD. Besonders „The Place“ wirkt im Dunkeln richtig toll. Tipp für das Abendessen: Haidilao HotPot im New China World. Hier helfen Roboter beim Servieren/Aufräumen, bestellt wird über Tablets (Bilder und engl. Übersetzung).

Die Mauer!

Die Große Mauer

Die Große Mauer

Für mich ist und bleibt das ein, wenn nicht DAS Highlight hier. Weltkulturerbe! Eines der „neuen sieben Weltwunder“! Es ist ja nicht nur die Bedeutung der Mauer an sich, sondern zusätzlich kommt man bei Mauer-Ausflügen auch mal raus aus der Stadt. Nach wie vor fahre ich gerne nach Mutianyu (nicht nur, weil es von uns aus der nächstgelegene Abschnitt ist). Das ist (bis auf wenige steile Treppenabschnitte) auch für Fußkranke und Menschen mit Höhenangst (bedingt) geeignet, eher ein Spaziergang als eine Wanderung. Obendrein kann man mit Sessellift oder Seilbahn abkürzen. Und natürlich macht es auch Riesenspass, mit der Sommerrodelbahn zurück ins Tal zu sausen.

Wer fitter ist und auch querfeldein klar kommt, der kann auf eigene Faust von zwischen Jinshanling und Simatai wandern oder von z.B. Jiankou nach Mutianyu – und es gibt noch viel mehr Möglichkeiten. Wer sich auf eigene Faust nicht traut, könnte sich z.B. den Beijing Hikers anschließen.

Wer weniger Zeit hat, sollte es mit Badaling versuchen, auch wenn es wohl der touristischste Mauerabschnitt ist. Aber auch hier verläuft es sich, sobald man ein bisschen weiter geht. Man kommt eben auch schneller vom Zentrum aus hin. Inzwischen gibt es einen Schnellzug, der vom Pekinger Nordbahnhof in etwa einer halben Stunde in Badaling ankommt. Von der Station sind es nur drei Minuten Fußweg bis zur Seilbahn.

Modernes Peking – CBD

CBD

CBD

The Place

The Place

Kontrastprogramm dann abends:

Es geht in den den CBD –  Central Business District. Ausgangspunkt Metrostation Jintaixizhao. Hier gehen mir immer wieder die Augen über, wenn ich den Kopf in den Nacken lege und an den Hochhäusern hinaufschaue.

Natürlich, anderswo gibt es mehr und höhere Skyscraper, aber der neue Zhongguo Zun – Pekings höchstes Gebäude – und das nicht mehr ganz so neue CCTV-Headquarter „Lange Unterhose“ sind (nicht nur hier in Peking) schon besondere Hingucker.

Beides kann man auch gut von der Terrasse des Blue Frog (Guomao) oder Migas Mercado schräg gegenüber sehen – oder solange die Aussichtsplattform des Zhongguo Zun noch nicht eröffnet ist, vermutlich in diesem Frühjahr irgendwann – auf einen Drink in die Atmosphere Bar.

Von hier geht es weiter in Richtung „The Place“ mit dem „größten Fernseher der Welt“ (und später noch auf einen Drink nach Sanlitun).

2. Verbotene Stadt, Tiananmen und Qianmen Street

Das Herz von Peking.

Achtung: Pass mitnehmen! Ohne kommt man nicht durch die Sicherheitskontrollen am Tian’anmen, und man benötigt ihn für den Eintritt in die Verbotene Stadt.

Verbotene Stadt

Zugang zur Verbotenen Stadt

Irgendwas mit Licht und Tunnel – Zugang zur Verbotenen Stadt

Es geht also los mit der Verbotenen Stadt. Entweder man fährt mit der Metro bis zur Haltestelle Tian’anmen East – oder nimmt ein Taxi/Didi und fährt über die eindrucksvolle Chang’an, die große Prachtstraße, hierher. Aussteigen muss man allerdings in einer Seitenstraße: rund um den Platz ist überall absolutes Halteverbot.

Durch die Verbotenen Stadt kann man in 20 Minuten (wie jemand, den ich sehr gut kenne…) durchhetzen, andere könnten sich tagelang hier aufhalten. Ich würde mindestens zwei Stunden ansetzen und das tatsächliche Ende offen lassen. Es geht los am Haupteingang am Tian’anmen, und bei diesem Ausflug geht es hier auch wieder raus. (Alternativprogramm: Nordausgang benutzen und in den Jingshan-Park gehen und sich dort die Verbotene Stadt von oben vom Kohlehügel aus ansehen, und dann vielleicht noch weiter zum Beihai-Park mit der Weißen Pagode. Qianmen dann weglassen oder viel Zeit und Energie haben!)

 Tipp! Zur Einstimmung kurz vorher den Film Der letzte Kaiser schauen.

Tian’anmen

Tian'anmen

Tian’anmen

Bei dieser Tour geht es aber durch den Hauptausgang auf den Tian’anmen, den Platz des Himmlischen Friedens, um den einmal in seiner ganzen Gewalt und Größe wahrzunehmen.

Auf direktem Weg ist das eine Viertelstunde, aber es muss Zeit sein, um Nationalmuseum, die Große Halle des Volkes und das Mao Mausoleum wenigstens von außen zu bewundern. Je nachdem, wie viel Zeit übrig ist, kann man auch wenigstens kurz ins Nationalmuseum reingucken, alleine das Gebäude ist ein Hingucker, von den Ausstellungen mal gar nicht erst zu reden. Wer es kurios mag: Die Ausstellung der Gastgeschenke von Staatsbesuchen hat mich sowohl schmunzeln als auch Augenbrauen hochziehen lassen. Ganz neue Einblicke tun sich auf!

Qianmen

Im Süden des Platzes kommt man dann an Torhaus und Wachturm des Qianmen-Stadttores vorbei, hier geht es dann in die Fußgängerzone Qianmen Street. Hier kann man sich eine Weile treiben lassen, dabei unbedingt auch in die Nebenstraßen gehen (Dashilar und Liulichang Hutongs). Hungrig inzwischen? Dann wäre es Zeit für Pekingente im Quanjude-Stammhaus (quasi das Pekinger Hofbräuhaus…). Allerdings ist nachmittags geschlossen – dann gibt es aber Ausweichmöglichkeiten an den zahlreichen Imbissen und Restaurants auch in den Seitengassen oder im großen Foodcourt am Südende der Qianmen. Je nachdem, wie viel Zeit man in der Verbotenen Stadt verbracht hat, ist noch Zeit für weiteres: in zehn Gehminuten ist man am NCPA, dem National Centre for the Performing Arts – tagsüber ist „das Ei“ schon ein Hingucker, im Dunkeln beleuchtet noch mehr.

NCPA bei Nacht

NCPA bei Nacht

 

 

3. Chinesische Küche, Lama- und Konfuziustempel, Hutongs

Kochkurs im The Hutong

Kulinarische China-Karte im "The Hutong"

Kulinarische China-Karte im „The Hutong“

Vormittags geht es los mit einem Kochkurs im „The Hutong“ mitten im  Shique-Hutong. Hier kann man die Atmosphäre des alten Pekings in der Courtyard-Küche schnuppern.

Man bekommt eine Einführung in die chinesische Küche, die sich in Wahrheit in viele Unterküchen unterteilt. Man erfährt, welches Essen in welchen Regionen typisch ist und welche Gewürze und Zutaten wichtig sind: in Peking und im Norden sind z.B. Nudeln verbreitet, scharf wird es in Sichuan…

Schließlich bereitet man drei leckere chinesische Gerichte zu und bekommt dabei auch eine Einführung in „knife skills“ mit dem großen chinesische Messer und andere chinesische Kochtechniken. Die Entscheidung, für welchem Tag man sich anmeldet, fällt schwer, so abwechslungsreich ist das Programm.

Zum Abschluss geht es ans Genießen – authentisch chinesisch und selbst gekocht!

Konfuziustempel und Kaiserliche Akademie

Konfuziustempel in Peking - Statue vor der ersten Halle

Konfuziustempel

Nach dem Essen sind es nur 15 Gehminuten zum Konfuziustempel und der Kaiserlichen Akademie. Hier ist es eigentlich viel ruhiger und beschaulicher als beim Lamatempel. Allerdings wird die Ruhe gelegentlich durch große chinesische Reisegruppen und vor allem deren Guides, die mit Megaphon-Unterstützung alles Wissenswerte herausbrüllen erzählen – und ihre Schäfchen zusammentreiben. Ist die Gruppe vorbeigezogen, kann man sich wieder in Ruhe den Hallen widmen, der auch ohne Chinesischkenntnisse verständlichen Ausstellung über Konfuzius‘ Leben und Werk. Oder man setzt sich unter einen der Bäume und genießt die Atmosphäre.

Lamatempel

Lamatempel

Lamatempel

Wenn man sich schließlich vom Konfuziustempel trennen kann, sind es nur 5 Minuten zum Lamatempel. Hier gibt es zwar keine Lautsprecher-geführten Reisegruppen, aber unterm Strich deutlich mehr Besucher. Das Tollste hier ist der riesige Buddha in der letzten Halle. Oder ist es die besondere Atmosphäre dieser Anlage mit ihrer abwechslungsreichen Geschichte?  Hier mischen sich Touristen und Gläubige, hier leben Mönche – und über allem liegt der Duft der Räucherstäbchen.

Je nachdem, wie viel Zeit man sich für die Besichtigungen nimmt, ist dann noch Zeit für einen Spaziergang durch den Wudaoying-Hutong oder für einen Besuch des Ditan-Parks, der vom Lamatempel aus gesehen auf der gegenüberliegenden Seite des 2. Rings liegt.

4. Himmelstempel und Pearlmarket

Dieser Ausflug bietet Weltkulturerbe und Shopping!  Souvenirs und Mitbringsel aller Art finden sich im Pearlmarkt. Handeln ist ein Muss!

Himmelstempel

Himmelstempel in Peking - Halle der Ernte

Himmelstempel: Halle der Ernte

Aber es geht los mit dem Himmelstempel. Und zwar am besten gleich morgens, damit man viel vom Pekinger Parkleben mitbekommen kann: tanzende Ayis, Tai Chi, es wird gesungen und gespielt. Dazu lohnt es sich, auch abseits der Hauptwege durch den Park zu streifen. In das ikonische runde Gebäude darf man nur hineingucken, nicht hineingehen. Aber vielleicht wird man sowieso abgelenkt und schaut lieber den Hochzeitsfotografen und den künftigen Bräuten in ihren wunderschönen roten Kleidern zu.

Empfehlung fürs Mittagessen: das Brown Door (Quan Xing Ju) gegenüber der Schmalseite des Pearlmarktes bietet leckere Pekinger und Chinesische Küche, hat eine bebilderte englische Speisekarte und obwohl hier viele Westler essen, ist es doch „richtig chinesisch“ hier.

Pearlmarket

Danach geht es dann auf ins Shoppinggetümmel: im hinteren neuen Gebäude finden sich einige „knock-knock“-Läden. Einfach den anderen Ausländern folgen… Im vorderen Gebäude findet man auch alles in unterschiedlichen Qualitäten… Geheimtipp: Auf jeden Fall im vorderen Gebäude in den 5. Stock fahren, an der Toilette vorbei auf die Dachterrasse gehen. Von hier hat man sowohl Aussicht auf den CBD als auch auf Himmelstempel und – park, bei besonders guter Luft bis in Richtung Verbotener Stadt. Manche sind nach fünf Minuten durch mit dem Pearlmarkt, andere könnten Tage hier verbringen…

Tipp für das Abendprogramm: Legends of Kungfu im Red Theatre, das ca. 20 Fußminuten vom Pearlmarkt entfernt ist.

Hier habe ich u.a. schon von diesem „Ausflugspaket“ berichtet.

5. 798 Art District und Sommerpalast

Diese Ausflugsziele liegen im Gegensatz zu den vorigen Vorschlägen wieder weiter auseinander. Der Sommerpalast ist einer meiner Lieblingsorte hier in Peking, ich kann da auch ganze Tage verbringen.

798 Art District

Drei Statuen im 798 Art District in Peking.

798 Art District

Zuerst geht es also in den 798 Art District/auch: Dashanzi. Selbst wenn man eigentlich Kunstbanause ist, wird man sich dem Flair des Viertels nicht entziehen können. Es gibt kleine und größere Galerien und Werkstätten, Ramsch- und Designerläden, Imbisse und Restaurants.

Unbedingt auch auf die Gebäude mit ihrer Sägezahnoptik achten: die wurden im Bauhaus-Stil errichtet und ehemals militärisch genutzt. Für maximale Lichtausnutzung in den großen Räumen und damit es im Innern möglichst keine Schatten gibt, sind alle Fenster in den von der DDR für China gebauten Hallen nach Norden ausgerichtet.

Aktuelle Informationen finden sich auf der Webseite des Art Districts.

Sommerpalast

Sommerpalast in Peking

Sommerpalast

Und noch einmal Weltkulturerbe: Der Sommerpalast, schön am Kunming-See gelegen, am Fuß der Berge. Im Sommer bin ich gerne auf dem Wasser, das geht hier gut: entweder ein kleines Boot ausleihen oder mit der „Drachenfähre“ zur Insel übersetzen. Im Winter kann man hier auch aufs Eis.

Es ist nicht nur das alte Gemäuer, was mich hier anzieht, sondern die komplette Umgebung. Auch wenn es hier viele Touristen gibt, es verläuft sich auf dem großen Gelände und man findet doch immer wieder ruhigere Ecken. Highlights: der Wandelgang, die 17-Bogen-Brücke, die Halle mit Aussicht oben auf dem Langlebigkeits-Hügel, Bootfahren auf dem See, das Marmorboot und die Suzhou Street – ach, eigentlich alles dort!

Marmorboot im Sommerpalast in Peking

Marmorboot

Abschließendes

Pekings TOP 10Mit diesen Ausflugsvorschlägen sieht man meiner Meinung nach das Wichtigste in Peking. Im Internet und in Reiseführern finden sich viele weitere TOP-Listen für Peking. In der Reihenfolge oder in einzelnen Punkten mögen sich die Ranglisten der Reiseführer unterscheiden, aber im Grunde ist man sich über die Highlights einig: Mauer, Tian’anmen, Verbotene Stadt, Hutongs, Himmelstempel, Sommerpalast, CBD, 798 Art District… Der eine mag sagen: da fehlt was (z.B. Duftberge, Sanlitun oder Vogelnest und Wasserwürfel/Olympiagelände), andere könnten vielleicht auf den 798 Art District verzichten. Aber egal, was man sich davon raussucht: man lernt viele wichtige Facetten Pekings kennen.

Meinen Besuchern empfehle ich jedenfalls immer, schon vorher in Reiseführern zu stöbern (und natürlich auch in meinem Blog!) – den einen oder anderen hat dann durchaus auch schon ein Ziel jenseits der TOP 10 gelockt, z.B. die Glasbodenplattform in Shilinxia.

Neben den in Deutschland guten und gängigen Reiseführern (Lonely Planet, Baedeker, Dumont…) kann ich den – englischsprachigen – Rough Guide To Beijing empfehlen.  Die helfen nicht nur bei der Auswahl, was man selbst denn wirklich gerne sehen möchte, sondern liefern auch Hintergründe, Zahlen, Daten, Fakten, die hier fehlen. Aber Achtung: in China dreht sich die Welt noch schneller als andernorts, was letztes Jahr noch galt, ist heute schon Geschichte. Hintergrundinformationen zu historischen Stätten sind natürlich zeitlos.

Wie lange braucht man für Peking?

Ich lebe jetzt bald sieben Jahre hier und bin „noch nicht fertig“… ;)
Zwei Tage finde ich wirklich knapp, aber im Rahmen einer Rundreise ist das halt meist so. Fünf Tage wären besser und immer noch sehr ausgefüllt – man kann schon viel Zeit hier verbringen, ohne sich zu langweilen und immer wieder Neues zu entdecken.

Meine persönlichen Sightseeing-Lieblingsziele

Ganz oben steht natürlich die Mauer – geht nicht so oft, wie ich gern möchte, ist eben etwas außerhalb.

Beim x. Besuch des Lamatempels habe ich mich auch schon mal gedrückt, obwohl der wirklich schön ist und bei einem Pekingbesuch nicht fehlen sollte.

Zum Sommerpalast komme ich immer mit, auch wenn es dahin etwas weiter ist.

Leichter in den Alltag einbauen lässt sich da ein anderer meiner Lieblingsorte: der Beihai-Park – ein Boot mieten und eine Auszeit mit tollem Blick mitten in der Stadt genießen. Und meine Spaziergänge am Shichahai möchte ich nicht missen!

Ich mag auch den CBD und Sanlitun; ich mag die Duftberge, im Frühling liebe ich den Botanischen Garten, ich lasse mich gerne durch Hutongs treiben – eigentlich gibt es immer etwas. Auch eigentlich „untouristische“ Ziele wie Sanyuanli- oder andere Lebensmittelmärkte oder Stoff- oder Wollmarkt haben manchmal ihren Reiz.

Letztendlich liegt es aber auch oft an Stimmung, Wetter, Luft und Begleitung, wo es gerade am Tollsten ist.

Kennst Du Peking schon? Was ist Dein Lieblingsort? Du möchtest erst noch nach Peking reisen? Was reizt Dich am meisten?

 

 

 

Wasserdorf Gubeikou

Am letzten Tag der chinesischen Neujahrsferien fahren wir – meine drei „kleinen“ Jungs und ich – nach Gubeikou zum Wasserdorf. Im letzten Sommer bin ich dort schon einmal mit der Fotogruppe gewesen: Ein Sommertag im Wasserdorf Gubeikou. Jetzt also Kontrastprogramm: statt Sonne und Hitze ist es bitterkalt und dunstig, und es schneit immer wieder ein paar Flöckchen.

Von uns zuhause in Shunyi fährt man gut 1,5 Stunden, wenn man aus der inneren Stadt kommt, werden es etwa dreißig Minuten mehr sein. Nach nur wenigen Kilometern sind wir schon raus aus der Stadt und können Berge gucken – für uns Hamburger ja doch immer was Besonderes.

In Gubeikou angekommen, kaufen wir Tickets. Diesmal nehme ich die Kombitickets für 280 RMB/Person: Eintritt für das Wasserdorf, die Mauer – Simatai Scenic Area -und Seilbahn rauf und runter.

Es ist noch relativ leer, einige Läden öffnen gerade erst, als wir nach der Sicherheitskontrolle endlich im eigentlich Dorf ankommen. Der Bootsverleih ist geschlossen: ist ja alles zugefroren. Stattdessen gibt es Schlittschuhe (mit Rollator-ähnlichen Gehhilfen), Bumper und sonstiges Spielzeug für auf dem Eis auszuleihen.

Auch wenn es nur ein nachgebautes Wuzhen ist, es ist halt schon nett anzusehen. Und die Kulisse mit den steilen Bergen, auf deren Grat sich die die Mauer entlang hangelt ist auch an diesem eher trüben Tag wirklich schön.

Keine Cash-Zahlung!

Wir lassen uns kreuz und quer treiben. Der Mittlere stellt irgendwann fest, dass man überall nur mit WeChat bezahlen kann – und bei ihm ließ sich die Zahlungsfunktion nicht aktivieren (neu verbinden scheint wohl im Moment nur mit chinesischem Konto zu gehen?). Ich bin ja versorgt, aber wenn sich Touristen ohne WeChat mal hierhin verlaufen? 

Wir essen in einem kleinen Restaurant, in dem man ohne WeChat nicht einmal bestellen kann. Zuerst den QR-Code scannen, anmelden, auswählen, bestätigen, zahlen. Serviert wird aber von echten Menschen. ;)

Der Mauerabschnitt Simatai

So groß ist das Wasserdorf nicht, wir verfransen uns trotzdem und nehmen dann doch den Shuttlebus zur Seilbahn. Das war echt überflüssig, die paar Schritte hätten wir auch laufen können – es war halt nur nicht gut ausgeschildert. Bevor wir weiter zur Seilbahn gehen können, müssen die beiden Kurzen erst mit einer Gruppe chinesischer Damen posieren, auch der große Bruder kommt am Ende nicht drumherum. Am Ende lachen alle, auch die beiden Lütten, die gelegentlich schon von der Knipserei genervt sind. 

Der Wikipedia-Artikel zu Simatai ist schon etwas in die Jahre gekommen, der Abschnitt zur Historie (wichtiger Pass…) ist natürlich weiterhin zutreffend, aber die Gondeln der Seilbahn sind geschlossen, Mini Train ist außer Betrieb.

Seilbahn

Bei der Seilbahn ist nichts los, die meisten Gondeln sind leer. Die Fahrt soll sieben Minuten dauern (der Aufstieg zu Fuß soll etwa eine Dreiviertelstunde steil bergauf gehen). Seilbahnen begeistern mich ja immer wieder sehr (trotz oder wegen des leicht flauen Gefühls?), und auch hier genieße ich die Aussicht. Natürlich fällt mir ein, wann ich das letzte Mal mit dem Mittleren Seilbahn gefahren bin: vor anderthalb Jahren in Dali – das ist dort die längste chinesische Seilbahn überhaupt und auch die Aussicht dort ist deutlich spektakulärer (für einen Tagsausflug von Peking aus nur viel zu weit weg…). Aber hey: es ist eine Seilbahn und die Aussicht hier hat auch etwas!

Von der Seilbahnstation zur Mauer führt ein schmaler Weg, an manchen Stellen so schmal, dass Schilder darauf hinweisen, dort nicht stehen zu bleiben. Andere Schilder warnen vor Steinschlag. So kurz nach dem tödlichen Steinschlag in Longqingxia flösst mir das schon Respekt ein. (In der Longqing-Schlucht findet das Pekinger Schnee- und Eislaternenfest stat; dort wollten wir eigentlich ursprünglich hin, aber aufgrund des Unfalls ist dort geschlossen). Als wir dann auf der Mauer stehen, kribbelt es wieder: Wahnsinn, wir sind tatsächlich in China und krabbeln auf der Großen Mauer rum!

Oben auf der Mauer pfeift der Wind, wir sind allmählich richtig durchgefroren, also gehen wir zur Seilbahn zurück und fahren wieder hinunter. Als wir wieder im Dorf sind, ist dort einiges mehr los als am Vormittag. Wir nehmen an, dass es überwiegend nicht Tagestouristen wie wir sind, sondern Gäste der Hotels, die es im und ums Wasserdorf herum gibt. Auf dem Weg zum Ausgang treffen wir noch auf eine Parade mit Stelzenläufern, Trommlern und Drachentänzern. Vorher hatten wir die schon von weitem auf der Bühne auf dem „Sun-and-Moon-Place“ gesehen. Da war auch im Sommer schon Action, jetzt ist da eine kleine Temple Fair aufgebaut.

Alles nicht echt…

Ziemlich durchgefroren landen wir schließlich im Auto. Es ist zwar deutlich mehr Verkehr als am Morgen, aber immerhin: es rollt. Als der Mittlere und ich uns darüber unterhalten, dass dies nachgebaute Wasserdorf ja schon ein bisschen „Disney“ ist, wird der Lütte hellhörig: „Yeah! Disneyland!“ Upsi! Ich schätze, wir fahren dann irgendwann mal nach Shanghai – aber nur wenn ich mir dann auch das echte Wuzhen ansehen darf. ;) 

Heute Morgen sitze ich am Schreibtisch, als mein Handy rappelt: „Ich will was für die Fotogruppe nachgucken, kommst Du mit?“
Na klar.

99 Luftballons

Meine Freundin fährt. Auf Höhe des Supermarktes ist es wie immer vollgeparkt, Autos rangieren vorsichtig aneinander vorbei. Der Wagen, der uns entgegenkommt, fährt allerdings außergewöhnlich langsam. Ich meine, so wirklich langsam. Millimeter für Millimeter. So eng ist es dann doch nicht. Als wir dichter dran sind, sehen wir warum: Die Fahrerin sieht fast gar nichts, der Wagen ist proppevoll mit lila Luftballons. Proppevoll! Zwischen den an der Scheibe klebenden Luftballons klebt ihre Nase!

Luo Hong Art Museum

Luo Hong Art Museum

Parkplatz-Puzzle

Wir erreichen das Museum, die Schranke am Parkplatz geht hoch, meine Freundin parkt ein, wir steigen aus.
Ein Wächter kommt angerannt: „Bitte rückwärts einparken.“
Okay, wird erledigt.
Ein anderer Wächter kommt angerannt: „Bitte hier nicht, dort drüben.“
Keine Ahnung, warum, denn es ist nichts los, nur einige wenige Autos verteilen sich – immerhin alle rückwärts eingeparkt – über den Parkplatz.
Nach dem dritten Mal einparken ist alles gut.
Wir erkundigen uns nach dem Eintrittspreis (oh, günstiger als vor einem Jahr, jetzt „nur“ noch 100 RMB (für chinesische Museen ist das immer noch viel), Gruppentarifen (gibt es nicht) und Eintrittszeiten – passt. Wir bekommen beide noch ein hübsches Heftchen mit und sind im Handumdrehen wieder am Parkplatz. Das Parken hat länger gedauert als unser eigentliches Anliegen.

Scheibenwaschanlage, manuelle Version

Wir fahren weiter zur Markthalle. Wir schließen zu einem in die Jahre gekommenen LKW auf. Der Fahrer hält eine Flasche aus dem Fenster. Wir kommen näher, er fuchtelt damit herum. Huch?

Als wir ihn überholen, sehen wir, was das soll: Die Scheibenwischer sind an, und er spritzt das Wasser aus seiner Flasche auf die Frontscheibe. Ach so. Wir prusten beide los.

Markthalle

Markthalle

Heute kein Fleisch

Die Markthalle war ein paar Wochen geschlossen und zum Glück ist sie jetzt wieder geöffnet. Nicht plattgemacht, sondern nett renoviert, wirkt heller, aufgeräumter und sauberer als vorher. Schön. Auch das Fleisch in den Auslagen sieht appetitlich aus.
„Hast Du hier schon mal Fleisch gekauft?“
„Nein. Obwohl, jetzt im Winter… Und die Kühlkette in unserem Westler-Supermarkt ist ja auch ziemlich löchrig…“
„Lieber nicht drüber nachdenken!“
Voll bepackt mit Obst und Gemüse kehren wir zum Auto zurück und machen uns auf den Rückweg. Lieber kein Fleisch.
(Wobei das vermutlich blöd ist, wir kaufen ja auch Fleisch auf dem Sanyuanli-Markt, da ist das im Zweifel auch nicht anders als in der Markthalle hier.)

Spülmaschinen-Spinnereien

Zuhause räume ich in der Küche rum und mache ganz in Gedanken versunken die Spülmaschine an. Erst als sie läuft, fällt mir wieder ein: Die sollte doch sicherheitshalber ausbleiben. Es ist sehr mysteriös, manchmal springt die Sicherung raus, wenn man die Spülmaschine anschaltet, manchmal nicht. Heute hab ich Glück gehabt, die Sicherung bleibt drinnen, Spülmaschine läuft und das Haus ist auch nicht abgebrannt. Ich weiß nicht, wie oft inzwischen die Arbeiter deswegen hier waren. Natürlich gab es einmal auch den Vorführeffekt: Alles funktionierte. Am Tag danach nicht mehr. Irgendwas ist kaputt, keiner kann es reparieren, letzte Ansage war: Wir kontaktieren den Vermieter, da muss eine neue her. (Spülmaschine gehört zum mitgemieteten Inventar.) Das war letzte Woche. Ich sag ja, man lernt hier zwangsläufig, Geduld zu haben. Oder von Hand zu spülen. ;)

Wasser. Ich brauche Wasser.

Ich räume etwas in die Garage und sehe dabei, dass wir nur noch einen vollen Wasserkanister haben. Kein Problem, ich muss eh noch Milch und Brot kaufen, dann bestelle ich gleich drei neue Kanister.
Doch Problem: „Out of stock. Perhaps tomorrow.“
Nicht genügend Trinkwasser im Haus zu haben, ist hier eines der Dinge, die mich am meisten beunruhigen. Ich nehme sicherheitshalber eine Fünfliterflasche mit. Und zwei Paletten Softdrinks. Und eine Kiste Mineralwasser mit viel Sprudel. Import aus Deutschland, unglaublich teuer. (Nicht genügend bedeutet heute: ein noch fast voller 19-Liter-Kanister im Wasserspender und ein voller in der Garage. Aber man weiß doch nie… ;) )

Zum Schluss noch ein wenig Smog-Gejammer

Jetzt wird es dunkel, wobei es heute nicht hell geworden ist. Dass der AQI bei etwa 200 liegt, das riecht man nicht nur, fühlt man nicht nur, sondern sieht man auch.
Ibuprofen sei dank keine Kopfschmerzen mehr, aber ich könnte gleich mal versuchen, Joe Cocker zu covern – ohne dass man einen Unterschied hört. Allerdings müsste ich dabei gegen das Brummen der Luftfilter ankrächzen, ach nee, dann macht das ja auch keinen Spaß und ich sing lieber nicht.

Das war also mein ziemlich ereignisloser Tag. Alles ganz normal in Peking!

Es ist grau. Mal ist es der Smog, mal das Wetter, mal beides. Nach längerer Zeit haben die Luftwerte mal wieder die 250 überstiegen, was sich direkt mit Kopfweh und Heiserkeit bemerkbar gemacht hat. Das sind Tage, wo man dann wirklich nicht so gerne hier ist und ins Grübeln kommen kann.

In der Facebookgruppe der Expatmamas wurde diese Woche gefragt, was man seinem Vor-Expat-Ich aus heutiger Sicht sagen würde. Meine Antwort war ganz spontan:

Hab weniger Bammel und freu dich mehr! Das wird großartig! Es gibt absolut keinen Grund zur Panik!

Ja, rückblickend kann ich zugeben, dass vom Augenblick der Entscheidung im Spätsommer 2014 bis zur tatsächlichen Übersiedlung im August 2015 mein vorherrschendes Gefühl Angst war. Klar war da auch Vorfreude, Aufregung und vor allem schrecklich viel zu tun und zu organisieren. Aber dominiert hat die Angst vor dem Neuen, dem so ganz Anderen. Ein Aufbruch ins Unbekannte. Im Vordergrund stand die Sorge um die beiden „Kleinen“, wie die das verkraften würde, aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen zu werden. Mir war nicht wohl dabei, soweit weg von den drei Großen zu sein und sie nur noch selten zu sehen, ebenso wie den Rest der Familie, die Freunde. Ich hab mir Gedanken gemacht, ob wir Anschluss finden würden oder ganz auf uns gestellt sein würden. Positiv war natürlich, dass die langen Trennungen vom Papa/Ehemann wegfallen würden. 

Positives Fazit?

Der zweite Teil meiner spontanen Feststellung hingegen klingt ja positiv. Freuen! Großartig! Und ja, das ist es auch. Ich bin wirklich dankbar dafür, dass ich diese Erfahrungen machen kann. Ich lerne ein Land immer besser kennen, dass ich früher nicht mal als Reiseland in Erwägung gezogen haben, und in dem ich jetzt von Herzen gerne reise und lebe. Mein Chinabild, durch deutsche Medien vermittelt, war früher eher negativ, inzwischen kann ich vieles differenzierter sehen. Und umgekehrt: Deutschland und Europa sind nicht der Nabel der Welt. Es wäre schlau, würde man häufiger über den Tellerrand schauen und nicht große Teile der Welt bestenfalls ignorieren oder schlimmer ablehnen.

Der Herr Gemahl ackert nach wie vor viel und glänzt durch häufige Abwesenheit, ist aber happy, uns hier zu haben. Die beiden Jungs und mich hat es noch enger zusammen geschweißt. Die Jungs besuchen eine wirklich gute Schule und gehen nach wie vor gerne hin, auch wenn für sie wohl mehr der Spaß in den Pausen und mit ihren Kumpeln im Vordergrund steht als, hust, Hausaufgaben. In den ersten Monaten wurde von ihnen von Zeit zu Zeit schon der Wunsch geäußert, zurück nach Hamburg zu gehen. Das ist nicht mehr so. Zum Glück. Eigentlich ist es hier doch gar nicht so anders, findet der Lütte. Könnte man sich manchmal was von Abgucken, mehr auf die Gemeinsamkeiten als auf die Unterschiede zu sehen.

Grundsätzlich zu der Entscheidung zu stehen und sie nach wie vor gut zu finden, heißt allerdings nicht, dass es nicht auch Probleme gäbe. Dass es manchmal schwierig ist. Dass das Leben hier einen vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Heimweh nach Deutschland, häufiger Sehnsucht nach bestimmten Menschen. Frust, wenn das Novembergrau einem die Luft zum Atmen nimmt. 

Bleibt alles anders

So wie der Grönemeyer-Song fühlt sich das Leben hier oft an. Oder mit anderen Worten: das einzig Beständige ist der Wandel. Als ich vorhin den Jungs die Frage gestellt habe, was sie ihrem Vor-China-Ich raten würden, war eine Antwort:

Befreunde dich mit niemanden. Alle gehen.

Beinahe hat es mir die Tränen in die Augen getrieben, zum Glück wurde dann gelacht. Leider hat es einen wahren Kern. Abschiede. Immer Abschiede. Damit hatten wir vorher wirklich nicht gerechnet, dass es nicht nur die Abschiede von und in Deutschland geben würde, sondern dass auch hier ein ständiges Kommen und Gehen ist. Letzten Sommer hatten wir Glück, aber zum Ende dieses Schuljahrs wird es wieder schlimm werden, weil wir uns von vielen lieb gewonnenen Menschen verabschieden müssen. In Kontakt und befreundet zu bleiben ist halt doch anders, als wenn man den Alltag miteinander teilt. Wenn jemand dafür einen Ratschlag hat, wie wir das besser auf- und einfangen können: Nur her damit!

Die Große Wildganspagode ist eines der Wahrzeichen von Xi’an. Die Pagode liegt etwas südlich der Stadtmauer im Da Ci’en Tempel. 7 Stockwerke verteilen sich auf 64 Meter. Im Inneren führt eine hölzerne Treppe nach oben.

Chinas größte Wasserspiele

Das Viertel rund um die Tempelanlage ist zu einem touristischen Hotspot ausgebaut. Shoppingmalls, Park, Restaurants, eine Fußgängerzone, die durch einen kitschig dekorierten Grünstreifen aufgewertet wurde. Wer mag, kann auch mit einer elektrischen Bimmelbahn fahren statt zu laufen. Auf dem Nordplatz findet sich eine riesige Fontänenanlage, im Hintergrund die Pagode. Mittags und Abends, am Wochenende häufiger, kann man hier die angeblich größten Wasserspiele in China, wenn nicht sogar ganz Asien, bewundern. Ich bin mittags da, ich finde die Wasserspiele nett und kann mir gut vorstellen, dass das im Dunkel bunt beleuchtet noch schöner ist. Aber selbst vor dem grauen Himmel ist es beeindruckend. Mindestens ebenso interessant wie die Show finde ich, wie streng uniformierte Wächter aufpassen, dass niemand auf oder über die Umrandung tritt. Natürlich machen das doch viele Leute, die Selfies werden dann doch viel schöner. ;) Und schon ertönt die Trillerpfeife eines Wächters, und er kommt angeflitzt, um dann doch sehr freundlich darum zu bitten, dass man unten stehen bleibt.

Die große Wildganspagode

Der Eingang zum Tempel ist auf der gegenüberliegenden Seite. Ich werfe einen Blick auf Trommel- und Glocken“türmchen“. Auf den Stufen vor der ersten großen Halle werde ich von zwei Mönchen angesprochen, die wissen wollen, wo ich herkomme. Sie schenken mir erst einen Anhänger am roten Faden, fragen dann, ob ich Kinder habe. Ja, fünf – es folgt das gleiche ungläubige Staunen wie fast immer hier. Und schon habe ich fünf Anhänger in der Hand. (Ich hoffe, dass meine drei Großen bald Gelegenheit haben, sie hier in Peking abzuholen.)

Nach dieser netten Begegnung zieht es mich direkt zur Pagode. Hier muss ich noch einmal ein Ticket lösen und dann geht es ans Treppensteigen. (Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass China nichts für Fußkranke ist?) In jeder Etage werfe ich einen Blick aus dem Fenster und trotz des trüben Graus, einer unschönen Kombi aus Wetter und Luftverschmutzung, wird der Ausblick immer beeindruckender.

Runterkommen

Von oben festigt sich das Bild, dass ich mir inzwischen von Xi’an gemacht habe: hier kann man dem Blick auf die Hochhauswälder einfach nicht entkommen. Es gibt viele interessante und schöne Sehenswürdigkeiten, und nicht nur wegen der Terrakotta-Armee ist Xi’an eine Reise wert – aber die Stadt an sich finde ich nicht schön. Ich klettere die Treppen wieder runter und schlendere weiter durch die Tempelanlage. In einer Halle bestaune ich uralte Schriften, draußen gefällt mir die Bepflanzung. Zum Schluss spaziere ich dann auch noch durch die Fußgängerzone, wobei ich da den dekorierten, bepflanzten Streifen in der Mitte deutlich interessanter finde als die Geschäfte. Als es wieder zu regnen anfängt, nehme ich ein Taxi und fahre in Richtung City.

Famen Tempel und Namaste Dagoba – das war ein Highlight meiner Xi’an-Reise, das ich so nicht erwartet habe! Bei der Reisevorbereitung bin ich im Lonely Planet über diesen „Geheimtipp“ gestolpert: zwar etwas abgelegen, aber in Kombination mit einem Ausflug nach Hanyanglin als Ganztagsausflug gut machbar. Der Famen Tempel ist besonders bedeutend, weil hier eine besondere Reliquie aufbewahrt wird: ein Fingerknochen des Gautama Buddha. Als ich dann auch noch in Ulrikes Bambooblog von der Namaste Dagoba – die weltgrößte Pagode – gelesen habe, war klar: da will ich hin.

Anreise

Auch nach gut drei Jahren in China passiert es mir immer noch, dass ich mich von den Entfernungen und vermeintlichen Fahrzeiten täuschen lasse. Von Xi’an aus sind es etwa 120 Kilometer, wobei man für die paar Kilometer in Xi’an dank Stau länger braucht als für den viel längeren Rest der Strecke. Langeweile kommt aber auf der Fahrt von Hanyangling in Richtung Westen nach Baoji im Kreis Fufeng, wo der Famen Tempel liegt, nicht auf. Leider regnet es immer wieder heftig, alles ist grau, diesig, wolkenverhangen. So bleibt mir nichts außer der Ahnung, dass irgendwo in den Wolken eigentlich Berge stecken müssten. Interessanter wird es, als es von der Autobahn runtergeht und dann über immer schmaler werdende Landstraßen in Richtung Baoji. Die Orte, die wir durchqueren, werden immer kleiner, die Abstände zwischen ihnen größer. In einem Dorf gibt es nur eine Matschpiste, daneben ein tiefer Graben – ungesichert. Am Straßenrand stehen immer mehr Obststände, vor allem mit Äpfeln. Danke grauer Nässe fehlt weiterhin der Bergblick, auch wenn es inzwischen etwas hügeliger wird. Schließlich tauchen immer mehr Hinweisschilder und Wegweiser auf, nach der chinesischen Pampa wird die Umgebung wieder deutlich touristischer: viele Hotels und Restaurants, viele Geschäfte.

Zuerst der alte Teil: Famen Tempel

Famen-Tempel

Famen-Tempel

Ich werde am Parkplatz abgesetzt und mache mich auf den Weg zum Tickethäuschen. Ich bin erst unsicher, aber doch, es ist nur ein Ticket für sowohl den alten Famen Tempel als auch den neuen Teil mit der Namaste Dagoba zusammen. Es zieht mich direkt in Richtung der alten Pagode. Dabei komme ich an mehreren Hallen vorbei. Statt des üblichen Tempel-Rots überwiegt Braun, und auch wenn die Optik an alte Tempel erinnert, sind es sichtlich massive Neubauten. Zwischen den Hallen, an den Wegen und Plätzen ist alles dicht bepflanzt. Es ist sehr grün, so dass es auch trotz des Regens nicht düster wirkt.

Von manchen Stellen sieht man weiter hinten die Namaste Dagoba aufragen und ich merke, dass ich zwar die Pagode sehen will, aber mich dieses moderne Gebäude magisch anzieht. Trotzdem nehme ich mir erst die Zeit für die Pagode und die Ausstellungen im alten Bereich. Im Eingangsbereich waren noch einige größere Gruppen, aber jetzt habe ich doch viele Ecken für mich. Erst als ich zur Pagode komme, ballt es sich wieder.

In der Pagode geht es nicht nach oben, sondern nach unten! Unterhalb der Pagode wurde nach dem teilweisen Einsturz in den 80er Jahren eine Schatzkammer entdeckt, ein unterirdischer Palast. Um eine Mittelsäule herum geht es einmal im Kreis, an den Wänden sind Schaukästen mit Fundstücken. Es ist voll, es wird gedrängelt, auf den erklärenden Schildern gibt es nur wenige englische Informationen. Fotografieren ist verboten, so dass ich Euch davon leider nichts zeigen kann. Ich lasse mich mit einer Gruppe wieder nach draußen treiben. Inzwischen denke ich, dass ich besser eine Weile Geduld hätte haben sollen, um dann noch mal in etwas ruhigerer Atmosphäre mit weniger Menschen um mich herum alles auf mich wirken zu lassen.

Widersprüchliche Eindrücke

Punchingsack im Tempel?!

Huch? Punchingsack im Tempel.

Ich gehe weiter in Richtung der Pagode, komme an weiteren Hallen vorbei. An vielen Ecken wird renoviert und gearbeitet. Über allem liegt ein Klangteppich aus Meditationsmusik, dafür stehen überall Lautsprecher. Das vermischt sich mit Hämmern und Bohren. In einem größeren Gebäude befinden sich Wohnzellen der Mönche. Und dann stehe ich plötzlich vor einer Mauer mit einem Gittertor. Das sieht nach weiteren Wohn- und Wirtschaftsgebäuden aus. Für mich geht es hier nicht weiter, also nehme ich einen der Seitenwege zurück. Mitten zwischen den Hallen steht auf einem Rasenstück ein Punchingsack und aus dem braunen Boden davor kann man schließen, dass der auch genutzt wird. Ich finde das lustig, aber mir wird auch klar, dass ich fast nichts über das Leben von Mönchen in so einem Kloster weiß. Warum sollten sie sich nicht auch sportlich betätigen? Und das muss ja nicht nur Qigong und Tai Chi sein? Es geht hier jedenfalls nirgends weiter zur Namaste Dagoba. Kurz vor dem Eingangsbereich schaue ich noch in eine Ausstellungshalle rein, wo mit vielen Fotos und Schaukästen die Renovierung dokumentiert ist, dazwischen stehen uralte Kunstschätze. Schließlich frage ich mich durch, wo es denn zur Namaste Dagoba geht: ich muss ganz bis zum Eingang zurück und dann rechts abbiegen.

Überwältigend

Zwischen einer Mauer und Souvenirgeschäften führt der Weg zu meinem Ziel. Hier ist die Musik lauter gedreht als im Tempelbereich. Schließlich biege ich um die Ecke und mir bleibt der Mund offen stehen. Ich stehe auf einer breiten Prachtstraße. Rechts und links sind riesige Buddhas, zehn insgesamt. In der Ferne ragt die Namaste Dagoba auf. Es sind nur fast zwei Kilometer. Okay, ich übertreibe: die Straße ist insgesamt „nur“ 1600 Meter lang und da wo der Weg vom Famen Tempel aus einmündet, ist man nicht am Anfang der Prachtstraße, sondern schon etwa 400 Meter weiter.

Blick über die gigantische Zufahrstraße auf die goldene Namaste-Dagoba

Überwältigend! Die Namaste Dagoba

 

Jedenfalls kreist in meinem Kopf nur „krass, krass, krass“. Es ist alles so gigantisch, so überdimensioniert, so unfassbar protzig. Und irgendwie ist das genau einer meiner wichtigsten Eindrücke von China: vieles ist so groß, so riesig, alles so gigantisch, dass es einen allein aufgrund der Größe überwältigt. Grinsend und kopfschüttelnd stampfe ich durch den Regen an den Buddhas vorbei zur Dagoba, die am Ende der Straße über allem thront. 

Wo geht es hier nach oben?

Schließlich komme ich an einer kurzen Treppe an, ein großer Vorplatz, noch eine Treppe und dann bin ich am Eingang unten an dem grauen Gebäude, auf dem oben drauf der goldene „Turm“ sitzt. Das Erdgeschoss hat wenig von einem Tempel – obwohl es einer ist -, aber viel von heruntergekommener Messehalle. Auch hier scheint mir alles wahnsinnig überdimensioniert; schön finde ich das alles nicht. Aber nach oben will ich. Leider ist nichts ausgeschildert. Prompt verlaufe ich mich, finde nebenbei eine Foto-Ausstellung, die aber eher lieblos gemacht ist und mich gar nicht anspricht. Schließlich lande ich in einem Treppenhaus, in dem renoviert wird und wo ich nicht weitergehen darf. Ein paar Meter weiter sehe ich Fahrstühle, aber auch die sind wegen Bauarbeiten gesperrt.

Okay, dann sehe ich mich halt noch erst weiter um, aber mir bleibt mehr der fleckige graue Boden und weniger der gigantische Buddha oder die Ausstellungen im Gedächtnis. Oh, und die Elektro-Autos. Drinnen. Ist halt wirklich alles absurd groß.

Ich suche weiter, denn ich möchte doch so gerne nach oben! In einer anderen Gebäudeecke entdecke ich noch ein Treppenhaus und hier darf ich hoch – hurra. Später merke ich, dass ich natürlich auch außen hätte hochgehen können. Aber runtergehen wollte ich da dann trotz der Aussicht nicht, die Stufen waren nass, glatt und so rutschig, dass ich das gelassen habe – allein unterwegs bin ich dann doch lieber vorsichtig.

Namaste-Dagoba

Absolut beeindruckend: Namaste-Dagoba

Namaste Dagoba – hat mich geflasht

Ich komme an der „Schüssel“ rechts im Bild raus, quere den Vorplatz und betrete den goldenen Teil durch das Tor in der Mitte. Ich hätte gedacht, ich kann auch hier noch weiter hoch gehen, aber eine Aufseherin schüttelt den Kopf. Sie erinnert mich aber noch ans Fotografierverbot in der Halle. Ich drehe eine Runde, sehe mir die vier riesigen Buddhas an und gehe wieder hinaus auf die große Plattform. Zum Glück hat der Regen etwas nachgelassen, es nieselt nur noch, so dass ich aller Ruhe die Dagoba umrunden kann. Die Aussicht gefällt mir. Aber ich muss auch immer wieder an dem Gebäude hochschauen, es fasziniert mich wirklich sehr. Auf der Innenseite des Trapezes, das gefaltete Hände symbolisieren soll, finden sich lauter identische Buddhafiguren. Je nachdem ob gerade dickere oder dünnere Wolken die Sonne verdecken schimmert das Gold mal heller, mal dunkler. Jedenfalls fesselt mich das Gebäude so sehr, dass ich ganz vergesse, nach dem Fingerknochen des Gautama Buddhas zu suchen. Ich bin so ein Banause… 

Rückweg

Der Regen wird wieder stärker, der Wind reißt mir beinah meinen Schirm aus der Hand, so dass ich ihn zusammenklappe und mich widerstrebend auf den Rückweg mache. Trotzdem muss ich immer wieder stehenbleiben und noch mal zurückschauen. Ich fürchte, mir fehlen wirklich die Worte, um dieses nicht wirklich schöne, aber absolut bemerkenswerte, interessante Bauwerk zu beschreiben und das, was ich bei dem Anblick denke und fühle. Als ich unten an der Allee ankomme, fährt gerade eine Elektrobahn vor, ich beeile mich und löse ein Ticket, ich bin inzwischen doch schon ziemlich durchgeweicht vom Regen. Die paar Meter vom Ausgang bis zum Parkplatz renne ich, denn inzwischen friere ich auch. Zum Glück ist es im Auto warm. Zurück nach Xi’an sind wir deutlich über zwei Stunden unterwegs.

Sollte ich noch einmal in die Ecke kommen: ich würde hier noch einmal hingehen und auch nach dem Fingerknochen Ausschau halten! (Was wohl schwierig wird, weil der nur zu besonderen Gelegenheiten ausgestellt wird!) Inzwischen habe ich Fotos von der Dagoba bei Nacht gesehen: schön beleuchtet und angestrahlt, auch das wird sicher extrem beeindruckend sein.

Fotos