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Pandemie und kein Ende…

Nach der Covid-Welle Ende April/Anfang Mai, die relativ überschaubar geblieben ist, spitzt sich die Lage in Peking aktuell immer weiter zu. Die Zahl der Infizierten steigt täglich. Aus europäischer Perspektive mögen +/- 500 Fälle am Tag auf 23 Millionen Einwohner ein Witz sein, hier hat das weitreichende Folgen. Ich finde immer noch, dass es schlauer ist, die Krankheit nicht durchrauschen zu lassen, vor allem nicht mit dem Wissensstand, den wir heute haben (Post- und Long-Covid, schwerere Erkrankungen bei Re-Infektion …), aber was andernorts zu wenig gemacht wird, ist hier zu viel.

Wir wohnen in Chaoyang, einem zentralen, dicht besiedelten Bezirk (von insgesamt 16 Stadtbezirken), Pi mal Auge so viele Einwohner:innen wie Berlin. Dieses Wochenende wurde ganz Chaoyang gebeten, möglichst zu Hause zu bleiben und den Distrikt nicht zu verlassen. In zwei Vierteln in unserer Nähe sind bis auf Apotheken, Lebensmittelläden und Supermärkte alle Geschäfte geschlossen, Restaurants dürfen keine Gäste mehr bewirten, sondern nur take-away anbieten, Arbeit soll soweit möglich aus dem Homeoffice stattfinden, Büros (hier gibt es unfassbar viele Großraumbüros) dürfen nur zu 50% besetzt sein … Seufz. Es steht zu befürchten, dass sich das auf weitere Viertel ausdehnen wird.

Screenshot einer Map, die das östliche Zentrum Pekings mit roten Markern zugesprenkelt zeigt. Die Marker zeigen Covidfälle an.Gestern morgen ging es mit einer besorgten Nachricht unseres Vermieters los, der einen Screenshot einer Karte geteilt hat, dass wir inmitten eines Nests von Covidfällen sitzen, und er hat uns zur Vorsicht geraten. Daraufhin habe ich erst einmal einen Schwung N95-Masken statt der bisher genutzten surgical masks bestellt, wobei es unklar war, ob es eine persönliche Empfehlung unseres besorgten Vermieters oder eine grundsätzliche Regelung war. Schaden wird es jedenfalls nicht.

Teststellen als Spreadstellen?

Heute müssen wir testen gehen (wegen Schule + Terminen am Montag, und weil jetzt wirklich fast überall ein negativer Test aus den letzten 24 Stunden statt der bisherigen 72 gefordert ist). Die Teststellen haben hier in der Regel zwei Schalter: am ersten werden die Daten aufgenommen, am zweiten der Abstrich gemacht. Bei den Chines:innen wird deren ID-Card mit einem Handy eingescannt. Bei uns Ausländer:innen wird mühsam Name, Passnummer und Nationalität eingetippt – was die Leute hinter einem in der Schlange immer sehr freut (nicht), weil das halt deutlich länger dauert als das Scannen.

Nun kennen die Leute in der Testbox uns inzwischen vom Sehen (wir sind ja oft genug da…). Bei meinem Mann übernehmen sie das Tippen, aber mir und den Jungs wird das Handy rübergereicht, weil es halt echt viel schneller geht, wenn wir selbst unsere Daten eingeben – stellt euch vor, ihr müsstet chinesische Zeichen abmalen, ich finde das vollkommen okay. Beziehungsweise es war okay, solange es kaum Fälle gab. Jetzt, wo gerade auch Teststationen eine potentielle Spreadingstelle sind, finde ich es zunehmend eklig. Im Container sitzt einer im Hazmatsuit mit Faceshield und Handschuhen, und ich grabsche mit ungeschützten Pfoten dieses Handy an! Ich hab gerade Nachschub an Desinfektionsfluid und -tüchern bestellt und werde auch den Jungs einschärfen, das Zeug zu benutzen, bevor sie ein Fenster weiter die Maske anfassen und runterziehen für den Abstrich.

Eigentlich wollen wir ja lockern, aber…

Wie ich schon erzählt habe, sind ja gerade ein paar Regelungen wie z.B. die Einreisebedingungen etwas erleichtert worden: Quarantäne auf 5 Tage zentralisierte Hotelquarantäne verkürzt plus 3 Tage Quarantäne zuhause; Einreise ist wieder über Drittländer möglich (die erhoffte Normalisierung der Flugpreise hat es bisher leider trotzdem noch nicht gegeben). Die Klassifizierung von Risikogebieten wurde vereinfacht.

Und für uns das Wichtigste: sekundäre Kontakte werden nicht mehr in Quarantäne gesteckt. Blöd ist nur, dass es immer noch reicht, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, und schwupps: Primärkontakt (= Quarantäne zuhause). Aber immerhin: zuhause. Blöd ist nur, wenn tatsächlich ein Covid-Fall im gleichen Compound auftritt: dann wird zugemacht.

Es fühlt sich gerade alles paradox an, einerseits erste Vereinfachungen, und jetzt grätscht die aktuelle Welle rein. Heute sind es schon über 600 gemeldete Fälle, dazu der erste Corona-Tote in Peking seit zwei Jahren, der zehnte insgesamt.

Aktuell überlege ich, was ich eventuell noch an „Quarantänevorsorge“ erledigen muss, nur für den Fall, dass es uns auch erwischt. Es wird hier zwar immer versichert, dass es keine Shanghaier Verhältnisse geben wird, aber die Schilderungen von Freundinnen aus Shanghai sind nicht ohne Einfluss auf mich geblieben. Gut ist, dass wir unseren Minisupermarkt unten in der Lobby haben, Lieferdienste sollen auch Compounds beliefern, die wegen Corona-Fällen im Lockdown sind, wobei ein bei Expats beliebter Shop von Problemen berichtet hat, weil die Lieferungen an einen solchen Compound nicht abgeliefert werden konnten. Also verlassen wir uns besser nicht komplett darauf. Mehl und Reis kaufe ich eh immer in 10-Kilo-Säcken, da sind wir noch versorgt, aber vielleicht ist es doch nicht verkehrt, noch mal einen Schwung Gemüse einzukaufen und einzufrieren. Oder ich könnte typisch chinesisch ein paar Kohlköpfe auf dem Balkon stapeln. Mal sehen.

Trübe Aussichten

Hier sehnen sich die Menschen genauso oder noch mehr nach einem wirklichen (!) Ende der Pandemie wie überall sonst auf der Welt. Da grätscht die aktuelle Welle ganz fies rein. Ganz besonders zum Beispiel für Restaurants, denen nach bald drei Jahren Pandemie das Wasser schon lange bis zum Hals steht.

Es ist wieder nichts planbar. Diese Woche sind für mich ein Ausflug ins Stadtplanungsmuseum mit deutschsprachiger Führung und das NaNoWriMo-Treffen ausgefallen, ob die Termine, die ich für nächste Woche im Kalender stehen habe, stattfinden können: fraglich. Ich bringe meine Tage trotzdem halbwegs sinnvoll rum, die Jungs können (noch?) zur Schule gehen, der Mann arbeiten. Ja, das ist auch einen interessante Frage, Schulschließung war ja schon angekündigt und wurde zurückgenommen. Kann natürlich trotzdem noch kommen.

Die Hoffnung auf mehr Normalität ist erstmal dahin. Ganz im Gegenteil: Mit den immer noch steigenden Fallzahlen und der Unsicherheit, wie darauf reagiert werden wird und was das für unseren Alltag bedeutet, sind die Aussichten eher trübe und die Stimmung ist so, wie der Blick aus dem Fenster heute: AQI im lila Bereich (very unhealthy), dazu Mistwetter. Novembergrau wie aus dem Gruselbilderbuch.

Schon wieder November

Ich habe das ja sicher schon ein paar Mal erwähnt (hier zum Beispiel): der November ist maximal mein zwölftliebster Monat.

Dieser Monat steht für mich für Tod und Verfall, Trübsinn, Kälte, es wird dunkel.  Die Farben verschwinden, alles ist grau. Wenn sich das hier dann auch noch mit Smog und Nebel mischt, kostet es wirklich Kraft, dass sich das viele Grau nicht auf die Seele legt.

Noch hängt buntes Laub an den Bäumen, aber um goldenen Ginkgo zu sehen, muss man sich so langsam sputen. Wenn man nicht zu weit vom Zentrum weg möchte, gibt es sowohl im Ditan-Park als auch im Lama-Tempel schöne Gingko-Alleen.

Aber ich zähle jetzt schon die Tage, bis der Winter vorbei ist.

Ich muss im November aktiv und gezielt gegen trübe Stimmung angehen. Da kam der Blogartikel „Warum wir den November dringend brauchen“ von Helmut Achatz gerade rechtzeitig: einige Ideen und Gedanken, was es Positives im November gibt. Aber wenn es morgen schon Mitte April wäre – ich hätte absolut nichts dagegen…

Heizperiode, Heizungsgrenze, Ofenäquator?

Das Wetter ist der Jahreszeit entsprechend, aber ich friere schon dauernd und muss aufpassen, dass aus dem leichten Halskratzen nicht mehr wird. 18 Grad, das ist ein bisschen frisch, wenn man am Schreibtisch sitzt (im Schlafzimmer von mir aus). Immerhin, wir müssen nicht bis zum 15. November – dem offiziellen Beginn der Heizperiode – warten, in unserem Compound wird die Heizanlage ein paar Tage früher angestellt. Und immerhin, hier wird dann geheizt werden – südlich des Yangtse nicht. Mehr Informationen und Eindrücke seit 1988 hat Ulrike vom Bambooblog zusammengetragen.

Und täglich grüßt das Covidtier…

Letztes Jahr im November hatte ich ja noch Hoffnungen, dass das Covid-Thema sich so langsam erledigt. Bekanntlich Fehlanzeige. Letzte Woche gab es bei uns in der Nähe ein paar Fälle, also mussten wir drei aufeinanderfolgende Tage zum Test, da waren die Wartezeiten auch wieder etwas länger.

Schülerinnen und Schüler müssen nun viermal in der Woche getestet werden, zum Glück nimmt uns das Montag, Mittwoch und Freitag die Schule ab, Sonnabends gehen wir zu „unserer“ Testbox und laden dann das Ergebnis bis Sonntagabend über die Schulwebseite hoch.

Die (eh nur vage) Hoffnung, dass nach dem KP-Parteitag die Regeln allmählich gelockert werden könnten, hat sich erstmal zerschlagen. Stattdessen wird von der Pekinger Gesundheitskommison empfohlen „large scale events“ abzusagen und auf  Online-Alternativen zu wechseln. (Was auch noch nicht wirklich besser geworden ist: Internetstabilität an sich und VPNs im Besonderen…)

Auch wenn ich es richtig finde, Covid nicht einfach durchrauschen zu lassen und Menschenleben als Kollateralschäden im Dienste der Freiheit anzusehen, der Blick nach Deutschland macht derzeit schon ein bisschen neidisch. Die Sehnsucht nach Normalität ist hier unfassbar groß.

Enttäuschung: Weihnachtsbasar fällt wieder aus

Besonders bitter finde ich in diesem Zusammenhang, dass die Botschaft den Deutschen Charity Weihnachtsbasar abgesagt hat. Der Basar wird von Ehrenamtlichen organisiert, die Botschaft stellt das Gelände zur Verfügung, große und kleine Sponsoren unterstützen den Basar – und der Gewinn geht an verschiedene Hilfsorganisationen.

Das ist nun das dritte Mal, dass er ausfallen wird – und es gibt schon einige Unkenrufe, dass eine bald 30jährige Tradition damit am Ende sein könnte. Es ist ja kaum noch jemand da, der aktiv in die ehrenamtliche Organisation des Basars eingebunden war (wie auch, wenn die meisten Expats im Schnitt drei Jahre hier sind und aktuell aus nachvollziehbaren Gründen eher kürzer).

Es ist ja nicht nur eine große Glühweinsause für die internationale Community – bei der Veranstaltung ist immer viel Geld für die Hilfsorganisationen zusammengekommen. Denen wird ohne den Basar ein substantieller Beitrag ihrer Finanzierung fehlen. Deshalb zerbrechen sich gerade viele Menschen den Kopf, welche Alternativen so kurzfristig organisiert werden können, um das wenigstens etwas zu kompensieren.

NaNoWriMo

November, das ist auch NaNoWriMo-Zeit. Nano-Was? National Novel Writing Month, ursprünglich eine amerikanische Aktion, 1999 mit 21 Teilnehmer:innen gestartet und inzwischen weltweit etabliert mit einer Rekordbeteiligung von über 400.000 Teilnehmer:innen 2017: im November schreibt man jeden Tag 1667 Worte und hat dann am Ende des Monats eine 50.000 Wörter umfassende Geschichte geschrieben.

Ich mache da seit 2017 mit, was auch das bisher einzige Jahr war, in dem ich das Ziel erreicht habe (die Geschichten habe ich dann später zu Ende geschrieben). Dieses Jahr bin ich besser vorbereitet als in all den Jahren zuvor, extrem motiviert und habe mir in den ersten beiden Tagen schon ein kleines Polster angeschrieben.

Der NaNoWriMo ist damit auch eine der positiven Seiten am November. Am Wochenende treffe ich mich mit lauter anderen „Wrimos“, um den ganzen Tag gemeinsam zu schreiben, uns auszutauschen, Wordsprints zu starten.

Podcastempfehlung

Es ist schon eine Weile her, da bin ich auf Facebook in einer gemeinsamen China-Gruppe über Sven Tetzlaff gestolpert, der in Hangzhou lebt und arbeitet. Ich muss gestehen, dass ich lange Zeit Podcast-Muffel war und das Format erst im Sommer für mich entdeckt habe. Lesen geht schneller, es bleibt mehr hängen – aber es geht halt nicht nebenbei. Also kombiniere ich nun – und inzwischen startet mein Tag mit dem Tagesthemen-Podcast…

Zeit-Verbrechen habe ich in wenigen Tagen alle Folgen komplett durchgesuchtet und jieper jetzt jeden zweite Woche auf die nächste Folge. Ich mag „Kein Mucks“ mit Bastian Pastewka (alte Krimihörspiele seit den 1940er Jahren), sporadisch und je nach zur Verfügung stehender Zeit weitere News-/Science-/Literatur- und China Podcasts. Und jeden Mittwoch: Umlauts Diary – das Chinatagebuch von Sven. Ich schreibe hier in meinem Blog über meinen Alltag in China, er erzählt in seinem Podcast von seinem Leben in China und was ihn umtreibt. Am besten hier abonnieren: Svens China-Tagebuch. Das ist noch mal eine andere Perspektive, eine andere Stadt – manchmal andere, oft ähnliche Sichtweisen: klare Hör-Empfehlung!

Golden Week

Golden Week, das ist die Ferienwoche Anfang Oktober anlässlich des chinesischen Nationalfeiertags. Fast ganz China hat frei, es ist Hauptreisezeit (Wetter ist besser als zur Golden Week zum chinesischen Neujahr). Alle sind unterwegs: entweder touristisch oder um die Familie zu besuchen.

Früher wurde von der „größten Völkerwanderung der Welt“ berichtet und das mit dem Andrang an den Mautstellen illustriert. Aktuell wird trotz der schwierigeren Bedingungen (Testanforderungen, Risikogebiete, eventuelle Quarantäne) trotzdem gereist, aber doch deutlich weniger als vor der Pandemie.

Für Pekinger Familien mit schulpflichtigem Nachwuchs ist das Verlassen Pekings nicht angeraten, denn bevor eine Schule betreten werden darf, müssen alle Haushaltsangehörigen mindestens eine Woche in Peking sein. Also bleiben wir hier und machen Ausflüge innerhalb Pekings.

Flaggenzeremonie am Tiananmen

Jeden morgen exakt zu Sonnenaufgang wird die chinesische Flagge am Tiananmen gehisst, jeden Abend exakt zu Sonnenuntergang wird sie wieder eingeholt. Wir nutzen die Ferien, um uns das auch einmal anzusehen.

Das Ereignis an sich ist denkbar unspektakulär, keine Lautsprecherdurchsagen, keine Musik. Durch das Tor unter dem Mao marschieren Soldaten hinaus, holen die Flagge ein und marschieren wieder zurück.

Sonnenuntergang am Tiananmen

Spektakulär sind die Menschenmassen, die kommen, um sich das anzusehen.

Tiananmen: Große Halle des Volkes

Wir finden einen Platz relativ weit vorne, wenn man die Kamera hoch über den Kopf hält, könnte man vermutlich die „action“ fotografieren.

Aber ganz kurz bevor es soweit ist, haben plötzlich beinah alle ein Kind auf den Schultern, nun sehen wir nix mehr, und gehen dann halt ein Stück zurück, um wenigstens die Fahne zu sehen. Da es nahezu windstill ist, hängt die aber schlaff am Mast runter, also auch nicht so irre beeindruckend.

Fahne noch oben

Fahne halb unten

Spektakulär unspektakulär – zack, vorbei

Ich habe meine chinesische Freundin gefragt, ob nur während der Golden Week so viel hier los ist, aber sie meint, das sei immer so. Ich glaube, das schaue ich mir noch mal an, vielleicht mal morgens früh?

Beijing Eastern Suburbs Forest Wetland Park

Kontrastprogramm: Mit meiner Freundin und ihrer Familie machen wir einen Tagesausflug zum Wetland Park. Das ist noch innerhalb Pekings (schulpflichtige Kinder in beiden Haushalten, siehe oben), meine Freundin hat sich um die Reservierung gekümmert, und wir müssen hier am Eingang nur noch den QR-Code der Health App scannen.

Es ist eine hübsche Parkanlage.

Wir haben ein Picknick dabei und lassen uns am Rand der „Yellow Sands“ auf einer großen Bank nieder, der kleine Sohn unserer Freunde wird hier nun den ganzen Tag zufrieden vor sich hin buddeln.

Das sieht man hier oft in den (großen) Parks: man hat ein Zelt dabei, eine Decke, Klappstühle, reichlich Proviant.

Wir Erwachsenen spazieren abwechselnd durch den Park. Dabei kommen wir auch am „Valentine’s Pier“ vorbei. Der wurde extra so „romantisch“ angelegt: um schöne Fotos zu machen, fürs Dating, zum Feiern…

Natürlich fehlt die übliche Lärmkulisse nicht. Über Lautsprecheranlagen und den (zum Teil motorisierten) Parkwächtern wird nonstop darauf hingewiesen, sich zivilisiert zu verhalten, Abstand zu halten und Maske zu tragen…

Das war wohl für dieses Jahr der letzte Ausflug, bei dem man lange draußen herumsitzen konnte (zumindest ohne warm eingepackt zu sein), übers vergangene Wochenende haben sich die Temperaturen halbiert.

Fotos

Botanischer Garten im September

Es ist schon ein bisschen her, da war ich mit einer Freundin im Botanischen Garten. Das Wetter war herrlich hochsommerlich, die Luft gut, viele nette Begegnungen: ich habe den Tag rundum genossen.

Wir haben die Metro genommen, das geht am schnellsten. Erst mit der Linie 10 von Liangmaqiao bis Bagou und von dort das letzte Stück mit der Xijiao Linie. Diese fährt oberirdisch, ist so ein Zwischending zwischen Stadt- und Straßenbahn und nicht nur für Pendler wichtig, sondern auch als „Ausflugslinie“ bekannt, denn sie hält unter anderem am Sommerpalast (Westeingang), am Haupteingang des Botanischen Gartens –  und die Endstation sind die Duftberge.

Es ist nicht besonders viel los, kein Vergleich mit dem Frühlingsbetrieb oder wenn der Gingko sich golden färbt.

Ein Mann hat einen winzigen Bambus-Vogelkäfig unter den Arm geklemmt, den Bewohner trägt er in der Hand.

Ich bin jetzt ja schon häufiger im Botanischen Garten gewesen, aber auch diesmal habe ich etwas für mich neues entdeckt: den Bonsai-Garten.

Auch wenn gerade keine Saison ist, blühen dennoch Spätsommer- und erste Herbstblumen, zahlreiche Schmetterlinge tummeln sich hier.

Wir streifen kreuz und quer durch das Gelände, natürlich am Bach ein Stück den Hügel hinauf.

Wir schauen uns die Residenz von Cao Xueqin an (Autor von „Traum der Roten Kammer“, einer der vier klassischen Romane Chinas). Der zugehörige kleine Laden ist ganz entzückend.

Nein, wir sind nicht im Auenland, sondern in Peking!

Im Oktober geht es bald wieder hin, diesmal mit der Fotogruppe. Das war ja eigentlich schon für den Frühling geplant, aber dann kam hier ja ein Covid-Ausbruch dazwischen. Statt Frühlingsblüten also demnächst Herbstlaub und goldener Gingko. Wenn der Weg nicht so weit wäre, würde ich häufiger dort unterwegs sein!

Fotos

Mein achtes Jahr in Peking hat begonnen!

Mitte August jährte sich der Tag unserer Ankunft in Peking. Nun sind wir volle sieben Jahre hier, das achte hat begonnen. Acht ist ja DIE chinesische Glückszahl, aber nicht nur deshalb habe ich Hoffnung darauf, dass es ein gutes Peking-Jahr werden wird.

Ferienende

Neun Wochen Sommerferien sind vorbei. Rückblickend kommen sie mir gar nicht so lang vor. Nun hat uns der Alltag wieder. Am Montag war der erste Schultag – in Präsenz, das erste Mal seit Pandemieausbruch. Und beinah normal, wenn man von den Pandemieregelungen absieht: Schultreff draußen auf dem Sportfeld und nicht in der Aula, Masken- und Testpflicht, Temperaturkontrolle beim Betreten der Schule, Eltern müssen draußen bleiben…

Für K5 ist es das vorletzte, für K4 das letzte Schuljahr. Das bedeutet, dass es im kommenden Sommer voraussichtlich eine einschneidende Veränderung für uns geben wird, wenn K4 wie geplant nach Deutschland zum Studieren geht. Aber ein bisschen Zeit haben wir bis dahin ja noch.

Mit Schuljahresbeginn gibt es auch wieder mehr (Gruppen-)Aktivitäten unter anderem von Paten- und Fotogruppe, nur größere Veranstaltungen wie die traditionelle Welcome-back-Party werden pandemiebedingt wieder ausfallen.

Hitzewelle

In Peking sind wir von der langen Hitzewelle und deren Auswirkungen (noch?) nicht direkt betroffen. Hier hat der Spätsommer begonnen, die Temperaturen sind deutlich angenehmer geworden und mit knapp unter 30 Grad in dieser Woche weiterhin hochsommerlich warm. Kein Vergleich zu den betroffenen Regionen in Sichuan, Hubei oder Jiangsu. Selbst in Shanghai hat es schon Stromsparmaßnahmen gegeben, u.a. ist die nächtliche Beleuchtung am Bund abgestellt worden – im Vergleich zu anderen Landesteilen ist das aber nichts. Ganz anders die Bilder von alten Leuten, die sich mit mitgebrachten Hockern in den Gängen eines Supermarktes in Chongqing niederlassen, weil es dort kühler ist als überall sonst – hier im Video.

Wenn es nicht bald regnet, sind Reis- und Sojaernte gefährdet. Und darin steckt möglicherweise mehr Dramatik als in der Unterbrechung der Lieferketten.

Art District 798

Im Moment bin ich wieder häufiger im Art District 798 unterwegs. Der Kunstbezirk und das Treiben dort fasziniert mich trotz Gentrifizierung weiterhin. Auch wenn das Viertel weniger subversiv und zunehmend kommerziell ist, es bleibt absolut sehenswert. Die Architektur mit den Sägezahndächern der alten Fabrikbauten, die Rohre (bei denen am 751-Parkplatz hat aktuell eine Hunde-Gang ihr Hauptquartier), aktuell die vielen Bauarbeiten und dazu der Trubel am Wochenende, aber auch unter der Woche immer genug zu gucken – mir macht es immer Spaß, hier unterwegs zu sein.

Fotos aus der letzten Zeit

 

 

Drei Tempel in Xisi

Ich bin im Ferienmodus, ich hinke mit der „Berichterstattung“ hinterher… Jetzt ist es schon über eine Woche her, dass meine Freundin und ich unsere historischen Stadtspaziergänge fortgesetzt haben und noch einmal in Xisi waren. Diesmal hatten wir vor allem die Tempel auf dem Zettel, die wir beim vorigen Besuch wegen meines fehlenden Testergebnisses nur von außen angeguckt haben:

  • Guangji Tempel (Tempel der umfangreichen Hilfe),
  • Lidai Diwang Miao (Tempel der alten Monarchen) und
  • Baita Si (Tempel der Weißen Pagode).

Und auch die Hutongs dort, die diversen Residenzen in Richtung Zhongnanhai – da ist noch einiges anzusehen.

Guangji Tempel

Ausgerechnet vom schönsten, interessantesten Tempel dieser Tour habe ich fast keine Bilder gemacht… Aber von vorn: Der Guangji Tempel ist Sitz der größten buddhistischen Vereinigung in China, der Chinesischen Buddhistischen Gesellschaft. Auch die chinesische buddhistische Forschungsgesellschaft ist hier angesiedelt. Schon draußen an der Straße ist viel los, Leute kommen und gehen. Auf Stellschildern prangen zwei QR-Codes, einer ist natürlich der für die Health App, den erkennt wohl inzwischen jeder. Wozu der andere wohl ist? Aber ich habe die Frage noch nicht einmal zu Ende gedacht, als schon mehre Mönche (oder Gläubige) in schlichter, traditioneller Kleidung bei uns sind und uns helfen. Okay, nun sind wir also als Besucherinnen von Pekings religiösen Stätten registriert (man lernt hier seine Passnummer in Handumdrehen auswendig, so oft wie die abgefragt wird) und dürfen hinein – der Eintritt ist frei.

Direkt nach diesem Foto werde ich darum gebeten, bitte nur zurückhaltend zu fotografieren und auf gar keinen Fall die Buddha-Statuen. Ich schalte die Kamera aus und nehme dann lieber die Atmosphäre mit allen Sinnen auf. Es ist heiß, das angenehme Gefühl der Sonnenstrahlen auf der Haut, den Geruch von Räucherstäbchen, Stimmengewirr, leise Musik… In einer Ecke werden Bücher an Kinder ausgegeben, vor einer Halle sitzen viele Menschen und lesen. Es ist bunt und lebendig und wirklich schön hier. Um nicht zu stören, schauen wir nicht in jede Ecke, sehen aber doch das meiste. Als wir uns dem Ausgang nähern, werden uns noch Wasserflaschen übergeben, selbst als ich auf die Flaschen zeige, die aus meinem Rucksack rausgucken. Einen Besuch hier kann ich nur empfehlen.

Tempel der alten Monarchen

Es geht weiter zum Tempel der alten Monarchen, einfach ein Stück weiter die Fuchengmennei Dajie (oder kürzer Funei Avenue) entlang. Dabei kommen wir an einer Comic Galerie vorbei, die wir uns auch noch kurz ansehen. Neben chinesischen Klassikern und „Revolutionärem“ gab es unter anderem auch Micky Mouse und Goofy.

Der Tempel der Herrscher der Vergangenheit (Lidai Diwang Miao) ist zwar der größte in Xisi, unser Guide (vergriffene Ausgabe von „Beijing by Foot“) attestiert ihm einen Mangel an Atmosphäre. Was damit gemeint ist, wird uns klar, sobald wir den Tempel betreten haben. Dieser Tempel, 1530 erbaut, diente dem Staats- und Ahnenkult, Besucher gibt es außer uns fast keine. Es ist alles picobello sauber, ein paar Pflanzen sind dekorativ aufgestellt – aber es ist leer und öde. Es gibt eine Ausstellung, die aber nur rudimentär auch in Englisch beschriftet ist, wir verlieren schnell das Interesse.

Es ist wirklich heiß. Wir setzen uns auf einen Bank unter einem riesigen, uralten Wachholder und machen eine Pause. Jetzt freue ich mich über das geschenkte Wasser – das mitgebrachte ist längst alle. Wir beschließen, uns wenigstens den Tempel der Weißen Pagode noch anzugucken, angesichts der Hitze müssen wir dann nicht noch mehr machen.

Tempel der Weißen Pagode

Wir kommen wieder an „Shutter Island“ (dem etwas gruselig wirkenden Krankenhaus) vorbei, überqueren eine Hauptstraße, bei der Hitze zieht sich der Weg weiter als wir es in Erinnerung haben. Aber endlich sind wir da.

Wie in vielen Tempeln wird die erste Eingangshalle von den vier Himmelskönigen bewacht.

Wir lassen die weiteren Hallen links und rechts liegen, denn es zieht uns als erstes zur weißen Pagode.

Aber leider ist die Treppe zur Pagode hinauf geschlossen, es sieht nach dauerhafter, nicht nur temporärer Sperrung aus. Aber immerhin, wir sind so dicht dran, wie es eben geht. Diese 1271 erbaute Stupa ist das älteste Gebäude in Peking und wurde auf Befehl von Kublai Khan vom nepalesischen Architekten Araniko erbaut. Wir umrunden die Stupa, ich hatte ja noch eine leise Hoffnung, dass es vielleicht doch noch einen Aufgang gäbe. Fehlanzeige.

Wir kommen am Souvenirshop vorbei und werfen einen Blick hinein. Einen langen Blick, denn es ist nicht nur wunderbar kühl, sondern die erhältlichen Souvenirs gehen über das übliche hinaus. Natürlich gibt es die gängigen Kühlschrankmagneten, viel chinesische Literatur, aber auch Becher, Taschen, Aufkleber…

Inzwischen sind nicht nur unsere Köpfe übervoll mit Eindrücken, die erstmal sacken müssen, sondern es ist wirklich unangenehm heiß (nur für den Fall, dass ich das noch nicht erwähnt haben sollte). Schluss für heute! Meine Freundin fährt mit dem Bus, ich schleiche die Straße entlang zurück zu meinem Scooter. Der Fahrtwind unterwegs ist klasse, die An- und Aussichten ebenfalls – zum Beispiel der Blick auf die andere Weiße Pagode in Peking mitten im Beihai (todesmutig während der Fahrt geknipst, Anhalten strengstens verboten, alle paar Meter stehen Wachen – Zhongnanhai ist um die Ecke).

Fazit

Das war sicherlich nicht der letzte Spaziergang in Xisi. Nicht nur, dass noch zahlreiche Residenzen und Hutongs auf uns warten, ich „muss“ nochmal in den Tempel der Weißen Pagode, um die Statue des nepalesischen Architekten anständig zu fotografieren – und ich möchte gerne wieder in den Guangji Tempel, dessen Atmosphäre mir unglaublich gut gefallen hat. Und vielleicht kann ich dort dann auch diskret und respektvoll doch noch ein, zwei Bilder mehr machen. Wer zum ersten Mal in der Ecke ist: dann kann man der Vollständigkeit halber auch einen Blick in den Tempel der alten Monarchen werfen, aber soviel verpasst man nicht. Ich bin jedenfalls sehr begeistert von Xisi, ein wirklich schönes, lebendiges, authentisches Pekinger Altstadtviertel!

Fotos!

 

Psst, Geheimtipp!

Geheimtipp? So wirklich geheim kann in einer Stadt wie Peking in Wahrheit ja nichts sein, aber letzte Woche habe ich zusammen mit einer Freundin einen Park entdeckt, der in den meisten Reiseführern nicht auftaucht.

Der Liuyin-Park

Nordwestlich vom größeren und bekannterem Ditan-Park (klar, der ist ja gleich gegenüber vom Lama-Tempel und damit näher dran an den gängigen Routen) liegt der Liuyin-Park. Vorher habe ich gelesen, es sei einer der malerischsten Parks in Peking, ich war gespannt.

Wir haben den Park am Osteingang betreten und stehen direkt auf einem kleinen Platz vor einer gepflegten Rasenfläche.

Blick zurück zum Eingang.

Nach wenigen Schritten sind wir schon am See, wo wir auch direkt die ersten Wasservögel sehen.

Es gibt echt viele Enten samt Küken – und Nachtreiher.

Es ist gegen 16 Uhr, es ist noch nicht viel los. Vereinzelt treffen wir auf Arbeiter.

Oder wir sehen ältere Leute, die im Schatten sitzen. Hier am Wasser, im Schatten ist es um einiges angenehmer als draußen an der Straße, wo die Sonne von oben und die Hitze vom Asphalt knallt.

Zum Alten Sommerpalast habe ich es immer noch nicht geschafft (nicht nur, dass ich den eh noch nicht in Gänze erkundet hab, zur Lotosblüte soll’s halt auch besonders nett sein). Aber Lotos gibt es auch hier in Hülle und Fülle.

In vielen anderen Parks sind die Wege breit, quasi Fußgängerautobahnen. Ist ja auch verständlich, irgendwo müssen die Besucherscharen im Himmelstempel-Park ja hin. Hier hingegen gibt es außer dem Hauptweg (einmal außen um den See herum, ist für Anwohner auch eine beliebte Laufstrecke) viele schmale Pfade – und die haben wirklich ihren Reiz.

Diese Dame hat ganz für sich allein eine Teezeremonie abgehalten und ganz viel Ruhe ausgestrahlt.

Bei dem Blick kann man aber auch einfach so zur Ruhe kommen. Wenn man genau hinschaut, sieht man auf der Insel im See ein Café „Swannseen“ und das schauen wir uns dann auch an und machen dort ein Kaffeepäuschen. Oh ja, hier kann man wieder hingehen. :)

Schließlich gehen wir weiter durch den Park. Dieser ist in vier Abschnitte, jeweils passend zu den Jahreszeiten, gegliedert. Aktuell ist es vor allem schön grün. Rund um den See stehen vor allem Weiden, über 30 verschiedene Arten sollen es sein. Die Weiden sind auch namensgebend: Liuyin Park (柳荫公园) bedeutet Weidenschatten Park.

Früher muss hier deutlich mehr losgewesen sein, Bootshaus samt Bootsvermietung sind stillgelegt, dieser Kinderspielbereich ebenso.

Keine Ahnung, ob es „nur“ wegen der Pandemie geschlossen ist. Teils sind Gebäudeteile so überwachsen, dass ich vermute, dass das schon länger zu ist.

Der Weg windet sich um den See, immer wieder gibt es neue, nette Ansichten.

Es gibt einen kleinen Obsthain. Das hier könnte Weißdorn sein.

Elstern gibt es auch.

So langsam wird es voller. Es wird gesungen, Mahjong gespielt, es gibt ein großes Badminton-Feld. Als wir kurz vor 7 den Park verlassen, kommen uns viele Frauen entgegen – vermutlich wird ab 19 Uhr getanzt.

Leider kein Bootsverleih mehr, nur noch für Enten.

Und wieder ein Reiher.

Es ist jedenfalls ein entzückender kleiner Park, schade, dass er nicht direkt um meine Ecke liegt. Aber wenn man etwas Zeit hat oder sich auch eine Weile im Café „Swannseen“ aufhalten mag, dann lohnt sich der Weg.

Info Liuyin-Park

Adresse (Osteingang): Qingnianhu North Street (gleich hinter der Tankstelle)

Öffnungszeiten: 6-21 Uhr (im Winterhalbjahr bis 20:30)

Eintritt frei

Buchtipp: 111 Gründe, China zu lieben

Kann man, darf man China mögen, geschweige denn lieben? Auch als überzeugte Demokratin, als Nicht-Kommunistin? Dass ich das kann, hat sich im Laufe der Zeit rausgestellt, sonst wäre ich nicht mehr hier. Aber wie sehen das andere?

Oliver Zwahlen bereist China seit über 20 Jahren, von 2007-2013 hat er in Peking gelebt und gearbeitet. Über China, über seine Erfahrungen und seine Reisen bloggt er auf Der Sinograph. Und nun hat er ein kenntnisreiches Buch darüber geschrieben, warum man China trotzdem lieben kann:

111 GRÜNDE, CHINA ZU LIEBEN*

Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt

Ein Buch, das eine Lücke füllt

Bevor wir nach Peking übergesiedelt sind, war ich sehr skeptisch, auch wenn die Entscheidung für mich sehr klar war. Bei uns ging es ja auch darum, dass die Jungs ihren Vater wieder mehr als nur ein paar Wochen im Jahr sehen. Aber China und Peking? Ich wusste nicht viel darüber, und wenn China in den Nachrichten vorkam, war das selten positiv. Was den Alltag anging, hatte ich vor allem Bilder von Smog und Stau vor Augen. Damit konnte natürlich weder Vorfreude noch eine wirklich positive Einstellung aufkommen. Ich habe mich dann selbst ausgetrickst, in dem ich Reiseführer und Reisemagazine inhaliert habe. Natürlich ist ein Umzug für mehrere Jahre etwas anderes als eine Reise, aber mit dem Gedanken “das Leben ist eine Reise” war es für mich naheliegend und hilfreich. Mit all den schönen Bildern von interessanten Orten und spektakulären Landschaften wuchs dann auch meine Neugier und es kam Vorfreude auf.

Trotzdem war mein Bild natürlich nicht rund, denn zwischen Hochglanzidylle und Superstau musste natürlich mehr liegen. Was fast völlig fehlte: das persönliche Erleben, Geschichten aus dem Alltag. Was erwartet einen wirklich, wenn man länger in China ist? Über die Bücher von z.B. Christian Y. Schmidt bin ich erst viel später gestolpert. Inzwischen gibt es zwar ein paar mehr Chinablogs, aber gemessen an der Vielzahl anderer Blogs ist das weiterhin verschwindend wenig.

Oliver Zwahlens 111 Gründe tragen dazu bei, diese Lücke zu füllen. Und er gibt gleich zu Beginn des Buches auch eine Antwort auf die oben gestellte Frage, ob man China lieben kann:

„Ein unkritisches Jubelbuch dürfen Sie auf den nächsten rund 240 Seiten nicht erwarten. Doch trotz all der berechtigten Kritik sollte man nicht die Augen davor verschließen, dass das Land auch jede Menge liebenswerte Seiten hat. […]
Der Untertitel dieses Buchs verspricht eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt. Und ja: China ist ein schönes Land, vielleicht sogar das schönste. Für mich persönlich ist China mit all seinen Ecken und Kanten aber in erster Linie das faszinierendste Land der Erde. Es ist eine Weltgegend, die man lieben kann, wenn man sich über die vielen Kleinigkeiten freut, die es verdienen, etwas genauer angesehen zu werden. Von diesen Dingen möchte ich Ihnen in den kommenden 110 Kapiteln erzählen. Ich möchte Ihnen ein China vorstellen, das sich zu lieben lohnt. Trotzdem.“

Was steckt drin?

Die 111 Gründe  verteilen sich auf die Abschnitte

  • Geografisches,
  • Sprachliches,
  • Kulinarisches,
  • Liebenswerte Marotten,
  • Kultur,
  • Reisen,
  • Urbanes,
  • Ländliches,
  • Minderheiten,
  • Kurioses

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, aber durch diese Struktur könnte man auch gut je nach Interesse hin- und herspringen und auch nur gelegentlich mal einen Grund lesen (und dann den nächsten, es packt einen nämlich). Die einzelnen Abschnitte sind ganz unterschiedlich, mal berichtet Oliver von persönlichen Erlebnissen, mal fasst er ein paar Fakten oder einen historischen Aspekt zusammen – beides gleich gut lesbar und unterhaltsam, und vor allem immer kenntnisreich.

Stolpersteinchen

Ganz selten denke ich beim Lesen, dass etwas nicht so ganz passt, zum Beispiel als ich bei Grund 43 „Weil sich neben der Verbotenen Stadt die Kuppler treffen“, der unter „Liebenswerte Marotten“ einsortiert ist, von den shengnü (übriggebliebenen Frauen, späte Mädchen…) und dem Kupplermarkt neben der Verbotenen Stadt lese. Es wird zwar kritisch beleuchtet, hätte aber sicher besser unter Kurioses gepasst. Ich nehme mir jedenfalls vor, demnächst mal nachzugucken, ob es den Kupplermarkt überhaupt noch gibt. Aber auch einer der nächsten Gründe – Weil Frauen etwas zu sagen haben – passt für mich nicht unter Marotten. Hobbylinguistik oder doch ein unterschiedlicher Blick von Frauen und Männern auf die Geschlechterverhältnisse? Oder auch nur durch das Schema der 111-Gründe-Buchreihe bedingt? Nichtsdestotrotz interessant zu lesen und für mich Anstoß, mich selbst wieder mehr mit dem Thema Frauen in China zu beschäftigen.

Was es nicht mehr gibt – zumindest in Peking – sind die privaten Feuerwerke zum chinesischen Neujahrsfest, die anders als unter Grund 68 „Weil zum Frühlingsfest die größte Völkerwanderung der Welt einsetzt“ noch erwähnt nicht mehr zwei Wochen lang für Schmutz und Lärm sorgen. Richtig ist und bleibt aber, dass rund um das Frühlingsfest definitiv die schlechteste Reisezeit für China ist. Und auch das „Friends-Café“ Central Perk (Grund 109 unter Kurioses) gibt es leider nicht mehr, es hat letztes Jahr nach der seuchenbedingten Schließung nicht wieder geöffnet und nun ist da irgendein Shop drin.

So ist das aber, wenn man über China schreibt: was heute noch stimmt, ist morgen vielleicht schon Geschichte.

Lieblingsgrund?

Schwierig! Gerade dass Vielfältige hier macht China ja so spannend. Es gibt ganz viele Punkte in dem Buch, bei denen ich heftig mit dem Kopf nicke und denke: ja, genau das. Zum Beispiel, dass Hostels hier keine Sparmaßnahme für Reisende auf der Suche nach einer günstigen Unterkunft sind, sondern erste Wahl sein können, wegen ihrer Lage, Architektur und weil sie wirklich spannende Kontakte ermöglichen, die man sonst nicht hätte. Oder doch Liu Cixin, über den ich einen ersten Zugang zu chinesischer Literatur gefunden habe? Oder Karaoke? Die kulinarischen Gründe (vielleicht probiere ich jetzt doch einmal Stinktofu?)?

Sehr gern gelesen habe ich auch den Abschnitt über das Reisen mit chinesischen Reisegruppen – da wäre ich gerne dabei gewesen, das klingt abenteuerlich, skurril, pragmatisch – und eben liebenswert in einem.

In Wahrheit ist das Liebenswerte an China die Summe aller Gründe und noch viel mehr – dieses Spannende und Vielfältige macht China für mich aus. Dass es hier nie langweilig wird, das wird auch im Buch deutlich, auch ohne dass es explizit ausgeschrieben wird.

Olivers 111. Grund heißt: Weil es mindestens 111 weitere Gründe gibt. Einer davon könnte sein: Das einzig Beständige in China ist der Wandel. Die rasante Entwicklung Chinas wird zwar direkt zu Beginn des Buches angesprochen, aber so schließt sich dann der Kreis.

Leseempfehlung(en)!

Die 111 Gründe sind eine gute Ergänzung zu klassischen Reiseführern, egal ob man sich auf eine China-Reise oder einen längeren Aufenthalt vorbereitet. Auch wenn es wegen der Pandemie vermutlich noch eine Weile dauern wird, bis China die Grenzen für Touristen wieder öffnet – das Buch eignet sich prima für die Wartezeit. Es lässt sich aber auch gut lesen, wenn man sich erinnern möchte – viele der Anekdoten können Erinnerungen wachrufen.

Obwohl ich jetzt ja nun auch schon 6 Jahre in China bin und es ein bisschen kenne, habe ich neue Ideen für Reisen und Ausflüge mitgenommen und wieder den Blick für das Andere hier geschärft. Auch wenn man vielleicht nicht mit allen Punkten übereinstimmt – wir schreiben ja alle über unsere subjektiven Erfahrungen, die sich natürlich voneinander unterscheiden, bewerten manches unterschiedlich – das Buch kann zu einem runderen Chinabild beitragen.

Ein schönes Porträt von Oliver gibt es auf dem Fluegge-Blog von Susanne Helmer: 111 Gründe, China zu lieben“: Autor Oliver Zwahlen im Porträt

Auch Timo Peters hat auf seinem Blog „Bruder Leichtfuss“ über das Buch geschrieben: Die unsichtbare Mauer oder: „Warum man China trotzdem lieben kann“

Mehr von Oliver Zwahlen zu lesen gibt es auf dem bereits erwähnten China-Blog „Der Sinograph“ und auf seinem Blog Weltreiseforum.

111 Gründe, China zu lieben
Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt

von Oliver Zwahlen

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

Taschenbuch: 14,99€

100 Jahre Kommunistische Partei – Ausstellung im National Art Museum

Letztes Wochenende war ich mit meiner chinesischen Freundin im National Art Museum, wo anlässlich des 100. Geburtstags der KP zahlreiche Bilder ausgestellt sind. Ich weiß nicht, ob ich von selbst auf die Idee gekommen wäre (Propaganda?), aber in chinesischer Begleitung versprach das dann doch ganz interessant zu werden.

Als ich mich morgens auf den Scooter schwinge, ist der Himmel strahlend blau, die Luft total klar und sauber. Als ich so durch die Straßen fahre, denke ich zum allerersten Mal, dass Peking sogar gut riecht – da fahre ich gerade durch eine Allee, in der gerade die Blumenbeete gewässert werden. Das macht richtig gute Laune.

Am Museum bin ich schon oft vorbeigefahren, aber nun ist es das erste Mal, dass ich es besuche. Während ich auf meine Freundin warte, kann ich zusehen, wie viele Besucher als erstes Selfies von sich mit dem Museum im Rücken machen. Das große rote Banner fällt natürlich sofort ins Auge.

Journeys to greatness and pictures of time 1921-2021. An Exhibition celebrating the 100th anniversary of the founding of the communist party of China

Da Gebäudes des National Art Museum in Beijing - mit wehender roter Fahne und dem Ausstellungsbanner am Zaun

National Art Museum in Beijing

Am Ticketschalter müssen Reisepass bzw. chinesische ID-Card vorgezeigt werden, reserviert für den Besuch hatten wir ja zusammen eine Woche zuvor im Purple Bamboo Park. Nun folgt das übliche Sicherheitsprozedere, und dann sind wir drin. Im Museum ist Essen und Trinken streng verboten, und so sieht man einige Leute, die jetzt noch mal trinken, bevor sie hineingehen.

Die Ausstellung ist über drei Etagen verteilt und wir sehen uns jedes einzelne Bild genau an. Eine „kleine“ Auswahl folgt weiter unten in der Fotogalerie.

Ich bin zunächst erstmal total beeindruckt, wie viele Besucher an diesem wundervollen Sommertag hier im Museum sind.

100 Jahre KP - Ausstellung im National Art Museum, vier große Gemälde an rot gestrichener, geschwungener Wand, davor zahlreiche Besucher.

In den großen Ausstellungsräumen verteilen sich die Besucher zum Glück ganz gut

Father von Luo Zhongli

Dieses Bild habe ich sicher schon ein paar Mal gesehen, kein Wunder, es zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen chinesischen Werken. Allerdings kannte ich bisher die Geschichte dazu nicht. Es ist nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch wegen der damit verbundenen Symbolik berühmt.

Das Bild "Father" von Luo Zhongli im National Art Museum in Peking

Father von Lou Zhongli

Luo Zhongli hatte dies 1980 entstandene Bild ursprünglich „My Father“ genannt, aber da dies als zu persönlich galt, wurde es umbenannt und das „my“ gestrichen. Auch der Stift hinter dem Ohr wurde erst nachträglich eingefügt, um zu zeigen, dass der Bauer lesen und schreiben kann. Erst mit diesen Änderungen konnte Luo das Bild für die 2. China Youth Art Exhibition einreichen – und gewann den 1. Preis. Davon ab ist an diesem realistischen Bild (dunkle, raue Haut, trockene Lippen, beschädigte Schüssel) nichts idealisiertes, nicht das für die damalige Zeit typische Bild des rotwangigen, fröhlichen Bauern. Auch, dass das Bild so groß ist, symbolisiert einen Helden – so große Portraits waren bis dahin nur Berühmtheiten vorbehalten.

Welche Sehenswürdigkeit auch immer besucht wird, man sieht immer Leute, nicht nur Kinder/Schüler, die zeichnen und malen, sondern auch viele Erwachsene. So auch hier.

Der Mann erzählt uns, dass er am Vortag schon fast zehn Stunden an seinem Bild gezeichnet hat und heute auch schon über eine Stunde. Ich bin beeindruckt.

Lange Straße (路漫漫 – lù mànmàn) von Li Tianxiang

Oder: Die Geschichte vom kleinen Karottenkopf

Vor diesem Bild haben wir lange verweilt und meine Freundin hat mir die Geschichte des Jungen auf dem Bild erzählt.

Das Bild zeigt das Gemälde "lù mànmàn" (Lange Straße)

Li Tianxiang: lù mànmàn – Lange Straße

Der 1940 geborene Junge Song Zhenzhong kam mit nur acht Monaten mit seinen kommunistischen Eltern Xu Linxia und Song Qiyun ins Gefängnis und wurde dort mit 9 Jahren am 6. September 1949 von den Kuomintang ermordet. Nie hat der Junge die Außenwelt gesehen – diesen Aspekt findet meine Freundin besonders schlimm, aber auch bei meinen Versuchen, mehr über diese Geschichte herauszufinden, wird dies immer wieder betont. Durch die schlechte Ernährung blieb er winzig mit großem Kopf und wurde daher Xiaoluotou – Kleiner Karottenkopf – genannt. Er soll im Gefängnis fleissig gelernt haben (und natürlich den Lehrer sehr respektiert haben), Botengänge zwischen den Gefangenen gemacht haben – und gilt als jüngster revolutionärer Märtyrer. In seinem Geburtsort Pizhou in Jiangsu wurde eine Gedächtnishalle errichtet.

Weiter durch die chinesische Geschichte

Wir gehen weiter durch die Ausstellung. Viele Bilder zeigen Kämpfe, Bürgerkrieg und Krieg gegen die Japaner, Bilder vom Langen Marsch… Vor diesem Bild machen viele Gruppen längeren Halt, es zeigt einen Fackelzug in Yan’an 1945 nach der Kapitulation Japans – und ist ein Beispiel für „Variantenmalerei“.

Besuchergruppe vor Gemälde im NAMOC

Besuchergruppe vor Cai Liangs „Yan’an Torch“, 1972

Die erste Variante dieses Bildes (nicht im Museum gezeigt) entstand 1959 – ohne Mao-Porträt.

Es geht weiter mit dem Aufbau Chinas, der industriellen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Bild: Eine ältere chinesische Frau hält einen Wahlzettel in der Hand.

Yang Zhiguang: „Das erste Mal im Leben“ (die erste Wahlkarte)

Dong Xiwen: Thousand Years of Land Turn Over

Xu Wenhua "Morgen" - eine Frau wartet vor der Bibliothek

Xu Wenhua „Morgen“ – eine Frau wartet vor der Bibliothek

Shi Weiping, „Polar Scientific Expedition: The Snow Dragon Sailing into the Arctic Ocean“

Zum Schluss kommen wir in der jüngsten Vergangenheit an.

Bilder im NAMOC, die Covid-19-Themen zeigen: Maske, Krankenwagen, medizinisches Personal in Schutzkleidung

Auch Covid-19 fehlt nicht in der Ausstellung

Lohnt sich der Besuch?

Auch wenn die Ausstellung aus einer bestimmten Perspektive gestaltet wurde, gibt es doch viel zu entdecken und zu lernen – und etliche Bilder stehen für sich und sind definitiv sehenswert. Die Lücken lassen sich ja andernorts füllen. Um China wieder ein klitzekleines bisschen mehr zu verstehen, ist ein Besuch dieser Ausstellung (wenn man denn die Möglichkeit hat) die Zeit alle mal wert. Wir haben uns wirklich jedes einzelne Bild angesehen und waren 4 Stunden im Museum. Da nur die Einleitungstexte zu den unterschiedlichen Abschnitten auf Englisch übersetzt sind, empfiehlt sich chinesische Begleitung. Die Ausstellung endet am 25. Juli 2021.

Fotos

Spaziergang im Taoranting-Park

Mit einer neuen chinesischen Freundin habe ich den Taoranting-Park besucht. Der liegt auf einer Höhe mit dem Himmelstempel, rund 7 km südwestlich vom Tiananmen, und ist damit relativ weit weg vom Zentrum. So verlaufen sich nicht viele Ausländer und schon gar keine Touristen dahin. Bei den in der Nähe wohnenden Pekingern ist der Park aber extrem beliebt. Seit 2002 ist der Park als 4A/AAAA-Attraction (in ganz China gibt es nur 279 5A/AAAAA-Attractions) klassifiziert.

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Kindheitserinnerungen

Wir betreten den Park am Nordeingang und nach wenigen Schritten stehen wir vor hüpfenden Kängurus. Okay, keine echten, sondern ein Känguru-Karussell! Hier ist ein kleiner Rummelplatz, „Fun Park“ vor allem für Kinder: verschiedene Karussells, eine kleine Achterbahn – man denke sich die entsprechende Lärmkulisse dazu…

Känguru-Karussell im Pekinger Taoranting-Park

Am Ende des Rummelplatzes steht ein Plastik-Hügel „Snow Mountain“. Hier können Kindern klettern und rutschen. Meine Freundin wird ganz wehmütig, sie war als Kind oft mit ihren Großeltern hier. Mich erinnert der „Snow Mountain“ an die Bullerberge in Planten un Blomen in Hamburg, sogar der Geruch ist ganz genau so (dieses warme Plastik in der prallen Sonne…). Leider hab ich gar kein Foto gemacht, es war aber auch kein Foto-Ausflug, sondern unser Gespräch stand im Vordergrund, zum Beispiel mit eben dieser Erkenntnis, dass es außer vielen Unterschieden auch viel Vergleichbares gibt.

Pavillons

Jedenfalls wird es viel ruhiger, als wir den Rummelplatz hinter uns lassen, obwohl der Taoranting-Park gut besucht ist.

Der heutige Park wurde 1952 errichtet. 1985 wurde der Park renoviert und 36 originalgroße Nachbildungen berühmter Pavillons aus ganz China im Park verteilt. Allein das lohnt sich für einen weiteren Ausflug, dann mit dem Fokus aufs Fotografieren. :)

Einer der Pavillons auf einem Hügel im Pekinger Taoranting-Park.

Aktives Parkleben

Eine Weile beobachten wir diese Gruppe, wie sie ihre Instrumente (aufeinander ab-) stimmen. Meine Begleitung erklärt mir Erhu und Pipa. Wir hören noch eine Weile zu und schlendern dann weiter.

Park-Orchester - Pekinger Bürger musizieren gemeinsam im Taoranting-Park

Später kommen wir an dieser Plattform vorbei. Die wurde eigens nachträglich für die Tänzer, die sich täglich hier treffen gebaut.

Plattform mit Tänzern im Taoranting-Park

Es gibt Spieltische, überall wird solo oder in kleinen Gruppen TaiChi gemacht.

Der See

Besondere Anziehungskraft hat natürlich der 16 ha große See. Hier sind die Elektro- und Tretboote besonders beliebt. Wir setzen uns in einen der Pavillons am Wasser, wo es etwas kühler ist. Zum Glück gibt es noch keine Mücken, die sind dieses Jahr spät dran und nicht so zahlreich – hoffentlich bleibt das so!

See im Taoranting-Park

Blick über den See auf die Xiehu Bridge

Im Winter soll es sich hier prima Schlittschuhlaufen lassen.

Chinesischer Pavillon am See mit blauem Elektroboot davor

Einer der Pavillons am See

Das Nonnenkloster…

Wir steuern das Cibei Nonnenkloster an, welches auf einer Insel in der Mitte des Sees liegt und über Brücken zu erreichen ist. Hier ist auch der für den Taoranting-Park namensgebende Taoran-Pavillon.

Während der Qing-Dynastie war das ein Ort für Gelehrte und Literaten. Zu der Zeit waren die meisten Parks und Gärten den kaiserlichen Familien vorbehalten. Wie man sieht: nur drei Dachreiter (je mehr, desto mächtiger die Bewohner, nur in der Verbotenen Stadt gibt es auf der Halle der Höchsten Harmonie elf Dachreiter).

… und die Kommunisten

Fast hätte ich Kloster und Ausstellung nicht besuchen können – hier wird wieder eine App eingesetzt, die ohne Chinesischkenntnisse schwer zu durchschauen ist. Zum Glück kann meine Begleitung einfach zwei Tickets kaufen – Glück gehabt.

Es riecht nach frischer Farbe, die Ausstellung ist ganz neu eröffnet. Passt, denn jetzt starten überall die 100-Jahr-Feierlichkeiten zum Jubiläum der Kommunistischen Partei Chinas.

Hier haben sich 1919 Mao, Zhou Enlai und Li Dazhai getroffen und gearbeitet. Leider sind nur einige wenige Schilder übersetzt. Schade. Ich muss nämlich gestehen, dass mich die allermeisten Geschichtsbücher langweilen (das muss doch auch interessanter und spannender zu erzählen sein!), dass es mir aber großen Spaß macht, an Originalschauplätzen und Museen etwas dazuzulernen. Das ist dann zwar nur häppchenweise, sicherlich hier und dort auch mal ideologisch eingefärbt, unsystematisch, unvollständig, unstrukturiert – aber ich strebe ja auch keinen wissenschaftlichen Abschluss an, sondern möchte nur mehr über das Land lernen, in dem ich lebe. Und dafür sind solche Ausstellungen und Museen wirklich super, ist halt nur schade, wenn man an der Sprache scheitert. Unsere Denglisch-Chinglish-Kombi ist da leider auch an Grenzen gestoßen.

Neben der Foto-Ausstellung kann man schließlich noch einen Blick in diese Halle werfen.

Zum Abschluss noch mal ein Schild mit Politlyrik!

Die Dekorationen außen an der Halle sind aber ganz unideologisch und objektiv hübsch!

Inzwischen hat es sich zugezogen, ein Gewitter ist im Anmarsch und über eine der Brücken gehen wir von der Mittelinsel zurück zum Ausgang.

Hier werde ich sicher bald noch mal wieder hinkommen. Meine Liste „wohin“ wird tatsächlich wieder länger und länger.

 

Die Elefanten sind los!

Inzwischen haben sich die Nachrichten von den wandernden Elefanten in China ja auch bis nach Deutschland verbreitet. Die sozialen Medien hier sind voll davon, die Reise der Elefanten wird von den meisten begeistert-humorvoll kommentiert. Und das in einem Land, das den Elfenbeinhandel erst 2018 verboten hat.

Auch wenn ich weiß, dass vielleicht grundsätzliche Probleme den Anstoß für die Wanderung gegeben haben (Konkurrenz um den Lebensraum Bauern/Wildtiere, schwindender Lebensraum, weil zu viel Kautschuk und Tee und kein „Elefantenfutter“), auch wenn hoher Sachschaden angerichtet wird und auch schon Menschen in Gefahr waren – irgendwie sind das zur Zeit nette Gute-Laune-Nachrichten für mich. Und wer hat sowas derzeit nicht nötig?

Bei uns heißt es derzeit jeden Morgen: „Was gibt es Neues von den Elefanten?“ Yunnan ist zwar weit weg von Peking (über 2000 km), aber hey, wir leben in einem Land, in dem Elefantenherden umherstreifen!

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Was heißt Elefant auf Chinesisch?

Elefant heißt auf Chinesisch 大象 (Dà xiàng) oder auch verkürzt 象 (Xiàng). Dà bedeutet „groß“, Xiàng „mögen“.

Video: Wandering Elephants/CGTN

Asiatische Elefanten: gefährdet, aber der Bestand wächst

Die asiatischen Elefanten in China waren kurz vor dem Aussterben, es gab in den 1970er Jahren nur noch 150-170 Tiere (Angaben schwanken). Inzwischen sind es mindestens 300 – immer noch wenig, immer noch vom Aussterben bedroht, aber die Tendenz ist positiv.

In Südwestchina in der Provinz Yunnan gibt es bei Xishuangbanna ein Schutzgebiet für die Elefanten. Das ist kein umzäunter Park – also sind die Tiere irgendwann im Dezember 2020 losmarschiert.

Zwei „Reisegruppen“

Eine 15-rüsselige Gruppe blieb in der Nähe und hat sich im Botanischen Garten von Xishuangbanna ausgetobt und dort großen Schaden angerichtet (seltene Pflanzen vernichtet), eine weitere Gruppe zog Richtung Norden. Zuerst waren es 16, einer ist umgekehrt, 2 Kälber wurden geboren, 2 weitere sind umgekehrt – derzeit sind diese 15 Elefanten am Stadtrand von Kunming unterwegs. Mit Drohnen und Manpower werden sie begleitet, unzählige LKWs werden eingesetzt, um Zufahrten zu Dörfern zu sperren, mit stark duftenden „Elefantenleckereien“ wie Bananen, Ananas und Mais wird versucht, die Herde zu lenken, um Gefahren für Menschen abzuwenden.

Der folgende Artikel ist zwar chinesisch, aber die meisten Browser liefern inzwischen ja brauchbare Übersetzungen. Hier wird der Frage nachgegangen: „Warum machen die Elefanten das?“ und die Theorie zur Sprache gebracht, dass Sonnenstürme/Geomagnetismus die Reise der Elefanten angestoßen haben könnten. Es könnte auch sein, dass diese Migration „normales Elefantenverhalten“ ist, wobei es schon ungewöhnlich ist, dass sie so weit im Norden unterwegs sind. Vielleicht hat auch nur der Leitbulle die Orientierung verloren.

Warum ziehen asiatische Elefanten in Yunnan nach Norden?

Was mich freut: die Tiere sollen nicht betäubt und zurückgeschafft werden, sondern man will die Wanderung der Tiere weiterbeobachten und die Herde halt nur um Städte etc. herumlenken.

Auch der nächste verlinkte Artikel ist irgendwie anrührend. Hier geht es ebenfalls zunächst um die Elefanten, teils in der blumig-poetischen Sprache, auf die man hier auch in der Öffentlichkeit immer wieder stößt (Beschilderungen an Sehenswürdigkeiten).  Es folgt ein Abschnitt, in dem eher sachlich geschildert wird, dass und wie Menschen und Elefanten geschützt werden sollen. Am Ende wird auf die Schönheit Yunnans und die dortige Biodiversität – und weitere „Internet-Promitiere“ hingewiesen. Der Artikel kann auch mit dem Browser übersetzt werden:

Das ist Yunnan, wohin der „Xiang“ geht

„Unsere „Reise“

Selten auf der Welt

Es ist das erste Mal in China

Daher der Einkaufs- und Essensausflug unserer Familie

Beeinflusst die Herzen vieler Menschen“.

Ich hoffe jedenfalls, dass es eine schöne Geschichte bleibt – für Menschen und Tiere.

Song Qingling und ihre Residenz am Houhai

Es waren einmal drei Schwestern, von denen man sagte: „Eine liebt das Geld, eine liebt das Land, eine liebt die Macht“. Gemeint waren die Song-Schwestern: Ailing, verheiratet mit dem Bankier H.H. Kung (Geld), Qingling, verheiratet mit Sun Yat-sen (Land), und Meiling, verheiratet mit Chiang Kai-shek (Macht). Sie gelten als die einflussreichsten Frauen des Chinas ab den 1930er Jahren. Das mag einerseits der Rolle als „Frau von XY“ (wobei XY in diesem Fall zu den mächtigsten Männern des damaligen Chinas gehört) geschuldet sein, andererseits – insbesondere bei Qingling – geht es aber auch auf eigene Leistungen zurück.

Song Qingling (chinesisch 宋慶齡 / 宋庆龄, Pinyin Sòng Qìnglíng, W.-G. Sung Ch’ing-ling, * 27. Januar 1893 in Kunshan, Provinz Jiangsu, Kaiserreich China; † 29. Mai 1981 in Peking, China[1]) war eine der drei Song-Schwestern, deren Männer zu den bedeutendsten Politikern Chinas im 20. Jahrhundert gehörten. Als Madame Sun Yat-sen wird sie als diejenige beschrieben, „die China liebte“. Ihr Taufname war Rosamond. Ihr Mann Sun Yat-sen war 1912 der erste Präsident der Republik China. Im Nachkriegschina war sie von 1949 bis zu ihrem Tod in verschiedenen Ämtern stellvertretende Vorsitzende und nach Liu Shaoqis Parteiausschluss von 1968 bis 1972 zusammen mit Dong Biwu geschäftsführend Vorsitzende der Volksrepublik China. Nach dem Tod Zhu Des war sie von 1976 bis 1978 als Vorsitzende des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses noch einmal Staatsoberhaupt. 1981 wurde sie als bisher einzige Person zur Ehrenpräsidentin erklärt.

Song Qinglings Residenz

Bei meinem Spaziergang am Houhai Anfang der Woche stand ich auf einmal vor einer Sehenswürdigkeit, von der ich bisher nichts gehört hatte. Durch ein offenes Tor sah ich ungefähr das hier (ungefähr – ich hab am Tor kein Bild gemacht, dies ist schon auf dem Gelände entstanden).

Song Qinglings Residenz

Song Qinglings Residenz

Neugier war geweckt, also habe ich mich näher umgesehen. Song Qinglings Residenz, soso. Die Frau von Sun Yat-sen, der Gründer des modernen China, von dem habe ich schon öfter mal gehört und gelesen. ;)

Ich muss gestehen, dass ich über Song Qingling bis dahin praktisch nichts wusste. Selbst wenn unser Geschichtsunterricht früher nicht so oft ausgefallen wäre, China und seine Geschichte stand eh nicht auf dem Lehrplan. Soviel zu meiner – schwachen – Entschuldigung. Vom Tor aus waren ein Pavillon und ein Laubengang zu sehen, interessant, lass ich mich doch mal überraschen. Ticket gab es für 20 RMB (hurra, ein spontaner Besuch ist möglich, keine Vorausbuchung erforderlich). Health Code mit der App scannen, Temperatur am Handgelenk messen lassen, normale Sicherheitskontrolle und dann konnte es losgehen.

Die Anlage ist gut beschildert, alles auch mit englischer Übersetzung. So wusste ich dann doch bald, was ich mir hier nun ansehe: hier hat die „Mutter des modernen China“ von 1963 bis zu ihrem Tod 1981 gewohnt. Die Anlage hat natürlich eine viel längere Geschichte und geht zurück bis auf die Qing Dynastie. 1888 übergab Kaiserinwitwe Cixi die Anlage an Prinz Chun I (Yixuan), später ging die Anlage auf Prinz Chun II (Zaifeng) über – dieser war der Vater des letzten Kaisers Puyi. 1949 machte der erste Premierminister der Volksrepublik China Zhou Enlai den Vorschlag, dass Song Qingling hier einziehen könne – was sie dann 1963 tat.

Pavillons

Gleich hinter dem Eingang erhebt sich ein kleiner Hügel, auf dem oben der „Fächerförmige Pavillon“ steht. Ja, mit ein bisschen Phantasie ist das wohl so. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, kann ich knapp über die Hecke auf den See hinüberspähen. Aber interessanter finde ich das ältere Paar, das klassische chinesische Musik hört und sichtlich im Augenblick schwelgt. Das jüngere Paar hat sich dann mit dazugesetzt.

„Fan-shaped Pavilion“

Ein Stück weiter steht ein weiterer Pavillon: „Room for Listening to Rain“. Dieser Pavillon ist „geschlossen“, nicht offen, vor den verglasten Fenstern hängen Gardinen, innen steht ein einsamer Eimer Farbe auf blankem Boden. Also zwei Pavillons, einer für sonniges, einer für Regenwetter. Gefällt mir gut. Also die Idee, einen Pavillon zu haben, um dem Regen zu lauschen, nicht die Renovierung und dass ich nicht hinein kann.

Garten, Steine, Teich

Ich gehe weiter, der Rundgang führt mich am Teich vorbei. Wobei der Teich eher ein Kanal ist, das Wasser wird vom Houhai abgezweigt und einmal rund durch das Anwesen geleitet.

Teich in Song Qinglings Residenz, Bäume mit erstem Frühlingsgrün spiegeln sich darin.

Teich in Song Qinglings Residenz

Zu einem ordentlichen chinesischen Anwesen gehören auch immer hübsche Steine und besonders gehegte Bäume und Pflanzen.

„must haves“ in chinesischen Gärten!

Die Ausstellung

Nächste Station des Rundgangs ist die Ausstellungshalle. Davor steht aber dieses Gefährt.

Fahrzeug vor der Ausstellungshalle

Überhaupt ist viel Militär auf dem Gelände. Auf einem kleinen Platz stehen etwa 40 Soldaten in kleinen Gruppen, die jeweils verschiedene Texte laut und durcheinander rezitieren. Haltung und Stimmung scheinen eher locker-gelöst. Ich hab keine Ahnung, um was es geht, bin neugierig, aber niemand da, der es mir erklären könnte.

Ich betrete das Ausstellungsgebäude. Gleich hinter dem Eingangsbereich befindet sich eine große Halle, die offensichtlich auch für Veranstaltungen genutzt wird.

Statue von Song Qingling in der Halles des Ausstellungsgebäudes ihrer Residenz

Halle im Ausstellungsgebäude

In der Ausstellung – chronologisch wird man durch Song Qinglings Leben und Wirken geführt – werden viele Bilder (Fotos und Gemälde), Briefe, etliche Kleidungsstücke gezeigt.

Gemälde, das Song Qingling inmitten einer Kinderschar zeigt.

Die beliebteste Großmutter aller chinesischen Kinder!

Mich freut wirklich, dass die Ausstellung durchgängig auch Englisch beschriftet ist. Das sind viele kleinere Schilder an den Wänden, aber auch so schnieke „Bücher“.

Buch als Beschilderung in der Ausstellung

So edel kann man eine Ausstellung beschildern

Besonders beeindruckt mich jedoch ein Geschenk, dass Stalin Song Qingling gemacht hat: ein ZIS-110 Sedan.

Ein ZIS-110-Sedan, Geschenk von Stalin an Song Qingling

Geschenk von Stalin

Rund 20 Jahre lang soll sie ausschließlich diesen Wagen benutzt haben.

Dann bin ich durch mit der Ausstellung, trete vor die Tür und da steht dann dieser Wagen. Nicht so schnieke, aber auch praktisch (manchmal vermisse ich mein Tuktuk).

In die Jahre gekommenes Tuktuk vor dem Ausstellungsgebäude

Das ist keine Limousine.

Taubenschlag des Friedens

Der Rundgang führt mich nun zum „Taubenschlag des Friedens“.

Taubenschlag

Taubenschlag

Taubenschläge sieht man hier in Peking ja viele, zum Beispiel auf vielen Dächern in den Hutongs. Diesen hier gab es zu Lebzeiten von Song Qingling noch nicht, sondern er wurde 2001 von Unternehmern, die mit Taubenzucht zu tun haben, gestiftet. Lest euch den Text des Schildes durch! Ist das nicht wieder herrlich? Ich glaube ja, dass man China auch durch aufmerksames Lesen und Betrachten seiner Schilder gut kennenlernen kann. :)

Das Hauptgebäude

Die nächste Station ist das eigentliche Wohnhaus, das Hauptgebäude. Die Einrichtung ist original, auf etlichen Schildern wird darauf hingewiesen, dass Song Qingling sparsam war und an der veralteten Ausstattung festgehalten hat.

Arbeits- und Schlafzimmer

Empfangs- und Wohnzimmer

Outdated oder nicht, auch wenn es kein protziger Palast ist, geräumig genug ist es jedenfalls, vor allem im Vergleich dazu, wie beengt viele Chinesen heute noch leben. Andererseits aber sicher ein angemessener Wohnsitz für die bisher einzige chinesische Ehrenpräsidentin.

Durch den Garten geht es zurück zum Eingang. Dabei geht es an diesem  500 Jahre alten Gelehrtenbaum (auch „japanischer Pagodenbaum“) vorbei, der von Song Qingling als „Phönixbaum“ bezeichnet worden sein soll, weil der Baum mit den im Westen nach oben gerichteten Ästen und den im Osten zum Boden geneigten Ästen wie ein Phönix beim Abheben aussehen solle. Aha. :)

Gelehrtenbaum – „Phönixbaum“

Mehr über Song Qingling

Mein Interesse, mehr über Song Qingling zu erfahren, wurde durch diesen netten Rundgang jedenfalls geweckt. Und mir ist wieder klargeworden, dass ich jetzt unbedingt endlich mal ein anständiges chinesisches Geschichtsbuch lesen muss.

Einen informativen Artikel findet man zum Beispiel hier bei der BBC: Soong Qingling: ‘The mother of modern China’.

Das Buch „Die drei Schwestern“ von Jung Chang wandert auf meine Wunschliste.

Und ich werde mal gucken, ob ich den Film „The Soong Sisters“ auftreiben oder streamen kann.

 

Fotos

Corona-Koller

Grüsse nach Deutschland und viel Geduld für Eure zweite Woche ohne Schule und Co. Bei uns sind es jetzt zwei Monate und weiterhin ist kein Ende in Sicht. Ich habe inzwischen einen ausgewachsenen Corona-Koller: Budenkoller, Frust, Lethargie, Zorn, Trauer über ein verlorenes Vierteljahr (das wird es wohl mindestens), Mangel an realen sozialen Kontakten. Zum Glück immer nur phasenweise, es nutzt ja nix, wir müssen da durch – und es geht uns angesichts der Umstände gut.

Ja, aber kann man in China nicht schon von Normalisierung reden? Es gibt doch keine lokalen Neuansteckungen mehr, „nur“ noch importierte? Es ist doch mehr auf den Straßen los?

Vielleicht ist das Normalisierung, aber hier ist noch lange nichts normal…

Ja, es ist mehr auf den Straßen los, denn immer mehr Menschen müssen/dürfen wieder arbeiten gehen. Außerdem ist Frühling, über 20 Grad, eigentlich fängt jetzt die schönste Jahreszeit hier an. Es ist ja auch nicht grundsätzlich verboten rauszugehen. Gestern hatte ich nach der Fahrt zum Supermarkt aber keinen Nerv mehr. Die eigene Maske nervt und ausschließlich in andere Maskengesichter zu gucken, das ist nicht normal, das fühlt sich apokalyptisch an. In den eigenen vier Wänden habe ich dann doch wenigstens die Illusion von Normalität.

Frühling, endlich.

Allerdings bin ich heute am Compoundtor gefragt worden, wo ich hin möchte, als ich ein zweites Mal losgefahren bin, nachdem ich vormittags schon beim Bäcker und beim Metzger war.
„Sachen kaufen.“ -„Was für Sachen?“ -„Reis.“- „Okay.“ 

„Sachen kaufen“ habe ich mit einem Umweg verbunden, erst ein bisschen in der Stadt nach dem Rechten sehen. Da ich zwischendrin das Scooter-Akku nicht wieder vollgeladen hatte, hat es nur für eine kürzere Runde gereicht: Sanlitun, Dongzhimen, Galaxy Soho, Observatorium, CBD – steht alles noch. Straßen immer noch relativ leer.

CBD steht noch

Tuanjiehu-Park

Irgendwann sagte der Blick aufs Akku: umdrehen/Rückweg. Der Tuanjiehu-Park liegt auf dem Weg, also habe ich da einen Zwischenstopp eingelegt, um mir die Füße zu vertreten. Da war relativ viel los, also Normalisierung? Nee, nicht mit all diesen Masken. 

Wasserkalligraphie

Der Tuanjiehu-Park ist klein, aber seht nett mit viel Wasser angelegt.

Tuanjiehu-Park

Einen Großteil der Parkfläche nehmen ein Aquapark und Kinderbespassungsanlagen „Carnies“ (Karussels, Hüpfdinger etc.) ein – natürlich geschlossen im Moment. Nicht normal. Ob die Entenboote noch Winterpause haben oder auch mit unter Quarantäne fallen, weiß ich nicht.

Park mit Aussicht

Nach zwei Runden hat es dann auch gereicht, und ich bin weiter zum Jingkelong gefahren. Wir brauchten wirklich Reis. Hier steht wie erwartet ein Wächter am Eingang, aber als ich ihm mein Handgelenk für die Temperaturkontrolle entgegenhalte, winkt er ab und deutet auf einen Kasten, aus dem mich mein eigenes Maskengesicht anlacht und, nachdem ich kurz davor stehen geblieben bin, 36° anzeigt – ich darf hinein. Der Laden ist gut besucht, aber nicht übervoll, die Regale sind gut gefüllt, es gibt alles. Die Reisauswahl im Jingkelong überfordert mich wie immer, also einfach irgendeinen 5-Kilo-Sack geschnappt, fertig. Am Ausgang ist ein Blumenstand, ein paar Tulpen müssen mit. Mittlerweile könnte ich wohl auch eine komplette Kleinfamilie mit dem Scooter transportieren, da kann ich auch mit Blumen in der Hand fahren…

Wer den Scooter liebt, der…

Ja, der Scooter. Als ich am Chaoyangpark entlangfahre, zeigt er mit noch 20 Prozent Akkuladung an, das reicht locker, denke ich, und switche nicht in den eco-Modus. Aber hinter der Französischen Botschaft sind es plötzlich nur noch 4 Prozent, hektisches rotes Blinken und aus. Tja, Premiere, wer seinen Scooter liebt, der schiebt. Zum Glück hab ich kein größeres, schwereres Modell, aber viel länger als diese Viertelstunde hätte ich auch nicht schieben mögen. Schreckmoment am Compoundtor nach dem ersten Fiebermessen, andere Hand hingehalten, uff, alles gut.

Keine Normalität, kein Ende in Sicht

Wie gesagt, allein dadurch, dass man überall außerhalb der eigenen vier Wände mit den Masken konfrontiert ist, wird man ständig daran erinnert, dass derzeit nichts normal ist. Dass es weiterhin kein Datum für die Wiederöffnung der Schulen gibt und dass wir nach der letzten Mail aus der Schule weiterhin damit rechnen, dass es frühestens ab dem 20. April wieder losgehen kann – keine Normalität.

Teilweise werden Regelungen sogar verschärft, in Restaurants soll nur noch eine Person pro Tisch sitzen, in einem Restaurant, wo normalerweise 300 Leute Platz finden, sind aktuell maximal 15 Personen gleichzeitig erlaubt. Das in Verbindung damit, dass keine Besucher in die Compounds gelassen werden, hat unser soziales Leben außerhalb der Familie fast komplett in den virtuellen Raum verlagert.

Meine Nachwuchsnerds kommen mit der Situation immer noch überraschend gut klar, so wie sie auch mit der Online-Schule gut zurechtkommen, teils sogar deutlich besser als mit normaler Schule. Ich steh ja auch normalerweise für Fragen zur Verfügung, aktuell muss ich deutlich mehr erklären. Nun bin ich also doch das, was ich nie sein wollte: Aushilfslehrerin. ;)

Ich habe hier den Eindruck, dass Kinder mit bisher streng reglementierten Medienzeiten und wenig Zugang zu Handy/PC sich derzeit deutlich schwerer tun. Oder etwas zugespitzt: Medienabstinent ist das neue Bildungsfern. Und wir sind hier in einer relativ privilegierten Situation mit der gut ausgestatteten Auslandsschule – an staatlichen deutschen Schulen dürfte da vieles nicht machbar sein. 

Blick nach Deutschland

Hier so lange schon mit den Einschränkungen zu leben, das zerrt so schon an den Nerven. Aber zuzugucken, wie die Krankheitswelle nahezu ungebremst auf Deutschland zu- und darüberwegrollt, das belastet zusätzlich, weil das so nicht hätte passieren müssen. (Kluger Artikel dazu übrigens in der New York Times: „China Bought the West Time. The West Squandered It.“ Ist zwar schon eine Woche alt, aber weiterhin aktuell.)

Wir haben uns ja schon lange gewundert, warum nichts passiert, z.B. bei der Einreise am deutschen Flughafen. Ja, auch mit Temperaturkontrollen erwischt man sicher nicht alle Infizierten, aber Passagiere einfach so durchzuwinken kann es definitiv auch nicht sein. Wer Maßnahmen eingefordert hat und entsprechendes geschrieben oder gesagt hat, musste sich der Panikmache und der Hysterie bezichtigen lassen.

Wie kann es sein, dass in der globalisierten Welt erst mit zögerlichem Handeln begonnen wird, wenn die Einschläge in unmittelbarer Nachbarschaft sind? Hallo, Luftverkehr, schon mal davon gehört? Aber China ist das Land, wo nur ein Sack Reis umfällt, sowieso böse und sowas von hinter dem Mond? Was in China in den ersten Wochen passiert ist, daran gibt es nichts zu beschönigen – aber der Rest der Welt hätte wissen müssen, was da kommt und hat trotzdem nicht genug getan.

Wochenlanges Runterspielen – alles ja nur Hysterie, Panikmache – ist es dann wirklich verwunderlich, wenn viele Menschen das jetzt noch nicht ernst nehmen? Hätten die sehr harten Maßnahmen für alle jetzt wirklich sein müssen, wenn man frühzeitig Einreisende unter Quarantäne gestellt hätte,  so wie China das jetzt macht, um den Re-Import des Virus bzw. die weitere Ausbreitung zu verhindern? 

Nun ist es vermutlich eh zu spät. Immerhin, endlich Frühling.

Forsythie. Hilft nicht gegen Covid-19 (auch nicht gegen den Virus im Film „Contagion“). Macht aber gute Laune.

Huangcheng Xiangfu

Als ich überlegt habe, wohin ich diesen September wohl fahren könnte, bekam ich von Ulrike vom bambooblog den Tipp, mir eine echte Burg in China anzusehen: Huangcheng Xiangfu. Ihr Blogeintrag hat mich wirklich neugierig gemacht, diese Burg mit eigenen Augen zu sehen – ist halt doch mal etwas ganz anderes. Shaolinkloster und die Longmen-Grotten hatte ich auch auf meiner Wunschliste, daher bot sich Luoyang als Standort an, auch wenn es von hier bis zur Burg es gut zwei Stunden Autofahrt sind.

Hinfahrt

Kreuz und quer geht es durch Luoyang über breite, aber leere Straßen zur Autobahn. Auch hier kaum Verkehr. Wir überqueren den Huang He, den Gelben Fluss, was der Fahrer mir nicht ohne Stolz noch bestätigt. An der Grenze zwischen Henan und Shanxi werden wir angehalten und unsere Papiere kontrolliert.

Die Sicht ist nicht besonders gut, eine doofe Mischung aus Nebel und Smog, aber dann tauchen am Horizont doch bald Berge auf. Ich klebe die ganze Zeit mit der Nase an der Scheibe. Die Berge sind für mich Flachlandtiroler ganz schon groß und steil, die Brückenbauwerke faszinierend, vor allem, wo es ganz oben am Rand von Kühltürmen entlang geht.

Ankunft

Ticketcenter und Zugangskontrolle sehen genauso aus wie an vielen anderen chinesischen Sehenswürdigkeiten. Es ist – fast – nichts los, die breiten Zufahrtsstraßen, die riesigen Parkplätze hatten mich anderes vermuten lassen. In der Golden Week sieht das sicher ganz anders aus.

Nachdem ich endlich die – ausgiebige – Sicherheitskontrolle hinter mich gebracht habe, stehe ich vor dem eigentlichen Zugang und fühle mich angesichts des eindrucksvollen Komplexes recht klein. 

Burg, Festung, Residenz?

Ausgeschildert war unterwegs „Primeminister’s mansion“. Ich muss Ulrike zustimmen, all diese Bezeichnungen passen nicht richtig und irgendwie doch. Wie eine Burg ist es eine große, gemauerte Anlage, aber halt doch eindeutig chinesisch. So zum Beispiel die vielen Wohnhöfe innerhalb der Burg, die zahlreichen, detaillierten Verzierungen. Als erste kraxele ich auf die Burgmauer, auf der ich fast den ganzen Komplex umrunden kann und einen Überblick gewinne.

 

Natürlich sind das hier keine Satellitenschüsseln, sondern Trommeln…

Auch wenn es auf den ersten Blick wie ein wuseliges Gewirr von Dächern aussieht, es lassen sich doch Strukturen wie die „Siheyuans“ (4 Gebäudeteile rund um einen Innenhof) erkennen.

Es ist brüllend heiß, Smog und Nebel haben sich aufgelöst und oben auf der Mauer gibt es kaum Schatten. Ich bin immer noch nicht dem klugen Beispiel der Chinesinnen gefolgt und habe immer noch keinen Sonnenschirm in meinem Ausflugsgepäck. Trotzdem, ich bin so hingerissen, dass ich nur kurz in einem der Ecktürme raste, meine Wasserflasche in einem Zug leere und dann doch jeden zugänglichen Meter erkunde – und alle paar Schritte ist wieder etwas neues zu entdecken. Irgendwann klettere ich aber doch eine Treppe hinunter.

Auch wenn es in den schmalen Gängen zwischen den Gebäuden zum Teil schattig ist, steht hier doch die Hitze. Ich brauche dringend Wassernachschub, aber mein erster Versuch scheitert am Mittagsschlaf des Verkäufer, macht nichts, es gibt ja noch weitere Verkaufsstände.

Zum Glück werde ich rasch fündig und laufe dann etwas erfrischt kreuz und quer unten durch die Gänge. Die meisten Gebäude sind verschlossen, nur ein paar Shops sind geöffnet – Bilder, Kalligraphien, Souvenirs, Getränke, Snacks. In vielen Höfen wird gearbeitet, es werden Blumentöpfe zu Blumenbildern arrangiert, die von zahlreichen Arbeitern überall hin getragen werden.

Nach drei Stunden bin ich fix und fertig, meine Erkältung ist wirklich übel. Ich wäre gerne noch länger geblieben, aber das wäre ziemlich unklug gewesen. Also texte ich dem Fahrer und zwanzig Minuten später treffen wir uns und fahren zurück.

Rückweg

Natürlich – wir sind in China! – ist hinter dem Burgausgang eine kleine „Shoppingmeile“ aufgebaut, wo es alles zu kaufen gibt, was es überall in China an Souvenirs gibt, hier kommt der berühmte Shanxi-Essig dazu.

Ich kann nicht den gleichen Weg zurück zum Parkplatz nehmen, der direkte Weg ist versperrt, aber an der schmalen Landstraße ohne Fußwege, auf der immer wieder Busse und Laster vorbeifahren, möchte ich eigentlich nicht zurückgehen. Ich erinnere mich, bei der Ankunft eine Unterführung gesehen zu haben, und richtig, dort ist der Eingang. Irgendwie finde ich das sehr kurios, dieser moderne Tunnel, wie es so viele auch in Peking gibt, direkt vor dem alten Gemäuer.

Auch die Rückfahrt genieße ich, hätte mir viel Spaß gemacht, hier selbst zu fahren (blöd, dass ein Mietwagen immer viel teurer ist, als einen Wagen mit Fahrer zu engagieren). An einem Berghang sehe ich wieder eine beeindruckende Serpentinenstraße – inklusive Spuren eines Abrutsches. Ein mit Gefahrstoffen beladener und x Gefahrenschildern gekennzeichneter LKW überholt uns. Auch im Tunnel wird die durchgezogene Linie von ihm ignoriert und er gibt mächtig Gas. Da bin ich dann doch ganz froh, nicht selbst am Steuer zu sitzen, denn vermutlich hätte ich selber das Gaspedal durchgetreten, um bloß keine unangenehme Begegnung im Tunnel damit zu haben.

Wir fahren wieder an den Kühltürmen vorbei, dann das letzte Gefälle, bis wir wieder in der breiten, flachen Flussebene sind, wo dann ein paar Kilometer weiter die ersten Hochhauswälder Luoyangs erscheinen.

Ich bin einerseits total begeistert von dem Tag, andererseits bin ich total kaputt. Meine Stimme ist komplett weg, die zweite Großpackung Taschentücher ist aufgebraucht. Ich habe vermutlich auch wieder Fieber. Also falle ich zurück im Hotel direkt ins Bett. Beim Einschlafen überlege ich, am nächsten Tag zurück nach Peking zu fahren, wenn es mir nicht besser geht.

Ein paar Tage in Luoyang

Wie jedes Jahr sind die Jungs in der Woche vor der Golden Week auf Klassenreise, wie jedes Jahr ist das auch für mich die Gelegenheit in China zu reisen. Die Wahl fiel diesmal auf Luoyang in der Provinz Henan. Für chinesische Verhältnisse mit nur 1,6 Millionen Einwohnern im eigentlichen Stadtgebiet fast ein Dorf (im kompletten Verwaltungsgebiet Luoyangs sind es 6,5 Millionen).

Drei Tagesflüge hatte ich auf dem Zettel: Longmen-Grotten, Shaolin-Kloster und die Festung Huangcheng-Xiangfu. Für An- und Abreisetag hatte ich den Tempel des Weißen Pferdes, den Guanlin-Tempel und die Altstadt auf dem Zettel. Spoiler: krankheitsbedingt sind die Tempel ausgefallen, ich war mal wieder mit unschöner Erkältung unterwegs und hab es deutlich langsamer angehen lassen als sonst.

Angenehme Zugreise

Montagmorgen verabschiede ich erst den einen, danach den anderen Sohn, anschließend tuckere ich selbst zum Westbahnhof. Pekings Straßen sind relativ frei, so dass das ganz entspannt ist (ich muss an meine erste Shanghai-Reise denken, wo ein schlimmer Unfall auf der Jingmi Lu für einen solchen Megastau gesorgt hat, dass ich meinen Zug nur dank pfiffigem-mutig/leichtsinnigem Taxifahrer knapp erwischt hab). Der Westbahnhof ist etwas kleiner als Süd- und Hauptbahnhof. Anders als dort gibt es hier keinen großen Wartebereich in der Mitte, sondern vom langen, breiten Gang gehen Wartebereiche für die jeweiligen Gleise ab. Insgesamt wirkt der Bahnhof etwas altmodischer, aber auch ruhiger auf mich – obwohl es recht voll ist.

Gut 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges (der über Xi’an nach Chongqing weiterfahren wird) ballt es sich etwas vor der Ticketkontrolle, aber dann geht es doch zügig weiter und runter auf den Bahnsteig. Wagen 1-8 nach links, 9-16 nach rechts. Auf dem Boden sind Markierungen mit den Wagennummern an denen sich ordentliche (!) Schlangen bilden. Der Zug fährt ein und ratzfatz sitze ich auf meinem Fensterplatz. Mit bis zu 300 Stundenkilometern geht es über Baoding, Shijiazhuang, Xingtai, Zhengzhou nach Luoyang-Longmen. Pünktlich. Überall.

Provinzbahnhof in China

Zwischenhalt

Ca. 800 Kilometer in 4 Stunden (es gibt auch einen Zug mit weniger Zwischenhalten, der nur 3 Stunden braucht, war aber ausverkauft). Ich hab auch durchgängig super Handyempfang, nur in Tunneln ist es mal kurz ruckelig (habe mich aber auch nicht ins Zug-WLAN eingeloggt).

Ankunft in Luoyang

Wie so viele Städte war auch Luoyang mal Hauptstadt, bis es von Chang’an (dem heutigen Xi’an) abgelöst wurde. Im Norden der Stadt fließt der Gelbe Fluss, durch die Stadt der Luohe und der Yihe. Es ist völlig eben, erst am Stadtrand beginnen die Berge. Rund um den Bahnhof ist viel gesperrt, eine Mischung aus Bauarbeiten und Sicherheitsvorkehrungen. Schließlich finde ich ein Taxi, fahre zum Hotel und lege meine Erkältung erstmal ins Bett. Am späten Nachmittag hält mich dann aber nichts mehr, ich bitte noch schnell die Mitarbeiterin am Empfang, einen Fahrer für den nächsten Tag für mich zu finden und mache mich auf in die Altstadt.

Luoyangs Altstadt

Durch das sehr hübsch wieder aufgebaute Lijing Gate gehe ich in die Altstadt. 

Eine Gasse mit unzähligen Läden, Restaurants und Verkaufsständen, von der kleinere, schmuddelige unrenovierte Gassen abgehen. Es ist wuselig und voller Leben. Es gibt Kitsch und Kunsthandwerk, Snacks und Süßigkeiten. Viele Ateliers, viele Werkstätten (vor allem solche, die Bilder und Kalligraphien individuell rahmen). Hier wird gewohnt, gelebt und gearbeitet.

Der Nachtmarkt

Dann komme ich an eine Kreuzung. In die eine Richtung sieht es so aus:

 In den anderen drei Richtungen stehen lauter rote Buden auf Rädern.

Es ist ein wildes Durcheinander. Geschnatter und Gekicher. Plötzlich eine Lautsprecherdurchsage und ein schriller Pfiff und dann rennen und fahren die Leute mit ihren Buden los: jetzt wird der Nachtmarkt aufgebaut. Als ich später zurück komme, sieht es so aus:

Noch später ist es dann noch voller und wuseliger. Und trotz meiner Schnupfnase hauen mich die vielen verschiedenen Gerüche beinah um. An einem Straßenstand esse ich ein paar Jiaozi, danach reicht es mir (bzw. der Erkältung) auch – und am nächsten Tag will ich halbwegs fit für die Burg sein.

Fotos

 

Mehr aus Luoyang wird in den nächsten Tagen erscheinen:

Zu Besuch in Shanghai

Meine Freundin ist von Peking nach Shanghai umgezogen. Die Jungs und ich haben uns direkt zu einem Besuch in Shanghai aufgemacht. Die Anreise mit dem Gaotie, dem Superschnellzug, war komfortabel, angenehmer als zu fliegen. Sicherheitskontrollen gibt es zwar auch in Bahnhöfen, aber Check-in und Boarding gehen dann doch erheblich schneller als am Flughafen. Mit Zugfahren in Deutschland kaum zu vergleichen: die Züge sind günstig, zuverlässig und pünktlich. Mit 340-350 km/h haben wir in viereinhalb Stunden die 1200 km nach Shanghai zurückgelegt (Hamburg-München: über 6 Stunden für keine 800 km).

Sightseeing mit Kindern

Im Vordergrund stand natürlich der Besuch bei Freunden, trotzdem war ein bisschen Sightseeing möglich. Von Qingpu aus sind wir erst mit dem Didi ins Zentrum zum People’s Square gefahren. Der Spaziergang dort fiel kurz aus, vier Kinder können ganz schön viel „Wie lange noch?“, „Wann gibt’s Eis?“, „Mir tun die Beine weh!“, „Es ist zu heiß!“ (korrekt! Es war sehr heiß und extrem schwül.) von sich geben. Also bestiegen wir einen der Hop-on-hop-off-Busse und liessen uns kreuz und quer durch Shanghai fahren.

Mit dem Bus durch Shanghai

Mit dem Bus durch Shanghai

Im klimatisierten Bus waren dann auch alle wieder zufrieden. Am Bund stiegen wir dann aus – und das Pudong-Panorama mit den Türmen hat tatsächlich auch die Kinder eine Weile gefesselt.

Shanghai

Shanghai

Shanghai - Huangpu

Huangpu

Dann war die Bande hungrig, also ging es zu einem Food Court in der Nanjing Road. Essen fassen plus Sightseeing, clever gelöst von uns. Auf dem Weg zum Bus kamen wir dann noch an einem Flagshipstore für bunte Schokolinsen mit und ohne Nüsse oder Mandeln vorbei. Das war ein wenig Konsumquatsch-Overkill, aber durchaus interessant. Und: mit diesem Proviant versorgt war dann auch für gute Laune für die weitere Sightseeingtour mit dem Bus gesorgt.

Nanpu-Bridge

Die Tour führte uns jetzt von Puxi nach Pudong, und zwar über die Nanpu-Brücke. Wow! Was für ein Bauwerk: eine der größten Schrägseilbrücken der Welt. Platz ist knapp in Shanghai, deshalb ist die Brückenauffahrt in Puxi in spiralförmig. Oben im offenen Doppeldeckerbus war das schon sehr abenteuerlich, fast wie Achterbahn fahren. Die Brücke hat uns jedenfalls alle – auch die Kinder – nachhaltig beeindruckt.

Auffahrt Nanpu-Brücke

Auffahrt Nanpu-Brücke

Mistwetter

Aus der extrem feuchten Luft wurde erst ein leichter Nieselregen, dann wurde der Regen heftiger. Die Wolken hingen ziemlich tief. Bedeutet: die Fahrt auf die Türme kann man sich schenken bei praktisch kaum vorhandener Sicht. Ich war ja schon bei meinem ersten Shanghai-Aufenthalt vor vier Jahren schon auf dem Flaschenöffner und dem Oriental Pearl Tower, für die Jungs haben wir das jetzt auf den nächsten Besuch in Shanghai verschoben. Jedenfalls beschlossen wir, im Bus sitzen zu bleiben und die Rücktour mitzumachen, die uns noch einmal über die großartige Nanpu-Brücke führte. 

Gringotts?

Am Bund auf Höhe des Fußgänger-Sightseeingtunnels steigen wir wieder aus dem Bus. Die Kinder sind platt, aber wenn man schon am  Bund ist, möchte man natürlich gerne auch in eines der historischen Gebäude gehen. Praktischerweise ist genau gegenüber eine Filiale der Bank of China. Wir steigen ein paar Stufen im Eingangsbereich hoch, passieren einen Wächter und stehen dann in einer riesigen Halle, die mich von der Atmosphäre her stark an die Zaubererbank Gringotts aus den Harry-Potter-Verfilmungen erinnert. Nur, dass keine Kobolde an den vielen Schaltern sitzen, sondern Menschen. Leider ist Fotografieren verboten. Der Größe der Bank zum Trotz gibt es nur zwei ATMs, von denen nur einer funktioniert. Jetzt reicht es den Kindern wirklich, und so tuckern wir nach Hause.

Besuch in Shanghai, nachts

Bund und Pudong wirken im Dunkeln, bunt beleuchtet noch mal ganz anders als tagsüber. Die eine Hälfte der Kinder kannte das schon, die andere wollte nicht, also tuckerten meine Freundin und ich an einem Abend alleine in die Stadt hinein. Starten wollten wir am Pearl Tower, aber leider waren wir knapp zu spät dran – ab 21 Uhr werden keine Tickets mehr verkauft. Ich kannte den Blick schon, meine Freundin wird als Neu-Shanghaierin noch viele Gelegenheiten haben, auf die Türme zu kommen, also hielt sich die Enttäuschung in Grenzen – zumal wir beide Pudong auch von unten absolut atemberaubend fanden.

Shanghai, Skyscraper

Shanghai, Skyscraper

Der Oriental Pearl Tower ist an diesem Abend ausschließlich rot angestrahlt, ich erinnere mich, dass beim letzten Besuch die Farben wechselten. Wir spazieren über die Fußgängerbrücke vom Pearl Tower in Richtung Flaschenöffner (Shanghai World Financial Center). Das gefällt uns beiden ausnehmend gut, eine Fußgängerzone oberhalb des Autoverkehrs, gerade hier, wo man den Blick nach oben und nicht zum Verkehr ausrichten will, ist das super.

Schließlich stehen wir genau zwischen den drei Türmen:

  1. dem höchsten Gebäude Chinas: dem Shanghai Tower
  2. dem Shanghai World Financial Center, auch als „Flaschenöffner“ bekannt und
  3. dem Jinmao Tower.

Wie beim ersten Besuch in Shanghai vor vier Jahren bin ich total fasziniert und kann nicht genug kriegen (merkt man eventuell auch in der Fotogalerie…). Zusammen mit den vorbeiziehenden Wolken und den vielen Lichtern ist es ein großartiger Anblick. Auch bei diesen Türmen sind die Aussichtsplattformen inzwischen geschlossen, wir umrunden den Shanghai Tower und begegnen dabei fast niemandem mehr – und das mitten in Shanghai, zu gar nicht mal so später Stunde.

Besuch bei Freunden

Der Rest unseres Shanghai-Aufenthaltes war weniger touristisch. Wir haben die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort erkundet und waren uns einig, wie gut wir es mit dem alten Supermarkt am Pinnacle Plaza in Shunyi hatten. Rückblickend wissen wir beide den jetzt noch mehr zu schätzen. Die Kinder haben ungeachtet des Altersunterschiedes gespielt wie die Weltmeister, und wir Frauen hatten Zeit zum reden.

Aufreibender Aquariumbesuch

An einem Tag bin ich mit den Kindern noch einmal durch Pudong spaziert und wir waren im Aquarium (direkt neben dem Oriental Pearl Tower). Davon hatten wir uns mehr versprochen, es war nett, aber nicht umwerfend, und unglaublich voll und wahnsinnig laut. Und ich war froh, dass ich alle vier Kinder zusammenhalten konnte und wieder mit rausgebracht habe, da hätte ich gerne diese „Kinderleinen“ im Einsatz gehabt, die man in China oft sieht (genau für solche Örtlichkeiten sind die sicher gemacht). Der Unterwassertunnel, durch den man auf einem schmalen Laufband getragen wird, hat uns aber gut gefallen. Dusseligerweise hatte ich meine Kamera vergessen, aber in dem Gewusel hätte ich sowieso nicht fotografieren können ohne die Kinder zu verlieren.

Die paar Tage gingen viel zu schnell vorbei, aber früher oder später heißt es bestimmt wieder „zu Besuch in Shanghai“ (gerne aber auch „Besuch in Peking“!). Die Rückfahrt mit dem Zug war genauso angenehm wie die Hinfahrt. Beiden Jungs hat Shanghai gut gefallen, beeindruckt haben sie die „elevated roads“, die Türme, die Nanpu-Brücke und dass Shanghai viel grüner als Peking sei. Und Shanghai fühle sich weniger chinesisch als Peking an. Gibt auf jeden Fall noch mehr als gut genug dort anzugucken. :)

Fotos