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Die fröhlichsten Schnitzel der Welt

Meine Tochter und ich sind in der Unterzahl, in unserer Familie steht es 2:5. Hier in Peking steht es sogar nur 1:3. Verflixte Männerübermacht, die – Achtung, ein Klischee – eine Vorliebe für Schnitzel hat. Ich weniger. Also hat Männe lange Jahre probiert und experimentiert und es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Mit seinen Suppen muss er noch üben, aber bei den Schnitzeln gibt es nichts mehr zu meckern. Für unsere mäkeligen Kurzen ist das sogar das Lieblingsessen.

Als dann kürzlich Nummer 4 in der Schule gefragt wurde, ob und was die Kinder an Essbarem zum Schulflohmarkt für den guten Zweck beitragen – es wird mit dem Projekt Candlelight eine Wanderarbeiterschule unterstützt, mehr Informationen auf der Schulwebseite – war es für den Junior klar: wieder Schnitzel. Das haben er und Männe schon beim letzten Flohmarkt angeboten und es lief super. Junior hatte dann auch schon alles klargezogen, und uns danach erst informiert – da hat er Glück gehabt, dass Männe tatsächlich Zeit hat.

Normalerweise kaufen wir Fleisch hier draußen bei uns im auf Westler ausgerichteten Supermarkt. Aber für so eine Aktion braucht man ja ein paar Grämmchen mehr, also habe ich eine Freundin gefragt, ob sie nicht zufällig was vom Sanyuanli-Markt braucht – Glück gehabt, sie brauchte. Zu zweit ist es ja doch netter, den weiten Weg in die Stadt hineinzufahren, wobei wir Glück gehabt haben, und es zwar Stockungen aber keinen Stillstand gab. Einen Parkplatz gab es auch genau gegenüber vom Markt, alles perfekt.

Der Sanyuanli-Markt

Der Sanyuanli-Markt ist eine Pekinger Institution. Hier kaufen Restaurantschefs und Hobbyköche, aber auch Otto Normalchinese. Es gibt einfach alles, was man in der Küche brauchen könnte. Ich bin eine Weile nicht dort gewesen, konnte es anfangs nicht so richtig greifen, aber etwas war anders. Der Bäcker gleich vorne an ist neu, da war vorher ein Obststand, aber das war es nicht. Dann sah ich eine Frau mit Besen und der Groschen fiel: Es wirkte alles deutlich aufgeräumter und sauberer, der Gang war frei – der Markt befindet sich in einem langgezogenem Gebäude, ein Gang in der Mitte und links und rechts die kleinen Verkaufsstände. Auch alles schön sortiert: Vorne an finden sich jetzt Backwaren, dann haltbare Importware wie Kaffee, Kakao, Konserven, dann Obst, später folgen Geflügel, Schwein, Rind und Schaf, dann gibt es Gemüse, dann Fisch und Meeresfrüchte…

Und es riecht natürlich immer entsprechend! Als wir an den Fischständen vorbeigegangen sind, musste ich an den Markt in Liuku denken, wo es noch intensiver gerochen hat, wo die Gänge kreuz und quer gingen, es noch bunter und viel chaotischer war, wo mir dann ein Fisch vor die Füße gesprungen ist und es doch einen Moment gruselig war. Aber heute blieben alle Fische brav (und tot) auf den Tischen liegen, auch aus den Bottichen und Tüten (ja, Fische in wassergefüllten Tüten) ist nichts herausgesprungen – puh.

Fertig?

Wir haben unsere Einkäufe erledigt: Reichlich Schnitzelfleisch für den Schulflohmarkt, dann Geflügel zum Einfrieren für uns privat, dazu etwas Gemüse – am Ende waren wir schon ordentlich bepackt und sind umgedreht, den langen Gang zurück zum Ausgang.

Wir waren gerade wieder beim Fleisch angekommen, da höre ich das Klicken einer Kamera und sehe hoch und in ein großes Objektiv hinein. Ja klar, der Markt ist wirklich ein beliebtes Ziel für Fotografen. Es war allerdings nicht nur ein Fotograf, sondern es war eine Gruppe Japaner, alle mit Kameras bewaffnet – und alle konnten sich nicht über die beiden Langnasen einkriegen, die einen Großeinkauf auf einem chinesischen Markt getätigt haben. Man hat sich gegenseitig zugerufen und die Gruppe (samt Hocker für die bessere Perspektive von oben) zusammen getrommelt, nein, wie unfassbar exotisch, kicher, gacker, kreisch. Ich guck meine Freundin an – sie grinst, ich grinse, die Verkäuferinnen und Verkäufer an den Seiten grinsen und irgendjemand lacht los und irgendwann lachen wir alle, der ganze Markt. Der Wahnsinn.

Irgendwann können wir uns lösen, kommen noch an ein paar japanischen Nachzüglern dabei, müssen immer wieder kurz stehen bleiben und uns ablichten lassen. Gerne hätte ich zurückfotografiert, aber ich war zu schwer bepackt, keine Chance. Endlich kommen wir zum Auto und können fahren.

Für mich war das jedenfalls der lustigste Marktbesuch überhaupt – und auf dem Flohmarkt gibt es dann morgen sicher die fröhlichsten Schnitzel der Welt.

7 Kommentare
  1. Alicja von Lostbehindthemirror sagte:

    Das klingt so unglaublich spannend, ich bin gerade leicht „neidisch“ im positiven Sinne. Asien will ich unbedingt auch gerne kennenlernen und ich finde, Länder erlebt man als Einwohner ganz anders als als Tourist. Deswegen der „Neid“ – ich werde auf jeden Fall öfter hier bei dir vorbeischauen und stöbern. Und interessant zu hören, dass Schnitzel gut ankommt, in den USA ist Schnitzel auch unglaublich beliebt. Ich glaube, Schnitzel ist universal…

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    • Linni sagte:

      Hi Alicja,
      ja, in einem Land zu leben macht einen großen Unterschied aus, gerade weil es einem die Zeit und die Möglichkeit gibt, nicht nur die Top-Sehenswürdigkeiten immer wieder anzusehen, sondern weil es auch ermöglicht, dass man sich ganz Abgelegenes und weniger Bekanntes ansehen kann.
      Schnitzel ist schon etwas sehr Deutsches, aber die deutschen Restaurants hier, wo es – natürlich – auch Schnitzel gibt, haben echt guten Zulauf, und da machen die deutschen Expats eher einen kleinen Teil der Gäste aus.
      LG Linni

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  2. Kathrin sagte:

    Hallo Linni,
    Du schreibst ja immer sehr anschaulich, aber diesen Artikel fand ich besonders gelungen. Nur ein wenig zu kurz… 😉 Ich kann mir irgendwie gar nicht vorstellen, dass man in China Schnitzel kennt und isst. Habt ihr das erst bekannt gemacht an der Schule?
    Das große Hallo auf dem Markt dank der knipsenden Japaner stelle ich mir bildlich vor wie den Gang über den roten Teppich. Du wirst noch berühmt!
    Viele Grüße vom Querk(n) opf

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    • Linni sagte:

      Hallo Kathrin,
      danke dir! 🙂
      Nein, die Schule ist ja eine deutsche Schule, die es seit 1978 gibt. Und den Schulflohmarkt kann man sich dann ganz genauso vorstellen wie den an einer Schule in Deutschland.
      Oh Gott, berühmt werden will ich ganz sicher nicht. Aber dass westliche Ausländer hier viel fotografiert werden, daran haben wir uns inzwischen gewöhnt – der Ausländeranteil ist hier ja ziemlich niedrig, da fällt man halt auf. Aber die Situation am Freitag war halt doch ungewöhnlich und wirklich witzig. Und auch irgendwie schön, wenn Chinesen, Japaner und Deutsche über so ein Zusammentreffen, das so zumindest von den Japanern nicht erwartet wurde, gemeinsam so herzlich lachen können.
      LG Linni

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  3. Kerstin sagte:

    Liebe Linni,
    der Ausflug klingt super. Egal wo man auf der Welt ist, die Japaner sind überall und fotografieren alles im Rudel. Ich finde diese Gruppen immer wieder interessant. Im Urlaub bin ich denen schon häufiger begegnet. Ob die wohl ihre Umgebung richtig genießen können und wahrnehmen, wo sie gerade sind? Bei der Perspektive durch die Kamera kann ich mir das fast nicht vorstellen.
    LG Kerstin

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  4. Tabea sagte:

    Das klingt irgendwie super! Ich finde große Märkte immer schön, aber hier gibt es natürlich nicht so wirklich große Märkte.
    Interessant finde ich auch, dass es Schnitzel auf Schulflohmärkten gibt – bei uns hätte da nur Gebäck auf dem Programm gestanden; allerhöchstens noch belegte Brötchen. Am anderen Ende der Welt gibt es wohl doch andere Sitten 😉
    Mein Stiefvater kann übrigens auch nur Semi-gut kochen, aber super Schnitzel und Fleisch aller Art machen. Als Metzger muss er das wohl drauf haben, um seinen Kunden Zubereitungsratschläge geben zu können 😉 Jedenfalls finde es da manchmal sogar ich schade, dass ich kein Fleisch esse 😀 Und das will was heißen.

    Liebe Grüße

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  5. Sarah sagte:

    Hallo!
    Ich bin mega begeistert von solchen Märkten, die bunten Farben, die vielen verschiedenen Gerüche, einfach der Wahnsinn. Auch indische Märkte und Bazzare finde ich unheimlich spannend!
    Das mit den Japanern ist in Wien auch immer seeeeeeehr lustig. Schnitzel sind ja sowieso unser Landesessen und ich persönlich muss sagen, dass ich auf der Seite deiner Männer bin, Schnitzel sind auch mein Lieblingsessen.

    Danke, dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast, musste mitschmunzeln 😉

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