Alltagsbeobachtungen, Anekdoten, die in wenigen Zeilen erzählt sind oder mit einem Bild ausgedrückt werden können – das sind meine „Schnipsel“. Dieses Mal: Müll und Minibrand, Wollmarkt, Wetter.

Müll und Minibrand

An dem Tag, an dem unsere Klimaanlage geschrottet worden ist, hat ein besonders schlauer Raucher seine Kippe in eine Mülltonne geworfen und damit einen kleinen Brand im Nachbarturm ausgelöst. Zum Glück war dieser Dank dort schon fertig erneuerter Feuerlöschanlage schnell gelöscht. Wir haben auch erst Tage später davon etwas mitbekommen – durch die nun eingeführten Änderungen: Mülltonnen raus aus den Treppenhäusern! Seh ich ein, Sicherheit geht vor.

Zeitgleich wurde nun die inzwischen auch in Peking angekommene Mülltrennung direkt in den Haushalten eingeführt: kitchen/food, residual , recycable, hazardous. Die Standortfrage der Tonnen ist noch nicht richtig gelöst, alle paar Tage sucht man nun mit dem Müll in der Hand nach den Tonnen. Es ist halt eine Umstellung, fix vor die Apartmenttür stellen oder 20 Minuten Müllspaziergang. Das Richtige zu tun ist halt nicht immer das Bequemste.

Braucht jemand ’nen Schlauch?

Aber auch in unserem Turm ist die Anlage nun komplett erneuert, und das ist durchaus beruhigend.

Wollmarkt

Vor ein paar Tagen war ich das erste Mal auf dem Wollmarkt. Für die, die das noch von früher kennen: das Schild „Wool City“ gibt es nicht mehr. Dafür ist an der Ecke jetzt ein McDoof.

Wollmarkt – Eingang

Leider bin ich ein bisschen enttäuscht. Das liegt nicht daran, dass mehr als die Hälfte der Geschäfte dort geschlossen sind, sondern auch die Qualität (fast alles mit Kunstfaseranteil) und die Auswahl sind recht begrenzt, die Preise sind allerdings günstig bis okay. Außerdem hier erhältlich: Stoffe, Kleidung und ganz wenig Accessoires (Knöpfe, Borten, Reißverschlüsse etc.). Wenn man auf das in die Hand nehmen verzichten kann, bieten jindong oder taobao sicher mehr Auswahl.

Das einzige, was sich richtig ins Gedächtnis eingebrannt hat: diese beeindruckende Auswahl verschiedener Mopps.

Moppsauswahl

Pandemiebesonderheiten: Temperatur- und Health App-Check am Eingang, maximal 3 Personen pro Geschäft. Viele Geschäfte geschlossen.

Wollmarkt

Adresse:

Anningzhuang Donglu (west of Qinghe Xiaoying Qiao), Haidian District, Beijing
地址: 北京市清河毛纺城, 海淀区清河镇安宁庄东路(近清河小营桥) –  Wolle im 3. und 4. Stock – Täglich geöffnet, 09:30-17:00

Wetter…

Gefühlt regnet es in diesem Sommer bisher häufiger und heftiger als in den Vorjahren. Statistiken dazu kenne ich (noch?) keine. Jedenfalls war es gestern wieder so weit. Den ganzen Tag schon grau und dunstig, nachmittags wird es dann plötzlich noch dunkler und es fängt an zu schütten, und das richtig heftig. Ordentlich Wind dabei, so dass der Regen von allen Seiten kam. Normalerweise bleibt man dann besser drinnen, denn heftiger Regen in Peking kann durchaus gefährlich werden. 2012 sind 77 Menschen im Stadtgebiet ertrunken, nachzulesen hier im Beijinger. Jenseits des Zentrums in den Bergen besteht die Gefahr von Erdrutschen.

Gestern war zuhause bleiben aber keine Alternative, denn ich war ein letztes Mal mit einer Freundin zum Kaffeetrinken verabredet, die Peking heute verlassen wird. Unten in der Lobby war aber klar, dass rausgehen jetzt nicht so gut ist. Trotz Sandsäcken und fleißigen Ayis im Einsatz wurde die Pfütze immer größer.

Ayis und Sandsäcke kommen nicht gegen die Fluten an

Meistens sind die Regenschauer hier ja schnell vorüber, so haben wir unsere Verabredung nur eine halbe Stunde geschoben. In der Tat ließ der Regen nach und ich bin los gelaufen. Wasserfeste Trekkingsandalen haben doch ihre Existenzberechtigung in der Millionenmetropole, denn das Wasser stand weiterhin in den Straßen. Ich war gerade drei Minuten unterwegs, da gingen die Schleusen wieder auf und wegen des blöden Windes bin ich trotz Schirm ordentlich nass geworden. Bei 31 Grad wird einem dann aber nicht kalt. ;)

Neu angelegter Tümpel an der US-Botschaft… ;)

Ich musste dann noch an der US-Botschaft vorbei schwimmen, dann war ich im Café, wo die Klimaanlage zum Glück nicht auf Maximum gestellt war und ich schnell wieder trocken war. 

Da gestern niemand zu Schaden gekommen ist, kann ich es ja zugeben: war einer der coolsten Nachmittage seit langem.

Die chinesische Wirtschaft soll mit verschiedenen Maßnahmen wieder angekurbelt werden. Gleichzeitig ist Sicherheit ganz wichtig. Also gibt es nun sowohl eine gesetzliche Verpflichtung für moderne Feuermelde-Anlagen samt Notausgangs-Beschilderung wie gleichzeitig staatliche finanzielle Unterstützung bei der Installation oder Modernisierung derselben. So wurde es mir hier im Compound zumindest erzählt.

Tagelang waren Arbeiter im gesamten Komplex in den Treppenhäusern und Fluren unterwegs, haben große Löcher in die (abgehängten) Decken gesägt und kleine Löcher in die Wände gebohrt, Leitungen verlegt und so weiter. Letzten Freitag wurde dann auf unserer Etage gewerkelt und gebohrt.

Dann machte es nachmittags „plopp“ und unsere Klimaanlage ging aus. Sicherung rausgesprungen.

Sicherung ging nicht wieder rein.

Klimaanlage ging nicht wieder an.

Tja, es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ein neues Sicherheitsfeature installiert werden soll, dabei aber Leitungen angebohrt werden. Der Kurzschluss hat „nur“ unseren Klimaanlagen-Kondensator gekillt, aber immerhin keinen Brand ausgelöst (Die Leitung ist inzwischen repariert worden, uff. Sonst müssten wir womöglich direkt die neue Warnanlage oder die neue Notausgangsbeschilderung testen…)

Neue, beleuchtete Notausgangs-Schilder gibt es auch.

Es dauert – und es wird heiß in der Bude

Unser Vermieter hat sofort einen Worker vorbeigeschickt, der eine Stunde vor sich hin werkelte und dann sagte: Ersatzteil muss bestellt werden. Vermieter brachte abends noch lauter Ventilatoren vorbei, die immerhin etwas Erleichterung gebracht haben. Trotzdem: Die Temperatur stieg und stieg. Nächtlicher Durchzug bei 26 Grad draußen brachte etwas Erleichterung – und ein Rudel Mücken, ich bin wieder von Kopf bis Fuß zerstochen. Immerhin übertragen die Mistviecher hier weder Denguefieber noch Malaria.

Auch am Wochenende wurde weiter gearbeitet, ein weiteres Ersatzteil fehlte, das kam gestern, und es wurde wieder stundenlang gewerkelt. Endlich, nach vier langen Tagen mit 30-35 Grad im Apartment und drei schlaflosen Hitze-Nächten können wir seit gestern Abend die Segnungen einer funktionierenden Klimaanlage dann auch wieder richtig schätzen. Als ich heute Morgen ausgeschlafen und fit wieder auf den Beinen war, hab ich erst richtig gemerkt, wie sehr mich die Hitze ausgeknockt hatte.

Anstrengende Begleiterscheinungen

Das Timing war sensationell – Freitag war laut chinesischem Kalender der Beginn der „Großen Hitze“, 大暑, Dàshu. Und tatsächlich ist es derzeit entsprechend heiß, selbst mit funktionierender Klimaanlage kann das schlauchen. Und ohne… 

Der Vermieter war fast die ganze Zeit da, um die Arbeiten zu beaufsichtigen – und sich mit mir zu unterhalten. Er ist wirklich nett, wir werden demnächst auch zusammen frühstücken gehen (und den bereits angedachten Familienausflug zum ältesten Pekinger Tempel irgendwo in den Bergen machen). Aber stundenlang auf Chinesisch zu kommunizieren (zum Teil mit Hilfe von Übersetzungsapps) ist normalerweise schon unheimlich anstrengend. Aber sich in der schwierigsten Fremdsprache, die man je lernen musste, zu unterhalten, wenn einem die Hitze das Hirn kocht, da platzt einem irgendwann der Schädel.

Ich bin ja einerseits immer total fassungslos-begeistert, wie viel ich selber inzwischen verstehe – und andererseits total gefrustet, weil mein aktiver Wortschatz dahinter deutlich zurückbleibt oder wenn nach Blick auf die App klar wird, dass ich etwas eigentlich hätte verstehen müssen bzw. selber sagen können. Und über Grammatik und Aussprache reden wir besser gar nicht erst.

Nächste Woche blüht mir das noch mal, dann werden die in Folge der Reparaturarbeiten beschädigten abgehängten Decken in Küche und Abstellkammer repariert. Solange sollen wir erstmal beobachten, ob die Anlage jetzt fehlerfrei und ohne zu tropfen läuft (das hatten wir ja vor kurzem erst, das wurde aber am selben Tag noch repariert). 

Lang lebe das Handwerk!

Auch in der Umgebung wird gearbeitet

Das Hotel gegenüber hat wohl auch was an der Klimaanlage erneuert. Das sah dann so aus:

Ohne Netz und doppelten Boden – ungesichert…

Da sind die Fensterputzer (die demnächst kommen müssten) tatsächlich besser gesichert. Und das ist beim Zugucken schon immer Nervenkitzel genug.

Wie auch immer: langweilig wird es hier nie.

Ich wäre inzwischen aber mehr als bereit für positive Abwechslung. Da sind „2 Wochen ohne lokale Neuinfektionen in Peking“ schon mal ein guter Anfang. Und auch gut, dass unser Nordtor am Compound morgen wieder geöffnet wird oder dass  jetzt einige bisher noch geschlossene Bars und Restaurants und auch Kinos wieder aufmachen dürfen und sogar – unter bestimmten Bedingungen – Veranstaltungen mit bis zu 500 Personen wieder stattfinden dürfen. Das sind wohltuende Erleichterungen, aber nicht mit Normalisierung verwechseln. Maskenpflicht, Abstandsgebote, Health App(s), Temperaturchecks, Kontaktdaten angeben etc. gehören hier weiterhin zum Corona-Alltag.

 

 

 

Ich habe sicher schon erwähnt, dass ich unser Stadtleben sehr mag? Auch wenn wir keinen tollen Blick über den Chaoyang-Park oder zum CBD mit den ikonischen Gebäuden wie der Langen Unterhose oder dem Zhongguo Zun haben, die Lage ist für uns trotzdem super. Und was die Aussicht angeht: das mögen zwar keine Postkartenansichten sein, aber es gibt immer was zu gucken!

Nur ein paar Minuten bis zur Schule (wird ja irgendwann wieder relevant sein…), ein langer Spaziergang zur Arbeit, mit dem Scooter (fast) alles in Reichweite – was will man mehr. Jetzt muss sich nur noch das blöde Virus in Luft auflösen, dann ist es wieder perfekt.

Jedenfalls, auch wenn ich aus dem Apartment nicht die tollen Postkartenansichten hab, so ist trotzdem immer was los und was zu sehen.

Zum Beispiel morgens beim ersten Kaffee auf dem Balkon – plötzlich rasen lauter Polizeiautos herbei und umstellen das Bürohochhaus gegenüber.

Oder der Blick auf die Baustelle. Das ist inzwischen die vierte Fundament-Etage.

Heute Abend gab es was mit Seltenheitswert: Wolken am Himmel. So richtig schön dramatisch. Wir kennen hier ja sonst entweder nur smoggy-grau oder quietsch-blau.

Richtung Westen

Norden! Man beachte die Berge! Das heisst: die Luft ist (endlich mal wieder) gut!

Nordosten.

Nordwesten etwas später. Drama Baby, Drama! ;)

Und zum Schluss noch mal in Richtung Norden. „Your favorite color is orange; Not a bright orange, but a soft orange, like the sunset.“ (Suzanne Collins, Tribute von Panem). Ja, kann ich nachvollziehen.

Das Schuljahr und damit unser fünftes Peking-Jahr gehen zu Ende. Corona-Ferien stehen vor der Tür.

Eigentlich hatte ich mir für dies Jahr soviel vorgenommen: jeden Tag ein (ordentliches) Foto auf Pekingfotos zeigen, ein- bis zweimal in der Woche bloggen (und ein paar Vorhaben mehr). Und dann kam Corona… Zwischenzeitlich lähmt es mich einfach nur, da funktioniere ich so vor mich hin. Für die Jungs da zu sein, das geht immer, da gibt es aber auch so viel zurück, so dass das meine leichteste Übung ist.

Aber darüberhinaus ist es tatsächlich gerade oft schwierig. Für Kreativität fehlt jegliche Energie und innere Gelassenheit. Ich habe keine Schreibblockade, ich schreibe weiterhin täglich. Aber ich mag es nicht veröffentlichen – entweder es ist zu zornig, zu jammernd, zu intolerant. Hoffnung, Zuversicht, Humor – kommt viel zu kurz. Der Optimismus, der mich schon durch viele Krisen (wenn bisher auch noch durch keine Pandemie) getragen hat, hat Sprünge bekommen. 

Fünf Jahre Peking

Mit dem Ende des Schuljahres geht auch unser fünftes Jahr in Peking zu Ende. Die erste Hälfte war wieder voller toller Erlebnisse und Erfahrungen, Reisen und Ausflügen und Besuch aus Deutschland.

Die zweite Hälfte davon war durch Covid-19 geprägt.

2020 haben die Jungs keine fünf Wochen die Schule von innen gesehen: drei Wochen im Januar, acht Tage im Juni. Der Online-Unterricht war lehrerabhängig sehr unterschiedlich, wir hoffen sehr, dass das nach den Ferien besser ist.  Noch ist offen, wann die Schulen in Peking wieder öffnen dürfen. Obendrein ist damit zu rechnen, dass bei erneuten Ausbrüchen (und seien sie noch so klein) Schulen wieder geschlossen werden. Online-Unterricht wird also weiterhin ein Thema sein.

Corona-Ferien. Der Heimaturlaub fällt aus.

Jetzt fangen aber erstmal zwei Monate Ferien an. Ohne die gemischten Gefühle und das Schulhofgewimmel am letzten Schultag: letzte Goodbyes und Abschiede, aber auch Vorfreude auf viel freie Zeit und Reisen. Fällt alles aus. Jetzt ist da nur ein bisschen Erleichterung, dieses seltsame Schuljahr zu Ende gebracht zu haben. Und ja, bei den Jungs ist doch auch Freude auf zwei Monate ohne Schulaufgaben.

Urlaubsreif wie schon lange nicht mehr, fällt Reisen derzeit für uns aus – wir kämen nicht mehr nach Peking zurück. 

Pekinger Hitzesommer mit an die 40 Grad, Pools müssen weiterhin geschlossen bleiben, Provinzwechsel nicht angeraten (ich möchte nicht, weil ich zur falschen Zeit am falschen Ort bin, in einem Quarantänehotel landen, mit genügend Lesestoff könnte ich das allein schon wuppen, aber mit den Jungs dabei? Alptraumvorstellung.). Viele Sehenswürdigkeiten geschlossen oder nur eingeschränkt zugänglich. Trotzdem, irgendwas wird uns schon einfallen.

Die Nachwuchsnerds halten endloses Zocken und vorm Computer hocken zwar für ein tolles Ferienprogramm, aber ich werde sie aus ihren Höhlen locken und der Sonne aussetzen, am Ende verwandeln sie sich sonst doch noch in Vampire…

Goodbye-Season in Corona-Zeiten

Ich fühle mit denen, die Peking jetzt verlassen, wobei da auch jeder seine eigene Geschichte und Wahrnehmung hat: die einen sind erleichtert, dass sie endlich wegkommen, andere sind wehmütig, weil wegen Corona alles so anders ist als das, an was man sich hier gewöhnt und darauf gefreut hatte. Mal abgesehen von der ganz normalen Wehmut, wenn man einen Lebensabschnitt beendet. Wieder andere wollen/müssen weg, und haben noch keinen Flug.

Keine Sommer-/Abschiedsfeste, keine Gruppenausflüge, keine China-Rundreisen zum Abschluss. Und es ist tatsächlich ein Riesenproblem, überhaupt einen Flug nach Deutschland zu bekommen, mal gar nicht zu reden von „bezahlbar“. Von Peking direkt geht das derzeit eh nicht, nur von Shanghai aus. Mit Glück kommt man über Kopenhagen, Zürich oder Wien z.B. nach Europa. Die Flugpreise sind weiterhin jenseits von gut und böse: Google Flights hat mir gerade den Schnäppchenpreis von über 7000 Euro für einen Flug nach Hamburg gemeldet. Pro Person. Eco.

Für uns, die wir zurückbleiben, fehlen die Sommer- und Abschiedsfeste auch. Hier war immer die Gelegenheit, sich von Menschen zu verabschieden, mit denen man vielleicht nicht enger befreundet war, aber mit denen man doch ein Stück gemeinsamen Weges hinter sich hat. Das fehlt. Sehr.

Und konnte man sich in den letzten Jahren immerhin darauf freuen, dass es nach den Sommerferien wieder viele Veranstaltungen und Gruppenausflüge geben würde, also auch viele Gelegenheiten Neuankömmlinge kennenzulernen, fehlt diese Perspektive.

Nicht nur, weil noch völlig offen ist, was im Rahmen von Anti-Corona-Maßnahmen möglich sein wird. Sondern auch, weil es kaum Neuankömmlinge geben wird: bis Oktober gilt noch das Einreiseverbot für Ausländer (das kann durch die Charterflüge für „Essentials“ plus Angehörige auch nicht wirklich aufgefangen werden). Es kommen überhaupt weniger Expats nach China, die Schule vermeldet nur eine Handvoll Neuanmeldungen. Die deutsche (und internationale) Community schrumpft.

Gewitterstimmung

Tatsächlich passen Stimmung und Wetter gerade gut zusammen. Aufgeheizt, drückend,  angespannt.

Hier ist es heiß, schon geraume Zeit über 30 Grad, oft näher an den 40 als an den 30. Und schwül dabei, also auch gelegentliche Gewitter. Gestern war es noch zu hell, heute hat es erst nachmittags, aber dann auch abends noch mal gewittert, und ich habe immerhin ein halbwegs brauchbares Bild schießen können.

Gewitter über Peking

Den ganzen Tag lastet die schwüle Hitze auf einem, bremst einen aus. Aber nach dem Gewitter, abgekühlte frische Luft, die selbst mitten in Peking gut riecht, da ist der Kopf dann wieder freier.

Was fehlt ist das Corona-Gewitter. Impfung, kuratives Medikament, Mutation hin zum harmlosen Erkältungsvirus, was auch immer. Das liegt leider noch nicht in der Luft. Aber es ist so, wie es ist. Immerhin sind wir und unsere Familie und Freunde gesund. Hoffentlich bleibt das so, angesichts der Entwicklungen in Deutschland machen wir uns da schon große Sorgen. Nur weil wir keinen Bock mehr haben, wird das Virus nicht verschwinden. Hilft alles nichts, wir müssen uns arrangieren und sehen, wie wir das Beste aus der Situation machen. Wird schon. Irgendwo wird sich doch noch ein Zipfel Optimismus finden lassen.

Welche Schule?

Wenn man mit schulpflichtigen Kindern ins Ausland geht, ist die Frage „welche Schule“ eine der wichtigsten. Wir haben uns vor vier Jahren Gedanken dazu machen müssen. Nachdem ich gelesen hatte, dass es eine deutsche Schule in Peking gibt, habe ich mich damals gar nicht weiter um die anderen internationalen Schulen hier gekümmert. Der Schritt von Hamburg nach Peking ist groß genug, da muss man es Kindern mit zum damaligen Zeitpunkt nur mäßigen Englisch nicht unnötig schwer machen, dachte ich damals und denke ich heute noch. Ich hab es so nicht erwartet, aber in dem internationalen Umfeld hier verbessert sich das Englisch sowieso ganz von selbst.

Das Ankommen in der Schule ist meinen Söhnen leicht gefallen. Etwas, woran ich vor China gar nicht gedacht habe: hier sind alle neu oder waren es noch vor ganz kurzer Zeit. Die Kinder helfen sich gegenseitig und kümmern sich umeinander. Zumindest in den Klassen meiner Jungs war und ist das so.

Schulwechsel und Anerkennung von Abschlüssen

Auch ein anderer Vorteil ist nicht von der Hand zu weisen: Da es sich hier um eine anerkannte deutsche Auslandsschule handelt, ist es für die Kinder einfacher, zurück in Deutschland wieder in der Schule anzukommen – und auch der Zugang zu deutschen Unis sollte problemlos klappen. Mit einem internationalen Schulabschluss kann es Probleme geben, wenn die Fächerkombi nicht stimmt oder bestimmte Stundenumfänge nicht erreicht werden. Man muss da jedenfalls sehr darauf achten.

Ganz so schwierig ist es bei einer deutschen Schule nicht. Wenn man allerdings weiß, wohin man in zwei, drei Jahren (zurück-)geht und vielleicht sogar weiß, welche Schule es dann werden soll, dann sollte man ein Auge auf Fächerkombinationen haben. Latein wird an der DSP derzeit nicht als weitere Fremdsprache angeboten, auch nicht als AG – betroffene Familien haben das jetzt privat organisieren müssen, damit ihre Kinder im kommenden Schuljahr in Deutschland an ihr Wunschgymnasium gehen können.

Alternativen?!

Wenn man so wie wir „draußen“ in Shunyi wohnt, werden viele der internationalen Schulen – BSB, ISB, WAB, Dulwich und wie sie alle heißen – interessant, weil sie dichter dran sind. Für die ganz Kleinen gibt es da zum Teil einen deutschen Zweig. Die Rückmeldungen aus dem Bekanntenkreis, die ich bisher aufgeschnappt haben, verleiten mich zu der Einschätzung: Für jüngere Kinder bis zum Ende der Grundschule super, weiterführende Schule eher durchwachsen, hängt extrem an der konkreten Lehrkraft. 

Es ist aber auch immer alles eine Frage des persönlichen Geschmacks und des eigenen Lebensstils. Was ich über den Compound-Chat z.B. mitbekomme über Parents Association und allerlei Events – es ist mir von allem zu viel und in mir wächst das dringenden Bedürfnis „Bad Moms“ fünfmal nacheinander zu sehen. ;)

Aber das bin ich, andere Eltern sind gut zufrieden. Und das ist doch auch schön, dass es eine gewisse Auswahlmöglichkeit von Schulen gibt, selbst Tausende Kilometer von Deutschland entfernt.

Die DSP – Deutsche Botschaftsschule Peking

Deutsche Botschaftsschule Peking

DSP – Deutsche Botschaftsschule Peking

Weg vom Hörensagen, hin zu dem, was ich kenne: Meine Jungs gehen gerne zur DSP. Das finde ich mit 12 und 14 Jahren wirklich positiv. Wäre die Schule schrecklich, wäre das mit Sicherheit anders. Als wir uns vor fast vier Jahren die Schule das erste Mal angesehen habe, waren wir direkt vom Gebäude, der Ausstattung und der Sauberkeit beeindruckt. Okay, es ist halt auch eine Privatschule und da wir hier in China sind, ist es eben möglich, dass Putzkräfte den ganzen Schultag über für Sauberkeit sorgen.

Die Schulbüchereien (!) – eine für die Kleinen, eine für Sekundarstufe und Erwachsene – bieten viel und gut sortierten Lesestoff. Soweit ich das beurteilen kann, sind auch die Fachräume gut ausgestattet für naturwissenschaftliche Experimente, Kunst und Musik. Die Klassenräume sind mit Smartboards ausgestattet, mit denen auch die Kinder ganz selbstverständlich und souverän z.B. im Rahmen von Projektpräsentationen umgehen. 

Die Mensa bietet täglich drei verschiedene Essen („treudeutsch“/westlich, chinesisch, vegetarisch), Salatbuffet ab Klasse 7, fertig zusammengestellte Salate für die Jüngeren, Tagessuppe und Nachtisch. Ein Hauptgericht kostet derzeit 20 oder 25 RMB, d.h. ca. 2,50/3,20 Euro. Das Essen wird frisch in der Schule gekocht. Außer der Mensa gibt es auch ein Bistro, in dem Brezeln, Wraps, belegte Brötchen und auch Muffins, Joghurt und Obst verkauft werden.

Es gibt einen Schulshop, in dem man benötigte Schulmaterialien wie Stifte, Hefte und Mappen kaufen kann, aber auch jahreszeitliche Kleinigkeiten (Osterdeko, Adventskalender…), Bastelmaterialien, Schlampermäppchen, Becher, Shirts u.a. mit dem Schullogo – und Bücher (nicht nur für Kinder).

Foyer - Deutsche Botschaftsschule Peking

Deutsche Botschaftsschule Peking – Foyer

Das Schulleben/Extras ist bunt und bietet außer den AGs viel Abwechslung und Veranstaltungen. Eine Wanderarbeiterschule wird unterstützt, es gibt Adventskalender- und Nikolausaktionen, Vorlese- und Mathewettbewerb, Beteiligung an aus Deutschland bekannten Aktionen (Vorlesetag, Känguru-Wettbewerb).

Nicht zuletzt sieht sich die Schule auch als Anlaufpunkt für die Deutsche Community in Peking. Lesungen und Konzerte und Feste locken nicht nur Schüler und ihre Eltern. Viele Veranstaltungen der Patengruppe starten hier oder finden hier statt.

Die Schule bietet alle deutschen Schulabschlüsse bis zum Abitur an, auch ein Kindergarten und eine Vorschule gehören dazu.

Lange Schultage

Weil wir halt „draußen“ wohnen, ist der normale Schultag lang für die Jungs: Um 6:55 Uhr fährt der Schulbus am Compoundtor ab, gegen 16:30 Uhr trudeln die Jungs wieder ein. Haben sie AGs in der 9.+10. Stunde, wird es frühestens 18:15 Uhr, mit Pech – rush hour halt – später. Da kommt bei mir doch immer wieder die Überlegung auf, doch in Schulnähe umzuziehen. Noch lehnen die Kinder das aber vehement ab. Wir haben es mit unserer Nachbarschaft aber auch gut getroffen – so gut, dass sie lieber den langen Weg in Kauf nehmen als in die Stadt zu ziehen.

Update im Juni 2020: Wir sind jetzt „Städter“

Vor einem Jahr sind wir umgezogen und wohnen so nah an der Schule, dass die Jungs zu Fuß gehen können.

Das war für uns die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt.

Es ist nicht nur der Zeitgewinn, das Länger-schlafen-können und das Nicht-mehr-im-Stau-stecken, sondern die Jungs – inzwischen Teenager – sind hier unabhängiger, können sich leichter mit Freunden treffen und sind nicht mehr aufs Mama-Taxi angewiesen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Das schulische Lernen, die Inhalte und Methoden, am Ende die Abschlüsse – alles wie in Deutschland. Manche Lehrer werden lieber gemocht als andere, manche Fächer mag man dafür gar nicht, mit den Kumpeln Spaß zu haben und die Pausen sind am Wichtigsten – kennen wir alles aus Deutschland.

Freiwillige AGs kennen wir auch aus Deutschland, hier sind sie aber wichtiger, weil es nicht 50 verschiedene Vereine und Verbände, Musikschulen, Freizeitzentren gibt.

War es in Hamburg die Ausnahme, dass mal ein neues Kind in die Klasse kam, gilt hier, dass alle neu sind oder es vor kurzem noch waren. Das hilft beim Ankommen (siehe oben).

Smog

Gute Luft in Peking!

So gute Luft ist hier selten. Sehr selten.

In Deutschland wird inzwischen zwar auch über Feinstaubbelastung gesprochen, aber wir leben jetzt in Mega-Smog-City.  Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Schule. Die verfügt über eine gute Luftfilteranlage, die auch an richtig schlimmen Smog-Tagen für atembare Luft sorgt. Das Problem sind Pausen, Sportunterricht und AGs – alles, was nicht drinnen stattfindet. Bisher gab es die Regelung, dass ab einem AQI von 250 keiner mehr raus darf. In den Pausen wird die Sporthalle geöffnet, damit die Kinder sich dort austoben können. So riesig ist die Sporthalle leider nicht und dadurch an Smog-Tagen ziemlich überfüllt. AQI 250 ist der höchste Grenzwert im Vergleich der internationalen Schulen, bei allen anderen liegt es drunter.

Die Luft in Peking ist zwar immer noch oft übel – aber es wird doch von Jahr zu Jahr besser. Aktuell wird der Vorschlag in den Gremien diskutiert, diesen „Grenzwert“ auf 200 abzusenken – den Wert, den die meisten anderen  internationalen Schulen auch haben – und der verglichen mit deutschen/europäischen Grenzwerten immer noch absurd hoch ist.

Update

Inzwischen wurde der Grenzwert auf 200 abgesenkt!

Fazit

Wenn Schulen sich präsentieren, zeigen sie gerne nur die Sonnenseite. Wenn man an einem Punkt nicht ganz überzeugt ist: nachhaken. Noch besser ist es natürlich, wenn man Bekannte hat, die man fragen kann. Bei den großen Arbeitgebern sollte das möglich sein. Dabei nicht vergessen: Meinungen und Geschmäcker sind verschieden, so findet sich hier im Blog natürlich mein Geschmack und meine Meinung.

Und welche Schule soll man denn nun wählen, wenn alles mit den Fremdsprachen machbar ist, die Fahrzeit in Ordnung geht und Übergänge problemlos laufen sollten? Wenn man alle Sachargumente gegeneinander abgewogen hat und auch dann noch zu keiner Entscheidung kommt? Wenn der Kostenfaktor nicht ausschlaggebend ist? Dann könnte man doch auch ein bisschen auf sein Gefühl hören.

Wir haben bei unserem Peking-Kennenlern-Trip die Schule besichtigt. Mir haben die Räumlichkeiten und die Atmosphäre auf Anhieb gefallen und noch wichtiger: auch die Kinder haben sich wohl gefühlt. Das gute Gefühl hat uns bislang nicht getrogen, die Kinder sind gut aufgehoben an der Schule und werden gefördert und gefordert. Natürlich gibt es auch mal doofe Schultage, ungerechte Lehrer und organisatorische Schwierigkeiten. Aber wo gibt es das nicht? Solange es die Ausnahme bleibt: alles ok. Wir würden uns jedenfalls auch aus heutiger Sicht wieder für die DSP entscheiden.

Weitere Informationen über die Deutsche Botschaftsschule auf der Schulwebseite!

Webseite von Schülerinnen für Schüler: dieschuelerpekings.com

Hier gibt es eine durchsuchbare Übersicht über alle (?) internationalen Schulen in Peking.

Und auch bei Beijing Kids findet sich ein „School Choice Guide„. Leider fehlt hier die Deutsche Schule, liegt wohl daran, dass es keinen englischsprachigen Zweig gibt (auch wenn einzelne Fächer auf Englisch unterrichtet werden, bei meinen Jungs Erdkunde ab Klasse 7).

Hinweis

Beitrag aktualisiert im Juni 2020!

 

Im Januar waren die Jungs drei Wochen in der Schule. Dann kam Corona, und seit dem nicht mehr. Mit viel Vorfreude, aber auch gemischten Gefühlen haben wir die Wiedereröffnung der Schule erwartet. Ist es wirklich sicher? Lohnt sich der Aufwand für die knapp vier Wochen bis zu den Ferien? Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Kumpeln hatte die Oberhand. So trafen sich meine Jungs am Dienstagmorgen mit einem Schulfreund und sind zum ersten Mal seit Januar zur DSP – Deutschen Botschaftsschule gegangen.

Homeoffice im Schulgebäude?

Kein Splitten der Klassen nötig, keine Gruppenbildung, kein Schichtbetrieb. Da wäre doch fast normaler Unterricht möglich? Leider nicht, inhaltlich hatte sich schon vor dem Start etwas Ernüchterung eingestellt, als per Mail das Prozedere erläutert wurde. „Unterricht“ findet zwar während der normalen Unterrichtszeiten statt – aber nicht nach Stundenplan, sondern mit Wochenplänen. Nur Sport, Kunst und Musik werden tatsächlich unterrichtet, ansonsten werden die Klassen vom Klassenlehrer und 3 weiteren Lehrern im Wechsel beaufsichtigt. Im Prinzip findet der Online-Unterricht nun in den Schulräumen statt – nur unter schlechteren Bedingungen:

  • Technisch (die Jungs haben Desktoprechner, für die kurze Zeit schaffen wir sicher keine zusätzlichen Laptops an, wenn es dann bald wieder heißt: „in Schönschrift ins Heft“)
  • Hitze – die Klimaanlage darf erst ab 32 Grad im Raum angestellt werden
  • Unterstützung – es stehen zwar viele Fachlehrer zur Verfügung, die aufsichtsführenden Lehrer haben Listen, wer wo zu finden ist. Die Hemmschwelle, das zu nutzen, scheint bei den Kindern aber recht groß – zuhause reicht ein „Mamaaaaa?“
  • Was weiterhin fehlt: Erklärungen und Einordnungen der Lehrer über die Buchtexte hinaus, jetzt nicht mal mehr per WebEx.

Tatsächlich haben es nach 15 Wochen Online-Schule einige Lehrer noch immer nicht geschafft, mehr anzubieten als „Lest Seite 56 und bearbeitet die Aufgaben 1-5“. Achja, eLearning? Guckt bei Anton (oder einer anderen Lernplattform nach) – könnte man auch mit „googelt das halt“ übersetzen. Sagen wir mal so, sich Lernstoff eigenständig zu erarbeiten, haben meine Jungs jetzt wirklich gut drauf. 

Warum ist das so?

Etwa ein Drittel der Schüler ist nicht in Peking und muss natürlich auch unterrichtet werden. Das lief unter dem Stichwort „Doppelbeschulung“. Das sieht nun aber nicht nach doppelt, sondern nach sehr einfach aus, und ich könnte mir andere, deutlich bessere Lösungen vorstellen. Aber für die paar Tage bis zu den Ferien kann man das notfalls halt so machen.

Ein paar Tage bis zu den Ferien? Möglicherweise wird ein Teil der Schüler erst im November wieder zurückkehren können (Einreiseverbot für Ausländer, es werden wohl nicht alle auf die Handelskammer-Charterflüge kommen können). Tja, und deshalb soll das nach den Ferien so fortgesetzt werden. Entschuldigung, das geht gar nicht.

Luft nach oben ist ja immer, und mir ist klar, dass das verglichen mit Schulen in Deutschland jammern auf hohem Niveau ist. Allerdings zahlt man in Deutschland auch keine Schulgebühren. Aber selbst ohne diesen Aspekt: es gibt so viele Möglichkeiten, und es ist ein Jammer, das diese nicht genutzt werden.

Trotzdem sind die Jungs schon sehr froh, endlich wieder zur Schule gehen zu können. Wie für viele andere Kinder ist auch für sie der soziale Aspekt das Wichtigste an Schule. An die besonderen Umstände – Temperaturchecks, Maskenpflicht, markierte Laufwege etc. – kann man sich gewöhnen. Und in drei Wochen sind schon wieder Ferien – die sich zu Corona-Zeiten voraussichtlich viel länger anfühlen werden als normalerweise. Von daher ist es echt gut, dass die Schule wieder gestartet ist. Auf Normalität müssen wir aber weiter warten.

 

Ab und zu erreichen mich Fragen aus Deutschland, wie weit es sich denn inzwischen in Peking/China normalisiert hätte. Das stößt bei mir leider auf wenig Verständnis, denn mein Leben normalisiert sich leider bisher gar nicht. Für Leute, die arbeiten gehen müssen/dürfen, ist das vielleicht etwas anders. Bevor nicht beide Jungs wieder zur Schule gehen, ist für uns aber mit Normalisierung nicht zu rechnen, und bis das Leben wieder richtig normal ist, dürfte wohl noch mehr Zeit vergehen.

Ein Datum für die Wiedereröffnung der Schulen gibt es weiterhin nicht, was heute auch noch mal in einem Elternbrief der Schule mitgeteilt wurde. Ob es nach den Osterferien losgeht? Ich fürchte nicht, befürchte eher, dass die Jungs in diesem Schuljahr die Schule nicht mehr von innen sehen werden. Würde mich extrem freuen, wenn das anders kommt.

Maskenpflicht, überall Temperatur- und Zugangskontrollen; immer mehr Parks, die den Zugang begrenzen,  damit das Abstandhalten möglich bleibt. Für Parks, für die Eintritt zu zahlen ist, wird empfohlen, vorab Tickets online zu kaufen. 

Normalisierung ist auch nicht, dass man sich an das Unnormale gewöhnt hat.

Dass draußen vorm Fenster der Frühling angekommen ist, macht das Drinnenhocken nicht leichter. Vor einem unserer Fenster befindet sich aber auch eine Baustelle, paradoxe Welt, dass man sich freut, dass da wieder gearbeitet wird. Okay, das lass ich als winzig kleinen Schritt in Richtung Normalität gelten. (Gleicht den Rückschritt, dass Chinas Grenzen für Ausländer vorerst komplett dicht sind, aber nicht aus.)

Wenn man nachts wach wird, und es vorm Fenster flackert, dann brennt nicht die Bude ab, sondern auf der Baustelle wird auch mitten in der Nacht noch geschweißt…. 

Quarantine Cook-off, zweite Woche

Der Quarantine Cook-off von The Hutong ging in die zweite Woche. Ich hab wieder mitgemacht, weil es Abwechslung in den Alltag bringt. Food-Fotografie und eine Mahlzeit zu inszenieren und abzulichten anstatt sie zusammen zu genießen – das ist nicht mein Ding und das werde ich auch jetzt nicht anfangen. Aber fix knipsen, das geht. Sieht vielleicht nicht so toll aus, war aber sehr lecker.

MaLaXiangGuo

Das zweite Gericht während des vierwöchigen Quarantine Cook-off von The Hutong: MaLaXiangGuo - Würzig-scharf-duftend-Topf mit einer Vielzahl von frischen Zutaten, Gewürzen und einer Würzpaste “Sichuan Pixian Chilibohnenpaste”.
Gericht: Hauptgericht
Land & Region: Chinesisch
Keyword: Fleisch
Portionen: 4 Portionen

Zutaten

  • 200 g Schweinebauch
  • 100 g Lotuswurzel
  • 100 g Spargelsalat Stammsalat, chinesischer Salat, "lettuce stem"
  • 1 Block Räuchertofu kleiner Block
  • 200 g Broccoli
  • 100 g Bambussprossen
  • 100 g Sellerie
  • 200 g gemischte Pilze Champignons, Enoki, Austernpilze, Seitling... was man halt bekommt
  • 50 g Lauch
  • 10 Knoblauchzehen
  • 15 g Ingwer
  • 1-2 Korianderstiele
  • 3 EL Sichuan Pixian Chilibohnenpaste kann durch Tomatenmark ersetzt werden
  • 1 EL Austernsauce
  • 2 EL helle Sojasauce
  • 1-2 EL Kochwein kann mit Sherry ersetzt werden - oder weglassen
  • 2 TL Zucker
  • 1 TL Salz
  • 100 ml Pflanzenöl
  • 1-2 TL Sesamöl
  • 1 EL Sichuanpfeffer
  • 80 g getrocknete Chilischoten
  • 1 TL Fenchelsamen
  • 3 Stück Sternanis
  • 2 Lorbeerblätter
  • 1 Stück Zimtrinde

Anleitungen

  • Schweinebauch in dünne Scheiben schneiden.
  • Gemüse, Pilze, Tofu und Würzgemüse (Lauch, Knoblauch, Ingwer) kleinschneiden.
  • Koriander grob hacken.
  • Lotus, Spargelsalat und Broccoli kurz blanchieren, abschrecken.
  • Öl im Wok erhitzen, Gewürze hinzufügen, wenn diese duften, die Chilibohnenpaste und den Schweinbauch dazugeben. Ständig rühren!
  • Wenn der Schweinebauch braun zu werden beginnt und das Fett austritt, Knoblauch, Ingwer und Lauch zufügen.
  • Sobald es knofelig duftet, Pilze dazugeben. Etwa zwei Minuten weiterbraten und -rühren.
  • Nun das restliche Gemüse und den Tofu zugeben und weitere 2-3 Minuten braten und rühren.
  • Mit Kochwein, Sojasauce, Austernsauce, etwas Salz und Zucker abschmecken.

Zum Anrichten mit wenig Sesamöl besprenkeln und mit Koriander garnieren. Mit Reis servieren.

    Das Gericht gibt es in unzähligen Varianten, erlaubt ist was gefällt, geht auch mit Hühnchen oder ganz ohne Fleisch. Hier gab es die Woche noch eine vegane Version mit Lotus, Paprika und Pilzen.

    Das war jedenfalls schon etwas anspruchsvoller und aufwendiger als letzte Woche. Jetzt bin ich gespannt, was nächste Woche auf dem Speiseplan stehen wird – das ist auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung im Pekinger Wohnungsknast.

    Osterferien

    Hurra, Ferien. Hurra? Neun Wochen Online-Schule liegen hinter uns bzw. hinter den Jungs, und eine Pause haben sie sich redlich verdient. Aber unseren Corona-Knastalltag wird es nicht wesentlich ändern. Was für ein Unterschied zu den letzten Ferien, den Chinesischen Neujahrsferien, die hier noch begeistert begrüsst wurden. Die Jungs haben dieses Jahr die Schule tatsächlich nur drei Wochen von innen gesehen, im Januar zwischen Weihnachts- und Neujahrsferien. Schaun wir mal, wann es soweit ist, dass sie wieder hinmüssen/-dürfen. Wie gesagt, ich fürchte, dass wir da noch viel Geduld brauchen werden.

    Ein Highlight in China ist sicherlich die chinesische Küche, wobei es in Wahrheit nicht „die“ chinesische Küche gibt, sondern eine unglaubliche Vielfalt aus den verschiedenen Regionen. Wer mehr darüber lernen und erfahren möchte, dem möchte ich zum einen ein Buch: Culinaria China, zum anderen die Kochworkshops im „The Hutong“ ans Herz legen. Eine leckere Möglichkeit, sich dem Reich der Mitte über die Esskultur anzunähern!

    Culinaria China – wer es bekommt, sollte die alte Hardcoverausgabe bevorzugen, inhaltlich nur minimal abgespeckt die neue broschierte Ausgabe. Mit diesem Buch kann man sich auf eine Reise durch China machen und lernt etwas über die jeweiligen Regionen und deren Küche. Umfangreiches Sach- und Rezeptregister machen das Wiederfinden von Rezepten leicht. Von meinen chinesischen Bekannten werden die Rezepte als authentisch eingestuft und natürlich kann man sich, wie bei jedem anderen Kochbuch auch, inspirieren lassen, variieren und dem eigenen Geschmack folgen.

    Tolle Kochworkshops!

    Für die Kochworkshops im The Hutong muss man nicht in Peking leben, man kann sie man auch bei einem kurzen Pekingaufenthalt gut einbauen, vielleicht anstatt Mittagessen zu gehen: das Essen selbst zubereiten und dann genießen. Man könnte zum Beispiel gleich morgens um 9 Uhr den ganz in der Nähe gelegenen Lama-Tempel besichtigen (auch wenn man dann nur eine Stunde Zeit dafür hat, mehr Zeit hat man bei organisierten Pekingreisen aber auch nicht), dann die Yonghegong Street Richtung Süden zur Dongsi North Street entlang spazieren, die große Kreuzung überqueren und ganz kurz danach vor der Post links in den Shique Hutong einbiegen. Oder gleich mit der U-Bahn bis zur Station Beixinqiao fahren.

    Dann wird es etwas kniffelig, aber wenn man sich für einen Workshop angemeldet hat, bekommt man mit der Bestätigungsmail eine idiotensichere Wegbeschreibung (ich weiß das, mein Orientierungsvermögen ist armselig). Um 10:30 Uhr beginnen die Vormittags-Workshops, weitere gibt es nachmittags und abends, aktuell kostet ein Workshop ohne Ermässigung 300 RMB.

    Ich habe inzwischen 5 Kurse dort besucht, zufällig alle bei Sophia. Sie stammt aus der Inneren Mongolei, und ist quirlig, engagiert, dynamisch, mitreißend! Sie spricht hervorragend Englisch – und sagt immer, sie sei nicht wegen ihrer Kochfähigkeiten, sondern wegen ihres Sprachvermögens dort beschäftigt. Ersteres ist definitiv tiefgestapelt! Sophia beginnt die Kurse stets mit einer kurzen (!) Vorstellungsrunde – mag nur ein Nebenaspekt sein, aber oft befindet man sich dort in internationaler Runde mit Menschen von allen Kontinenten, was absolut positiv für die Atmosphäre ist. Die Teilnehmerzahl bewegt sich zwischen 5 und 16-20 (?) Personen, wobei größere Gruppen dann einen zweiten Chief bekommen und auf zwei Küchen verteilt werden – die Gruppe bleibt also klein genug für individuelles Lernen. Bei der Vorstellungsrunde wird klar, ob Teilnehmer zum ersten Mal dabei sind, dann gibt es eine ausführliche Einführung in die regionalen Chinesischen Küchen und deren Besonderheiten; sind nur Wiederholungstäter da, wird das etwas abgekürzt.

    Im Norden sind Nudeln und Nudelgerichte zuhause, die im Süden nicht gegessen werden, dort wird Reis bevorzugt. Im Norden ist die Küche generell etwas milder als im Süden, wo die schweißtreibende scharfe Küche bevorzugt wird, das Schwitzen sorgt für Abkühlung…

    Input!

    Gewürze

    Dann werden die wichtigsten Gewürze vorgestellt, wer mag kann auch probieren: neben Salz und weißem Pfeffer sind dies helle und dunkle Sojasoße, Reiswein, Reisessig, Sesamöl, Chili, Ingwer, Knoblauch und Zucker, sowie – Sichuanküche! – Sichuanpfeffer. Je nach Rezept kommen weitere Gewürze hinzu, nicht alles wird immer verwendet, dafür kommen andere würzende Zutaten wie eingelegte Gemüse, Bohnenpaste, Chiliöl oder oder oder hinzu. Anschließend stellt Sophia die Rezepte des Tages vor, in der Regel sind es drei Gerichte, die gekocht werden. Sie erläutert die Herkunft, die Besonderheiten, spezielle Zutaten und den Umgang damit. Die eher langweilig-mühseligen Vorbereitungsarbeiten (rohes Fleisch vom Knochen lösen, Gemüse waschen…) werden vorab von Ayis erledigt, eine ist auch während des Workshops dabei und achtet darauf, dass reichlich Tee und Wasser fließt, kocht Reis, räumt Abfälle direkt weg. Das ist nicht nur ein bisschen Luxus, man kann sich dann auch besser auf das Wesentliche konzentrieren.

    The Hutong - Küche

    The Hutong-Küche

    Das war dann auch genug Theorie, dann wird geschnippelt. Halt – doch noch etwas Theorie: knife skills! Gearbeitet wird mit einem großen chinesischen Messer, mörderisch scharf, und bevor man sich damit die Finger absäbelt, bringt Sophia (oder andere chiefs) einem zunächst den richtigen Umgang damit bei: wie fasst man es an, wie schneidet man dieses oder jenes Gemüse am besten? Meine Knoblauchpresse liegt seit dem ersten Kurs übrigens in der Ecke, mir gefällt die chinesische Methode: Ende abschneiden, Knoblauchzehe mit herzhaftem Bums aufs Messer plattklopfen, Haut einfach abziehen, fix kleinhacken, fertig. Geht viel schneller als die Hautabpfriemelei…

    Push! Turnover! Quick!

    Dann werden alle Zutaten vorbereitet, jeder muss ran, jeder bekommt ein bisschen Ingwer, Knofi, Gemüse und muss das Gelernte umsetzen und erst wenn alles fertig vorbereitet, gegebenenfalls mariniert ist, geht es an den Gasherd. Jeweils zwei Leute müssen ran und unter Sophias strenger Aufsicht pfannenrühren, weitere reichen andere Zutaten an, fügen Gewürze hinzu etc. Jeder kommt dran, drücken geht nicht – aber so lernt man alles. Push! Turnover! Quick! Quicker! Stehen eher scharfe Rezepte auf dem Speiseplan, wird abgefragt, wer scharf und wer lieber weniger scharf ist, dann werden gegebenenfalls zwei Varianten zubereitet. Spätestens jetzt ist Zeit für das erste Tsingtao! :)

    Dank Ayi ist der große Tisch inzwischen freigeräumt und gedeckt und dann können die selbstgebrutzelten Köstlichkeiten genossen werden, Zeit für Fragen und Antworten, für Smalltalk – was unterscheidet eigentlich südamerikanische Schärfe von chinesischer? Ulkig, Fleischklößchen gibt es offensichtlich überall auf der Welt. Oh, und Teigtaschen wohl auch! Man entdeckt Unterschiede und Gemeinsamkeiten…

    The Hutong

    So ein Workshop ist definitiv ein Erlebnis und selbst am Ergebnis beteiligt zu sein: dann schmeckt es nochmal so gut. Den jeweils aktuellen Plan findet man hier auf der Webseite unter Calendar, der Anmeldeprozess ist ganz einfach. Ich habe bisher die Kurse Tastes of China B, Streetfood A, Sichuan B, Saisonales Gemüse/Februar und Neujahrsspezialitäten besucht – und habe mir fest vorgenommen, weiterhin etwa einmal im Monat einen Workshop zu besuchen. Gerne würde ich auch die anderen Angebote (Marktbesuche, Vorträge, Stadtteilspaziergänge, Ausflüge oder sogar Reisen) einmal wahrnehmen, das ist sich bislang terminlich nicht ausgegangen.

    Meine Männer sind ja leider eher von der deutschen Schnitzelmafia. Nichtsdestotrotz mögen zumindest die beiden Kurzen inzwischen zum Beispiel Gong Bao Ji Ding: Hühnchen mit Erdnüssen und Sichuanpfeffer – wenn es ein chinesisches Nationalgericht gibt, dann ist es vielleicht dieses traditionelle aus der Sichuanküche stammende Gericht. Es gibt unzählige Varianten, auch vegetarisch – nur ohne Erdnüsse und Sichuanpfeffer ist es kein Gong Bao mehr!

    Überhaupt essen wir inzwischen auch von mir gekochtes wesentlich schärfer als noch vor zwei Jahren, treudeutsche Küche kommt uns jetzt oft einfach zu fad vor! Allerdings – während ich dies geschrieben habe, steht Männe in der Küche und kocht Omas Tomatensuppe…

    Käsekuchen ohne Boden

    KOB in China

    Dieses usselige Stück Kuchen ist vielleicht nicht schön, aber lecker, heiß erseht und eine Premiere: Käsekuchen ohne Boden – vielen auch bekannt als KOB ;) – hergestellt mit chinesischen Bordmitteln. Wie ich sicher schon mal beklagt habe, ist Quark hier Mangelware und im Supermarkt vor Ort nur ganz selten zu haben. Bei einer Stunde Fahrzeit und über 30°C ist mitbringen aus der Stadt (wenn dort überhaupt im April Gourmet erhältlich) auch keine Alternative. Und über den kläglich gescheiterten Versuch, selber Quark herzustellen, möchte ich nicht schreiben…

    Heute habe ich dann den Tipp einer Freundin, Joghurt und Philadelphia zu mixen, ausprobiert und: tadaaa, es gibt eine Lösung für unser KOB-Problem! Sie macht allerdings KMB – also nur 750 g „Quark“masse – mit Boden, d.h. ich musste mit den Mengen tüfteln.)

    Hier nun das Rezept zum Nachmachen für alle anderen in China gestrandeten KOB-Süchtigen:

    200 g ungesalzene Butter
    250 g weißen Zucker
    5 mittelgroße Eier (mit Quark in Deutschland nimmt man 6, aber der Teig wird sonst zu flüssig)
    500 g möglichst festen Joghurt (meiner kam aus der Flasche und war etwas dickflüssiger als Buttermilch)
    500 g Philadelphia (den steinharten amerikanischen Import aus den 250g Alupäckchen mit Kartonumverpackung, gibt es immer bei Jenny Wang)
    1-2 TL abgeriebene Zitronenschale (oder wenn man den gewachsten, gespritzten, gepimpten Zitronen hier nicht traut: 1 TL Zitronenessenz, gibt’s bei Jenny)
    1 Päckchen Vanillezucker (aus Deutschland mitgebracht, sonst 1 guter EL selbstgemachten Vanillezucker: pro 100 g Zucker eine Vanillestange aufschlitzen und 14 Tage im verschlossenen Glas stehen lassen, gelegentlich schütteln).
    2 Päckchen Vanillepuddingpulver (aus Deutschland mitgebracht – sonst 80 g Stärke plus 2 EL Vanillezucker)

    Butter schaumig rühren, Vanillezucker, Zitrone und Zucker zufügen, danach die Eier. Joghurt und Philadelphia zugeben, dann Puddingpulver. In gefettete Springform 26 cm Ø füllen, ab in den Ofen.

    In Deutschland würde so gebacken: 165° C Umluft mind. 50 min. backen, bis oben goldgelb, Kuchen im Ofen auskühlen lassen. Mit chinesischem Gasofen: 210°, leeres Backblech auf die unterste Schiene, Kuchenform auf den Rost/mittlere Schiene stellen, eineinhalb Stunden backen, nach 50 Minuten alle 10 Minuten nachsehen und neu einschätzen…

    Beim nächsten Mal werde ich die Eier trennen und den Eischnee zum Schluss unterheben, außerdem den Philadelphia zuerst weich rühren und dann mit dem Joghurt mischen und dann zur Butter-Eigelb-Masse hinzufügen. Fürs Backen hab ich noch keine bessere Lösung.

    Aber: es ist ein KOB und er schmeckt! :) Wir sind gerüstet für die kommenden Geburtstagsfeiern! :)

    Meine Tochter und ich sind in der Unterzahl, in unserer Familie steht es 2:5. Hier in Peking steht es sogar nur 1:3. Verflixte Männerübermacht, die – Achtung, ein Klischee – eine Vorliebe für Schnitzel hat. Ich weniger. Also hat Männe lange Jahre probiert und experimentiert und es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Mit seinen Suppen muss er noch üben, aber bei den Schnitzeln gibt es nichts mehr zu meckern. Für unsere mäkeligen Kurzen ist das sogar das Lieblingsessen.

    Als dann kürzlich Nummer 4 in der Schule gefragt wurde, ob und was die Kinder an Essbarem zum Schulflohmarkt für den guten Zweck beitragen – es wird mit dem Projekt Candlelight eine Wanderarbeiterschule unterstützt, mehr Informationen auf der Schulwebseite – war es für den Junior klar: wieder Schnitzel. Das haben er und Männe schon beim letzten Flohmarkt angeboten und es lief super. Junior hatte dann auch schon alles klargezogen, und uns danach erst informiert – da hat er Glück gehabt, dass Männe tatsächlich Zeit hat.

    Normalerweise kaufen wir Fleisch hier draußen bei uns im auf Westler ausgerichteten Supermarkt. Aber für so eine Aktion braucht man ja ein paar Grämmchen mehr, also habe ich eine Freundin gefragt, ob sie nicht zufällig was vom Sanyuanli-Markt braucht – Glück gehabt, sie brauchte. Zu zweit ist es ja doch netter, den weiten Weg in die Stadt hineinzufahren, wobei wir Glück gehabt haben, und es zwar Stockungen aber keinen Stillstand gab. Einen Parkplatz gab es auch genau gegenüber vom Markt, alles perfekt.

    Der Sanyuanli-Markt

    Der Sanyuanli-Markt ist eine Pekinger Institution. Hier kaufen Restaurantschefs und Hobbyköche, aber auch Otto Normalchinese. Es gibt einfach alles, was man in der Küche brauchen könnte. Ich bin eine Weile nicht dort gewesen, konnte es anfangs nicht so richtig greifen, aber etwas war anders. Der Bäcker gleich vorne an ist neu, da war vorher ein Obststand, aber das war es nicht. Dann sah ich eine Frau mit Besen und der Groschen fiel: Es wirkte alles deutlich aufgeräumter und sauberer, der Gang war frei – der Markt befindet sich in einem langgezogenem Gebäude, ein Gang in der Mitte und links und rechts die kleinen Verkaufsstände. Auch alles schön sortiert: Vorne an finden sich jetzt Backwaren, dann haltbare Importware wie Kaffee, Kakao, Konserven, dann Obst, später folgen Geflügel, Schwein, Rind und Schaf, dann gibt es Gemüse, dann Fisch und Meeresfrüchte…

    Und es riecht natürlich immer entsprechend! Als wir an den Fischständen vorbeigegangen sind, musste ich an den Markt in Liuku denken, wo es noch intensiver gerochen hat, wo die Gänge kreuz und quer gingen, es noch bunter und viel chaotischer war, wo mir dann ein Fisch vor die Füße gesprungen ist und es doch einen Moment gruselig war. Aber heute blieben alle Fische brav (und tot) auf den Tischen liegen, auch aus den Bottichen und Tüten (ja, Fische in wassergefüllten Tüten) ist nichts herausgesprungen – puh.

    Fertig?

    Wir haben unsere Einkäufe erledigt: Reichlich Schnitzelfleisch für den Schulflohmarkt, dann Geflügel zum Einfrieren für uns privat, dazu etwas Gemüse – am Ende waren wir schon ordentlich bepackt und sind umgedreht, den langen Gang zurück zum Ausgang.

    Wir waren gerade wieder beim Fleisch angekommen, da höre ich das Klicken einer Kamera und sehe hoch und in ein großes Objektiv hinein. Ja klar, der Markt ist wirklich ein beliebtes Ziel für Fotografen. Es war allerdings nicht nur ein Fotograf, sondern es war eine Gruppe Japaner, alle mit Kameras bewaffnet – und alle konnten sich nicht über die beiden Langnasen einkriegen, die einen Großeinkauf auf einem chinesischen Markt getätigt haben. Man hat sich gegenseitig zugerufen und die Gruppe (samt Hocker für die bessere Perspektive von oben) zusammen getrommelt, nein, wie unfassbar exotisch, kicher, gacker, kreisch. Ich guck meine Freundin an – sie grinst, ich grinse, die Verkäuferinnen und Verkäufer an den Seiten grinsen und irgendjemand lacht los und irgendwann lachen wir alle, der ganze Markt. Der Wahnsinn.

    Irgendwann können wir uns lösen, kommen noch an ein paar japanischen Nachzüglern dabei, müssen immer wieder kurz stehen bleiben und uns ablichten lassen. Gerne hätte ich zurückfotografiert, aber ich war zu schwer bepackt, keine Chance. Endlich kommen wir zum Auto und können fahren.

    Für mich war das jedenfalls der lustigste Marktbesuch überhaupt – und auf dem Flohmarkt gibt es dann morgen sicher die fröhlichsten Schnitzel der Welt.

    Gestern war ein trüber, grauer Tag, und da man sich ja manchmal selbst einfach am Schopf packen und aus dem Sumpf ziehen muss, habe ich kurzerhand doch noch zu „meiner“ Kochschule „The Hutong“ Kontakt aufgenommen und das Zutatenpaket für deren „Quarantine cook-off“ bestellt.

    In dieser Woche ging es los: Vier Wochen lang veröffentlicht „The Hutong“ ein Rezept und ruft zum Nachkochen auf. Wer mag, kann Fotos bei WeChat Moments oder Instagram veröffentlichen und damit auch an einem kleinen Wettbewerb teilnehmen. Klar, gewinnen ist schick, aber mir geht es gerade um Abwechslung im Alltag und im Speiseplan. Erst hab ich mich geziert, weil diese Woche „pickled Kohlrabi“ in Wahrheit nicht so wahnsinnig lecker klingt. Aber wie gesagt, gestern war ein echt mieser Tag, dafür nehme ich dann auch das in Kauf.

    Keine Sorge, das wird hier kein Foodblog (ich würde mich sonst auf die Dauer wohl auch eher bei „Worst of Chefkoch“ wiederfinden), aber im Moment nehme ich gerne jede denkbare Abwechslung mit, die auch innerhalb der eigenen vier Wände machbar ist. Für mich steht bei dem Event die Abwechslung im Vordergrund, sowohl im Tagesablauf als auch im Speiseplan (wenn es nach den nimmersatten Teenagern geht, würde es hier abwechselnd nur Pasta Bolognese, Hühnerfrikassee, Kung Pao Chicken, Kartoffelsuppe mit Würstchen und Schnitzel geben – bloß nicht zu viel giftiges Gemüse…).

    Heute Morgen bin ich dann für Wohnungsknast-Verhältnisse früh aufgestanden, weil ja mit der Lieferung zu rechnen war. Erster Blick aus dem Fenster (leider nicht für die Nachwelt festgehalten): guter Tag, Berge sehr detailliert in Sicht = gute Luft. Zwar immer noch grau, nachts hatte es geregnet, aber im Vergleich zu gestern schon ein recht charmantes hellgrau… ;) 

    Auf dem Weg zur Kaffeemaschine der Blick auf meine Tulpen, die ich am vergangenen Wochenende gekauft hab – achja, ein paar Blümchen müssen sein.

    Indoor-Frühlingsboten

    Etwas später kam die SMS, dass die Lieferung gestartet ist – könnte ich besser chinesisch lesen, hätte ich das live tracken können. So kann ich nur schätzen (bin aber selbst oft genug mit dem Scooter von hier nach dort unterwegs gewesen), und bin rechtzeitig in Jack und Büx, so dass ich sofort losstürmen kann, als der Anruf kommt:
    „Bin da, aber das Tor ist zu.“
    „Bitte geh zum Haupttor, das Südtor – ich komme runter“
    „Okay!“
    Dasss ich mit meinem Pidgin-Chinesisch sogar mal am Telefon so halbwegs klar komme, hätte mir vor kurzer Zeit auch keiner prophezeien können…

    Ich düse runter, nehme am Tor die Tüte mit den Zutaten in Empfang, mache noch einen Abstecher zum Briefkasten (wie immer: nix) und zum täglichen Smalltalk mit dem Shopbesitzer und fahre wieder nach oben, zurück in den Knast.

    Ich packe aus: Gehacktes vom Schwein, Paprika und der ominöse „pickled Kohlrabi“. Kann man natürlich auch alles selbst einkaufen, aber ich hänge am „The Hutong“ und unterstütze die jetzt von Herzen gerne (mal abgesehen davon, dass ich nach dem Kohlrabi echt lang gesucht hätte).

    Am späten Nachmittag stürme ich dann mein Kochloch – Küche kann man den winzigen Raum kaum nennen, reicht uns normalerweise, denn wir sind hier ja in Peking: man isst auswärts und braucht die Küche außer zum Kaffee kochen nur ausnahmsweise. Dass uns diese blöde Seuche samt aller Konsequenzen hier erwischt und wir wie Millionen von Chinesen plötzlich fast ausschließlich selbst kochen, hätte ja auch keiner für möglich gehalten.

    Yunnan Hei San Duo

    Diese Woche gibt es Yunnan Hei San Duo (Yunnan Schwarz Drei Kleingeschnippeltes): Ein Klassiker aus Yunnan, schwarz nach dem pickled Kohlrabi, drei Zutaten: Pork, Paprika, pickled Kohlrabi, alle kleingeschnippelt.

    Zutaten:

    • 250 g Gehacktes vom Schwein
    • 1 große grüne Spitzpaprika
    • 1 große rote Spitzpaprika
    • 100 g kleingehackter Yunnan pickled Kohlrabi  (kann durch kleingehackte Tomate ersetzt werden, wird milder im Geschmack und hong statt hei – rot statt schwarz).
    • 500 g Eisbergsalat oder Kopfsalat
    • 1 Esslöffel helle Soyasoße
    • 1 Esslöffel Chinesischer Kochwein (kann z.B. durch Sherry ersetzt werden)
    • 2 Esslöffel Pflanzenöl

    Die Zubereitung ist denkbar einfach: Paprika und pickled Kohlrabi kleinschneiden. Hack im Öl anbraten, Gemüse hinzufügen, mit Soyasauce und Kochwein würzen, fertig.

    Yunnan Hei San Duo

    Mit Salatblättern/im Salatblatt servieren. Wer das Gericht nicht im Salatblatt futtern will, kocht sich etwas Reis dazu.

    Das Ergebnis fand ich lecker, nur war mir das Gericht durch die pickled Kohlrabi etwas zu salzig, obwohl ich schon die salzreduzierte Soyasoße verwende. Beim nächsten Mal würde ich nur die Hälfte Kohlrabi verwenden – oder ich probiere direkt die Hong San Duo Variante mit Tomate, dann würde es vermutlich auch den Jungs besser schmecken. Es kommen tatsächlich keine weiteren würzenden Zutaten hinzu – kein Chili, Knofi, Ingwer, kein Salz, Pfeffer – nix. Einfacher geht es kaum. Damit ist das Gericht auch für totale Kochanfänger geeignet, keine besonderen Skills erforderlich, obendrein geht es wirklich fix. Ich werde es auf jeden Fall ins „Kochrepertoire“ mit aufnehmen. 

    Yunnan Hei San Duo im Salatblatt serviert

    Ich bin jetzt sehr gespannt, was die Rezepte der kommenden drei Wochen sein werden und ob sich die Schwierigkeit/der Aufwand steigert. Zeit zum Kochen haben wir derzeit ja alle mehr als genug.

    Ich finde, das ist eine großartige Idee von The Hutong – übrigens unterstützt von den englischsprachigen Stadtmagazinen The Beijinger und Beijing Kids. Ich freu‘ mich auf die nächsten Gerichte in den kommenden drei Wochen. Ach, und wer mag, kann mir natürlich auch ein Like bei Instagram dalassen. ;)

    Traumhaftes Wetter, sonnig und warm (lauschige 25 Grad!), Luft nicht gut, aber noch annehmbar: Zeit für eine kleine Frühlingstour. Der Mann wegen des Feiertags zu Hause – ich nutze die Chance rauszukommen. Ich brauche Bewegung und will in einem Park spazieren gehen, und ein bisschen „altes China“ würde mir auch gut tun. Bevor es losgeht, bau ich erst noch schnell die Winterwindschutzkuscheldecke vom Scooter ab – damit wäre es wirklich viel zu warm – und ich bin derzeit ja auch nie abends unterwegs, wenn es noch kühler ist.

    Ich fahre an der Schule vorbei – steht noch. Deutsche Botschaft steht auch noch. Als ich weiter die Dongzhimen Outer und Inner Street entlangfahre, denke ich an den chinesischen Neujahrsabend vor zweieinhalb Monaten zurück, als ich in Richtung Verbotene Stadt hier entlang gefahren bin. Da waren es sicher 30 Grad weniger, auf der Straße war wegen des Feiertags kaum Verkehr, nur wenige Menschen unterwegs, die aber bepackt mit Geschenktaschen, vor manchen Restaurants kleine Trauben von wartenden Leuten, Straßen und Restaurants geschmückt. Ich bin auch zwischendrin schon hier entlanggefahren, da war fast gar nichts los und der Feiertagsglanz fehlte, stattdessen apokalyptisches Feeling in der verlassen wirkenden Stadt mit den wenigen, allesamt Masken tragenden Passanten. Viel Verkehr ist jetzt auch nicht, aber doch deutlich mehr und vor allem sind viel mehr Menschen unterwegs.

    An der Kreuzung Dongsi/Yonghegong muss ich mich entscheiden: links herum in Richtung Jingshan Park oder rechtsherum zum Ditan-Park. Die Ampelschaltung entscheidet für mich, also fahre ich kurz darauf am Lama Tempel vorbei, überquere noch die große Kreuzung unter dem 3. Ring und parke den Scooter zwischen Dutzenden anderen vor dem Parkeingang.

    Ditan-Park

    Kurzer Augenblick der Spannung: bekomme ich ein Ticket? Und ist der Park noch nicht zu voll? Beides kein Problem. Am Tor muss ich noch kurz die Temperatur messen lassen, gehe noch ein paar Schritte in den Park hinein und das viele Grün tut augenblicklich gut. Ein paar Meter weiter kann ich den süßen Duft der Blüten einsaugen, der es sogar durch die Maske schafft. Überall wird fotografiert, dieses Jahr gibt es Frühlingsblüten-Selfies-mit-Maske.

    Ich lasse mich weiter durch den Park treiben. Es ist schön zu sehen, dass es auch jetzt noch das normale Pekinger Parkleben gibt, wenn auch weniger und mehr auf Distanz als zu normalen Zeiten. Eine einsame Sängerin zwischen den Bäumen. Junge Leute in traditioneller Kleidung beim Fotografieren. Musikanten. Fußfederball, Tai Chi, Tänzerinnen… Nur der Sportplatz mit den Fitnessgeräten ist abgesperrt (so wie der Erdaltar auch).

    Eigentlich will ich gerade versuchen, ein ferngesteuertes Auto fotografisch nett einzufangen, als ein Ball vor meine Füße rollt. Ich kicke ihn zurück, Ball kommt wieder, weitere Leute gesellen sich dazu. Das war ein unglaublich schöner Moment, fast normal, wären die Masken nicht.

    Dieser Parkspaziergang hat echt gut getan. Ich schwinge mich auf den Scooter und mache mich auf den Rückweg.
    Erst am Lama-Tempel vorbei…

    Lama-Tempel

    Durch die Yonghegong Straße in Richtung Beixinqiao…

    Yonghegong Street

    Blick in die Guozijian Street, in der sich der Konfuziustempel befindet…

    Tor zur Guozijian Street…

    Und schließlich noch an der Kreuzung Yonghegong Street/Dongsi North Street/Dongzhimen Inner Street: Allmählich mehr Verkehr, aber immer noch weit entfernt vom normalen Wahnsinn.

    Warten an einer Ampel

    Ich komme ziemlich zufrieden wieder zuhause an und beschließe, dass wir darüber reden müssen, ob und in wieweit wir unsere selbst festgelegten Sicherheitsmaßnahmen (Jungs gehen nicht raus, ein Elternteil immer bei ihnen…) lockern können. 

    Grüsse nach Deutschland und viel Geduld für Eure zweite Woche ohne Schule und Co. Bei uns sind es jetzt zwei Monate und weiterhin ist kein Ende in Sicht. Ich habe inzwischen einen ausgewachsenen Corona-Koller: Budenkoller, Frust, Lethargie, Zorn, Trauer über ein verlorenes Vierteljahr (das wird es wohl mindestens), Mangel an realen sozialen Kontakten. Zum Glück immer nur phasenweise, es nutzt ja nix, wir müssen da durch – und es geht uns angesichts der Umstände gut.

    Ja, aber kann man in China nicht schon von Normalisierung reden? Es gibt doch keine lokalen Neuansteckungen mehr, „nur“ noch importierte? Es ist doch mehr auf den Straßen los?

    Vielleicht ist das Normalisierung, aber hier ist noch lange nichts normal…

    Ja, es ist mehr auf den Straßen los, denn immer mehr Menschen müssen/dürfen wieder arbeiten gehen. Außerdem ist Frühling, über 20 Grad, eigentlich fängt jetzt die schönste Jahreszeit hier an. Es ist ja auch nicht grundsätzlich verboten rauszugehen. Gestern hatte ich nach der Fahrt zum Supermarkt aber keinen Nerv mehr. Die eigene Maske nervt und ausschließlich in andere Maskengesichter zu gucken, das ist nicht normal, das fühlt sich apokalyptisch an. In den eigenen vier Wänden habe ich dann doch wenigstens die Illusion von Normalität.

    Frühling, endlich.

    Allerdings bin ich heute am Compoundtor gefragt worden, wo ich hin möchte, als ich ein zweites Mal losgefahren bin, nachdem ich vormittags schon beim Bäcker und beim Metzger war.
    „Sachen kaufen.“ -„Was für Sachen?“ -„Reis.“- „Okay.“ 

    „Sachen kaufen“ habe ich mit einem Umweg verbunden, erst ein bisschen in der Stadt nach dem Rechten sehen. Da ich zwischendrin das Scooter-Akku nicht wieder vollgeladen hatte, hat es nur für eine kürzere Runde gereicht: Sanlitun, Dongzhimen, Galaxy Soho, Observatorium, CBD – steht alles noch. Straßen immer noch relativ leer.

    CBD steht noch

    Tuanjiehu-Park

    Irgendwann sagte der Blick aufs Akku: umdrehen/Rückweg. Der Tuanjiehu-Park liegt auf dem Weg, also habe ich da einen Zwischenstopp eingelegt, um mir die Füße zu vertreten. Da war relativ viel los, also Normalisierung? Nee, nicht mit all diesen Masken. 

    Wasserkalligraphie

    Der Tuanjiehu-Park ist klein, aber seht nett mit viel Wasser angelegt.

    Tuanjiehu-Park

    Einen Großteil der Parkfläche nehmen ein Aquapark und Kinderbespassungsanlagen „Carnies“ (Karussels, Hüpfdinger etc.) ein – natürlich geschlossen im Moment. Nicht normal. Ob die Entenboote noch Winterpause haben oder auch mit unter Quarantäne fallen, weiß ich nicht.

    Park mit Aussicht

    Nach zwei Runden hat es dann auch gereicht, und ich bin weiter zum Jingkelong gefahren. Wir brauchten wirklich Reis. Hier steht wie erwartet ein Wächter am Eingang, aber als ich ihm mein Handgelenk für die Temperaturkontrolle entgegenhalte, winkt er ab und deutet auf einen Kasten, aus dem mich mein eigenes Maskengesicht anlacht und, nachdem ich kurz davor stehen geblieben bin, 36° anzeigt – ich darf hinein. Der Laden ist gut besucht, aber nicht übervoll, die Regale sind gut gefüllt, es gibt alles. Die Reisauswahl im Jingkelong überfordert mich wie immer, also einfach irgendeinen 5-Kilo-Sack geschnappt, fertig. Am Ausgang ist ein Blumenstand, ein paar Tulpen müssen mit. Mittlerweile könnte ich wohl auch eine komplette Kleinfamilie mit dem Scooter transportieren, da kann ich auch mit Blumen in der Hand fahren…

    Wer den Scooter liebt, der…

    Ja, der Scooter. Als ich am Chaoyangpark entlangfahre, zeigt er mit noch 20 Prozent Akkuladung an, das reicht locker, denke ich, und switche nicht in den eco-Modus. Aber hinter der Französischen Botschaft sind es plötzlich nur noch 4 Prozent, hektisches rotes Blinken und aus. Tja, Premiere, wer seinen Scooter liebt, der schiebt. Zum Glück hab ich kein größeres, schwereres Modell, aber viel länger als diese Viertelstunde hätte ich auch nicht schieben mögen. Schreckmoment am Compoundtor nach dem ersten Fiebermessen, andere Hand hingehalten, uff, alles gut.

    Keine Normalität, kein Ende in Sicht

    Wie gesagt, allein dadurch, dass man überall außerhalb der eigenen vier Wände mit den Masken konfrontiert ist, wird man ständig daran erinnert, dass derzeit nichts normal ist. Dass es weiterhin kein Datum für die Wiederöffnung der Schulen gibt und dass wir nach der letzten Mail aus der Schule weiterhin damit rechnen, dass es frühestens ab dem 20. April wieder losgehen kann – keine Normalität.

    Teilweise werden Regelungen sogar verschärft, in Restaurants soll nur noch eine Person pro Tisch sitzen, in einem Restaurant, wo normalerweise 300 Leute Platz finden, sind aktuell maximal 15 Personen gleichzeitig erlaubt. Das in Verbindung damit, dass keine Besucher in die Compounds gelassen werden, hat unser soziales Leben außerhalb der Familie fast komplett in den virtuellen Raum verlagert.

    Meine Nachwuchsnerds kommen mit der Situation immer noch überraschend gut klar, so wie sie auch mit der Online-Schule gut zurechtkommen, teils sogar deutlich besser als mit normaler Schule. Ich steh ja auch normalerweise für Fragen zur Verfügung, aktuell muss ich deutlich mehr erklären. Nun bin ich also doch das, was ich nie sein wollte: Aushilfslehrerin. ;)

    Ich habe hier den Eindruck, dass Kinder mit bisher streng reglementierten Medienzeiten und wenig Zugang zu Handy/PC sich derzeit deutlich schwerer tun. Oder etwas zugespitzt: Medienabstinent ist das neue Bildungsfern. Und wir sind hier in einer relativ privilegierten Situation mit der gut ausgestatteten Auslandsschule – an staatlichen deutschen Schulen dürfte da vieles nicht machbar sein. 

    Blick nach Deutschland

    Hier so lange schon mit den Einschränkungen zu leben, das zerrt so schon an den Nerven. Aber zuzugucken, wie die Krankheitswelle nahezu ungebremst auf Deutschland zu- und darüberwegrollt, das belastet zusätzlich, weil das so nicht hätte passieren müssen. (Kluger Artikel dazu übrigens in der New York Times: „China Bought the West Time. The West Squandered It.“ Ist zwar schon eine Woche alt, aber weiterhin aktuell.)

    Wir haben uns ja schon lange gewundert, warum nichts passiert, z.B. bei der Einreise am deutschen Flughafen. Ja, auch mit Temperaturkontrollen erwischt man sicher nicht alle Infizierten, aber Passagiere einfach so durchzuwinken kann es definitiv auch nicht sein. Wer Maßnahmen eingefordert hat und entsprechendes geschrieben oder gesagt hat, musste sich der Panikmache und der Hysterie bezichtigen lassen.

    Wie kann es sein, dass in der globalisierten Welt erst mit zögerlichem Handeln begonnen wird, wenn die Einschläge in unmittelbarer Nachbarschaft sind? Hallo, Luftverkehr, schon mal davon gehört? Aber China ist das Land, wo nur ein Sack Reis umfällt, sowieso böse und sowas von hinter dem Mond? Was in China in den ersten Wochen passiert ist, daran gibt es nichts zu beschönigen – aber der Rest der Welt hätte wissen müssen, was da kommt und hat trotzdem nicht genug getan.

    Wochenlanges Runterspielen – alles ja nur Hysterie, Panikmache – ist es dann wirklich verwunderlich, wenn viele Menschen das jetzt noch nicht ernst nehmen? Hätten die sehr harten Maßnahmen für alle jetzt wirklich sein müssen, wenn man frühzeitig Einreisende unter Quarantäne gestellt hätte,  so wie China das jetzt macht, um den Re-Import des Virus bzw. die weitere Ausbreitung zu verhindern? 

    Nun ist es vermutlich eh zu spät. Immerhin, endlich Frühling.

    Forsythie. Hilft nicht gegen Covid-19 (auch nicht gegen den Virus im Film „Contagion“). Macht aber gute Laune.

    Da wir daran festhalten, dass immer ein Elternteil bei den Jungs bleibt, hatte ich erst gestern wieder Gelegenheit, länger durch die Stadt zu streifen. Luft ganz okay, Wetter traumhaft: 15 Grad und sonnig, es wird Frühling. Zuerst habe ich mein Glück am Shichahai versuchen wollen, aber: kein Zutritt.

    Hier geht es eigentlich zum See…

    Ich fahre weiter zum Jingshan-Park. Es ist tatsächlich deutlich mehr los als letzte Woche noch.

    Kohlehügel in Sicht

    Im Rückspiegel den Trommelturm.

    Trommelturm

    Wie gesagt, es ist deutlich mehr los, aber es ist immer noch weit entfernt von normalen Zeiten.

    Tatsächlich Leute…

    Der Jingshan-Park ist geöffnet. Der Zähler läuft (im Bild: weiße Schrift rechts oberhalb Ticketfensters), zu viele Leute gleichzeitig werden nicht in den Park gelassen. Aber es ist eh nicht viel los. Aufkleber auf dem Boden erinnern daran, Abstand zu halten.

    Abstand halten

    Mit behandschuhten Fingern nimmt eine Wächterin mein Ticket entgegen und hält es vor den Scanner, dann trete ich durchs Tor und habe gleich danach diesen Anblick – und ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie gut mir das gerade tut.

    Im Jingshan-Park

    Ich lasse mich kreuz und quer durch den Park treiben.

    Großstadt-Spatzen

    Pavillon

    Natürlich geht es auch nach ganz oben. Nur die oberste Ebene des Wanchun-Pavillons ist weiterhin gesperrt. Wächter mit Megaphonen drehen ihre Runden. Trotzdem knuddelt es sich hier ein bisschen, so dass ich nur fix knipse und weitergehe.

    Hallo, Schönheit!

    Die Verbotene Stadt ist weiterhin geschlossen.

    Nord-Tor der Verbotenen Stadt

    Wanchun-Pavillon

    Blick nach Norden

    Entdeckt ihr das Megaphon? Hier leiert unaufhörlich eine Durchsage.

    Peking 2020 – Handy und Maske

    Noch mal Richtung Norden gucken: Trommelturm und dahinter die Olympia-Türme

    Blick nach Osten: der Central Business District (CBD)

    Frühling!

    Auch von etwas weiter unten ist der Blick nach Norden schön.

    Ich such mir eine abgelegene Ecke und nehme kurz die Maske ab, unter der es unangenehm warm ist und die mir so am Mund klebt, dass ich das Gefühl hab, keine Luft mehr zu kriegen. Mistdinger, aber muss hier leider sein.

    Die Katz‘ wohnt im Park, jedenfalls treffe ich sie jedes Mal.

    Das hier will ich mir nächste Woche wieder angucken:

    Frühlingsboten…

    Bambi?

    Blick zurück nach oben

    Letzter Blick

    Das hat echt gut getan. Nach meinem Spaziergang fahre ich weiter an der Verbotenen Stadt vorbei und stehe dann kurz vor dem Tian’anmen, habe aber nicht die Nerven, einfach an der Wächterin vorbei zu fahren. Ich dreh wieder um und fahre zur Wangfujing, um in der apm-Mall Schulmaterialien für die Jungs zu besorgen. Der Foreign-Language-Bookstore ist geschlossen, wenn ich das Schild richtig entziffert habe, aber nur diesen einen Tag. Auch hier ist mehr los als neulich, aber weiterhin weit entfernt von normalen Zeiten.

    Wangfujing: Immer noch ziemlich wenig los

    Für den Rückweg wähle ich eine andere Route und tuckere schließlich am 3. Ring entlang durch den CBD nach Hause.

    CBD – rechts ein Bein der Langen Unterhose (CCTV-Headquarter)

    Und sonst? Stand der Dinge

    In Peking kommen aktuell wieder neue Kranke hinzu, die meisten sind nun „importierte“ Fälle. Da aber mehr Menschen wieder gesund werden, sinkt die Zahl der aktuell noch Kranken: von 428 Gesamtfällen sind es „nur“ noch 112 Kranke. 8 Menschen sind gestorben. Trotzdem bleiben die strikten Regelungen bestehen.

    Nach Peking würde ich derzeit nicht reisen: Quarantäne droht,  und das nicht unbedingt in den eigenen vier Wänden (sofern vorhanden) oder im Hotelzimmer, sondern mit Pech in einer Einrichtung in Flughafennähe. Das „genießt“ gerade ein ehemaliger Nachbar aus unserem alten Compound, der in einem der Flieger aus Moskau sass, in dem zwei kranke Mitreisende saßen.

    Die Schule teilt mit, dass es am 16. März noch nicht wieder mit „richtiger“ Schule losgehen wird. Wenn es bis Mitte März keine Mitteilung der Pekinger Behörden gibt, dass der Schulbetrieb wieder gestartet werden darf, wird es nicht vor den Osterferien wieder losgehen. Oder andersherum: Möglicherweise beginnt Schule erst am 20. April wieder. Weitere Informationen werden in der vor uns liegenden Woche folgen – ich bin gespannt.

    Wird es tatsächlich erst der 20. April, dann haben wir jetzt gerade erst Halbzeit des Ausnahmezustands… Und dann gucke ich nach Deutschland und lese, dass selbst Schulen mit Corona-kranken Lehrkräften (Stade, Düsseldorf) nicht geschlossen werden. War also doch nicht falsch, in Peking zu bleiben. Unter den gegebenen Umständen geht es uns ja gut, auch wenn die Aussicht auf weitere sechs Wochen Ausnahmezustand gerade verflixt niederschmetternd sind.

     

    Viel von meinem Alltag zu berichten habe ich derzeit nicht. Wohnungsknast halt. Highlight heute: Postkarte aus San Francisco ist nach 5 (fünf) Monaten angekommen. Yay!
    Und immerhin, ich komme dem Ziel näher, den Film „2012“ zweitausendundzwölfmal zu sehen …

    Nach einer kurzen Phase mit einer einzigen Neuinfektion und dem Rückgang von aktuell noch Erkrankten in Peking, gab es vorgestern gleich 10 neue Infektionen auf einmal. Da war die Hoffnung, es könnte sich hier doch bald normalisieren dahin. Dass erste Parks jetzt den Zugang begrenzen (Chaoyang-Park nur noch maximal 20.000 Besucher/Tag; für den Sommerpalast gibt es nur noch online Tickets), zeigt dass wir noch weit entfernt von Normalität sind.

    Heute Vormittag war ich kurz einkaufen. Geringfügig mehr Verkehr als noch letzte Woche, aber weiterhin ziemlich tote Hose. Die wenigen Leute, die man sieht, tragen selbstverständlich alle Maske – und schon stellt sich das surreale Gefühl wieder ein, Statistin in einem Katastrophenfilm zu sein.

    Maske oder keine?

    Hier müssen wir Masken tragen, von daher ist die Diskussion über deren Sinnhaftigkeit für uns nicht ganz so relevant, wenn auch trotzdem interessant. Wer das hier ohne probieren möchte: Viel Spaß dabei, sich hinterher als Märtyrer zu inszenieren. Abgesehen davon gibt es in Asien grundsätzlich auch jenseits von Covid-19 eine andere „Maskenkultur“ als in Deutschland, und damit meine ich jetzt nicht die Anti-Smog-Masken.

    Die Regale in den Läden waren voll, nur Masken und Desinfektionsmittel gibt es nicht. Da hier Maskenpflicht herrscht, wird das mit den Masken so langsam ein Problem. Es gibt keine Vorschrift, welche Masken zu tragen sind, ich kann auch meine ganz normale Anti-Smog-Maske nehmen. Die ist ganz sicher nicht virendicht, aber sollte ich mal niesen oder angeniest werden, dürfte das zumindest einen Volltreffer verhindern. Wichtiger ist vielleicht, dass man sich mit Maske nicht so viel im Gesicht rumfummelt. Inzwischen habe ich mir auch angewöhnt, die Maske nicht mehr zwischendurch runterzuziehen, sondern nur noch mit frisch gewaschenen oder desinfizierten Händen (hurra, ich habe noch etwas Sterillium-Virugard) beim Gehen und Wiederkommen anzupacken. Das Desinfektionsmittel hat der Mittlere im Januar mitgebracht und da schon berichtet, dass es nach seinem Einkauf ausverkauft war. Und heute lese ich dann, dass der gerade erst eingesetzte Krisenstab sich jetzt erst um Schutzausrüstung kümmern will…

     

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    In welchem Paralleluniversum hat man in Deutschland die letzten Wochen verbracht? Bisschen spät, oder?

    Zwischen Beschwichtigungen und Panikmache

    Beschwichtigungen oder Panikmache und zuwenige leise Stimmen dazwischen. Sehr nett aufbereitet vom Postillon.

    Bleiben Sie ruhig. LEGEN SIE VORRÄTE AN! Corona ist nicht schlimmer als eine Grippewelle. BEREITS 53 DEUTSCHE INFIZIERT!!

    Nachdem Covid-19 nun auch in Deutschland angekommen ist, ist es nun auch wieder Thema in den Medien und sozialen Medien. Die einen zu sehr in Panik, die anderen zu wenig. Ich glaube, dass für jeden Einzelnen (egal ob hier in Peking oder in Hamburg) die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken eher gering ist. Oder ist das nur eine Hoffnung, weil es ja eh immer nur die anderen trifft? Was anderes ist es mit dem Staat, der die Aufgabe hat, seine Bürger zu schützen – und dann Verdachtsfälle nach Hause zu schicken, Menschen, die glauben, sie könnten infiziert sein, von Pontius zu Pilatus zu scheuchen, Großveranstaltungen nicht abzusagen… Reicht das aus? 

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    Whataboutism at its best

    Vergleiche können sinnvoll sein, um ein Ereignis einzuordnen. Wenig Sinn macht es aber, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, damit man zeigen kann, es sei alles nicht so schlimm.

    Die Menschheit hat unzählige ungelöste Probleme, Kriege und Hunger, Krankenhaushygiene, Verkehr, Klima, Menschenrechte, fragwürdige kulinarische Praktiken… Was jetzt alles aufgeführt wird, um zu beweisen, dass das Coronavirus nicht so schlimm ist, kennt keine Grenzen. Viele, die Whataboutism sonst zu Recht kritisieren, stehen jetzt mit in der ersten Reihe und verkünden ihre „ja, abers“. Was soll das? Wem nützt das? Der notwendigen Eindämmung einer für viele Menschen tödlichen Krankheit jedenfalls nicht.

    Ich hab Puls

    Grenzen kennt das Virus übrigens auch nicht. Unglücklich, dass es so wirkt, als habe Deutschland es vorgezogen hat, eine Laissez-faire-Politik zu fahren, obwohl man mit Blick auf China hätte vorgewarnt sein können. „Thoughts and prayers“? Really? Wird schon nicht so schlimm, weil: wir sind ja Deutschland? Dass der Krisenstab jetzt erst eingerichtet wurde (und jetzt erst auf die Idee kommt, sich um die Herstellung und Beschaffung von Schutzausrüstungen zu kümmern, siehe oben), dazu fällt mir nichts mehr ein. Doch: Das ist grob fahrlässig und gefährdet Menschenleben. Es wird – wahrscheinlich – nicht mich treffen, mögen sich viele sagen. Ich auch. Aber: Habt Ihr alle keine älteren Angehörigen oder vorerkrankten Freunde?

    Gerade lief die Pressekonferenz im UKE (Für die Nichthamburger: Universitätsklinikum Eppendorf, wo ein Arzt des Kinder-UKE infiziert ist). Ein Aspekt: ein Reporter verwies auf die Schweiz, in der Veranstaltungen mit über 1000 Personen verboten wurden, aber in Hamburg werden wegen des einen bestätigten Coronafalls keine Großveranstaltungen (konkret z.B. der LiLaBe) abgesagt. Zum Vergleich: In Peking (über 21 Millionen Einwohner, derzeit 146 Erkrankte) dürfen nicht mehr als 3 Leute an einem Restauranttisch sitzen, nur die Hälfte aller Tische darf überhaupt besetzt werden.

    Das klingt jetzt vermutlich ungewohnt grantig für mich. Kann sein, dass ich nach wochenlangem Wohnungsknast mit wenig Freigang inzwischen etwas dünnhäutig bin. Und natürlich glaube ich – will ich glauben -, dass diese massiven Einschränkungen ihren Sinn haben und Schlimmeres verhindern. Man möge mir also nachsehen, dass ich aus meiner Peking-Perspektive finde, dass in Deutschland noch nicht der richtige Umgang  mit Covid-19 gefunden wurde. 

    Heute waren eigentlich perfekte Bedingungen für einen Wochenendausflug: saubere Luft, strahlender Sonnenschein, mit 10 Grad schon fast ein Hauch von Frühling in der Luft. Zumindest die Vögel scheinen das zu glauben, die hört man derzeit nämlich im Gegensatz zu normalen Zeiten, weil die Stadt so still geworden ist. Peking im Schatten des Virus ist nicht nur leer, sondern auch leise.

    Ich habe kurz mit dem Gedanken gespielt, mich in Richtung Duftberge, Badachu oder zum Botanischen Garten aufzumachen. Aber im Hinterkopf brodelt es leider doch. Auch in Peking soll es Compounds geben, die sich extrem abschotten und streng Buch darüber führen, wann und wie lange ihre Bewohner unterwegs sind, alle zwei Tage maximal zwei Stunden für den Einkauf von Lebensmitteln, mehr ist unerwünscht. Auch wenn das bei uns nicht so ist, so lässt mich das halt doch nicht kalt und auch bei meinen kurzen Streifzügen drängt es mich eher früher als später wieder zurück. 

    Trotzdem, an so einem wundervollen Tag ist drinnen bleiben keine Option für mich. Scooter gesattelt, und einfach drauf los, mal sehen, wo es mich hintreibt, grobe Richtung Beihai Park.

    Erstmal den 3. Ring Richtung Süden. Normalerweise ist hier auch am Wochenende dicker Verkehr!

    3. Ring – nichts los

    Am Dongzhimen Kreisverkehr werfe ich einen Blick auf die Werbung: Fight the virus!

    Fight the virus!

    Hier an der Ampel kram ich in meiner Tasche. Super, meine Sonnenbrille liegt zuhause auf dem Schreibtisch.

    Das ist schon vergleichsweise viel Verkehr heute…

    Wenn sonst nichts los ist, fallen die Straßenkehrer viel stärker auf als sonst.

    Straßenkehrer. Mit Maske natürlich.

    Eigentlich könnten die Ampeln auch abgeschaltet werden…

    Das kann doch unmöglich Peking sein?

    Zwischen Beixinqiao und Dongsi ist etwas mehr los. Zumindest, was Fußgänger und Zweiräder angeht.

    Auf den Straßen allerdings eher nicht so.

    Die Hutongs sind größtenteils gesperrt, als ich an einem die Barrikade fotografieren will, werde ich weitergescheucht. Ein paar Meter weiter ist dann ein Mann im weißen Schutzanzug mit Tank und Desinfektionsspritze zugange. Okay, dann mach ich wirklich lieber, dass ich weiterkomme.

    Ich rolle auf die Chang’an zu, aber in Richtung Tian’anmen darf ich nicht abbiegen, also überquere ich sie bloß und werfe einen Blick hinein:

    Chang’an in Richtung Tian’anmen

    Ladies and Gentlemen, das ist normalerweise eine der meistbefahrenen Straßen Pekings, die wichtigste Ost-West-Verbindung im Zentrum. Etwa 1000 Meter von meinem Standort befinden sich links der Tian’anmen und rechts die Verbotene Stadt. Und was sehen wir? NIX.  Das ist doch alles total surreal!

    Ich versuche, hintenrum in Richtung Tian’anmen zu fahren, aber es ist alles abgesperrt, also fahre ich zurück zur Chang’an und dort dann Richtung Osten.

    CBD mit dem Zhonguo Zun von der Chang’an aus.

    Die fast leeren Busse fahren übrigens zum Pekinger Hauptbahnhof. Nur: da war auch nichts los. Ich fahre dann den 2. Ring entlang Richtung Norden. Und wieder ein Blick auf den Zhonguo Zun und die „kleinen“ Gebäude ringsherum…

     

    Weiter am Galaxy Soho vorbei. Ich weiß, ich wiederhole mich: nichts los hier.

    Und noch ein letztes Bild für heute. Auch hier: nichts los. Auf dem 2. Ring!

    Ich tuckere durch Sanlitun zurück, wo ein paar mehr Fußgänger unterwegs sind. Mache einen Zwischenstopp im Jenny Lou (internationaler Supermarkt) und fahre zurück nach Hause. Heute muss ich Fieber messen lassen, Daumen hoch, puh. :)

    Und sonst?

    Quarantäne-Bestimmungen für Rückkehrer/Reisende

    Es gab wieder eine „Landsleute-Mail“, in der die aktuellen Quarantäne-Bestimmungen erläutert werden:

    Liebe Landsleute,
    in unserem letzten Schreiben hatten wir Sie darüber unterrichtet, dass in China in den vergangenen Tagen die Quarantänebestimmungen deutlich verschärft wurden, allerdings örtlich unterschiedlich. Vielerorts wird nunmehr eine 14-tägige Quarantänezeit für alle Personen vorgesehen, die von außerhalb kommen. Die Stadt Peking hat jetzt allerdings noch einmal schriftlich klargestellt, dass diese Regel keine Anwendung auf Personen findet, die sich in den vergangenen 14 Tagen nicht in der Volksrepublik China aufgehalten haben und über den Beijing Capital International Airport oder den Flughafen Daxing nach China einreisen. Diese Personen sind von der Anforderung der 14tägigen Haus-Quarantäne ausgenommen. Allerdings müssen sie bei ihrer Einreise ein Formular über ihren Gesundheitszustand ausfüllen bzw. vorlegen, eine Fiebermessung akzeptieren und eine Maske tragen.

    […]

     

    Zahlen…

    Ich versuche, mich von den Statistiken nicht mehr zu verrückt machen zu lassen, was mal mehr, mal weniger gut klappt.

    In Peking scheint die Zahl der Erkrankten zurückzugehen. Viel Hoffnung, dass sich das Leben hier zügig normalisiert, habe ich dennoch nicht. Der Tiefschlag von gestern – die Mitteilung der Schule, dass nicht vor dem 16. März mit einer Wiederöffnung gerechnet wird – wirkt nach.

    Die Virus-Nachrichten aus dem Rest der Welt, vor allem Südkorea, sind nicht wirklich ermutigend.

    Das soziale Leben fehlt

    Ich kann es gut mit mir selbst aushalten. Ich bin gerne alleine. Aber auch, wenn ich nicht rund um die Uhr Gesellschaft und Bespassung brauche, so habe ich inzwischen doch die Nase voll davon, mich nicht verabreden zu können, unterwegs mit Fremden ins Gespräch zu kommen, ich vermisse meine Freundinnen und die Aktivitäten mit Fotogruppe, Strickgruppe und Schreibstammtisch, ich vermisse Kochkurse und organisierte Ausflüge, spontane Treffen im Café, 30 Sekunden Gespräche an den Ampeln… Das einem das (der Mangel an sozialen Kontakten) ausgerechnet in Peking passiert, ist wirklich kaum in den Kopf zu kriegen.

    Wir bräuchten dann bitte mal noch eine große Portion Geduld und Durchhaltevermögen: Es sieht nach weiteren vier Wochen Ausnahmezustand aus.

    Schulöffnung voraussichtlich frühestens am 16. März

    Die Schulleitung hat eben mitgeteilt, dass man nicht damit rechnet, dass die Schule vor dem 16.3. wiedereröffnet werden darf.

    Wir gehen gegenwärtig davon aus, dass es keine Wiedereröffnung vor
    dem 16.03. geben wird. Sollte die Schule wider Erwarten früher öffnen dürfen, werden wir für die in Peking anwesenden Schüler ein Präsenzangebot entwickeln und die abwesenden Schüler parallel online beschulen.

    Falls doch, werde es parallel Präsenzunterricht für die Schüler geben, die bereits in Peking sind und weiteren Online-Unterricht für diejenigen, die noch anreisen müssen. Wer nach 14 Tagen außerhalb Chinas wieder über einen der Pekinger Flughäfen einreist, muss nicht in (Selbst-)Quarantäne. (Das steht auch in der gestrigen „Landsleute-Mail“ der Botschaft.) Eigentlich – denn die Compounds/Nachbarschaften handhaben es unterschiedlich, wie mit Rückkehrern umgegangen wird und verlangen teils Wohnungs-Quarantäne. Und nicht vergessen: wir sind hier in China – da kann sich schon spontan mal alles wieder ändern. Also genau hingucken, was aktuell verlangt und gefordert wird!

    Die Projektwoche im Mai wird entfallen und stattdessen Unterricht stattfinden. Durch den Online-Unterricht sei gewährleistet, dass das Schuljahr komplett anerkannt wird. Die Abiklausuren sollen Ende April nachgeschrieben werden.

    Ich muss sagen, dass unsere Schule unter diesen Umständen einen guten Job macht. Zum Einen fühle ich mich gut informiert (auch und gerade, weil zum Teil entsprechend vorsichtig formuliert wird und Eventualitäten benannt werden), es gibt regelmäßig Informationen per Mail und auf der Schulwebseite. Zum Anderen läuft der Onlineunterricht. Es ist zum Glück kein Homeschooling (bäh, das klingt auch schon so nach Sekte…), ich muss also keine Lehrerinnenrolle übernehmen. Manche Lehrer machen das echt gut, setzen diverse Medien- und Onlineangebote ein und schöpfen aus dem Vollen. Andere schwächeln und beschränken sich auf „Lest Seite 45 im Buch und bearbeitet Aufgabe 1-4“. Also eigentlich nicht anders als im normalen Präsenzunterricht auch, da gibt es ja ebenfalls solche und solche. 

    Spielchen mit der Statistik

    Heute morgen habe ich als erstes gedacht, die Statistiken wären ermutigend, denn die Zahl der Neuansteckungen war kleiner als die der wieder gesunden Patienten. Aber nun lese ich, dass die Zählweise erneut geändert wurde und wieder nur im Labor nachgewiesene Erkrankungen mit erfasst werden, nicht mehr die, deren klinische Symptome auf Covid-19 hinwiesen. Welche Zählweise nun sinnvoller ist, das mögen Virologen und Epidemiologen entscheiden, die Vergleichbarkeit und die Möglichkeit auch als Laie Trends aus der Statistik herauslesen zu können, ist erstmal dahin.

    Die Hoffnung, ab Anfang März könnte sich unser Leben hier wieder normalisieren, ist erstmal dahin. 

    Bei Laune bleiben

    Immer in der Bude hocken tut mir nicht gut, wenigstens für eine kurze Runde will ich nun doch wieder jeden Tag raus.  Nun ist die Luft heute wieder eher mies und das in Verbindung mit Dunst/Nebel, so dass ich bis zum späten Nachmittag mit mir gehadert habe, ob raus oder nicht raus… Da ich immer übellauniger wurde (die Verlängerung des Wohnungsknastes ist echt ein Tiefschlag), bin ich dann doch raus.

    Liangma-Brücke. Das soll Berufsverkehr sein?

    So richtig Spaß gemacht hat es leider nicht, denn Brille und Maske haben heute nicht gut harmoniert. Ständig beschlagene Brillengläser, selbst bei sowenig Verkehr auf den Straßen, das ist nicht ratsam. Nur schnell ein Glas Nutella für die Jungs erbeutet und wieder zurück getuckert. Eigentlich war ich genauso genervt wie vorher, als ich zuhause rein bin. Uneigentlich haben die Junioren sich über die Schokopampe so gefreut, dass auch meine Laune dann zum Glück doch wieder gestiegen ist. Pflegeleichte Kinder, die sich auch  mit solchen Kleinigkeiten bei Laune halten lassen. Die Beiden tragen den Wohnungsknast tatsächlich mit ganz viel Fassung, darüber bin ich unheimlich froh.  

    Als gebürtige Nordlichter sind wir ausgemachte Faschingsmuffel, aber um etwas Abwechslung in den Wohnungsknast zu bringen, habe ich den Jungs angeboten, ein kleines, privates Fest zu feiern. Wir könnten uns ja auch maskieren… ;) Aber nein, da sind sie konsequent: Kein Karneval und Co. bei uns.

    Nun gut, dann bereite ich für die Nacht von Sonntag auf Montag halt eine Mini-Wahlparty vor zur Bürgerschaftswahl in Hamburg. Wenn die #noAFD aus der Bürgerschaft fliegt, gäbe es wirklich was zu feiern. Nein, feiern ist nicht das richtige Wort, schon gar nicht heute nach den Hanauer Morden. Aber es wäre gut, wenn aus Hamburg das Signal kommt, dass Nazis in unseren Parlamenten nichts verloren haben.

     

     

    Wir gehen jetzt in die vierte Woche des virusbedingten Ausnahmezustands, und es ist kein Ende absehbar. Die Schule wird frühestens am 2.3. wieder starten, allerdings haben die chinesischen Behörden gerade verkündet, dass es aktuell zu früh sei, einen Termin für die Wiedereröffnung der Schulen zu nennen – die Eindämmung der Epidemie habe Vorrang. Sehe ich ein. Auch dass der Volkskongress jetzt vertagt wurde (wäre am 5. März losgegangen), dämpft die Hoffnung, dass sich das Leben bald normalisieren könnte. Also weiter abwarten.

    Inzwischen haben wir uns in unserem mehr oder weniger freiwilligen „Wohnungsknast“ ganz gut eingerichtet. Die Jungs lasse ich weiterhin nicht vor die Tür, außerdem lasse ich sie derzeit nicht alleine, ein Elternteil bleibt immer mit ihnen zuhause. Normalerweise unnötig, sind ja keine Babys mehr. Aber jetzt plagen mich so Horrorvisionen, dass die Zwei mit ganz viel Pech allein auf sich gestellt sein könnten, weil wir nicht mehr in den Compound zurück gelassen werden oder ich irgendwo niesen muss und in eine Klinik zur Beobachtung gesteckt werden könnte. Klingt übervorsichtig und absurd? Tja, vor vier Wochen klang es auch noch absurd, beim Betreten eines Supermarktes erstmal Fieber messen zu lassen. 

    Nach dem fiesen Smog vor ein paar Tagen hatten wir jetzt knapp drei Tage unglaublich gute Luft mit klarer Sicht. Das hat die Laune auch etwas gehoben.

    Super-Luft, die Berge rücken näher

    Kein Tor zur Welt

    Um das ganze noch nerviger zu machen, ist das Internet aktuell sehr fragil, das Tor zur freien Welt ist zu – und das ausgerechnet jetzt, wo man gerne jedem WeChat-Gerücht auf den Grund gehen würde und bei manchem noch zugänglichen Zeitungsbericht gerne weiter nachforschen würde. Keine Tagesschau, keine New York Times, kein Wikipedia, Netflix, Youtube, Facebook, Google, Twitter, Pinterest – nix, nada, niente. Unser Anbieter schwächelt zum ersten Mal seit wir in China sind, andere laufen diesmal besser. Zum Glück funktioniert die TV Box, und auf einem taiwaneschen „Hollywood“-Sender laufen die beklopptesten Katastrophenfilmchen, die man sich nur wünschen kann. Ich würde ja gerne jetzt selbst was drehen, die Kulisse ist vor der Tür, aber noch habe ich die Junioren nicht davon überzeugen können. Statt Blair Witch vielleicht Beijing Beast… ?

    Und sonst? Peking und Covid-19

    • Compounds/Nachbarschaften halten es sehr unterschiedlich mit ihren Zugangskontrollen. Wir haben zusätzliche personalisierte Pappkarten Ausweise bekommen, ohne die wir theoretisch nicht raus oder rein dürfen. Der Mann wurde gestern streng kontrolliert, ich wurde heute einfach durchgewunken.
    • Wer jetzt nach Peking zurückkehrt, muss 2 Wochen in „Selbst-Quarantäne“, vor der Rückkehr sind Compound und Arbeitgeber zu informieren. Die Umsetzung wird von Compound zu Compound sehr unterschiedlich gehandhabt, es heißt, in manchen Apartmenthäusern dürften Peking-Rückkehrer ihre Wohnungen nicht verlassen (Versorgung wird dort durch den Compound unterstützt, Lieferungen bis an die Wohnungstür gebracht).
    • Parks sind weiterhin geöffnet, nur Bereiche, in denen es sich sonst ballt, sind gesperrt, so auch die Wege direkt an den Seen. Der Zoo ist geschlossen (aber den kann ich eh nicht empfehlen).
    • Sherpa’s (Lieferdienst, dessen App auch auf Englisch verfügbar ist) hat seinen Betrieb wieder aufgenommen, auch wenn viele Restaurants weiterhin geschlossen sind.
    • Für die Schule und deutsche und chinesische Behörden haben wir dieses Woche zum zweiten Mal eine Onlineumfrage ausgefüllt. Ja, wir sind in Peking, die Kinder haben kein Fieber und sind auch sonst gesund.

    Kontrollrunde

    Heute war ich mal dran mit rausgehen. Erstmal Einkaufen. Hieß es, die Versorgung in Peking sei beeinträchtigt? Sieht nicht so aus:

    Genug Brot

    Und weil einer der Jungs in Geschichte gerade die Französische Revolution durch nimmt: Kuchen gibt es auch:

    Und wenn das Volk kein Brot hat…

    Auch nachmittags zieht es mich noch mal raus. Ich schwinge mich auf den Scooter, fahre erst an der Schule, dann an der Deutschen Botschaft vorbei. Die Straßen sind zwar voller als letzte Woche, aber es wirkt immer noch wie eine deutsche Kleinstadt am Karfreitag… Trotzdem, mir wird bewusst, dass ich mich schon daran gewöhnt habe, dass a) wenig los ist und b) alle Leute Masken tragen. Ich fahre weiter am Dongzhimen-Kreisverkehr vorbei, wo ich nicht einmal anhalten muss, weil – ja, nichts los halt.

    Ich biege in die Yonghegong Straße ein. Der Lama-Tempel ist weiterhin geschlossen, sonst tobt hier um diese Zeit der Bär, es stauen sich Touribusse und der übliche Verkehr. Heute sah es so aus:

    Yonghegong Straße

    Auch hier überall Sperren, von Hutong zu Hutong unterschiedlich ausgeprägt, hier relativ lässig. Anderswo gibt es Gitterzäune oder ähnliches.

    Hinter dem Lama-Tempel biege ich in die Andingmen ein, fahre an der Ausländerbehörde vorbei, um dann den 2. Ring zu überqueren – zum ersten Mal nutze ich mit dem Scooter eine der Fußgänger/Bike-Brücken.

    2. Ring

    Auf Nebenstraßen fahre ich zurück in unser Wohnviertel, mache noch einen Stopp beim chinesischen Supermarkt. Hier muss ich mein Handgelenk entblößen zum Fiebermessen. Ich betrete den Laden und fall‘ vom Glauben ab: proppevoll, Gedrängel ohne Ende. Auch hier volle Regale. Und wenn man von den Masken absieht: wirkt total normal. 

    Auf dem Rückweg fahre ich dann einmal um unseren Compound herum, weil es hieß, Zugang derzeit nur durch den Südeingang. Dort öffnet mir ein Wächter das Tor und winkt mich so durch. 

    Wir haben uns also mit den erschwerten Bedingungen hier arrangiert, es geht uns gut und rein rational fühlen wir uns auch weiterhin sicher und gut aufgehoben hier. Trotzdem, ich wäre jetzt bereit für den normalen Peking-Alltag.

    Dicke Luft: Der AQI war heute wieder nur knapp unter 300. Trotzdem musste einer von uns raus, der Kühlschrank war leergefuttert. Ich sage nur: Teenager-Söhne. Da sich bei mir erste Anzeichen von Budenkoller zeigten, habe ich mich freiwillig gemeldet. Normalerweise gehe ich bei solchen Werten nicht raus, da ich immer direkt mit Atemwegsbeschwerden und Kopfschmerzen reagiere, wenn die Werte in Richtung 200 und drüber gehen. Abgesehen vom Smog war es schön draußen, relativ warm (9 Grad), oberhalb der Smogglocke war die Sonne zu erahnen. Zum ersten Mal in diesem Jahr ohne Mütze und Handschuhe draußen, klar, das Frühlingsfest liegt ja auch schon hinter uns, auch wenn es dieses Jahr aus bekannten Gründen so ganz anders war.

    Inzwischen sind zwar etwas mehr Leute und Fahrzeuge unterwegs als noch letzte Woche, aber nee, das ist nicht das normale Peking, das ist ’ne tote Geisterstadt mit den leeren Straßen. Wo ist das Gewusel? Wie kann es sein, dass ich allein mit dem Scooter an der Ampel warte? 

    Blick in den Rückspiegel

    Auch beim Blick in den Rückspiegel: nichts los

    Ich beginne meine übliche Runde: „Bodensee-Bäcker“ in der Lucky Street, in der vielleicht drei Parkplätze belegt sind, also: gähnende Leere. Schwungvoll schwinge ich mich neben einen einsamen SUV, doch ein Wächter pfeift, sagt: „nee, hier nicht“. Muss ja alles seine Ordnung haben, auch in solchen Zeiten. Ich lächele ihn an, was er vermutlich nicht bemerkt, da von meiner Mimik dank Helm, Brille und Maske nicht viel zu erkennen sein dürfte. Ich stelle den Scooter ordnungsgemäß ab, erledige meine Einkäufe, rufe dem Wächter beim Wegfahren noch ein fröhliches „Zaijian“ zu, er winkt mir zu und ich tuckere weiter zu Schindler („German Food Centre“, vor allem Metzger).

    Auch hier bin ich die einzige Kundin, allerdings kommen hier nicht nur zwei Mitarbeiter wie beim Bäcker, sondern mindestens zehn auf mich. Geheimtipp: jetzt im Winter gibt es „fresh onion mettwurst“. Wird vor meinen Augen frisch zubereitet und ist das Einzige, was hier dem vom Gatten heißgeliebten und sehnsüchtig vermissten Mett sehr nahe kommt.

    Die Scooterbox ist voll, ich fahre kurz zuhause vorbei, friere erstmal das ganze Fleisch ein. Jetzt statte ich erst dem Compound-Shop einen Besuch ab, ordere Trinkwasser, stelle fest, dass seine Gemüseauswahl nicht mehr groß ist, aber frische Milch hat er noch. Die Weinvorräte hingegen sind geschrumpft, aber ich finde noch einen Merlot, der mir zusagt. Viel mehr Compoundbewohner als sonst kaufen jetzt bei ihm ein – und er macht echt einen tollen Job. Wir können praktisch alles vorbestellen, und er versucht, auch unsere exotischen deutschen Wünsche zu erfüllen: den Kirschsaft für den Junior gibt es wieder. Vielleicht macht er gerade das Geschäft seines Lebens, aber er wirkt gestresst und angespannt – und ich vermisse unser normales Geplänkel. Vor dem Neujahrsfest hatte er mich eingeladen, mit ihm seinem Heimatort zu besuchen – das ist jetzt erstmal auf unbestimmte Zeit vertagt.

    Auf geht es zur nächsten Runde: Jenny Wang (internationaler Supermarkt). Hoppla, warum sind ausgerechnet die Gewürzregale leer gefegt? Obst und Gemüse gibt es aber frisch und reichlich. Vielleicht ist das dumm von mir, aber tatsächlich mag ich gerade nicht auf den sonst sehr von mir geliebten Sanyuanli-Markt gehen – da hängt halt echt viel unverpacktes Fleisch rum (wenn auch nichts besonders exotisches). Mir scheint, hier bin ich auch unfreiwilliges Opfer der Medienberichterstattung.

    Ich treffe den Jenny Wang-Manager (den ich noch aus der Filiale in Shunyi kenne), unser kurzer Plausch wird aber auch nach wenigen Minuten unterbrochen. Stressige Zeiten. Ich arbeite meine Einkaufsliste ab, zahle (per WeChat-Pay, natürlich), belade den Scooter und tuckere über die weiterhin verödeten Straßen nach Hause. Der Wächter öffnet mir das Tor und winkt mich so durch. Kein Fiebermessen, keine Befragung heute. Ich stelle den Scooter ab, mache noch ein beknacktes Selfie und begebe mich zurück in den Wohnungsknast.

    Lin mit Helm und Maske

    Stylingtipps: Matching Colors: Helm und Maske in Weiß, Augenringe, Brillengestell und Jacke in schwarz… ;)

    Zahlenspiele?

    In verschiedenen Medien war zu lesen, dass China eine Änderung der statistischen Erfassung vorgenommen hat, zum Beispiel bei der Zeit Online (gegebenenfallls runterscrollen/auf „weitere Beiträge“ klicken; Meldung vom 11. Februar, 18:09 Uhr)

    Die nationale Gesundheitskommission in Peking hat eine neue Definition erlassen, wer als vom Coronavirus infiziert gilt: China erfasst demnach seit Freitag nur noch Personen in der Statistik, wenn sie Krankheitssymptome aufweisen. Menschen, bei denen das Virus zwar nachgewiesen wurde, die aber keine Symptome aufweisen, tauchen in der Statistik nicht mehr auf.

    Die neue Definition widerspricht den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die als Infizierten jemanden betrachtet, bei dem eine 2019-nCoV-Infektion durch ein Labor bestätigt wurde – egal ob mit oder ohne Symptome. Laut der WHO nehmen die Infektionen in etwa 80 Prozent der Fälle einen milden Verlauf. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer derer, die infiziert, aber nicht registriert sind, sehr hoch ist. 

    Seit Ende vergangener Woche wächst der Anstieg der neu nachgewiesenen Ansteckungen mit der Lungenkrankheit nicht mehr so stark wie zuvor. Inwiefern das auf die neue Definition von Infizierten zurückzuführen ist, ist bisher unklar.

    Ich fürchte, dass es für uns Nicht-Epidemiologen/Virologen ziemlich schwierig bis fast unmöglich ist, die Zahlen tatsächlich einzuordnen – selbst ohne Änderung der statistischen Erfassung. Ich selbst habe wie viele andere Hoffnung geschöpft, als ich gesehen habe, dass die Balken mit den Neuansteckungen kürzer werden. Da die Statistik im „The Beijinger“, die ich mir bisher immer angesehen habe, allerdings nicht ausweist, mit welcher Zählung gearbeitet wird, sind die Zahlen für mich nicht mehr wirklich vergleichbar. Und das ist für mich das aktuelle Problem. Ich wünsche mir nichts mehr, dass die Zahlen tatsächlich und objektiv zurückgehen, denn das würde Hoffnung bedeuten, dass der Ausnahmezustand, in dem wir uns derzeit hier in China befinden, ein Ende finden könnte. Und trotzdem, es regt sich ein Fünkchen Hoffnung, da der aktuelle Balken deutlich kürzer ist als der von gestern…

    Es sind nicht nur Zahlen, hier geht es um Menschen!

    Was mir tatsächlich zu kurz kommt: hinter diesen Zahlen stehen Menschen und Schicksale. Hinter jedem einzelnen Erkrankten und Verstorbenen steht eine besorgte oder trauernde Familie, die sicher fürchten müssen, auch selbst zu erkranken. Diese Leute sind sicher am härtesten betroffen. Noch größer dürfte der Kreis derjenigen sein, die Einkommenseinbussen hinnehmen müssen, von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Das trifft unvorstellbar viele Menschen…

    Das Virus rückt näher

    Wir leisten uns den Luxus einer Ayi. Eigentlich. Uneigentlich ist sie aus Hubei (die Provinz, deren Hauptstadt Wuhan ist), sie hat ihre Ferien vorzeitig abgebrochen und sich selbst in Peking in Quarantäne versetzt. Zunächst durfte sie ihr Wohnviertel hier in Peking nicht verlassen, das ist ihr inzwischen erlaubt, denn sie ist jetzt mehr als zwei Wochen zurück und gesund. Aber nun stellt sich unser Compound quer, da es Krankheitsfälle in ihrem Pekinger „Dorf“ gibt. Nachvollziehbar. Grundsätzlich gilt weiterhin, dass Nicht-Bewohner unseren Compound nicht betreten dürfen, mindestens bis März.

    Für uns ist die Krankheit damit gefühlt dichter dran gerückt. In unserem Pekinger District gibt es zwar die höchste Zahl der Erkrankten (aktuell 56), Chaoyang ist aber mit knapp 3,6 Millionen Einwohnern der Pekinger District mit der höchsten Einwohnerzahl. Laut App sind die betroffenen Wohnviertel zwar alle weit weg, aber ich habe mich doch dabei ertappt, zurückzurechnen, wann ich wo in der Öffentlichkeit unterwegs war… Und hat nicht vorhin die Hand des Metzgers die meine berührt? Mich selbst verrückt machen, das kann ich. Als Handmodel tauge ich aktuell auch nicht, so wund und rissig sind meine Pfoten vom vielen Waschen und Desinfizieren….

    Quarantäne und Zugangsbeschränkungen sind Mist für die Betroffenen, keine Frage. Uns geht es im Vergleich zu den Leuten auf den Kreuzfahrtschiffen in Quarantäne noch gut (man stelle sich vor: Innenkabine, in die man nur vorwärts rein- und rückwärts wieder rauskommt – was ja unter normalen Umständen okay ist, weil man glaubt, eh nur zum Schlafen in der Kabine zu sein). Aber: „for the greater good“ ist einzusehen, dass Quarantänen nötig sind, so sehr uns das individuell auch belasten mag.

    Und sonst?

    • Apothekenbesuch? Pass mitnehmen, vor allem, wenn man Mittel kaufen will, die (auch) fiebersenkende Wirkung haben. Apotheken sind gehalten, solche Käufe zu registrieren und weiterzumelden.
    • Schulen bleiben vermutlich alle über den 17.2. (der zunächst als Datum genannt wurde) hinaus geschlossen. Die meisten internationalen Schulen nennen den 2.3. als frühestens Restart-Termin.
    • Touristische Hotspots bleiben weiterhin geschlossen, u.a. auch die Shops und Restaurants in der Nanluoguxiang. 
    • Namenskonventionen: Ob das Ding nun Neujahrsseuche, WuFlu, NPC oder Covid-19 heisst – mir egal, Hauptsache, es wird bald eingedämmt und verliert seinen Schrecken.

    Wir versuchen jedenfalls, trotz dieses Ausnahmezustands eine Art von Alltag aufrecht zu erhalten. Da wir alle, auch die Jungs, Nachteulen und nicht Lerchen sind, hat sich der Schlafrhythmus auf Zeiten verschoben, die unserem Biorhythmus mehr entsprechen. Die Jungs sind tatsächlich noch gut drauf – dazu trägt sicher auch das Onlinespielen und das dabei chatten/talken mit ihren Freunden bei (machen sie in normalen Zeiten ja schon gerne und genießen es jetzt, dass wir das – solange die schulischen Pflichten erledigt werden!!! – nicht einschränken). Jedenfalls hört man hinter den verschlossenen Türen viel Gekicher, und das ist gut so.

    Am Rande: ich habe gestern vor dem Einschlafen hier in Peking einen russischen Katastrophenfilm „отрыть/Break/Abgerissen“ (bisschen geklaut vom amerikanischen B-Movie „Frozen – am Rande des Abgrunds“) im Original gesehen, nur chinesische Untertitel, ausgestrahlt von einem taiwanesischen Sender. Der Sender („Hollywood Movie Channel Taiwan“) ist eine Fundgrube wundervoll-mieser Katastrophenfilme für mich, hier mal das google-übersetzte Programm für heute: 05:00 Dieser Strand frisst Menschen (Allgemein), 06:45 Lava Venom Spider 2 (Schutz), 08:35 Demon Warrior (Schutz), 11:45 300 Stark: Spartans Gegenangriff (Schutz), 14:05 Countdown zum Weltuntergang: Hurrikan des Jahrhunderts (Allgemein), 16:00 Gesundheit ist ungefähr (Allgemein), 17:00 Megalodon (Allgemein), 19:00 Bogenbrechender General (Wache), 21:00 Extremes Hai-Imperium (Allgemein), 23:00 Ella, Krieg Daughter (Pu), 01:35 Ghost Warrior (Schutz)  /// *grins*

    Vor Beginn jedes Films wird allerdings ein Spot ausgestrahlt, in dem ein weißbekittelter, weißhaariger Arzt? Schauspieler? das korrekte Tragen von Maske und die Wichtigkeit vom richtigen Händewaschen erläutert. Für mich sind diese blödsinnigen Machwerke jedenfalls wunderbar, um mich von der realen Katastrophe abzulenken.

    In Deutschland tobt ein Sturm, und windig ist es auch noch. Thüringen und die Folgen und „Sabine“ haben – zumindest vorübergehend – das Coronavirus aus den Schlagzeilen verdrängt. Unser Pekinger Alltag wird allerdings weiterhin stark davon bestimmt:

    • Die Schule wird nun mindestens den ganzen Februar über geschlossen bleiben.
    • Für die Schule habe ich heute einen Onlinefragebogen ausgefüllt (wichtig für deutsche und chinesische Behörden): Ja, wir sind in Peking, die Kinder haben kein Fieber und sind gesund.
    • Der Mann macht Home Office.
    • Wir gehen nicht mehr Essen, da wir den Eindruck hatten, dass selbst im Lieblingsrestaurant nicht mehr so ganz frische Lebensmittel verwendet wurden (blödes Timing von dem Virus, ausgerechnet zu Neujahr zuzuschlagen). Ganz zu schweigen vom Niesen aus der Küche. Inzwischen sind „Banquets“ untersagt, konkretisiert wurde es inzwischen mit „nicht mehr als drei Personen“.
    • Die Kontrollen beim Betreten und Verlassen des Compounds wurden verschärft. Es wird Fieber gemessen, nachgefragt, ob man wirklich raus muss. Überall riecht es nach Desinfektionsmittel, im Fahrstuhl hängen Papiertücher, die man benutzen soll, um die Knöpfe zu bedienen.
    • Das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit ist überall da Pflicht, wo man anderen Menschen begegnet: Supermärkte, Busse, Bahnen, Fahrstühle… Aber schon bevor diese Order kam, ist einem praktisch niemand mehr ohne Maske begegnet.

    Vorsichtsmaßnahme im Lastenaufzug

    Aussitzen, oder… ?

    Mit der Entscheidung, die Krise hier auszusitzen, sind wir nicht allein. Laut (nicht repräsentativer) Umfrage des „Beijingers“ sind es ca. 70% der Expats, die hier ausharren, laut Umfrage in einer Schulklasse sind etwas mehr als die Hälfte der Kinder hier. Unsere „Lütten“ (die so lütt ja gar nicht mehr sind) haben von mir aber ein totales Verbot bekommen, die Wohnung zu verlassen. Dafür können sie – wenn die schulischen Pflichten erledigt sind – glotzen und PC spielen bis es selbst ihnen zu viel wird. Langweile kennt zum Glück keiner von uns – ich bin aber wirklich froh, hier jetzt nicht mit jüngeren Kindern festzusitzen.

    Rückflug mit Hindernissen

    Der Mittlere und seine Freundin sind inzwischen heil und gesund zurück in Deutschland. Mit den vielen Flugstreichungen und einem Fehler bei der Umbuchung (kann einem Unternehmen ja mal passieren, aber in solchen Zeiten sieht das einfach nicht gut aus, wenn ein Flug aus dem System verschwindet, aber für den 15fachen Preis noch zu haben ist) fühlte ich mich schon gestresst, und die selbst auferlegte Coolness hat echt Risse bekommen. Zum Glück stand das Unternehmen nach zahlreichen, endlosen Telefonaten zu seinem Fehler, und die großen  „Kinder“ wurden auf einen neuen Rückflug gebucht. Am Ende sogar ganz gut, denn der vorige Flug war inzwischen auch komplett Geschichte, auch diese Airline fliegt erst im März wieder.

    Nochmal Schnee…

    Zwischendrin hat es mal wieder geschneit, schon das fünfte Mal in diesem Winter – angesichts des Virus ist das ziemlich untergegangen. 

    Schnee in Chaoyang

    Schnee in Peking

    Was für ein unfassbarer Unterschied! Als es Anfang Januar so geschneit hatte, was war da für ein Trubel überall, was war da für eine aufgekratzt-fröhliche Stimmung. Bis auf ein paar Reste ist der Schnee inzwischen weggetaut, tagsüber sollen wir in den nächsten Tagen sogar zweistellige Temperaturen kriegen, bis es am kommenden Wochenende windig und wieder kalt wird. Das wird dann hoffentlich den dreckigen Smog wegblasen, der hier zusätzlich zu allem anderen die Stimmung drückt.

    Eine Portion Optimismus, bitte

    Meine Gelassenheit ist brüchig geworden. Ein Virus, das morgen oder übermorgen 1000 Menschen auf dem Gewissen haben wird, tobt in dem Land, in dem ich lebe. Es ist nicht irgendeine Schlagzeile, die ein Land Tausende Kilometer entfernt betrifft, sondern es findet hier in unserer Nachbarschaft statt. In Peking sind inzwischen 337 Menschen erkrankt, zwei verstorben, 44 wieder gesund. Die Zahlen verlieren – etwas – von ihrem Schrecken, wenn man sie in Relation zu Pekings Größe setzt: über 21 Millionen Einwohner. Aber anders als über eine Nachricht, über die man hinwegscrollt, kann man über die Masken, die Kontrollen nicht hinwegsehen. Ob wir wollen oder nicht, wir werden ständig mit der Krise konfrontiert.

    Nervt immer, aber jetzt besonders: Panikmache und Fake News

    Fake News und Panikmache sind immer unnötiger Mist. Aktuell werde ich aber wirklich zornig, wenn ich mit sowas konfrontiert werde. Es ist schwierig genug, seriöse von unseriösen Meldungen zu unterscheiden, erst Recht, wenn selbst Medien, die man eigentlich als eher vertrauenswürdig erachtet hat (wie Spiegel und Tagesthemen beispielsweise) danebengreifen. Aktuell kommt dazu, dass meine Chinesischkenntnisse sehr begrenzt sind, der Zugriff auf Originalquellen damit nur eingeschränkt möglich ist. So eine Situation würde einen doch schon in Deutschland verunsichern, wo man alles mit der Muttermilch aufgesogen hat und auch blind zwischen den Zeilen lesen kann. Sprachbarrieren sind blöd. Naja, und China und Medien halt… 

    Jedenfalls liegen hier keine Leichen in den Straßen rum, auch Zombies haben wir noch keine gesehen. Unsere Nachbarn gehen weiter mit ihren Hunden Gassi und haben sie nicht aus dem Fenster geworfen, Peking ist nicht abgeriegelt, die Regale in den Supermärkten sind voll (es gibt auch wieder Trinkwasserkübel, der Engpass war tatsächlich nur den eigentlichen Neujahrsferien geschuldet).

    Und wenn mir hier das doch alles zu viel wird, klemme ich die Kurzen untern Arm und setze mich nach Australien ab und helfe unseren Freunden dort bei der Renovierung ihrer Farm. Oh wait, Reisebeschränkungen, die Australier (und viele andere Länder) lassen uns gar nicht rein. Ich habe einen Notfall-Plan für Deutschland, aber selbst mit den Einschränkungen und dem halbfreiwilligen Wohnungsknast ist es derzeit für uns angenehmer hier in Peking.

    Landsleute-Mails

    In den letzten Wochen bekommen wir über die Krisenvorsorgeliste der Botschaft/des Auswärtigen Amts regelmäßig sogenannte Landsleute-Mails. Zum Teil bestehen die aus Abschnitten, die sich lesen wie Presseerklärungen. Ja schon, ich finde es gut und richtig, dass die Deutschen aus Wuhan ausgeflogen wurden. Aber ich frage mich, warum das andere Länder deutlich früher geschafft haben – und warum das mir in so einer Mail mitgeteilt wird. Soll mich das beruhigen, dass im Fall der Fälle auch aus Peking (oder anderen betroffenen Landesteilen) evakuiert wird?

    Zu der Teilreisewarnung hat sich nun der Hinweis gesellt, dass Deutsche in China eine vorzeitige/vorübergehende Ausreise in Erwägung ziehen sollten – aufgrund der zunehmenden Einschränkungen. Nicht wegen des Virus selbst. Das nehmen wir erstmal als Beruhigung und bleiben, denn so lästig die Einschränkungen auch sind, damit lässt es sich aushalten.  

    Wir hoffen, dass das Schlimmste bald überstanden ist. Die Kurve mit den Neuansteckungen ist abgeflacht. Jetzt muss man wohl abwarten, ob mit der Rückkehrerwelle (heute war der erste offizielle Arbeitstag nach den verlängerten „Ferien“) eine neue Ansteckungswelle durch Peking und das Land schwappt.

    Etwas mehr Langweile, bitte

    Werde ich gefragt, wie ich das Leben in Peking finde, habe ich bisher meistens geantwortet, dass es seine Höhen und Tiefen hat, aber es zumindest niemals langweilig wird. Etwas mehr Langweile wäre jetzt aber vielleicht doch ganz schön.

    Immerhin wird mein SuB (Stapel ungelesener Bücher) kleiner. Zwischendurch habe ich das Spiel Plague Inc. entstaubt; beim Glotzen sind Mützen, Schals und Socken entstanden. Achja, Glotzen:  Offenbar gibt es unter uns deutschen Pekingern einen Trend zu den gleichen Filmen und Serien: Outbreak, Contagion, World War Z, Containment… Und dann setz ich meine Maske auf, schwinge mich auf den Scooter und fahre durch die nach wie vor leeren Straßen und denke, ich bin im falschen Film.