Mein Weihnachten in Peking – Beitrag zur Blogparade der Expatmamas

Adventskranz

Das dritte Weihnachtsfest, seit wir nicht mehr in Hamburg leben, steht vor der Tür.

Im ersten Jahr waren wir gerade wenige Monate hier, alles war noch neu und aufregend. Wir wollten nicht nach Hamburg reisen, um den gut laufenden Eingewöhnungsprozess der Kinder nicht zu unterbrechen. Wir haben gefürchtet, die Kinder nicht freiwillig wieder in den Flieger zurück nach Peking bekommen zu können … Stattdessen haben wir die großen Kinder zu uns eingeladen. Die konnten sich bei der Gelegenheit auch gleich davon überzeugen, dass es uns hier so schlecht nicht geht. So haben wir gemeinsam die Weihnachtsferien mit viel Sightseeing und Ausflügen verbracht.

Weihnachtsstern

Der Mittlere, der nach seinem Jahr in Yunnan gut Chinesisch spricht, hat ein Stück weiter die Straße runter einen echten Weihnachtsbaum gekauft, der eine Stunde später geliefert wurde. Von der Rezeption kam ein irritiert-ungläubiger Anruf: „Da will ihnen jemand einen Baum liefern! Stimmt das?“
Deko haben wir im Beidong-Flowermarkt nicht weit von hier erstanden. Töchterchen hat sich durchgesetzt: Wenigstens einmal im Leben einen richtigen Mädchenbaum – und so kamen wir zu rosa und pinken Kugeln und einer rosa Blümchenlichterkette. Da muss die Familie jetzt auch weiterhin durch! ;)

Heiligabend gab es traditionell Kartoffelsalat und Würstchen (wenn auch aus dem Glas, aber immerhin deutscher Markenimport) und für das Mäkelkind selbstgemachte Chicken Nuggets. Auch die Weihnachtsgans haben die Kinder im Sanyuanli-Markt besorgt. So gab es also auch am 1. Weihnachtsfeiertag ein klassisches Weihnachtsessen hier, auch wenn die Gans dank Dusselofen zu trocken, die Klöße eher Kartoffelbrei waren. Immerhin der Rotkohl und der Nachtisch waren super. :)
Silvester blieb die Küche kalt, stattdessen ging es in ein nettes Yunnan-Restaurant.

2016 – Weihnachten ganz anders

LetIMG_8928ztes Jahr waren wir in Australien und hatten ein wundervolles australisches Weihnachtsfest zusammen mit unserer Gastgeberin.

Weihnachten in Bulwarra

Das würde ich mir auch wieder gefallen lassen.

Überhaupt, den langen Pekinger Winter und die übelste Smog-Saison würde ich gerne wieder drei Wochen in der Sonne unterbrechen.

Weihnachten 2017

Doch dieses Jahr bleiben wir wieder hier, denn es kommt Besuch. Liebe alte Freunde, mit denen wir in Deutschland schon viele Feiertage gemeinsam begangen haben. Letztes Jahr waren die weihnachtlichen Aktivitäten bei uns wegen des Australienurlaubs relativ begrenzt, dieses Jahr habe ich schon Mitte November angefangen, die Deko zu sichten. Und das, obwohl ich im November im Rahmen meiner NaNoWriMo-Teilnahme (eine Schreib-Challenge, bei der man im Schnitt im November täglich 1667 Wörter schreibt, um am 30.11. eine Geschichte von 50.000+ Wörtern zu haben) eigentlich keine freie Zeit übrig hatte, zumal ja auch noch die Führerscheinprüfung dazwischengefunkt hat.

Köttbull – unser neuer Mitbewohner

Bei Ausflügen mit Freundinnen auf diverse Märkte wurde das Vorhandene ein bisschen ergänzt. Kollege Köttbull ist bei uns eingezogen. Zu meinen künstlichen IKEA-Weihnachtssternen haben sich jetzt auch echte vom Flower-Markt gesellt.

Nur das Weihnachtsbaumproblem müssen wir noch lösen. Im Rahmen der Aufräumaktionen in der Stadt wurden auch alle Blumen- und Pflanzenhändler von unserer Straße vertrieben. Der eine verbliebene Händler nimmt exorbitante Phantasiepreise, auch der Händler vor dem Flowermarkt in der Nähe der Schule nimmt jetzt über das Dreifache wie 2015. Bei dem Händler hier um die Ecke werde ich noch mal mein Glück versuchen und hart handeln. Sollte ich scheitern, wird es nur ein kleiner echter Baum oder ein künstlicher. Letzteres war für mich bisher undenkbar – aber nur, weil ich eine Langnase mit komischen Sitten bin, will ich kein ungerechtfertigtes Vermögen für einen Weihnachtsbaum berappen (Nr. 4 schaut mir gerade über die Schulter und stimmt Protestgeschrei an: „Waaaas? Kein echter Baum?“ Ich werde beim Handeln also über mich hinauswachsen müssen, dabei hasse ich es …)

Backmarathon

Ergebnis von Backmarathon und Plätzchentausch

Wie in Deutschland gehört für uns die Weihnachtsbäckerei in die Weihnachtszeit. Allein wegen des leckeren Duftes, der nach dem Backen noch tagelang im Haus hängt. Gestern hatten wir in einer lauschigen Fünferrunde einen „Cookie Exchange“ – Plätzchentausch. Jede von uns hat von einer Sorte Kekse ca. 60 Stück gebacken; 10 zum selbst behalten, vier mal 10 Plätzchen zum weitergeben, 10 zum Vernaschen und Probieren beim gestrigen Treffen mit „Expatlimo“ (Prosecco, Achtung ein Klischee!), Glühwein, Kaffee etc. Einmal Backen und 5 verschiedene Sorten Plätzchen – perfekt! Ich hatte vorher allerdings schon einen Backmarathon, der mich mehr geschlaucht hat als die Schreibchallenge. Jedenfalls sind wir jetzt für den Advent versorgt mit Basler Pekinger Leckerli (Orangeat und Zitronat gibt es hier nicht, durch gehackte getrocknete Cranberries ersetzt), Lübecker Kokosmakronen, Mürbeteigplätzchen, Schokokipferln, Florentinern, Pfefferkuchen, Hafertalern, Zimtsternen… Gewürzkuchen und –Muffins werde ich sicher irgendwann noch backen, aber erstmal brauche ich eine Pause. :)

Die Zutaten dafür gab es bei IKEA (Marzipan) oder in unserem auf Westler ausgerichteten Supermarkt. Lebkuchengewürz habe ich aus Deutschland mitgebracht, nur Hirschhornsalz und Pottasche haben gefehlt und waren hier auch nicht aufzutreiben – an sowas muss man also auch schon bei den Heimaturlauben im Sommer denken…

Adventskalender-Anleitung!

Inzwischen kann man hier sogar Adventskalender kaufen. Im ersten Jahr habe ich noch vergeblich danach gesucht, hatte aber glücklicherweise Säckchen zum selber füllen für die Jungs aus Deutschland mitgebracht. Auf den Kalendern eines großen schwedischen Möbelhauses findet sich auch eine Erklärung, was man mit diesem merkwürdigen Ding anfangen soll… ;)

Weihnachtsfeiern und Co.

Heute ist der alljährliche Charity-Weihnachtsbasar auf dem Gelände der deutschen Botschaft. Vorab sah es so aus, als wären wir dies Wochenende anderweitig verplant, also haben wir keine Karten im Vorverkauf erstanden. Lange Schlangestehen bei miesen Luftwerten ist nicht mein Ding, also gehe ich auch nicht spontan hin. Das ist wirklich unglaubliches Pech für den Weihnachtsmarkt, der hat offensichtlich ein Smog-Abo.

Ebenfalls heute veranstaltet das Compound-Management eine Weihnachtsparty. Das Programm liest sich sehr amerikanisch, wir haben uns für einen ruhigen Familienabend auf dem Sofa entschieden.  Aber ich muss ja auch nicht alle Angebote wahrnehmen, für Neuankömmlinge ist das hingegen sicher eine gute Gelegenheit, mit ihren Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Auf die private Charity-Weihnachtsparty einer Freundin am nächsten Wochenende freue ich mich hingegen sehr.

Für die Kinder kommt in der Schule am 6.12. noch der Nikolaus. Die Schule, die Aula und die Klassenräume sind weihnachtlich geschmückt. In den Klassen wird gewichtelt und die Klassen bewichteln sich auch gegenseitig – alles fast wie in Deutschland.

Alle Jahre wieder…

Adventskalender

Alles in allem sicher eine ganz normale Weihnachtszeit mit exotischen Einschlägen und leichten, aber bewältigbaren Hürden. Für die Jungs und mich gehören kuschelige Filmabende bei Kerzenschein dazu. Unseren Besuch können wir hoffentlich von unserem traditionellen Heiligabendessen überzeugen, ob es am 1. Feiertag Weihnachtsgans zuhause oder auswärts Pekingente gibt, werden wir gemeinsam entscheiden.

Ich bin nicht gläubig. Es gibt aber deutschsprachige katholische, evangelische und ökumenische Weihnachtsgottesdienste und noch mehr auf englisch. Für mich ist die Weihnachtszeit mit all den Kerzen und Lichtern, fröhlich-bunter Deko und romantischer Stimmung eine gute Möglichkeit, den Winterblues in Schach zu halten. Weihnachten und die Weihnachtszeit ist für mich ein Teil deutscher Kultur, den ich zum Glück auch hier in China unseren Third Culture Kids vermitteln kann. Weihnachten selbst ist für mich ein traditionelles Familienfest, und glücklicherweise können wir unsere Familientraditionen auch hier fortsetzen. Nicht zuletzt ist Weihnachten – ob gläubig oder nicht – ein Gefühl, das man im Herzen trägt.

Da wir hier kein Auto haben, hat mir der chinesische Führerschein bisher nicht gefehlt. In die Stadt hinein möchte ich sowieso nicht fahren, spätestens an der Mautstelle würde ich beim Blick auf das Chaos hysterisch kichernd hinterm Lenkrad zusammenbrechen.

Aber dann hat eine Freundin, die ein paar Jahre länger hier ist und entsprechenden Vorsprung hat, beschlossen, dass das nicht anginge. Wenn man schon so lange in China ist, müsste man jetzt endlich auch mal den Führerschein machen! Und schon hat sie die Angelegenheit nicht nur für mich, sondern gleich für drei Damen in die Hand genommen und drückte uns einen Stapel chinesischer Formulare mit Übersetzungshilfe in die Hand. Zwei Tage später fanden wir uns am Houshayu-Market bei einer chinesischen Fotografin wieder, die die erforderlichen, regel-konformen Fotos schoss. In den 20 RMB für 12 Fotos enthalten: kleines Photoshop-Lifting. ;)

Sehtest

Danach ging es direkt zum Gesundheitscheck weiter. Dieser entpuppte sich – zum Glück – als Sehtest. Ich hatte schon Befürchtungen, es wäre wieder so ein halböffentliches, halbnacktes Zirkeltraining wie bei der medizinischen Untersuchung bei der Einreise für die erste Aufenthaltsgenehmigung. Den letzten Sehtest in Deutschland für den Motorradführerschein hatte ich nur mit Ach und Krach bestanden, so war ich etwas kribbelig. Die Nervosität steigerte sich dadurch, dass die zuständige Dame etwas an unseren ausgefüllten Formularen zu bemängeln hatte – nur was? Irgendwann verstanden wir dann, dass wir in der unteren Formularhälfte nichts selber hätten eintragen dürfen, das müsste sie machen. Tipp ex? Nein, nein, nein. Neues Formular? Mei you! Ham wa nich! Es blieb uns nichts anderes übrig, als zurückzufahren, zuhause gab es zum Glück noch Blankoformulare.

Mit den neu und wie gewünscht nur halb ausgefüllten Formularen ging es wieder zurück zur Klinik und – hurra – diesmal war alles korrekt. Mit Blick auf das Plakat mit den Zeichen (kennt man aus Deutschland: wohin zeigen die Beinchen/wo ist die offene Seite?) hab ich noch versucht, die unteren Zeilen mit den klitzekleinen Bildchen auswendig zu lernen… Wäre nicht nötig gewesen, denn das einzige, was getestet wurde, war rot-grün-Blindheit: rote Null auf grünem Grund, grüne 6 auf rotem Grund: Líng. Liù. Die Tür war offen, wir waren alle in dem kleinen Büro, also war auch das noch mit Vorsagen. :) Ein Arzt saß lässig auf einer Untersuchungsliege und schien das alles sehr lustig zu finden. Dann wurden wir jede noch etwas gefragt – ah, die Körpergröße. Die wurde dann in das Feld eingetragen, was wir vorher selbst ausgefüllt hatten. Naja, so hatte das ja nun alles seine Ordnung, wir bekamen eine Quittung, gingen  über den Hof, zahlten in einem Nebengebäude 20 RMB, wieder zurück und: bitteschön: Sehtest-Bescheinigung mit dem obligatorischen roten Stempel.

Anmeldung zur Prüfung

Keine Chance, mich doch noch zu drücken. Meine Freundin war gnadenlos und fuhr uns ein paar Tage später einmal quer durch die Stadt zur Führerscheinbehörde. Das Gebäude hätte ich allein wohl gefunden, aber drinnen wäre ich verloren gewesen. Wie in China üblich eine riesige repräsentative Eingangshalle, Wartebereich, Schalter – aber wo müssen wir hin? Unsere Freundin führte uns einen schmalen Gang an müffelnden Toiletten vorbei in den hinteren Teil des Gebäudes. Da war kein Schild, kein Hinweis, nichts deutete daraufhin, dass es hier zur Ausländerabteilung geht. Erst als man schon halb um die Ecke herum war, fand sich ein kleiner Pfeil: „Foreigners“. 

Blitztaufe – gestatten, ich bin jetzt Xiǎo Lín!

Nümmerchen ziehen, kurz warten, und dann wurde es ernst. Sehtest, Pass mit Registrierungszettelchen, deutscher Führerschein (aha, ich hatte sicherheitshalber meinen internationalen auch noch eingepackt, aber den hat es nicht gebraucht). Mit Unterstützung musste ein Formular ausgefüllt werden, Geburtsdatum, Passnummer, chinesischer Name.
„Hä?“
„Ja, chinesischer Name.“
Jetzt konnte ich mal: „Méiyǒu! – Hab ich nicht!“
Dann müsste ich mir jetzt fix einen ausdenken. Ups. Mir konnte geholfen werden, ich wollte einfach zu schreibende Zeichen, es soll nicht unbedingt „Sauerkrautliesel“ bedeuten und es sollte vom Klang ein bisschen an meinen deutschen (Spitz-)Namen erinnern – damit war ich innerhalb von 2 Minuten 小林 – Xiǎo Lín!  Kleine Lin oder auch eine verkürzte Form von „Kleiner Wald“. Sollte ich mal einen japanischen Namen brauchen, gleiche Zeichen, ähnliche Bedeutung („kleiner Hain“), nur anders gesprochen: Kobayashi! 

Prüfung ist immer Dienstag und Mittwoch, wir entschieden uns für Mittwoch, den 15.11., bezahlten noch 50 RMB für die Prüfungsgenehmigung und damit begann der Countdown zu laufen: es muss gelernt werden!

Büffeln, pauken, lernen!

Rätselraten bei der Übersetzung

Tja, lernen. Kein Buch, kein Kurs, nein, eine App: „Driving in China“. Gibt es leider nur für iOS, zum Glück fand sich in meiner Schublade noch ein antiquarisches iPhone, so dass ich nicht mit der schlechteren (weil seit über 2 Jahren nicht mehr aktualisierten) Android-App lernen musste. Man sollte meinen, das sollte alles kein Problem sein, wenn man schon jahrzehntelang den Führerschein hat. Denkste. Die Philosophie hinter den Fragen ist eine ganz andere als in Deutschland und die Übersetzung ist abenteuerlich, da hilft nur Auswendiglernen und üben, üben, üben.  Knapp 1600 Fragen, während der Prüfung kommen  davon 100 dran, 90+ müssen richtig sein, um zu bestehen.

Etwa ein Viertel der Fragen lässt sich ohne weiteres beantworten, vor allem richtig-oder-falsch-Fragen: „Frauen mit Stöckelschuhen leisten keinen Beitrag zum sicheren Fahren.“ oder „Ein qualifizierter Fahrer sollte nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch gute Fahrgewohnheiten und eine moralische Einstellung besitzen.“ Na logo! :)

Führerscheintheorie für weit Fortgeschrittene sind hingegen die Polizeigesten, die für mich alle mehr oder weniger gleich aussehen, nach stundenlangem Büffeln konnte ich mir wenigstens die für links bzw. rechts abbiegen merken, für den Rest entschied ich dann: Mut zur Lücke. Ein Bild, wo sich ein Polizist an der Nase kratzt, soll „abbremsen und warten“ heißen, ein beinah identisches Bild soll „links einordnen“ heißen. Tja.

Viele Leichen pflastern den Weg zum chinesischen Führerschein

Zahlreiche Unfallschilderungen mit vielen Toten

Eine Reihe von Fragen beschäftigt sich mit dem Fehlverhalten von Bus- und LKW-Fahrern. Ich fühlte mich sehr an Mathe-Textaufgaben und Jokes erinnert, wo es erst Infodumping ohne Ende gibt, man sich lauter Zahlen merkt und am Ende nach dem Vornamen der Frau des Busfahrers gefragt wird. Tragisch dabei: in diesen kleinen Aufgaben-Geschichten sterben viele Menschen. :(

Gut vorbereitet!

Die App hat drei Bestandteile: 1. Lernen: Hier finden sich alle Aufgaben samt korrekter Lösung. 2. Üben: Hier kann man Kapitelweise oder auch mit Aufgaben aus dem kompletten Fragenpool üben. Und 3. Prüfungssimulation. Die Fortschritte, die man macht, werden schön mitgetrackt und auf der Startseite teilt einem die App dann mit, ob man auf einem guten Weg ist. Am Abend vor der Prüfung sah das dann so bei mir aus, ich hatte zwei Tage lang wirklich nichts anderes gemacht als zu lernen, zu üben und schließlich die Prüfung zu simulieren und habe die Simulation dann auch sicher fast 50 mal bestanden. Ich hab mich gut vorbereitet gefühlt – um dann doch die halbe Nacht wachzuliegen. Verflixt, aufgeregt wie ein Teenie. Wenn ich mich das nächste Mal wie 18 fühlen will, melde ich mich wieder für irgendeine Prüfung an!

Es ist soweit: Prüfung!

Meine Freundin ist eine Seele von Mensch. Früh um 7 sammelt sie uns ein, versorgt uns mit Nervennahrung und fährt  uns mitten im Berufsverkehr einmal quer durch die Stadt! Wieder an den Müffelklos vorbei in die Ausländerabteilung, dort noch einen Moment warten und dann wurde eine Tür aufgeschlossen, wir mussten eine Treppe hochgehen und fanden uns mit vielen Chinesen im Prüfungsraum wieder. 

Jeder nimmt vor einem PC Platz und es wird direkt ernst. Die Prüfungsnummer von der Prüfungserlaubnis eingeben und schon startet der Test. Das erste Bild kenne ich, das zweite auch. Puh, alles nicht so schlimm, wenn nicht die Maus so schrecklich unpräzise wäre und man ganz genau gucken muss, das richtige der eng nebeneinander liegenden Antwortkästchen anzuklicken. Doch zu früh gefreut, bei der dritten Aufgabe muss ich fünfmal lesen, bis ich im Ansatz begreife, worum es geht. Irgendwas mit Autobahn und Standstreifen, da ist wohl eine Übersetzung verschlimmbessert worden. Die nächste Aufgabe: Polizeigeste, zum Glück links abbiegen und nicht Nase kratzen. Jede zweite Aufgabe hab ich nie zuvor gesehen, teils erinnern die kruden Übersetzungen nicht mal annähernd an das gelernte und sind so merkwürdig, dass man sich beim besten Willen nicht erschließen kann, worauf die Frage abzielt.

Glücksspiel?

Vor der Prüfung hatte ich die Hinweise auf der Prüfungserlaubnis gelesen: wenn es beim ersten Versuch nicht reicht, kann man gleich im Anschluss einen zweiten machen, muss dann hinterher nur noch mal 10 RMB extra zahlen. Ich reiße mich zusammen und klicke mich weiter durch, eine lustige Mischung von Wissen, Überlegen, Annähern, Raten. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, aber nach 12 Minuten bin ich durch (von 45 Minuten maximaler Prüfungszeit). Ich überlege, ob ich noch mal alles durchgehen sollte, aber entscheide mich dagegen, weil ich dann sicher bei richtig geratenen Aufgaben doch noch das Falsche anklicken könnte. Ich atme tief durch und klicke 15 Minuten nach dem Start auf „hand in“. Ein großes grünes Fenster poppt auf. Das Grün stimmt mich optimistisch, aber ich verstehe weder den chinesischen noch den englischen Satz, irgendwas mit „Fenster schließt in Sekunden“.

Ich melde mich, die strenge Aufseherin kommt, bedeutet mir, auf ein Schaltfeld, das ich übersehen habe, zu klicken und sagt „Pass“.  Was will sie jetzt mit meinem Pass?, überlege ich, doch sie lächelt mich an und sagt noch einmal „pass“ und dann begreife ich endlich. Zitternd klaube ich meine Sachen zusammen, bekomme von der Aufseherin einen Kringel auf meine Prüfungserlaubnis gemalt und gehe wieder runter zum Schalter.

Dort zahle ich 10 RMB und 3 Werktage später – heute am Montag – kann der Führerschein abgeholt werden. Mein Führerschein. Mein chinesischer Führerschein. Ich grinse im Kreis!

Geschafft!

Die beiden anderen bestehen zum Glück auch, wir gehen zum Parkplatz und unsere Freundin holt eine sorgfältig gepackte Kühlbox mit Prosecco raus, drei große Gläser für uns glückliche Führerscheinneulinge, ein winziges für sie alten Hasen. Eine der anderen beiden merkt an, ob das so klug sei, unmittelbar vor der Führerscheinstelle zu trinken, immerhin haben wir ja gelernt, dass hier absolutes Alkoholverbot gilt, Null-Promille!  :) Wo sie recht hat… Wir nehmen den guten Willen für die Tat und fahren aufgeregt schnatternd nach Hause! Nicht nur ich hab das Gefühl, dass das weniger Prüfung und Wissensabfrage, als viel mehr Glücksspiel war.

Auch wenn ich weiterhin kein Auto vor der Tür stehen habe, es ist schon ein gutes Gefühl, dass ich mir jetzt bei Bedarf (Besucher, auf Reisen) eins leihen könnte. War das ganze nun Schikane? Schließlich hat man ja schon einen Führerschein und Fahrpraxis! Nein, ich glaube nicht. Gerade, wenn man kaum chinesische Zeichen entziffern kann, ist es nachvollziehbar, dass man die (Verkehrs-)Zeichen  und die teils doch leicht anderen Regelungen (Hupen, Abbiegen, …) auswendig lernen soll.

Es gibt wohl auch andere Mittel und Wege, sich hier einen Führerschein besorgen zu lassen, das kostet dann aber gut und gerne mehr als das Zehnfache. Und uns wäre doch eine Menge Spaß entgangen!

Normalerweise enden Schneeball-Spiele, Challenges, Kettenbriefe auf Facebook und anderswo bei mir. In den letzten Tagen habe ich eine Ausnahme gemacht, denn die „seven days – B&W-Challenge“ hat mich mit der Beschreibung „7 days, seven black and white photos of your life, no explanation, no people“ doch angesprochen: mit ein paar Bildern könnte ich zeigen, was hier an China oder in meinem Leben so anders ist. Auf Facebook durfte ich nichts zu den Bildern erzählen, ein Regelverstoß (doch Menschen mit auf einem Foto) wurde direkt bemängelt. Aber es sind ja nicht alle bei Facebook und ich wäre nicht ich, wenn ich nicht doch etwas zu den Bildern zu erzählen hätte. Was ich mit den Bildern ausdrücken wollte, und wofür sie für mich stehen, ist mir selber natürlich klar. Aber ich weiß nicht, was sich jemand in Deutschland dazu denkt, jemand, der noch nicht oder nur kurze Zeit in Peking war. Erstaunlicherweise haben sich bislang alle von mir Nominierten beteiligt und zeigen nun ihrerseits richtig schöne Schwarzweißbilder!

Tag 1 – Zwei Uhren

Als ich mich dazu durchgerungen habe, an der Challenge teilzunehmen, war für mich sofort klar, was ich als erstes fotografieren und posten würde. Diese beiden schlichten IKEA-Uhren hängen bei uns im Esszimmer. Bei uns war es schon nach 21 Uhr, in Deutschland gerade mal drei Uhr nachmittags durch,  In Deutschland wird noch gearbeitet, bei uns ist für die Jungs Schlafenszeit. Wir gönnen uns vielleicht ein Glas Wein, in Hamburg gibt es Kaffee.  Bevor ich mit Deutschland skype, gucke ich auf diese Uhren (oder auf die Uhren auf dem Laptop): ist Deutschland schon wach oder ist es noch zu früh? Das Zeitfenster, wo Skypen/Telefonieren/Chatten für Deutschland und China passt und angenehm ist, ist erschreckend klein. Oft denke ich, dass es nicht die vielen tausend Kilometer und die vielen Flugstunden sind, die uns von Deutschland trennen, sondern diese 6 Stunden Zeitunterschied. Am kommenden Wochenende, nach dem Ende der Sommerzeit in Deutschland, sind es dann 7 Stunden, dann wird es noch schlimmer, das ist fast ein ganzer Arbeitstag…

Zwei Zeitzonen, zwei Uhren

6 Stunden Zeitunterschied

Tag 2 – Chinesischer Supermarkt

Das zweite Bild zeigt einen chinesischen Supermarkt, wo ich gelegentlich mit Freundinnen hinfahre. Hier in unserer Wohngegend gibt es einen großen auf Westler ausgerichten Supermarkt, wo man zum Glück das meiste bekommt, was die westliche Küche so braucht.  Da zahlt man dann allerdings auch einen ordentlichen Aufschlag. Obst und Gemüse im chinesischen Supermarkt (oder auf dem Wetmarket) sind deutlich günstiger, dafür gibt es keine Kaffeebohnen oder Filterkaffee, nur gesüßten Instantkaffee in Portionspäckchen, das Zeug ist hier inzwischen recht beliebt. Was sehr gewöhnungsbedürftig ist, dass nicht nur wie auf dem Bild zu sehen, Reis, Hülsenfrüchte, Getreide lose verkauft werden und so offen rumstehen, nein, beim Fleisch ist das auch so. Da ist nichts abgedeckt, jeder bedient sich selbst… Naja, wird ja alles gekocht und nicht roh gegessen… Trotzdem gewöhnungsbedürftig! Das Jagen und Sammeln, d.h. Einkaufen, ist hier schon deutlich zeitaufwendiger als in Deutschland. Die Wege sind meist weiter und man bekommt nie, nie, nie alles, und schon gar nicht in einem einzigen Laden.

Chineischer Supermarkt

Chinesischer Bravo-Supermarkt in Houshayuzhen

Tag 3 – Tuktuk

Wir haben kein Auto. Man stelle sich das vor, wir sind von Autoleuten umzingelt (ich verkneife es mir, all die großen bekannten Marken zu nennen), die alle mindestens ein Auto haben. Da ist das Leben ohne eigenes Auto, besonders wenn man wie wir hier draußen in Shunyi und nicht im Zentrum wohnt, schon ziemlich exotisch. Großeinkauf mit Fahrrad ist nicht wirklich praktisch, Delivery ist zwar möglich, aber dann ist man manchmal stundenlang angebunden und wartet so vor sich hin. Mein Tuktuk (Sanlunche – Drei-Rad) macht mich in der Hinsicht unabhängig, braucht keinen Diesel (naja, ich bezweifel, dass aus unserer Steckdose Ökostrom kommt) und bei schönem Wetter macht es auch einfach Spaß mit knapp 30 Stundenkilometern die Straße entlang zu brettern (ich hab es gebraucht von Autoleuten übernommen, es ist getunt, so schnell sind die normalerweise nicht). Mit dem Tuktuk kann man nachmittags auch wunderbar schwer bepackte, müde Kinder vom Schulbus abholen. Es macht uns den Alltag hier schon ein bisschen einfacher.

Mobil auch ohne Auto

Mein Tuktuk – wo de sanlunche!

Tag 4 – Yunnan Hotpot

Unbestreitbar ist das chinesische Essen eines der Highlights hier in China! So riesig und vielfältig das Land ist, so abwechslungsreich und unterschiedlich sind die vielen chinesischen Küchen! Bei diesem speziellen Yunnan Hotpot bekommt jeder Gast seinen eigenen Topf mit Brühe nach Wahl: Hühnchen oder Lamm, vegetarisch mit Pilzen oder „mit alles“ (beim mongolischen Hotpot steht sonst ein großer Topf für alle in der Mitte).
Und dann wird aufgetischt: Gemüse, Pilze, Fleisch, Fisch, Innereien, Entenblut, Klößchen, Muscheln. Und dann geht es wieder von vorne los. Dazu werden zahlreiche Dips gereicht. Es erinnert ein bisschen an Fondue, ist nur weniger fettig und viel abwechslungsreicher. Zum Glück gibt es in Hamburg mehrere Restaurants, wo man authentisch chinesische Küche bekommen kann, nicht nur Nr. 33 und 45. ;) Trotzdem, wenn es irgendwann einmal zurück nach Hamburg geht, diese Vielfalt hier werde ich vermissen.

Chinesische Küche - unglaublich abwechslungsreich

Yunan-Hotpot

Tag 5 – Königs-Protea/Zuckerbusch

Jeden Samstag kommt der „Flower Guy“ in den Compound, jeden Samstag erinnert am frühen Nachmittag die Managerin des Compounds in der Compound-WeChat-Gruppe daran, dass er da ist. Diese Erinnerung wäre bei uns nicht nötig, denn Männe ist vermutlich eh einer der besten Kunden dort, denn jeden Samstag kauft er drei Sträuße. Grüner Daumen? Mein brauner Daumen ist legendär! Da sind die unglaublich exotischen Schnittblumen, preisgünstig noch dazu, eine tolle Alternative. Klar gibt es hier die internationalen Klassiker, Tulpen und Narzissen im Frühling, alle nur erdenklichen Rosen das ganze Jahr über. Und immer wieder gibt es exotische Pflanzen, wo ich Suchmaschinen bemühen muss, um herauszufinden, was mein Mann mir denn da mitgebracht hat. Diesen Sonnabend gab es diese beeindruckenden, riesigen, farbenprächtigen (von zartrosa bis kräftig lila changierenden) Blüten. Diesmal brauchte ich keine Suchmaschine, meine südafrikanische Freundin wusste sofort Bescheid: Das sind Protea! Diese sind im südlichen Afrika heimisch und die Wappenblume Südafrikas.
Blumen sind hier unendlich wichtig. Überall in der Stadt findet man Flower Markets. An den Straßenlaternen bei uns im Compound hängen jeweils zwei Blumentöpfe. Aus dem Stadtbild sind Blumen nicht wegzudenken. Oft werden sie nicht eingepflanzt, sondern Blumentöpfe werden dicht an dicht kunstvoll arrangiert. Sind sie verblüht, wird das nächste Kunstwerk aus Blumen geschaffen. Selbst an den dicht befahrendsten Hauptstraßen in der Stadt sind die Mittelstreifen mit Rosen bepflanzt, das ist im Sommer schon ein toller Anblick. Verkehrsinseln, die bald größer und schöner bepflanzt sind als deutsche Kleinstadtparks. Für mich haben die vielen Blumen hier besonders an grauen Smogtagen etwas tröstliches!

Im südlichen Afrika heimisch: Protea

Protea – Zuckerbusch

Tag 6 – Luftfilter

Ich glaube, dazu muss ich nicht mehr viel sagen. Der Winter steht vor der Tür, die Luftwerte erreichen heute zum Teil einen AQI von 300, und obwohl das Wetter schön ist, bleibt es draußen eigentümlich grau-gelb und wird nicht richtig hell. „Kinder, reinkommen! Ab in die frische Luft!“ Notiz an mich: es wird mal wieder Zeit für einen Filterwechsel! Einen? 10, denn soviele der possierlichen, wenn auch etwas lauten Luftstaubsauger halten die Luft in unserem Zuhause auf annehmbaren Niveau.

 

Tag 7 – Regelverstoß: Tuktuk in der Stadt

Ich wollte ein Bild zum Straßenverkehr zeigen, hatte aber keins greifbar mit fiesen Staus, also habe ich mich für dieses Tuktuk entschieden, dass mitten in der Stadt im CBD (Central Business District) unterwegs ist. Da das Tuktuk aber kein autonomes Selbstfahrteil ist, sind diese beiden freundlichen Herren regelwidrig auf dem Bild zu sehen. Verkehr ist hier einfach immer ein Thema. Wenn ich in der Stadt verabredet bin, rechne ich zur reinen Fahrzeit immer noch einen Puffer von mindestens einer halben Stunde oben drauf, bei wichtigen Terminen auch mehr. Staatsgäste auf dem Weg zum Flughafen? Wir sperren mal fix den Airport Expressway. Dummerweise ist das unsere Hauptverbindung in die Stadt rein. Dazu Unfälle, zuviel Verkehr, diese sonderbaren Abbiegeregelungen. Die müssen jetzt endlich mal in meinen Kopf rein, denn ich wurde von einer Freundin dazu genötigt, Mitte November die chinesische Führerscheinprüfung abzulegen. Naja, vermutlich falle ich morgen durch den Sehtest, dann hat sich das erledigt. Aber auch ohne eigenes Auto, wer weiß wozu so eine Fahrerlaubnis hier mal gut ist… Könnte mir bei einer der nächsten Reisen den Nachtbus ersparen. ;)

Tag 7, zweiter Versuch – Finale: Die Mauer

Die Mauer ist und bleibt für mich ein unvergleichliches Reise- und Ausflugsziel. Nicht nur Sinnbild einer jahrtausendealten Kultur, ein Bauwerk der Superlative, sondern auch noch beeindruckend schön gelegen. Wenn ich Besuch habe und beim 43. Besuch des Lamatempels auch schon mal gekniffen hab: zur Mauer möchte ich nach Möglichkeit immer mit – und ich bin jedesmal wieder tief beeindruckt und fasziniert. 

Die Mauer in den Köpfen ist manchmal größer als die Chinesische Mauer

Die chinesische Mauer heute hat nichts Trennendes mehr. Hier treffen sich Reisende aus aller Welt und aus China, staunen gemeinsam, posieren gemeinsam. Damit hat sie heute eher etwas Verbindendes.
Nach über 2 Jahren in China bin ich froh, nicht meinen Vorurteilen und Ängsten Raum gegeben zu haben, sondern mit Anlauf über die Mauer in meinem Kopf gesprungen zu sein, auch wenn es manchmal nicht einfach ist. Immerhin, langweilig ist es hier nie. Das einzige, das beständig scheint, ist der Wandel. :)

Was seht Ihr in den Bildern? Macht Euch das ein bisschen neugierig auf das China jenseits der Schlagzeilen?

Am kommenden Freitag wird der Tianyi-Markt für immer geschlossen. Das ist ein „Smallthings-Wholesale-Market“, quasi ein chinesisches Kaufhaus, nur halt mit einem kleinen Stand am anderen. Mehrere Gebäude, viele Etagen, schätzungsweise 3000 Händler. Da gibt es „alles“, was sich wegtragen lässt: Schnickschnack und Stehrümchen, Geschenkartikel, Haushaltsgegenstände, Kleiderhaken und Regenschirme, Schmuck, Sonnenbrillen, Kostüme, Badekleidung… Endverbraucher und auch Straßenhändler haben dort zu kleinen Preisen einkaufen können. Jetzt, so kurz vor der Schließung, wird beinah alles noch billiger. Man hätte ahnen können, dass es schlimmer zugehen wird als früher im Hamburger Sommerschlußverkauf…

Ich hab daran jedenfalls nicht gedacht, als jetzt eine Freundin fragte, ob wir da nicht vor der Schließung noch hinwollen und hab sofort ja gesagt, um das auch noch mal gesehen zu haben.

Man hätte es ja ahnen können…

Schon etliche hundert Meter vor dem Markt staute sich auf der rechten Spur der Verkehr. An der Markteinfahrt standen Uniformierte und ließen (fast) keinen mehr rein. Wir hatten aber Glück und haben nicht weit davon einen Parkplatz gefunden und spazierten dann durch die knallende Sonne Richtung Markt. Je näher wir kamen, umso wuseliger wurde es. 

Der Komplex ist schon ein Hingucker: Elefanten und Giraffen auf dem Dach, da ein paar chinesische Figuren, dort der Weihnachtsmann, ein bisschen wie Disneyland. Hab ich erwähnt, dass es voll war? 

Es war dermaßen voll, dass ich gekniffen hab und aus dem Gedränge nach draußen geflüchtet bin. Drinnen hatten Mitarbeiter schon Ketten an den Rolltreppen gebildet, um die Massen zu lenken. Draußen am Eingang konnte ich später beobachten, wie Uniformierte dafür sorgten, dass der frei bleibt und niemand direkt vorm Ausgang stehen blieb. Ich kann mir vorstellen, dass das Gedrängel im Lauf der Woche noch schlimmer werden wird.

 

Ich frag mich, was aus den Händlern werden wird – und wo die Kunden künftig einkaufen werden? In den vielen schicken, teuren Malls vermutlich eher nicht… Solche Märkte soll es künftig nur noch außerhalb des 4. Rings geben, das sind dann schon ziemlich weite Wege. Also noch mehr Onlineshopping?

Zum Weiterlesen:

Artikel in TimeOut Beijing

Artikel in That’s Beijing

Achja: Auch der Ladies‘ Street Market wird Ende September geschlossen werden: Artikel im Beijinger

Warum diese Märkte geschlossen werden? Die Stadt ist total im Umbruch: kaum mehr Streetfood, keine kleinen Läden mehr in vielen Hutongs, keine Märkte mehr…  Das gehört wohl alles schon zu Jing-Jin-Ji (JJJ), dem Umbau von Peking, Tianjin und Hebei zur Mega-Metropole… (Spiegel-Artikel).

Gestern Abend war Dieter Nuhr zu Gast in der Deutschen Botschaftsschule, und es war ein sehr lustiger, unterhaltsamer Abend. In Deutschland wäre ich vielleicht nicht hingegangen und hätte mich mit Nuhr im TV begnügt, aber hier nutze ich gerne die wenigen Gelegenheiten, die sich bieten, um „deutsche Kultur“ live zu erleben.

Aula und Public Viewing auf dem Schulhof

Nuhr public viewing

Nu(h)r public viewing

Der Stau war noch schlimmer als sonst, und wir sind erst kurz vor Beginn angekommen, da war die Aula schon überfüllt. Zum Glück war draußen auf dem Schulhof alles für „public viewing“ aufgebaut. Und dreißig Minuten nach Programmbeginn tat es dann auch die Bildübertragung, der Ton lief zum Glück von Anfang an.

Gut gefallen hat mir Nuhrs launige Analyse von (medialer) Wahrnehmung und Wirklichkeit, und lustig sind auch seine Spitzen zu den anstehenden Bundestagswahlen:

  • „Das System ist nicht das Problem, das Problem ist der Wähler.“
  • „Es könnte helfen, Parteinamen auf dem Wahlzeittel ausschreiben zu müssen. Fehlerfrei. Statt ankreuzen.“
  • „Warum dürfen Kinder nicht wählen? – Dummheit ist doch kein Argument.“
Dieter Nuhr

Dieter Nuhr in Peking

Etwas irritiert hat mich sein Exkurs zum Thema Feinstaubbelastung, Diesel und der „Hysterie“ in Deutschland – spätestens seit wir mit dem Pekinger Smog leben müssen, begrüße ich jeden Schritt, der diese Belastung eindämmen kann. Und dass er diesen Abschnitt auf veralteten und falschen Zahlen aufbaut, macht es auch nicht lustiger, schließt aber unfreiwillig den Bogen zum Beginn des Abends: wie Schlagzeilen unserem Denken Schlagseite verpassen. Ausgehend von der falschen, wenn auch viel zitierten Behauptung: „Die 15 größten Schiffe machen soviel Dreck wie 760 Mio. PKW“ zu folgern,  „Es macht keinen Sinn, seinen Diesel abzugeben und anschließend auf Kreuzfahrt zu gehen“, das ist zwar lustig, aber nicht unbedingt richtig – siehe Zeitartikel

Alles in allem aber ein gelungener, lustiger Abend.

Wer eine andere Seite von Nuhr kennen lernen möchte, hat hier in Peking noch bis zum 7. November Zeit: Images from other worlds – Eine Fotoausstellung im pékin fine arts

 

 

Hab ich schon darüber gejammert, dass mir das Wiederankommen in Peking diesmal so schwergefallen ist wie noch nie? Und das, obwohl wir hier jetzt doch schon zu den alten Hasen gehören und unser 3. Pekingjahr begonnen hat! Inzwischen habe ich mehrere Gründe dafür ausgemacht. Da es aber nun mal so ist, wie es ist, und es mir nicht liegt, lange jaulend in der Ecke zu hocken, muss ich gezielt aktiv werden, um aus dem Jammertal wieder herauszukommen.

Startschwierigkeiten

Ein Grund für die Startschwierigkeiten war bestimmt, dass wir bisher noch nie so lange am Stück weg aus Peking waren. Das Umschalten von europäischen auf chinesische Standards fiel mir da nun besonders schwer. Hier habe ich mir bewusst gemacht, was mir an China und Peking gut gefällt.

Bei so toller Luft ist der Sommer hier nochmal so schön!

Beispiele: Ich mag den langen Sommer hier und es ist gut zu wissen, dass wir noch ein paar sommerliche Wochen vor uns haben. Auch wenn einem hier Käse und Grillwurst fehlen kann, gibt es doch hervorragendes chinesisches Essen. Ich mag den Pragmatismus, mit dem Probleme schnell gelöst werden (können…). Einkaufen im chinesischen Supermarkt ist viel entspannter, weil ich nicht im Akkord das Tempo der Supermarkt-Kassiererin halten muss, ich fand das Bezahlen in deutschen Supermärkten wirklich anstrengend. Ich mag die aktive Nachbarschaft hier, den Zusammenhalt unter den Deutschen. Das mögen nur Kleinigkeiten sein, aber mein Alltag setzt sich nun mal aus 1000 Kleinigkeiten zusammen.

Keine Kleinigkeit: Auch wenn der Abschiedskummer beim Abflug aus Hamburg fürchterlich war, meine Jungs sind wieder richtig angekommen, sogar schneller als ich. Und wenn es den Kindern gut geht, dann ist die Welt für mich im Wesentlichen in Ordnung. Okay, auch ihnen fehlen die Finnen…

Ja, die Finnen. Meine finnische Freundin fehlt an allen Ecken und Enden. Sie ist nicht die erste, die gegangen ist, und die vermisst wird, und wird auch nicht die letzte sein. Aber sie war eine der ersten, die ich hier kennengelernt habe und mit der ich besonders viel unternommen habe. Zum Glück ist meine südafrikanische Freundin noch hier! Jetzt sind wir halt nicht mehr drei, die sich gegenseitig stützen und treiben und ins Abenteuer stürzen, aber zu zweit wird das auch gehen. Und im nächsten Sommer reisen wir nach Finnland – und mit Glück klappt es vorher mit einem finnischen Besuch hier.

„Früher war alles besser“-Peking Edition. ;)

Es ist nicht mehr alles neu und aufregend. Klar, mit unserem finnisch-südafrikanisch-deutschen Trio ließ sich die chinesische Welt wirklich besonders gut erobern. War ja alles auch noch ganz frisch, neu und aufregend. Aber als Duo und/oder in neuen Kombinationen wird das auch gehen!

War das schön, als Miriam noch die Fotogruppe geleitet hat! An ihre fotografischen Fähigkeiten werde ich nie herankommen, aber es macht Spaß, zu überlegen, wohin die Fotogruppenausflüge gehen können und eine gute Mischung von Zielen herauszusuchen und vorher auszuprobieren.

Das Pekingleben mag mir ja jetzt im dritten Jahr schon total vertraut sein,

Immer wieder aufregend!

aber ist es in Wahrheit nicht doch wahnsinnig aufregend und ein Privileg, das erleben zu dürfen? Hier in unserer Nachbarschaft, in der deutschen Community ist „Leben in Peking“ total normal. Aber eigentlich ist es doch etwas Besonderes, was nicht jeder erleben kann. Und wenn ich daran denke, dann bin ich trotz aller gelegentlichen Nickeligkeiten außerordentlich dankbar für diese Erfahrungen hier.

Auch das Weltbild ändert sich

Einmal abgesehen vom Alltag, das Leben in Peking ändert auch das eigene Weltbild. Meines war vorher doch sehr eurozentrisch. Erst jetzt habe ich eine wirkliche Vorstellung davon, wie klein Deutschland und Europa im Vergleich zu China und Asien sind. Ich habe immer gedacht, ich lebe in einer Großstadt, doch wenn ich jetzt „zu Besuch/nach Hause“ nach Hamburg komme, kommt es mir klein und überschaubar vor, vieles sogar ein bisschen provinziell. Trotz der Nörgelei: Hamburg bleibt für mich die schönste Stadt Deutschlands! Den Slogan „global denken, lokal handeln“ fand ich immer super – aber in Wahrheit kann ich erst, seit ich in Peking lebe „global denken“. Vielleicht auch nicht, vielleicht müsste ich auch erst noch in Südamerika etc. mal gelebt haben, bis das wirklich geht… Es ist eben doch ein großer Unterschied zwischen angelesenem, theoretischem Wissen und dem wirklichen Leben.

Und was das „ich kenne Peking“ angeht: Es gibt noch so viele sehenswerte Orte in Peking und Umgebung, die ich noch erkunden will und werde! Gut, die Reiseführer TOP 10, TOP 20+ habe ich sicher alle schon (mehrmals) gesehen. Aber auf insidebeijing.de finden sich fast 170 Sehenswürdigkeiten, also langweilig wird es nicht werden.

Vorhaben für mein drittes Pekingjahr: 

  • Regelmäßiges Sightseeing, mind. 2 mal im Monat, besser wöchentlich. Hängt ein bisschen von Luftwerten und Pflichten ab.
  • Auch ohne Chinesischkurs weiter pauken. HSK3 ist das nächste Ziel.
  • Meine wenigen Kontakte zu Chinesinnen weiter hegen und pflegen!
  • Meine Weiterbildung erfolgreich und in weniger als der vorgesehen Zeit abschließen und mein Buchprojekt vorantreiben: schreiben, schreiben, schreiben. Das wird aber noch über das dritte Pekingjahr hinaus Zeit benötigen. Pssst, das ist eigentlich geheim. ;)
  • Nach Xi’an und Yunnan reisen. 
  • Mehr Zeit mit den Nachbarinnen verbringen bzw. mit ihnen etwas unternehmen. Hier gibt es so viele sympathische, interessante Frauen mit den unterschiedlichsten Biographien! 
  • Möglichst viele Besucher aus Deutschland hier empfangen! Wir haben Platz, und ich liebe es, Peking durch Besucher-Augen zu sehen und Guide zu spielen!
  • Offen sein für Unvorhergesehenes, Gelegenheiten beim Schopf ergreifen!

Hmm, wenn ich das jetzt so sehe, dann wird auch mein drittes Pekingjahr aufregend, interessant und schön werden. Jammerei endet hier. :)

5 Tage sind wir nun schon zurück in Peking. Diesmal tun wir uns ein bisschen schwer, wieder richtig anzukommen. Der Abschied von den drei Großen war wieder traurig und sie werden jetzt schon schrecklich vermisst. Leider hilft da auch nicht das Wissen, dass wir sie durch unsere Heimaturlaube und deren Urlauben hier unterm Strich eigentlich mehr sehen, als wenn wir noch in Hamburg wohnten. 

Der Jetlag hat uns auch noch fest im Griff, abends können wir ewig nicht einschlafen und kommen dann kaum vor Mittags aus dem Bett. Das wird ein großer Spaß am Montag, wenn um 6 Uhr der Wecker klingeln wird und die Schule wieder startet.

Ljungdalen

Der Urlaub in Ljungdalen war phantastisch, es war genau das, was wir drei uns gewünscht hatten (Einsamkeit, Natur, Stille, frische Luft und sauberes Wasser…) und damit der totale Kontrast zu Peking. Das hat uns richtig gut getan, jetzt sollten wir dem aufregenden, anstrengendem China-Alltag eigentlich wieder gewachsen sein.

Ein Ferien-Highlight waren die vielen Rentiere, die uns mehrmals täglich besucht haben und denen wir auch unterwegs ständig begegnet sind. 

Die Sommerferien haben begonnen, der Plan, noch mal Sonne und Wärme zu tanken, bevor es ins kühle Schweden geht, funktioniert überwiegend. Zumindest heiß ist es, ab und zu regnet es allerdings. Ein angekündigter Regensturm mit anschließenden Überflutungen ist zum Glück ans uns und Peking vorbeigezogen, zum Glück, wenn man die schrecklichen Bilder aus Sichuan sieht, wo ein ganzes Dorf von einem Erdrutsch verschluckt wurde. Auch im Pekinger Westen hat es einen Erdrutsch mit 6 Toten gegeben.

Zahlreiche Abschieds- und Sommerfeste liegen hinter uns, auch aus den Schulklassen der Jungs kehren wieder zahlreiche Familie nach Deutschland zurück. Hier im Compound steht gefühlt vor jedem dritten Haus ein Umzugswagen.

Das dunkle, dicke Grau, das einige Tage über der Stadt lag, passte aber zur Stimmung, denn wir müssen uns von lieben Freunden verabschieden, die nach den Ferien nicht zurückkehren werden. Erst morgen Abend, nach dem vorerst letzten Abschied, werde ich den Kopf richtig für unseren eigenen Urlaub freihaben.

Die Formalitäten, die mich letztes Jahr noch in Aufregung versetzt haben, sind diesmal an mir vorbeigerauscht. Jetzt sind in unseren Pässen neue Visa-Aufkleber und wir dürfen ein weiteres Jahr hierbleiben. Während mein Pass bei der Behörde war, konnte ich tatsächlich mit dem Ersatzdokument, ein schlichter gelber Zettel mit dem allgegenwärtigen roten Stempel, nach Datong fliegen. Okay, ich gebe zu, beim Check-in war ich doch etwas angespannt. Auch in unserem Haus können wir zwei weitere Jahre wohnen bleiben, zum Glück, denn trotz der langen Fahrt in die Stadt ist das weiterhin die für uns beste Lösung.

Der Göttergatte „darf“ den Sommer über durcharbeiten, d.h., die Jungs und ich fliegen mal wieder alleine nach Hamburg, wo wir erst die großen Kinder, Freunde und Familie treffen werden, dann geht es zu dritt weiter nach Jämtland: Peking-Kontrastprogramm! Achja, da ist doch schon Urlaubsvorfreude. Vielleicht fang ich heute doch schon mal mit Reisevorbereitungen an…

Under the Dome

Taxifahrt bei Smog

Doofe Idee, doofer Smog

Die unheilvolle Mischung aus Sandsturm und Luftverschmutzung hat gestern den AQI (Air Quality Index) in die Höhe getrieben: über 900! So übel habe ich das hier noch nicht erlebt. Die Vorhersage sah erst gar nicht so fies aus, also mussten die Jungs zur Schule, und ich bin wie geplant mit einer Freundin zu IKEA getuckert. Nach kurzer Zeit im Taxi ging uns auf, dass das keine wirklich schlaue Idee war, aber wo wir schon unterwegs waren…

Mal eben unter einen Auspuff legen und tief einatmen ist vermutlich Frischluft dagegen. Hab direkt gedacht, ich müsste mal wieder Interstellar sehen, bei schlimmen Smog wirkt das Ausgangsszenario des Films bedrohlich realistisch.

Fazit: egal, ob nur der normale Dreck in der Luft oder mit Sand angereichert: Smog, und besonders in diesem Ausmaß, macht Kopfweh, Husten, Heiserkeit, doofes enges Gefühl im Brustkorb, trockene brennende rote Augen, schlapp, matschig, trübsinnig; mal abgesehen von möglichen Spätfolgen.

The Day After

Danach knallte noch ein richtig dicker Ast runter…

Morgens das gleiche Elend wie am Donnerstag. Vormittags kam stürmischer Wind auf, in der internationalen WeChat-Gruppe des Compounds ging es rund mit Sturmwarnungen (am Vortag war es noch die Frage, ob und welche Schulen wohl geschlossen hätten – zu spät für uns, die anderen Schulen starten erst um 9 Uhr mit dem Unterricht. Die Schulen selbst sind nicht das Problem, die haben recht gute Filteranlagen, aber der Weg dahin ist die Hürde.)

Unsere Peitschende Weide

Hier donnerte die große Weide gegen das Haus, der Wind heulte und ab und zu rumste es irgendwo. Am Fluss ist ein Baum umgestürzt und quer über die Straße gefallen, zum Glück keine Verletzten. Die Weide ist inzwischen um einige dicke Äste ärmer, morgen mach ich mich ans Aufräumen, heute war es noch zu windig und riskant. Die dreckige Luft ist nun auf dem Weg nach Shanghai, hier ist der Himmel im Lauf des Tages blau und blauer geworden und wir haben wieder einen „normalen“ AQI von ca. 70 (zum Vergleich, Hamburg hat gerade 23).

Käsekuchen ohne Boden

KOB in China

Dieses usselige Stück Kuchen ist vielleicht nicht schön, aber lecker, heiß erseht und eine Premiere: Käsekuchen ohne Boden – vielen auch bekannt als KOB ;) – hergestellt mit chinesischen Bordmitteln. Wie ich sicher schon mal beklagt habe, ist Quark hier Mangelware und im Supermarkt vor Ort nur ganz selten zu haben. Bei einer Stunde Fahrzeit und über 30°C ist mitbringen aus der Stadt (wenn dort überhaupt im April Gourmet erhältlich) auch keine Alternative. Und über den kläglich gescheiterten Versuch, selber Quark herzustellen, möchte ich nicht schreiben…

Heute habe ich dann den Tipp einer Freundin, Joghurt und Philadelphia zu mixen, ausprobiert und: tadaaa, es gibt eine Lösung für unser KOB-Problem! Sie macht allerdings KMB – also nur 750 g „Quark“masse – mit Boden, d.h. ich musste mit den Mengen tüfteln.)

Hier nun das Rezept zum Nachmachen für alle anderen in China gestrandeten KOB-Süchtigen:

200 g ungesalzene Butter
250 g weißen Zucker
5 mittelgroße Eier (mit Quark in Deutschland nimmt man 6, aber der Teig wird sonst zu flüssig)
500 g möglichst festen Joghurt (meiner kam aus der Flasche und war etwas dickflüssiger als Buttermilch)
500 g Philadelphia (den steinharten amerikanischen Import aus den 250g Alupäckchen mit Kartonumverpackung, gibt es immer bei Jenny Wang)
1-2 TL abgeriebene Zitronenschale (oder wenn man den gewachsten, gespritzten, gepimpten Zitronen hier nicht traut: 1 TL Zitronenessenz, gibt’s bei Jenny)
1 Päckchen Vanillezucker (aus Deutschland mitgebracht, sonst 1 guter EL selbstgemachten Vanillezucker: pro 100 g Zucker eine Vanillestange aufschlitzen und 14 Tage im verschlossenen Glas stehen lassen, gelegentlich schütteln).
2 Päckchen Vanillepuddingpulver (aus Deutschland mitgebracht – sonst 80 g Stärke plus 2 EL Vanillezucker)

Butter schaumig rühren, Vanillezucker, Zitrone und Zucker zufügen, danach die Eier. Joghurt und Philadelphia zugeben, dann Puddingpulver. In gefettete Springform 26 cm Ø füllen, ab in den Ofen.

In Deutschland würde so gebacken: 165° C Umluft mind. 50 min. backen, bis oben goldgelb, Kuchen im Ofen auskühlen lassen. Mit chinesischem Gasofen: 210°, leeres Backblech auf die unterste Schiene, Kuchenform auf den Rost/mittlere Schiene stellen, eineinhalb Stunden backen, nach 50 Minuten alle 10 Minuten nachsehen und neu einschätzen…

Beim nächsten Mal werde ich die Eier trennen und den Eischnee zum Schluss unterheben, außerdem den Philadelphia zuerst weich rühren und dann mit dem Joghurt mischen und dann zur Butter-Eigelb-Masse hinzufügen. Fürs Backen hab ich noch keine bessere Lösung.

Aber: es ist ein KOB und er schmeckt! :) Wir sind gerüstet für die kommenden Geburtstagsfeiern! :)

Abflug in Hamburg

Tschüss, Hamburg

Wir sind wieder in Peking. Der Rückflug war doppelt strapaziös: erstens haben wir den Anschlussflug nach Peking verpasst (wegen Verspätung des ersten Fluges) und zweitens emotional.

Der Abschied in und von Hamburg war furchtbar traurig. Ich habe mich so schlecht gefühlt, dass wir den Kindern (den Kleinen wie den Großen) das antun. Da war der verpasste Flug nach Peking direkt ein Glück, denn in Amsterdam habe ich die Geschichte als Abenteuer inszenieren können, das hat dann erfolgreich vom Kummer abgelenkt. Da wir glücklicherweise direkt auf den nächsten Flug umgebucht wurden, war es dann auch nur ein Mini-Abenteuer und der Transfer war sogar viel entspannter als die Hetzerei, die uns normalerweise gedroht hätte, wenn alles pünktlich gewesen wäre… Die Weiterreise war dann ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Von Haus zu Haus waren wir gut 20 Stunden unterwegs und entsprechend erledigt.

Die Zeit in Deutschland war schön, wir haben jede Minute genutzt und genossen. Es war nicht ganz so stramm durchgetaktet wie beim letzten Heimaturlaub – ich habe für uns entschieden, dass die Docs in Peking auch was können bzw. wir ihnen ausreichend Vertrauen entgegenbringen können, also werden wir hier nun die anstehenden Kontrolluntersuchungen machen lassen – das hat viel Zeit eingespart und den Anteil lästiger Pflichttermine auf Null gesenkt, dafür war viel mehr Zeit für „Kinderprogramm“. Trotzdem war es insgesamt viel zu wenig Zeit, wieder haben wir nicht alle treffen können, die wir gerne gesehen hätten, und sämtliche Verabredungen waren viel zu schnell vorbei. Auch das Mistwetter hat da nicht groß bei gestört, nur die dicken Schneeflocken beim Omabesuch haben irritiert. 

Achterbahnfahrt

Es gab leider tatsächlich die befürchtete emotionale Achterbahnfahrt: Vorfreude, viel zu kurzes Wiedersehen, Winkewinke. Das schlaucht, aber es gehört derzeit leider zu unserem Leben. Aber der extreme Kinderkummer bei der Abreise, das tat wirklich weh und hat mich tatsächlich kurz darüber nachdenken lassen, ob Peking immer noch das Richtige für uns ist. Aber nach nur einem Tag hier: ja, ist es. Die Wiedersehensfreude mit dem Papa war riesig, nachmittags hat’s an der Tür gebimmelt und die Minis wurden direkt zum Spielen abgeholt. Das frühe Aufstehen am Montag war noch eine Herausforderung, heute ging es dann schon deutlich besser – der Alltag hat uns wieder.

Endlich ist Frühling, es ist warm, beinah schon sommerlich, Peking wird bunt, weil alles blüht und wieder viel mehr draußen passiert. Leider lässt sich das wegen der miesen Luft nicht genießen, also freuen wir uns jetzt noch mehr auf das nur halb so warme Hamburg: Heimaturlaub! Wir, das heißt die Jungs und ich, Männe darf arbeiten. Dank Denguefieber hatte der letzte geplante Hamburg-Aufenthalt ja leider ausfallen müssen, und nach so langer Zeit ist es schon komisch, „nach Hause“ zu fliegen. Nein, es ist nicht mehr wirklich zuhause, das ist derzeit hier in Peking, aber es ist Heimat, da wo wir unsere Wurzeln haben. Was sich wohl verändert haben wird, was ist „wie immer“?

Auch wenn ich mich nach Kräften bemüht habe, unser „Programm“ nicht wie beim letzten Mal so zu überfrachten – es hilft nichts, es ist doch wieder ganz schön voll geworden, auch wenn wir etwas mehr Lücken für spontane Verabredungen gelassen haben. Und für Ausflüge, es sind ja immerhin auch die Ferien der Jungs! Leider ist jetzt schon absehbar, dass wir längst nicht alle treffen können, die wir gerne sehen würden. Obendrein steht uns da halt auch eine emotionale Achterbahnfahrt bevor, bei der Wiedersehensfreude und umgehend drauf Abschiedskummer sich abwechseln werden.

Ansonsten geht hier alles seinen normalen Gang. Letzte Woche habe ich so viel wie noch nie im Stau gestanden, das war ziemlich nervig, jede notwendige kleine Besorgung kann sich ja eh zum Halbtagesausflug auswachsen. Anfang dieser Woche hingegen waren die Straßen frei wie noch nie – es war Qingming-Fest (Totenfeiertag). Leider war die Luft so mies, dass das Leben trotzdem überwiegend drinnen stattfand.

Nummer 4 hat beim Vorlesewettbewerb an der Schule mitgemacht und ist Zweiter in seinem Jahrgang geworden. Die Jungs leiden ja unter einer schweren Hausaufgabenallergie, aber dafür hat er tatsächlich mit viel Spaß geübt – war sehr lustig auch für uns. Vorgelesen hat er aus Timur Vermes: Er ist wieder da.

Mit dem Chinesischkurs waren wir in einem Teehaus, erwartet hatten wir Pekingoper in auch für Westler leicht verdaulichen Häppchen, bekommen haben wir eine Art Varieté, dazu wurden ein paar Häppchen und Jasmintee gereicht, leider kein Reisschnaps… ;) Mit den Bildern von diesem vergnüglichen Abend verabschiede ich mich nun in den Heimaturlaub! 

Vom Stoffmarkt hatte ich bisher nur viel gehört: so viel zu gucken, soviel Auswahl, gute Qualität und Ramsch, außer Stoffen sämtliches Nähzubehör. Selbst wenn man selbst nichts kaufen wolle, sollte sich ein Besuch lohnen. Heute war es nun soweit und wir fuhren wir zu dritt hin. Der Stoffmarkt liegt südwestlich des 4. Rings an der Dahongmen Lu im Fengtai Distrikt – von uns aus also eine halbe Weltreise in ein Stadtviertel, durch das ich bislang bestenfalls ein-, zweimal durchgefahren bin. Die Fahrt also entsprechend lang, ziemlich viele (Wohn-)Hochhäuser, Baustelle an Baustelle. Der südliche Flughafen Nanyuan ist nicht weit (nicht zu verwechseln mit dem im Bau befindlichen Flughafen Daxing – Gruß nach Berlin ;) An einer Metrostation ist wahnsinnig viel Gewusel und zum ersten Mal seit langem sehe ich richtig viele Fahrräder, auch mitten auf der Straße. Es wirkt so komplett anders als z.B. der CBD, um einen sehr krassen Gegensatz zu nennen, durch den wir nachmittags wieder zurückrauschen.

Neuer Stoffmarkt

Wir fuhren zunächst zum neuen Stoffmarkt, da es hieß, der alte sei schon zum Großteil geschlossen. Als wir dort ankamen, lange Gesichter: nur einzelne Geschäfte bereits geöffnet, das meiste aber noch geschlossen oder im Umbau, wenig los, trostlos (wobei zu dem trostlosen Eindruck sicher auch der graue Smoghimmel beigetragen hat). In einem Geschäft gab es wunderschöne Seidenstoffe (leider keine Bilder, ich brauchte beide Hände zum Fühlen und Gucken…), aber mehr hat uns auch nicht angesprochen. Wenn das irgendwann mal belebter ist, wird das sicher schön, aber das dauert bestimmt noch etwas. Also auf zum alten Stoffmarkt. Auf dem Weg zurück zum Auto fährt ein Moped mit einer Kloschüssel auf dem Gepäckträger an uns vorbei. Dass sich auf Mopeds alles (ja, alles!) transportieren lässt ist das eine, nur eine Kloschüssel (komisches westliches Zeugs!) ist gerade hier dann doch bemerkenswert ungewöhnlich! :)

Alter Stoffmarkt – Kontrastprogramm!

Bunt, laut, voll, schmutzig, aber voller Leben. Ziemlich abgewrackt, nicht nur wegen der Bauarbeiten. Tatsächlich ist mittendrin ein ganzer Block bereits abgerissen. Die Läden so unterschiedlich wie auf jedem Markt hier: der eine gepflegt und aufgeräumt, der nächste Schmuddelchaos. Vorbei an Schaufenster-/Ankleidepuppen (die mittelgroßen-kopflosen für 350 Kuai zu haben!) ging es zu Kordeln, Bändern, Knöpfen. Weiter zu Dekostoffen, Baumwolle, Viskose, Satin, Canvas; dann Applikationen, wieder Knöpfe, Schnallen, Spitzen, Borten… Hier sind die Waren nach Gassen sortiert, in der einen nur Baumwollstoffe für Bettzeug z.B., in der nächsten nur Applikationen usw. – beim neuen Stoffmarkt war kein derartiges System zu erkennen. Überall stapeln sich Säcke und Rollen mit den Waren draußen vor den Läden. Lagerräume gibt es nicht, kein Platz dafür. Die Gassen werden dadurch noch enger, aber können nichtsdestotrotz als Rennstrecke genutzt werden, wenn es hupt, muss man schon schnell zur Seite springen…

In manchen Läden riecht es. Staubig, muffig, undefinierbar… Wir nähern uns einem Geschäft mit Glitzerapplikationen. „Das stinkt nach Fisch!“ „Ach was, kann nicht sein!“ „Doch!“ Ich gehe tiefer in den Laden rein und ja, es müffelt wie im Fischladen… Kein Wunder, ist doch gerade Mittagszeit.  :) Aber die Applikationen, die an den Wänden hängen sind hübsch und glitzern und funkeln in allen Farben.  Ein paar Geschäfte weiter in einer besonders düsteren engen Gasse gibt es Reißverschlüsse in allen Farben und Längen und Breiten, es ist übersichtlich und aufgeräumt und riecht es frisch und sauber. Vieles ist auf den ersten Blick hin ganz ähnlich und dann erkennt man doch so viele Unterschiede. 

Nicht zum ersten Mal fragen wir uns: wie kann man davon leben, dass man am Tag vielleicht 2-3 Reißverschlüsse für je 3 Kuai (oder eine Mütze oder eine Tasche oder eine Kette oder…) verkauft? Man sieht hier auf allen Märkten und Malls so viele Stände/Läden mit den gleichen Waren – und man sieht selten, dass tatsächlich etwas verkauft wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Märkten sind wir hier allerdings die einzigen Langnasen.

Auch nach über 1,5 Jahren in Peking finde ich den Stoffmarkt fremd, exotisch und aufregend. Da möchte ich ganz bestimmt wieder hin!

Ein Highlight in China ist sicherlich die chinesische Küche, wobei es in Wahrheit nicht „die“ chinesische Küche gibt, sondern eine unglaubliche Vielfalt aus den verschiedenen Regionen. Wer mehr darüber lernen und erfahren möchte, dem möchte ich zum einen ein Buch: Culinaria China, zum anderen die Kochworkshops im „The Hutong“ ans Herz legen. Eine leckere Möglichkeit, sich dem Reich der Mitte über die Esskultur anzunähern!

Culinaria China* – wer es bekommt, sollte die alte Hardcoverausgabe bevorzugen, inhaltlich nur minimal abgespeckt die neue broschierte Ausgabe. Mit diesem Buch kann man sich auf eine Reise durch China machen und lernt etwas über die jeweiligen Regionen und deren Küche. Umfangreiches Sach- und Rezeptregister machen das Wiederfinden von Rezepten leicht. Von meinen chinesischen Bekannten werden die Rezepte als authentisch eingestuft und natürlich kann man sich, wie bei jedem anderen Kochbuch auch, inspirieren lassen, variieren und dem eigenen Geschmack folgen.

Tolle Kochworkshops!

Für die Kochworkshops im The Hutong muss man nicht in Peking leben, man kann sie man auch bei einem kurzen Pekingaufenthalt gut einbauen, vielleicht anstatt Mittagessen zu gehen: das Essen selbst zubereiten und dann genießen. Man könnte zum Beispiel gleich morgens um 9 Uhr den ganz in der Nähe gelegenen Lama-Tempel besichtigen (auch wenn man dann nur eine Stunde Zeit dafür hat, mehr Zeit hat man bei organisierten Pekingreisen aber auch nicht), dann die Yonghegong Street Richtung Süden zur Dongsi North Street entlang spazieren, die große Kreuzung überqueren und ganz kurz danach vor der Post links in den Shique Hutong einbiegen. Oder gleich mit der U-Bahn bis zur Station Beixinqiao fahren.

Dann wird es etwas kniffelig, aber wenn man sich für einen Workshop angemeldet hat, bekommt man mit der Bestätigungsmail eine idiotensichere Wegbeschreibung (ich weiß das, mein Orientierungsvermögen ist armselig). Um 10:30 Uhr beginnen die Vormittags-Workshops, weitere gibt es nachmittags und abends, aktuell kostet ein Workshop ohne Ermässigung 300 RMB.

Ich habe inzwischen 5 Kurse dort besucht, zufällig alle bei Sophia. Sie stammt aus der Inneren Mongolei, und ist quirlig, engagiert, dynamisch, mitreißend! Sie spricht hervorragend Englisch – und sagt immer, sie sei nicht wegen ihrer Kochfähigkeiten, sondern wegen ihres Sprachvermögens dort beschäftigt. Ersteres ist definitiv tiefgestapelt! Sophia beginnt die Kurse stets mit einer kurzen (!) Vorstellungsrunde – mag nur ein Nebenaspekt sein, aber oft befindet man sich dort in internationaler Runde mit Menschen von allen Kontinenten, was absolut positiv für die Atmosphäre ist. Die Teilnehmerzahl bewegt sich zwischen 5 und 16-20 (?) Personen, wobei größere Gruppen dann einen zweiten Chief bekommen und auf zwei Küchen verteilt werden – die Gruppe bleibt also klein genug für individuelles Lernen. Bei der Vorstellungsrunde wird klar, ob Teilnehmer zum ersten Mal dabei sind, dann gibt es eine ausführliche Einführung in die regionalen Chinesischen Küchen und deren Besonderheiten; sind nur Wiederholungstäter da, wird das etwas abgekürzt.

Im Norden sind Nudeln und Nudelgerichte zuhause, die im Süden nicht gegessen werden, dort wird Reis bevorzugt. Im Norden ist die Küche generell etwas milder als im Süden, wo die schweißtreibende scharfe Küche bevorzugt wird, das Schwitzen sorgt für Abkühlung…

Input!

Gewürze

Dann werden die wichtigsten Gewürze vorgestellt, wer mag kann auch probieren: neben Salz und weißem Pfeffer sind dies helle und dunkle Sojasoße, Reiswein, Reisessig, Sesamöl, Chili, Ingwer, Knoblauch und Zucker, sowie – Sichuanküche! – Sichuanpfeffer. Je nach Rezept kommen weitere Gewürze hinzu, nicht alles wird immer verwendet, dafür kommen andere würzende Zutaten wie eingelegte Gemüse, Bohnenpaste, Chiliöl oder oder oder hinzu. Anschließend stellt Sophia die Rezepte des Tages vor, in der Regel sind es drei Gerichte, die gekocht werden. Sie erläutert die Herkunft, die Besonderheiten, spezielle Zutaten und den Umgang damit. Die eher langweilig-mühseligen Vorbereitungsarbeiten (rohes Fleisch vom Knochen lösen, Gemüse waschen…) werden vorab von Ayis erledigt, eine ist auch während des Workshops dabei und achtet darauf, dass reichlich Tee und Wasser fließt, kocht Reis, räumt Abfälle direkt weg. Das ist nicht nur ein bisschen Luxus, man kann sich dann auch besser auf das Wesentliche konzentrieren.

The Hutong - Küche

The Hutong-Küche

Das war dann auch genug Theorie, dann wird geschnippelt. Halt – doch noch etwas Theorie: knife skills! Gearbeitet wird mit einem großen chinesischen Messer, mörderisch scharf, und bevor man sich damit die Finger absäbelt, bringt Sophia (oder andere chiefs) einem zunächst den richtigen Umgang damit bei: wie fasst man es an, wie schneidet man dieses oder jenes Gemüse am besten? Meine Knoblauchpresse liegt seit dem ersten Kurs übrigens in der Ecke, mir gefällt die chinesische Methode: Ende abschneiden, Knoblauchzehe mit herzhaftem Bums aufs Messer plattklopfen, Haut einfach abziehen, fix kleinhacken, fertig. Geht viel schneller als die Hautabpfriemelei…

Push! Turnover! Quick!

Dann werden alle Zutaten vorbereitet, jeder muss ran, jeder bekommt ein bisschen Ingwer, Knofi, Gemüse und muss das Gelernte umsetzen und erst wenn alles fertig vorbereitet, gegebenenfalls mariniert ist, geht es an den Gasherd. Jeweils zwei Leute müssen ran und unter Sophias strenger Aufsicht pfannenrühren, weitere reichen andere Zutaten an, fügen Gewürze hinzu etc. Jeder kommt dran, drücken geht nicht – aber so lernt man alles. Push! Turnover! Quick! Quicker! Stehen eher scharfe Rezepte auf dem Speiseplan, wird abgefragt, wer scharf und wer lieber weniger scharf ist, dann werden gegebenenfalls zwei Varianten zubereitet. Spätestens jetzt ist Zeit für das erste Tsingtao! :)

Dank Ayi ist der große Tisch inzwischen freigeräumt und gedeckt und dann können die selbstgebrutzelten Köstlichkeiten genossen werden, Zeit für Fragen und Antworten, für Smalltalk – was unterscheidet eigentlich südamerikanische Schärfe von chinesischer? Ulkig, Fleischklößchen gibt es offensichtlich überall auf der Welt. Oh, und Teigtaschen wohl auch! Man entdeckt Unterschiede und Gemeinsamkeiten…

The Hutong

So ein Workshop ist definitiv ein Erlebnis und selbst am Ergebnis beteiligt zu sein: dann schmeckt es nochmal so gut. Den jeweils aktuellen Plan findet man hier auf der Webseite unter Calendar, der Anmeldeprozess ist ganz einfach. Ich habe bisher die Kurse Tastes of China B, Streetfood A, Sichuan B, Saisonales Gemüse/Februar und Neujahrsspezialitäten besucht – und habe mir fest vorgenommen, weiterhin etwa einmal im Monat einen Workshop zu besuchen. Gerne würde ich auch die anderen Angebote (Marktbesuche, Vorträge, Stadtteilspaziergänge, Ausflüge oder sogar Reisen) einmal wahrnehmen, das ist sich bislang terminlich nicht ausgegangen.

Meine Männer sind ja leider eher von der deutschen Schnitzelmafia. Nichtsdestotrotz mögen zumindest die beiden Kurzen inzwischen zum Beispiel Gong Bao Ji Ding: Hühnchen mit Erdnüssen und Sichuanpfeffer – wenn es ein chinesisches Nationalgericht gibt, dann ist es vielleicht dieses traditionelle aus der Sichuanküche stammende Gericht. Es gibt unzählige Varianten, auch vegetarisch – nur ohne Erdnüsse und Sichuanpfeffer ist es kein Gong Bao mehr!

Überhaupt essen wir inzwischen auch von mir gekochtes wesentlich schärfer als noch vor zwei Jahren, treudeutsche Küche kommt uns jetzt oft einfach zu fad vor! Allerdings – während ich dies geschrieben habe, steht Männe in der Küche und kocht Omas Tomatensuppe…

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Letzte Woche. Unter den Bäumen am Fluss tauen die letzten Schneehäufchen vor sich hin, aber die Sonne strahlt, der Himmel ist blau, die Temperatur ist knapp zweistellig – so richtig wunderbares Gute-Laune-Wetter. Ich sitze im Taxi auf dem Weg zur Schule, Chris Martin singt „Up and Up“ und ich fühle mich unbeschwert, leicht, glücklich – und etwas unwirklich: Ich bin tatsächlich in China! Ja, auch nach ein-einhalb Jahren packt mich dieser Gedanke noch von Zeit zu Zeit. Die Luft ist so gut, dass die Berge zu sehen sind, alles scheint freundlich, jeder, wirklich jeder, wirkt gut gelaunt. Und so setzt sich das den ganzen Freitag und das ganze Wochenende hindurch fort. Peking ist großartig! 

Peking ist großartig. Peking ist furchtbar.

Was für ein Unterschied zum Dienstag. Da saß ich im Taxi auf dem Weg zur Klinik, bin in Grübeleien versunken, als auf einmal der Taxifahrer hektisch wurde und auf mich einredet, es braucht etwas, bis ich endlich verstehe, was los ist: es schneit. Okay, eigentlich sind es bloß Schneegriesel, die Sicht ist, obwohl es grau und dunkel ist, deutlich besser als an Smogtagen, die Straßen sind nass, aber nicht glatt, und trotzdem wird aus dem bis dahin zäh vor sich hin fließendem Verkehr der längste Parkplatz der Welt. Ich wünschte, ich wäre irgendwo anders, nur nicht hier. Immerhin verläuft der Termin bei den Chirurgen erfreulich, sie wollen mich derzeit nicht aufschnippeln, Glück gehabt, ich kann erleichtert nach Hause fahren. Inzwischen wurde aus dem Schneegriesel dann doch dichtes Schneetreiben und die Straßen sind glatt und es ist einfach zu dunkel. Trotz Erleichterung, dass das medizinische Problem erstmal keines mehr ist, will die Laune nicht besser werden. Und jeder, absolut jeder, wirkt mindestens so trübsinnig wie ich. Peking ist furchtbar!

Winter adé!

Jetzt, eine Woche später. Der Winter ist zum Glück vorbei, die dunklen Tage werden weniger, richtig fieser Smog wird seltener vorkommen, der eisige Wind macht bis zum nächsten Winter Pause. Die Kinder gehen wieder im Hellen aus dem Haus und kommen im Hellen zurück. Der Spielplatz vorm Clubhaus ist, sobald die Schulbusse nachmittags eintrudeln, wieder Treffpunkt, auch die älteren Kinder „müssen“ jetzt unbedingt von ihren Müttern „abgeholt“ werden… ;) Ist es im Sommerhalbjahr nicht überall freundlicher und heller? Hier aber ganz besonders, Peking ist schön!

Vorweg: ich lebe gerne hier in Peking, ich finde es eine tolle Erfahrung für mich, für uns. Wir lernen alle so viel Neues über uns, über Peking, China und die Welt, die Jungs lernen so viel mehr als ihnen jede Schule der Welt beibringen könnte, meine Bilanz ist unterm Strich nach wie vor positiv. Ich meine: wir haben es geschafft, in einem absolut fremden Land auf einem fremden Kontinent, in einem Land, dessen Sprache unendlich schwierig zu lernen ist, ein Zuhause für uns zu schaffen und uns als Familie und Individuen wohl zu fühlen. Kann man schon ein bisschen stolz darauf sein, oder?

Trotzdem, es gibt auch Schattenseiten

Nichtsdestotrotz gibt es auch Schattenseiten. Ich vermisse unsere erwachsenen Kinder, die Familie, liebe Freunde – auch wenn ich hier neue Freundschaften geschlossen habe, von denen einige bestimmt die gemeinsame Peking-Zeit überdauern werden. Ich vermisse Hamburg, trotz Schietwetter. Ich weiß so vieles in Deutschland jetzt viel besser zu schätzen und empfinde so manches nur noch als „First World Problems“ und „habt Ihr keine ernsthaften Sorgen?“.

Ich vermisse meine Biokiste, aber selbst mit einem konventionellen Einkauf würde ich mich in Hamburg inzwischen absolut auf der sicheren Seite fühlen, im Gegensatz zu hier, wo ich mir oft nur noch mit Verdrängung helfen kann.

Mich nervt es, wenn ich morgens Kaffee machen will und feststelle, dass der Kanister im Wasserspender schon wieder leer ist und ich erst mal eine 19-Liter-Pulle schleppen und einsetzen muss. Stopp, halt, erst noch den Wasserspender reinigen, sonst wird das auch eine unhygienische Angelegenheit. Trinkwasser aus der Leitung, was für ein genialer Luxus!

Smog…

Meine drei Männer, klein und groß, haben zum Glück im Gegensatz zu mir keine Probleme mit dem Smog. Wenn die Werte übel sind, dann muss ich die Zwerge schon sehr nachdrücklich dran erinnern, dass die blöden Masken bitte auch im Schulbus aufgesetzt bleiben. Ich hingegen habe selbst bei nicht besonders schlechten Werten morgens meist mit Nasenbluten (sorry) zu kämpfen, ab Werten um die 300 bekomme ich Kopfschmerzen, Halsschmerzen, werde heiser und wenn ich nicht drinnen bleibe, folgt anschließend eine nette Erkältung – also bleibe ich drinnen und sage dann Verabredungen, Veranstaltungen, Vorhaben ab. (Im ersten Jahr war ich trotz allem noch unterwegs und laufend krank – muss diesen Winter nicht wieder passieren.) Zum Glück sind die Luftwerte an den meisten Tagen besser als 300.

Airpocalypse

Heute ist allerdings wieder so ein Hazardous-Tag, der AQI liegt bei über 400, die Luft ist gelb und dick, die Sichtweite nicht besonders. Das geht nicht nur auf die Atemwege, das geht auch auf die Laune, auch wenn wir es uns drinnen sehr gemütlich machen können und Langeweile für uns eh ein Fremdwort ist. Trotzdem deprimiert das sehr, wenn man in dieser gelb-braun-grauen Glocke gefangen ist. (Bitte, führt verbindliche Fahrverbote in Deutschland ein, das muss doch nicht erst so schlimm wie hier werden!)

Jedenfalls ist heute einer dieser Tage, wo man sich nach einen Hamburger Mistwetter-Tag geradezu sehnt (sorry, Hamburg, das Wetter gefällt mir hier insgesamt besser, auch wenn der Winter kürzer und der Sommer noch länger sein dürfte)…

Was soll’s, im TV kommt nun White House Down, und nein, das läuft nicht auf CNN. ;)

Eigentlich bin ich ja nicht so für Kunstschnee, sorry, „technischen Schnee“, auch Skifahren kann ich nicht und werde es wohl auch nicht mehr lernen. Aber uneigentlich mag ich doch jede Gelegenheit nutzen, um mal aus der Stadt rauszukommen  und der Ausflug war ausdrücklich auch für Nicht-Skifahrende gedacht, und so ging es dann heute mit der Patengruppe ins Nanshan Skigebiet, gut 60 km nordöstlich von Peking nahe Miyun. 

Das war dann doch sehr nett, Wetter top, Luft so-lala, nette Gesellschaft, wir sind erst ein bisschen spazieren gegangen. Teils sind die Gebäude europäischer Bauweise nachempfunden, aber wenn dann Hühnerfüße auf einem Schlitten an einem vorbeigezogen werden, hält die Illusion maximal Minuten. Oh, und wer auch mal  dahin möchte: nur chinesische, keine westlichen Toiletten, für Frauen in voller Wintermontur durchaus eine Herausforderung… ;)

Mittags war es dann richtig angenehm in der Sonne und wir haben ein bisschen auf einer Sonnenterrasse gechillt und uns dann gegenseitig doch angestachelt: Snowtubing/Reifenrodeln. Großer Spaß, kann ich empfehlen! :) Insgesamt, war ein schöner Tag, eine schöne Auszeit vom Trubel der Stadt.

Update: Anfang 2018 war ich wieder in Nanshan und es war wieder toll!

Die letzten Wochen waren einerseits wie Advent in Deutschland auch, viele Weihnachtsfeiern, -essen, -basare, dazu aber (leider) auch einige Abschiedstreffen, es gehen wieder einige lieb gewonnene Leute nach Deutschland zurück. Insofern jedenfalls gefühlt noch stressiger und emotional aufgeladener als Advent in Deutschland. Bei den Abschieden ist mir wieder aufgegangen, wie gern ich hier bin, und dass es hier noch so viel zu entdecken und zu erleben gibt. Das war ganz gut, weil ich tatsächlich in die Reichweite eines Tiefausläufers geraten bin, aber wo ich hier zu dusselig für eine Internet-Bestellung bin, kommt in Deutschland der DHL-Bote nicht. Irgendwas ist doch immer. ;) Also Krönchen gerade richten und auf das nächste, vermutlich wieder spannende Jahr freuen!

Zwischendrin waren die Jungs und ich auch noch mal krank, so dass rückblickend gar nicht viel Weihnachtszeit war und die letzten Wochen gefühlt vorbeigerast sind.

Gestern war das Weihnachtskonzert in der Schule, hat mir unterm Strich wieder gut gefallen, und die Jungs waren engagiert und mit viel Spaß dabei – obwohl es am Ende echt spät geworden ist. Dass ausgerechnet die Jüngsten erst am Schluss dran waren (während ein Großteil der Teenies bereits in der Pause gegangen ist), ist schon unglücklich, zum Glück war heute nur noch ein kurzer Schultag, wo eigentlich auch nur noch gefeiert wurde.

Aber nach so einem Konzert mit dem Gefühl nach Hause zu gehen, dass auch schulischer Musikunterricht wirklich Freude am Musik machen und Singen vermitteln kann, und dass die Jungs gerne noch mehr Musikunterricht hätten, das macht doch schon sehr zufrieden – die Musiklehrer können sich da jetzt gern gelobt fühlen! 

Jetzt rückt eine dicke Smogwolke näher, seit heute Abend gilt die höchste Alarmstufe – Red Alert – und das für voraussichtlich fünf lange Tage. Da sind wir echt ziemlich froh, dass es morgen in den Urlaub nach Australien geht. Hoffentlich wird der Smog nicht so dick, dass Flüge gecancelt werden müssen… Überhaupt, es lebt sich einfach besser ohne dicke Luft, wir hatten allerdings auch gerade ein paar schöne Tage mit auch aus deutscher Sicht normalen Werten. Und dann ist Peking noch mal so schön, wenn man in der Ferne die Berge sehen kann.

 

 

 

 

Konzert für die Grundschüler der DSP

Schade, dass unsere Jungs keine Grundschüler mehr sind, denn die Grundschüler der DSP (Deutsche Botschaftschule Peking) machen am kommenden Freitag in der Schulaula eine „Reise von Mozart bis Chopin“ mit Justus Frantz. Nur die Grundschulkinder, keine Eltern, keine älteren Schüler – ein Kinderkonzert halt. Das gefällt mir schon richtig gut an der Schule, dass außer dem normalen Unterricht nach Stundenplan fast immer was los ist (Grundschultreff, KinderUni, Lesungen, Projektvorstellungen…). 

Wintereinbruch

Heute Nacht hat es begonnen zu schneien, es ist glatt und windig und bitterkalt. Durch den Compound fuhr den ganzen Vormittag ein Tuktuk, ganz langsam, hinten drauf ein Berg Streusalz und zwei Arbeiter, die mit behandschuhten Händen und sonst keinem weiteren Werkzeug die Straßen und Wege abstreuten… Gutes Timing, morgen ist laut chinesischem Kalender 小雪, xiaoxue. :) Man könnte fast darüber nachdenken, heute Abend Glühwein zu machen…

Vier Wochen noch

Nur noch knapp vier Wochen, dann beginnen die Weihnachtsferien. Dieses Jahr flüchten wir aus dem Smog in die Sonne. Vorher heißt es zum Ferienbeginn leider schon wieder Abschied nehmen, denn einige liebe Menschen gehen nach Deutschland zurück.

Jedenfalls sind diese vier Wochen wie alle Jahre wieder proppevoll mit Weihnachtsfeiern, Weihnachtsbasaren, Basteln, Weihnachtsbäckerei, Weihnachtsessen… Zur großen Freude der Jungs und zu Männes Entsetzen habe ich am Wochenende schon mal dem Chevy Chase/Clark Griswold in mir Raum gegeben, und nun funkelt und blinkt und leuchtet es in fast allen Räumen. Schrecklich schön! 

 

Bei vielen Gesprächen oder Diskussionen bekommt man mit, dass das Leben in der sogenannten Expatbubble ja doch komisch sei und von einigen wird die Bubble negativ gesehen. Ich versuche mal, hier anzureissen, wie ich unsere chinesische Expatbubble erlebe. Um es vorwegzunehmen: mein Fazit ist positiv.

Als bei uns vor über zwei Jahren die Entscheidung gefallen ist, dass wir nach Peking gehen, habe ich sofort mit dem Chinesisch lernen angefangen. Klar, Sprache ist der Schlüssel zur Integration, das bekommt man ja mit umgekehrten Vorzeichen in Deutschland eingehämmert. Und ja, Grundkenntnisse der Sprache machen mir den Alltag einfacher und bringen mich leichter in Kontakt mit Chinesen. Aber Integration? Fehlanzeige.

Auch wenn wir noch nicht wissen, wie lange wir wirklich hierbleiben, wir sind (hoffentlich) für länger, aber nicht für immer hier, das heißt, von unserer Seite aus besteht gar nicht die Notwendigkeit, uns komplett zu integrieren, aber das ist von chinesischer Seite auch gar nicht beabsichtigt. Endet der Arbeitseinsatz hier, endet unsere Aufenthaltserlaubnis. Das gilt umso mehr für die Expats, die von vorneherein wissen, dass sie in zwei, drei Jahren zurück in Deutschland sein werden.

Abgesehen davon sind wir hier auf den ersten Blick schon von weitem als exotische Langnasen zu erkennen. Selbst wenn ich das doppelte, drei- oder mehrfache an Zeit fürs Chinesischlernen aufwenden würde: Muttersprachlerniveau werde ich niemals mehr erreichen können – im Englischen beispielsweise hätte ich dazu eher die Chance.

Anders heißt nicht besser oder schlechter, sondern einfach nur anders.

Was ich aber kann: China mit Respekt begegnen. Wir feiern chinesische Feste mit (okay, wir nutzen sowieso jede Gelegenheit zum Feiern, und sei es, das Leben an sich zu feiern). Wir sind informiert über die wesentlichen Fettnäpfchen und wie man sie vermeidet. Wir begegnen China, den Chinesen, der Kultur mit Respekt. Wir nehmen das Andere hin und werten nicht. Anders heißt nicht besser oder schlechter, sondern einfach nur anders.

Nur weil ich in China lebe, heißt es nicht, dass ich es jetzt für mich übernehme, die Eltern in den Himmel zu heben und auch als Erwachsene zu tun, was die Eltern verlangen. Ich mag über die große Völkerwanderung zur Golden Week stöhnen, aber ich verstehe jetzt, warum das so ist. Genau, verstehen zu lernen, das ist für mich hier wichtiger als Integration, die als zeitlich begrenzt anwesender Laowai eh nicht gelingen kann.

Es ist sowieso gar nicht so einfach, hier als „Frau von XY“ (aus Chinesischer Sicht sind die Kinder und ich tatsächlich nur geduldete Anhängsel) sich mit Chinesen anzufreunden, da fehlen einfach die Berührungspunkte. Kurze Standardfloskeln beim Einkaufen, in Restaurants und Besuch von Sehenswürdigkeiten und Smalltalk beim Taxifahren – darauf beschränkt es sich im Wesentlichen. Das ständige Lernen – sei es bewusst am Schreibtisch oder nebenbei unterwegs – ist auch anstrengend. Und ich bin einer privilegierten, freiwilligen Situation hier.

Tatort

Tatort gucken im Zeit Berlin

Und es ist auch schön, sich mit anderen Deutschen zu treffen und in der Muttersprache zu unterhalten, wo ich nicht nach Worten suchen muss, wo ich auch Untertöne ohne Anstrengung verstehen kann. Selbst wenn ich auf Chinesisch immer öfter wenigstens mitbekomme, über was gesprochen wird, meine Unfähigkeit meine Gedanken in chinesische Worte zu fassen macht mich stumm, ich fühle mich eingeschränkt und hilflos. Da fühlt man sich dann in der Bubble dann doch ganz wohl und geborgen.

Oder Heimweh – auch wenn das nur sporadisch auftritt, manchmal ist es schön zusammen „Deutsche Traditionen“ zu pflegen oder etwas zusammen zu unternehmen. Da fährt man dann auch einmal im Monat abends mal eine Stunde hin und eine wieder zurück, um zusammen mit anderen Deutschen den Tatort der Vorwoche zu schauen. Andere gehen hier auf Bälle und Oktoberfeste – das war auch in Deutschland schon nicht mein Ding, aber so kann beinah jeder seinen Nischen und sein Stück Heimat hier finden.

Die Expatbubble für die Kinder

Und die Kinder? So, wie ich auch sonst eigentlich nicht unter meinem gewohnten westlichen Standard und Errungenschaften bleiben möchte und teils zwangsweise doch muss (fließendes Trinkwasser, saubere Luft, sichere Lebensmittel, Gurte im Auto…), möchte ich das auch, was den Alltag der Kinder angeht, nicht. Nein, ich möchte sie nicht in sechsmal die Woche je 12 Stunden auf eine chinesische Schule gehen lassen. Ich bin froh über die Deutsche Schule mit all ihren Stärken und Schwächen, auch wenn Britische und andere internationale Schulen für uns leichter zu erreichen wären und die Kinder dann vielleicht noch besser Englisch lernen würden. Die Expatbubble für die Kinder beschränkt sich im Wesentlichen auf Schule und Compound. Unserer ist wunderbar international, auf Spiel- und Bolzplatz spielen Kinder, die ihre Wurzeln auf sämtlichen Kontinenten in den verschiedensten Ländern haben, miteinander.

Wenn das Englisch – das ist unsere Umgangssprache hier, nicht Chinesisch – mal nicht reicht, reden sie mit Händen und Füßen oder erfundener „Baba-Sprache“ (inspiriert von der TV-Serie „Rabbids Invasion“) miteinander. Sprache ist Mittel zum Zweck, wichtig ist, dass man sich versteht, da kann die Wortwahl auch mal komisch und die Grammatik falsch sein. Was die Kinder hier ganz selbstverständlich aufsaugen: das Miteinander in einer per se multikulturellen Umgebung, ganz nebenbei und selbstverständlich nehmen meine hier südafrikanische, finnische, amerikanische, französische, nigerianische… – und natürlich deutsche und chinesische Traditionen, Lebensweisen, Einstellungen etc. mit. „3rd Culture Kids“ erleben wir als Bereicherung, nicht als Mangel von etwas. Die Kinder leben einfach mit anderen Menschen zusammen, die Herkunft/Nationalität ist nicht wichtig, Kinder sind nett oder nicht nett, egal mit welchem Pass sie herumlaufen.

In dieser Expatbubble zu leben heißt nicht, blind und ignorant gegenüber dem Gastland zu sein. Wer vorher schon „open minded“ war, wird es hier sicher leichter haben, zurechtzukommen, dabei kann die Bubble aber ein hilfreicher Rückzugsort in einer oft sehr fremden, aufregenden, exotischen Welt sein.