Das Schuljahr und damit unser fünftes Peking-Jahr gehen zu Ende. Corona-Ferien stehen vor der Tür.

Eigentlich hatte ich mir für dies Jahr soviel vorgenommen: jeden Tag ein (ordentliches) Foto auf Pekingfotos zeigen, ein- bis zweimal in der Woche bloggen (und ein paar Vorhaben mehr). Und dann kam Corona… Zwischenzeitlich lähmt es mich einfach nur, da funktioniere ich so vor mich hin. Für die Jungs da zu sein, das geht immer, da gibt es aber auch so viel zurück, so dass das meine leichteste Übung ist.

Aber darüberhinaus ist es tatsächlich gerade oft schwierig. Für Kreativität fehlt jegliche Energie und innere Gelassenheit. Ich habe keine Schreibblockade, ich schreibe weiterhin täglich. Aber ich mag es nicht veröffentlichen – entweder es ist zu zornig, zu jammernd, zu intolerant. Hoffnung, Zuversicht, Humor – kommt viel zu kurz. Der Optimismus, der mich schon durch viele Krisen (wenn bisher auch noch durch keine Pandemie) getragen hat, hat Sprünge bekommen. 

Fünf Jahre Peking

Mit dem Ende des Schuljahres geht auch unser fünftes Jahr in Peking zu Ende. Die erste Hälfte war wieder voller toller Erlebnisse und Erfahrungen, Reisen und Ausflügen und Besuch aus Deutschland.

Die zweite Hälfte davon war durch Covid-19 geprägt.

2020 haben die Jungs keine fünf Wochen die Schule von innen gesehen: drei Wochen im Januar, acht Tage im Juni. Der Online-Unterricht war lehrerabhängig sehr unterschiedlich, wir hoffen sehr, dass das nach den Ferien besser ist.  Noch ist offen, wann die Schulen in Peking wieder öffnen dürfen. Obendrein ist damit zu rechnen, dass bei erneuten Ausbrüchen (und seien sie noch so klein) Schulen wieder geschlossen werden. Online-Unterricht wird also weiterhin ein Thema sein.

Corona-Ferien. Der Heimaturlaub fällt aus.

Jetzt fangen aber erstmal zwei Monate Ferien an. Ohne die gemischten Gefühle und das Schulhofgewimmel am letzten Schultag: letzte Goodbyes und Abschiede, aber auch Vorfreude auf viel freie Zeit und Reisen. Fällt alles aus. Jetzt ist da nur ein bisschen Erleichterung, dieses seltsame Schuljahr zu Ende gebracht zu haben. Und ja, bei den Jungs ist doch auch Freude auf zwei Monate ohne Schulaufgaben.

Urlaubsreif wie schon lange nicht mehr, fällt Reisen derzeit für uns aus – wir kämen nicht mehr nach Peking zurück. 

Pekinger Hitzesommer mit an die 40 Grad, Pools müssen weiterhin geschlossen bleiben, Provinzwechsel nicht angeraten (ich möchte nicht, weil ich zur falschen Zeit am falschen Ort bin, in einem Quarantänehotel landen, mit genügend Lesestoff könnte ich das allein schon wuppen, aber mit den Jungs dabei? Alptraumvorstellung.). Viele Sehenswürdigkeiten geschlossen oder nur eingeschränkt zugänglich. Trotzdem, irgendwas wird uns schon einfallen.

Die Nachwuchsnerds halten endloses Zocken und vorm Computer hocken zwar für ein tolles Ferienprogramm, aber ich werde sie aus ihren Höhlen locken und der Sonne aussetzen, am Ende verwandeln sie sich sonst doch noch in Vampire…

Goodbye-Season in Corona-Zeiten

Ich fühle mit denen, die Peking jetzt verlassen, wobei da auch jeder seine eigene Geschichte und Wahrnehmung hat: die einen sind erleichtert, dass sie endlich wegkommen, andere sind wehmütig, weil wegen Corona alles so anders ist als das, an was man sich hier gewöhnt und darauf gefreut hatte. Mal abgesehen von der ganz normalen Wehmut, wenn man einen Lebensabschnitt beendet. Wieder andere wollen/müssen weg, und haben noch keinen Flug.

Keine Sommer-/Abschiedsfeste, keine Gruppenausflüge, keine China-Rundreisen zum Abschluss. Und es ist tatsächlich ein Riesenproblem, überhaupt einen Flug nach Deutschland zu bekommen, mal gar nicht zu reden von “bezahlbar”. Von Peking direkt geht das derzeit eh nicht, nur von Shanghai aus. Mit Glück kommt man über Kopenhagen, Zürich oder Wien z.B. nach Europa. Die Flugpreise sind weiterhin jenseits von gut und böse: Google Flights hat mir gerade den Schnäppchenpreis von über 7000 Euro für einen Flug nach Hamburg gemeldet. Pro Person. Eco.

Für uns, die wir zurückbleiben, fehlen die Sommer- und Abschiedsfeste auch. Hier war immer die Gelegenheit, sich von Menschen zu verabschieden, mit denen man vielleicht nicht enger befreundet war, aber mit denen man doch ein Stück gemeinsamen Weges hinter sich hat. Das fehlt. Sehr.

Und konnte man sich in den letzten Jahren immerhin darauf freuen, dass es nach den Sommerferien wieder viele Veranstaltungen und Gruppenausflüge geben würde, also auch viele Gelegenheiten Neuankömmlinge kennenzulernen, fehlt diese Perspektive.

Nicht nur, weil noch völlig offen ist, was im Rahmen von Anti-Corona-Maßnahmen möglich sein wird. Sondern auch, weil es kaum Neuankömmlinge geben wird: bis Oktober gilt noch das Einreiseverbot für Ausländer (das kann durch die Charterflüge für “Essentials” plus Angehörige auch nicht wirklich aufgefangen werden). Es kommen überhaupt weniger Expats nach China, die Schule vermeldet nur eine Handvoll Neuanmeldungen. Die deutsche (und internationale) Community schrumpft.

Gewitterstimmung

Tatsächlich passen Stimmung und Wetter gerade gut zusammen. Aufgeheizt, drückend,  angespannt.

Hier ist es heiß, schon geraume Zeit über 30 Grad, oft näher an den 40 als an den 30. Und schwül dabei, also auch gelegentliche Gewitter. Gestern war es noch zu hell, heute hat es erst nachmittags, aber dann auch abends noch mal gewittert, und ich habe immerhin ein halbwegs brauchbares Bild schießen können.

Gewitter über Peking

Den ganzen Tag lastet die schwüle Hitze auf einem, bremst einen aus. Aber nach dem Gewitter, abgekühlte frische Luft, die selbst mitten in Peking gut riecht, da ist der Kopf dann wieder freier.

Was fehlt ist das Corona-Gewitter. Impfung, kuratives Medikament, Mutation hin zum harmlosen Erkältungsvirus, was auch immer. Das liegt leider noch nicht in der Luft. Aber es ist so, wie es ist. Immerhin sind wir und unsere Familie und Freunde gesund. Hoffentlich bleibt das so, angesichts der Entwicklungen in Deutschland machen wir uns da schon große Sorgen. Nur weil wir keinen Bock mehr haben, wird das Virus nicht verschwinden. Hilft alles nichts, wir müssen uns arrangieren und sehen, wie wir das Beste aus der Situation machen. Wird schon. Irgendwo wird sich doch noch ein Zipfel Optimismus finden lassen.

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4 Kommentare
  1. Timoleon
    Timoleon sagte:

    Liebe Lin,

    lass Dir Deinen Optimismus nicht durch einen blöden Virus nehmen.

    Es ist gerade eine doofe Zeit, aber sechs Monate habt Ihr schon in diesem Zustand rum, da schafft Ihr auch die Zeit bis es einen Impfstoff gibt.

    Es ist jedoch in der Tat bitter, nicht mal auf Heimatbesuch kommen zu könne. Aber die Freude wird umso größer sein, sobald Ihr wieder einen Fuß auf den Boden hier setzt. Man zählt die Tage und weiß doch nicht, wieviele es sein werden, die Zeit vergeht elend langsam, aber dann ist der Tag da, an dem Ihr für einen Urlaub mit einem Flieger abhebt, und mich würde es wundern, wenn da nicht ein paar Freudentränen fließen.

    Bis dahin: Durchhalten, die Tage so schön gestalten wie möglich, viel für sich – Dich! – tun und optimistisch bleiben. Ein Optimist wie Du verliert seinen Optimismus nicht, er verkriecht sich nur manchmal in eine dunkle Ecke und lässt sich nur schwer hervorlocken. Er ist aber noch da. :-)

    Ich habe mich jedenfalls unheimlich gefreut, wieder einen neuen Blogeintrag lesen zu dürfen. Und nein, er ist nicht zu zornig geschrieben.

    Ich schicke Dir gerne eine große Portion Optimismus.

    LG,
    Timoleon.

    Antworten
  2. Timoleon
    Timoleon sagte:

    Liebe Lin,

    zufällig habe ich gerade mal wieder “Shakespeare in Love” gesehen. Dort gibt es einen wunderbaren Satz, den auch ich mir immer wieder in Erinnerung rufe, wenn nicht alles so läuft wie es sollte.

    Ich zitiere mal die Szene, in der es um geschlossene Theater während der Pest geht, die dadurch keinen Gewinn erwirtschaften (interessante Parallele zur heutigen Zeit, die mir erst jetzt aufgefallen ist):

    “Fennyman: The theatres have all been closed down by the plague.

    Henslowe: Oh, that!

    Fennyman: By order of the Master of the Revels!

    Henslowe: Mr. Fennyman, allow me to explain about the theatre business. (He bangs his head on a column.) O-hh! The natural condition is one of insurmountable obstacles on the road to imminent disaster.

    Fennyman: So what do we do?

    Henslowe: Nothing. Strangely enough, it all turns out well.

    Fennyman: How?

    Henslowe: I don’t know. It’s a mystery!

    Lambert (dumbly): Should I kill him, Mr. Fennyman?

    Messenger (swinging a bell): The theatres are reopened. By order of the Master of the Revels, the theatres are reopened!”

    Ich liebe diese Einstellung von Henslowe!

    “Strangely enough, it all turns out well. – How? – I don’t know. It’s a mystery!”

    Einfach nur großartig!

    Von daher bin ich fest überzeugt, daß diese Pandemie spätestens in einem halben Jahr ihren Schrecken verloren haben wird.

    Bleiben wir optimistisch! Das wird! Wie? Keine Ahnung. Glaubst Du an Wunder? ;-)

    LG,
    Timoleon.

    Antworten
  3. Linni
    Linni sagte:

    Danke Ihr beiden! <3

    An Wunder glaube ich nicht. Aber mit dem Optimismus hast Du Recht, Timo, weg geht der nicht. Das ist das, was einen nach dem Hinfallen immer wieder aufstehen, weitermachen oder neu anfangen lässt.

    Antworten

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