Beiträge

Die Sommerferien gehen allmählich zu Ende und in ein paar Tagen starten die Jungs in ihr viertes Schuljahr in Peking – schon 7. und 8. Klasse. So mini sind meine „Minis“ also gar nicht mehr.

Eigentlich wollten wir diesen Sommer ein bisschen durch China reisen, uneigentlich war Männe unabkömmlich, und so waren die Jungs und ich in Hamburg und bei den beiden Omas. Die eine zieht mit beinah 80 Jahren aus dem Norden nach Bayern um und erfüllt sich damit einen Traum. Kurzfristig war es dann wohl aber doch ein wenig zu nervenaufreibend, also haben wir ein bisschen mit angepackt und für Ablenkung von all der Aufregung und dem Kummer beim Abschiednehmen gesorgt. Die Jungs wissen inzwischen nur zu gut, wie das mit dem Abschiednehmen so ist und haben ihre jeweils eigenen Strategien dafür gefunden – und konnten der Oma damit gut zur Seite stehen.

Heimat Hamburg

Zum Glück hat es diesen Sommer auch für einen Besuch an den Hamburger Landungsbrücken gereicht.

Hamburg

Auch ein Besuch bei meinem Bruder im Alten Land war drin. Das war ein richtig toller Abend, aber auch die Rückfahrt hatte ihre Highlights: wunderschöne Stimmung am Estesperrwerk.

Este-Sperrwerk

Wie bei den bisherigen Heimaturlauben war auch die Gefühlsachterbahn wieder dabei: Wiedersehensfreude und Abschiedskummer, manchmal innerhalb von wenigen Stunden. Man sollte meinen, es würde mit der Zeit leichter werden – wird es nicht. Und wie immer hat es auch diesmal nicht ausreichend Zeit für alle Lieben, Freunde und Verwandten gegeben.

Zuhause in Peking

Deutschland fühlt sich inzwischen ganz merkwürdig an: einerseits ist alles vertraut, andererseits sind wir nur zu Besuch – zuhause ist jetzt wirklich Peking.

Zurück in Peking haben wir uns trotzdem so schwer wie noch nie getan, in die Zeit und den Alltag wieder hineinzufinden, was eine Phase von Nachtaktivität zur Folge hatte – und mir noch mehr bewusst gemacht hat, dass meine beiden „Lütten“ jetzt keine kleinen Kinder, sondern (fast) Teenies sind. Da hier aber eher Weltuntergangswetter war und ein Wetterwarnung nach der anderen verbreitet wurde (Überschwemmungen, Erdrutschgefahr…), war das „Nachtleben“ aber auch in Ordnung.

Inzwischen ist der Jetlag Geschichte, wir schlafen wieder nachts statt tagsüber und die Phase des endlosen Regens scheint – hoffentlich – überstanden. Wir haben Geburtstage und Jahrestage gefeiert und huch, jetzt sind wir schon über drei Jahre in China. Alte Hasen!

Klimakatastrophe?

Vor fast zwei Wochen war nach chinesischem Kalender schon Herbstbeginn, nach dem gleichen Kalender ist erst Ende dieser Woche „Ende der Hitze“. Laut Wetterbericht bleibt uns die Hitze aber noch eine Weile länger erhalten. Da müssen wir ja zugeben, dass es hier zwar deutlich länger als in Deutschland heiß ist, aber dank der allgegenwärtigen Klimaanlagen doch erträglich – zumindest drinnen. Trotzdem, dass es so extrem nass ist, ist genau wie die große Trockenheit in Deutschland nicht normal. Weltweit unnormales Wetter – das ist schon beunruhigend. Mal sehen, wie die kommenden Jahre werden.

Vorfreude

Jedenfalls kann das neue Schuljahr jetzt starten, mal sehen, was und wen es mit sich bringt, wen wir neu kennen lernen, wen wir wiedersehen werden. Peking hat jedenfalls noch eine ganze Menge für uns zu bieten – wir sind gespannt.

Heimaturlaub

Heimat. Urlaub?

Die Jungs und ich sind gerade zurück von der emotionalen Achterbahn namens Heimaturlaub. Das heißt, eigentlich sind wir noch auf den letzten Metern beim Ausrollen, bevor wir richtig aussteigen können und der Alltag uns wirklich wieder hat. Bis wir nicht nur physisch in Peking zurück sind. Noch hat uns der Jetlag im Griff und die vielen Abschiedstränen sind noch nicht ganz getrocknet.

Warum heißt es eigentlich Heimaturlaub, wenn es mit unseren Vorstellungen von Urlaub nur wenig zu tun hat? Urlaub ist bei uns möglichst wenig verplant, stattdessen gibt es viel Raum für Nichtstun, Lesen, Chillen und Spontanes nach Lust und Laune. Aber nicht im Heimaturlaub.

Wenn man also endlich wieder ein paar wenige, kostbare Tage in der Heimat ist, man so viel unternehmen und so viele Leute treffen möchte, wie fängt man das an? Alle Wünsche lassen sich nie erfüllen. Bei der Wahl zwischen Ausflügen zu alten Lieblingsorten oder Treffen mit Familie und Freunden gewinnen bei uns die Menschen, vor allem unsere drei Großen, und verlieren die Orte. Wieder nichts mit Ausflug ans Meer. Mit Glück lässt sich im Einzelfall beides miteinander verbinden, Verabredungen an den Landungsbrücken zum Beispiel.

Kein Geheimrezept

Ein Geheimrezept habe ich auch nach mittlerweile einigen Heimaturlauben nicht. Für uns funktioniert es nicht, jede freie Minute zu verplanen und möglichst viele Verabredungen und Unternehmungen effektiv unterzubringen. Das haben wir beim ersten Heimaturlaub so gemacht, da war der Kalender komplett gefüllt und es war der bisher Stressigste. Wir haben danach eine gefühlte Ewigkeit gebraucht, wieder richtig in Peking Fuß zu fassen, und es hat lange gedauert, bis bei den Jungs „ich vermisse…“ nicht mehr die häufigsten Worte waren. Wobei Letzteres auch bei weniger voll verplanten Besuchen in Deutschland passiert. Aber nach dem „Urlaub“ erst so richtig urlaubsreif zu sein, das möchten wir so nicht noch mal erleben.

Nichts vorab zu planen und uns ausschließlich auf Spontaneität zu verlassen, klappt aber auch nicht. Schließlich haben die Daheimgebliebenen ihr eigenes Leben und ihre eigenen Verpflichtungen, wo wir in unserem Ferien-Zeitraum vielleicht gerade nicht reinpassen. Da kann es dann passieren, dass es zu keiner Verabredung kommt, wenn man sich erst zu kurzfristig meldet.

Also wird es bei uns ein Zwischending, wobei sich die für Spontanes vorgesehen Lücken im Kalender doch immer rasend schnell füllen.

Wie man es auch anfängt, es ist immer falsch

Kann man die Zeit „gerecht“ auf die Daheimgebliebenen verteilen? Nein. Keine Chance. Irgendjemanden wird man immer enttäuschen, und wenn man sich noch so sehr anstrengt. Das fängt bei dem Punkt an, mit wem man sich zuerst verabredet und hört bei der Frage, wie viel Zeit man miteinander verbringen kann, nicht auf.

Dieses Mal war die Zeit noch kürzer als sonst: 10 Tage. Minus zwei Tage für Hin- und Rückflug. Von den verbleibenden acht Tagen waren wir die Hälfte bei meiner Mutter, die mir kürzlich einen Schrecken eingejagt hat, als sie krank war – zum Glück dann doch nicht so schlimm. Aber deshalb wollte ich diesmal unbedingt etwas länger als sonst bei ihr bleiben. Das war dann doch noch das Entspannteste und das, was „Urlaub“ noch am nächsten kam.

Verzicht auf Heimaturlaub ist auch keine Lösung

Der Gedanke schleicht sich ein, lieber nur in China und Asien zu reisen, die Reisemöglichkeiten hier vor Ort auszunutzen und „richtigen“ Urlaub zu machen. Aber ist es nicht gerade für die Kinder wichtig, ihr Heimatland zu besuchen, damit sie wissen und behalten, woher sie kommen? Ist es nicht notwendig, die alten Beziehungen auch mit persönlichen Treffen zu pflegen? Auf der anderen Seite tun die häufigen Abschiede weh. Reißen Wunden auf, die vielleicht gerade verheilt sind. Weil man sich gerade damit arrangiert hat, mit den Lieben nur zu gewissen Zeiten chatten, sie aber nicht umarmen zu können. Aber letzteres muss doch wenigstens von Zeit zu Zeit sein, deshalb kommt der Verzicht auf Heimaturlaub nicht infrage. Wir werden aber auch nicht sämtliche Schulferien in Deutschland verbringen.

Die Heimat wird allmählich fremd

Hamburg fühlt sich für mich nach wie vor vertraut an. Hier brauche ich kein Navi, auch wenn ich kreuz und quer durch die Stadt fahre. Und gleichzeitig fange ich an zu fremdeln. Es ändert sich immer mehr. Unglaublich, wie viele Bäume in unserer Straße gefällt wurden und wie ein Neubau nach dem anderen die alten bekannten Häuser ersetzt. Aber nicht nur unsere Straße ändert sich, auch das weitere Umfeld, überall Baustellen: Einkaufszentrum und Autobahn (A7-Deckel…). Wenn das alles erstmal fertig ist, wird es womöglich noch fremder sein als jetzt schon. Wenn man das tagtäglich sieht, fällt es einem vielleicht nicht so ins Auge. Aber wie viel sich in dem halben Jahr seit dem letzten Hamburgbesuch getan hat, das ist schon krass.

Und es ist doch auch schön

Natürlich ist Heimaturlaub auch schön. Es ist ja nicht nur Abschiedskummer, sondern auch Wiedersehensfreude. Es ist so schön, sich mit alten Freunden zu treffen. Besonders, wenn es so ist, als hätte man sich gerade letzte Woche zuletzt gesehen und nicht vor etlichen Monaten.

Grünkohl

Grünkohl, Kassler, Kohlwurst…

Es macht Spaß, die Dinge zu genießen, die wir hier in Peking nicht haben. In Buchhandlungen zu gehen und deutsche Bücher in die Hand zu nehmen (und nicht nur eBooks zu lesen). Von sauberer Luft und trinkbarem Leitungswasser gar nicht erst zu reden (ich weiß, ich wiederhol mich). Ach ja, Lebensmittel überhaupt, (fast) kein Nachdenken über deren Qualität, Herkunft, Schadstoffbelastung. Natürlich haben wir auch reichlich eingekauft: Früchtetees, die es hier überhaupt nicht gibt. Kaffee (gibt es zwar, aber zu Mondpreisen). Medikamente, Cremes, Küchenkrimskrams…

Ich fand es auch angenehm, mal unauffällig durch die Stadt zu stromern und nicht schon von weitem als Ausländer erkennbar zu sein. Alles lesen und verstehen können und nicht sich nicht als halber Analphabet zu fühlen.

In die Zeit sind wir diesmal so überhaupt nicht reingekommen, was aber nicht so schlimm ist, jetzt ist es hier in Peking einfacher. Und nachts wach zu sein hatte den Vorteil, in die deutsche Glotze starren zu können. Okay, da verpassen wir nicht viel. Nur das Filme streamen haben wir wirklich sehr genossen. Dieses Geo-Blocking in der ach so globalisierten Welt ist und bleibt einfach Bockmist!

Zuhause in Peking

Back in Beijing - Blue sky

Blauer Himmel in Peking

Immerhin macht uns Peking das Wiederankommen leicht. Die Luft könnte zwar besser sein, aber die Sonne scheint und wärmt, es liegt ein Hauch von Frühling in der Luft. Es ist schön, die Nachbarn und Freunde hier wieder zu treffen (und sich nicht sofort verabschieden zu müssen).

Und so richtig ging mir eben das Herz auf, als die Jungs aus der Schule kamen, beide fröhlich und bester Dinge. Aber einer der zwei besonders happy – er hat von einem Freund ein Urlaubsmitbringsel bekommen: eine Dose Ravioli aus Deutschland. Das finde ich so süß, dass ich nicht wie sonst über Juniors seltsame Dosenfraß-Vorliebe schimpfe! 

Mein letzter ganzer Tag in Siem Reap, am nächsten Tag geht es gleich nach dem Frühstück zum Flughafen. 

Ich hab noch immer nicht genug von den Tempeln und entscheide mich dafür, die Roluos-Gruppe östlich von Siem Reap anzusehen. Dazu gehören drei Tempel: Preah Ko, Bakong und Lolei. Was ich noch nicht weiß: in Lolei werde ich einen Lehrer und seine Schule kennenlernen.

Aber der Reihe nach. Wir fahren erst durch Siem Reap und dann über eine alte Landstraße in Richtung Osten.

Preah Ko

Zuerst geht es nach Preah Ko. Es ist noch relativ früh, aber die Sonne steht schon hoch am wolkenlosen, leuchtend blauen Himmel. Und es ist richtig heiß. Sokphorn parkt im Schatten, und ich spaziere zum Tempel hinüber. Hier ist es alles andere als feucht oder moosüberwachsen, rings herum um den Tempel befinden sich Siedlungen, von denen Musik herüberklingt. 

Bakong

Wir fahren ein Stück weiter die Straße entlang und erreichen Bakong. Dieser Tempelberg mit 5 Ebenen ist wirklich beeindruckend. Besonders die Elefantenskulpturen gefallen mir. Die Treppen sind wieder steil, ausgetreten und ohne Geländer, keine Absperrungen an den Rändern, aber hier ist mehr los als am Tag zuvor am Baphuon, also mache ich  mir diesmal keine Gedanken. Nur die Elefanten fotografiere ich nur seitlich oder von hinten – von vorne ist es einfach zu dicht am Abgrund.

Lolei

Jetzt fahren wir die gleiche Straße wieder zurück, überqueren die Landstraße und fahren weiter nach Norden. Schließlich erreichen wir Lolei, das auf einem kleinen Hügel liegt, auf den ein schmaler Pfad und ein paar Treppen hinaufführen. Die Tempelanlage ist relativ klein, einer verbliebenen Prasats ist komplett eingerüstet, der andere wird abgestützt. Auf dem Tempelgelände befindet sich ein buddhistisches Kloster, die Haupthalle liegt neben den alten Tempelgebäuden, Wohn- und weitere Gebäude dahinter. Ich ziehe meine Sandalen aus und sehe mir die fröhlich-bunte Haupthalle näher an. Hinten in einer Ecke eine Vitrine mit menschlichen Schädeln und Knochen. 

Die Schule

Nachdem ich die Vitrine mit den Knochen gesehen habe, was mich ehrlich gesagt schon etwas gruselt, schlendere ich weiter über das Tempelgelände und lande schließlich bei den hinteren Gebäuden, die nach außen offen sind. Bücherregale und eine Reihe mit Computern. Ein junger Mann spricht mich an, ob er mich herumführen dürfte. Ich will erst abwinken, ich habe schon von den selbsternannten „Volunteers“ gehört, die zwei-drei auswendig gelernte Sätze zu Sehenswürdigkeiten erzählen und sich ihre Dienste als Tempel-Guide dann teuer bezahlen lassen. Dabei könnte man für den kompletten Angkor Archäologischen Park ausgebildete Guides, oft auch in gewünschter Sprache, für 40 USD/Tag buchen.

Aber ich tue ihm unrecht, denn er ist Lehrer hier an der Schule und so kommen wir dann doch ins Gespräch. Enthusiastisch schildert er, was sie hier alles tun. Er erklärt, dass hier knapp 30 Jungen leben, Waisenkinder oder sehr arme Kinder, die sonst keine Schule besuchen können. Zusätzlich bieten sie weiteren Unterricht für Externe in drei Schichten an, wo in Ergänzung zum offiziellen Schulunterricht Mathe, Englisch, Khmer und Computer unterrichtet wird. Die Kinder verbessern so ihre Chancen auf Arbeitsplätze im Tourismus und für manche ist dies der Weg zur Universität.

Außerdem unterstützen sie etwa 300 weitere Kinder mit den in Kambodscha obligatorischen Schuluniformen. Dabei führt er mich herum, zeigt mir die Bibliothek und die Computerarbeitsplätze. Er will mir auch die Klassenräume in der oberen Etage zeigen, aber ich möchte den Unterricht nicht stören. Ich bin ja nun nicht in offizieller Mission unterwegs, sondern  rein privat, bei aller Neugier: das hätte ich unschön gefunden.

Schließlich erklärt er mir dann, dass ab und zu immer noch Knochen auf Feldern gefunden werden, die werden dann im Tempel aufbewahrt, bis sie bestattet werden können. Dann kommt ein kleiner Junge angerannt, der  etwas von dem jungen Mann will. Dieser gibt mir noch einen Prospekt der Schule und schreibt seinen Namen und seine E-Mail-Adresse dazu, und dann kann ich mich gerade noch bedanken und schon ist er weg. Auf der Webseite der Schule gibt es auch die Möglichkeit, online zu spenden!

 

Eine Woche Kambodscha – mein Fazit

Es war eine Woche voller Highlights für mich. Obwohl ich tagsüber viel gesehen und erlebt habe, war ich durch die ruhigen Abende am Pool am Ende wirklich erholt. Aus China kenne ich inzwischen die krassen Gegensätze zwischen arm und reich, Tradition und Moderne. In Kambodscha gibt es diese Gegensätze auch, nur die Armut ist größer und vom Reichtum sieht man deutlich weniger. Das Internet (im Hotel) war deutlich zuverlässiger und besser (!) als hier in China… Ohne VPN. ;) Aber sonst doch deutlich weniger Moderne als andernorts. Mit Deutschland will ich da gar nicht erst vergleichen: komplett andere Welt.

Dazu die bedrückende jüngere Geschichte des Landes, deren Spuren doch überall noch zu finden sind. Und dann trifft man auf junge, fröhliche Menschen, die voller Optimismus in die Zukunft schauen.

Die ersten Tage zuhause war ich noch nervös, bei jedem Zwacken habe ich gefürchtet, mich trotz des überreichlichen Gebrauchs von Mückenspray wieder mit Dengue infiziert zu haben. Nie wieder Südostasien, nie wieder Dengegebiet. Aber jetzt, mit etwas Abstand: ich würde gerne wieder dahinfahren, noch mehr vom Land sehen, Phnom Penh, gerne auch Sihanoukville, aber unbedingt wieder nach Siem Reap, nicht nur, weil ich noch längst nicht alle Tempel sehen konnte, weil ich ein Floating Village auch mal in der Regenzeit sehen möchte. Auch der Schule in Lolei (und anderen) würde ich wieder einen Besuch abstatten. Naja, wer weiß, vielleicht gibt es ja doch irgendwann eine Impfung. 

 

Jetzt sind wir schon fast eine Woche zurück in Peking – und ich hab mich vorher noch nie so schwer getan, hier wieder anzukommen. So vieles, das nervt: ich hasse es, die großen, schweren Trinkwassserkübel (besonders noch vor dem ersten Kaffee!) austauschen zu müssen. Es ist Mist, wenn draußen 33° sind und man wegen der miesen Luft nicht all zu lange draußen sein mag. Es ist unschön, im Supermarkt den komischen weiß-weichen Salami-Rand zu begutachten und zu überlegen, wie oft die wohl schon aufgetaut und wieder eingefroren wurde. Ich hatte ganz verdrängt, wie anstrengend es sein kann, den Alltag nicht in der Muttersprache und als Analphabetin (die paar Zeichen, die ich entziffern kann…) bewältigen zu müssen.

Mit unserem Jämtland-Urlaub hatten wir aber auch den vermutlich größtmöglichen Kontrast zu Peking!

Suchbild: Wo ist unsere Stuga? ;)

Dieses knuffige Blockhaus versteckt sich etwa 7 km nördlich vom Dorf Ljungdalen oben am Hang. Was fehlt, ist ein Schild „Ende! Aus! Hier geht es nicht weiter!“ Höchstens zu Fuß, übers Fjäll, in ca. 3 Tagen kommt man z.B. in Storlien oder Valadalen wieder raus.

Das letzte Haus am Feldweg, doch nicht nur der Weg, auch die Stromleitung endet hier. Telefon? Fehlanzeige. Handyempfang? Oh, an die Anzeige „Kein Netz!“ kann man sich durchaus gewöhnen! Bis zum nächsten Haus ist es ein Stück, aber das war unbewohnt. Also keine Nachbarn! Keine Menschen! Nur wir drei! Der Herr Gemahl war im Job unabkömmlich, und so waren wir nur zu dritt auf Reisen, aber auch das war – ohne dem Gatten zu nahe treten zu wollen – herrlich entspannt. 

Fjäll

Direkt am Haus windet sich ein schmaler Pfad den Berg hinauf. Man stapft ein bisschen durchs Unterholz und ist nach wenigen Metern oberhalb der Baumgrenze.

Kalfjäll (ja, das schreibt man im Schwedischen so! ;)

Es geht nur enstpannt-sanft bergauf, umso erstaunlicher, dass sich der Blick ins Tal und über die Landschaft tatsächlich alle paar Schritte ändert. Von oben konnte man das Dorf bzw. Teile davon sehen…

Ljungdalen

… und ein Stück weiter oben, reichte der Blick bis zum Flatruet. Wir sind ja mit der Fähre von Kiel nach Göteborg gefahren (ich liebe es!), sind ein Stück über Norwegen/Oslo immer weiter Richtung Norden getuckert, erst bei Stöten über die Grenze zurück nach Schweden. Die letzte Etappe – fix noch ein Großeinkauf beim ICA in Funäsdalen – führt dann übers Flatruet nach Ljungdalen.

Flatruet

Am höchsten Punkt des Flatruets befindet sich ein Parkplatz, von dem man kurz die Aussicht genießen kann, wo man auch mal mit dem Wohnmobil stehen kann oder wo man zu kurzen oder mehrtägigen Wanderungen aufbrechen kann. Wir sind nur „spazierengegangen“, das finden meine Kurzen nicht so schrecklich wie dieses „wandern“… ;)

Auf der Anreise musste ich kurz hinter dem Parkplatz in die Eisen treten: Rentieralarm. Wo man sonst kaum einem Auto begegnet, mussten wir dank sturer Rentiere kurze Zeit im Konvoi im stop und go langsam weiter Richtung Ljungdalen tuckern. Das war ein ziemlich genialer Auftakt. Sorry, keine Bilder, ich hatte die Hände am Steuer!

Blick vom Flatruet Richtung Helags - noch immer Schnee...

Blick vom Flatruet Richtung Helags

Wie man sieht, war unser Ferienwetter durchwachsen. 9°C? Egal, in Peking schwitzen wir noch bis Oktober! Durchgängig verregnete Tage waren auch nur 1-2 dabei. Aber auch das war in Ordnung, denn die Stuga war unglaublich gemütlich. Am Kamin sitzen und zugucken, wie sich die Wolken übers Dunsjöfjället ins Tal wälzen: beeindruckend!

Urlaubsbedürfnisse haben sich wegen Peking geändert

Früher – vor Peking – war ich immer diejenige, die im Urlaub für Sightseeing und Ausflüge zuständig war – bzw. wenn ich nicht genervt, gequengelt und gedrängelt hab, konnte meine Familie es auch immer gut direkt am Urlaubsort aushalten (okay, Eigenlob stinkt eigentlich, aber ich hab schon ein glückliches Händchen in Sachen Ferienhäuser). Seit wir in Peking sind, ist es anders, und das ist mir tatsächlich jetzt in Schweden erst richtig bewusst geworden. Unser Alltag hier ist – verglichen mit unserem alten deutschen Alltag – hektisch, aufregend, spannend. Ich selbst muss weder zur Schule noch zur Arbeit gehen und will mir, wenn die Pekingzeit irgendwann mal zu Ende geht, nicht sagen müssen: ach hätt‘ ich doch noch dies-das-jenes gemacht-besucht-angesehen… D.h. mein Alltag ist so ganz anders als mein alter Hamburger Alltag, dass sich auch meine Urlaubsbedürfnisse und -wünsche verschoben haben. Sightseeing? Gehört doch zu meinem Expatalltag!

Ich habe es genossen, auf der Terrasse zu sitzen, zu lesen, den Blick schweifen zu lassen. Vor dem Urlaub hab ich noch gedacht, wir könnten ja endlich mal in Röros die Minen ansehen. Wasserfälle finden? Vielleicht ein Wiedersehen mit Trondheim und den Bekannten dort? Nach Östersund zum Festival? Und am Ende waren unsere weitesten Ausflüge die nach Funäsdalen zum Einkaufen, immerhin auch 45 Minuten Fahrzeit – wobei es in Ljungdalen im kleinen ICA Nära eigentlich auch alle gab, was wir brauchten. Wir haben dann halt immer auf dem Flatruet gestoppt. Wen wir aber besucht haben bzw. wer auch uns besucht hat: Freunde, die ich seit meinem 18. Lebensjahr kenne, und die ein Häuschen in Ljungdalen haben.

Ansonsten haben wir die Einsamkeit unglaublich genossen. In den ersten Nächten habe ich mich gefürchtet: Einbrecher? Hier? Doch dann hab ich die Übeltäter erwischt: Rentiere. Meine Güte, machen die einen Lärm, wenn die nachts – zum Glück nie ganz dunkel, ich liebe die Mitternachtssonne! – über die Holzveranda schlappen… Selbst die verregneten Tage, wo man keine 50 Meter weit sehen konnte (Nebel oder doch Wolken?), waren perfekt!

Ich wollte nicht abreisen und ich würde sofort wieder hinfahren, wenn es möglich wäre…

Elche haben wir diesen Sommer tatsächlich nicht einen einzigen gesehen! Aber bei den vielen Rentieren haben wir keinen Grund zur Klage. Viele Vögel gab es und Blumen (und Mücken), Regenbogen, beeindruckende Sonnenuntergänge, die fast nahtlos in Sonnenaufgänge übergingen… Trinkwasser in der Natur! Reine, frische Luft, teils süß nach Klee duftend… Und diese Ruhe! Oh, es war nicht immer still – der Wind, der ums Haus pfiff, die Bienen im Klee, Vögel, das Rauschen des Bachs… Jedenfalls, keine Beschallung über 87 Lautsprecher, laute Menschen, Verkehrslärm.

Wer jetzt – auch ohne Expatdassein in Peking – mehr über Ljungdalen wissen will, dem kann ich diese überaus informative Webseite empfehlen: ljungdalen-info.de/ Und wer mehr schöne Ljungdalen-Fotos haben mag: es gibt auch einen Kalender: ljungdalen-info.de/Bestellung.html.  

Und wer direkt noch ein paar Bilder gucken mag: bitteschön!

 

 

 

 

 

 

 

5 Tage sind wir nun schon zurück in Peking. Diesmal tun wir uns ein bisschen schwer, wieder richtig anzukommen. Der Abschied von den drei Großen war wieder traurig und sie werden jetzt schon schrecklich vermisst. Leider hilft da auch nicht das Wissen, dass wir sie durch unsere Heimaturlaube und deren Urlauben hier unterm Strich eigentlich mehr sehen, als wenn wir noch in Hamburg wohnten. 

Der Jetlag hat uns auch noch fest im Griff, abends können wir ewig nicht einschlafen und kommen dann kaum vor Mittags aus dem Bett. Das wird ein großer Spaß am Montag, wenn um 6 Uhr der Wecker klingeln wird und die Schule wieder startet.

Ljungdalen

Der Urlaub in Ljungdalen war phantastisch, es war genau das, was wir drei uns gewünscht hatten (Einsamkeit, Natur, Stille, frische Luft und sauberes Wasser…) und damit der totale Kontrast zu Peking. Das hat uns richtig gut getan, jetzt sollten wir dem aufregenden, anstrengendem China-Alltag eigentlich wieder gewachsen sein.

Ein Ferien-Highlight waren die vielen Rentiere, die uns mehrmals täglich besucht haben und denen wir auch unterwegs ständig begegnet sind. 

Abflug in Hamburg

Tschüss, Hamburg

Wir sind wieder in Peking. Der Rückflug war doppelt strapaziös: erstens haben wir den Anschlussflug nach Peking verpasst (wegen Verspätung des ersten Fluges) und zweitens emotional.

Der Abschied in und von Hamburg war furchtbar traurig. Ich habe mich so schlecht gefühlt, dass wir den Kindern (den Kleinen wie den Großen) das antun. Da war der verpasste Flug nach Peking direkt ein Glück, denn in Amsterdam habe ich die Geschichte als Abenteuer inszenieren können, das hat dann erfolgreich vom Kummer abgelenkt. Da wir glücklicherweise direkt auf den nächsten Flug umgebucht wurden, war es dann auch nur ein Mini-Abenteuer und der Transfer war sogar viel entspannter als die Hetzerei, die uns normalerweise gedroht hätte, wenn alles pünktlich gewesen wäre… Die Weiterreise war dann ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Von Haus zu Haus waren wir gut 20 Stunden unterwegs und entsprechend erledigt.

Die Zeit in Deutschland war schön, wir haben jede Minute genutzt und genossen. Es war nicht ganz so stramm durchgetaktet wie beim letzten Heimaturlaub – ich habe für uns entschieden, dass die Docs in Peking auch was können bzw. wir ihnen ausreichend Vertrauen entgegenbringen können, also werden wir hier nun die anstehenden Kontrolluntersuchungen machen lassen – das hat viel Zeit eingespart und den Anteil lästiger Pflichttermine auf Null gesenkt, dafür war viel mehr Zeit für „Kinderprogramm“. Trotzdem war es insgesamt viel zu wenig Zeit, wieder haben wir nicht alle treffen können, die wir gerne gesehen hätten, und sämtliche Verabredungen waren viel zu schnell vorbei. Auch das Mistwetter hat da nicht groß bei gestört, nur die dicken Schneeflocken beim Omabesuch haben irritiert. 

Achterbahnfahrt

Es gab leider tatsächlich die befürchtete emotionale Achterbahnfahrt: Vorfreude, viel zu kurzes Wiedersehen, Winkewinke. Das schlaucht, aber es gehört derzeit leider zu unserem Leben. Aber der extreme Kinderkummer bei der Abreise, das tat wirklich weh und hat mich tatsächlich kurz darüber nachdenken lassen, ob Peking immer noch das Richtige für uns ist. Aber nach nur einem Tag hier: ja, ist es. Die Wiedersehensfreude mit dem Papa war riesig, nachmittags hat’s an der Tür gebimmelt und die Minis wurden direkt zum Spielen abgeholt. Das frühe Aufstehen am Montag war noch eine Herausforderung, heute ging es dann schon deutlich besser – der Alltag hat uns wieder.

Endlich ist Frühling, es ist warm, beinah schon sommerlich, Peking wird bunt, weil alles blüht und wieder viel mehr draußen passiert. Leider lässt sich das wegen der miesen Luft nicht genießen, also freuen wir uns jetzt noch mehr auf das nur halb so warme Hamburg: Heimaturlaub! Wir, das heißt die Jungs und ich, Männe darf arbeiten. Dank Denguefieber hatte der letzte geplante Hamburg-Aufenthalt ja leider ausfallen müssen, und nach so langer Zeit ist es schon komisch, „nach Hause“ zu fliegen. Nein, es ist nicht mehr wirklich zuhause, das ist derzeit hier in Peking, aber es ist Heimat, da wo wir unsere Wurzeln haben. Was sich wohl verändert haben wird, was ist „wie immer“?

Auch wenn ich mich nach Kräften bemüht habe, unser „Programm“ nicht wie beim letzten Mal so zu überfrachten – es hilft nichts, es ist doch wieder ganz schön voll geworden, auch wenn wir etwas mehr Lücken für spontane Verabredungen gelassen haben. Und für Ausflüge, es sind ja immerhin auch die Ferien der Jungs! Leider ist jetzt schon absehbar, dass wir längst nicht alle treffen können, die wir gerne sehen würden. Obendrein steht uns da halt auch eine emotionale Achterbahnfahrt bevor, bei der Wiedersehensfreude und umgehend drauf Abschiedskummer sich abwechseln werden.

Ansonsten geht hier alles seinen normalen Gang. Letzte Woche habe ich so viel wie noch nie im Stau gestanden, das war ziemlich nervig, jede notwendige kleine Besorgung kann sich ja eh zum Halbtagesausflug auswachsen. Anfang dieser Woche hingegen waren die Straßen frei wie noch nie – es war Qingming-Fest (Totenfeiertag). Leider war die Luft so mies, dass das Leben trotzdem überwiegend drinnen stattfand.

Nummer 4 hat beim Vorlesewettbewerb an der Schule mitgemacht und ist Zweiter in seinem Jahrgang geworden. Die Jungs leiden ja unter einer schweren Hausaufgabenallergie, aber dafür hat er tatsächlich mit viel Spaß geübt – war sehr lustig auch für uns. Vorgelesen hat er aus Timur Vermes: Er ist wieder da.

Mit dem Chinesischkurs waren wir in einem Teehaus, erwartet hatten wir Pekingoper in auch für Westler leicht verdaulichen Häppchen, bekommen haben wir eine Art Varieté, dazu wurden ein paar Häppchen und Jasmintee gereicht, leider kein Reisschnaps… ;) Mit den Bildern von diesem vergnüglichen Abend verabschiede ich mich nun in den Heimaturlaub! 

Eine vorerst letzte Australiengeschichte hab ich noch:
Die letzten Urlaubstage haben wir bei Freunden in Terrigal, einem hübschen Ort an der Central Coast verbracht. Die Fahrt von Dubbo aus war echt schön, ich mag es ja, mich so durch die Landschaft treiben (fahren) zu lassen. Das hat da schon echt schöne Ecken, z.B. das Hunter Valley. Je näher wir Sydney kamen (Terrigal liegt 50 km Luftlinie nördlich von Sydney, etwa 1,5 Autostunden), umso dichter wurde die Besiedlung, auch wenn es immer wieder eher einsamere Ecken und immer wieder Nationalparks gab. Irgendwann fuhren wir über einen Hügel und sahen den Pazifik, auch wenn es dann noch einige Zeit gedauert hat, bis wir hügelauf und -ab und durch viele Kurven dann Terrigal erreichten. Wir wurden sehr lieb empfangen, mussten aber direkt erstmal unser ohrenkrankes Kind noch einmal beim Arzt vorstellen, das erste Medikament aus Dubbo hat nicht geholfen. Zum Glück ging es ihm dann mit den neuen Medikamenten besser.

Hilfe, Schlange!

Am nächsten Tag hat es vormittags genieselt. Da fiel es uns leicht, dem ohrenkranken Kind Ruhe zu gönnen, der Lütte und ich haben dann einen Spaziergang mit der Gastgeberin gemacht, schön am Strand und an der Küste entlang und durch den Ort zurück. Als die Sonne heraus kam, war es ratzfatz mit der Beschaulichkeit vorbei – klar, trubelige Hochsaison gerade! Wir sind dann auch unserer ersten Schlange in freier Wildbahn begegnet, das war bestimmt eine Brown Viper… Ich habe es vorgezogen, Sohnemann und mich dann lieber in Sicherheit zu bringen. Pssst, nicht weitersagen: bei Betrachtung der Fotos könnte es eventuell doch ein Vieh mit Beinchen dran sein, auch wenn es anders aussah, als die vielen Echsen, die es direkt am Wegrand gab. Dusseligerweise hab ich meinen Sonnenfilter fallen lassen, aber mich dann nicht ins Gebüsch getraut… Lustig find ich, dass mir das in einem Badeort passiert ist, nicht auf dem Land. :)

Genial: westlich einkaufen!

Nachmittags waren wir in einem Nachbarort, Erina, in einem Einkaufszentrum. Auch wenn ich eigentlich für Shopping nicht viel übrig habe, aber irgendwie war das nett, „westlich“ einzukaufen; wir haben auch alles bekommen, was wir brauchten. Nur Kosmetik: ich wollte mir für meine durch die Pekinger Trockenheit bröckelnde Haut eine gute Creme gönnen – und bekomme beim Testen direkt Pusteln auf der Hand. Ok, dann bleib ich lieber bei meinem in China gekauften Zeug, darauf reagier ich wenigstens nicht allergisch. ;)

Am tollsten war aber der Abend: wir waren in Avoca Beach in einem Strandrestaurant und haben Fish’n Chips gegessen und dabei die Aussicht genossen. Traumschön.

Am nächsten Tag waren wir dann in Sydney, davon hab ich ja schon erzählt, dann hieß es Abschied nehmen, denn am übernächsten Tag hieß es Abfahrt mitten in der Nacht, um rechtzeitig am Flughafen zu sein.

Nun sind wir schon fast 4 Wochen zurück in Peking…

Viel Spektakuläres gibt es aus diesem Urlaub nicht zu erzählen. Nr. 4 hat sich eine fiese Mittelohrentzündung eingefangen, so dass wir nicht den Royal Flying Doctor Service, sondern ein Hospital in Dubbo und ein Medical Centre in Terrigal besucht haben.

Aber vielleicht ist es ja auch spektakulär genug, wie komplett wir abschalten und uns fallen lassen konnten? Ich muss gestehen, an den ersten 1-2 Tagen war ich nervös, gibt doch auch soviel tödliches Getier in  Australien. Aber Judy hat mich beruhigt, sie hätte seit Jahren keine Schlange mehr auf der Farm gesehen, und alle vorher hätte Riley (ein entzückender Corgi) beseitigt. Und tatsächlich habe ich mir auf der Farm dann keine Gedanken mehr gemacht. 

Die Kinder waren rund um die Uhr beschäftigt, wenn die Hunde nicht mehr spielen wollten, konnte man die Hühner füttern oder Striker, den eindrucksvollen Brahman-Bullen. Oder Matilda, ein Hund im Entenkörper, zupfte an einem herum und wollte mehr Futter. Oder Conny, ein Hund im Schafskörper, was sich gerne mal an Autos geschubbert hat, sorgte für Lacher. Von den Kängurus, die sich im Schutz des hohen Grases bis fast ans Haus herangetraut haben mal ganz zu schweigen.

Zur Abkühlung einfach in den Pool gehüpft, dann wieder in den Schatten unter einen der Bäume oder auf die Veranda, den Blick schweifen lassen, die Nase in die Luft halten und Eukalyptus und Frangipani schnuppern und lesen, lesen, lesen. Hachja. :) Abends dann fix einen Salat zubereitet und Thomas konnte sich am Grill austoben. Ab und an kamen andere Übernachtungsgäste, oft mit Hunden, manchmal mit Kindern, die meisten sehr nett und immer kleine Alltagsgeschichten aus Australien dabei. 

An einem Tag hatte Judy besonders viel zu tun mit Betten beziehen und Studios herrichten, sie erwartete eine huge crowd, die sich dann als indischstämmige 20köpfige Großfamilie entpuppte. Judy hatte Sorge, dass es vielleicht zu laut und hektisch werden könnte, aber im Gegenteil, das war ausgesprochen nette Gesellschaft, wieder viele interessante Gespräche und neue Blickwinkel auf die Welt. Und morgens Yoga in der Gruppe, abends wurden wir einfach mitbekocht, lecker.

Weihnachten haben wir ganz australisch am 25. begangen, Judy hatte uns eingeladen und wir konnten Truthahn und andere Köstlichkeiten zusammen mit ihrer Familie und Malcolm und seiner Frau genießen, zum Nachtisch gab es dann auch die berühmte Pawlowa mit Erdbeeren und etwas Passionsfrucht, den australischen National-Nachtisch. :)  Silvester war auch total relaxed, bei Youtube haben wir Ekel Alfred geschaut, später dann eine australische Show mit Live-Schaltung nach Sydney. Um 21 Uhr fand in Dubbo das Familien-Feuerwerk statt, was wir oben von unserem Hügel sehen, aber nicht hören konnten, sehr entspannt. Um Mitternacht war Judy schon schlafen gegangen und wir haben zwei einsame rote Raketen über Dubbo gesehen.

Abends gab es immer auch die tägliche Ration Kitsch: erst die blaue Stunde mit sanftem Licht, das die Welt in Pastell hüllt, anschließend spektakuläre Sonnenuntergänge und nachts ein unglaublicher Sternenhimmel (vielleicht sollte ich mich mal richtig mit Astrofotografie befassen, ich konnte das nur unzureichend einfangen, leider). Die Natur hat zwischendrin gezeigt, dass sie auch anders kann, wir hatten auch 2-3 mal furchterregende Gewitter. Immerhin hat es ordentlich geregnet, so dass die Warnzeichen für Buschfeuer sich wieder in den grünen bis blauen Bereich zurückbewegten.

Wenn ich jetzt so zurückdenke oder mich durch die Fotos wühle – ich würde direkt wieder dorthin reisen und am liebsten dableiben. :) 

Malcolm, Handwerker und Mädchen für alles auf der Farm, war sicher einer der Gründe, warum der Urlaub so schön gewesen ist. An den Jungs hat er sich einen Narren gefressen und umgekehrt, er hatte immer etwas für sie zu tun und hat ihnen dabei jede Menge Geschichten erzählt. Zu Weihnachten hat er ihnen Schweizer Taschenmesser geschenkt (die sich auf dem Postweg nach China befinden und hoffentlich den Zoll passieren dürfen). Mir hat er den Sternenhimmel gezeigt und erklärt und mit Thomas und mir über die Welt im Allgemeinen und Australien im Besonderen philosophiert. Malcolm ist ein richtiges australische Orginal, „part aboriginal“, hat jeden erdenklichen Job inklusive Schafscherer gemacht. Und er stammt aus Bourke. Über Bourke schreibt der australische Schriftsteller Henry Lawson: If you know Bourke, you know Australia. Auch sonst wird Bourke als Kern Australiens, das echte rote Land etc. beschrieben. Und: „back o‘ Bourke“ ist ein Synonym für „Arsch der Welt“ (sorry, aber in Australien ist man so direkt und redet nicht drumherum ;). Ohja, und auch die Fahrt von Bulwarra nach Bourke sei super, man würde so viel Landschaft sehen, und wie sie sich ändert. Na dann, frühmorgens aufgestanden und auf ging es nach Bourke.

Die Fahrt war, hmm, nicht so abwechslungsreich, die sanften Hügel rund um Dubbo ließen wir rasch hinter uns, die Landschaft wurde immer flacher, mal gab es Bäume, mal keine an der Straße. Und es wurde immer einsamer. Vor allem aber ging es geradeaus. Hunderte von Kilometern, ganz selten Mal eine Farm, aber keine Dörfer. Doch, eine kleine Ansammlung von Häusern und ein Geschäft, wo wir neugierig hineingingen. 3/4 der Regale leer, ein Pack Toastbrot, von dem eine Frau sagte, das würde sie lieber nicht kaufen, es liege schon länger da. Immerhin, es gab eine Eistruhe. Gespenstisch. Und dann erreichten wir Bourke selber, hmm, es wirkt heute wie eine „Welfare Town“. Teilweise sieht man noch an hübschen alten Gebäuden mit Türmchen und Erkern, dass die Stadt einst prosperiert haben muss, aber man sieht mehr zugenagelte Fenster und Türen, (dauerhaft) geschlossene Läden, der Ort wirkt verlassen und fast ein bisschen unheimlich, obwohl die Sonne vom beinah wolkenlosen Himmel brennt und die Hitze in den Straßen flimmert. Um länger Spazierenzugehen ist es einfach zu heiß, also tuckern wir noch ein Stück weiter, überqueren den Darling River und fahren Richtung Norden, wo wir uns dann wirklich im echten Outback wiederfinden. Nur noch kniehohes Gestrüpp, endlos, flach bis zum Horizont, wo Erde und Himmel flimmernd ineinander verschwimmen. Und die Vorstellung, dass das so noch Hunderte von Kilometern weitergeht, lässt mich nicht nur beeindruckt da stehen, sondern mich auch ganz klein und ein wenig verloren fühlen.

Der Rückweg ist genauso unspektakulär wie die Hinfahrt, das endlos lange geradeaus Fahren war jedenfalls ziemlich ermüdend, so dass jede Abwechslung willkommen war. Auf einmal nimmt der Verkehr zu (auf dem Hinweg sind wir maximal 5 anderen Autos begegnet) und bei dem winzigen Ort Trangie biegen alle ab. Im Vorbeifahren sehen wir einen riesigen Parkplatz, es müssen wirklich Hunderte sein. Wie wir hinterher herausfinden, fand da ein Picnic Horse Race statt. 

Zurück in Bulwarra fand Malcolm das ziemlich cool von uns, dass wir tatsächlich hingefahren sind – und für mich war es auch eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Gut 5 Autostunden von Sydney (Flughafen) entfernt liegt mitten in New South Wales eine wie es heißt ganz typische australische Inlands-Kleinstadt am Rande des Nirgendwos: Dubbo. Hier treffen sich zwei wichtige Highways (Nord-Süd und Ost-West: Mitchell und Newell) und es gibt einen Zoo. Ok, dann noch das Notwendige für eine Kleinstadt: Einkaufszentrum, Sportanlagen, kleiner Flughafen mit Royal Flying Doctor Service und ein Krankenhaus. Der Macquarie River fliesst durch den Ort, man könnte auch Kanu fahren (oder man lässt es bei 39°, wo einem nach kurzer Zeit auf dem Wasser die Hirnzellen platzen dürften). Touristen findet man hier überwiegend auf der Durchreise oder mal für ein zwei Nächte, das sind dann die Zoobesucher.

Die Landschaft – Western Plains – ist vielleicht nicht atemberaubend, aber tut der Seele gut: sanfte Hügel, Weizenfelder, Wiesen und Weiden, Schafe, manchmal Kühe. Manch grüner Hügel weckte bei uns Auenland-Assoziationen (dabei ist Neuseeland noch mal drei Flugstunden weiter weg…). Mehr Wow-Effekt gibt es z.B. in den Blue Mountains, die wir relativ zügig durchfahren haben oder an der Central Coast. Aber uns hat tatsächlich das „langweilige“ ländliche Australien gelockt: „Overseas visitors will experience something truly Australian at the grass roots level. Have a meal cooked in the wood fuelled stove just like the pioneers or walk the grounds to see 360◦ views of the Australian rural landscape. Have some quite time reading a book under the famous Australian gum trees or use Bulwarra as a base to venture to some of the Worlds best.“ – So heißt es auf der Webseite unserer Gastgeberin Judy, und eigentlich möchte ich gar nicht mehr verraten, damit dieser Platz so herrlich ruhig, friedlich und unaufgeregt und damit so bezaubernd bleibt wie er ist: Bulwarra, eine kleine Farm außerhalb von Dubbo auf einem Hügel gelegen, Rundumblick auf Landschaft und bei Nacht auf die Lichter des Städtchens.

Die ersten Kängurus haben wir schon gesehen kurz nachdem wir aus Sydney herausgefahren waren – leider tot am Straßenrand. :( Zum Glück gab es aber auch zahlreiche lebende, die sich am späten Nachmittag den Hügel hoch bis an den Zaun herangetraut haben. 

Hier kommt nun eine erste Handvoll Fotos. – Fortsetzung folgt!

Eigentlich war Sydney die letzte Station auf unserer Reise, aber da heute alle Welt außer über die Abschiedsrede von Barack Obama über die Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg spricht, ist das doch mal ein guter Anlass, um nach Sydney zur dortigen Oper zu gucken. :)

Opernhaus

Das Opernhaus in Sydney, gebaut von 1959 – 1973 (Bauzeit also etwa ein Jahr länger als die der Elbphilharmonie), ist wirklich ein toller Blickfang. Wenn man die Treppen hinaufgeht, hat man außerdem einen großartigen Blick über Sydney am Wasser, auf Wohnviertel an den gegenüberliegenden Ufern, auf die Harbour Bridge, auf Anlagen der Marine… Wie in Hamburg hat man auch in Sydney mehr Geld verbraten als ursprünglich geplant: etwa das zehn- bis fünfzehnfache der ursprünglich angesetzten Summe. Zur Finanzierung wurde später eigens eine Lotterie ins Leben gerufen. Im Vergleich zur Elbphilharmonie ist das aber mit ca. 100 Millionen AUD (das sind heute wohl gut 123 Millionen AUD) fast ein Schnäppchen.

Bei aller Liebe zu meiner Heimatstadt Hamburg: was das Wetter angeht, hat Sydney klar die Nase vorn, was das Opernhaus angeht, wird man sehen… Die Lage am Wasser ist vergleichbar, wobei Pazifik oder Elbe sicher auch Geschmackssache ist… Sydney war zuerst da, der Bau ist in der Tat originell. Zur Elphi fällt einem auch quadratisch-praktisch-gut ein, nur das Wellendach mildert den Kasten-Eindruck ab. Allerdings sehen wir hier in Peking jede Menge bemerkenswerte Gebäude mit schrägen/runden/asymmetrischen Dächern… Der Elphi heute trotzdem einen guten Start! :)

Leider ist ein halber Tag für Sydney viel zu kurz (wir sind gut 1,5 Stunden von der Central Coast aus hin- und wieder zurückgefahren). Bei einer Hop on/Hop off-Bustour haben wir immerhin einen ersten Eindruck bekommen, nachdem wir vorher und nachher schon am Circular Quay und durch den Hyde Park spazieren gegangen sind.

Bei ca. 28° C und fröhlicher Sommer-Stimmung haben wir auch einen entsprechend bunten fröhlichen Eindruck von Sydney mitgenommen. Da könnte man auf jeden Fall auch mal mit etwas mehr Zeit hin…

Ein glückliches Neues Jahr wünsch ich. Wir sind wieder zurück in Peking, auch wenn die Versuchung groß war, einfach in Australien zu bleiben… Ein paar weitere Urlaubsbilder und -geschichten folgen demnächst, jetzt müssen wir erstmal fix in den Alltag wieder reinfinden. Immerhin, es ist zwar kalt, aber die Luft ist heute gut. Objektiv gut, nicht nur Peking-gut. :)

Achja, wer hier heute (9.1.) über Fehlermeldungen gestolpert ist – die neueste php-Version mit Fast CGI und mein Blog vertragen sich leider (noch?) nicht, hab es jetzt wieder umgestellt, nun sollte es keine Fehlermeldungen mehr geben.

Die letzten Wochen waren einerseits wie Advent in Deutschland auch, viele Weihnachtsfeiern, -essen, -basare, dazu aber (leider) auch einige Abschiedstreffen, es gehen wieder einige lieb gewonnene Leute nach Deutschland zurück. Insofern jedenfalls gefühlt noch stressiger und emotional aufgeladener als Advent in Deutschland. Bei den Abschieden ist mir wieder aufgegangen, wie gern ich hier bin, und dass es hier noch so viel zu entdecken und zu erleben gibt. Das war ganz gut, weil ich tatsächlich in die Reichweite eines Tiefausläufers geraten bin, aber wo ich hier zu dusselig für eine Internet-Bestellung bin, kommt in Deutschland der DHL-Bote nicht. Irgendwas ist doch immer. ;) Also Krönchen gerade richten und auf das nächste, vermutlich wieder spannende Jahr freuen!

Zwischendrin waren die Jungs und ich auch noch mal krank, so dass rückblickend gar nicht viel Weihnachtszeit war und die letzten Wochen gefühlt vorbeigerast sind.

Gestern war das Weihnachtskonzert in der Schule, hat mir unterm Strich wieder gut gefallen, und die Jungs waren engagiert und mit viel Spaß dabei – obwohl es am Ende echt spät geworden ist. Dass ausgerechnet die Jüngsten erst am Schluss dran waren (während ein Großteil der Teenies bereits in der Pause gegangen ist), ist schon unglücklich, zum Glück war heute nur noch ein kurzer Schultag, wo eigentlich auch nur noch gefeiert wurde.

Aber nach so einem Konzert mit dem Gefühl nach Hause zu gehen, dass auch schulischer Musikunterricht wirklich Freude am Musik machen und Singen vermitteln kann, und dass die Jungs gerne noch mehr Musikunterricht hätten, das macht doch schon sehr zufrieden – die Musiklehrer können sich da jetzt gern gelobt fühlen! 

Jetzt rückt eine dicke Smogwolke näher, seit heute Abend gilt die höchste Alarmstufe – Red Alert – und das für voraussichtlich fünf lange Tage. Da sind wir echt ziemlich froh, dass es morgen in den Urlaub nach Australien geht. Hoffentlich wird der Smog nicht so dick, dass Flüge gecancelt werden müssen… Überhaupt, es lebt sich einfach besser ohne dicke Luft, wir hatten allerdings auch gerade ein paar schöne Tage mit auch aus deutscher Sicht normalen Werten. Und dann ist Peking noch mal so schön, wenn man in der Ferne die Berge sehen kann.

 

 

 

 

Konzert für die Grundschüler der DSP

Schade, dass unsere Jungs keine Grundschüler mehr sind, denn die Grundschüler der DSP (Deutsche Botschaftschule Peking) machen am kommenden Freitag in der Schulaula eine „Reise von Mozart bis Chopin“ mit Justus Frantz. Nur die Grundschulkinder, keine Eltern, keine älteren Schüler – ein Kinderkonzert halt. Das gefällt mir schon richtig gut an der Schule, dass außer dem normalen Unterricht nach Stundenplan fast immer was los ist (Grundschultreff, KinderUni, Lesungen, Projektvorstellungen…). 

Wintereinbruch

Heute Nacht hat es begonnen zu schneien, es ist glatt und windig und bitterkalt. Durch den Compound fuhr den ganzen Vormittag ein Tuktuk, ganz langsam, hinten drauf ein Berg Streusalz und zwei Arbeiter, die mit behandschuhten Händen und sonst keinem weiteren Werkzeug die Straßen und Wege abstreuten… Gutes Timing, morgen ist laut chinesischem Kalender 小雪, xiaoxue. :) Man könnte fast darüber nachdenken, heute Abend Glühwein zu machen…

Vier Wochen noch

Nur noch knapp vier Wochen, dann beginnen die Weihnachtsferien. Dieses Jahr flüchten wir aus dem Smog in die Sonne. Vorher heißt es zum Ferienbeginn leider schon wieder Abschied nehmen, denn einige liebe Menschen gehen nach Deutschland zurück.

Jedenfalls sind diese vier Wochen wie alle Jahre wieder proppevoll mit Weihnachtsfeiern, Weihnachtsbasaren, Basteln, Weihnachtsbäckerei, Weihnachtsessen… Zur großen Freude der Jungs und zu Männes Entsetzen habe ich am Wochenende schon mal dem Chevy Chase/Clark Griswold in mir Raum gegeben, und nun funkelt und blinkt und leuchtet es in fast allen Räumen. Schrecklich schön! 

 

Donnerstag, schon unser letzter ganzer Tag in Yangshuo. Temperatursturz, nur 26 Grad und bedeckt, also wie geplant Radtour zum Mondberg. Erst lange die Hotelfahrräder ausprobiert, ausgesucht und eingestellt und dann mit noch viel Respekt durch den Stadtverkehr in Yangshuo. Aber als wir da dann durch waren und auf dem Radweg an der Landstraße waren, fiel der Stress komplett von uns ab und es war einfach schön, draußen zu sein, schnell voranzukommen und so viel dabei zu sehen, hören, riechen.

Es ging an vielen Sehenswürdigkeiten und Touristenattraktionen vorbei: verschiedene Höhlen, Indianerpfad, Reitgelegenheiten. Wir haben aber erst am Big Banyan Tree gestoppt. Der ist wohl sowas wie ein Nationalheiligtum, war aber glücklicherweise nur mäßig besucht. Nachdem wir den durchaus beeindruckenden Baum umrundet hatten – 1400 Jahre alt? – sind wir weiter Richtung Mondberg geradelt.

Eintrittskarten gelöst, Fahrräder angeschlossen, ups peinliches Frauenthema… Premiere: ich habe zum ersten Mal nach über einem China-Jahr kapituliert und erfolgreich und unfallfrei eine chinesische Lochtoilette benutzt, ich habe es tatsächlich über ein Jahr lang geschafft, diese zu vermeiden – und werde das auch weiterhin nach Möglichkeit so halten.

Und dann ging es endlich auf den Mondberg. Ein schmaler Pfad mit vielen Stufen windet sich den Berg hoch; ja, da hab ich wieder meine überflüssigen Pfunde und Unsportlichkeit gemerkt, war ganz schön stolz auf mich, nicht schlapp gemacht zu haben. Aber der Weg war schon so schön, dass Aufgeben eh keine Option war. Und verglichen mit Treppaufkraxeln in Shilinxia eh ein Sandkastenspaziergang. :) Und viel weniger los, von daher nochmal so schön.

Durch dichten Bambuswald windet sich ein alter Pfad immer höher, zwischendrin viele Stufen. Da der Wald so dicht ist, merkt man gar nicht, wie hoch man schon ist, erst kurz vor dem Ziel hat man auf einmal einen phantastischen Blick über das Tal, durch das sich die Straße windet, und die umliegenden Berge. Dass die Ecke eine überlaufene Touri-Gegend sein soll, haben wir auf dem Mondberg jedenfalls überhaupt nicht gemerkt!

Oben auf dem Mondberg waren drei sehr alte Frauen, die Kühltaschen mit Getränken und Postkarten mit hochgeschleppt hatten und dort zum Verkauf anboten. Aber kein bisschen pushy so wie die Nerv-Nasen in Yangshuos West Street, sondern zurückhaltender. Eigentlich waren wir ja selbst versorgt, uneigentlich waren die so nett, und haben sich auch so aufrichtig interessiert wirkend mit uns unterhalten (hat sich echt gelohnt, chinesisch zu pauken. Sie waren jedenfalls schwer beeindruckt, dass wir europäischen Nordmenschen die Legende von Chang’e kannten, auch das hat mich auch noch mal bestärkt, auf jeden Fall weiterzumachen mit der Chinesischbüffelei), dass wir ihnen dann doch was abgekauft haben, Preis war auch ok und kein Wucher.

Die Aussicht oben war jedenfalls großartig, dieses halbrunde Loch in dem Berg ist auf jeden Fall auch ohne Mond-Geschichten schon faszinierend. Absolute Empfehlung, sich das einmal anzusehen!

Wir sind dann langsam den Berg wieder runter, das war echt zu schön so im Wald. Ich hab es nicht lassen können, und Bambus angefasst, war die erste Gelegenheit so in freier Wildbahn. Viel zu schnell waren wir wieder unten. Wir sind dann gemütlich wieder zurückgeradelt, wieder vorbei an den vielen Touri-Attraktionen: mehreren Höhlen – haben uns nicht interessiert, draußen schon viel Lärm und laut Bildern alles quietschbunt erleuchtet. Kleine Pferdeweiden, wo man im Kreis reiten – und vor allem Fotos hätte machen können. Eine Höhle mit Schmetterlingsshow, eine Höhle, wo man im Schlamm hätte matschen können. Restaurants ohne Ende.

Jedenfalls war das echt schön, durch diese Landschaft zu radeln. Irgendwie ist es unten ganz flach, und dann hat da jemand einfach diese Bergkegel hingesetzt. Dass die so grün bewachsen sind, kannte ich von Bildern, aber mir war nicht bewusst, welche Pflanzen das sind. Zum Teil irgendwelche Sträucher, aber eben viel Bambus und auch Palmen. Naja, ist halt subtropisch.

Abends im Hotel gab es dann das vorbestellte organic Huhn, das mitsamt Knochen (aber ohne Kopf, Füße, Innereien, uff) in mundgerechte Stücke gehackt und dann zubereitet worden war, vor allem mit Ingwer, aber auch Paprika und Pilzen und Chili, hui, das war echt mal scharf, die Soße dicker und aromatischer als die in Peking üblichen Soßen, ein absolut toller Genuss nach einem erneut wunderschönen Tag in dieser Traumlandschaft.

An unserem dritten Tag in Yangshuo mussten wir früh aufstehen, denn es stand wieder eine Flußfahrt an, diesmal länger (5 Stunden) von Guilin nach Yangshuo. Auf dieser Flußfahrt passiert man an einer Stelle die berühmte Ansicht von der Rückseite des 20-RMB-Scheines, die ganze Gegend gilt ja als eine der schönsten Landschaften Chinas, wenn nicht der ganzen Welt. Entsprechend habe ich mich auf diese Tour gefreut – und auch im Nachhinein kann ich das nur empfehlen, wunderschön!

Die Hotelküche war so nett, uns trotz der frühen Stunde mit Kaffee und einem schlichten Frühstück zu versorgen und dann ging es los. Sobald Yangshuo hinter uns lag, waren die Straßen leer, ein ganz neues China-Fahr-Gefühl, die knapp 1,5 Stunden bis Guilin vergingen wie im Flug. In Guilin wurden wir am „Kreuzfahrthafen“ abgesetzt, wo wir dann von einer Reiseführerin eingesammelt wurden. Dies Schiff war größer als das vom Vortag, aber verglichen mit Hamburger Hafenfähren doch recht überschaubar. ;)

Der Lijiang windet sich zwischen den typischen Karstkegeln Richtung Süden, hinter jeder Kurve sieht es ähnlich und doch wieder ganz anders aus. Der Fluß ist auch hier erstaunlich flach, der Bambusdschungel reicht teils bis ans Wasser. Es ist drückend heiß, eine Weile fahren wir noch durch den Dunst, dann klart es auf und die Sonne kommt heraus. Da verdrücken sich dann auch fast alle Chinesen wieder nach unten, bloß keine Farbe oder gar Sonnenbrand kriegen (eigentlich clever, ich war abends schön pink…)

Und dann kam das 20-RMB-Panorama in Sicht! Allerdings haben die Chinesen da gar nicht das Oberdeck gestürmt, sondern waren noch mit Essen oder Mittagsschlaf beschäftigt. Apropos Essen, ich hab bisher immer nur über das schlechte Benehmen von Chinesen am Buffet gelesen, aber leider hat das gestimmt: Teller mit Berg vollgeschaufelt, Gier ist echt untertrieben, rücksichtslos drängelnd, kein Auge auf die Älteren, und am Ende war es dann echt zuwenig, dass es zu lauten Schreiereien kam, aber glücklicherweise fand sich noch zufriedenstellender Nachschub.

Außer uns war noch einige wenige weitere Langnasen mit an Bord: ein junger Franko-Kanadier, der mit seiner chinesischen Frau und den beiden zugehörigen Müttern gereist ist, ein junges Schweizer Pärchen und ein alleinreisender junger Spanier. Der war echt witzig, hat gefilmt wie ein Irrer, öfter auch sich selbst und das ganze laufend lustig kommentiert. Am Freitag am Flughafen haben wir ihn noch einmal wiedergetroffen, das war echt nett. Hier findet sich sein erstes China-Video, die lustigen Episoden von der Flußfahrt sind gar nicht dabei, mal sehen, ob er da noch nachlegt.

Westler waren also wieder in der absoluten Unterzahl – und auch wieder Fotomotiv… Soifz. Aber allmählich hab ich mich dran gewöhnt, wir haben dann auch mit einer Gruppe von Lehrerinnen posiert, die extra noch weitere bunte Tücher ausgepackt haben (die Bilder müssen ja ordentlich in Szene gesetzt werden). Ich glaube, am Ende haben wohl alle Chinesen ein Bild von uns gemacht… War jedenfalls echt schade, dass die 5 Stunden so schnell um waren, wobei ich am Ende wie gesagt auch etwas sonnenverbrannt war… Ups. Hatte ich schon erwähnt, dass es echt heiß war die ganze Zeit?

Ich würde jederzeit wieder nach Yangshuo fahren, und auch diese Flußfahrt immer wieder machen. Trotz chinesischen Touritrubels gibt es genügend ruhige Momente und Zeit genug, um Landschaft und Aussicht zu genießen, das war wirklich absolut wundervoll. Wenn es an Land nichts zu sehen gibt, dann auf dem Fluß, andere Ausflugsschiffe, kleine Bambusflösse, einmal hat ein Mann mit einem Bambusfluß, das über und über mit Obst beladen war, an unserem Schiff angedockt und echt viel Obst verkauft, man sieht Wasserbüffel, Kleintiere, Vögel, der Schiffsdiesel tuckert leise vor sich hin, man hört das Wasser rauschen, die Vögel zwitschern, es riecht feucht und „grün“ (achja, das geht einem nach ein paar Tagen im Pekinger Stinkesmog gerade wirklich ab…).

Ich hätte noch ewig weiterfahren können, aber leider endete die Fahrt unweit des Platzes, wo wir am Montag am Wasser gesessen haben. Wir sind dann voll mit Eindrücken langsam am Fluß entlang (und nur das letzte Stück vom Fluss weg, ein Stück den Berg hoch) zum Hotel zurückspaziert.

Abends sind wir zum Essen in die Stadt, haben uns vertüddelt und sind durch die übervolle West Street (DIE Touristraße mit 10000 Tourifallen und extrem nervigen, lästigen, aufdringlichen Verkäufern) gekommen. Zwei Ecken weiter war es wieder ruhiger und viel netter. Abendessen war ok, aber im Hotel war es soviel besser, dass wir beschlossen haben, für den nächsten Abend das ganze Bio-Huhn von der Hotelkarte zu bestellen.

Am zweiten Tag in Yangshuo gab es nach dem Ausschlafen erstmal ein leckeres Frühstück im Hotelgarten, wer mal dort hinkommen sollte: Nudelsuppe, Jiaozi oder Pancakes fanden wir am besten. :) Auf jeden Fall schön, den Tag so in Ruhe im Grünen zu beginnen.

Danach sind wir nach Xingping gefahren und haben dort eine Fahrt auf dem Lijiang zum Yucun Fishing Village und zurück nach Xingping gemacht. Famous place, made really famous by President Bill Clinton! Wir waren gespannt und haben eigentlich ein kleines altes Dörfchen und einen Einblick in die Kormoranfischerei erwartet.

Zunächst aber machten wir Bekanntschaft damit, wie Chinesen reisen und wurden quasi Teil einer kleinen Reisegruppe, Betriebsausflug einer Hardwarefirma aus Guangdong. Ein Teil der Gruppe nutzte die Sitzgelegenheit direkt für ein Schläfchen, ein anderer Teil packte etwas zu Futtern aus und guckte nach unten aufs Handy und der kleinste Teil schaute wie wir aus dem Fenster oder ging sobald es erlaubt wurde nach draußen und genoss von dort die Aussicht.

Als das Schiff mitten auf dem Fluss vor einem besonders schönen Panorama anhielt, dazu wurde durch ein Loch im Schiffsboden ein Pflock in den Grund gerammt, machte der Reiseführer/Bordfotograf erstmal unendlich viele Erinnerungsfotos, die Bilder konnten direkt auf dem Schiff ausgedruckt werden und wurden mitsamt Album zahlreich verkauft. Eine Frau mit Kormoranen paddelte heran, kam kurz mit ihren Vögeln an Bord und verschwand wieder. Das war irgendwie merkwürdig, dazu wurde nichts weiter erklärt oder erzählt.

Im Fishing Village angekommen bekamen wir nicht wirklich viel zu sehen, außer ein paar vergilbten Bildern von Bill, Hillary und Chelsea Clinton, dabei hätte der Guide viel über Ming- und Qing-Geschichte des nur vom Wasser aus erreichbaren Örtchens erzählen können. Der kurze Weg vom Ufer ins Dorf war ziemlich zugemüllt, Hitze und der Pomelo-Geruch trugen aber zu einer intensiven Stimmung bei. Aber schon schade, dass es nur so ein 5-Minuten-Stopp war.

Insgesamt war die Tour trotzdem extrem cool, nicht nur die Landschaft, sondern auch eine interessante Begegnung mit dem chinesischen Tourismus: Hauptsache schönes Foto! Als ausreichend Fotos geschossen waren (immer Selfies/gegenseitiges Aufnehmen, soweit ich mitbekommen habe nie nur die Landschaft – dabei ist die echt alles andere als öde), ging es wieder raus aus der Sonne nach unten, wo dann gefuttert wurde. Wir haben einen Blick auf den Imbiss geworfen und dankend abgelehnt. ;) Jedenfalls gab es auch viele Bilder mit uns, außer uns gab es nur ein weiteres westliches Pärchen an Bord, was sich aber abgeschottet hat. Naja, und unsere paar Brocken Chinesisch machen echt Türen auf. Zuerst wurde noch schüchtern gefragt – und dann ging’s los, nichts mehr mit Ruhe und Landschaft vom Wasser aus genießen, dabei hatte ich nie den Wunsch, Model zu werden… Aber einmal darauf eingelassen, hat es direkt Spass gemacht, „chinesisch“ zu posieren.  Gut verkauft hat sich ein Foto mit einem jungen, sehr coolen Chinesen der ein T-Shirt mit der Aufschrift „What the fuck?“ trug und  zwei doppelt so alte Nordeuropäerinnen im Arm hatte. *kicher*

Die Gegend jedenfalls wunderschön, vom Wasser aus bald noch reizvoller als sowieso schon. Auf dem Rückweg haben wir einen Blick auf die Rückseite der Rückseite des Panaramas vom 20 RMB-Schein werfen können, und das ganz in Ruhe, weil fast alle Chinesen unten im klimatisierten Bereich waren. Wieder in Xingping angekommen, hatten wir noch Zeit genug, uns den kleinen Ort anzusehen. Außer den Touristen waren wohl eine Kunst-Klasse unterwegs, überall ist man über malende junge Menschen gestolpert.

Auf dem Rückweg begann es zu regnen, also sind wir dann im Hotel geblieben. Das Hotel war für mich die absolut richtige Wahl, draußen im grünen, in einem Yangshuo vorgelagerten Dorf, aber durchaus noch fussläufig zum Zentrum, und sämtliche Mitarbeiter unglaublich hilfsbereit, da blieb keine Frage offen, kein Wunsch unerfüllt, gab es Anregungen, was wir noch hätten unternehmen können, und das ganze ganz unaufdringlich. Auch wenn wie überall in der Gegend auch in unmittelbarer Hotelnähe Baustellen, Bauruinen, Leerstände waren, störte das nicht weiter, gab auch keinen Krach, dafür gab es ausreichend grün und krawallerndes Geflügel überall. Zur Strafe haben wir dann auch für Donnerstagabend nen ganzen organic Gockel bestellt!

Die Jungs waren in der letzten Woche auf Klassenreise, Männe musste arbeiten, also wie letztes Jahr wieder die Gelegenheit für mich, auf Reisen zu gehen. Diesmal ging es zusammen mit meiner finnischen Freundin in den Süden nach Yangshuo.

Es war echt unglaublich schön, es hat einfach alles gepasst, wir haben uns super verstanden, das Wetter hat mitgespielt und die Gegend ist atemberaubend, märchenhaft, wunderschön, exotisch, fremd, grün, … Die Menschen, die wir kennengelernt haben, waren fröhlich, freundlich, zugewandt, hilfsbereit. Es gibt so viele Möglichkeiten für Aktivitäten, es gibt so viel zu entdecken: kleine und größere Orte, die Landschaft, Höhlen, eigentlich waren 5 Tage zu kurz. Auch das Essen war interessant, auch wenn ich eine lokale Spezialität, beer fish, nicht mochte, der schmeckte echt so modderig wie der Fluss teils roch, und anderes wie kleine Fluss-Schnecken und Krebse gar nicht erst probiert hab. Zum ersten Mal in meiner Zeit in China habe ich auch gesehen, wie ein Hund zum Essen vorbereitet wurde.

Anreise am Montag

Das Problem, frühmorgens ein Taxi zu bekommen, hat eine liebe Freundin kurzerhand für uns gelöst, in dem sie uns selbst durch den strömenden Regen zum Flughafen gefahren hat. Die Sicherheitskontrolle war streng und pingelig, danach war noch Zeit für einen Kaffee im Terminal 1, anders als bei den anderen Terminals war das Angebot von Restaurants und Shops ganz untypisch für China sehr überschaubar. Beim Boarding sind wir doch noch nass geworden, es ging mit dem Bus raus aufs Flugfeld und die Gangway war nicht überdacht, zum Glück haben hinter uns gehende Chinesen ihren Schirm mit uns geteilt. Der Flug selbst war entspannt, und etwa eine Stunde vor Ankunft riss die Wolkendecke auf und machte den Blick auf grüne Hügel und Berge frei. Beim Anflug auf den Flughafen ging es ziemlich dicht an den Bergen vorbei.

Erste Eindrücke

Guilin empfing uns mit strahlendem Sonnenschein, Hitze und Schwüle, wir wurden wie geplant durch eine Fahrerin abgeholt und dann ging es über überraschend leere Straßen nach Yangshuo, erste Gelegenheit, die steilen Karstberge, die auf total plattem Grund stehen zu bestaunen, erste Eindrücke vom ländlichen Guangxi. Kurz vor Yangshuo wurde es staubig: Straßenbauarbeiten, teils ging es über sandige Pisten weiter. Über die Hauptstraße ging es kurz durch Yangshuo, dann wieder raus aus der Stadt in das nördlich von Yangshuo gelegene Shi Ban Qiao: angekommen im Yangshuo Village Retreat.

Fix ausgepackt, erst im Hotelgarten noch einen Kaffee und dann haben wir den Hotel-Shuttle (Kleinbus mit Platz für 8 Gäste) in die Stadt hinein genommen und haben uns dann kreuz und quer durch die Stadt treiben lassen. Hotels, Restaurants und Shops ohne Ende, viele Baustellen und von fast überall Karstkegel in Sicht. Am Ende sind wir am Fluss hängengeblieben, haben uns dort hingesetzt und die Füße ins Wasser baumeln lassen und die Aussicht genossen. Später sind wir zu Fuß am Fluss entlang zum Hotel zurückgegangen, hat auch nur 20 Minuten gedauert.

Erster Eindruck: schon touristisch, besonders die West Street und die angrenzenden Straßen, anstrengende pushy Verkäufer, aber es gibt auch ruhigere Ecken. Wie ein Örtchen an Mosel, Rhein oder Elbe, nur auf Chinesisch. Die Hauptattraktion ist und bleibt jedoch die Landschaft und das Panorama.

Ulrike vom Bambooblog ruft zu einer Blogparade „Authentizität auf Reisen“ auf. In ihrem eigenen Artikel dazu finde ich mich an so vielen Punkten wieder, dass ich sagen könnte „Haken dran, fertig“. Aber das Thema geht mir immer weiter durch den Kopf, und so versuch ich doch mal, meine Gedanken dazu aufzuschreiben.

Alles gar nicht authentisch hier?

Als unser mittlerer Sohn zu Weihnachten hier zu Besuch war, schien er enttäuscht, weil „Peking nicht authentisch chinesisch“ sei. Sein Bild von China hat er sich allerdings im Freiwilligen Sozialen Auslandsjahr in einer Kleinstadt in Yunnan gemacht – klar, dass sich seine Erfahrungen von unseren in Peking sehr unterscheiden. Und dennoch ist beides China.

Wie könnte man sagen, dass die Hauptstadt Peking nicht authentisch chinesisch ist? Ist Berlin dann auch nicht authentisch deutsch? Deutschland ist doch auch mehr als Bayern und Neuschwanstein! Zu Peking gehören eben auch die Touristenmassen (sowohl die chinesischen als auch die internationalen), die zweisprachigen Ansagen der Metro, alle Küchen der Welt, Hutongs und Hochhäuser, Märkte und Mega-Malls etc… Und ist die Schickimicki-Chinesin in der Glitzerfunkel-Mall nicht genauso authentisch chinesisch wie der Jianbing-Verkäufer an der Straßenecke? Reichtum, Armut und ganz viel dazwischen, alles ganz echt hier. Nur Peking ist nicht Yunnan.
Und ja, wir leben hier in einem Ausländerwohnviertel, wo nur eine Handvoll Chinesen lebt – das ist wirklich nicht besonders chinesisch, aber doch authentisch für eine große Gruppe westlicher Ausländer in China.

Der Begriff authentisch scheint tatsächlich auch zu meinen: ist etwas so, wie ich es erwartet habe oder wie ich es gerne hätte?

Unser Sohn war von Yunnan sehr beeindruckt, es war für ihn eine großartige Zeit. Ich vermute, er hat gehofft, etwas davon hier wiederzufinden. Aber – siehe oben – Peking hat mit Yunnan genauso wenig zu tun wie Hamburg mit den Alpen. Ich glaube, was ihn hier gestört hat war, dass Peking verglichen mit Yunnan schon richtig international ist, dass es für Nichtchinesen inzwischen relativ leicht geworden ist, sich hier zurechtzufinden (Speisekarten mit Bildern (!) für uns Analphabeten, Wegweiser und Schilder zweisprachig).

Schild im Side Park

Schild im Side Park

Statt „das ist ja gar nicht authentisch chinesisch hier“ – was meiner Meinung nach nicht stimmt -, wäre „das ist so ganz anders als Yunnan“ vermutlich die richtigere Erwartung und Einschätzung gewesen. Aber wenn man sich nach Bergen am Ende der Welt und spektakulärer Natur sehnt und damit rechnet, als Langnase unglaublich exotisch zu sein und damit interessant, was die Möglichkeit zu vielen interessanten, wirklich authentischen Begegnungen eröffnet, dann muss man halt auch nach Yunnan fahren und nicht nach Peking. Jedenfalls hoffe ich, dass mir Sohnemann sein Yunnan noch zeigen wird!

Ist Authentizität wirklich ein sinnvolles Kriterium für die Reiseplanung?

Ob mir auf Reisen etwas gefällt, hängt nicht unbedingt davon ab, ob es authentisch ist. Ok, einem Spaßbad in Schweden kann ich echt nichts abgewinnen, wenn ich die Auswahl zwischen Hunderten von Seen habe, und die dann auch ganz für mich allein, da empfinde ich eine Tropenlandschaft als geradezu absurd. (Ich kann aber nachvollziehen, dass es Familien gibt, die nicht nur am 3. Regentag froh darüber sind.)
Sind Katthult oder Bullerbü (Gibberyd/Rumskulla und Sevedstorp/Pelarne) authentisch oder nicht? Ist mir egal, ich habe die Lindgren-Bücher und -Verfilmungen schon immer geliebt und dort zu sein, ein bisschen in die eigene Kindheit zurück und in die Geschichten einzutauchen, das waren tolle Erlebnisse. Der Ristafall (Glupa-Wasserfall von Ronja Räubertochter) ist auch ohne den Film-Bezug einen Ausflug wert und ein beeindruckender Flecken Erde (und nicht weit davon der Tännforsen erst recht.

Ristafallet

Ristafallet

Jetzt habe ich unseren Yunnan-Reisenden gerade gefragt, ob er damit einverstanden ist, dass ich so von ihm erzähle (ist er, sonst könntet Ihr das nun nicht lesen), da sagt er: „Lofsdalen! Hörbuch!“ Ich brauche fast eine Minute, bis der Groschen fällt:
Wir hören beim Autofahren fast immer Hörbücher. Im letzten Sommer lief bei uns zuerst Jules Verne (Die Reise zum Mittelpunkt der Erde und In 80 Tagen um die Welt, von Rufus Beck super gelesen, hat allen gefallen). Kalle Blomquist haben wir nach kurzer Zeit ausgemacht – das war leider gar nicht nett gelesen, sondern zu meiner großen Enttäuschung altbacken und staubig. Müssen die Jungs nun doch die Bücher in die Hand nehmen und selber lesen.

Aber, um wieder auf das Thema zurückzukommen: Gregs Tagebuch, 9. Teil: „Böse Falle“, lief dann in Endlosschleife. In diesem Band verreist Greg mit seiner Familie. Ein Roadtrip durch Amerika, denn seine Mutter hat in ihrer Elternzeitung „Familienspaß“ gelesen, dass es total wichtig ist, als Familie im Urlaub gemeinsam authentische Erlebnisse zu haben. #rolleyes (Auch wenn ich das anders ausdrücken würde und der Tonfall im Hörbuch einem die Fußnägel hochrollt: Recht hat sie).Vater und Kinder der Familie sind nicht begeistert, und die Familie fährt dann auch von einer Katastrophe in die nächste. Wir hatten alle Bauchweh vor Lachen! – Und ich durfte mir vor jedem Ausflug anhören, ob wir denn da auch authentische Erlebnisse haben würden!

Tja, authentische Erlebnisse…

Für mich steht Authentizität also nicht wirklich ganz weit oben bei der Reiseplanung. Ich suche Natur, Landschaft, gerne mal einen spektakulären Ausblick oder auch einen beruhigend, ganz unaufgeregt-friedlichen. Kann man das vielleicht auch authentische Naturerlebnisse nennen? Aber selbst, wenn das nicht mehr 100% authentisch ist, weil die ehemals unberührte Natur gut erschlossen ist mit Wanderparkplätzen, befestigten Wegen, und weil da ein Windrad steht und dort eine Skipiste zu sehen ist und drüben der Weg für die Schneescooter– das ist der Lauf der Zeit. Genau, Zeit. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir „authentisch“ sagen und in Wahrheit „historisch“ meinen.

Trondheimfjord

Trondheimfjord

Wir haben aber inzwischen doch etliche, von uns als authentisch empfundene, im Gedächtnis bleibende Reiseerlebnisse gehabt. Einige wenige Beispiele:

  • Mit Thomas bin ich kurz nach der Wende die Ostseeküste bis nach Swinemünde und wieder zurück gefahren. An einem Abend in einem Landgasthof zwischen Wismar und der Insel Poel haben wir die Frau eines relativ bekannten Dissidenten kennengelernt. Thomas hat sich die halbe Nacht mit ihr unterhalten – aber ich habe diese Chance zum Teil verpennt, bin einfach irgendwann am Tisch eingeschlafen, obwohl das Gespräch wirklich tiefging, theoretisches, angelesenes Wissen mit persönlichen Erfahrungen lebendig werden ließ. Klar, dass ich das heute noch unter die Nase gerieben kriege und mich entsprechend ärgere! (Authentisch geht auch bei Reisen „um die Ecke“, dafür muss man nicht ans Ende der Welt!)
  • Am Trondheimfjord dem Lachsfischer auf dem Hof beim Ausnehmen der Lachse zu helfen und ein noch schlagendes Lachsherz in der Hand zu halten. Ein Schneehuhn von eben diesem Fischer geschenkt bekommen und es dann selber zu rupfen!
  • In Los Angeles mit dem Bus fahren, sich während der Fahrt auf Spanisch zu unterhalten und am 3. Tag als „welcome, crazy german tourist“ begrüßt zu werden. Touristin im Bus, wo gibt es denn sowas! ;)
  • Eine liebe Freundin in Ljungdalen besuchen und mit ihr beim Dorffest im Hemslöjd den stärksten Kaffee ever zu trinken und noch warme selbstgebackene Zimtschnecken zu essen und dann am Webstuhl noch einige Reihen an einem Gemeinschaftsprojekt mitwirken zu dürfen.
  • Für den Yunnanreisenden: 3 Tage wandern in der Tigersprungschlucht.
  • Und vielleicht ist es eine persönliche Marotte, vielleicht hat es doch etwas mit „authentischem Erleben“ zu tun: in Supermärkten in fremden Städten und Ländern den Einheimischen in die Einkaufswagen zu gucken: was kaufen sie?
Trondheimfjord

Denkmalgeschützter Hof am Trondheimfjord

Wenn ich mir das so ansehe, denke ich: Man kann authentisches Reisen nicht wirklich planen, egal, was Werbeprospekte und Co. versprechen mögen (was dort angepriesen wird: ist es inszeniert oder tatsächlich authentisch oder irgendwo dazwischen?). Die Momente, die im Gedächtnis bleiben, sind meist spontan, aus der Situation heraus entstanden. Einen Plan zu haben ist sicher gut, aber noch besser ist es, wenn man jederzeit bereit ist, vom Plan abzuweichen und Gelegenheiten zu nutzen. Solche Momente und Erlebnisse entwickeln sich wie gesagt oft aus einer Situation heraus. Und ja, wenn man individuell reist, ist die Chance auf solche Erlebnisse vermutlich größer, als wenn man Strandurlaub in einem Resort macht. Es war ein Riesenglück, dass wir Ingolf, den norwegischen Fischer, kennengelernt haben und uns auf Anhieb sympathisch waren, so dass er uns an seinem Leben teilhaben ließ. Sowas kann man nicht erzwingen oder planen, aber wenn es solche Gelegenheiten gibt, sollte man sie ergreifen und Plan Plan sein lassen. So werde ich meine/unsere Reisen weiterhin nicht mit dem Gedanken, möglichst viel Authentisches zu erleben zu planen, sondern mich weiterhin davon leiten lassen: was möchte ich sehen und erleben, was interessiert mich, was wollen die Kinder (ok, und Thomas auch) – und wenn sich dann Chancen auftun, will ich sie nutzen.

Liebe Ulrike, vielen Dank für den Anstoß durch Deine Blogparade über das Thema nachzudenken und in Erinnerungen zu schwelgen!