Vor ein paar Monaten wollte ich mit einer Freundin Prince Gong’s Mansion besuchen. Bedauerlicherweise waren wir an einem Montag unterwegs. Montag? Ja genau, montags sind hier alle Museen geschlossen. Hatten wir leider vergessen und sind stattdessen um den nur wenige hundert Meter weiter gelegenen Beihai-See herumspaziert. (Beihai-See ist genau genommen doppelt gemoppelt, weil Beihai Nord-See heißt.)

Gestern war der Tag viel zu schön, um nichts zu unternehmen: Traumwetter, schön warm, aber noch nicht zu heiß, atembare Luft und deutlich weniger flying cotton fluff. Also extremer Pollenflug, als ob es in dicken Flocken schneit, an Kantsteinen, in Winkeln, Häuserecken sammelt sich das dann auch als dicke „Schneedecke“. Vom Management kam auch schon die alljährliche Mail: „never ever under no circumstances burn the flying cotton fluff“! Ich frag mich immer noch, wie man auf die Idee kommen könnte, denn wer das macht, wäre definitiv ein heißer Kandidat für den Darwin-Award.

Déjà vu

Allerdings tobt derzeit in unserer Nachbarschaft ein Verkehrschaos ohne gleichen: zur Zeit findet die AutoShow statt, die weltweit größte Automesse. Egal, ich wollte den schönen Tag unbedingt nutzen! Ich vergewissere mich auf der Webseite, dass heute auch geöffnet ist und drucke mir die Hinweise für die dreistündigen Runde aus. Als ich nach langer Fahrt und kurzem Spaziergang endlich vor den schnieken, gut gesicherten Hallen stehe: geschlossen! Ich habe ein déjà vu, aber heute ist doch definitiv nicht Montag? Vielleicht nur dieser Eingang? Ich biege um die Ecke, nein, auch alles zu. Irritiert stehe ich davor und versuche, die Schilder zu entziffern – irgendwas von März-Mai, arbeiten. Zwischendrin wimmele ich bestimmt fünf Rikschafahrer ab, dann spreche ich einen der Wächter an. Ja, im Mai ist es wieder auf. Schade, aber so wird das nichts mit Prinz Gong und mir. Schade auch, dass auf der Website kein Hinweis auf die Schließung zu finden war.

Alster? Elbe? Beihai!

Ich muss aber nicht lange überlegen, was ich nun anstelle. Inzwischen ist es spät am Vormittag, die Sonne brennt, an einem Kiosk schieße ich mir eine Flasche Wasser und bewege mich Richtung Beihai-Park. Dort löse ich nur das Park-Eintritts-Ticket (10 RMB in der Sommersaison, von November bis März 5 RMB), jetzt will ich nichts mehr besichtigen. Schnurstracks gehe ich auf den Bootsanleger zu, der dem Eingang am nächsten ist, aber dort gibt es nur noch Duckboats. Nein danke, ein bisschen Würde muss ich mir doch bewahren!

Ich spaziere entgegen dem Uhrzeigersinn um den See herum. Tretboot? Nein. Lotusboot? Nee. Der Park ist gut besucht, Schüler- und Touristengruppen: bitte alle mal dorthinüber schauen! Der Anleger hinter dem Souvernirshop hat endlich noch freie kleine Elektroboote (100 RMB/Stunde) und ratzfatz fahre ich auf den See hinaus. Ruhe. Frieden. *Huuuuup*Trööt*Meepmeep*

Oh, die „Inselfähre“ meckert ein Duckboat an: aus dem Weg! Ich mache einen Bogen darum und lasse mich dann erstmal ein Stück treiben. Hier ist es jetzt wirklich still bis auf das leise Plätschern des Wassers. Herrlich, wie hab ich das vermisst! Ich mag Peking wirklich gern, aber mir fehlt Wasser!

Ich tuckere wieder weiter, werfe einen Blick auf das NCPA, dessen Kuppel die Sonne reflektiert und aus dieser Perspektive auch eine schnöde Sporthalle sein könnte. Ist es aber nicht! Dann geht es nicht weiter, unter den Brücken darf man nicht durchfahren, also umkehren. Jetzt habe ich einen schönen Blick auf den Zhongguo Zun – demnächst fertig, das neue höchste Gebäude Pekings. Dichter dran ist natürlich die Weiße Pagode. Typisch Peking, typisch China – altes und neues auf einen Blick.

Richtig stimmungsvoll wird es, als ich an einem Boot vorbeikomme, auf dem die Damen chinesische Lieder singen – zu schön!

Touri?

Meine Stunde ist fast um, also tuckere ich zurück zum Anleger, hole meine Kaution ab und mache mich auf die Suche nach einem Taxi. Da sich in der Straße am Ausgang alles staut, gehe ich zu Fuß am Jingshan-Park vorbei. Kurz reizt es mich, auf den Kohlehügel zu klettern, aber der Blick auf die Uhr sagt: Rückfahrt! Ein Taxi hält ungefragt und trotz Halteverbot (das gilt rund um die Verbotene Stadt), ist sogar bereit mich nach Shunyi zu fahren – für den Schnäppchenpreis von 300 RMB! Seh‘ ich aus wie ein Touri, der drauf reinfällt? Vermutlich ja. :) Ich sage ihm, dass ich seit drei Jahren in Peking bin, er lächelt entschuldigend und fährt weg.

Ein paar Meter weiter werde ich fast von einem in falscher Richtung fahrendem Tuktuk umgefahren: „Lady, where are you going?“ Shunyi, bisschen zu weit für ein Tuktuk. Er meint, er hätte einen starken Motor… Nichts wie weg, denke ich mir. Eine Ecke weiter biege ich in eine Straße ohne Halteverbote ein, rufe ein Didi, das sofort kommt und bin trotz Autoshow-Chaos relativ zügig wieder zuhause – und zufrieden wie schon lange nicht mehr. Sollte man sich wirklich öfter gönnen, so eine Auszeit auf dem Wasser!

4 Kommentare
  1. Frau Mahlzahn
    Frau Mahlzahn sagte:

    Also… das Entchen-Boot hätte ich ja sofort genommen! Wenn schon denn schon!

    Und Montags… stehe ich auch gerne mal vor verschlossenen Türen… Das Mao Mausoleum ist mir so entgegen, das Nanjing Massacer Memorial habe ich gleich zwei Mal verpasst, einmal wegen Vorbereitungen des 80. Jahrestages, einmal wegen… Montag! Wäre das Sun-Yat-sen Memorial nicht wegen Renovierung geschlossen, wäre eh… richtig, Montag gewesen… Die ehemalige Residenz von Zhou EnLai öffnet ihre Pforten Montags auch nicht gerne (aber die ehemalige Residenz von Sun Yat-sen ein paar Schritte weiter, tut es dafür gerne…)…. Wah!

    Andererseits liebe ich dann aber auch diese Tage, an denen man sich dann einfach nur so treiben lässt — allerdings nicht so wortwörtlich wie bei Dir… Heute bin ich zum Beispiel einfach nur durch Shanghais alte Gassen geschlendert, in denen ein Teil der Bevölkerung vermutlich noch nicht einmal mitbekommen hat, dass wir mittlerweile schon im 21. Jahrhundert angekommen sind… Schön war’s!

    Liebe Grüße in die Hauptstadt! Shanghai ist toll, aber Beijing hat doch einen ganz besonderen Charme!

    Cheers,
    Corinna

    Antworten
  2. Tabea
    Tabea sagte:

    Wirklich doof, dass geschlossen war, OBWOHL du extra nachgesehen hast! Sowas regt mich immer total auf! Versuchst du es irgendwann noch mal?

    Mit einem Boot würde ich mich aber wohl nicht aufs Wasser wagen – ich habe da schlechte Erfahrungen gemacht, als ich zwei Mal kurz hintereinander gekentert bin. Seitdem habe ich doch etwas Angst …

    Liebe Grüße

    Antworten
  3. Linni
    Linni sagte:

    Hi!

    Ich fürchte ja, das war nicht das letzte Mal, dass irgendwo die Tür zu war. Entweder ich denke nicht an „Montag“ oder es wird renoviert (war ja jetzt nicht nur bei Prinz Gong, sondern auch schon beim Eunuchen-Museum so). Natürlich versuche ich das wieder! Aufregen bringt da auch nix, und zum Glück findet sich hier ja meist immer gleich eine Alternative in der Nähe.
    Für mich gehört das „sich treiben lassen“ hier dazu – irgendwann kann ich das vielleicht auch wieder in Shanghai tun.
    Da hast Du ja Pech gehabt, Tabea. Ich liebe es, auf dem Wasser zu sein, egal wie klein oder groß das Gefährt ist. Dafür ist Peking nicht unbedingt der Ort der Wahl, aber man kann ja nicht alles haben.

    LG Linni

    Antworten
  4. Anne
    Anne sagte:

    Ach Gottchen, diese Entenboote… :D

    Dieses flying cotten fluff-Phänomen klingt irre… und ich dachte, wie hätten hier dieses Jahr schon extrem mit Pollen zu tun (unseren Briefkasten habe ich in den letzten Wochen alle zwei, drei Tage abgewischt, weil er wirklich knallgelb war).

    Trotz Planänderung und verschlossener Türen klingt das aber nach einem gelungenen Tag! :)

    Liebe Grüße
    Anne

    Antworten

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