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Abflug in Hamburg

Tschüss, Hamburg

Wir sind wieder in Peking. Der Rückflug war doppelt strapaziös: erstens haben wir den Anschlussflug nach Peking verpasst (wegen Verspätung des ersten Fluges) und zweitens emotional.

Der Abschied in und von Hamburg war furchtbar traurig. Ich habe mich so schlecht gefühlt, dass wir den Kindern (den Kleinen wie den Großen) das antun. Da war der verpasste Flug nach Peking direkt ein Glück, denn in Amsterdam habe ich die Geschichte als Abenteuer inszenieren können, das hat dann erfolgreich vom Kummer abgelenkt. Da wir glücklicherweise direkt auf den nächsten Flug umgebucht wurden, war es dann auch nur ein Mini-Abenteuer und der Transfer war sogar viel entspannter als die Hetzerei, die uns normalerweise gedroht hätte, wenn alles pünktlich gewesen wäre… Die Weiterreise war dann ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Von Haus zu Haus waren wir gut 20 Stunden unterwegs und entsprechend erledigt.

Die Zeit in Deutschland war schön, wir haben jede Minute genutzt und genossen. Es war nicht ganz so stramm durchgetaktet wie beim letzten Heimaturlaub – ich habe für uns entschieden, dass die Docs in Peking auch was können bzw. wir ihnen ausreichend Vertrauen entgegenbringen können, also werden wir hier nun die anstehenden Kontrolluntersuchungen machen lassen – das hat viel Zeit eingespart und den Anteil lästiger Pflichttermine auf Null gesenkt, dafür war viel mehr Zeit für „Kinderprogramm“. Trotzdem war es insgesamt viel zu wenig Zeit, wieder haben wir nicht alle treffen können, die wir gerne gesehen hätten, und sämtliche Verabredungen waren viel zu schnell vorbei. Auch das Mistwetter hat da nicht groß bei gestört, nur die dicken Schneeflocken beim Omabesuch haben irritiert. 

Achterbahnfahrt

Es gab leider tatsächlich die befürchtete emotionale Achterbahnfahrt: Vorfreude, viel zu kurzes Wiedersehen, Winkewinke. Das schlaucht, aber es gehört derzeit leider zu unserem Leben. Aber der extreme Kinderkummer bei der Abreise, das tat wirklich weh und hat mich tatsächlich kurz darüber nachdenken lassen, ob Peking immer noch das Richtige für uns ist. Aber nach nur einem Tag hier: ja, ist es. Die Wiedersehensfreude mit dem Papa war riesig, nachmittags hat’s an der Tür gebimmelt und die Minis wurden direkt zum Spielen abgeholt. Das frühe Aufstehen am Montag war noch eine Herausforderung, heute ging es dann schon deutlich besser – der Alltag hat uns wieder.

Under the Dome

Taxifahrt bei Smog

Doofe Idee, doofer Smog

Die unheilvolle Mischung aus Sandsturm und Luftverschmutzung hat gestern den AQI (Air Quality Index) in die Höhe getrieben: über 900! So übel habe ich das hier noch nicht erlebt. Die Vorhersage sah erst gar nicht so fies aus, also mussten die Jungs zur Schule, und ich bin wie geplant mit einer Freundin zu IKEA getuckert. Nach kurzer Zeit im Taxi ging uns auf, dass das keine wirklich schlaue Idee war, aber wo wir schon unterwegs waren…

Mal eben unter einen Auspuff legen und tief einatmen ist vermutlich Frischluft dagegen. Hab direkt gedacht, ich müsste mal wieder Interstellar sehen, bei schlimmen Smog wirkt das Ausgangsszenario des Films bedrohlich realistisch.

Fazit: egal, ob nur der normale Dreck in der Luft oder mit Sand angereichert: Smog, und besonders in diesem Ausmaß, macht Kopfweh, Husten, Heiserkeit, doofes enges Gefühl im Brustkorb, trockene brennende rote Augen, schlapp, matschig, trübsinnig; mal abgesehen von möglichen Spätfolgen.

The Day After

Danach knallte noch ein richtig dicker Ast runter…

Morgens das gleiche Elend wie am Donnerstag. Vormittags kam stürmischer Wind auf, in der internationalen WeChat-Gruppe des Compounds ging es rund mit Sturmwarnungen (am Vortag war es noch die Frage, ob und welche Schulen wohl geschlossen hätten – zu spät für uns, die anderen Schulen starten erst um 9 Uhr mit dem Unterricht. Die Schulen selbst sind nicht das Problem, die haben recht gute Filteranlagen, aber der Weg dahin ist die Hürde.)

Unsere Peitschende Weide

Hier donnerte die große Weide gegen das Haus, der Wind heulte und ab und zu rumste es irgendwo. Am Fluss ist ein Baum umgestürzt und quer über die Straße gefallen, zum Glück keine Verletzten. Die Weide ist inzwischen um einige dicke Äste ärmer, morgen mach ich mich ans Aufräumen, heute war es noch zu windig und riskant. Die dreckige Luft ist nun auf dem Weg nach Shanghai, hier ist der Himmel im Lauf des Tages blau und blauer geworden und wir haben wieder einen „normalen“ AQI von ca. 70 (zum Vergleich, Hamburg hat gerade 23).

Die Sommerferien haben begonnen, der Plan, noch mal Sonne und Wärme zu tanken, bevor es ins kühle Schweden geht, funktioniert überwiegend. Zumindest heiß ist es, ab und zu regnet es allerdings. Ein angekündigter Regensturm mit anschließenden Überflutungen ist zum Glück ans uns und Peking vorbeigezogen, zum Glück, wenn man die schrecklichen Bilder aus Sichuan sieht, wo ein ganzes Dorf von einem Erdrutsch verschluckt wurde. Auch im Pekinger Westen hat es einen Erdrutsch mit 6 Toten gegeben.

Zahlreiche Abschieds- und Sommerfeste liegen hinter uns, auch aus den Schulklassen der Jungs kehren wieder zahlreiche Familie nach Deutschland zurück. Hier im Compound steht gefühlt vor jedem dritten Haus ein Umzugswagen.

Das dunkle, dicke Grau, das einige Tage über der Stadt lag, passte aber zur Stimmung, denn wir müssen uns von lieben Freunden verabschieden, die nach den Ferien nicht zurückkehren werden. Erst morgen Abend, nach dem vorerst letzten Abschied, werde ich den Kopf richtig für unseren eigenen Urlaub freihaben.

Die Formalitäten, die mich letztes Jahr noch in Aufregung versetzt haben, sind diesmal an mir vorbeigerauscht. Jetzt sind in unseren Pässen neue Visa-Aufkleber und wir dürfen ein weiteres Jahr hierbleiben. Während mein Pass bei der Behörde war, konnte ich tatsächlich mit dem Ersatzdokument, ein schlichter gelber Zettel mit dem allgegenwärtigen roten Stempel, nach Datong fliegen. Okay, ich gebe zu, beim Check-in war ich doch etwas angespannt. Auch in unserem Haus können wir zwei weitere Jahre wohnen bleiben, zum Glück, denn trotz der langen Fahrt in die Stadt ist das weiterhin die für uns beste Lösung.

Der Göttergatte „darf“ den Sommer über durcharbeiten, d.h., die Jungs und ich fliegen mal wieder alleine nach Hamburg, wo wir erst die großen Kinder, Freunde und Familie treffen werden, dann geht es zu dritt weiter nach Jämtland: Peking-Kontrastprogramm! Achja, da ist doch schon Urlaubsvorfreude. Vielleicht fang ich heute doch schon mal mit Reisevorbereitungen an…

Hab ich schon darüber gejammert, dass mir das Wiederankommen in Peking diesmal so schwergefallen ist wie noch nie? Und das, obwohl wir hier jetzt doch schon zu den alten Hasen gehören und unser 3. Pekingjahr begonnen hat! Inzwischen habe ich mehrere Gründe dafür ausgemacht. Da es aber nun mal so ist, wie es ist, und es mir nicht liegt, lange jaulend in der Ecke zu hocken, muss ich gezielt aktiv werden, um aus dem Jammertal wieder herauszukommen.

Startschwierigkeiten

Ein Grund für die Startschwierigkeiten war bestimmt, dass wir bisher noch nie so lange am Stück weg aus Peking waren. Das Umschalten von europäischen auf chinesische Standards fiel mir da nun besonders schwer. Hier habe ich mir bewusst gemacht, was mir an China und Peking gut gefällt.

Bei so toller Luft ist der Sommer hier nochmal so schön!

Beispiele: Ich mag den langen Sommer hier und es ist gut zu wissen, dass wir noch ein paar sommerliche Wochen vor uns haben. Auch wenn einem hier Käse und Grillwurst fehlen kann, gibt es doch hervorragendes chinesisches Essen. Ich mag den Pragmatismus, mit dem Probleme schnell gelöst werden (können…). Einkaufen im chinesischen Supermarkt ist viel entspannter, weil ich nicht im Akkord das Tempo der Supermarkt-Kassiererin halten muss, ich fand das Bezahlen in deutschen Supermärkten wirklich anstrengend. Ich mag die aktive Nachbarschaft hier, den Zusammenhalt unter den Deutschen. Das mögen nur Kleinigkeiten sein, aber mein Alltag setzt sich nun mal aus 1000 Kleinigkeiten zusammen.

Keine Kleinigkeit: Auch wenn der Abschiedskummer beim Abflug aus Hamburg fürchterlich war, meine Jungs sind wieder richtig angekommen, sogar schneller als ich. Und wenn es den Kindern gut geht, dann ist die Welt für mich im Wesentlichen in Ordnung. Okay, auch ihnen fehlen die Finnen…

Ja, die Finnen. Meine finnische Freundin fehlt an allen Ecken und Enden. Sie ist nicht die erste, die gegangen ist, und die vermisst wird, und wird auch nicht die letzte sein. Aber sie war eine der ersten, die ich hier kennengelernt habe und mit der ich besonders viel unternommen habe. Zum Glück ist meine südafrikanische Freundin noch hier! Jetzt sind wir halt nicht mehr drei, die sich gegenseitig stützen und treiben und ins Abenteuer stürzen, aber zu zweit wird das auch gehen. Und im nächsten Sommer reisen wir nach Finnland – und mit Glück klappt es vorher mit einem finnischen Besuch hier.

„Früher war alles besser“-Peking Edition. ;)

Es ist nicht mehr alles neu und aufregend. Klar, mit unserem finnisch-südafrikanisch-deutschen Trio ließ sich die chinesische Welt wirklich besonders gut erobern. War ja alles auch noch ganz frisch, neu und aufregend. Aber als Duo und/oder in neuen Kombinationen wird das auch gehen!

War das schön, als Miriam noch die Fotogruppe geleitet hat! An ihre fotografischen Fähigkeiten werde ich nie herankommen, aber es macht Spaß, zu überlegen, wohin die Fotogruppenausflüge gehen können und eine gute Mischung von Zielen herauszusuchen und vorher auszuprobieren.

Das Pekingleben mag mir ja jetzt im dritten Jahr schon total vertraut sein,

Immer wieder aufregend!

aber ist es in Wahrheit nicht doch wahnsinnig aufregend und ein Privileg, das erleben zu dürfen? Hier in unserer Nachbarschaft, in der deutschen Community ist „Leben in Peking“ total normal. Aber eigentlich ist es doch etwas Besonderes, was nicht jeder erleben kann. Und wenn ich daran denke, dann bin ich trotz aller gelegentlichen Nickeligkeiten außerordentlich dankbar für diese Erfahrungen hier.

Auch das Weltbild ändert sich

Einmal abgesehen vom Alltag, das Leben in Peking ändert auch das eigene Weltbild. Meines war vorher doch sehr eurozentrisch. Erst jetzt habe ich eine wirkliche Vorstellung davon, wie klein Deutschland und Europa im Vergleich zu China und Asien sind. Ich habe immer gedacht, ich lebe in einer Großstadt, doch wenn ich jetzt „zu Besuch/nach Hause“ nach Hamburg komme, kommt es mir klein und überschaubar vor, vieles sogar ein bisschen provinziell. Trotz der Nörgelei: Hamburg bleibt für mich die schönste Stadt Deutschlands! Den Slogan „global denken, lokal handeln“ fand ich immer super – aber in Wahrheit kann ich erst, seit ich in Peking lebe „global denken“. Vielleicht auch nicht, vielleicht müsste ich auch erst noch in Südamerika etc. mal gelebt haben, bis das wirklich geht… Es ist eben doch ein großer Unterschied zwischen angelesenem, theoretischem Wissen und dem wirklichen Leben.

Und was das „ich kenne Peking“ angeht: Es gibt noch so viele sehenswerte Orte in Peking und Umgebung, die ich noch erkunden will und werde! Gut, die Reiseführer TOP 10, TOP 20+ habe ich sicher alle schon (mehrmals) gesehen. Aber auf insidebeijing.de finden sich fast 170 Sehenswürdigkeiten, also langweilig wird es nicht werden.

Vorhaben für mein drittes Pekingjahr: 

  • Regelmäßiges Sightseeing, mind. 2 mal im Monat, besser wöchentlich. Hängt ein bisschen von Luftwerten und Pflichten ab.
  • Auch ohne Chinesischkurs weiter pauken. HSK3 ist das nächste Ziel.
  • Meine wenigen Kontakte zu Chinesinnen weiter hegen und pflegen!
  • Meine Weiterbildung erfolgreich und in weniger als der vorgesehen Zeit abschließen und mein Buchprojekt vorantreiben: schreiben, schreiben, schreiben. Das wird aber noch über das dritte Pekingjahr hinaus Zeit benötigen. Pssst, das ist eigentlich geheim. ;)
  • Nach Xi’an und Yunnan reisen. 
  • Mehr Zeit mit den Nachbarinnen verbringen bzw. mit ihnen etwas unternehmen. Hier gibt es so viele sympathische, interessante Frauen mit den unterschiedlichsten Biographien! 
  • Möglichst viele Besucher aus Deutschland hier empfangen! Wir haben Platz, und ich liebe es, Peking durch Besucher-Augen zu sehen und Guide zu spielen!
  • Offen sein für Unvorhergesehenes, Gelegenheiten beim Schopf ergreifen!

Hmm, wenn ich das jetzt so sehe, dann wird auch mein drittes Pekingjahr aufregend, interessant und schön werden. Jammerei endet hier. :)

Gestern Abend war Dieter Nuhr zu Gast in der Deutschen Botschaftsschule, und es war ein sehr lustiger, unterhaltsamer Abend. In Deutschland wäre ich vielleicht nicht hingegangen und hätte mich mit Nuhr im TV begnügt, aber hier nutze ich gerne die wenigen Gelegenheiten, die sich bieten, um „deutsche Kultur“ live zu erleben.

Aula und Public Viewing auf dem Schulhof

Nuhr public viewing

Nu(h)r public viewing

Der Stau war noch schlimmer als sonst, und wir sind erst kurz vor Beginn angekommen, da war die Aula schon überfüllt. Zum Glück war draußen auf dem Schulhof alles für „public viewing“ aufgebaut. Und dreißig Minuten nach Programmbeginn tat es dann auch die Bildübertragung, der Ton lief zum Glück von Anfang an.

Gut gefallen hat mir Nuhrs launige Analyse von (medialer) Wahrnehmung und Wirklichkeit, und lustig sind auch seine Spitzen zu den anstehenden Bundestagswahlen:

  • „Das System ist nicht das Problem, das Problem ist der Wähler.“
  • „Es könnte helfen, Parteinamen auf dem Wahlzeittel ausschreiben zu müssen. Fehlerfrei. Statt ankreuzen.“
  • „Warum dürfen Kinder nicht wählen? – Dummheit ist doch kein Argument.“
Dieter Nuhr

Dieter Nuhr in Peking

Etwas irritiert hat mich sein Exkurs zum Thema Feinstaubbelastung, Diesel und der „Hysterie“ in Deutschland – spätestens seit wir mit dem Pekinger Smog leben müssen, begrüße ich jeden Schritt, der diese Belastung eindämmen kann. Und dass er diesen Abschnitt auf veralteten und falschen Zahlen aufbaut, macht es auch nicht lustiger, schließt aber unfreiwillig den Bogen zum Beginn des Abends: wie Schlagzeilen unserem Denken Schlagseite verpassen. Ausgehend von der falschen, wenn auch viel zitierten Behauptung: „Die 15 größten Schiffe machen soviel Dreck wie 760 Mio. PKW“ zu folgern,  „Es macht keinen Sinn, seinen Diesel abzugeben und anschließend auf Kreuzfahrt zu gehen“, das ist zwar lustig, aber nicht unbedingt richtig – siehe Zeitartikel

Alles in allem aber ein gelungener, lustiger Abend.

Wer eine andere Seite von Nuhr kennen lernen möchte, hat hier in Peking noch bis zum 7. November Zeit: Images from other worlds – Eine Fotoausstellung im pékin fine arts

 

 

Normalerweise enden Schneeball-Spiele, Challenges, Kettenbriefe auf Facebook und anderswo bei mir. In den letzten Tagen habe ich eine Ausnahme gemacht, denn die „seven days – B&W-Challenge“ hat mich mit der Beschreibung „7 days, seven black and white photos of your life, no explanation, no people“ doch angesprochen: mit ein paar Bildern könnte ich zeigen, was hier an China oder in meinem Leben so anders ist. Auf Facebook durfte ich nichts zu den Bildern erzählen, ein Regelverstoß (doch Menschen mit auf einem Foto) wurde direkt bemängelt. Aber es sind ja nicht alle bei Facebook und ich wäre nicht ich, wenn ich nicht doch etwas zu den Bildern zu erzählen hätte. Was ich mit den Bildern ausdrücken wollte, und wofür sie für mich stehen, ist mir selber natürlich klar. Aber ich weiß nicht, was sich jemand in Deutschland dazu denkt, jemand, der noch nicht oder nur kurze Zeit in Peking war. Erstaunlicherweise haben sich bislang alle von mir Nominierten beteiligt und zeigen nun ihrerseits richtig schöne Schwarzweißbilder!

Tag 1 – Zwei Uhren

Als ich mich dazu durchgerungen habe, an der Challenge teilzunehmen, war für mich sofort klar, was ich als erstes fotografieren und posten würde. Diese beiden schlichten IKEA-Uhren hängen bei uns im Esszimmer. Bei uns war es schon nach 21 Uhr, in Deutschland gerade mal drei Uhr nachmittags durch,  In Deutschland wird noch gearbeitet, bei uns ist für die Jungs Schlafenszeit. Wir gönnen uns vielleicht ein Glas Wein, in Hamburg gibt es Kaffee.  Bevor ich mit Deutschland skype, gucke ich auf diese Uhren (oder auf die Uhren auf dem Laptop): ist Deutschland schon wach oder ist es noch zu früh? Das Zeitfenster, wo Skypen/Telefonieren/Chatten für Deutschland und China passt und angenehm ist, ist erschreckend klein. Oft denke ich, dass es nicht die vielen tausend Kilometer und die vielen Flugstunden sind, die uns von Deutschland trennen, sondern diese 6 Stunden Zeitunterschied. Am kommenden Wochenende, nach dem Ende der Sommerzeit in Deutschland, sind es dann 7 Stunden, dann wird es noch schlimmer, das ist fast ein ganzer Arbeitstag…

Zwei Zeitzonen, zwei Uhren

6 Stunden Zeitunterschied

Tag 2 – Chinesischer Supermarkt

Das zweite Bild zeigt einen chinesischen Supermarkt, wo ich gelegentlich mit Freundinnen hinfahre. Hier in unserer Wohngegend gibt es einen großen auf Westler ausgerichten Supermarkt, wo man zum Glück das meiste bekommt, was die westliche Küche so braucht.  Da zahlt man dann allerdings auch einen ordentlichen Aufschlag. Obst und Gemüse im chinesischen Supermarkt (oder auf dem Wetmarket) sind deutlich günstiger, dafür gibt es keine Kaffeebohnen oder Filterkaffee, nur gesüßten Instantkaffee in Portionspäckchen, das Zeug ist hier inzwischen recht beliebt. Was sehr gewöhnungsbedürftig ist, dass nicht nur wie auf dem Bild zu sehen, Reis, Hülsenfrüchte, Getreide lose verkauft werden und so offen rumstehen, nein, beim Fleisch ist das auch so. Da ist nichts abgedeckt, jeder bedient sich selbst… Naja, wird ja alles gekocht und nicht roh gegessen… Trotzdem gewöhnungsbedürftig! Das Jagen und Sammeln, d.h. Einkaufen, ist hier schon deutlich zeitaufwendiger als in Deutschland. Die Wege sind meist weiter und man bekommt nie, nie, nie alles, und schon gar nicht in einem einzigen Laden.

Chineischer Supermarkt

Chinesischer Bravo-Supermarkt in Houshayuzhen

Tag 3 – Tuktuk

Wir haben kein Auto. Man stelle sich das vor, wir sind von Autoleuten umzingelt (ich verkneife es mir, all die großen bekannten Marken zu nennen), die alle mindestens ein Auto haben. Da ist das Leben ohne eigenes Auto, besonders wenn man wie wir hier draußen in Shunyi und nicht im Zentrum wohnt, schon ziemlich exotisch. Großeinkauf mit Fahrrad ist nicht wirklich praktisch, Delivery ist zwar möglich, aber dann ist man manchmal stundenlang angebunden und wartet so vor sich hin. Mein Tuktuk (Sanlunche – Drei-Rad) macht mich in der Hinsicht unabhängig, braucht keinen Diesel (naja, ich bezweifel, dass aus unserer Steckdose Ökostrom kommt) und bei schönem Wetter macht es auch einfach Spaß mit knapp 30 Stundenkilometern die Straße entlang zu brettern (ich hab es gebraucht von Autoleuten übernommen, es ist getunt, so schnell sind die normalerweise nicht). Mit dem Tuktuk kann man nachmittags auch wunderbar schwer bepackte, müde Kinder vom Schulbus abholen. Es macht uns den Alltag hier schon ein bisschen einfacher.

Mobil auch ohne Auto

Mein Tuktuk – wo de sanlunche!

Tag 4 – Yunnan Hotpot

Unbestreitbar ist das chinesische Essen eines der Highlights hier in China! So riesig und vielfältig das Land ist, so abwechslungsreich und unterschiedlich sind die vielen chinesischen Küchen! Bei diesem speziellen Yunnan Hotpot bekommt jeder Gast seinen eigenen Topf mit Brühe nach Wahl: Hühnchen oder Lamm, vegetarisch mit Pilzen oder „mit alles“ (beim mongolischen Hotpot steht sonst ein großer Topf für alle in der Mitte).
Und dann wird aufgetischt: Gemüse, Pilze, Fleisch, Fisch, Innereien, Entenblut, Klößchen, Muscheln. Und dann geht es wieder von vorne los. Dazu werden zahlreiche Dips gereicht. Es erinnert ein bisschen an Fondue, ist nur weniger fettig und viel abwechslungsreicher. Zum Glück gibt es in Hamburg mehrere Restaurants, wo man authentisch chinesische Küche bekommen kann, nicht nur Nr. 33 und 45. ;) Trotzdem, wenn es irgendwann einmal zurück nach Hamburg geht, diese Vielfalt hier werde ich vermissen.

Chinesische Küche - unglaublich abwechslungsreich

Yunan-Hotpot

Tag 5 – Königs-Protea/Zuckerbusch

Jeden Samstag kommt der „Flower Guy“ in den Compound, jeden Samstag erinnert am frühen Nachmittag die Managerin des Compounds in der Compound-WeChat-Gruppe daran, dass er da ist. Diese Erinnerung wäre bei uns nicht nötig, denn Männe ist vermutlich eh einer der besten Kunden dort, denn jeden Samstag kauft er drei Sträuße. Grüner Daumen? Mein brauner Daumen ist legendär! Da sind die unglaublich exotischen Schnittblumen, preisgünstig noch dazu, eine tolle Alternative. Klar gibt es hier die internationalen Klassiker, Tulpen und Narzissen im Frühling, alle nur erdenklichen Rosen das ganze Jahr über. Und immer wieder gibt es exotische Pflanzen, wo ich Suchmaschinen bemühen muss, um herauszufinden, was mein Mann mir denn da mitgebracht hat. Diesen Sonnabend gab es diese beeindruckenden, riesigen, farbenprächtigen (von zartrosa bis kräftig lila changierenden) Blüten. Diesmal brauchte ich keine Suchmaschine, meine südafrikanische Freundin wusste sofort Bescheid: Das sind Protea! Diese sind im südlichen Afrika heimisch und die Wappenblume Südafrikas.
Blumen sind hier unendlich wichtig. Überall in der Stadt findet man Flower Markets. An den Straßenlaternen bei uns im Compound hängen jeweils zwei Blumentöpfe. Aus dem Stadtbild sind Blumen nicht wegzudenken. Oft werden sie nicht eingepflanzt, sondern Blumentöpfe werden dicht an dicht kunstvoll arrangiert. Sind sie verblüht, wird das nächste Kunstwerk aus Blumen geschaffen. Selbst an den dicht befahrendsten Hauptstraßen in der Stadt sind die Mittelstreifen mit Rosen bepflanzt, das ist im Sommer schon ein toller Anblick. Verkehrsinseln, die bald größer und schöner bepflanzt sind als deutsche Kleinstadtparks. Für mich haben die vielen Blumen hier besonders an grauen Smogtagen etwas tröstliches!

Im südlichen Afrika heimisch: Protea

Protea – Zuckerbusch

Tag 6 – Luftfilter

Ich glaube, dazu muss ich nicht mehr viel sagen. Der Winter steht vor der Tür, die Luftwerte erreichen heute zum Teil einen AQI von 300, und obwohl das Wetter schön ist, bleibt es draußen eigentümlich grau-gelb und wird nicht richtig hell. „Kinder, reinkommen! Ab in die frische Luft!“ Notiz an mich: es wird mal wieder Zeit für einen Filterwechsel! Einen? 10, denn soviele der possierlichen, wenn auch etwas lauten Luftstaubsauger halten die Luft in unserem Zuhause auf annehmbaren Niveau.

 

Tag 7 – Regelverstoß: Tuktuk in der Stadt

Ich wollte ein Bild zum Straßenverkehr zeigen, hatte aber keins greifbar mit fiesen Staus, also habe ich mich für dieses Tuktuk entschieden, dass mitten in der Stadt im CBD (Central Business District) unterwegs ist. Da das Tuktuk aber kein autonomes Selbstfahrteil ist, sind diese beiden freundlichen Herren regelwidrig auf dem Bild zu sehen. Verkehr ist hier einfach immer ein Thema. Wenn ich in der Stadt verabredet bin, rechne ich zur reinen Fahrzeit immer noch einen Puffer von mindestens einer halben Stunde oben drauf, bei wichtigen Terminen auch mehr. Staatsgäste auf dem Weg zum Flughafen? Wir sperren mal fix den Airport Expressway. Dummerweise ist das unsere Hauptverbindung in die Stadt rein. Dazu Unfälle, zuviel Verkehr, diese sonderbaren Abbiegeregelungen. Die müssen jetzt endlich mal in meinen Kopf rein, denn ich wurde von einer Freundin dazu genötigt, Mitte November die chinesische Führerscheinprüfung abzulegen. Naja, vermutlich falle ich morgen durch den Sehtest, dann hat sich das erledigt. Aber auch ohne eigenes Auto, wer weiß wozu so eine Fahrerlaubnis hier mal gut ist… Könnte mir bei einer der nächsten Reisen den Nachtbus ersparen. ;)

Tag 7, zweiter Versuch – Finale: Die Mauer

Die Mauer ist und bleibt für mich ein unvergleichliches Reise- und Ausflugsziel. Nicht nur Sinnbild einer jahrtausendealten Kultur, ein Bauwerk der Superlative, sondern auch noch beeindruckend schön gelegen. Wenn ich Besuch habe und beim 43. Besuch des Lamatempels auch schon mal gekniffen hab: zur Mauer möchte ich nach Möglichkeit immer mit – und ich bin jedesmal wieder tief beeindruckt und fasziniert. 

Die Mauer in den Köpfen ist manchmal größer als die Chinesische Mauer

Die chinesische Mauer heute hat nichts Trennendes mehr. Hier treffen sich Reisende aus aller Welt und aus China, staunen gemeinsam, posieren gemeinsam. Damit hat sie heute eher etwas Verbindendes.
Nach über 2 Jahren in China bin ich froh, nicht meinen Vorurteilen und Ängsten Raum gegeben zu haben, sondern mit Anlauf über die Mauer in meinem Kopf gesprungen zu sein, auch wenn es manchmal nicht einfach ist. Immerhin, langweilig ist es hier nie. Das einzige, das beständig scheint, ist der Wandel. :)

Was seht Ihr in den Bildern? Macht Euch das ein bisschen neugierig auf das China jenseits der Schlagzeilen?