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Die Sommerferien gehen allmählich zu Ende und in ein paar Tagen starten die Jungs in ihr viertes Schuljahr in Peking – schon 7. und 8. Klasse. So mini sind meine „Minis“ also gar nicht mehr.

Eigentlich wollten wir diesen Sommer ein bisschen durch China reisen, uneigentlich war Männe unabkömmlich, und so waren die Jungs und ich in Hamburg und bei den beiden Omas. Die eine zieht mit beinah 80 Jahren aus dem Norden nach Bayern um und erfüllt sich damit einen Traum. Kurzfristig war es dann wohl aber doch ein wenig zu nervenaufreibend, also haben wir ein bisschen mit angepackt und für Ablenkung von all der Aufregung und dem Kummer beim Abschiednehmen gesorgt. Die Jungs wissen inzwischen nur zu gut, wie das mit dem Abschiednehmen so ist und haben ihre jeweils eigenen Strategien dafür gefunden – und konnten der Oma damit gut zur Seite stehen.

Heimat Hamburg

Zum Glück hat es diesen Sommer auch für einen Besuch an den Hamburger Landungsbrücken gereicht.

Hamburg

Auch ein Besuch bei meinem Bruder im Alten Land war drin. Das war ein richtig toller Abend, aber auch die Rückfahrt hatte ihre Highlights: wunderschöne Stimmung am Estesperrwerk.

Este-Sperrwerk

Wie bei den bisherigen Heimaturlauben war auch die Gefühlsachterbahn wieder dabei: Wiedersehensfreude und Abschiedskummer, manchmal innerhalb von wenigen Stunden. Man sollte meinen, es würde mit der Zeit leichter werden – wird es nicht. Und wie immer hat es auch diesmal nicht ausreichend Zeit für alle Lieben, Freunde und Verwandten gegeben.

Zuhause in Peking

Deutschland fühlt sich inzwischen ganz merkwürdig an: einerseits ist alles vertraut, andererseits sind wir nur zu Besuch – zuhause ist jetzt wirklich Peking.

Zurück in Peking haben wir uns trotzdem so schwer wie noch nie getan, in die Zeit und den Alltag wieder hineinzufinden, was eine Phase von Nachtaktivität zur Folge hatte – und mir noch mehr bewusst gemacht hat, dass meine beiden „Lütten“ jetzt keine kleinen Kinder, sondern (fast) Teenies sind. Da hier aber eher Weltuntergangswetter war und ein Wetterwarnung nach der anderen verbreitet wurde (Überschwemmungen, Erdrutschgefahr…), war das „Nachtleben“ aber auch in Ordnung.

Inzwischen ist der Jetlag Geschichte, wir schlafen wieder nachts statt tagsüber und die Phase des endlosen Regens scheint – hoffentlich – überstanden. Wir haben Geburtstage und Jahrestage gefeiert und huch, jetzt sind wir schon über drei Jahre in China. Alte Hasen!

Klimakatastrophe?

Vor fast zwei Wochen war nach chinesischem Kalender schon Herbstbeginn, nach dem gleichen Kalender ist erst Ende dieser Woche „Ende der Hitze“. Laut Wetterbericht bleibt uns die Hitze aber noch eine Weile länger erhalten. Da müssen wir ja zugeben, dass es hier zwar deutlich länger als in Deutschland heiß ist, aber dank der allgegenwärtigen Klimaanlagen doch erträglich – zumindest drinnen. Trotzdem, dass es so extrem nass ist, ist genau wie die große Trockenheit in Deutschland nicht normal. Weltweit unnormales Wetter – das ist schon beunruhigend. Mal sehen, wie die kommenden Jahre werden.

Vorfreude

Jedenfalls kann das neue Schuljahr jetzt starten, mal sehen, was und wen es mit sich bringt, wen wir neu kennen lernen, wen wir wiedersehen werden. Peking hat jedenfalls noch eine ganze Menge für uns zu bieten – wir sind gespannt.

Letzte Woche war Tanya Crossman hier im Compound und hat einen Vortrag über TCKs – Third Culture Kids, Drittkulturkinder – gehalten. Tanya ist die Autorin von „Misunderstood – The Impact of growing up overseas in the 21st century“. Sie ist selbst als TCK aufgewachsen, theoretisiert also nicht nur, sondern weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie spricht und schreibt.

Ich dachte, ich hätte schon viel zu dem Thema gelesen, aber es war ein gutes Gefühl, das alles so sachlich und systematisch vorgetragen zu bekommen. Es gibt mir neue Sicherheit, weil mir bewusster geworden ist, dass wir instinktiv im Großen und Ganzen vieles richtig machen und gemacht haben. Nur an einem Punkt werde ich künftig versuchen, etwas anders damit umzugehen …

Was sind eigentlich TCKs?

Den Begriff Third Culture Kids gibt es seit den 1960ern, entwickelt von Dr. John Useem und Dr. Ruth Hill Useem:

Ein Third Culture Kid ist eine Person, die einen bedeutenden Teil ihrer Entwicklungsjahre außerhalb der Kultur ihrer Eltern verbracht hat. Ein TCK baut Beziehungen zu allen Kulturen auf, nimmt aber keine davon völlig für sich in Besitz. Zwar werden Elemente aus jeder Kultur in die Lebenserfahrung des TCKs eingegliedert, aber sein Zugehörigkeitsgefühl bezieht sich auf andere Menschen mit ähnlichem Hintergrund.

Bei Drittkulturkindern geht es also nicht darum, die Länder zu zählen, in denen sie bereits gelebt haben. 

Wo ist denn das Problem?

Man sollte ja meinen, den Kindern ginge es prima: wir leben in einem netten Haus in einer netten Wohngegend, lernen ein Land besser kennen, wo andere höchstens mal auf einer zweiwöchigen Rundreise einen oberflächlichen Eindruck bekommen können, wenn überhaupt. Wir selbst haben tolle Reisemöglichkeiten, die wir von Deutschland aus sicher nicht in die engere Wahl gezogen hätten. Wir erleben viel und machen spannende Erfahrungen, lernen Menschen aus aller Welt kennen. Und dank dem tollen Internet und den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten ist es ja auch gar nicht mehr so tragisch, wenn man so weit weg ist. Letzteres ist leider nicht so easy, wie man meint (allein die Zeitverschiebung) und auch ansonsten: Das ist nur die eine Seite der Medaille.

Nur mal überlegen: Was hat man zuhause in Deutschland gemacht, wenn man traurig, glücklich, wütend, frustriert war oder einfach nur einen blöden Tag hatte? Und nun sitzt man fast 8000 km von zuhause in einer fremden Stadt in einem fremden Land und muss sich erstmal zurechtfinden – und für seine Gefühlslagen Möglichkeiten damit umzugehen finden und entwickeln.

Das braucht zusätzlich zu all dem, was eh schon zum Ankommen und Einleben gehört, viel Zeit und Kraft. Und bei dem ständigen Kommen und Gehen hier, ist das ein dauernder Prozess, der nicht nach dem ersten Jahr überstanden ist.
Sicher wird nach dem ersten Jahr vieles einfacher, weil man Dinge nun schon zum zweiten Mal tun kann. Aber dazu gehören halt auch wieder Abschiede. Es ist also nicht nur der konkrete Wechsel, ein einmaliges Ereignis, sondern ständige Veränderungen als dauerhafter Prozess.

Tanyas Tipps:

Nr. 1: Es ist schwer.

Man schafft weniger, als man „daheim“ geschafft hätte, der Kopf ist nicht so frei wie gewohnt. Das gilt für die ganze Familie, jeder kämpft und jeder ist nicht gerade in Bestform. Das kann bei jedem Familienmitglied anders sein. Es kann helfen, sich das gelegentlich bewusst zu machen, dass eben (noch) nicht alles normal ist.

Nr. 2: Sei geduldig!

– mit dir selbst
– mit jedem Familienmitglied
– mit Neuankömmlingen

Die Familie als ganzes und jedes Familienmitglied muss für sich seinen Weg finden. Das kann bei vielen ähnlich und doch sehr unterschiedlich ablaufen. Wenn einer ein Hoch hat, können die anderen gerade in einem Tief stecken.

Nr. 3: Durchhalten!

Es nutzt ja nix, Augen zu und durch. Durchbeißen und Dinge tun, von denen man glaubt, dass einem eigentlich gerade die Kraft dazu fehlt. Das ist eine Investition in die Zukunft.

Nr. 4: Sei traurig.

Jeder Wechsel ist mit Verlust verbunden und Verlust ist traurig. Das heißt nicht, dass der Wechsel an sich schlecht ist, aber die Traurigkeit ist teil davon. Kummer ist ermüdend, aber wenn man das nicht zulässt, könnte es zu langfristigen Problemen führen. Für Mütter ist das ganz schwierig, wenn die Kurzen weinen, weil sie ihre Freunde vermissen. Und da sagt Tanya: „Do not fix but listen!“ – nicht reparieren, sondern zuhören.

Wir können es nicht heilen. Die Freunde sind Tausende Kilometer und x Zeitstunden entfernt, das ist eine Tatsache. Es helfe nicht, wenn man so reagiert: „Du findest bald neue Freunde.“ Besser sei: „Es ist okay, jetzt traurig zu sein.“ Denn es ist traurig – das geht uns Erwachsenen ja auch nicht anders.
Und das ist der Punkt, wo ich künftig wohl anders mit umgehen sollte. Wenn die Kinder traurig sind, natürlich will ich sie dann ablenken, trösten, den Blick auf das Positive lenken. Künftig werde ich dem Kummer mehr Raum geben. Mit dem „grieving well“ (gut trauern), dem Umgang mit Verlust und Veränderung werde ich mich doch noch etwas mehr befassen müssen. 

Nr. 5: Alte Freunde behalten!

Beziehungen verändern sich mit der Entfernung, sogar wenn wir in Verbindung bleiben. Unsere bestehenden Freundschaften können ein Gerüst für uns sein, während wir neue – zusätzliche – Freundschaften aufbauen. So bilden wir mit der Zeit ein vielfältiges Netzwerk für uns.

Auch unseren Kindern können wir dabei helfen. Sie brauchen Freunde vor Ort und gleichzeitig ihre bisherigen Freunde. Wir können sie nach ihren Freunden fragen, ihre Freundschaften bejahen und Besuche ermöglichen.

Nr 6: Hilfe finden!

Diesen Punkt habe ich als relativ amerikanisch empfunden (auch wenn Tanya gebürtige Australierin ist).  Trotzdem, wenn man alleine und/oder im Rahmen seiner bestehenden Beziehungen nicht weiterkommt, dann ist es richtig, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Tanya führt allerdings aus, dass es besser ist, nicht erst zu warten, bis der Notfall eingetreten ist, sondern sich bereits vorher Unterstützung für den Fall der Fälle zu suchen. Diese hat auch den Vorteil, dass sie objektiv ist, geschult darin zu helfen – und es ist jemand, zu dem ich sprechen darf.

Wir haben hier vielleicht auch insofern Glück gehabt, dass wir hier gleich zu Beginn neue Freunde kennengelernt haben, wo einfach alles gepasst hat und dass wir sowohl im Compound als auch innerhalb der deutschen Community ein gutes Netzwerk mit viel gegenseitiger Unterstützung haben.

Der Input kam gerade recht

Der Input hat gut getan und kam auch gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn jetzt geht es gerade wieder mit den allsommerlichen Abschiedspartys los. Es war hilfreich zu erfahren, dass wir uns jetzt einfach bequem zurücklehnen können, weil wir ja schon drei Jahre in China sind und „nun ist es auch mal gut“. Nein, es bleibt ein andauernder Prozess, übrigens nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns Erwachsene.

Zum Weiterlesen:

Hab ich schon darüber gejammert, dass mir das Wiederankommen in Peking diesmal so schwergefallen ist wie noch nie? Und das, obwohl wir hier jetzt doch schon zu den alten Hasen gehören und unser 3. Pekingjahr begonnen hat! Inzwischen habe ich mehrere Gründe dafür ausgemacht. Da es aber nun mal so ist, wie es ist, und es mir nicht liegt, lange jaulend in der Ecke zu hocken, muss ich gezielt aktiv werden, um aus dem Jammertal wieder herauszukommen.

Startschwierigkeiten

Ein Grund für die Startschwierigkeiten war bestimmt, dass wir bisher noch nie so lange am Stück weg aus Peking waren. Das Umschalten von europäischen auf chinesische Standards fiel mir da nun besonders schwer. Hier habe ich mir bewusst gemacht, was mir an China und Peking gut gefällt.

Bei so toller Luft ist der Sommer hier nochmal so schön!

Beispiele: Ich mag den langen Sommer hier und es ist gut zu wissen, dass wir noch ein paar sommerliche Wochen vor uns haben. Auch wenn einem hier Käse und Grillwurst fehlen kann, gibt es doch hervorragendes chinesisches Essen. Ich mag den Pragmatismus, mit dem Probleme schnell gelöst werden (können…). Einkaufen im chinesischen Supermarkt ist viel entspannter, weil ich nicht im Akkord das Tempo der Supermarkt-Kassiererin halten muss, ich fand das Bezahlen in deutschen Supermärkten wirklich anstrengend. Ich mag die aktive Nachbarschaft hier, den Zusammenhalt unter den Deutschen. Das mögen nur Kleinigkeiten sein, aber mein Alltag setzt sich nun mal aus 1000 Kleinigkeiten zusammen.

Keine Kleinigkeit: Auch wenn der Abschiedskummer beim Abflug aus Hamburg fürchterlich war, meine Jungs sind wieder richtig angekommen, sogar schneller als ich. Und wenn es den Kindern gut geht, dann ist die Welt für mich im Wesentlichen in Ordnung. Okay, auch ihnen fehlen die Finnen…

Ja, die Finnen. Meine finnische Freundin fehlt an allen Ecken und Enden. Sie ist nicht die erste, die gegangen ist, und die vermisst wird, und wird auch nicht die letzte sein. Aber sie war eine der ersten, die ich hier kennengelernt habe und mit der ich besonders viel unternommen habe. Zum Glück ist meine südafrikanische Freundin noch hier! Jetzt sind wir halt nicht mehr drei, die sich gegenseitig stützen und treiben und ins Abenteuer stürzen, aber zu zweit wird das auch gehen. Und im nächsten Sommer reisen wir nach Finnland – und mit Glück klappt es vorher mit einem finnischen Besuch hier.

„Früher war alles besser“-Peking Edition. ;)

Es ist nicht mehr alles neu und aufregend. Klar, mit unserem finnisch-südafrikanisch-deutschen Trio ließ sich die chinesische Welt wirklich besonders gut erobern. War ja alles auch noch ganz frisch, neu und aufregend. Aber als Duo und/oder in neuen Kombinationen wird das auch gehen!

War das schön, als Miriam noch die Fotogruppe geleitet hat! An ihre fotografischen Fähigkeiten werde ich nie herankommen, aber es macht Spaß, zu überlegen, wohin die Fotogruppenausflüge gehen können und eine gute Mischung von Zielen herauszusuchen und vorher auszuprobieren.

Das Pekingleben mag mir ja jetzt im dritten Jahr schon total vertraut sein,

Immer wieder aufregend!

aber ist es in Wahrheit nicht doch wahnsinnig aufregend und ein Privileg, das erleben zu dürfen? Hier in unserer Nachbarschaft, in der deutschen Community ist „Leben in Peking“ total normal. Aber eigentlich ist es doch etwas Besonderes, was nicht jeder erleben kann. Und wenn ich daran denke, dann bin ich trotz aller gelegentlichen Nickeligkeiten außerordentlich dankbar für diese Erfahrungen hier.

Auch das Weltbild ändert sich

Einmal abgesehen vom Alltag, das Leben in Peking ändert auch das eigene Weltbild. Meines war vorher doch sehr eurozentrisch. Erst jetzt habe ich eine wirkliche Vorstellung davon, wie klein Deutschland und Europa im Vergleich zu China und Asien sind. Ich habe immer gedacht, ich lebe in einer Großstadt, doch wenn ich jetzt „zu Besuch/nach Hause“ nach Hamburg komme, kommt es mir klein und überschaubar vor, vieles sogar ein bisschen provinziell. Trotz der Nörgelei: Hamburg bleibt für mich die schönste Stadt Deutschlands! Den Slogan „global denken, lokal handeln“ fand ich immer super – aber in Wahrheit kann ich erst, seit ich in Peking lebe „global denken“. Vielleicht auch nicht, vielleicht müsste ich auch erst noch in Südamerika etc. mal gelebt haben, bis das wirklich geht… Es ist eben doch ein großer Unterschied zwischen angelesenem, theoretischem Wissen und dem wirklichen Leben.

Und was das „ich kenne Peking“ angeht: Es gibt noch so viele sehenswerte Orte in Peking und Umgebung, die ich noch erkunden will und werde! Gut, die Reiseführer TOP 10, TOP 20+ habe ich sicher alle schon (mehrmals) gesehen. Aber auf insidebeijing.de finden sich fast 170 Sehenswürdigkeiten, also langweilig wird es nicht werden.

Vorhaben für mein drittes Pekingjahr: 

  • Regelmäßiges Sightseeing, mind. 2 mal im Monat, besser wöchentlich. Hängt ein bisschen von Luftwerten und Pflichten ab.
  • Auch ohne Chinesischkurs weiter pauken. HSK3 ist das nächste Ziel.
  • Meine wenigen Kontakte zu Chinesinnen weiter hegen und pflegen!
  • Meine Weiterbildung erfolgreich und in weniger als der vorgesehen Zeit abschließen und mein Buchprojekt vorantreiben: schreiben, schreiben, schreiben. Das wird aber noch über das dritte Pekingjahr hinaus Zeit benötigen. Pssst, das ist eigentlich geheim. ;)
  • Nach Xi’an und Yunnan reisen. 
  • Mehr Zeit mit den Nachbarinnen verbringen bzw. mit ihnen etwas unternehmen. Hier gibt es so viele sympathische, interessante Frauen mit den unterschiedlichsten Biographien! 
  • Möglichst viele Besucher aus Deutschland hier empfangen! Wir haben Platz, und ich liebe es, Peking durch Besucher-Augen zu sehen und Guide zu spielen!
  • Offen sein für Unvorhergesehenes, Gelegenheiten beim Schopf ergreifen!

Hmm, wenn ich das jetzt so sehe, dann wird auch mein drittes Pekingjahr aufregend, interessant und schön werden. Jammerei endet hier. :)

Jetzt sind wir schon fast eine Woche zurück in Peking – und ich hab mich vorher noch nie so schwer getan, hier wieder anzukommen. So vieles, das nervt: ich hasse es, die großen, schweren Trinkwassserkübel (besonders noch vor dem ersten Kaffee!) austauschen zu müssen. Es ist Mist, wenn draußen 33° sind und man wegen der miesen Luft nicht all zu lange draußen sein mag. Es ist unschön, im Supermarkt den komischen weiß-weichen Salami-Rand zu begutachten und zu überlegen, wie oft die wohl schon aufgetaut und wieder eingefroren wurde. Ich hatte ganz verdrängt, wie anstrengend es sein kann, den Alltag nicht in der Muttersprache und als Analphabetin (die paar Zeichen, die ich entziffern kann…) bewältigen zu müssen.

Mit unserem Jämtland-Urlaub hatten wir aber auch den vermutlich größtmöglichen Kontrast zu Peking!

Suchbild: Wo ist unsere Stuga? ;)

Dieses knuffige Blockhaus versteckt sich etwa 7 km nördlich vom Dorf Ljungdalen oben am Hang. Was fehlt, ist ein Schild „Ende! Aus! Hier geht es nicht weiter!“ Höchstens zu Fuß, übers Fjäll, in ca. 3 Tagen kommt man z.B. in Storlien oder Valadalen wieder raus.

Das letzte Haus am Feldweg, doch nicht nur der Weg, auch die Stromleitung endet hier. Telefon? Fehlanzeige. Handyempfang? Oh, an die Anzeige „Kein Netz!“ kann man sich durchaus gewöhnen! Bis zum nächsten Haus ist es ein Stück, aber das war unbewohnt. Also keine Nachbarn! Keine Menschen! Nur wir drei! Der Herr Gemahl war im Job unabkömmlich, und so waren wir nur zu dritt auf Reisen, aber auch das war – ohne dem Gatten zu nahe treten zu wollen – herrlich entspannt. 

Fjäll

Direkt am Haus windet sich ein schmaler Pfad den Berg hinauf. Man stapft ein bisschen durchs Unterholz und ist nach wenigen Metern oberhalb der Baumgrenze.

Kalfjäll (ja, das schreibt man im Schwedischen so! ;)

Es geht nur enstpannt-sanft bergauf, umso erstaunlicher, dass sich der Blick ins Tal und über die Landschaft tatsächlich alle paar Schritte ändert. Von oben konnte man das Dorf bzw. Teile davon sehen…

Ljungdalen

… und ein Stück weiter oben, reichte der Blick bis zum Flatruet. Wir sind ja mit der Fähre von Kiel nach Göteborg gefahren (ich liebe es!), sind ein Stück über Norwegen/Oslo immer weiter Richtung Norden getuckert, erst bei Stöten über die Grenze zurück nach Schweden. Die letzte Etappe – fix noch ein Großeinkauf beim ICA in Funäsdalen – führt dann übers Flatruet nach Ljungdalen.

Flatruet

Am höchsten Punkt des Flatruets befindet sich ein Parkplatz, von dem man kurz die Aussicht genießen kann, wo man auch mal mit dem Wohnmobil stehen kann oder wo man zu kurzen oder mehrtägigen Wanderungen aufbrechen kann. Wir sind nur „spazierengegangen“, das finden meine Kurzen nicht so schrecklich wie dieses „wandern“… ;)

Auf der Anreise musste ich kurz hinter dem Parkplatz in die Eisen treten: Rentieralarm. Wo man sonst kaum einem Auto begegnet, mussten wir dank sturer Rentiere kurze Zeit im Konvoi im stop und go langsam weiter Richtung Ljungdalen tuckern. Das war ein ziemlich genialer Auftakt. Sorry, keine Bilder, ich hatte die Hände am Steuer!

Blick vom Flatruet Richtung Helags - noch immer Schnee...

Blick vom Flatruet Richtung Helags

Wie man sieht, war unser Ferienwetter durchwachsen. 9°C? Egal, in Peking schwitzen wir noch bis Oktober! Durchgängig verregnete Tage waren auch nur 1-2 dabei. Aber auch das war in Ordnung, denn die Stuga war unglaublich gemütlich. Am Kamin sitzen und zugucken, wie sich die Wolken übers Dunsjöfjället ins Tal wälzen: beeindruckend!

Urlaubsbedürfnisse haben sich wegen Peking geändert

Früher – vor Peking – war ich immer diejenige, die im Urlaub für Sightseeing und Ausflüge zuständig war – bzw. wenn ich nicht genervt, gequengelt und gedrängelt hab, konnte meine Familie es auch immer gut direkt am Urlaubsort aushalten (okay, Eigenlob stinkt eigentlich, aber ich hab schon ein glückliches Händchen in Sachen Ferienhäuser). Seit wir in Peking sind, ist es anders, und das ist mir tatsächlich jetzt in Schweden erst richtig bewusst geworden. Unser Alltag hier ist – verglichen mit unserem alten deutschen Alltag – hektisch, aufregend, spannend. Ich selbst muss weder zur Schule noch zur Arbeit gehen und will mir, wenn die Pekingzeit irgendwann mal zu Ende geht, nicht sagen müssen: ach hätt‘ ich doch noch dies-das-jenes gemacht-besucht-angesehen… D.h. mein Alltag ist so ganz anders als mein alter Hamburger Alltag, dass sich auch meine Urlaubsbedürfnisse und -wünsche verschoben haben. Sightseeing? Gehört doch zu meinem Expatalltag!

Ich habe es genossen, auf der Terrasse zu sitzen, zu lesen, den Blick schweifen zu lassen. Vor dem Urlaub hab ich noch gedacht, wir könnten ja endlich mal in Röros die Minen ansehen. Wasserfälle finden? Vielleicht ein Wiedersehen mit Trondheim und den Bekannten dort? Nach Östersund zum Festival? Und am Ende waren unsere weitesten Ausflüge die nach Funäsdalen zum Einkaufen, immerhin auch 45 Minuten Fahrzeit – wobei es in Ljungdalen im kleinen ICA Nära eigentlich auch alle gab, was wir brauchten. Wir haben dann halt immer auf dem Flatruet gestoppt. Wen wir aber besucht haben bzw. wer auch uns besucht hat: Freunde, die ich seit meinem 18. Lebensjahr kenne, und die ein Häuschen in Ljungdalen haben.

Ansonsten haben wir die Einsamkeit unglaublich genossen. In den ersten Nächten habe ich mich gefürchtet: Einbrecher? Hier? Doch dann hab ich die Übeltäter erwischt: Rentiere. Meine Güte, machen die einen Lärm, wenn die nachts – zum Glück nie ganz dunkel, ich liebe die Mitternachtssonne! – über die Holzveranda schlappen… Selbst die verregneten Tage, wo man keine 50 Meter weit sehen konnte (Nebel oder doch Wolken?), waren perfekt!

Ich wollte nicht abreisen und ich würde sofort wieder hinfahren, wenn es möglich wäre…

Elche haben wir diesen Sommer tatsächlich nicht einen einzigen gesehen! Aber bei den vielen Rentieren haben wir keinen Grund zur Klage. Viele Vögel gab es und Blumen (und Mücken), Regenbogen, beeindruckende Sonnenuntergänge, die fast nahtlos in Sonnenaufgänge übergingen… Trinkwasser in der Natur! Reine, frische Luft, teils süß nach Klee duftend… Und diese Ruhe! Oh, es war nicht immer still – der Wind, der ums Haus pfiff, die Bienen im Klee, Vögel, das Rauschen des Bachs… Jedenfalls, keine Beschallung über 87 Lautsprecher, laute Menschen, Verkehrslärm.

Wer jetzt – auch ohne Expatdassein in Peking – mehr über Ljungdalen wissen will, dem kann ich diese überaus informative Webseite empfehlen: ljungdalen-info.de/ Und wer mehr schöne Ljungdalen-Fotos haben mag: es gibt auch einen Kalender: ljungdalen-info.de/Bestellung.html.  

Und wer direkt noch ein paar Bilder gucken mag: bitteschön!

 

 

 

 

 

 

 

Abflug in Hamburg

Tschüss, Hamburg

Wir sind wieder in Peking. Der Rückflug war doppelt strapaziös: erstens haben wir den Anschlussflug nach Peking verpasst (wegen Verspätung des ersten Fluges) und zweitens emotional.

Der Abschied in und von Hamburg war furchtbar traurig. Ich habe mich so schlecht gefühlt, dass wir den Kindern (den Kleinen wie den Großen) das antun. Da war der verpasste Flug nach Peking direkt ein Glück, denn in Amsterdam habe ich die Geschichte als Abenteuer inszenieren können, das hat dann erfolgreich vom Kummer abgelenkt. Da wir glücklicherweise direkt auf den nächsten Flug umgebucht wurden, war es dann auch nur ein Mini-Abenteuer und der Transfer war sogar viel entspannter als die Hetzerei, die uns normalerweise gedroht hätte, wenn alles pünktlich gewesen wäre… Die Weiterreise war dann ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Von Haus zu Haus waren wir gut 20 Stunden unterwegs und entsprechend erledigt.

Die Zeit in Deutschland war schön, wir haben jede Minute genutzt und genossen. Es war nicht ganz so stramm durchgetaktet wie beim letzten Heimaturlaub – ich habe für uns entschieden, dass die Docs in Peking auch was können bzw. wir ihnen ausreichend Vertrauen entgegenbringen können, also werden wir hier nun die anstehenden Kontrolluntersuchungen machen lassen – das hat viel Zeit eingespart und den Anteil lästiger Pflichttermine auf Null gesenkt, dafür war viel mehr Zeit für „Kinderprogramm“. Trotzdem war es insgesamt viel zu wenig Zeit, wieder haben wir nicht alle treffen können, die wir gerne gesehen hätten, und sämtliche Verabredungen waren viel zu schnell vorbei. Auch das Mistwetter hat da nicht groß bei gestört, nur die dicken Schneeflocken beim Omabesuch haben irritiert. 

Achterbahnfahrt

Es gab leider tatsächlich die befürchtete emotionale Achterbahnfahrt: Vorfreude, viel zu kurzes Wiedersehen, Winkewinke. Das schlaucht, aber es gehört derzeit leider zu unserem Leben. Aber der extreme Kinderkummer bei der Abreise, das tat wirklich weh und hat mich tatsächlich kurz darüber nachdenken lassen, ob Peking immer noch das Richtige für uns ist. Aber nach nur einem Tag hier: ja, ist es. Die Wiedersehensfreude mit dem Papa war riesig, nachmittags hat’s an der Tür gebimmelt und die Minis wurden direkt zum Spielen abgeholt. Das frühe Aufstehen am Montag war noch eine Herausforderung, heute ging es dann schon deutlich besser – der Alltag hat uns wieder.

Jetzt sind wir bald ein Jahr hier in China, sind wirklich angekommen und fühlen uns wohl. In zwei Wochen endet das Schuljahr, vor zwei Wochen war schon das erste Sommerfest. Sommerfeste vor den Ferien sind hier immer gleichzeitig auch Abschiedsfeste, und zusätzlich zu den Sommerfesten gibt es die eine oder andere Farewell-Party. Aus Justus‘ 5. Klasse verlassen 7 Kinder Peking, obendrein alles Jungs. Damit schrumpft die Klasse auf 16 Kinder, wenn nicht doch noch Neuankömmlinge dazukommen. Bei Rasmus geht nur ein Mädchen, aber aus einer der Parallelklassen gehen viele Kinder, so dass aus drei 4. Klassen künftig zwei 5. Klassen werden. Bei beiden Kindern ist jeweils mindestens ein „guter Freund“ unter denen, die weggehen. Und auch aus meinem engeren Umfeld gehen einige Frauen zurück nach Deutschland. Auch wenn ich jetzt nicht innerhalb eines Jahres gleich ganz dicke Freundschaften aus dem Boden stampfen kann, das braucht bei mir mehr Zeit – wer weiß, ob das nicht echte Freundschaften hätten werden können? So oder so, hier werden Lücken entstehen, und es ist gut, dass wir in den Sommerferien direkt verreisen und erstmal anderes in den Vordergrund rückt.

Hello – good bye

Ja, es ist anders mit Beziehungen hier, fast alle sind auf Zeit hier und man weiß schon beim Kennenlernen, dass in überschaubarer Zeit Goodbye gesagt werden muss. Den Zusammenhalt im Compound und in der deutschen Community empfinde ich als sehr groß. Wie ich sicher schon erzählt habe, macht es einem unter anderem die Patengruppe leicht, in Peking anzukommen, etwas zu unternehmen, Kontakte zu knüpfen. Auf Fragen zum Alltag („wo gibt es eigentlich…?“) bekommt man immer eine Antwort, nein, nicht nur eine Antwort, sondern direkt das Angebot mit hingenommen zu werden.

Zàijiàn! - Auf Wiedersehen!

Zàijiàn! – Auf Wiedersehen!

Auch die Jungs sind schnell in ihren Klassen angekommen und haben rasch Freundschaften geschlossen. Aber hier kennen alle Kinder das neu sein, sie sind vor gar nicht allzu langer Zeit selbst noch der Neue gewesen. Das ist doch anders als in Hamburg, wo sich manche Kindergruppen schon seit der Kindergartenzeit kennen und es eigentlich nur bei der Einschulung und beim Übergang auf die weiterführende Schule die Situation „alle neu“ gibt und nur ganz selten wirklich mal ein Kind ganz neu dazukommt. Die Kinder hier wissen alle, wie das mit Heimweh und dem Vermissen der alten Freunde ist und – soweit ich das als Mutter beurteilen kann und aus den knappen Erzählungen der Jungs heraushöre – unterstützen sich gegenseitig.

Ich erlebe diese neuen Beziehungen hier als intensiver, die Phase des Beschnupperns geht viel schneller, dadurch, dass  hier die mitreisendenden Partnerinnen zumeist keine eigene Arbeitserlaubnis und demzufolge viel Zeit haben, sieht man sich viel öfter und lernt sich relativ schnell kennen. Es heißt, wenn einen der deutsche Alltag erstmal wieder hat, bleibt nicht mehr viel Zeit, an Peking und die deutschen Pekinger zu denken. Aber ich hoffe doch sehr, dass es nicht nur Abschiede für immer gibt, sondern dass es auch Wiedersehen gibt – wann und wo auch immer.

image159 Vor kurzem bin ich über die Webseite der Expatmamas gestolpert. Hier finden sich viele Informationen und Erfahrungsberichte zum Thema „mit Kindern im Ausland“ leben. Für die Reihe „Neu in…“ habe ich ein paar Fragen beantworten dürfen, nachzulesen hier!

Was mir im Nachhinein und ergänzend dazu noch eingefallen ist: Ein wichtiger Gesichtspunkt vorher: wann sagen wir es den Kindern? Das mag vom jeweiligen Alter abhängen und davon, wie abenteuerlustig die Kinder sind. Bei dem einjährigen Vorlauf bei uns wollte ich es ihnen nicht direkt sagen – warum so lange Kummer und Aufregung haben? Allerdings habe ich in der Zeit das Vermissen des Papas beinah überbetont… Aber je mehr Zeit verging, umso mehr es Thema im Alltag wurde, umso wichtiger fand ich es, es ihnen zu sagen, nicht dass sie das nebenbei und unabsichtlich irgendwie aufschnappen. Das war bei uns dann ein gutes halbes Jahr vor dem Umzug, ganz kurz vor der ersten Pekingreise zum Kennenlernen.

Ganz wichtig fand ich für uns, dass wir vor allem den Kindern gegenüber immer hundertprozentig zu der Entscheidung gestanden haben, aber dass wir dabei Ängste und Sorgen nicht weggewischt haben. Ja, es ist traurig, dass man von so vielen Menschen Abschied nehmen muss, da kann man die Kinder nicht anlügen. Ich hab mich dann mit den Minis zusammen aufs Sofa gekuschelt, und dabei sind auch mal Tränen geflossen. Aber anschließend habe ich mit ihnen zusammen überlegt: Warum gehen wir nach Peking? Worauf freuen wir uns? Ich glaube, im großen und ganzen würde ich das genau so wieder machen.

Bei der Beantwortung der expatmama-Fragen hab ich mich relativ kurz gehalten und auf die Frage nach Tipps geschrieben „Lernen, über den eigenen Schatten zu springen, neues auszuprobieren – wann, wenn nicht in einer neuen Stadt in einem neuen Land?“ Um das zu konkretisieren: nicht berufstätig (keine Arbeitserlaubnis), Kinder ganztags in der Schule – da bleibt viel Zeit, die sinnvoll gefüllt werden möchte. Mir selbst ist Langeweile fremd, aber wenn ich schon in Peking bin, dann will ich hier auch Dinge tun, die ich in Hamburg oder woanders auf der Welt so nicht tun kann. (Trotzdem genieße ich es, soviel Zeit fürs Lesen zu haben!)

Ich nutze deshalb viele Angebote der Patengruppe oder des Compounds (Ausflüge, gemeinsames Tatort-gucken, Stricktreff…), dabei bin ich vor Peking lieber ohne Gruppe auf eigene Faust losgezogen. Aber hier wollen neue soziale Kontakte gefunden und gepflegt werden, von daher gibt es für mich nun doch viele Gruppenaktivitäten. Für jemanden, der bisher eher in Gruppen losgezogen ist und selten allein: einfach mal ausprobieren! Allein in der Stadt unterwegs zu sein ist ein ganz anderes Gefühl als in Gruppe oder mit Familie, es ist schön, dem eigenen Tempo zu folgen und sich genau dahin treiben zu lassen, wo man gerade von angezogen wird. Und was soll passieren – Visitenkarte und ein paar Taxitaler in der Tasche, nach Hause kommt man immer!

Anderes Beispiel: ein neues Hobby anfangen. Bei mir ist es derzeit das Fotografieren. Eine dolle Fotokünstlerin werde ich sicher nie, ist auch gar nicht mein Anspruch, aber ich mag viele meiner Bilder jetzt schon lieber als das verwackelte Ritschratschklick von früher. Und es gibt so viele weitere Möglichkeiten: Sport, Nähen lernen, ehrenamtliches Engagement, Musikunterricht/Instrument lernen.

Ok, das ist sicher alles ganz subjektiv, und was für mich gut ist und womit ich mich wohlfühle, muss für andere noch lange nicht das richtige sein. Aber vielleicht hilft es ja doch der einen oder anderen: einfach mal trauen und machen!

 

Jetzt sind wir ein schon halbes Jahr hier, „Zwischenbilanz“ ist zu hochgestochen, aber ich schreibe hier mal zusammen, was mir dazu durch den Kopf geht:

Ja, wir sind jetzt richtig angekommen, kennen uns aus, der Alltag läuft rund. Die Jungs fühlen sich wohl in der Schule, haben Freunde gefunden und dass wir wieder Komplettfamilie und nicht mehr zu Dritt mit gelegentlichem Papa-Besuch sind, tut ihnen sichtlich gut (in den 12 Monaten vor dem Umzug war Thomas, hmm, 12 Wochen? in Hamburg).

Die Alltagsorganisation hier ist aufwendiger als in Hamburg. Die Wege sind weiter, und trotz des mörderischen Verkehrs fehlt mir fehlt gelegentlich doch das eigene Auto, insbesondere, wenn Wetter und Sicht gut sind und ich gerne die so nahe liegenden Berge und die kleinen Orte dort erkunden würde. Trotzdem, mit Taxi und Metro kommt man ansonsten fast überall hin, schlimmstenfalls muss man halt mal etwas warten, bis man ein Taxi gefunden hat…

Einkaufen ist ein Thema für sich, Stichwort Lebensmittelsicherheit. Da ist die „ununterbrochene Kühlkette“ nur einer von vielen Aspekten. Am besten ist es, vieles zu verdrängen: woher kommt das Fleisch, die Eier… Aber nein, auf vegan umzusteigen ist auch keine Alternative: Womit wurde das Gemüse und Obst gedüngt, gespritzt, reicht abwaschen oder doch lieber schälen…. Es gibt zwar „Ökosiegel“, aber es kann sich wohl jeder ein Logo pinseln und „organic“ draufschreiben – wer kann das überprüfen?

Überhaupt Gesundheit: Wann müssen wir den Trinkwasserfilter erneuern? Zum Zähneputzen doch lieber ein Glas Trinkwasser von unten aus der Küche holen? Wann müssen die Filter der Luftfilter erneuert werden? Dass Wasser- und Luftqualität auf einmal ein Thema sind! Damit sind wir wieder beim Thema verdrängen: Verdrängt wird auch der Gedanke daran, welche (langfristigen?) Folgen die miese Luft hier haben kann. Im Haus sind wir dank zahlreicher Luftfilter ja „sicher“ – aber oft juckt es mich die Dinger auszustellen. Stellt Euch einfach vor, neben Euch wäre immer ein auf niedriger Stufe laufender Staubsauger! An die Masken als zusätzliches Accessoire haben wir uns gewöhnt, jetzt im Winter ist das auch nicht so lästig (außer für Brillenträger: Brillen beschlagen dann gern), wenn es nicht mehr so kalt ist, schwitzt man drunter, nicht schön. Glücklicherweise sind die meisten Tage dann doch keine Maskentage. Zusätzlich zu den Atemwegsproblemen und möglichen Spätfolgen geht einem die gelbgraue Glocke auch mächtig auf den Zeiger; wenn das länger als einen Tag anhält, werden selbst Frohnaturen trübsinnig. Da sehn ich mich dann doch nach meiner Hamburger Stadtrandidylle…

Man kann auch nur hoffen, dass keiner von uns in einen Unfall verwickelt wird oder ernster krank wird – Krankenwagen stehen genauso im Stau wie Privatwagen, abgesehen davon möchte man doch lieber in eine Klinik mit westlichem Standard (teure Auslandsversicherung sei Dank) gebracht werden.

Ohja, wenn man will, findet man hier an jeder Ecke neue Ängste und Sorgen, die sicher auch ihre Berechtigung haben. Aber: auch auf unser Hamburger Haus sind schon mehrmals Bäume gestürzt (glücklicherweise immer nur Sachschäden), passieren kann einem überall etwas, und wenn ich mal Krebs kriegen sollte, wird man kaum feststellen können, ob das von der Belastung hier in China oder doch auf die Kindheit in der Nähe der Hamburger Giftmülldeponie zurückzuführen ist.

Ich kann nur für mich sagen: ich möchte mein Leben leben und nicht im tiefen Tal der Sorgen verbringen und die Zeit einfach an mir vorbeirauschen lassen, daher übe mich in Verdrängung, was meistens auch gut klappt. Gelegentlich erwischt mich dann doch mal ein Tief, was ich dann an Thomas auslassen kann (sorry dafür), aber meist ist es am Tag drauf wieder besser.

Die Menschen hier machen es einem auch leicht, sei es die Expatgemeinde oder die Chinesen. Es gibt so viel zu entdecken und zu lernen. Wer sich hier langweilt, der langweilt sich überall! Für mich ist es eine tolle Erfahrung, Peking und China kennenlernen zu dürfen. Es ist einfach ein Riesenunterschied, etwas zu lesen oder als Film zu sehen oder es selbst zu erleben. Es rückt auch die Perspektive gerade: wie winzig ist Deutschland! Wie klein ist Europa! Wie unfassbar groß ist China! Es ist nicht alles „schön“, aber interessant beinah alles. Wenn man die Umweltproblematiken hier sieht oder die extremen Gegensätze zwischen arm und reich, Tradition und Moderne, „hinterm Mond“ und futuristisch – das hat auch Einfluss darauf, wie man Deutschland sieht. Oft kann man einfach nur dankbar dafür sein, dass man zufällig in Hamburg/Deutschland und nicht anderswo geboren ist! Aber manchmal durchzuckt einen ein „stellt Euch nicht so an“, manchmal denkt man „nun setzt doch einfach Fahrverbote und Umweltzonen durch, muss ja nicht erst so schlimm werden wie hier“ oder was für eine Bodenverschwendung, wenn man in der Stadt nicht wenigstens etwas mehr in die Höhe baut – zum Beispiel…

Manche stören sich hier an dem Gerotze, ich nehme es als kulturelle Eigenart hin, auch wenn es manchmal doch echt eklig ist, wenn beispielsweise ein Taxifahrer das Fenster runterkurbelt und lautstark den Rotz von ganz unten hochzieht und rausspuckt (sorry, aber das ist hier so). Manche stören sich an den Tischmanieren. Naja, eigentlich ist es doch sehr klug, von Tieren nicht nur das Filet, sondern beinah alles zu essen, und die wirklich ungenießbaren Teile müssen dann halt doch irgendwohin – und bevor die nächsten Gäste kommen, werden Tische auch saubergewischt bzw. bekomme neue Tischdecken. Gibt echt schlimmeres, was das eigene Wohlbefinden mehr beeinträchtigen kann als für uns ungewohnte Tischsitten und -gebräuche.

Fast jeden Tag entdecke ich etwas mehr von dieser riesigen Stadt, viele Orte möchte ich gern noch häufiger besuchen (verschiedene Parks und Stadtviertel z.B.), bei manchen Sehenswürdigkeiten warte ich nur noch wieder auf den nächsten Besuch – und wenn der zu lange auf sich warten lässt, werde ich wohl doch allein hinmüssen (Sommerpalast, Himmelsaltar, Lamatempel…). Manche Ecken warten noch darauf, von mir entdeckt zu werden. Gleichzeitig ist hier aber auch oft ganz normaler Alltag: um Kinder und Hütte kümmern und schon ist der Tag rum – nicht anders als in Hamburg auch.

Die Sprache ist ein Problem und wird wohl auch eins bleiben. Mein Chinesisch reicht für den Alltag aus, ich komme von A nach B und zurück, ich habe bislang alles einkaufen können, was ich einkaufen wollte etc, beim Radiohören (und erst recht beim Fernsehen) versteht man doch immer öfter wenigstens, um was es geht. Ich bezweifel aber, dass ich jemals einen tiefsinnigeren Gedanken als „was kostet ein Pfund Äpfel?“ formulieren kann… Bei allen anderen Sprachen konnte man auf bisher gelernte Fremdsprachen und das Deutsche zurückgreifen, so vieles ähnelt sich – das gibt es im Chinesischen gar nicht, man kann nichts herleiten. Und dann lernt man nicht nur einfach Vokabel plus Übersetzung, sondern Vokabel, Übersetzung, Pinyin, Schriftzeichen und Aussprache. Ohje, die Töne… Ist bei mir nach wie vor oft dem Zufall überlassen, ob ich den richtigen treffe. Lesen und Hörverstehen geht glücklicherweise besser als selber sprechen. Trotzdem, so sprach-los fühl ich mich regelrecht behindert. Und doch: es geht auch gut ohne perfekte Chinesisch-Kenntnisse. Hilfsmittel gibt es genug (Apps und Internet).

Manchmal vermiss ich meine Familie, die großen Kinder, meine Freundinnen und Freunde, spontanes Telefonieren (bei 7 Stunden Zeitverschiebung guck ich immer zweimal auf die Uhr, ob das jetzt ein geeigneter Zeitpunkt ist, und oft ist es das leider nicht). Und wenn es mal mit dem Skypen klappen könnte, dann spielt das Internet nicht mit… Kommt auch vor und nervt dann schon.
Aber einsam bin ich dank der vielen neuen Kontakte hier glücklicherweise nicht. Bei einigen wenigen Freunden und Bekannten scheint es leider wirklich auch ein „aus den Augen, aus dem Sinn“ zu geben (nein, das ist kein Vorwurf, dazu gehören ja auch immer zwei. Das ist halt auch das Leben, dass man mal eine Zeit lang zusammen verbringt und sich dann irgendwann voneinander weg entwickelt), dafür gibt es aber auch andere, wo man jetzt erst recht weiß: auf Dich kann ich mich immer und überall verlassen!

Soweit also meine leicht kuddelmuddelige persönliche Bilanz, die unterm Strich positiv ausfällt. Ich bin gespannt, was die nächsten Monate (und Jahre) bringen.

Jetzt sind wir schon 100 Tage hier in Peking, höchste Zeit für ein Update – ich gelobe Besserung…

Der lange, schöne Sommer mit überwiegend guten Luftwerten hat uns das Ankommen leicht gemacht – mal gar nicht zu reden von den Menschen, sowohl Chinesen als auch der internationalen/deutschen Community. Man braucht nur anzudeuten, dass man eine Frage hat und schon gibt es Tipps und Hinweise und Hilfe zuhauf. Es gibt unzählige Möglichkeiten, nette Menschen kennenzulernen, da ist es manchmal schwer November-1zu entscheiden, wo man nun hingeht. :)

Ein neuer Lieblingsplatz zum Hingehen ist auf jeden Fall das „Maan Coffee“, direkt neben dem Worker’s Stadium. Da gibt es nicht nur die besten Waffeln der Welt, sondern auch noch einen Leihteddy – bis die Bestellung komplett da ist. Ich mag die Einrichtung, viel Holz, lauter unterschiedliche Sessel und Stühle, das Licht, die Atmosphäre – lebendig ohne zu nerven, viele Studenten, die Musik (internationaler Rock/Pop).

Wir vermissen unsere Freunde, aber es ist eben auch spannend, neue Leute kennenzulernen. Viele neue Bekanntschaften bleiben wohl Freundschaften auf Zeit: viele wissen schon, dass sie Peking bald verlassen werden. Das fühlt sich für mich komisch an, muss ich einfach auf mich zukommen lassen.

Mit den sinkenden Temperaturen und schlechter werdender Luft haben die Minis und ich uns hartnäckige on/off-Erkältungen eingefangen, nichts Wildes, nur immer wieder mal ein Tag, wo dann doch eher Bett als Schule angesagt ist. Und meine Stimme ist mal einen Tag weg, einen Tag da (aber klingt dann wie nach einem durchgegröhlten, äh, -gesungenem Abend in der Großen Freiheit…) Wir buchen die ganze Kränkelei mal unter Anlaufschwierigkeiten ab und hoffen, dass das nun auch bald überstanden ist.

November-2-2Und es ist wirklich ziemlich kalt geworden, nachts haben wir zweistellige Minusgrade. Dafür sind Taxen und Innenräume meist total überheizt… Und da ist es auch lästig, dass wir die Temperaturen nur stockwerksweise regeln können – Rasmus‘ Zimmer ist dann das wärmste, Justus‘ das kälteste, also renn ich ständig hinter den Kurzen her: „Du ziehst jetzt was über, du ziehst jetzt die Fleecejacke aus…“ – und trotzdem hustet und schnieft hier alles… Bis auf Thomas, der ist nie krank, der hat höchstens mal einen Tag (beinah) tödlichen Männerschnupfen und ist direkt wieder unanständig fit. Wenn die JNovember-2-3ungs so nicht immer wieder in der Schule fehlen würden, wäre das alles gar nicht der Rede wert.

Und dann geh ich am Liangma River entlang und muss mir die Augen reiben: da schwimmt tatsächlich jemand. Nix Neopren, nur Badehose. Aus der anfänglichen Faszination wird Betroffenheit, als ich sehe, wie der Mann zu einer Bank geht, auf der er offensichtlich seinen kompletten Besitz lagert.

Apropos Schule: Es gab die ersten „Zwischenmitteilungen“ (Rückmeldungen über den Leistungsstand). Sagen wir mal so: Nummer 4 und 5 meinen das offenbar ernst, wenn sie von sich sagen, sie seien Jonas 2.0 und Jonas 3.0…. (Familienmitglieder wissen, was ich meine! *grins*). Aber wenn man bedenkt, was das für eine Riesenleistung der Minimänner ist, sich hier in einem ganz anderen, neuen Leben einen Platz zu suchen und zu finden, dann finden wir es etwas ärgerlich, aber nicht so tragisch, wenn die Leistungen hinter den Möglichkeiten zurückbleiben. Das wird schon noch kommen, und das sag ich aus Erfahrung und nicht aus Zweckoptimismus. Und wenn Nr. 4 sich weigert, einen Fisch zu sezieren und dafür eine schlechte Note bekommt – damit kann ich nicht nur leben, da hat er meine volle Unterstützung. Hauptsache ist: die Jungs sind neugierig, aufgeschlossen, interessiert an vielen Themen, und vor allem: sie gehen gerne zur Schule.

November-2Wie bereits erwähnt, dauert hier „alles“ länger. Die Alltagsorganisation frisst viel mehr Zeit als ich das aus Hamburg gewohnt bin, nicht nur, aber vor allem weil die Wege weiter sind, aber auch weil es mehr Wege sind, Peking ist halt nicht Klein-Hamburg. Gefühlt braucht hier alles länger – gezwungenermaßen lerne ich doch noch Geduld… Naja, weil das alles so ist wie es ist, stecke ich (Mrs. Auf den letzten Drücker) schon eine Weile mitten in Advents-/Weihnachtsvorbereitungen, habe herausgefunden, wo ich einen echten (!) Weihnachtsbaum bekommen kann, wo ich Baumschmuck herbekomme, wo es Backutensilien gibt usw. Adventskalender sind bereits hier, müssen nur noch fertig gefüllt und aufgehängt werden. Vom Fröbelsterne basteln krieg ich Knoten in meinen beiden linken Händen, mal schauen, ob sich noch was Nettes beim Weihnachtsbasar der Deutschen Botschaft auftreiben lässt. Ansonsten ist weniger mehr, und Kerzen gibt es bei uns eh ganzjährig reichlich. Bisschen nett muss es für die zwei Kurzen ja doch sein – und für die vier Großen, die in gut drei Wochen hier ankommen auch!

Warten auf den Schulbus am Compound-Eingang

Warten auf den Schulbus am Compound-Eingang

Jetzt sind wir etwas über eine Woche hier, und so allmählich kommen wir auch wirklich an.  So langsam ist auch der Jetlag überstanden, der mir und den Jungs doch ziemlich zu schaffen gemacht hat, naja, wir tun uns ja schon bei der doofen Sommerzeitumstellung immer schwer, also kein Wunder. Für den normalen Alltag gibt es noch viel zu erkunden und zu organisieren, für Sightseeing und Ausflüge war deshalb noch keine Zeit, aber wir sind ja noch ein bisschen länger hier! ;)

Eine der wichtigsten Fragen: Wie kommen wir an Trinkwasser? Wasserspender und Kanister liefern lassen oder doch Filter einbauen? Letzteres ist die nachhaltigere und vermutlich auch gesündere Lösung (die Wasserspender sind als Bakterienschleudern verschrien), wird also diese Woche – hoffentlich – noch eingebaut. Bis dahin wird geschleppt!

Die für mich fast ebenso wichtige Versorgung mit Kaffee startet hoffentlich heute noch. Liebe künftige Besucher: als Mitbringsel freuen wir uns über Kaffeekapseln! ;) (Ich weiß, Pads wären umweltfreundlicher, aber gibt’s hier nicht!)

Haushaltsgeräte wollten besorgt werden, eine Empfehlung war, bei jd.com zu bestellen. Vormittags erledigt, erste Teillieferung schon nachmittags da.

(Lebensmittel-)Einkaufsmöglichkeiten gilt es weiter zu erkunden, es gibt einen kleinen Jenny-Markt im Compound, einen großen am Pinnacle Plaza (quasi unser Dorfplatz, da kann man auch ganz nett sitzen und gucken) und einen etwas teureren BHG-Supermarkt, der viel, viel Auswahl an chinesischen und internationalen Produkten hat. Ich brauche noch einen fahrbaren Untersatz (Fahrrad? Roller? Tuktuk? Trike?), dann wird der Radius noch etwas größer.

Einen „Organic Food“ Lieferanten habe ich wie bereits erwähnt ausprobiert. Ok, alles war frisch und lecker, allerdings muss das „organic“ doch hinterfragt werden (es gibt hier keine objektiven, unabhängigen Zertifikate/Siegel) – und allein die Verpackungen, da würde jeder deutsche Bio-Höker vor Schreck zusammenbrechen. Jeder einzelne Apfel im dicken Plastiknetz, noch mal in Plastiktüten und dann in viel zu großen mit Alu ausgekleideten Pappkartons (die im Anschluss auf dem Müll landen), das muss künftig dann doch nicht mehr sein, zumal es hier an Obst und Gemüse wirklich eine Irrsinnsauswahl in den Supermärkten, auch „organic“, wenn man will.

Zwischendrin hatte ich tatsächlich mal ein paar Minuten, wo ich mich ein wenig verloren gefühlt habe, aber spätestens seit den Schwätzchen am Schulbus und dem heutigen Kennenlern-Treffen der Peking-Patengruppe in der Schule ist es viel besser. Damit mir nicht langweilig wird, hab ich mich direkt für Fotogruppe und Buchclub sowie einen Ausflug angemeldet, das reicht für den Anfang, ein Chinesischkurs kommt ja auch noch dazu. War heute Vormittag jedenfalls ein schönes „Wow, wie toll ist es, hier zu sein!“-Gefühl, mal ganz ohne Sorgen, Befürchtungen usw.

Am Samstag muss Rasmus zur Schule: Die Viertklässler führen etwas bei der Einschulung der Erstklässler auf. Bin gespannt, von 13 Kindern in der Klasse sind 4 neu – wie das wohl wird? Im Anschluss geht es zur Ausländerbehörde, die Aufenthaltserlaubnis beantragen, da müssen die Jungs auch persönlich erscheinen.

Ansonsten ist es heiß, die Zikaden lärmen, die Luft ist gut und der Himmel blau – vielleicht lassen sich die Leichtathletik-WM und die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes noch verlängern? Jedenfalls ist das so ein sehr angenehmer Start hier!

Gestern war der erste Schultag für die Jungs. Bis mittags war auch alles „gut“ (gut = die normale, alles sagende, erschöpfende Auskunft der Minimänner, wenn man sie fragt: „wie war’s?“).

Aber als die zwei hier am Compound aus dem Schulbus gestiegen sind, sah man ihnen an, dass etwas ganz und gar nicht gut gewesen ist. Und zwar wollte der Schulbus ohne Rasmus losfahren! Justus hat es aber mit Unterstützung von Mitschülern geschafft, dass der Bus wartet, war wohl nicht so ganz einfach. Und wo war Rasmus? Entgegen aller Ankündigungen per Mail, auf der Webseite, mündlich und sogar auf Nachfrage bei der Einführungsveranstaltung am Freitag, hat er seinen Schulausweis nicht vom Klassenlehrer bekommen, sondern erst nach Unterrichtsschluss in der Buchhaltung abholen dürfen. Klar, dass dann die Zeit nicht gereicht hat, um rechtzeitig zum Treffpunkt zu kommen, und so war das Kerlchen dann allein auf dem Schulhof. Immerhin, gut ausgegangen, beide Kinder heil angekommen, Justus ist unser Held.

Aber was für ein unglücklicher Start, genau das ist ja einer der Knackpunkte hier: dass die Kinder zuverlässig von A nach B kommen. Das vorgeschossene Vertrauen hat nun leider einen leichten Knacks bekommen, auch wenn sich der Buskoordinator entschuldigt hat, das sei halt extrem unglücklich gelaufen, weil neues Kind und neuer Klassenlehrer aufeinandergetroffen sind. Immerhin wurde mir versichert, dass kein Kind in der Schule stehengelassen wird, sondern es schon vorgekommen ist, dass ein einzelnes Kind mit einem Bus ganz für sich allein nach Hause gefahren wird. Naja, ich hoffe, das wird nicht mehr nötig sein, immerhin hat Rasmus ja seinen Ausweis jetzt… Und heute hat auch alles prima geklappt, und es sind zwei fröhliche Rüben aus dem Bus gepurzelt!

Gestern haben wir ausgepackt, ausgepackt und, äh, ausgepackt.

Heute war ich beim „medical check“, das war ein Erlebnis für sich. Erstmal an irgendeinem anderen Ende der Stadt, fast schon in den Bergen, das war immerhin ein netter Anblick. Und dann war es wie Zirkeltraining, Station für Station, unpersönliche Massenabfertigung: Röntgen (ohne Bleischürze…), Blutdruck messen, Ultraschall (Nieren etc.), Blutabnahme, Sehtest, EKG, alles in allem gerade mal 20 Minuten! :D

Vorhin hab ich dann unsere Pässe an der Rezeption abgegeben, kann die in 3 Stunden wieder abholen, dann ist die polizeiliche Anmeldung erledigt. Wenn das Gesundheitszeugnis dann am Montag da ist, folgt der letzte Akt: das Beantragen der Daueraufenthaltserlaubnis.

Gestern hab ich gleich mal bei Tootoos Organic Farm bestellt: Obst, Gemüse, Joghurt, Milch. Wurde direkt heute früh geliefert, macht nen guten, frischen Eindruck (da weder Labor noch entsprechende Fähigkeiten vorhanden, kann ich zur objektiven Qualität nicht sagen, auch das Siegel „organic certified“ sagt mir – noch – nichts). Aber irgendwo muss man ja mal anfangen.

Heute muss ich mich noch um einen Wasserlieferanten und den eventuellen Einbau eines Wasserfilters in der Küche kümmern, „residential cards“ für die Jungs und mich abholen, ein bischen Drängeln, was den TV-Anschluss angeht und und und. Also noch einiges rund um’s Ankommen halt.

Bilder folgen noch, erstmal heisst es für uns Jetlag und Dauermüdigkeit in den Griff kriegen, sind ja nur noch ein paar Tage bis zum Schulstart.

In Hamburg sind wir gut weggekommen. Klar, ein paar Tränen, aber die sind dann auch rasch getrocknet. In Amsterdam hatten wir uns schon gemütlich im Flieger eingerichtet, die ersten Filme lief es bereits, Lautsprecherdurchsage auf holländisch, aber nicht die erwartete Ankündigung, dass es endlich losgeht, sondern: „Sorry, das Flugzeug wurde beim Beladen beschädigt und muss am Boden bleiben.“ Aber nachher käme eine Maschine aus Tokio, mit der ginge es dann weiter. Und das war dann auch so. Mit zweieinhalbstündiger Verspätung sind wir dann hier in Peking gelandet. Nachdem Hamburg uns mit typischem Brackwetter (ok, untypisch warm dabei) verabschiedet hat, wurden wir hier mit blauem Himmel und 33° empfangen. Häuschen hat Thomas gut ausgesucht, ich denke, wir werden uns hier wohlfühlen können. Jetzt müssen wir noch diese blöde Reisemüdigkeit aus den Knochen kriegen und die Zeitumstellung wuppen, damit die Jungs dann ab nächstem Montag nicht in der Schule schlafen… ;)

Noch einmal schlafen! Noch 28 Stunden bis wir hier die Haustür hinter uns zumachen – ich hoffe sehr, dass die sich nicht wie Kaugummi ziehen.

„Bist Du eigentlich aufgeregt?“

Nein, gar nicht, wenn man vom Gedankenkarussel, einem leichten Zittern, der Schlaflosigkeit und dem Knoten im Bauch mal absieht. :)

Ich möchte jetzt eigentlich nur endlich ankommen.

Meinen TransSib-Traum habe ich erstmal verschoben. Die Visabeschaffung für Russland und vor allem für Weißrussland artet dermassen in Stress und Hektik aus, das tu ich mir nicht an. Ich kann nicht im üblichen Schuljahresendstress (Klassenfeste, Sommerfeste, Abschiedsfeste…) so unmittelbar vor’m Schwedenurlaub auf den allerletzten Drücker noch zweimal (!) nach Berlin fahren. Und wie gesagt: nur verschoben! Dafür wird sich ein besserer Zeitpunkt finden, und dann auch mit Zeit für Zwischenstopps und Ausflüge.

Nun steht also das Umzugsdatum fest: Abflug in Hamburg am 14.8.2015.

Ich hab’s versucht und bin morgens aufgestanden – nur eine Stunde später hab ich wieder fest geschlafen. Auch die Jungs waren „unweckbar“. Losgetuckert sind wir dann gegen 14 Uhr… Wie man weiter unten bei den Bildern sehen kann: Traumwetter!

Mit der U-Bahn zum Tienanmen-Platz. Das war schon ein Erlebnis, Sicherheitskontrolle am U-Bahn-Eingang nur unwesentlich weniger aufwändig als am Flughafen. Nur ein paar Stationen, einmal umsteigen und schon waren wir Tienanmen-East. Man kommt aus der U-Bahn-Station hoch und ist erstmal erschlagen – so bombastisch ist alles. Die Straße hat so viele Spuren, soweit kann ich gar nicht zählen… ;)

Am Zugang zum Tienanmen ist erneut eine Sicherheitskontrolle, die Schlange ist überschaubar, und da es so viel zu sehen gibt, wird das Warten auch kein bischen langweilig. Viele Chinesen haben Snacks in Plastiktüten dabei – sieht alles sehr interessant aus… Der Platz ist groß. Ok, das beeindruckt schon, aber uns zieht es in die Verbotene Stadt. Für „drinnen“ will ich mehr Zeit haben, also spazieren wir nur so dadurch – und es gefällt uns, auch den Minis. Letztere rennen und hüpfen und spielen, ab und zu werden wir gefragt, ob man sie fotografieren darf – gerne. Die beiden hüpfen eine Mauer entlang, krakeelen vor sich hin und schwupps, hüpft ein chinesischer Junge hinterher. <3

Dann bummeln wir durch Seitenstraßen und landen in einer großen Einkaufsstraße. In den Seitenstraßen stürmen wieder Hunderte Gerüche auf uns ein, soviele Shops, soviel essen, da gibt es Teigtaschen, da Fritiertes, da Undefinierbares, es riecht lecker, interessant und auch mal bäh; überall fahren Mofas mit kandierten Früchten auf Spiessen – die müssen wir morgen mal probieren, heute war unser kulinarisches Experiment „Tee-Eis“. Für Justus und mich war es nix (Erbseneis!), Rasmus fand’s ok, Thomas – ist ja nun schon länger hier – hat unsere Reste aufgefuttert. Dann entdeckte Jussi ein KFC und war nicht mehr zu halten – also bekamen die Kids ihr Abendessen da. Merke, lieber deutscher Touri: das deutsche Handzeichen für „2“ heisst auf chinesisch „8“ und auch zwischen 10 Wings und 10 Portionen ist ein kleiner Unterschied – entsprechend irritiert war die Mitarbeiterin, klärte sich glücklicherweise alles auf und Jungs waren happy. Dann sind wir noch ein bischen weitergebummelt, und waren dann aber auch platt und sind mit dem Taxi wieder nach Hause gefahren: vorbei an Luxus-Prachtbauten und heruntergekommenen Hochhäusern, alles bunt beleuchtet, trubelig, lebendig.

Heute Abend haben wir dann mal gefragt, wie es den Jungs gefällt: sie finden es großartig hier – puh, das ist so beruhigend! Hauptsache, das bleibt so. Morgen wollen wir dann zu dritt in den Zoo, wenn das Wetter wieder halbwegs so wie heute ist.

Jetzt ist es 22 Uhr hier und ich werde mich mal trauen, alleine in den Supermarkt zu gehen, ich brauche ne Gesichtscreme… Die Luft ist so trocken hier, das gibt’s gar nicht. Mal gucken, ob ich erfolgreich bin…

Gestern war es also soweit, aufgeregt wie nur was sind die Minis und ich nachmittags in Hamburg abgeflogen, umsteigen in Amsterdam ging auch flott und der ganze Flug war soweit angenehm und entspannt, irgendwann sind wir auch eingeschlafen  – und nachts wurde ich dann wach und sah das:

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Gut 11 km über der Mongolei

Das war es dann für mich mit Schlafen –  rausgucken war wichtiger. Schon ein irres Gefühl, dieser erste Blick auf Asien. Leider wurde die Sicht dann doch bald schlechter, aber wir waren ja schon fast da und sind dann pünktlich im Pekinger Schneetreiben gelandet. Einreiseformalitäten waren zügig erledigt, Gepäck auch fix da und dann ging es raus: Hallo Peking, hier sind wir.

Und da war sie also, die Pekinger Luft. Riecht für mich wie Berlin früher *röchel*. Nee, keine Sorge, kein Röcheln, aber man merkt und riecht und schmeckt es schon.

Mit dem Taxi ging es dann „nach Hause“. Große Augen bei den Kurzen: keine Kindersitze, nicht mal Anschnallen war möglich, und das bei Verkehr, der echt abenteuerlich ist (und das, obwohl Peking wegen der Neujahrsfeierlichkeiten weniger voll als sonst sein soll).

Blick aus einem Schlafzimmerfenster

Blick aus einem Schlafzimmerfenster

Die Wohnung ist echt nett, zentral gelegen, erstmal ankommen und bischen ausruhen. Nachmittags sind wir dann zu einem ersten Spaziergang aufgebrochen. Wetter war viel besser als morgens, kein Schnee mehr, trocken – und die miese Luftqualität haben wir gar nicht mehr so wahrgenommen. Dafür alle paar Schritte neue Gerüche – von Katzenpisse bis richtig lecker alles dabei. Soviel zu sehen und zu entdecken, man weiss gar nicht, wo man zuerst hingucken soll. Wir sind dann durch Sanlitun durchgebummelt – und bei Schindlers Anlegestelle gelandet, wo wir die Kurzen dann erstmal ohne kulinarischen Kulturschock abfüttern konnten. ;) Uriger Laden und ein bunter internationaler Gästemix, überwiegend aber doch Chinesen.

Es stürmen unglaublich viele Eindrücke auf einen ein, und so weiss ich gar nicht, was erzählen und wo anfangen. Der Verkehr zum Beispiel: an den Kreuzungen wird gehupt, was geht, Abbieger fahren trotz Fußgängern einfach weiter und dazu noch die Vielfalt der Fahrzeuge: von der uralten Schrottmühle bis zur neuen Luxuskarosse, Fahrräder, eBikes, Rikschas, Lastenkarren, Lastenfahrräder, Busse – das Straßenbild ist wirklich bunt. Ebensolche Vielfalt bei den Gebäuden. Moderne Neubauten neben ollen Abrissbuden, flache und hohe Häuser bunt durcheinander, kleine Gassen, wo die Zeit stillsteht, und dann turbulente, moderne Einkaufsstraßen. Botschaftsgebäude, gut gesichert, sowohl durch Zäune als auch schwer bewaffnete Polizisten. Überhaupt viel Polizei unterwegs. Aber auch die grinsen unsere beiden Minikasper an. Genauso wie wir gucken, werden auch wir angeguckt und fotografiert – die Minis seien „so cute“. Stimmt. :)