Viel von meinem Alltag zu berichten habe ich derzeit nicht. Wohnungsknast halt. Highlight heute: Postkarte aus San Francisco ist nach 5 (fünf) Monaten angekommen. Yay!
Und immerhin, ich komme dem Ziel näher, den Film „2012“ zweitausendundzwölfmal zu sehen …

Nach einer kurzen Phase mit einer einzigen Neuinfektion und dem Rückgang von aktuell noch Erkrankten in Peking, gab es vorgestern gleich 10 neue Infektionen auf einmal. Da war die Hoffnung, es könnte sich hier doch bald normalisieren dahin. Dass erste Parks jetzt den Zugang begrenzen (Chaoyang-Park nur noch maximal 20.000 Besucher/Tag; für den Sommerpalast gibt es nur noch online Tickets), zeigt dass wir noch weit entfernt von Normalität sind.

Heute Vormittag war ich kurz einkaufen. Geringfügig mehr Verkehr als noch letzte Woche, aber weiterhin ziemlich tote Hose. Die wenigen Leute, die man sieht, tragen selbstverständlich alle Maske – und schon stellt sich das surreale Gefühl wieder ein, Statistin in einem Katastrophenfilm zu sein.

Maske oder keine?

Hier müssen wir Masken tragen, von daher ist die Diskussion über deren Sinnhaftigkeit für uns nicht ganz so relevant, wenn auch trotzdem interessant. Wer das hier ohne probieren möchte: Viel Spaß dabei, sich hinterher als Märtyrer zu inszenieren. Abgesehen davon gibt es in Asien grundsätzlich auch jenseits von Covid-19 eine andere “Maskenkultur” als in Deutschland, und damit meine ich jetzt nicht die Anti-Smog-Masken.

Die Regale in den Läden waren voll, nur Masken und Desinfektionsmittel gibt es nicht. Da hier Maskenpflicht herrscht, wird das mit den Masken so langsam ein Problem. Es gibt keine Vorschrift, welche Masken zu tragen sind, ich kann auch meine ganz normale Anti-Smog-Maske nehmen. Die ist ganz sicher nicht virendicht, aber sollte ich mal niesen oder angeniest werden, dürfte das zumindest einen Volltreffer verhindern. Wichtiger ist vielleicht, dass man sich mit Maske nicht so viel im Gesicht rumfummelt. Inzwischen habe ich mir auch angewöhnt, die Maske nicht mehr zwischendurch runterzuziehen, sondern nur noch mit frisch gewaschenen oder desinfizierten Händen (hurra, ich habe noch etwas Sterillium-Virugard) beim Gehen und Wiederkommen anzupacken. Das Desinfektionsmittel hat der Mittlere im Januar mitgebracht und da schon berichtet, dass es nach seinem Einkauf ausverkauft war. Und heute lese ich dann, dass der gerade erst eingesetzte Krisenstab sich jetzt erst um Schutzausrüstung kümmern will…

 

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In welchem Paralleluniversum hat man in Deutschland die letzten Wochen verbracht? Bisschen spät, oder?

Zwischen Beschwichtigungen und Panikmache

Beschwichtigungen oder Panikmache und zuwenige leise Stimmen dazwischen. Sehr nett aufbereitet vom Postillon.

Bleiben Sie ruhig. LEGEN SIE VORRÄTE AN! Corona ist nicht schlimmer als eine Grippewelle. BEREITS 53 DEUTSCHE INFIZIERT!!

Nachdem Covid-19 nun auch in Deutschland angekommen ist, ist es nun auch wieder Thema in den Medien und sozialen Medien. Die einen zu sehr in Panik, die anderen zu wenig. Ich glaube, dass für jeden Einzelnen (egal ob hier in Peking oder in Hamburg) die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken eher gering ist. Oder ist das nur eine Hoffnung, weil es ja eh immer nur die anderen trifft? Was anderes ist es mit dem Staat, der die Aufgabe hat, seine Bürger zu schützen – und dann Verdachtsfälle nach Hause zu schicken, Menschen, die glauben, sie könnten infiziert sein, von Pontius zu Pilatus zu scheuchen, Großveranstaltungen nicht abzusagen… Reicht das aus? 

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Whataboutism at its best

Vergleiche können sinnvoll sein, um ein Ereignis einzuordnen. Wenig Sinn macht es aber, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, damit man zeigen kann, es sei alles nicht so schlimm.

Die Menschheit hat unzählige ungelöste Probleme, Kriege und Hunger, Krankenhaushygiene, Verkehr, Klima, Menschenrechte, fragwürdige kulinarische Praktiken… Was jetzt alles aufgeführt wird, um zu beweisen, dass das Coronavirus nicht so schlimm ist, kennt keine Grenzen. Viele, die Whataboutism sonst zu Recht kritisieren, stehen jetzt mit in der ersten Reihe und verkünden ihre „ja, abers“. Was soll das? Wem nützt das? Der notwendigen Eindämmung einer für viele Menschen tödlichen Krankheit jedenfalls nicht.

Ich hab Puls

Grenzen kennt das Virus übrigens auch nicht. Unglücklich, dass es so wirkt, als habe Deutschland es vorgezogen hat, eine Laissez-faire-Politik zu fahren, obwohl man mit Blick auf China hätte vorgewarnt sein können. „Thoughts and prayers“? Really? Wird schon nicht so schlimm, weil: wir sind ja Deutschland? Dass der Krisenstab jetzt erst eingerichtet wurde (und jetzt erst auf die Idee kommt, sich um die Herstellung und Beschaffung von Schutzausrüstungen zu kümmern, siehe oben), dazu fällt mir nichts mehr ein. Doch: Das ist grob fahrlässig und gefährdet Menschenleben. Es wird – wahrscheinlich – nicht mich treffen, mögen sich viele sagen. Ich auch. Aber: Habt Ihr alle keine älteren Angehörigen oder vorerkrankten Freunde?

Gerade lief die Pressekonferenz im UKE (Für die Nichthamburger: Universitätsklinikum Eppendorf, wo ein Arzt des Kinder-UKE infiziert ist). Ein Aspekt: ein Reporter verwies auf die Schweiz, in der Veranstaltungen mit über 1000 Personen verboten wurden, aber in Hamburg werden wegen des einen bestätigten Coronafalls keine Großveranstaltungen (konkret z.B. der LiLaBe) abgesagt. Zum Vergleich: In Peking (über 21 Millionen Einwohner, derzeit 146 Erkrankte) dürfen nicht mehr als 3 Leute an einem Restauranttisch sitzen, nur die Hälfte aller Tische darf überhaupt besetzt werden.

Das klingt jetzt vermutlich ungewohnt grantig für mich. Kann sein, dass ich nach wochenlangem Wohnungsknast mit wenig Freigang inzwischen etwas dünnhäutig bin. Und natürlich glaube ich – will ich glauben -, dass diese massiven Einschränkungen ihren Sinn haben und Schlimmeres verhindern. Man möge mir also nachsehen, dass ich aus meiner Peking-Perspektive finde, dass in Deutschland noch nicht der richtige Umgang  mit Covid-19 gefunden wurde. 

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4 Kommentare
  1. Ulrike
    Ulrike sagte:

    Achje! Ja, dieses wochenlange Eingesperrt sein, kann einem wohl gut auf die Nerven gehen! Du Arme! Ich gehöre ja auch mehr zur entspannten Fraktion. Veranstaltungen in HH abzusagen, weil es einen Infektionsfall gibt, halte ich auch für übertrieben. Auch die Pekinger Restaurantregel finde ich wenig sinnvoll. Wenn da ein Koch infiziert wäre, ist es egal, wieviele Gäste im Restaurant sitzen. Von Gast zu Gast anstecken kann passieren ob nun 3 oder 10 Leute am Tisch sitzen.
    Nach wie vor wird der Krankheitsverlauf von Experten als leicht bis mittel beschrieben. Und auch an einer “normalen” Grippe sterben meistens “nur” die alten und Schwachen.
    Du magst mich für leichtsinnig halten, aber noch sehe ich es nicht ein, warum ich mich anders als sonst verhalten soll. Häufiges und gründliches Hände waschen gehört schon lange zu meiner Routine, schon wegen meines Vaters und meiner Arbeit in der Bahnhofsmission.
    Lass Dich nicht anstecken – weder vom Virus noch von der Panik!
    Liebe Grüße
    Ulrike

    Antworten
  2. Stephanie
    Stephanie sagte:

    Bisher der beste Artikel, den ich gelesen habe. Ja, meine Gedanken. Wieso fangen die deutschen Behörden JETZT erst an, einen Krisenstab aufzustellen, nachdem das Virus hier angekommen ist. Die offiziellen Angaben über Erkrankte und Tote in China haben nicht gereicht, sich hier frühzeitig um sachliche Aufklärung zu Hygiene und Vermeidungstechniken zu kümmern? Aber nun im Minutentakt über einzelne bestätigte Fälle zu berichten? Ich bekomme auch Puls, wie manche hier das Thema belächeln. Keiner stellt die richtigen Fragen. Zum Beispiel, was Infizierte erleiden, wenn es nicht so gut läuft. Die Angst der Angehörigen um Ihre Liebsten. Oder die Frage zu stellen, ob Folgeschäden zurückbleiben. Danke für deinen tollen Artikel. Liebe Grüße, Stephanie

    Antworten

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