Alter und neuer Stoffmarkt

Vom Stoffmarkt hatte ich bisher nur viel gehört: so viel zu gucken, soviel Auswahl, gute Qualität und Ramsch, außer Stoffen sämtliches Nähzubehör. Selbst wenn man selbst nichts kaufen wolle, sollte sich ein Besuch lohnen. Heute war es nun soweit und wir fuhren wir zu dritt hin. Der Stoffmarkt liegt südwestlich des 4. Rings an der Dahongmen Lu im Fengtai Distrikt – von uns aus also eine halbe Weltreise in ein Stadtviertel, durch das ich bislang bestenfalls ein-, zweimal durchgefahren bin. Die Fahrt also entsprechend lang, ziemlich viele (Wohn-)Hochhäuser, Baustelle an Baustelle. Der südliche Flughafen Nanyuan ist nicht weit (nicht zu verwechseln mit dem im Bau befindlichen Flughafen Daxing – Gruß nach Berlin 😉 An einer Metrostation ist wahnsinnig viel Gewusel und zum ersten Mal seit langem sehe ich richtig viele Fahrräder, auch mitten auf der Straße. Es wirkt so komplett anders als z.B. der CBD, um einen sehr krassen Gegensatz zu nennen, durch den wir nachmittags wieder zurückrauschen.

Wir fuhren zunächst zum neuen Stoffmarkt, da es hieß, der alte sei schon zum Großteil geschlossen. Als wir dort ankamen, lange Gesichter: nur einzelne Geschäfte bereits geöffnet, das meiste aber noch geschlossen oder im Umbau, wenig los, trostlos (wobei zu dem trostlosen Eindruck sicher auch der graue Smoghimmel beigetragen hat). In einem Geschäft gab es wunderschöne Seidenstoffe (leider keine Bilder, ich brauchte beide Hände zum Fühlen und Gucken…), aber mehr hat uns auch nicht angesprochen. Wenn das irgendwann mal belebter ist, wird das sicher schön, aber das dauert bestimmt noch etwas. Also auf zum alten Stoffmarkt. Auf dem Weg zurück zum Auto fährt ein Moped mit einer Kloschüssel auf dem Gepäckträger an uns vorbei. Dass sich auf Mopeds alles (ja, alles!) transportieren lässt ist das eine, nur eine Kloschüssel (komisches westliches Zeugs!) ist gerade hier dann doch bemerkenswert ungewöhnlich! 🙂

Alter Stoffmarkt – Kontrastprogramm!

Bunt, laut, voll, schmutzig, aber voller Leben. Ziemlich abgewrackt, nicht nur wegen der Bauarbeiten. Tatsächlich ist mittendrin ein ganzer Block bereits abgerissen. Die Läden so unterschiedlich wie auf jedem Markt hier: der eine gepflegt und aufgeräumt, der nächste Schmuddelchaos. Vorbei an Schaufenster-/Ankleidepuppen (die mittelgroßen-kopflosen für 350 Kuai zu haben!) ging es zu Kordeln, Bändern, Knöpfen. Weiter zu Dekostoffen, Baumwolle, Viskose, Satin, Canvas; dann Applikationen, wieder Knöpfe, Schnallen, Spitzen, Borten… Hier sind die Waren nach Gassen sortiert, in der einen nur Baumwollstoffe für Bettzeug z.B., in der nächsten nur Applikationen usw. – beim neuen Stoffmarkt war kein derartiges System zu erkennen. Überall stapeln sich Säcke und Rollen mit den Waren draußen vor den Läden. Lagerräume gibt es nicht, kein Platz dafür. Die Gassen werden dadurch noch enger, aber können nichtsdestotrotz als Rennstrecke genutzt werden, wenn es hupt, muss man schon schnell zur Seite springen…

In manchen Läden riecht es. Staubig, muffig, undefinierbar… Wir nähern uns einem Geschäft mit Glitzerapplikationen. „Das stinkt nach Fisch!“ „Ach was, kann nicht sein!“ „Doch!“ Ich gehe tiefer in den Laden rein und ja, es müffelt wie im Fischladen… Kein Wunder, ist doch gerade Mittagszeit.  🙂 Aber die Applikationen, die an den Wänden hängen sind hübsch und glitzern und funkeln in allen Farben.  Ein paar Geschäfte weiter in einer besonders düsteren engen Gasse gibt es Reißverschlüsse in allen Farben und Längen und Breiten, es ist übersichtlich und aufgeräumt und riecht es frisch und sauber. Vieles ist auf den ersten Blick hin ganz ähnlich und dann erkennt man doch so viele Unterschiede. 

Nicht zum ersten Mal fragen wir uns: wie kann man davon leben, dass man am Tag vielleicht 2-3 Reißverschlüsse für je 3 Kuai (oder eine Mütze oder eine Tasche oder eine Kette oder…) verkauft? Man sieht hier auf allen Märkten und Malls so viele Stände/Läden mit den gleichen Waren – und man sieht selten, dass tatsächlich etwas verkauft wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Märkten sind wir hier allerdings die einzigen Langnasen.

Auch nach über 1,5 Jahren in Peking finde ich den Stoffmarkt fremd, exotisch und aufregend. Da möchte ich ganz bestimmt wieder hin!

2 Kommentare:

  1. Und? Hast du was gekauft? – Ich wäre wahrscheinlich überfordert von der Fülle und käm‘ mit leeren Händen heim. Aber nähen würde ich so gern mal wieder.

  2. Richtig, leere Hände, aber voller Kopf! 🙂

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