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Jetzt ist es passiert. Zum ersten Mal in über fünf Jahren habe ich vor lauter Heimweh feuchte Augen gekriegt. Naja, um ehrlich zu sein: ich hab Rotz und Wasser geheult. Das kam echt überraschend.

Ich vermisse Menschen. Ich vermisse Gerüche: Garten im und nach dem Regen, Wald, (Elb-)Strand… Ich sehne mich manchmal danach, dass ich alles verstehe, zwischen den Zeilen lesen kann, dass alles einfach und normal und gewohnt und selbstverständlich ist – und selbst wenn mal was Neues/Anderes kommt, man schnell damit klar kommen kann, weil man mit Sprache und Kultur vertraut ist. Aber Heimweh? Nee, ich doch nicht.

Und dann kehrte vorgestern die Peking nach über 80 Jahren nach Hamburg zurück.

Als echte Hamburgerin finde ich Boote und Schiffe (vom Kanu bis zum MegaContainerfrachter) großartig. Ich weiß gar nicht, ob das heute noch in der Grundschule dazugehört, eines der ersten Lieder, die ich damals gelernt habe, war das vom „Hamborger Veermaster“. 

Begrüssung der Peking – © Birgit Höpfner

Also völlig selbstverständlich, dass ich den Livestream vom NDR angemacht hab und immerhin am Bildschirm mit dabei war, als es von Twielenfleeth nach ein paar Stunden tidebedingter Wartezeit auf den letzten Abschnitt ging. Sogar das Wetter hat mitgespielt, blauer Himmel mit ein paar dekorativen Wolken. Meine Schwester war auf dem Wasser mit dabei und hat mich auch live mit Bildern zugeballert. Da wäre ich echt gern dabeigewesen.

Die Peking – © Birgit Höpfner

Soweit alles gut, schöne Bilder, tolle Stimmung, die auch über das Internet nach Peking herübergeschwappt ist. Und dann fuhr die Peking an Willkommhöft vorbei. Oh, die vertraute Lautsprecherdurchsage: Musik, kleiner Text, Hymne. Bei „Willkommen in Hamburg“ gingen meine Schleusen auf. Zu viele schöne Erinnerungen damit verbunden, dazu die tollen Bilder – da gab es kein Halten mehr. Das ist mein Hamburg, da komme ich her, da habe ich meine Wurzeln.

Logenplätze! – © Birgit Höpfner

Irgendwann habe ich mich dann auch wieder eingekriegt. War aber auch zu schön, das Gewimmel auf dem Wasser, fast wie Hafengeburtstag, aber spezieller. Das Wendemanöver habe ich noch gesehen, aber dann fielen mir die Augen zu.

Hach…. Traumschön! – © Birgit Höpfner

Peking ist aber auch schön

Die Nacht war kurz, denn ich war mit unserem Vermieter verabredet – er wollte mir den „Importmarkt“ zeigen.

Ich weiß gar nicht, ob ich das schon mal erzählt habe? Wir haben so ein Glück mit unserem Vermieter, nicht nur dass er wirklich ganz reizend ist – wann immer es irgendein Problem gibt, kümmert er sich sofort. Keine Diskussionen, ob das wirklich sein muss, wer das zahlt, wer Schuld ist, ob man nicht irgendwas selbst provisorisch machen könnte. Nein, wird alles immer gleich und gut erledigt. Keine Klebeband-Provisorien mehr.

Er hat schon öfter angeboten, mit mir zum Einkaufen da hin, zum Essen dort hin und zum Sightseeing woanders hin zu fahren. Da kann man/ich auch nicht immer nein sagen. Also ging es gestern morgen los. So schön wie es am Vortag in Hamburg gewesen sein muss, so schön war es gestern hier. Nur wärmer, bätschi! ;) Berge in Sicht, d.h. nicht nur Wetter toll, sondern Luft auch.

Hotelmarkt = Importmarkt = Großmarkt

Nach einer halben Stunde (Stau…) standen wir vor dem Komplex, den ich als „Hotelmarkt“ kenne. Huch? Allerdings sind wir in das große Hauptgebäude vorne rein und hinten wieder raus marschiert. Und das war dann wieder ein Eintauchen in eine andere Welt. Leider habe ich keine Bilder gemacht, nicht mal mit dem Handy, das wäre mir unhöflich vorgekommen… 

Die Sonne brennt vom Himmel. Staubige Straßen, vollgestopft mit Fahrzeugen aller Art. Eingeschossige schlichte Bauten, eine „Garage“/Laden am anderen. Unzählige Schilder und Plakate. Ganz viel Leben davor, die meisten Ladenbesitzer sitzen draußen. Es ist bunt, und es ist laut, und es fühlt sich gar nicht mehr wie 2020 an, sondern Jahre früher…

Die meisten Läden sind spezialisiert: hier gibt es nur Öl, dort nur Reis, hier Getränke, da Gewürze… Wir gehen immer weiter, kreuz und quer, der Vermieter wird immer nervöser. Wir gehen in einen Laden, der belgisches Bier und schwedischen Cider verkauft. Er spricht den Ladenbesitzer an, der den Kopf schüttelt. Nein, die Läden, die er suchte, sind nicht mehr hier. Die „Kronenepidemie“ (schöne Übersetzung, oder?), keine (ausländischen) Touristen mehr in Peking, einige Händler sind zurück in den Heimatort, dazu der ganz normale schnelle Wandel in Peking – warum auch immer: die Importshops sind nicht mehr da. Einige wenige seien in das große Gebäude umgezogen.

Dahin gehen wir nun zurück, fahren nach oben, sehen uns um, aber werden nicht fündig. Ich merke, dass es ihm etwas peinlich ist und sage (und meine es auch), dass ich das gerade wirklich interessant finde. Ich war jetzt schon einige Male beim „Hotelmarkt“, aber das Gewusel dahinter habe ich mir nie angesehen. Er möchte noch Tee kaufen, ist aber wählerisch und findet „seine“ Sorte nicht.

Ich frage, ob wir in einen der Kaffee-Läden gehen können. Und das tun wir dann, lassen uns Vollautomaten vorführen und probieren uns durch unzählige Kaffeevarianten. Die Preise machen uns schwindelig, eventuell muss ich vom ersten Nach-Corona-Heimaturlaub ein Maschinchen aus Deutschland mitbringen. Er kauft eine Großpackung Instant-Kaffee, ich eine Flasche Caramelsirup – und dann reicht es auch.

Als wir wieder im Auto sitzen, sagt er: Ich lade Dich jetzt zum Mittagessen ein. Zwanzig Minuten später gehen wir ins JinDingXuan neben dem Tuanjiehu Park. Mir war bis zu dem Moment nicht klar, dass das eine kleine „Kette“ ist, acht Filialen in Peking, ich kannte bisher nur die schräg gegenüber vom Lamatempel am Ditan-Park. Anders als dort gibt es hier allerdings weder englische noch bebilderte Speisekarte. Aber wozu auch, das hier ist keine Touristen-Gegend. Trotzdem ist das Restaurant proppevoll. Abends sollen die Leute sogar Schlange stehen.

Clean Plate? Heute nicht.

Er bestellt einmal querbeet durch die Speisekarte, als die Kellnerin anmerkt, dass das sehr viel für zwei Leute seit, sagt er, dass er alle Reste mitnehmen wird. Ah – „Clean Plate!“. Eine (staatlich iniitierte) Aktion gegen Lebensmittelverschwendung. Teller leer essen. Nicht mehr zeigen, dass man ein guter Gastgeber ist, in dem man viel mehr Gerichte bestellt als tatsächlich gegessen werden kann. Stattdessen verantwortungsbewusst mit Lebensmitteln umgehen. Definitiv ein gutes Projekt, aber das ist ja fast wie ein vegetarischer Tag pro Woche in der Kantine… ;) Eine krasse Änderung in der chinesischen Ess-Kultur.

Wurm? Gedärm? Minihühnerfuß?

Die meisten der bestellten Gerichte sind gut oder sehr gut. Die Kette führt Spezialitäten aus vielen Teilen Chinas, Schwerpunkt liegt aber auf Südchina/Guandong. Die DimSum sind sehr lecker, besonders die ShaoMei. Typisch Mann (?) – wenig Gemüse auf dem Tisch. ;) Ein Hühnchengericht, dass an Kung Pao Chicken erinnert, aber samt Knochen und Haut serviert wird, ordentliches Mapo Doufu. Schweinebauch. Ich mag so fettes Fleisch eigentlich nicht, aber das ist in einer superleckeren Sauce ganz weich gekocht – kann man gut essen. Und dann kommt noch etwas.

Ich weiß echt nicht, was es ist. Würmer, Schnecken, Innereien oder Minihühnerfüße? Der Vermieter grinst mich an, ich zwinge mich, zurückzulächeln, will mir elegant mit den den Stäbchen so einen Wurm zur Gemüte führen – und scheitere an meiner Feinmotorik. 

Bitte verlassen Sie Ihre Komfortzone jetzt.

Zweiter Versuch. Es ist mit einer Art weicher Panade ummantelt, da knabbere ich erst einmal vorsichtig dran. Puh, zum Glück ist der Geschmack echt gut. Ich fühle seinen Blick auf mir. Oh nein. Todesmutig beiße ich hinein, denke an was Schönes, während ich kaue und schlucke. Und schlucke. Und schlucke. Oh Mann, es schmeckt nicht schlecht, aber mein Ekel ist so groß, ich kann es nicht aufessen.

Der Vermieter grinst mich an. Boah, er hat genau gewusst, was er tut – aber ich hab wohl bestanden. Ich halte mich an die DimSum und das Gemüse, er spachtelt den Schweinebauch und das Gewürm weg, Hühnchen und Tofu lässt er für seinen Sohn einpacken.

Zu trinken gab es weder warmes Wasser noch heißen Tee, sondern den besten Eistee, den ich je hatte.

JinDingXuan – Getränke und Mondkuchen

Da das Mondfest näher rückt, gibt es auch Mondkuchen. Einen teilen wir uns, und dann geht’s nach Hause.

Peking ist cool

Ich hab den Tag trotz aller Herausforderungen (Gewürm!) total genossen. Einziger Wermutstropfen: Ich bin hinterher (mental) total erledigt – wegen der Sprache. Der Vermieter spricht kein Englisch, mein Chinesisch reicht für den Alltag, aber bei längeren Gesprächen wird es echt haarig. Ich verstehe zwar inzwischen relativ viel gesprochenes Chinesisch (wobei ich natürlich oft total daneben liegen kann). Selber sprechen ist und bleibt katastrophal, ich treffe die Töne nicht, vernachlässige Grundregeln des chinesischen Satzbaus… Und abhängig vom Thema fehlt mir natürlich auch immer wieder mal auch das Vokabular. Es ist echt peinlich, dass es nicht besser ist.

Aber trotz dieser Schwierigkeiten kommen wir klar – es lebe die moderne Technik. Seine chinesische App ist meinen Übersetzungsapps nebenbei bemerkt haushoch überlegen… 

Nach dem tränenfeuchten Abend vorher war das genau das richtige Programm für mich. Vom genialen Wetter angefangen, etwas anderes entdecken bzw. mit anderen Augen sehen, raus aus der üblichen Bubble, mit einem Pekinger unterwegs sein – mir hat das gut getan. Trotz des akuten, inzwischen überstandenen Heimwehanfalls – ich bin nach wie vor, trotz und wegen allem immer noch gerne hier. Bin noch lange nicht fertig mit Peking und China, gibt noch so viel zu entdecken. Und ich bin echt froh darüber, dass ich das alles erleben kann. 

 

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Das haben wir jahrzehntelang in Deutschland zu hören bekommen, jetzt sollte es umgekehrt für uns gelten. Oder?

Wieviel Chinesisch braucht man im Expat-Alltag wirklich?

Natürlich macht es einem das Leben in China leichter, wenn man (etwas) Chinesisch versteht und spricht. Aber es geht auch ohne, zumindest mit dem Rundum-Sorglos-Expat-Paket.

Wir wohnen in Compounds mit englischsprachigem Management, unsere Kinder besuchen deutsche/internationale Schulen und werden mit dem Schulbus zur Schule und zurück transportiert. Es gibt in „unseren“ Wohnvierteln auf uns ausgerichtet Supermärkte, Restaurants, Kliniken (bzw. Ärztehäuser). Die Metro ist in der ganzen Stadt zweisprachig ausgeschildert, ebenso sind alle Durchsagen auf Chinesisch und Englisch. Sehenswürdigkeiten sind ebenfalls auf Englisch ausgeschildert und teils auch detaillierter erklärt. Ehrlich gesagt, ist das ein Umfeld, in dem man eher Englisch als Chinesisch braucht. Und wenn es doch mal hakt, gibt es Hilfe aus den Büros der Göttergatten.

In der Pekinger Expatbubble kommt man gut ohne Chinesisch klar. Vielleicht kann es einen auch beruhigen, dass viele Menschen nach und durch China reisen, ohne ein Wort Chinesisch zu verstehen oder zu sprechen. 

Und auf Reisen?

Wenn man nur kurze Zeit durch China reist, stellt sich die Frage, wie viel Zeit man vorab ins Sprachenlernen stecken kann, noch mehr. In den großen Städten, den vielen Touristenmagneten, geht es gut ohne Chinesisch, selbst wenn man keinen übersetzenden Guide dabei hat. Wenn man sich als Backpacker/Individualreisende auch abseits der Touristenpfade tummeln will, dann kann es einem schon passieren, dass man niemanden trifft, der Englisch sprechen kann (wobei das auch in Peking passieren kann). Aber mit App und/oder Wörterbuch, abfotografierten/ausgedruckten Adressen geht auch das und gehört zum Abenteuer China dazu.

Trotzdem: Sprachkenntnisse öffnen Türen

Viele Chinesen rechnen gar nicht damit, dass wir Langnasen Chinesisch können, und wenn wir dann doch immerhin ein paar Sätze herausbringen können, und sei die Aussprache noch so unterirdisch und die Grammatik sehr fantasievoll – ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Bemühungen anerkannt werden, die Leute reagieren (noch) freundlicher. Aber vor allem fühle ich mich sicherer und unabhängiger, auch wenn mein Chinesisch, um es mit den Worten meiner Jungs zu sagen „so mittel“ ist, was sich aber auch nur aufs Hörverstehen und Radebrechen bezieht, Lesen kann ich nur sehr wenig…

Raus aus der Expatbubble

Ich finde durchaus, dass unsere Blase Vorteile hat. Manchmal kann einen China pur und ungefiltert durchaus überfordern, und dann ist es gut, wenn man sich mit Menschen mit gleichen Erfahrungen in der Muttersprache (oder immerhin Englisch) austauschen kann. Aber wenn man schon in China ist, dann will man doch auch mehr über Land und Leute erfahren. Ich jedenfalls. Dazu ist es natürlich hilfreich, wenn man sich ein bisschen auf Chinesisch unterhalten kann. Ob man Hände, Füße oder Handy-Apps unterstützend verwendet, ist dabei gar nicht mehr so wichtig. Ich glaube, man traut sich einfach eher, wenn man schon ein paar Kursstunden hinter sich hat.

Im Sprachkurs lernt man mehr als nur die Vokabeln

Chinesischbücher

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In meinen Sprachkursen habe ich außer Vokabeln und Grammatik und die richtige Schreibreihenfolge und -richtung für die Radikale (die Bestandteile der Schriftzeichen) viel über Land und Leute gelernt, über Fettnäpfchen und Feiertage, Sitten und Gebräuche. Allein, dass es kein „richtiges“ Wort für „Nein“ gibt – das sagt doch schon viel, oder?

Ich würde jedem, der für mehr als ein paar Tage nach China geht, raten: Lerne Chinesisch. Guten Tag, Tschüss, Danke, Bitte – das kann jeder. Dazu Zahlen und: „Wie teuer?“, dass man aus Deutschland kommt – das ist immerhin ein guter Anfang.

Aber machen wir uns nichts vor, wenn wir über Anfängerniveau hinauskommen wollen, ist Chinesisch zu lernen wirklich fordernd. Mir fällt das Sprachen lernen an sich sehr leicht, das habe ich aber nur gedacht, bis es mit Chinesisch losging. Damit tue ich mich schwer, weil es so anders ist und weil ich es mit keiner der bisher erlernten Sprachen verknüpfen kann. Kathedrale: the Cathedral, la cathédrale, la catedral, katedralen… Auf Chinesisch: 大教堂 (dà jiàotáng).

Meine Aussprache ist und bleibt unterirdisch, es wird zwar etwas besser, wenn ich mir vorstelle, Sätze wie ein Lied mit bestimmter Betonung und Rhythmus zu singen, aber das Gefühl vom Knoten in der Zunge bleibt.

Damit es vorangeht, muss man wirklich viel Zeit investieren – neben dem normalen Alltag. Man lernt ja nicht einfach nur Vokabeln wie bei Deutsch-Schwedisch beispielsweise, sondern Pinyin (was die Aussprachehinweise enthält) und die Zeichen. Man muss es schon sehr wollen, um sich soviel Zeit freizuschaufeln und dran zu bleiben. Und wenn man wie so viele Expats dann doch nur 2-3 Jahre hier ist, dann finde ich es völlig in Ordnung, wenn man sich dagegen entscheidet, mehr als die Basics zu pauken. Bei schönem Wetter die Stadt zu erkunden, ist ja auch viel spannender als allein am Schreibtisch zu sitzen.

Fazit:

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich direkt nach unserer China-Entscheidung mit dem Chinesisch lernen angefangen habe. Und das würde ich auch jedem anderen raten, der  eine Zeit lang in China leben wird. Aber wenn es einem an Sprachbegabung und/oder Zeit zum Lernen fehlt: das ist kein Drama! Ich denke, es nimmt viel Druck von einem, wenn man weiß: es geht auch ohne.

 

… und zwar zum Konfuzius-Institut: Chinesisch lernen. Am 15.9. geht es los. Oje, ich bin so gespannt, wie ich damit zurechtkommen werde… Für mich ist das so wichtig, dass ich mich im Alltag auch ohne Übersetzer zurechtfinde, ich will ja nicht immer von jemandem abhängig sein.

Wie geht das eigentlich mit den Schriftzeichen? Und wenn es so extrem auf die richtige Betonung ankommt, weil man sonst nur Blödsinn redet – bekomm ich das hin?

Noch ist es ganz unwirklich. Weit weg – im doppelten Wortsinn…Und doch rückt es langsam aber sicher näher: Thomas ist gestern abgeflogen und seit heute in Peking. Wird ein bischen dauern, bis er wieder in Hamburg ist.

Vom Konfuzius-Institut gab es Mail: Erforderliche Bücher (sind nun bestellt), Login für die zugehörige eLearning-Plattform, weitere organisatorische Hinweise. Nun bin ich echt gespannt und freu mich drauf – Montag geht’s los.

Um von Peking nicht nur als Mega-Smog-City zu denken, hab ich mir ein paar Reiseführer und das Geo-Heft zu Shanghai-Peking-Hongkong gegönnt. Sehr hübsch zur Einstimmung: Culinaria China. Das ist ein bischen Kochbuch, etwas Bildband, etwas Landeskunde. Das war eine Empfehlung von Jonas, der nach einem Jahr Yunnan dieses Buch unbedingt haben wollte. Jedenfalls: da hab ich mich selbst gut ausgetrickst, das wird toll, China und Peking entdecken zu dürfen.

Zweimal zwei Wochen Chinesisch-Intensivkurs liegen hinter mir. Vorher war das Chinesische ein Buch mit Sieben Siegeln für mich, jetzt sind einige Siegel entfernt und ich glaube, ich werde mich doch verständigen können – auf Chinesisch, auch wenn ich bis jetzt nur einen Bruchteil der unglaublich vielen Zeichen verstehe…

Das Hörverstehen ist bei mir noch nicht so wahnsinnig ausgeprägt, einer meiner wichtigsten Notfallsätze wird wohl „Bitte sagen Sie das noch einmal ganz langsam.“ sein. Aussprache? Hilfe, es sind ja nicht nur die verschiedenen Töne, sondern man muss auch Laute bilden, von denen man bisher kaum ahnte, dass es sie gibt… ;) Da setze ich aber ganz darauf, dass das im künftigen Alltag in Peking schon werden wird.

Lesen und Erschliessen von Texten hingegen funktioniert schon ganz gut, immer mehr Zeichen erkenne ich wieder und – auch Teil des Kurses gewesen – wenn ich etwas nicht verstehe, habe ich nun das Handwerkszeug bekommen, um es herauszufinden.

Neben dem eigentlichen Lernen der Sprache, waren diese beiden Kurse für mich außerdem auch eine sehr schöne Annäherung an China (das mir ja bekanntermassen bislang extrem fremd war). Die Erzählungen der Lehrkräfte, teils mit Bildern und Videos illustriert, haben der Neugier auf das Riesenreich weiteres Futter geliefert. „Lebenswichtige“ Hinweise auf Fettnäpfchen, Einblicke in Alltag und Gebräuche – das so erzählt zu bekommen ist doch etwas anderes, als es sich anzulesen.

Auch wenn jetzt gerade kein Kurs läuft, ich lern täglich weiter, damit die bisherigen Vokabeln ohne langes Nachdenken in Wort und Schrift sitzen. Ich hoffe, dass ich dann noch zu mindestens einem weiteren Anschlusskurs komme, dann allerdings nicht mehr ganztags, das ist kaum zu organisieren – abends nach 9 geht dann doch nicht mehr so viel in den Schädel wie es eigentlich müsste, da hätte ich gern mehr Zeit für Hausaufgaben, Wiederholen, Lernen gehabt.

Letztendlich haben mir diese beiden Kurse auch einen Großteil meiner Ängste genommen: Chinesisch kann man doch lernen.

Bevor es im Sommer nach China geht, steht noch einmal ein Schweden-Urlaub mit dem gesamten Anhang an. Darauf freuen wir uns schon wie Bolle. Lofsdalen, Jämtland. Ganz viel Licht, fast rund um die Uhr. Natur und frische Luft satt. Fjäll und Seen. Wieder richtig zur Ruhe kommen, wie immer in Schweden, nochmal richtig auftanken und durchatmen, bevor dann das Abenteuer China startet.

Geplant ist derzeit, dass Thomas von Stockholm aus mit den Jungs nach Peking fliegt. Ich bringe das Auto zurück nach Hamburg – und setze mich dann in den Zug. Richtig, mit dem Zug: Hamburg-Berlin-Moskau-Ulan Bator-Peking, also ab Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn mit dem Linienzug Nr. 4, die mongolische Strecke. Von Lofsdalen bis Peking werde ich dann 10 Tage unterwegs sein. Klingt lange? Ja, ist es auch, aber das möchte ich auch so. Ist immerhin ein Riesenschritt, der da vor mir liegt, da einfach so über Nacht mit dem Flieger ins neue Leben hineinzuhüpfen, das entspricht mir nicht. Stundenlang durch Birkenwälder tuckern? Mag dem einen oder anderen öde erscheinen, ich freu mich drauf. Abgesehen davon gibt es so viel mehr zu sehen, soviel näher und dichter als wenn man mit dem Flieger obendrüber wegrast, hoffentlich viele Gelegenheiten mit Mitreisenden ins Gespräch zu kommen, aber vor allem auch einfach die Gedanken treiben lassen, genug Zeit, um mich unterwegs dann ganz auf Peking einstellen zu können. Und für Thomas und die Jungs ist es auch mal schön, ein paar Tage nur zu dritt zusammenzusein. Jedenfalls hoff ich sehr, dass es so klappt, Transsib kann man erst 45 Tage vor Abfahrt buchen.

Die Haussuche geht auch voran, Thomas hat sich nun mit der Maklerin einige Compounds angesehen. Sehr schön, meine Favoriten sind nun auch die seinen, somit liegen auf der gemeinsamen Liste nun „Dragon Bay“ und „Beijing Riviera“ vorn, wenn es an die konkrete Suche im Juni geht. Das ist auch gewöhnungsbedürftig, dass das in Peking viel kurzfristiger passiert, als wir es hier in Hamburg kennen. Aber welches Haus es dann auch immer tatsächlich werden wird, das wird schon ein gemütliches Nest für uns werden.

Ich büffel weiter chinesisch. Da hat mich der Aufenthalt in den Frühjahrsferien doch sehr beruhigt. Nur noch den April zuende, dann ist auch der aktuelle Kurs beendet – erst in Peking werde ich mir dann den nächsten Kurs suchen. Auch wenn man sich mit Englisch, Händen und Füßen und einem 20 Worte umfassenden Chinesischvokabular zurechtfinden könnte, das ist nichts für mich. Chinesisch zu lernen fällt mir zwar schwerer als jede andere Sprache zuvor, dennoch finde ich es für mich wichtig, die Sprache des Landes, in dem ich leben werde, einigermassen zu verstehen. Und dann hatte ich in den Frühjahrsferien auch den Eindruck, dass es mir Türen aufmacht, wenn ich schüchtern Möchtegern-Chinesisch vor mich hinstammele (hören, lesen, verstehen geht deutlich einfacher als selber zu formulieren und zu sprechen). Naja, das wird mit der Zeit vor Ort in China selbst hoffentlich besser werden.

Ansonsten – da wir uns einig sind, dass wir „mit kleinem Gepäck reisen“ gibt es gar nicht soviel weiteres zu tun. Wenn überhaupt, brauchen wir nur einen kleinen Container. Hier im Haus gibt es noch ein bischen was tun, was aber eh anstünde (streichen, Bad renovieren lassen…), das wird jetzt auch allmählich erledigt, bis es dann in einem Vierteljahr „tschüss, Hamburg“ heisst. Oh Mann, es ist tatsächlich nur noch ein Vierteljahr…

Ist aber auch gut, dass es „nur noch“ ein Vierteljahr ist. Ich hänge zwischen den Welten, bin mit einem Bein schon weg hier, aber noch nicht dort… Und bis man dann erstmal angekommen sein wird… So ein ganzes Jahr Vorlauf ist doch verflixt lange. Die Jungs hängen noch mehr an mir als eh schon, das kostet aber auch Kraft, da bin ich froh, wenn ich künftig auch wieder mehr freie Zeit für mich reklamieren kann und vor allem, dass die Verantwortung wieder geteilt werden kann. Alles in allem ist es seit den Frühjahrsferien so, dass ich es kaum noch abwarten kann, dass es endlich losgeht, da wartet eine wirklich spannende Erfahrung auf mich. Abschiedskummer und Heimweh und das eine oder andere Tief wird es sicher geben, aber unterm Strich erwarte ich mehr Positives als Negatives. Muss ja auch, sonst wäre man ja schön blöde, diesen Schritt zu tun.

Jetzt sind wir ein schon halbes Jahr hier, „Zwischenbilanz“ ist zu hochgestochen, aber ich schreibe hier mal zusammen, was mir dazu durch den Kopf geht:

Ja, wir sind jetzt richtig angekommen, kennen uns aus, der Alltag läuft rund. Die Jungs fühlen sich wohl in der Schule, haben Freunde gefunden und dass wir wieder Komplettfamilie und nicht mehr zu Dritt mit gelegentlichem Papa-Besuch sind, tut ihnen sichtlich gut (in den 12 Monaten vor dem Umzug war Thomas, hmm, 12 Wochen? in Hamburg).

Die Alltagsorganisation hier ist aufwendiger als in Hamburg. Die Wege sind weiter, und trotz des mörderischen Verkehrs fehlt mir fehlt gelegentlich doch das eigene Auto, insbesondere, wenn Wetter und Sicht gut sind und ich gerne die so nahe liegenden Berge und die kleinen Orte dort erkunden würde. Trotzdem, mit Taxi und Metro kommt man ansonsten fast überall hin, schlimmstenfalls muss man halt mal etwas warten, bis man ein Taxi gefunden hat…

Einkaufen ist ein Thema für sich, Stichwort Lebensmittelsicherheit. Da ist die „ununterbrochene Kühlkette“ nur einer von vielen Aspekten. Am besten ist es, vieles zu verdrängen: woher kommt das Fleisch, die Eier… Aber nein, auf vegan umzusteigen ist auch keine Alternative: Womit wurde das Gemüse und Obst gedüngt, gespritzt, reicht abwaschen oder doch lieber schälen…. Es gibt zwar „Ökosiegel“, aber es kann sich wohl jeder ein Logo pinseln und „organic“ draufschreiben – wer kann das überprüfen?

Überhaupt Gesundheit: Wann müssen wir den Trinkwasserfilter erneuern? Zum Zähneputzen doch lieber ein Glas Trinkwasser von unten aus der Küche holen? Wann müssen die Filter der Luftfilter erneuert werden? Dass Wasser- und Luftqualität auf einmal ein Thema sind! Damit sind wir wieder beim Thema verdrängen: Verdrängt wird auch der Gedanke daran, welche (langfristigen?) Folgen die miese Luft hier haben kann. Im Haus sind wir dank zahlreicher Luftfilter ja „sicher“ – aber oft juckt es mich die Dinger auszustellen. Stellt Euch einfach vor, neben Euch wäre immer ein auf niedriger Stufe laufender Staubsauger! An die Masken als zusätzliches Accessoire haben wir uns gewöhnt, jetzt im Winter ist das auch nicht so lästig (außer für Brillenträger: Brillen beschlagen dann gern), wenn es nicht mehr so kalt ist, schwitzt man drunter, nicht schön. Glücklicherweise sind die meisten Tage dann doch keine Maskentage. Zusätzlich zu den Atemwegsproblemen und möglichen Spätfolgen geht einem die gelbgraue Glocke auch mächtig auf den Zeiger; wenn das länger als einen Tag anhält, werden selbst Frohnaturen trübsinnig. Da sehn ich mich dann doch nach meiner Hamburger Stadtrandidylle…

Man kann auch nur hoffen, dass keiner von uns in einen Unfall verwickelt wird oder ernster krank wird – Krankenwagen stehen genauso im Stau wie Privatwagen, abgesehen davon möchte man doch lieber in eine Klinik mit westlichem Standard (teure Auslandsversicherung sei Dank) gebracht werden.

Ohja, wenn man will, findet man hier an jeder Ecke neue Ängste und Sorgen, die sicher auch ihre Berechtigung haben. Aber: auch auf unser Hamburger Haus sind schon mehrmals Bäume gestürzt (glücklicherweise immer nur Sachschäden), passieren kann einem überall etwas, und wenn ich mal Krebs kriegen sollte, wird man kaum feststellen können, ob das von der Belastung hier in China oder doch auf die Kindheit in der Nähe der Hamburger Giftmülldeponie zurückzuführen ist.

Ich kann nur für mich sagen: ich möchte mein Leben leben und nicht im tiefen Tal der Sorgen verbringen und die Zeit einfach an mir vorbeirauschen lassen, daher übe mich in Verdrängung, was meistens auch gut klappt. Gelegentlich erwischt mich dann doch mal ein Tief, was ich dann an Thomas auslassen kann (sorry dafür), aber meist ist es am Tag drauf wieder besser.

Die Menschen hier machen es einem auch leicht, sei es die Expatgemeinde oder die Chinesen. Es gibt so viel zu entdecken und zu lernen. Wer sich hier langweilt, der langweilt sich überall! Für mich ist es eine tolle Erfahrung, Peking und China kennenlernen zu dürfen. Es ist einfach ein Riesenunterschied, etwas zu lesen oder als Film zu sehen oder es selbst zu erleben. Es rückt auch die Perspektive gerade: wie winzig ist Deutschland! Wie klein ist Europa! Wie unfassbar groß ist China! Es ist nicht alles „schön“, aber interessant beinah alles. Wenn man die Umweltproblematiken hier sieht oder die extremen Gegensätze zwischen arm und reich, Tradition und Moderne, „hinterm Mond“ und futuristisch – das hat auch Einfluss darauf, wie man Deutschland sieht. Oft kann man einfach nur dankbar dafür sein, dass man zufällig in Hamburg/Deutschland und nicht anderswo geboren ist! Aber manchmal durchzuckt einen ein „stellt Euch nicht so an“, manchmal denkt man „nun setzt doch einfach Fahrverbote und Umweltzonen durch, muss ja nicht erst so schlimm werden wie hier“ oder was für eine Bodenverschwendung, wenn man in der Stadt nicht wenigstens etwas mehr in die Höhe baut – zum Beispiel…

Manche stören sich hier an dem Gerotze, ich nehme es als kulturelle Eigenart hin, auch wenn es manchmal doch echt eklig ist, wenn beispielsweise ein Taxifahrer das Fenster runterkurbelt und lautstark den Rotz von ganz unten hochzieht und rausspuckt (sorry, aber das ist hier so). Manche stören sich an den Tischmanieren. Naja, eigentlich ist es doch sehr klug, von Tieren nicht nur das Filet, sondern beinah alles zu essen, und die wirklich ungenießbaren Teile müssen dann halt doch irgendwohin – und bevor die nächsten Gäste kommen, werden Tische auch saubergewischt bzw. bekomme neue Tischdecken. Gibt echt schlimmeres, was das eigene Wohlbefinden mehr beeinträchtigen kann als für uns ungewohnte Tischsitten und -gebräuche.

Fast jeden Tag entdecke ich etwas mehr von dieser riesigen Stadt, viele Orte möchte ich gern noch häufiger besuchen (verschiedene Parks und Stadtviertel z.B.), bei manchen Sehenswürdigkeiten warte ich nur noch wieder auf den nächsten Besuch – und wenn der zu lange auf sich warten lässt, werde ich wohl doch allein hinmüssen (Sommerpalast, Himmelsaltar, Lamatempel…). Manche Ecken warten noch darauf, von mir entdeckt zu werden. Gleichzeitig ist hier aber auch oft ganz normaler Alltag: um Kinder und Hütte kümmern und schon ist der Tag rum – nicht anders als in Hamburg auch.

Die Sprache ist ein Problem und wird wohl auch eins bleiben. Mein Chinesisch reicht für den Alltag aus, ich komme von A nach B und zurück, ich habe bislang alles einkaufen können, was ich einkaufen wollte etc, beim Radiohören (und erst recht beim Fernsehen) versteht man doch immer öfter wenigstens, um was es geht. Ich bezweifel aber, dass ich jemals einen tiefsinnigeren Gedanken als „was kostet ein Pfund Äpfel?“ formulieren kann… Bei allen anderen Sprachen konnte man auf bisher gelernte Fremdsprachen und das Deutsche zurückgreifen, so vieles ähnelt sich – das gibt es im Chinesischen gar nicht, man kann nichts herleiten. Und dann lernt man nicht nur einfach Vokabel plus Übersetzung, sondern Vokabel, Übersetzung, Pinyin, Schriftzeichen und Aussprache. Ohje, die Töne… Ist bei mir nach wie vor oft dem Zufall überlassen, ob ich den richtigen treffe. Lesen und Hörverstehen geht glücklicherweise besser als selber sprechen. Trotzdem, so sprach-los fühl ich mich regelrecht behindert. Und doch: es geht auch gut ohne perfekte Chinesisch-Kenntnisse. Hilfsmittel gibt es genug (Apps und Internet).

Manchmal vermiss ich meine Familie, die großen Kinder, meine Freundinnen und Freunde, spontanes Telefonieren (bei 7 Stunden Zeitverschiebung guck ich immer zweimal auf die Uhr, ob das jetzt ein geeigneter Zeitpunkt ist, und oft ist es das leider nicht). Und wenn es mal mit dem Skypen klappen könnte, dann spielt das Internet nicht mit… Kommt auch vor und nervt dann schon.
Aber einsam bin ich dank der vielen neuen Kontakte hier glücklicherweise nicht. Bei einigen wenigen Freunden und Bekannten scheint es leider wirklich auch ein „aus den Augen, aus dem Sinn“ zu geben (nein, das ist kein Vorwurf, dazu gehören ja auch immer zwei. Das ist halt auch das Leben, dass man mal eine Zeit lang zusammen verbringt und sich dann irgendwann voneinander weg entwickelt), dafür gibt es aber auch andere, wo man jetzt erst recht weiß: auf Dich kann ich mich immer und überall verlassen!

Soweit also meine leicht kuddelmuddelige persönliche Bilanz, die unterm Strich positiv ausfällt. Ich bin gespannt, was die nächsten Monate (und Jahre) bringen.

Hanban - Roter Stempel!

Hanban – Roter Stempel!

Vor über einem Jahr war ich noch total erleichtert, ich hatte den ersten Chinesisch-Intensivkurs am Konfuzius-Institut in Hamburg hinter mir und hatte den Eindruck, dass man Chinesisch wirklich lernen kann. Ok, die ersten Kurse waren Ganztags-Intensivkurse, außer Chinesisch hab ich in der Zeit absolut nichts gemacht. Inzwischen bin ich etwas ernüchtert. Um wirklich gute Fortschritte zu machen, muss man doch sehr viel Zeit hineinstecken, mehr als mir der normale Alltag oft lässt. Und anders als früher brauche ich tatsächlich mehr Zeit, um mir eine neue Vokabel geschweige denn eine ganze Redewendung einzuprägen – den Kindern fällt das Chinesichlernen erheblich leichter! Andere Fremdsprachen zu lernen fiel und fällt mir viel leichter – aber da kennt man schon vieles aus „verwandten“ Sprachen, nur Schreibweise oder Aussprache unterscheidet sich etwas. Solche Beziehungen, die das Lernen vereinfachen, lassen sich mit Chinesisch für mich halt gar nicht herstellen.

Frustrierend und motivationshemmend ist auch der Gedanke, der sich breitgemacht hat: „Einen tiefsinnigeren Gedanken als „Was kostet ein Pfund Äpfel?“ (Duōshǎo qián yī jīn píngguǒ?) werde ich niemals auf Chinesisch formulieren können.“ Und dann gibt es doch kleine Erfolgserlebnisse: man hat eine Ahnung, um was es in einem Radio-/TV-Beitrag geht! Dem Taxifahrer eine Adresse sagen zu können, ohne Visitenkarte oder App zu Hilfe zu nehmen! Eine telefonische (!) Tischreservierung! Und auch die Reaktionen der Chinesen: Ok, manche verstehen einen wohl nicht, allein weil sie es sich nicht vorstellen können, dass eine Langnase sich mit Chinesisch versucht. Aber ich habe doch den Eindruck, dass die meisten es zu schätzen wissen, dass man sich die Mühe macht. Ich werde also dranbleiben. Auch ein kleiner Motivationsschub: ich habe die absolute Anfänger HSK 1- Prüfung (offizielle Chinesischprüfung: siehe Wikipedia) bestanden. Ich kann aber auch diejenigen verstehen, die sagen: nee, für die drei Jahre, die wir hier sind, lohnt sich der Aufwand nicht, wenn ich wieder in Deutschland bin, brauche ich das nie wieder. Denn man kommt ja auch ohne Chinesisch klar: wenn nicht mit Englisch, dann mit Händen und Füssen, Apps und Visitenkarten, Lageplänen…

Ich bin sitzengeblieben! Nein, so ist das nicht ganz richtig. Ich habe den Fortgeschrittenenkurs an der Schule verlassen und bin nun im Anfängerkurs. Und das ist gut so, auch wenn es schade ist, einige lieb gewonnene Gesichter nun nicht mehr regelmäßig zu sehen. Als wir hier ankamen, hatte ich ja bereits in Hamburg die Anfängerkurse gemacht, also noch mal bei Adam und Eva anfangen wollte ich nicht. Und hier würde ich ja soviel Zeit haben, das nachzuholen und zu lernen, was mir im Fortgeschrittenenkurs noch fehlte… Denkste.

Nicht nur, dass das Lernen eh zeitaufwendiger ist als man hofft, es kamen durch krankheitsbedingte Fehlzeiten immer neue Lücken hinzu, die Tage hier sind viel zu kurz um alles zu tun, was man gern tun würde, sollte und müsste – und anstatt aufzuholen wurde der Abstand immer größer. Wenn Grammatik erklärt wurde: Prinzip verstanden, so schwer ist das nicht – aber keine Chance, das irgendwie anzuwenden, weil ich zuviele Vokabeln nicht gelernt hatte… Und obwohl ich weiterhin hoch motiviert bin und mein Chinesisch unbedingt besser werden soll und ich weiter lernen will, hat es einfach keinen Spaß mehr gemacht.

Also über den Schatten gesprungen und erst mir und dann der Laoshi gegenüber eingestanden: ich pack das nicht – und ganz unkompliziert den Kurs gewechselt. Und jetzt macht das Lernen auch wieder richtig Spaß. Die „Anfänger“ sind das Dreivierteljahr hier ja auch nicht untätig gewesen, passt jetzt genau für mich. Kleines Bonbon obendrauf: eine Freundin und Nachbarin ist in dem gleichen Kurs, wir können also nicht nur zusammen in die Stadt hineinfahren, sondern uns auch gut gegenseitig unterstützen.