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Es ist schon fast zwei Jahre her, dass ich zuletzt in der Verbotenen Stadt war. Das war Anfang Mai 2020, direkt nachdem der Kaiserpalast nach der Pandemie-bedingten Schließung wiedereröffnet hat. Nur 5.000 Tickets durften damals pro Tag verkauft werden – und das war schon ein ganz besonderer Palastbesuch, wenn man bedenkt, wie voll es sonst in der Forbidden City ist. Ich bin zwar immer wieder mal an der Verbotenen Stadt vorbeigefahren oder habe von oben vom Kohlehügel drauf geguckt, aber drinnen war ich seit dem nicht mehr. Gab ja auch keinen Besuch aus Deutschland, mit dem ich dort hätte hingehen können…

Von daher war ich Feuer und Flamme, als eine Freundin gefragt hat, ob wir nicht mit zwei weiteren fotobegeisterten Freundinnen diese Woche hingehen wollen. Die Wetteraussichten waren gut, der Sandsturm würde sich hoffentlich vom Acker gemacht haben, also habe ich zugesagt. Ich habe direkt das Ticket (60 RMB) gebucht. Das kann man inzwischen zwar auch über eine App machen, ich finde es einfacher über die Webseite.

Tolle Bedingungen: Wetter, Luft – und kein bisschen voll

Wir haben Glück: der Sandsturm hat sich verzogen, das Wetter ist großartig. Wir lassen uns mit einem Didi zum Osttor bringen (am Tian’anmen darf man nicht anhalten, und wir kennen den Weg unter dem Mao-Porträt hindurch alle schon).

Weg am Fluss entang

Der Weg zum Osteingang

Am eigentlichen Eingang wird es kurz kompliziert, einer der Wächter will uns unbedingt zum Ticketschalter hinüber schicken und es dauert ein bisschen, bis wir ihm verständlich machen konnten, dass wir Langnasen tatsächlich schon online die Tickets gekauft haben. Aber dann klärt es sich auf: wir sollen noch einen QR-Code scannen und in dem sich öffnenden Formular unsere Passnummer eingeben. Und als sich dann die nächste Seite öffnet, war es das auch schon. An der Sicherheitskontrolle muss man trotzdem den Pass vorzeigen. Wieder etwas umständlicher als früher, aber ich habe mir hier abgewöhnt nach dem Warum zu fragen, ich kann’s eh nicht ändern.

Okay, also Foto-Thema „Frühling in der Verbotenen Stadt“. Ich wollte nicht unbedingt nur Blüten ablichten (das könnte ich auch in unserem kleinen Innenhof), ich hab gedacht, ich versuche mich mal weiter an Timelapse-Videos und habe mein Stativ eingepackt. Aber dann schlendern wir durch die ersten Höfe und der Gedanke an Wimmel-Videos verschwindet, denn es wimmelt gar nix. Es dürfen jetzt zwar 30.000 Tickets/Tag verkauft werden, aber es sieht nicht viel voller aus als vor knapp zwei Jahren!

So viel Platz, so wenig Besucher:innen!

Kein Wunder, Reisen nach Peking ist derzeit auch innerchinesisch kompliziert, also gibt es keine Touristengruppen. Dafür gibt es unglaublich viele verkleidete Frauen und noch mehr Fotograf:innen. Und das wird dann auch das, was fotografisch an diesem Tag im Mittelpunkt stehen wird. Pläne machen ist gut, spontan Gegebenheiten beim Schopfe packen ist besser. Wir folgen also den vielen, die es in den östlichen Bereich des Palastes zieht.  Dahin, wo die Apfelbäume in voller Blüte stehen. Dabei (und auch immer wieder im Laufe des Tages) kommen wir an Wächtern im Anzug vorbei, die im Gänsemarsch ihre Patrouillen absolvieren.

Here come the men in black… ;)

Es ist so schön!

Wir gehen durch ein Torhaus, im Schatten sitzen Frauen und Kinder, die geschminkt und frisiert werden und alle paar Schritte gibt es eine andere Gruppe, die posiert. Und das ist dann alles zusammen einfach nur wunder-, wunderschön!

Zu zweit….

… oder solo, aber alle irgendwie schön!

Es sind übrigens mindestens zehnmal so viele Fotografinnen und Fotografen hier wie „Models“. Die machen es teils zum eigenen Vergnügen und knipsen sich gegenseitig mit ihren Handys. Andere sind in Kleingruppen da: Model, Stylistin, Fotografin… Es dauert, bis wir uns hier losreißen können. Es ist unfassbar schön: die tolle Kulisse der roten Hallen der Verbotenen Stadt, die Apfelblüte und der betörende Duft, die fröhliche Stimmung.

Und endlich wird mir ganz leicht ums Herz. Zwar melden sich ab und zu unsere Handys mit Seuchen- und Kriegsnews (Kerry Residence im Lockdown! Giftgas in Mariupol! …), wir nehmen es zur Kenntnis und können es an diesem Tag doch irgendwie ausblenden (auch wenn es natürlich im Hinterkopf bleibt und mich nachts nicht schlafen lässt).

Wir reißen uns irgendwann los vom Blütenmeer und den kostümierten Schönheiten los und schlendern weiter.

Eine Frau in einer roten Jacke schaut durch den Spalt eines verschlossenen roten Tores in der Verbotenen Stadt

Was gibt es hier wohl zu sehen?

Wir wechseln so langsam vom östlichen in den den westlichen Bereich und können dabei immer wieder einen Blick auf den Kohlehügel werfen.

Der Pavillon des Ewigen Frühlings oben auf dem Kohlehügel von der Verbotenen Stadt aus gesehen

Goldene Dächer samt Blick zum Pavillon des Ewigen Frühlings oben auf dem Kohlehügel

Es sind überwiegend Frauen, die kostümiert sind, aber einige beziehen auch ihre Kinder mit ein.

Die sind mal mit mehr, mal mit weniger Begeisterung bei der Sache.

Kleiner Junge im historischen Kostüm späht in eine rote Halle in der Verbotenen Stadt

Wer muss hier nicht an den Film „Der letzte Kaiser“ denken?

Wir machen eine kurze Pause und trinken zwischendurch einen Kaffee. Ja, es gibt jetzt ein kleines Café mit wirklich gutem Kaffee innerhalb der Verbotenen Stadt (bei den ehemaligen Eishäusern).

Der Kaiserliche Garten (Imperial Garden)

Wir gehen zurück zur Mittelachse, genießen den Blick über Altes und Modernes Peking:

Nun zieht es uns in den Kaiserlichen Garten. Hier ist es lauschiger, keine großen gepflasterten Plätze, sondern alles ist dichter zusammen, grüner, lauschiger.

Hier wird natürlich auch posiert.

Beim Kaiser/Kaiserinnen-Baum ist tatsächlich nichts los! Hier posiert heute tatsächlich niemand. Der Baum ist eigentlich ein Symbol für ewige Liebe, früher standen die Pärchen hier Schlange, um sich ablichten zu lassen…

Wir überlegen kurz, zum Nordtor hinaus zu gehen und dann noch im Jingshan Park auf den Kohlehügel zu steigen, entscheiden uns aber dagegen und lassen uns zurück in Richtung Osttor treiben. Mit Blick auf einen der größeren Plätze haben ich dann noch mal ein wenig mit Timelapse-Videos herum probiert. Mir hat allerdings ein bisschen die Ruhe gefehlt (wobei das eher an mir als den anderen lag, ich hätte sicher mit Verständnis dafür rechnen können, dass ich jetzt mal 30 Minuten an Ort und Stelle bleibe), aber es geht voran – sicher demnächst hier im Blog zu sehen.

Inzwischen ist noch weniger los, fast nur noch Kostümierte und Fotografierende. Und einige Kinder mit dabei.

Wie man sehen kann: es ist noch leerer geworden – kaum noch jemand auf dem Platz unterwegs.

Zurück bei den Apfelbäumen

Aber bei den Apfelbäumen ist noch ordentlich etwas los. Eine kostümierte Schönheit nach der anderen posiert und wird von unzähligen Kameras eingefangen.

Eine Lautsprecherdurchsage macht darauf aufmerksam, dass der Kaiserpalast in Bälde schließen wird und man seinen Besuch bitte daraufhin abstimmen möge (soll wohl heißen: sich rechtzeitig zu den Ausgängen zu begeben). Und tatsächlich packen jetzt alle ihre Siebensachen zusammen und strömen zu den Ausgängen.

Wir beschließen den Tag nicht weit vom Ausgang im „Beijing Pie“, einem kleinen, typischen Pekinger Restaurant mit ebenso typischen Pekinger Gerichten (und nein, keine Touristenfalle, was man so nahe an der Verbotenen Stadt befürchten könnte), sondern wirklich rundum gut (und günstig).

Als ich abends zuhause ankomme, bin ich total erledigt, aber so gut gestimmt wie schon lange nicht mehr: der Tag war einfach perfekt, leicht und unbeschwert – eine Auszeit, mit der ich so gar nicht gerechnet hatte, und die ich deshalb umso mehr zu schätzen weiß.

Achtung, viele Bilder!

Im Westen des Sommerpalastes sieht man nicht nur die Westberge, sondern besonders die Pagode auf dem Jadehügel fällt immer ins Auge – das wollte ich mir schon länger aus der Nähe ansehen. Gleichzeitig schau ich ja auch fast immer, ob ein Ort auch reizvoll für die Fotogruppe sein könnte. Eigentlich stand die Fotogruppen-Planung bis zum Sommer ja schon, aber angesichts der Pandemie-Lage überlegen wir uns gerade Alternativen zum Künstlerdorf Cuandixia und zum Wasserdorf Gubeikou – beides nicht mehr innerhalb Pekings, und das könnte problematisch werden. Mit einer Freundin bin am Dienstag also auf Erkundungstour gegangen.

Jadehügel? Kein Zutritt.

Reiseführer geben zu der Ecke kaum etwas her, auch auf Webseiten sind wir nicht groß fündig geworden, dabei sind rings um den Jadehügel mehrere große Parks auf den Karten eingezeichnet. Wir haben uns also ein wenig auf ins Blaue gemacht und uns mit dem Didi zu einer Kreuzung unterhalb des Jadehügels bringen lassen.

Wir haben schon damit gerechnet, dass wir nicht zur Pagode hochlaufen können, ich hatte auch schon mal gelesen, dass das Gelände rund um die Pagode für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, denn hier wohnen hochrangige Politiker und Militärs, quasi das inoffizielle Hinterzimmer der chinesischen Politik (im Gegensatz zum offiziellen Sitz Zhongnanhai im Zentrum der Stadt). Aber hier ändert sich alles so schnell, vielleicht würden wir ja doch Glück haben? Zumindest mal aus der Nähe fotografieren müsste doch drin sein?

Aber auch wenn sich hier alle schnell ändert, das nicht. Der Hügel ist durch eine hohe Mauer abgesperrt, alle paar Meter stehen schwer bewaffnete Soldaten und/oder Polizisten.

Beiwu-Park

Nun gut, wir gehen in den Park, wollen uns dort ein bisschen durch die Gegend treiben lassen und dann in Richtung Sommerpalast weitergehen.

Der Blick zur Pagode ist durchaus nett, aber der Park ist nicht so besonders, dass man extra den weiten Weg hierher auf sich nehmen müsste. Vor allem nicht, da Peking eine Vielzahl wirklich schöner, interessanter Parks hat. Immerhin, dieser Park hat auch ein eigenes kleines Marmorboot.

Marmorboot im Beiwu-Park

Auf die Pagode hat man immer wieder einen netten Blick.

Eingemauerte Jadehügel

Wir haben Zeit, lassen uns durch den recht großen Park treiben. Allerdings ist es kühler als erwartet, die Sonne kommt nicht wie erhofft raus, wir bleiben also nirgends länger stehen, weil wir sonst frieren. Immerhin: die Luft ist gut, das Grau kommt vom Wetter.

Feuerlöscher im Park

Bei schönem Wetter sicher noch viel hübscher

Der Frühling kommt, wenn auch langsam

Aber trotz dieser Pagoden-Ansichten haut uns der Park nicht um, und so machen wir uns auf zum Westtor des Sommerpalasts.

Sommerpalast mal vom Westen aus

Ich habe den Sommerpalast schon durch fast alle Tore betreten und verlassen, nur durch das Westgate bisher nicht, also Premiere. Es ist zwar immer noch grau und kalt, aber der Blick über den Kunming-See auf die 17-Bogen-Brücke mit den blühenden Bäumen auf dem Damm davor – das ist schön.

Wir schlendern also am westlichen Ufer des Sees entlang, wechseln auf den Damm mit den vielen Brücken dazwischen. Die meisten Bilder, die man vom Sommerpalast zu sehen bekommt, sind solche, die den Tower of Incense (Pavillon des buddhistischen Wohlgeruchs) zeigen – vom Haupttor aus fotografiert. Heute also mal vom Westufer des Sees aus:

Bis kurz vor diesen Booten konnte ich „neulich“ (vor gut zwei Monaten…) noch mit dem Eisfahrrad fahren! Aber der Winter ist vorbei, wie man an den vielen Knospen, Blüten und dem zarten Grün sieht: so langsam kommt der Frühling. Den Magnolien in der Stadt hat der Kälteeinbruch samt Schnee in der letzten Woche aber gar nicht gut getan:

Magnolie mit Frostschaden

Wasserschutzgebiet und Zugvögel

Wir kommen an einen Zaun vorbei, aus dicken Metallstreben. Dieser Zaun meint es ernst, anders als die Bändchen in Kniehöhe, die hier meist zum Einsatz kommen. Er ist wirklich undurchdringlich und unüberwindbar (zumindest nicht ohne Leiter oder Seil, ich bezweifle aber, dass man mit Leiter in den Palast eingelassen wird… ). In diesem Zaun sind aber einige wenige Gucklöcher eingearbeitet. Der Zaun schützt den dahinterliegenden See, der als Trinkwasserreservoir dient – und von Zugvögeln als Rastplatz genutzt wird. Durch die Gucklöcher hat man auch noch einen netten Blick auf den Jadehügel samt Pagode und Tempel auf dem Hügel nebendran.

Zaun mit Guckloch

Zugvögel, Westberge (und Dreck auf dem Objektiv?)

Leerer Langer Korridor

Wir beschließen, in dem kleinen Café in dem Hof hinter dem Marmorboot einen Kaffee zum Aufwärmen zu trinken. Die kleine Auszeit in dieser Idylle tut gut. Obwohl wir im Freien sitzen, lässt es sich gut aushalten und uns wird wieder wärmer. Leider hält das nicht lange vor. Schon am Marmorboot ist mir wieder kalt. Es wird klar, dass wir nicht mehr zu lange bleiben sollten, um uns nicht zu erkälten. Ich möchte gerne durch den Langen Korridor gehen, denn es ist so schön leer, dass man das mal richtig genießen können sollte. Sonst ist es dort ja oft so voll, dass man nur einen kurzen Blick hineinwirft und dann auf dem breiten Weg daneben weitergeht. Und richtig, freier Blick im Langen Korridor.

Kurz vor dem Haupttor sehen wir, dass die Pfingstrosen austreiben. Jetzt heißt es, den Zeitpunkt der Pfingstrosenblüte nicht zu verpassen! Ich möchte sie mir im Botanischen Garten, im Jingshan-Park und im Sommerpalast ansehen.

Fotos

Traumhaftes Wetter, sonnig und warm (lauschige 25 Grad!), Luft nicht gut, aber noch annehmbar: Zeit für eine kleine Frühlingstour. Der Mann wegen des Feiertags zu Hause – ich nutze die Chance rauszukommen. Ich brauche Bewegung und will in einem Park spazieren gehen, und ein bisschen „altes China“ würde mir auch gut tun. Bevor es losgeht, bau ich erst noch schnell die Winterwindschutzkuscheldecke vom Scooter ab – damit wäre es wirklich viel zu warm – und ich bin derzeit ja auch nie abends unterwegs, wenn es noch kühler ist.

Ich fahre an der Schule vorbei – steht noch. Deutsche Botschaft steht auch noch. Als ich weiter die Dongzhimen Outer und Inner Street entlangfahre, denke ich an den chinesischen Neujahrsabend vor zweieinhalb Monaten zurück, als ich in Richtung Verbotene Stadt hier entlang gefahren bin. Da waren es sicher 30 Grad weniger, auf der Straße war wegen des Feiertags kaum Verkehr, nur wenige Menschen unterwegs, die aber bepackt mit Geschenktaschen, vor manchen Restaurants kleine Trauben von wartenden Leuten, Straßen und Restaurants geschmückt. Ich bin auch zwischendrin schon hier entlanggefahren, da war fast gar nichts los und der Feiertagsglanz fehlte, stattdessen apokalyptisches Feeling in der verlassen wirkenden Stadt mit den wenigen, allesamt Masken tragenden Passanten. Viel Verkehr ist jetzt auch nicht, aber doch deutlich mehr und vor allem sind viel mehr Menschen unterwegs.

An der Kreuzung Dongsi/Yonghegong muss ich mich entscheiden: links herum in Richtung Jingshan Park oder rechtsherum zum Ditan-Park. Die Ampelschaltung entscheidet für mich, also fahre ich kurz darauf am Lama Tempel vorbei, überquere noch die große Kreuzung unter dem 3. Ring und parke den Scooter zwischen Dutzenden anderen vor dem Parkeingang.

Ditan-Park

Kurzer Augenblick der Spannung: bekomme ich ein Ticket? Und ist der Park noch nicht zu voll? Beides kein Problem. Am Tor muss ich noch kurz die Temperatur messen lassen, gehe noch ein paar Schritte in den Park hinein und das viele Grün tut augenblicklich gut. Ein paar Meter weiter kann ich den süßen Duft der Blüten einsaugen, der es sogar durch die Maske schafft. Überall wird fotografiert, dieses Jahr gibt es Frühlingsblüten-Selfies-mit-Maske.

Ich lasse mich weiter durch den Park treiben. Es ist schön zu sehen, dass es auch jetzt noch das normale Pekinger Parkleben gibt, wenn auch weniger und mehr auf Distanz als zu normalen Zeiten. Eine einsame Sängerin zwischen den Bäumen. Junge Leute in traditioneller Kleidung beim Fotografieren. Musikanten. Fußfederball, Tai Chi, Tänzerinnen… Nur der Sportplatz mit den Fitnessgeräten ist abgesperrt (so wie der Erdaltar auch).

Eigentlich will ich gerade versuchen, ein ferngesteuertes Auto fotografisch nett einzufangen, als ein Ball vor meine Füße rollt. Ich kicke ihn zurück, Ball kommt wieder, weitere Leute gesellen sich dazu. Das war ein unglaublich schöner Moment, fast normal, wären die Masken nicht.

Dieser Parkspaziergang hat echt gut getan. Ich schwinge mich auf den Scooter und mache mich auf den Rückweg.
Erst am Lama-Tempel vorbei…

Lama-Tempel

Durch die Yonghegong Straße in Richtung Beixinqiao…

Yonghegong Street

Blick in die Guozijian Street, in der sich der Konfuziustempel befindet…

Tor zur Guozijian Street…

Und schließlich noch an der Kreuzung Yonghegong Street/Dongsi North Street/Dongzhimen Inner Street: Allmählich mehr Verkehr, aber immer noch weit entfernt vom normalen Wahnsinn.

Warten an einer Ampel

Ich komme ziemlich zufrieden wieder zuhause an und beschließe, dass wir darüber reden müssen, ob und in wieweit wir unsere selbst festgelegten Sicherheitsmaßnahmen (Jungs gehen nicht raus, ein Elternteil immer bei ihnen…) lockern können. 

Grüsse nach Deutschland und viel Geduld für Eure zweite Woche ohne Schule und Co. Bei uns sind es jetzt zwei Monate und weiterhin ist kein Ende in Sicht. Ich habe inzwischen einen ausgewachsenen Corona-Koller: Budenkoller, Frust, Lethargie, Zorn, Trauer über ein verlorenes Vierteljahr (das wird es wohl mindestens), Mangel an realen sozialen Kontakten. Zum Glück immer nur phasenweise, es nutzt ja nix, wir müssen da durch – und es geht uns angesichts der Umstände gut.

Ja, aber kann man in China nicht schon von Normalisierung reden? Es gibt doch keine lokalen Neuansteckungen mehr, „nur“ noch importierte? Es ist doch mehr auf den Straßen los?

Vielleicht ist das Normalisierung, aber hier ist noch lange nichts normal…

Ja, es ist mehr auf den Straßen los, denn immer mehr Menschen müssen/dürfen wieder arbeiten gehen. Außerdem ist Frühling, über 20 Grad, eigentlich fängt jetzt die schönste Jahreszeit hier an. Es ist ja auch nicht grundsätzlich verboten rauszugehen. Gestern hatte ich nach der Fahrt zum Supermarkt aber keinen Nerv mehr. Die eigene Maske nervt und ausschließlich in andere Maskengesichter zu gucken, das ist nicht normal, das fühlt sich apokalyptisch an. In den eigenen vier Wänden habe ich dann doch wenigstens die Illusion von Normalität.

Frühling, endlich.

Allerdings bin ich heute am Compoundtor gefragt worden, wo ich hin möchte, als ich ein zweites Mal losgefahren bin, nachdem ich vormittags schon beim Bäcker und beim Metzger war.
„Sachen kaufen.“ -„Was für Sachen?“ -„Reis.“- „Okay.“ 

„Sachen kaufen“ habe ich mit einem Umweg verbunden, erst ein bisschen in der Stadt nach dem Rechten sehen. Da ich zwischendrin das Scooter-Akku nicht wieder vollgeladen hatte, hat es nur für eine kürzere Runde gereicht: Sanlitun, Dongzhimen, Galaxy Soho, Observatorium, CBD – steht alles noch. Straßen immer noch relativ leer.

CBD steht noch

Tuanjiehu-Park

Irgendwann sagte der Blick aufs Akku: umdrehen/Rückweg. Der Tuanjiehu-Park liegt auf dem Weg, also habe ich da einen Zwischenstopp eingelegt, um mir die Füße zu vertreten. Da war relativ viel los, also Normalisierung? Nee, nicht mit all diesen Masken. 

Wasserkalligraphie

Der Tuanjiehu-Park ist klein, aber seht nett mit viel Wasser angelegt.

Tuanjiehu-Park

Einen Großteil der Parkfläche nehmen ein Aquapark und Kinderbespassungsanlagen „Carnies“ (Karussels, Hüpfdinger etc.) ein – natürlich geschlossen im Moment. Nicht normal. Ob die Entenboote noch Winterpause haben oder auch mit unter Quarantäne fallen, weiß ich nicht.

Park mit Aussicht

Nach zwei Runden hat es dann auch gereicht, und ich bin weiter zum Jingkelong gefahren. Wir brauchten wirklich Reis. Hier steht wie erwartet ein Wächter am Eingang, aber als ich ihm mein Handgelenk für die Temperaturkontrolle entgegenhalte, winkt er ab und deutet auf einen Kasten, aus dem mich mein eigenes Maskengesicht anlacht und, nachdem ich kurz davor stehen geblieben bin, 36° anzeigt – ich darf hinein. Der Laden ist gut besucht, aber nicht übervoll, die Regale sind gut gefüllt, es gibt alles. Die Reisauswahl im Jingkelong überfordert mich wie immer, also einfach irgendeinen 5-Kilo-Sack geschnappt, fertig. Am Ausgang ist ein Blumenstand, ein paar Tulpen müssen mit. Mittlerweile könnte ich wohl auch eine komplette Kleinfamilie mit dem Scooter transportieren, da kann ich auch mit Blumen in der Hand fahren…

Wer den Scooter liebt, der…

Ja, der Scooter. Als ich am Chaoyangpark entlangfahre, zeigt er mit noch 20 Prozent Akkuladung an, das reicht locker, denke ich, und switche nicht in den eco-Modus. Aber hinter der Französischen Botschaft sind es plötzlich nur noch 4 Prozent, hektisches rotes Blinken und aus. Tja, Premiere, wer seinen Scooter liebt, der schiebt. Zum Glück hab ich kein größeres, schwereres Modell, aber viel länger als diese Viertelstunde hätte ich auch nicht schieben mögen. Schreckmoment am Compoundtor nach dem ersten Fiebermessen, andere Hand hingehalten, uff, alles gut.

Keine Normalität, kein Ende in Sicht

Wie gesagt, allein dadurch, dass man überall außerhalb der eigenen vier Wände mit den Masken konfrontiert ist, wird man ständig daran erinnert, dass derzeit nichts normal ist. Dass es weiterhin kein Datum für die Wiederöffnung der Schulen gibt und dass wir nach der letzten Mail aus der Schule weiterhin damit rechnen, dass es frühestens ab dem 20. April wieder losgehen kann – keine Normalität.

Teilweise werden Regelungen sogar verschärft, in Restaurants soll nur noch eine Person pro Tisch sitzen, in einem Restaurant, wo normalerweise 300 Leute Platz finden, sind aktuell maximal 15 Personen gleichzeitig erlaubt. Das in Verbindung damit, dass keine Besucher in die Compounds gelassen werden, hat unser soziales Leben außerhalb der Familie fast komplett in den virtuellen Raum verlagert.

Meine Nachwuchsnerds kommen mit der Situation immer noch überraschend gut klar, so wie sie auch mit der Online-Schule gut zurechtkommen, teils sogar deutlich besser als mit normaler Schule. Ich steh ja auch normalerweise für Fragen zur Verfügung, aktuell muss ich deutlich mehr erklären. Nun bin ich also doch das, was ich nie sein wollte: Aushilfslehrerin. ;)

Ich habe hier den Eindruck, dass Kinder mit bisher streng reglementierten Medienzeiten und wenig Zugang zu Handy/PC sich derzeit deutlich schwerer tun. Oder etwas zugespitzt: Medienabstinent ist das neue Bildungsfern. Und wir sind hier in einer relativ privilegierten Situation mit der gut ausgestatteten Auslandsschule – an staatlichen deutschen Schulen dürfte da vieles nicht machbar sein. 

Blick nach Deutschland

Hier so lange schon mit den Einschränkungen zu leben, das zerrt so schon an den Nerven. Aber zuzugucken, wie die Krankheitswelle nahezu ungebremst auf Deutschland zu- und darüberwegrollt, das belastet zusätzlich, weil das so nicht hätte passieren müssen. (Kluger Artikel dazu übrigens in der New York Times: „China Bought the West Time. The West Squandered It.“ Ist zwar schon eine Woche alt, aber weiterhin aktuell.)

Wir haben uns ja schon lange gewundert, warum nichts passiert, z.B. bei der Einreise am deutschen Flughafen. Ja, auch mit Temperaturkontrollen erwischt man sicher nicht alle Infizierten, aber Passagiere einfach so durchzuwinken kann es definitiv auch nicht sein. Wer Maßnahmen eingefordert hat und entsprechendes geschrieben oder gesagt hat, musste sich der Panikmache und der Hysterie bezichtigen lassen.

Wie kann es sein, dass in der globalisierten Welt erst mit zögerlichem Handeln begonnen wird, wenn die Einschläge in unmittelbarer Nachbarschaft sind? Hallo, Luftverkehr, schon mal davon gehört? Aber China ist das Land, wo nur ein Sack Reis umfällt, sowieso böse und sowas von hinter dem Mond? Was in China in den ersten Wochen passiert ist, daran gibt es nichts zu beschönigen – aber der Rest der Welt hätte wissen müssen, was da kommt und hat trotzdem nicht genug getan.

Wochenlanges Runterspielen – alles ja nur Hysterie, Panikmache – ist es dann wirklich verwunderlich, wenn viele Menschen das jetzt noch nicht ernst nehmen? Hätten die sehr harten Maßnahmen für alle jetzt wirklich sein müssen, wenn man frühzeitig Einreisende unter Quarantäne gestellt hätte,  so wie China das jetzt macht, um den Re-Import des Virus bzw. die weitere Ausbreitung zu verhindern? 

Nun ist es vermutlich eh zu spät. Immerhin, endlich Frühling.

Forsythie. Hilft nicht gegen Covid-19 (auch nicht gegen den Virus im Film „Contagion“). Macht aber gute Laune.