Datong: Disneyland-Altstadt?

Mit zwei Freundinnen habe ich ein Wochenende in Datong in der Provinz Shanxi verbracht. Datong soll die „hässlichste Stadt Chinas“, wenn nicht sogar der Welt gewesen sein. Dies habe der Bürgermeister nicht auf sich sitzen lassen können und ein ehrgeiziges, milliardenschweres Projekt ins Leben gerufen: 2009 wurde mit dem Bau einer neuen „Altstadt“ inklusive Stadtmauer begonnen. Sicher spielte auch eine Rolle, dass es mit der alten Lebensader der Stadt, dem Kohlebergbau, zu Ende geht und damit der Tourismus an Bedeutung gewinnt. Wie dem auch sei, Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende wurden aus dem Stadtkern umgesiedelt und die „historische“ Altstadt und Stadtmauer gebaut.
Mit diesen angelesenen Informationen im Hinterkopf hatte ich keine großen Erwartungen an Datong, für uns sollte es vor allem Ausgangspunkt für die Besichtigung des Hängenden Klosters und der Yungang-Grotten werden.

Am Freitag ging es in aller Frühe zum Flughafen. Im Flugzeug wurden wir ziemlich durchgeschüttelt, glücklicherweise nur ein kurzer Flug… Mit dem Taxi zum zentral innerhalb der Stadtmauer gelegenen Hotel und dann zum Frühstück in ein Baozi-Restaurant, in dem wir die einzigen Westler waren. Überhaupt, an den ersten beiden Tagen haben wir außer uns fast keine Ausländer gesehen. Uns wurde überall mit freundlicher Neugier und viel Hilfsbereitschaft begegnet, interessant war wohl auch, dass wir keine Meiguo ren waren, sondern aus gleich drei verschiedenen Ländern kamen: Deguo, Fenlan, Nanfei…

Überraschenderweise fand ich die „Disneyland-Stadtmauer“ dann doch sehenswert. Zum größten Teil ist diese inzwischen fertig, über 7 km lang und zu Fuß, mit Leihrädern oder offenen Elektro-Minibussen befahrbar. In einer Ecke steht die Wildganspagode, in die man von unten einen Blick hineinwerfen kann. Ansonsten hat man von der Stadtmauer aus einen Blick über das neue Altstadtviertel, auf verlassene, im Abbruch befindliche Hutongs im Stadtkern, dahinter 4-6-geschossige Häuser, teils neu (und doch schon wieder ziemlich runtergekommen), teils verlassen und auf den Abbruch wartend. Hinter der Mauer erhebt sich ringsherum ein Hochhauswald und dahinter ragen bis 2000 Meter hohe Berge auf.

 Shanhua Tempel

Nach einem Bummel über die Stadtmauer besuchten wir den Shanhua-Tempel. Ich bin alles andere als eine Expertin für Buddhismus, aber mir gefallen die Tempelanlagen, die so oft Oasen der Ruhe inmitten der lauten, chaotischen Großstädte sind. Wir schienen die einzigen Besucher zu sein und konnten die Ruhe daher noch mehr genießen.

 Lärm und lecker Essen

Anschließend ließen wir uns durch die Stadt treiben und landeten in einer Fußgängerzone, in der die Shops miteinander wetteiferten, wer die lauteste Lautsprecheranlage hat. Dagegen ist selbst Peking still und leise… Wir bogen in eine Seitenstraße ab, wo wir das Fenglin Ge-Restaurant fanden und für einen Snack einkehrten. Das Restaurant soll auf eine über hundertjährige Geschichte zurückblicken und beste Shanxi-Küche anbieten. Man sollte hier auf jeden Fall nicht nur das Essen genießen, sondern sich auch das Gebäude näher ansehen, man kann auch einen Blick in die Küche werfen, wo Köche kunstvoll Shao Mai füllen und falten. Uns hat es jedenfalls so gut gefallen, dass wir abends nach einem „Altstadt“-Bummel noch einmal dort gegessen haben (und am Sonnabend-Abend auch).

Ein Kommentar:

  1. Datong kenne ich ja nun schon seit 1988. Ich finde es eigentlich sehr schön, dass die Stadt nun so einen bunten eindruck macht. Der shanhua-Tempel steht nichta uf dem Programm der Touristen, was ich eigentlich schade finde, denn er ist sehr interessant.
    Danke für Deinen ausführlichen Bericht
    Beste Grüße nach Peking
    Ulrike

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