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Die Sommerferien haben begonnen, der Plan, noch mal Sonne und Wärme zu tanken, bevor es ins kühle Schweden geht, funktioniert überwiegend. Zumindest heiß ist es, ab und zu regnet es allerdings. Ein angekündigter Regensturm mit anschließenden Überflutungen ist zum Glück ans uns und Peking vorbeigezogen, zum Glück, wenn man die schrecklichen Bilder aus Sichuan sieht, wo ein ganzes Dorf von einem Erdrutsch verschluckt wurde. Auch im Pekinger Westen hat es einen Erdrutsch mit 6 Toten gegeben.

Zahlreiche Abschieds- und Sommerfeste liegen hinter uns, auch aus den Schulklassen der Jungs kehren wieder zahlreiche Familie nach Deutschland zurück. Hier im Compound steht gefühlt vor jedem dritten Haus ein Umzugswagen.

Das dunkle, dicke Grau, das einige Tage über der Stadt lag, passte aber zur Stimmung, denn wir müssen uns von lieben Freunden verabschieden, die nach den Ferien nicht zurückkehren werden. Erst morgen Abend, nach dem vorerst letzten Abschied, werde ich den Kopf richtig für unseren eigenen Urlaub freihaben.

Die Formalitäten, die mich letztes Jahr noch in Aufregung versetzt haben, sind diesmal an mir vorbeigerauscht. Jetzt sind in unseren Pässen neue Visa-Aufkleber und wir dürfen ein weiteres Jahr hierbleiben. Während mein Pass bei der Behörde war, konnte ich tatsächlich mit dem Ersatzdokument, ein schlichter gelber Zettel mit dem allgegenwärtigen roten Stempel, nach Datong fliegen. Okay, ich gebe zu, beim Check-in war ich doch etwas angespannt. Auch in unserem Haus können wir zwei weitere Jahre wohnen bleiben, zum Glück, denn trotz der langen Fahrt in die Stadt ist das weiterhin die für uns beste Lösung.

Der Göttergatte „darf“ den Sommer über durcharbeiten, d.h., die Jungs und ich fliegen mal wieder alleine nach Hamburg, wo wir erst die großen Kinder, Freunde und Familie treffen werden, dann geht es zu dritt weiter nach Jämtland: Peking-Kontrastprogramm! Achja, da ist doch schon Urlaubsvorfreude. Vielleicht fang ich heute doch schon mal mit Reisevorbereitungen an…

Abflug in Hamburg

Tschüss, Hamburg

Wir sind wieder in Peking. Der Rückflug war doppelt strapaziös: erstens haben wir den Anschlussflug nach Peking verpasst (wegen Verspätung des ersten Fluges) und zweitens emotional.

Der Abschied in und von Hamburg war furchtbar traurig. Ich habe mich so schlecht gefühlt, dass wir den Kindern (den Kleinen wie den Großen) das antun. Da war der verpasste Flug nach Peking direkt ein Glück, denn in Amsterdam habe ich die Geschichte als Abenteuer inszenieren können, das hat dann erfolgreich vom Kummer abgelenkt. Da wir glücklicherweise direkt auf den nächsten Flug umgebucht wurden, war es dann auch nur ein Mini-Abenteuer und der Transfer war sogar viel entspannter als die Hetzerei, die uns normalerweise gedroht hätte, wenn alles pünktlich gewesen wäre… Die Weiterreise war dann ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Von Haus zu Haus waren wir gut 20 Stunden unterwegs und entsprechend erledigt.

Die Zeit in Deutschland war schön, wir haben jede Minute genutzt und genossen. Es war nicht ganz so stramm durchgetaktet wie beim letzten Heimaturlaub – ich habe für uns entschieden, dass die Docs in Peking auch was können bzw. wir ihnen ausreichend Vertrauen entgegenbringen können, also werden wir hier nun die anstehenden Kontrolluntersuchungen machen lassen – das hat viel Zeit eingespart und den Anteil lästiger Pflichttermine auf Null gesenkt, dafür war viel mehr Zeit für „Kinderprogramm“. Trotzdem war es insgesamt viel zu wenig Zeit, wieder haben wir nicht alle treffen können, die wir gerne gesehen hätten, und sämtliche Verabredungen waren viel zu schnell vorbei. Auch das Mistwetter hat da nicht groß bei gestört, nur die dicken Schneeflocken beim Omabesuch haben irritiert. 

Achterbahnfahrt

Es gab leider tatsächlich die befürchtete emotionale Achterbahnfahrt: Vorfreude, viel zu kurzes Wiedersehen, Winkewinke. Das schlaucht, aber es gehört derzeit leider zu unserem Leben. Aber der extreme Kinderkummer bei der Abreise, das tat wirklich weh und hat mich tatsächlich kurz darüber nachdenken lassen, ob Peking immer noch das Richtige für uns ist. Aber nach nur einem Tag hier: ja, ist es. Die Wiedersehensfreude mit dem Papa war riesig, nachmittags hat’s an der Tür gebimmelt und die Minis wurden direkt zum Spielen abgeholt. Das frühe Aufstehen am Montag war noch eine Herausforderung, heute ging es dann schon deutlich besser – der Alltag hat uns wieder.

Das war er also, unser erster Heimaturlaub. Schön war es, aber auch anstrengend. Was ich nun gelernt habe: selbst wenn ich vorher gut plane (mit Hilfe einer Exceltabelle habe ich uns ein Programm gestrickt als ob wir auf Delegationsreise gingen…, um ganz viel in der knappen Zeit unterzubringen) – das ist so nicht gut für uns. Auch wenn ich mich über jeden einzelnen Besuch, jedes einzelne Treffen und Wiedersehen gefreut habe und auch traurig bin, dass wir nicht alle treffen konnten, die wir gern gesehen hätten: beim nächsten Mal müssen wir das anders machen. So viele Monate lassen sich einfach nicht in ein paar Urlaubstagen nachholen. So war das zu stressig und vor allem für die Jungs war es deutlich zu wenig an Ferienaktivitäten. Da sind sie schon Tausende von Kilometern geflogen, dann müssen sie nicht auch noch Hunderte von Kilometern in Deutschland abreißen… Wir brauchen also mehr unverplante Zeit, wo wir kind- und wetterabhängig spontan entscheiden können.

Hamburg war nur anfangs etwas fremd, aber bei allen sichtbaren Veränderungen doch unfassbar vertraut, liegt uns eben irgendwie im Blut. Heimat halt. Dennoch ein Eindruck aus dem Alltag (mein subjektiver, oberflächlicher): „die Pekinger“ wirken gelassener, ja sogar glücklicher, zufriedener als „die Hamburger“. Und in Hamburg dabei so ein Luxus: unser Garten, der im Regen nach Wald riecht. Trinkwasser aus allen Hähnen (sogar in den Klos…). Immer gute (!) Luft. Die Lebensmittelqualität. Alles so sicher, beinahe überreglementiert. Soviel Platz, alles so überschaubar, und *kicher* diese kleinen Stockungen nennt man Stau oder gar Verkehrschaos? Gab es nicht mal Aufregung um die Tanzenden Türme an der Reeperbahn? Ach was, das soll Hamburgs einziges „weird building“ sein? ;) Ich muss gestehen, dass mir hier in Peking zwischen all den Einheitskästen die verrückten Gebäude echt ans Herz gewachsen sind!

Naja, und Weltstadt Hamburg, Tor zur Welt: bitte überleg mal, wie das ist, wenn man am Flughafen ankommt und Euromünzen (!) für die Gepäcktrolleys braucht. Das hat mich so aufgeregt, dass ich ans Kundenbüro des Flughafens gemailt habe. Die Mail wurde unglaublich schnell beantwortet, damit konnten Punkte gutgemacht werden. Aber zwischen den üblichen netten Kundenservice-Floskeln dann die eigentliche Antwort:

Zum Thema Gepäckwagen können wir Ihnen mitteilen, dass ein Flughafen drei Möglichkeiten hat, seinen Kunden Gepäckwagen zur Verfügung zu stellen. Gegen Gebühr, kostenlos mit Pfand oder kostenlos ohne Pfand. Der Hamburg Airport hat sich für die Variante „kostenlos mit Pfand“ entschieden. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen: Ein Grund ist das Sicherheitsrisiko durch wild abgestellte Gepäckwagen, die eine Gefahr für Passagiere und Fahrzeuge am Flughafen darstellen. Wollte man alle Gepäckwagen sofort wieder einsammeln, entstünde ein nicht zu vertretender finanzieller Personalaufwand.

Ok, alles eine Frage der Prioritäten, und an dieser Stelle hat der Flughafen meiner Meinung nach die falschen Prioritäten gesetzt. So bleibt der erste Eindruck von Nicht-Euroland-Reisenden: nicht existenter Service. Freundliches Willkommen sieht anders aus! Wenn Abreisen netter als Ankommen ist: nicht gut!

Der Abschied fiel uns diesmal schwerer. Vermutlich war angesichts der großen Aufregung im August „wie wird unser Leben in Peking, werden wir uns dort wohlfühlen oder machen wir gerade einen Riesenfehler?“ fast kein Raum mehr für andere Gefühle, diesmal waren wir alle drei deutlich trauriger. Und wir wissen halt inzwischen, was uns hier im Vergleich mit Deutschland stört oder fehlt.

Glücklicherweise hat sich der Kummer angesichts der Verspätung des Flugs nach Amsterdam und dem damit verbundenen Risiko, es nicht rechtzeitig zum Anschlussflug nach Peking zu schaffen, schnell verzogen. Zeit hat zum Glück doch noch gereicht, diesmal keine lange Warteschlange bei der Passkontrolle und, zack, saßen wir schon im Jumbo nach Peking, das uns heute Morgen mit viel Sonne, Wärme und guter Luft empfangen hat. Alles schön grün, alles blüht. Schön, wieder zuhause zu sein.

Eigentlich wollte ich heute eher Fröhlich-Albernes vom Wochenende zeigen und schreiben, die leicht unanständigen Skulpturen im Parkview Green, ich Auge in Auge mit Darth Vader und Darth Maul – und dann sitze ich vorhin beim Kaffee trinken mit Freundinnen und auf einmal fangen die Smartphones an zu beepen und die Nachrichten aus Brüssel gingen ein. Da ist der Gedanke an belanglose Albernheiten verflogen.

IMG_1382Ich denke an die Menschen in Brüssel, wünsche den Verletzten und Hinterbliebenen viel Kraft und trauere um die mir unbekannten Toten, die so sinnlos, so gewalttätig aus dem Leben gerissen wurden.

Neben der Trauer empfinde ich auch Zorn gegenüber politisch Verwirrten, die jetzt schon versuchen, politisches Kapital aus den Anschlägen zu schlagen. Das ist einfach nur erbärmlich und respektlos auch den Opfern gegenüber.

Es wird die Wunden nicht heilen, aber ich hoffe, dass alle noch frei herumlaufenden Täter gefasst werden, ebenso wie die Hintermänner und dass sie hart für diese abscheulichen Verbrechen bestraft werden.

Und ich habe Angst.

Ist es jetzt vorbei? Oder geht das Morden noch weiter? Wann und wo wird es den nächsten Anschlag geben?
Mir ist total mulmig bei dem Gedanken, am Freitag (ausgerechnet Karfreitag!) mit meinen kleinen Jungs in den Flieger zu steigen und über Amsterdam nach Hamburg zu reisen. Ob das nicht zu gefährlich ist? Jetzt fühle ich mich ausgerechnet hier in Peking auf einmal viel sicherer. Es heißt, man dürfe den Terror nicht gewinnen lassen, man solle weiter sein Leben leben. Aber ich mag mein Leben und möchte, dass es noch eine lange Weile andauert, und das gilt natürlich erst recht für meine Kinder. Ich habe doch auch eine Verantwortung, sie nicht in offensichtliche, vermeidbare Gefährdungssituationen zu bringen. Ich weiß zuwenig, um einschätzen zu können: ist es jetzt gefährlich, nach Europa zu fliegen? Oder bin ich überängstlich und es ist meine bezwungen geglaubte Flugangst, die sich nun zurückmeldet? Wo ist die Grenze zwischen übertriebener Panik und angebrachter Vorsicht?

Ich fürchte, die Terroristen haben eins ihrer Ziele erreicht: Menschen Angst einzujagen. Sonst würde z.B. ich mir ja jetzt nicht solche Gedanken machen. Aber ich bin ein Mensch mit Gefühlen, ich darf Angst haben. Aber mein Land, d.h. Politik und Staat, darf und soll keine Angst haben und sollte nicht unter dem Druck des Terrors falsche Entscheidungen treffen.

In Hamburg sind wir gut weggekommen. Klar, ein paar Tränen, aber die sind dann auch rasch getrocknet. In Amsterdam hatten wir uns schon gemütlich im Flieger eingerichtet, die ersten Filme lief es bereits, Lautsprecherdurchsage auf holländisch, aber nicht die erwartete Ankündigung, dass es endlich losgeht, sondern: „Sorry, das Flugzeug wurde beim Beladen beschädigt und muss am Boden bleiben.“ Aber nachher käme eine Maschine aus Tokio, mit der ginge es dann weiter. Und das war dann auch so. Mit zweieinhalbstündiger Verspätung sind wir dann hier in Peking gelandet. Nachdem Hamburg uns mit typischem Brackwetter (ok, untypisch warm dabei) verabschiedet hat, wurden wir hier mit blauem Himmel und 33° empfangen. Häuschen hat Thomas gut ausgesucht, ich denke, wir werden uns hier wohlfühlen können. Jetzt müssen wir noch diese blöde Reisemüdigkeit aus den Knochen kriegen und die Zeitumstellung wuppen, damit die Jungs dann ab nächstem Montag nicht in der Schule schlafen… ;)