In Deutschland tobt ein Sturm, und windig ist es auch noch. Thüringen und die Folgen und „Sabine“ haben – zumindest vorübergehend – das Coronavirus aus den Schlagzeilen verdrängt. Unser Pekinger Alltag wird allerdings weiterhin stark davon bestimmt:

  • Die Schule wird nun mindestens den ganzen Februar über geschlossen bleiben.
  • Für die Schule habe ich heute einen Onlinefragebogen ausgefüllt (wichtig für deutsche und chinesische Behörden): Ja, wir sind in Peking, die Kinder haben kein Fieber und sind gesund.
  • Der Mann macht Home Office.
  • Wir gehen nicht mehr Essen, da wir den Eindruck hatten, dass selbst im Lieblingsrestaurant nicht mehr so ganz frische Lebensmittel verwendet wurden (blödes Timing von dem Virus, ausgerechnet zu Neujahr zuzuschlagen). Ganz zu schweigen vom Niesen aus der Küche. Inzwischen sind „Banquets“ untersagt, konkretisiert wurde es inzwischen mit „nicht mehr als drei Personen“.
  • Die Kontrollen beim Betreten und Verlassen des Compounds wurden verschärft. Es wird Fieber gemessen, nachgefragt, ob man wirklich raus muss. Überall riecht es nach Desinfektionsmittel, im Fahrstuhl hängen Papiertücher, die man benutzen soll, um die Knöpfe zu bedienen.
  • Das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit ist überall da Pflicht, wo man anderen Menschen begegnet: Supermärkte, Busse, Bahnen, Fahrstühle… Aber schon bevor diese Order kam, ist einem praktisch niemand mehr ohne Maske begegnet.

Vorsichtsmaßnahme im Lastenaufzug

Aussitzen, oder… ?

Mit der Entscheidung, die Krise hier auszusitzen, sind wir nicht allein. Laut (nicht repräsentativer) Umfrage des „Beijingers“ sind es ca. 70% der Expats, die hier ausharren, laut Umfrage in einer Schulklasse sind etwas mehr als die Hälfte der Kinder hier. Unsere „Lütten“ (die so lütt ja gar nicht mehr sind) haben von mir aber ein totales Verbot bekommen, die Wohnung zu verlassen. Dafür können sie – wenn die schulischen Pflichten erledigt sind – glotzen und PC spielen bis es selbst ihnen zu viel wird. Langweile kennt zum Glück keiner von uns – ich bin aber wirklich froh, hier jetzt nicht mit jüngeren Kindern festzusitzen.

Rückflug mit Hindernissen

Der Mittlere und seine Freundin sind inzwischen heil und gesund zurück in Deutschland. Mit den vielen Flugstreichungen und einem Fehler bei der Umbuchung (kann einem Unternehmen ja mal passieren, aber in solchen Zeiten sieht das einfach nicht gut aus, wenn ein Flug aus dem System verschwindet, aber für den 15fachen Preis noch zu haben ist) fühlte ich mich schon gestresst, und die selbst auferlegte Coolness hat echt Risse bekommen. Zum Glück stand das Unternehmen nach zahlreichen, endlosen Telefonaten zu seinem Fehler, und die großen  „Kinder“ wurden auf einen neuen Rückflug gebucht. Am Ende sogar ganz gut, denn der vorige Flug war inzwischen auch komplett Geschichte, auch diese Airline fliegt erst im März wieder.

Nochmal Schnee…

Zwischendrin hat es mal wieder geschneit, schon das fünfte Mal in diesem Winter – angesichts des Virus ist das ziemlich untergegangen. 

Schnee in Chaoyang

Schnee in Peking

Was für ein unfassbarer Unterschied! Als es Anfang Januar so geschneit hatte, was war da für ein Trubel überall, was war da für eine aufgekratzt-fröhliche Stimmung. Bis auf ein paar Reste ist der Schnee inzwischen weggetaut, tagsüber sollen wir in den nächsten Tagen sogar zweistellige Temperaturen kriegen, bis es am kommenden Wochenende windig und wieder kalt wird. Das wird dann hoffentlich den dreckigen Smog wegblasen, der hier zusätzlich zu allem anderen die Stimmung drückt.

Eine Portion Optimismus, bitte

Meine Gelassenheit ist brüchig geworden. Ein Virus, das morgen oder übermorgen 1000 Menschen auf dem Gewissen haben wird, tobt in dem Land, in dem ich lebe. Es ist nicht irgendeine Schlagzeile, die ein Land Tausende Kilometer entfernt betrifft, sondern es findet hier in unserer Nachbarschaft statt. In Peking sind inzwischen 337 Menschen erkrankt, zwei verstorben, 44 wieder gesund. Die Zahlen verlieren – etwas – von ihrem Schrecken, wenn man sie in Relation zu Pekings Größe setzt: über 21 Millionen Einwohner. Aber anders als über eine Nachricht, über die man hinwegscrollt, kann man über die Masken, die Kontrollen nicht hinwegsehen. Ob wir wollen oder nicht, wir werden ständig mit der Krise konfrontiert.

Nervt immer, aber jetzt besonders: Panikmache und Fake News

Fake News und Panikmache sind immer unnötiger Mist. Aktuell werde ich aber wirklich zornig, wenn ich mit sowas konfrontiert werde. Es ist schwierig genug, seriöse von unseriösen Meldungen zu unterscheiden, erst Recht, wenn selbst Medien, die man eigentlich als eher vertrauenswürdig erachtet hat (wie Spiegel und Tagesthemen beispielsweise) danebengreifen. Aktuell kommt dazu, dass meine Chinesischkenntnisse sehr begrenzt sind, der Zugriff auf Originalquellen damit nur eingeschränkt möglich ist. So eine Situation würde einen doch schon in Deutschland verunsichern, wo man alles mit der Muttermilch aufgesogen hat und auch blind zwischen den Zeilen lesen kann. Sprachbarrieren sind blöd. Naja, und China und Medien halt… 

Jedenfalls liegen hier keine Leichen in den Straßen rum, auch Zombies haben wir noch keine gesehen. Unsere Nachbarn gehen weiter mit ihren Hunden Gassi und haben sie nicht aus dem Fenster geworfen, Peking ist nicht abgeriegelt, die Regale in den Supermärkten sind voll (es gibt auch wieder Trinkwasserkübel, der Engpass war tatsächlich nur den eigentlichen Neujahrsferien geschuldet).

Und wenn mir hier das doch alles zu viel wird, klemme ich die Kurzen untern Arm und setze mich nach Australien ab und helfe unseren Freunden dort bei der Renovierung ihrer Farm. Oh wait, Reisebeschränkungen, die Australier (und viele andere Länder) lassen uns gar nicht rein. Ich habe einen Notfall-Plan für Deutschland, aber selbst mit den Einschränkungen und dem halbfreiwilligen Wohnungsknast ist es derzeit für uns angenehmer hier in Peking.

Landsleute-Mails

In den letzten Wochen bekommen wir über die Krisenvorsorgeliste der Botschaft/des Auswärtigen Amts regelmäßig sogenannte Landsleute-Mails. Zum Teil bestehen die aus Abschnitten, die sich lesen wie Presseerklärungen. Ja schon, ich finde es gut und richtig, dass die Deutschen aus Wuhan ausgeflogen wurden. Aber ich frage mich, warum das andere Länder deutlich früher geschafft haben – und warum das mir in so einer Mail mitgeteilt wird. Soll mich das beruhigen, dass im Fall der Fälle auch aus Peking (oder anderen betroffenen Landesteilen) evakuiert wird?

Zu der Teilreisewarnung hat sich nun der Hinweis gesellt, dass Deutsche in China eine vorzeitige/vorübergehende Ausreise in Erwägung ziehen sollten – aufgrund der zunehmenden Einschränkungen. Nicht wegen des Virus selbst. Das nehmen wir erstmal als Beruhigung und bleiben, denn so lästig die Einschränkungen auch sind, damit lässt es sich aushalten.  

Wir hoffen, dass das Schlimmste bald überstanden ist. Die Kurve mit den Neuansteckungen ist abgeflacht. Jetzt muss man wohl abwarten, ob mit der Rückkehrerwelle (heute war der erste offizielle Arbeitstag nach den verlängerten „Ferien“) eine neue Ansteckungswelle durch Peking und das Land schwappt.

Etwas mehr Langweile, bitte

Werde ich gefragt, wie ich das Leben in Peking finde, habe ich bisher meistens geantwortet, dass es seine Höhen und Tiefen hat, aber es zumindest niemals langweilig wird. Etwas mehr Langweile wäre jetzt aber vielleicht doch ganz schön.

Immerhin wird mein SuB (Stapel ungelesener Bücher) kleiner. Zwischendurch habe ich das Spiel Plague Inc. entstaubt; beim Glotzen sind Mützen, Schals und Socken entstanden. Achja, Glotzen:  Offenbar gibt es unter uns deutschen Pekingern einen Trend zu den gleichen Filmen und Serien: Outbreak, Contagion, World War Z, Containment… Und dann setz ich meine Maske auf, schwinge mich auf den Scooter und fahre durch die nach wie vor leeren Straßen und denke, ich bin im falschen Film.

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