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Gestern am 1. Oktober hat China gleich zwei Feiertage begangen, die ausnahmsweise auf den selben Tag gefallen sind: den Nationalfeiertag und das Mondfest (auch Mittherbstfest) – Doppelfeiertag! Das Mondfest, am 15. Tag des 8. Monats nach dem Mondkalender, ist nach dem chinesischen Neujahrsfest das zweitwichtigste chinesische Fest. Zum Nationalfeiertag gibt es Ferien in ganz China: die Golden Week, normalerweise ohne Corona die größte Völkerwanderung der Welt, Hauptreisezeit in China.

Die Stadt bereitet sich vor, überall (auch auf Verkehrsinseln, Seitenstreifen – da, wo in Deutschland günstig-praktisches „Straßenbegleitgrün“ wuchert oder vertrocknet) gibt es neue, farbenfrohe Herbstbepflanzungen und/oder Blumen(topf)-Arrangements. Überall werden rote Lampions aufgehängt und die Nationalflagge gehisst. Und auch Restaurants scheinen sich vorzubereiten.

Feiertag und IKEA? Dumme Idee.

Ich will ein paar Kleinigkeiten vom Möbelschweden besorgen, schwinge mich auf den Scooter, freue mich noch über die freie Bahn – jetzt nicht (mehr) Corona-bedingt, sondern wie jedes Jahr während der Golden Week. Aber kurz vor dem Ziel: abgesperrte Fahrspuren. Mehr und mehr Menschen. Oh nein, es ist wie bei IKEA-Schnelsen an einem Adventssonnabend… Okay, heute keine Kerzen, nur „schnell“ in den Lebensmittelmarkt und wieder raus. Tja, das hätte ich nach all der Zeit in Peking echt vorher wissen können… Kaum lasse ich IKEA hinter mir, sind die Straßen auch wieder leer und unweigerlich wandern meine Gedanken ein Dreivierteljahr zurück zum Neujahrsfest. Eigentlich müsste ich doch eine „Kontrollrunde“ am Tiananmen vorbei drehen. Also verstaue ich zuhause nur schnell die Einkäufe und tuckere wieder los.

„Kontrollrunde“

Ich nehme den gleichen Weg wie „damals“ am Neujahrstag. Da die Straßen leerer sind als sonst, fallen einem Fahrzeuge, die man auf Deutschlands Straßen nicht sieht, wieder viel stärker auf.

Das hier war nicht ganz so knapp wie es scheint, aber ich nehme es trotzdem als Erinnerung, konzentriert und defensiv weiter zu tuckern. Nicht vom Gegenverkehr täuschen lassen – das ist nur ein Witz von Ampelrückstau, die Straßen waren wirklich leer.

Tatsächlich sind die Straßen alles andere als leer, denn es sind unzählige Menschen unterwegs, aber es gibt kaum Autoverkehr. Nur vor beliebten Restaurants wie dem großen Huda in der Ghost Street wird mal eben in dritter Reihe gehalten, um die Familie rauszulassen. Auch auf dem Gehweg: kein Vergleich zum Neujahrsfest, hier tobt das Leben, Dutzende warten darauf, dass ein Tisch frei wird. Würziger Duft liegt in der Luft, und Peking ist normal laut.

Und so sieht es die ganze Ghost Street (die legendäre Futtermeile an der Dongzhimen Inner Street) entlang aus. Hier war es schon den ganzen Sommer über abends lebendig und gut gefüllt, aber heute toppt es das bei weitem.

Bist Du eigentlich neu in Peking oder was?

Eigentlich hätte ich ja schon in der Nähe des Jingshan-Parks aufmerken müssen. Die Straßen sind zwar wie am Neujahrstag leer, aber es gibt viele Polizeiposten. Und da ist dann auch die erste gesperrte Straße – keine motorisierten Fahrzeuge in Richtung Tiananmen erlaubt.

Keine Ahnung, was ich mir gedacht – bzw. nicht gedacht – habe. Ich fahre durch Nebenstraßen weiter in Richtung Tiananmen, nehme immer mehr Fußgänger wahr, die zunehmend auch den Bikestreifen benutzen. Hätte ich das Hirn eingeschaltet, hätte ich jetzt den Scooter abgestellt und wäre mitgelaufen. So stecke ich später zwischen Autos, anderen Scootern, Fahrrädern und Fußgängern an der Kreuzung an der Chang’an fest. Ich werde mit unzähligen anderen über die Prachtstraße geschleust, darf aber nicht in eine der Seitenstraßen fahren (wo ich eigentlich den Scooter abstellen wollte, um dann auch zu Fuß weiterzugehen). 

Abgesehen davon, dass alle Maske tragen, kann man sich hier nicht vorstellen, dass wir mitten in einer Pandemie sind. Abstände? Social distancing? Hier jedenfalls nicht. Aber trotz der Massen (die mich ja immer auch ein wenig stressen) eine greifbar fröhliche Stimmung. Das erinnert an den 70. Jahrestag im letzten Jahr, aber unterscheidet sich massiv vom Neujahrsfest.

Dann grinst mich auch meine Akkuanzeige noch blöd an: du dusselige Kuh hättest mich zwischendrin mal aufladen sollen, wenn du nicht schieben willst! Ich beschließe, an einem der nächsten Tage mit der Metro zum Tiananmen zu fahren und will nun auf dem kürzesten Weg über die Chang’an in Richtung Osten – nach Hause – weiter. Ist nicht. Nur für Fußgänger. Also fahre ich den Weg zurück, den ich gekommen bin. 

Unterwegs denke ich: was ein Unterschied! Und damit meine ich nicht das Wetter, das jetzt noch (beinah, zumindest nach Hamburger Maßstäben ;) ) spätsommerlich ist. Obwohl die Pandemie nicht überstanden ist, so ein Trubel. Zwar gab es in  Peking jetzt seit 55 Tagen keine lokale Neuinfektion. Und trotzdem steht das irgendwie im Widerspruch zu den Parolen, die man sonst überall lesen kann, weiterhin wachsam zu sein und sich an Vorsichtsmaßnahmen zu halten.

Es ist schon mehr als nur ein bisschen spannend, wie sich die Zahlen wohl nach der Golden Week entwickeln werden. Wenn das gut geht, was ich sehr hoffe, dann können wir uns hier wohl wirklich zurücklehnen, weitgehend normal (abgesehen von Masken, Temperaturkontrollen und Health App) vor uns hinleben, uns eigentlich keine Sorgen um die eigene Gesundheit machen müssen und auf das Ende der Pandemie bzw. einen Impfstoff warten. Aber sollte es neue lokale Infektionen geben, wirft das ein düsteres Licht auf den bevorstehenden Winter, und mir graut es davor, wieder so (relativ) isoliert zu sein wie im Frühling.