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Am Dienstag war nicht nur das chinesische Mondfest, sondern auch traumschönes Wetter. Da nicht nur dieser Sommer ungewöhnlich verregnet war, sondern sich das überwiegend miese Wetter auch noch im September fortsetzt, musste das unbedingt ausgenutzt werden. Ich habe nicht lange überlegt, und mich für den Botanischen Garten entschieden. Mit dem Scooter käme ich hin, aber nicht mehr zurück, also entscheide ich mich für die schnellste Lösung: Metro. Von „unserer“ Station Liangmaqiao nehme ich die Linie 10 „outer loop“. Die Bahn ist ziemlich leer. Ach ja, Feiertag.

 

Die Vorort-Bahn

Leere Bahn? Tja, das ändert sich, als ich in Bagou in die Xijiao Linie (Xijiao – 西郊 – Westliche Vororte) umsteige. Die Linie gibt es erst seit knapp vier Jahren und fährt von Bagou aus am Sommerpalast und Botanischen Garten vorbei zu den Duftbergen. Also kein Wunder, dass es nun brechend voll wird. Es sind Familien und Paare, die unterwegs sind, anders als bei meinen bisherigen Ausflügen zum Botanischen Garten keine Gruppen. Klar, ist ja ein Familienfest.

Am Sommerpalast steigen nur einige wenige aus, mit mir zusammen ein paar mehr am Botanischen Garten. Immer noch gut gefüllt fährt die Stadtbahn weiter zu den Duftbergen. Die Stadtbahnhaltestelle ist in der Mitte der Straße genau gegenüber vom Haupteingang des Botanischen Gartens – mit Schranken und Zebrastreifen und Uniformierten wird für sicheren, geordneten Überweg gesorgt (ich habe eine vage Vorstellung, wie das ohne aussehen könnte…).

Eintauchen in den Botanischen Garten

Vorm Tickethäuschen und im gesamten Eingangsbereich steppt der Bär. Ich löse nur das normale Parkticket für 5 RMB, bei dem Traumwetter zieht es mich weder ins Gewächshaus noch in den Wofo-Tempel (und selbst wenn spontan doch, könnte ich dort jeweils direkt am Eingang nachlösen). Schon nach wenigen Schritten verteilt sich das Gewusel. Ich schlage dieses Mal eine andere Richtung ein als bei meinen bisherigen Besuchen und gehe zunächst in Richtung Rosengarten. Hier ist nicht viel los, die meisten Rosen sind bereits verblüht. Ich genieße es trotzdem, sauge die Sonne auf. Mir graut jetzt schon vor dem langen, kalten Winter, da will ich jetzt noch soviel Wärme und Sonne tanken, wie es nur geht. Und grün sehen, bevor alles grau-braun und kahl wird!

Ich gehe am Gewächshaus vorbei weiter in Richtung „Cherry Valley“.

Nicht nur die Botanik, auch die Schatten faszinieren mich.

Man könnte es sich bequem machen und zum Wofo-Tempel mit dem Elektrobus hochfahren. Oder eine Runde mit der Bimmelbahn drehen. Aber auch wenn man das nicht tut, kann man dem Getute, Gebimmel und Gedudel nicht entkommen. Dabei fällt mir ein, wie überwältigend ich den allgegenwärtigen Lärm vor einigen Jahren noch empfunden habe – und jetzt habe ich mich daran gewöhnt und höre darüber hinweg. (Nein, ich werde nicht schwerhörig!)

Bambusgarten und Bach

Den Wofo-Tempel lasse ich links (bzw. rechts) liegen und drehe erst einmal eine Runde durch den Bambusgarten. Irgendwann höre ich auf zu zählen, wie viele verschieden Sorten Bambus hier wachsen – es sind viele.

Schließlich setze ich meinen Weg oberhalb des Bambusgartens fort, finde einen schmalen Weg etwas oberhalb der „Hauptstraße“, den ich noch nicht gegangen bin.

Schließlich komme ich an den Bach, der von oben den Hügel hinab ins Tal plätschert. Nach dem vielen Regen ist der voller als ich ihn bisher gesehen habe.

Noch ein Stück weiter oben sind einige Wege abgesperrt, dort scheint gebaut zu werden. Schließlich komme ich an diesen Überweg und kann zuschauen, wie jeder zweite sich nasse Füße holt und ein Teenager auch eine nasse Hose.

Ich habe zwar Trekkingsandalen an, mit denen ich da sicher und problemlos durchwaten könnte, aber ich gehe lieber den gleichen Holzbohlenweg zurück, der ist einfach hübscher als der gepflasterte Weg auf der anderen Seite.

Es gibt in China übrigens ziemlich große Spinnen…

Ich lasse mich weiter kreuz und quer durch den Botanischen Garten treiben, genieße die Aussicht.

Schmetterlinge

Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
(Carlo Karges)

Inzwischen bin ich wieder weiter unten angekommen. In der Nähe des Gewächshause verläuft ein Weg, wo immer Pflanzen der Saison blühen. Und richtig gedacht, hier bekomme ich einige Schmetterlinge vor die Linse.

Am See

Ich finde die Kombination von blauen Himmel mit Schäfchenwolken, Wasser und Grün unwiderstehlich! Ich bin einem chinesischen Paar gefolgt, bin mir nicht bewusst, eine Absperrung überwunden zu haben, aber es hätte wohl eine da sein sollen. Immerhin, ich komme tatsächlich mal direkt ans Südufer. Umkehren will ich nicht, also muss ich doch ein bisschen klettern.

Schließlich lande ich doch wieder auf dem breiten Weg. Inzwischen hat es sich spürbar geleert und auch ich mache mich so langsam auf in Richtung Ausgang.

Was dieser Mann hier wohl macht?

Zum Abschluss werfe ich noch einen Blick auf die Blumenskulptur. Die sind hier in China wirklich angesagt, nicht nur hier im Botanischen Garten. Zu besonderen Anlässen sieht man sie aber wirklich überall.

Nun mache ich mich auf den langen Heimweg. Die Uhr behauptet, ich wäre fast 15 km gelaufen (und ich habe wieder nicht alles angesehen). Als ich zuhause ankomme, ist es stockfinster. Macht nichts, denn ich spüre noch immer die warme Sonne auf der Haut und habe viele bunte, sonnige Bilder im Kopf (und der Speicherkarte).

Fotos. Viele Fotos.

 

Gestern am 1. Oktober hat China gleich zwei Feiertage begangen, die ausnahmsweise auf den selben Tag gefallen sind: den Nationalfeiertag und das Mondfest (auch Mittherbstfest) – Doppelfeiertag! Das Mondfest, am 15. Tag des 8. Monats nach dem Mondkalender, ist nach dem chinesischen Neujahrsfest das zweitwichtigste chinesische Fest. Zum Nationalfeiertag gibt es Ferien in ganz China: die Golden Week, normalerweise ohne Corona die größte Völkerwanderung der Welt, Hauptreisezeit in China.

Die Stadt bereitet sich vor, überall (auch auf Verkehrsinseln, Seitenstreifen – da, wo in Deutschland günstig-praktisches „Straßenbegleitgrün“ wuchert oder vertrocknet) gibt es neue, farbenfrohe Herbstbepflanzungen und/oder Blumen(topf)-Arrangements. Überall werden rote Lampions aufgehängt und die Nationalflagge gehisst. Und auch Restaurants scheinen sich vorzubereiten.

Feiertag und IKEA? Dumme Idee.

Ich will ein paar Kleinigkeiten vom Möbelschweden besorgen, schwinge mich auf den Scooter, freue mich noch über die freie Bahn – jetzt nicht (mehr) Corona-bedingt, sondern wie jedes Jahr während der Golden Week. Aber kurz vor dem Ziel: abgesperrte Fahrspuren. Mehr und mehr Menschen. Oh nein, es ist wie bei IKEA-Schnelsen an einem Adventssonnabend… Okay, heute keine Kerzen, nur „schnell“ in den Lebensmittelmarkt und wieder raus. Tja, das hätte ich nach all der Zeit in Peking echt vorher wissen können… Kaum lasse ich IKEA hinter mir, sind die Straßen auch wieder leer und unweigerlich wandern meine Gedanken ein Dreivierteljahr zurück zum Neujahrsfest. Eigentlich müsste ich doch eine „Kontrollrunde“ am Tiananmen vorbei drehen. Also verstaue ich zuhause nur schnell die Einkäufe und tuckere wieder los.

„Kontrollrunde“

Ich nehme den gleichen Weg wie „damals“ am Neujahrstag. Da die Straßen leerer sind als sonst, fallen einem Fahrzeuge, die man auf Deutschlands Straßen nicht sieht, wieder viel stärker auf.

Das hier war nicht ganz so knapp wie es scheint, aber ich nehme es trotzdem als Erinnerung, konzentriert und defensiv weiter zu tuckern. Nicht vom Gegenverkehr täuschen lassen – das ist nur ein Witz von Ampelrückstau, die Straßen waren wirklich leer.

Tatsächlich sind die Straßen alles andere als leer, denn es sind unzählige Menschen unterwegs, aber es gibt kaum Autoverkehr. Nur vor beliebten Restaurants wie dem großen Huda in der Ghost Street wird mal eben in dritter Reihe gehalten, um die Familie rauszulassen. Auch auf dem Gehweg: kein Vergleich zum Neujahrsfest, hier tobt das Leben, Dutzende warten darauf, dass ein Tisch frei wird. Würziger Duft liegt in der Luft, und Peking ist normal laut.

Und so sieht es die ganze Ghost Street (die legendäre Futtermeile an der Dongzhimen Inner Street) entlang aus. Hier war es schon den ganzen Sommer über abends lebendig und gut gefüllt, aber heute toppt es das bei weitem.

Bist Du eigentlich neu in Peking oder was?

Eigentlich hätte ich ja schon in der Nähe des Jingshan-Parks aufmerken müssen. Die Straßen sind zwar wie am Neujahrstag leer, aber es gibt viele Polizeiposten. Und da ist dann auch die erste gesperrte Straße – keine motorisierten Fahrzeuge in Richtung Tiananmen erlaubt.

Keine Ahnung, was ich mir gedacht – bzw. nicht gedacht – habe. Ich fahre durch Nebenstraßen weiter in Richtung Tiananmen, nehme immer mehr Fußgänger wahr, die zunehmend auch den Bikestreifen benutzen. Hätte ich das Hirn eingeschaltet, hätte ich jetzt den Scooter abgestellt und wäre mitgelaufen. So stecke ich später zwischen Autos, anderen Scootern, Fahrrädern und Fußgängern an der Kreuzung an der Chang’an fest. Ich werde mit unzähligen anderen über die Prachtstraße geschleust, darf aber nicht in eine der Seitenstraßen fahren (wo ich eigentlich den Scooter abstellen wollte, um dann auch zu Fuß weiterzugehen). 

Abgesehen davon, dass alle Maske tragen, kann man sich hier nicht vorstellen, dass wir mitten in einer Pandemie sind. Abstände? Social distancing? Hier jedenfalls nicht. Aber trotz der Massen (die mich ja immer auch ein wenig stressen) eine greifbar fröhliche Stimmung. Das erinnert an den 70. Jahrestag im letzten Jahr, aber unterscheidet sich massiv vom Neujahrsfest.

Dann grinst mich auch meine Akkuanzeige noch blöd an: du dusselige Kuh hättest mich zwischendrin mal aufladen sollen, wenn du nicht schieben willst! Ich beschließe, an einem der nächsten Tage mit der Metro zum Tiananmen zu fahren und will nun auf dem kürzesten Weg über die Chang’an in Richtung Osten – nach Hause – weiter. Ist nicht. Nur für Fußgänger. Also fahre ich den Weg zurück, den ich gekommen bin. 

Unterwegs denke ich: was ein Unterschied! Und damit meine ich nicht das Wetter, das jetzt noch (beinah, zumindest nach Hamburger Maßstäben ;) ) spätsommerlich ist. Obwohl die Pandemie nicht überstanden ist, so ein Trubel. Zwar gab es in  Peking jetzt seit 55 Tagen keine lokale Neuinfektion. Und trotzdem steht das irgendwie im Widerspruch zu den Parolen, die man sonst überall lesen kann, weiterhin wachsam zu sein und sich an Vorsichtsmaßnahmen zu halten.

Es ist schon mehr als nur ein bisschen spannend, wie sich die Zahlen wohl nach der Golden Week entwickeln werden. Wenn das gut geht, was ich sehr hoffe, dann können wir uns hier wohl wirklich zurücklehnen, weitgehend normal (abgesehen von Masken, Temperaturkontrollen und Health App) vor uns hinleben, uns eigentlich keine Sorgen um die eigene Gesundheit machen müssen und auf das Ende der Pandemie bzw. einen Impfstoff warten. Aber sollte es neue lokale Infektionen geben, wirft das ein düsteres Licht auf den bevorstehenden Winter, und mir graut es davor, wieder so (relativ) isoliert zu sein wie im Frühling.