Dicke Luft: Der AQI war heute wieder nur knapp unter 300. Trotzdem musste einer von uns raus, der Kühlschrank war leergefuttert. Ich sage nur: Teenager-Söhne. Da sich bei mir erste Anzeichen von Budenkoller zeigten, habe ich mich freiwillig gemeldet. Normalerweise gehe ich bei solchen Werten nicht raus, da ich immer direkt mit Atemwegsbeschwerden und Kopfschmerzen reagiere, wenn die Werte in Richtung 200 und drüber gehen. Abgesehen vom Smog war es schön draußen, relativ warm (9 Grad), oberhalb der Smogglocke war die Sonne zu erahnen. Zum ersten Mal in diesem Jahr ohne Mütze und Handschuhe draußen, klar, das Frühlingsfest liegt ja auch schon hinter uns, auch wenn es dieses Jahr aus bekannten Gründen so ganz anders war.

Inzwischen sind zwar etwas mehr Leute und Fahrzeuge unterwegs als noch letzte Woche, aber nee, das ist nicht das normale Peking, das ist ‘ne tote Geisterstadt mit den leeren Straßen. Wo ist das Gewusel? Wie kann es sein, dass ich allein mit dem Scooter an der Ampel warte? 

Blick in den Rückspiegel

Auch beim Blick in den Rückspiegel: nichts los

Ich beginne meine übliche Runde: “Bodensee-Bäcker” in der Lucky Street, in der vielleicht drei Parkplätze belegt sind, also: gähnende Leere. Schwungvoll schwinge ich mich neben einen einsamen SUV, doch ein Wächter pfeift, sagt: “nee, hier nicht”. Muss ja alles seine Ordnung haben, auch in solchen Zeiten. Ich lächele ihn an, was er vermutlich nicht bemerkt, da von meiner Mimik dank Helm, Brille und Maske nicht viel zu erkennen sein dürfte. Ich stelle den Scooter ordnungsgemäß ab, erledige meine Einkäufe, rufe dem Wächter beim Wegfahren noch ein fröhliches “Zaijian” zu, er winkt mir zu und ich tuckere weiter zu Schindler (“German Food Centre”, vor allem Metzger).

Auch hier bin ich die einzige Kundin, allerdings kommen hier nicht nur zwei Mitarbeiter wie beim Bäcker, sondern mindestens zehn auf mich. Geheimtipp: jetzt im Winter gibt es “fresh onion mettwurst”. Wird vor meinen Augen frisch zubereitet und ist das Einzige, was hier dem vom Gatten heißgeliebten und sehnsüchtig vermissten Mett sehr nahe kommt.

Die Scooterbox ist voll, ich fahre kurz zuhause vorbei, friere erstmal das ganze Fleisch ein. Jetzt statte ich erst dem Compound-Shop einen Besuch ab, ordere Trinkwasser, stelle fest, dass seine Gemüseauswahl nicht mehr groß ist, aber frische Milch hat er noch. Die Weinvorräte hingegen sind geschrumpft, aber ich finde noch einen Merlot, der mir zusagt. Viel mehr Compoundbewohner als sonst kaufen jetzt bei ihm ein – und er macht echt einen tollen Job. Wir können praktisch alles vorbestellen, und er versucht, auch unsere exotischen deutschen Wünsche zu erfüllen: den Kirschsaft für den Junior gibt es wieder. Vielleicht macht er gerade das Geschäft seines Lebens, aber er wirkt gestresst und angespannt – und ich vermisse unser normales Geplänkel. Vor dem Neujahrsfest hatte er mich eingeladen, mit ihm seinem Heimatort zu besuchen – das ist jetzt erstmal auf unbestimmte Zeit vertagt.

Auf geht es zur nächsten Runde: Jenny Wang (internationaler Supermarkt). Hoppla, warum sind ausgerechnet die Gewürzregale leer gefegt? Obst und Gemüse gibt es aber frisch und reichlich. Vielleicht ist das dumm von mir, aber tatsächlich mag ich gerade nicht auf den sonst sehr von mir geliebten Sanyuanli-Markt gehen – da hängt halt echt viel unverpacktes Fleisch rum (wenn auch nichts besonders exotisches). Mir scheint, hier bin ich auch unfreiwilliges Opfer der Medienberichterstattung.

Ich treffe den Jenny Wang-Manager (den ich noch aus der Filiale in Shunyi kenne), unser kurzer Plausch wird aber auch nach wenigen Minuten unterbrochen. Stressige Zeiten. Ich arbeite meine Einkaufsliste ab, zahle (per WeChat-Pay, natürlich), belade den Scooter und tuckere über die weiterhin verödeten Straßen nach Hause. Der Wächter öffnet mir das Tor und winkt mich so durch. Kein Fiebermessen, keine Befragung heute. Ich stelle den Scooter ab, mache noch ein beknacktes Selfie und begebe mich zurück in den Wohnungsknast.

Lin mit Helm und Maske

Stylingtipps: Matching Colors: Helm und Maske in Weiß, Augenringe, Brillengestell und Jacke in schwarz… ;)

Zahlenspiele?

In verschiedenen Medien war zu lesen, dass China eine Änderung der statistischen Erfassung vorgenommen hat, zum Beispiel bei der Zeit Online (gegebenenfallls runterscrollen/auf “weitere Beiträge” klicken; Meldung vom 11. Februar, 18:09 Uhr)

Die nationale Gesundheitskommission in Peking hat eine neue Definition erlassen, wer als vom Coronavirus infiziert gilt: China erfasst demnach seit Freitag nur noch Personen in der Statistik, wenn sie Krankheitssymptome aufweisen. Menschen, bei denen das Virus zwar nachgewiesen wurde, die aber keine Symptome aufweisen, tauchen in der Statistik nicht mehr auf.

Die neue Definition widerspricht den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die als Infizierten jemanden betrachtet, bei dem eine 2019-nCoV-Infektion durch ein Labor bestätigt wurde – egal ob mit oder ohne Symptome. Laut der WHO nehmen die Infektionen in etwa 80 Prozent der Fälle einen milden Verlauf. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer derer, die infiziert, aber nicht registriert sind, sehr hoch ist. 

Seit Ende vergangener Woche wächst der Anstieg der neu nachgewiesenen Ansteckungen mit der Lungenkrankheit nicht mehr so stark wie zuvor. Inwiefern das auf die neue Definition von Infizierten zurückzuführen ist, ist bisher unklar.

Ich fürchte, dass es für uns Nicht-Epidemiologen/Virologen ziemlich schwierig bis fast unmöglich ist, die Zahlen tatsächlich einzuordnen – selbst ohne Änderung der statistischen Erfassung. Ich selbst habe wie viele andere Hoffnung geschöpft, als ich gesehen habe, dass die Balken mit den Neuansteckungen kürzer werden. Da die Statistik im “The Beijinger”, die ich mir bisher immer angesehen habe, allerdings nicht ausweist, mit welcher Zählung gearbeitet wird, sind die Zahlen für mich nicht mehr wirklich vergleichbar. Und das ist für mich das aktuelle Problem. Ich wünsche mir nichts mehr, dass die Zahlen tatsächlich und objektiv zurückgehen, denn das würde Hoffnung bedeuten, dass der Ausnahmezustand, in dem wir uns derzeit hier in China befinden, ein Ende finden könnte. Und trotzdem, es regt sich ein Fünkchen Hoffnung, da der aktuelle Balken deutlich kürzer ist als der von gestern…

Es sind nicht nur Zahlen, hier geht es um Menschen!

Was mir tatsächlich zu kurz kommt: hinter diesen Zahlen stehen Menschen und Schicksale. Hinter jedem einzelnen Erkrankten und Verstorbenen steht eine besorgte oder trauernde Familie, die sicher fürchten müssen, auch selbst zu erkranken. Diese Leute sind sicher am härtesten betroffen. Noch größer dürfte der Kreis derjenigen sein, die Einkommenseinbussen hinnehmen müssen, von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Das trifft unvorstellbar viele Menschen…

Das Virus rückt näher

Wir leisten uns den Luxus einer Ayi. Eigentlich. Uneigentlich ist sie aus Hubei (die Provinz, deren Hauptstadt Wuhan ist), sie hat ihre Ferien vorzeitig abgebrochen und sich selbst in Peking in Quarantäne versetzt. Zunächst durfte sie ihr Wohnviertel hier in Peking nicht verlassen, das ist ihr inzwischen erlaubt, denn sie ist jetzt mehr als zwei Wochen zurück und gesund. Aber nun stellt sich unser Compound quer, da es Krankheitsfälle in ihrem Pekinger “Dorf” gibt. Nachvollziehbar. Grundsätzlich gilt weiterhin, dass Nicht-Bewohner unseren Compound nicht betreten dürfen, mindestens bis März.

Für uns ist die Krankheit damit gefühlt dichter dran gerückt. In unserem Pekinger District gibt es zwar die höchste Zahl der Erkrankten (aktuell 56), Chaoyang ist aber mit knapp 3,6 Millionen Einwohnern der Pekinger District mit der höchsten Einwohnerzahl. Laut App sind die betroffenen Wohnviertel zwar alle weit weg, aber ich habe mich doch dabei ertappt, zurückzurechnen, wann ich wo in der Öffentlichkeit unterwegs war… Und hat nicht vorhin die Hand des Metzgers die meine berührt? Mich selbst verrückt machen, das kann ich. Als Handmodel tauge ich aktuell auch nicht, so wund und rissig sind meine Pfoten vom vielen Waschen und Desinfizieren….

Quarantäne und Zugangsbeschränkungen sind Mist für die Betroffenen, keine Frage. Uns geht es im Vergleich zu den Leuten auf den Kreuzfahrtschiffen in Quarantäne noch gut (man stelle sich vor: Innenkabine, in die man nur vorwärts rein- und rückwärts wieder rauskommt – was ja unter normalen Umständen okay ist, weil man glaubt, eh nur zum Schlafen in der Kabine zu sein). Aber: “for the greater good” ist einzusehen, dass Quarantänen nötig sind, so sehr uns das individuell auch belasten mag.

Und sonst?

  • Apothekenbesuch? Pass mitnehmen, vor allem, wenn man Mittel kaufen will, die (auch) fiebersenkende Wirkung haben. Apotheken sind gehalten, solche Käufe zu registrieren und weiterzumelden.
  • Schulen bleiben vermutlich alle über den 17.2. (der zunächst als Datum genannt wurde) hinaus geschlossen. Die meisten internationalen Schulen nennen den 2.3. als frühestens Restart-Termin.
  • Touristische Hotspots bleiben weiterhin geschlossen, u.a. auch die Shops und Restaurants in der Nanluoguxiang. 
  • Namenskonventionen: Ob das Ding nun Neujahrsseuche, WuFlu, NPC oder Covid-19 heisst – mir egal, Hauptsache, es wird bald eingedämmt und verliert seinen Schrecken.

Wir versuchen jedenfalls, trotz dieses Ausnahmezustands eine Art von Alltag aufrecht zu erhalten. Da wir alle, auch die Jungs, Nachteulen und nicht Lerchen sind, hat sich der Schlafrhythmus auf Zeiten verschoben, die unserem Biorhythmus mehr entsprechen. Die Jungs sind tatsächlich noch gut drauf – dazu trägt sicher auch das Onlinespielen und das dabei chatten/talken mit ihren Freunden bei (machen sie in normalen Zeiten ja schon gerne und genießen es jetzt, dass wir das – solange die schulischen Pflichten erledigt werden!!! – nicht einschränken). Jedenfalls hört man hinter den verschlossenen Türen viel Gekicher, und das ist gut so.

Am Rande: ich habe gestern vor dem Einschlafen hier in Peking einen russischen Katastrophenfilm “отрыть/Break/Abgerissen” (bisschen geklaut vom amerikanischen B-Movie “Frozen – am Rande des Abgrunds”) im Original gesehen, nur chinesische Untertitel, ausgestrahlt von einem taiwanesischen Sender. Der Sender (“Hollywood Movie Channel Taiwan”) ist eine Fundgrube wundervoll-mieser Katastrophenfilme für mich, hier mal das google-übersetzte Programm für heute: 05:00 Dieser Strand frisst Menschen (Allgemein), 06:45 Lava Venom Spider 2 (Schutz), 08:35 Demon Warrior (Schutz), 11:45 300 Stark: Spartans Gegenangriff (Schutz), 14:05 Countdown zum Weltuntergang: Hurrikan des Jahrhunderts (Allgemein), 16:00 Gesundheit ist ungefähr (Allgemein), 17:00 Megalodon (Allgemein), 19:00 Bogenbrechender General (Wache), 21:00 Extremes Hai-Imperium (Allgemein), 23:00 Ella, Krieg Daughter (Pu), 01:35 Ghost Warrior (Schutz)  /// *grins*

Vor Beginn jedes Films wird allerdings ein Spot ausgestrahlt, in dem ein weißbekittelter, weißhaariger Arzt? Schauspieler? das korrekte Tragen von Maske und die Wichtigkeit vom richtigen Händewaschen erläutert. Für mich sind diese blödsinnigen Machwerke jedenfalls wunderbar, um mich von der realen Katastrophe abzulenken.

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4 Kommentare
  1. Ralf
    Ralf sagte:

    Danke für den Einblick! Weit weg (in Pforzheim) – aber doch so nah? Ich wünsche uns allen, dass es, so schnell wie es kam, auch wieder abklingt. Und euch, dass alle möglichst bald wieder mit dem Scooter neben Dir an der Ampel stehen können!

    Antworten
  2. engy
    engy sagte:

    Ich schließe mich den beiden an! Danke für deinen Bericht! Wenn die Jungs locker damit umgehen, hast du eine kleine Sorge los! Passt auf euch auf! …auf das schnellstens ein Gegenmittel gefunden wird, damit sich das Leben wieder normalisieren kann und nicht noch mehr Menschen sterben müssen!

    Antworten
  3. Linni
    Linni sagte:

    Vielen Dank für Eure Kommentare!

    Es bleibt uns ja nichts anderes übrig als durchzuhalten. Wäre einfacher, wenn man schon wüsste, bis wann. Aber das kann seriös aktuell noch keiner sagen, also ab in die Kiste mit den vielen anderen unbeantworteten/nicht beantwortbaren Fragen und irgendwie weitermachen!

    Für Pforzheim und den Rest der Welt hoffe ich, dass das Virus weit weg bleibt, auch wenn die Welt ja sonst sehr zusammengerückt ist.

    Die Jungs nehmen es nicht wirklich leicht, sie sind sich der Tragik und der Tragweite durchaus bewusst. Über Ängste und Befürchtungen sprechen wir regelmässig, aber allein daran, dass sie lieber freiwillig in der Wohnung bleiben als mich mal zu begleiten, sieht man, dass es sie nicht kalt lässt. Aber sie sind echt gut darin, as Beste aus der Situation zu machen – und ich bin sehr froh, dass ich diese wundervollen Jungs um mich habe, die meine Tage echt aufhellen.

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