Als ich vor über vier Jahren für den Göttergatten eine Wunschliste schreiben sollte, was ich beim aller-allerersten Pekingbesuch gerne sehen würde, stand da unter anderem auch der Alte Sommerpalast mit darauf. Ich weiß nicht mehr, in welchem Reiseführer das war, aber in einem war eine so begeistert-begeisternde Schilderung mit ansprechenden Fotos, dass ich unbedingt auch dort hin wollte. Hat damals dann wegen unserer Kränkelei zeitlich nicht mehr mit reingepasst. Nach dem Peking-Tripp war erstmal alles mögliche andere wichtiger, schließlich stand ein Umzug über Kontinente hinweg an. Tja, und dann geriet es in Vergessenheit – bis neulich der Patengruppen-Newsletter kam und einen Ausflug in den Alten Sommerpalast mit im Angebot hatte. Ich hab alles stehen und liegen lassen und mich sofort angemeldet, Freundin alarmiert und angefixt – und jetzt war es dann soweit.

Peking von seiner schönsten Seite

Der Alte Sommerpalast - Yuanming Yuan - in Peking

Frühling liegt in der Luft, getoppt vom blauen Himmel – beste Voraussetzungen. Vom Treffpunkt an der Schule geht es mit dem Bus eine Dreiviertelstunde in den Haidian-Bezirk, vorbei an zwei Universitäten. „Das Silicon-Valley“ von Peking, erklärt Monique, die heute unser Guide sein wird. 

Wir betreten den Alten Sommerpalast und lassen direkt den Lärm der Stadt hinter uns. Vorbei an Kanälen und Teichen führt Monique uns zunächst zu einer Ausstellungshalle mit einem Modell des Alten Sommerpalastes. Eigentlich sind es drei kaiserliche Gärten – daher auch der englische Name „Imperial Gardens“. Wir haben nur Zeit für einen davon, nämlich den „Changchun Yuan“ –  Der Garten des Ewigen Frühlings. 

Ein anderes Mal muss ich mir den „Yuanming Yuan“ – den Garten der vollkommenen Klarheit – und den „Qichun Yuan“ – den Garten des Schönen Frühlings“ ansehen. Das werde ich sicher bald schon tun! Ich hatte wirklich keine Vorstellung davon, wie groß die Anlage ist. Gerade im Sommer, wenn der Lotus blüht, soll es besonders schön sein.

Ein Ausflug in die Geschichte

Monique erzählt, dass die Sommerresidenzen während der Qing-Dynastie errichtet wurden. Die Qing-Kaiser waren anders als ihre Vorgänger Mandschu, in den nordöstlichen chinesischen Provinzen beheimatet. Naturverbundene Nomaden (oder deren Abkömmlinge). Eingesperrt mitten in Peking in der Verboten Stadt. Also hat man die Sommerpaläste bauen lassen: viel Grün, nicht nur die Gartenkunst, sondern auch die Berge in Sichtweite. Eine weitere Sommerresidenz befindet sich nördlich von Peking in Chengde (Notiz an mich: das wäre mal etwas für einen Wochenendausflug). 

Besonders Kaiser Qianlong hat den Ausbau des Alten Sommerpalastes vorangetrieben:

Aus Wikipedia:

Besonderen Wert legte er auf den Bau seiner Sommerpaläste, des Yuanming Yuan und des Qingyi Yuan. Dabei handelte es sich um die größte Garten- und Palastkomposition im damaligen Ostasien, gelegen in der nordwestlichen Vorstadt von Beijing. Hier konnte er ungezwungen seinen Vorstellungen folgen und seiner Fantasie freien Lauf lassen. Unter anderem bauten ihm die Jesuiten unter den Hofkünstlern den Xiyang Lou, einen weißen Marmorpalast im europäischen Barockstil, auf einer weitläufigen Terrasse gelegen, mit Fontänen und Wasserspielen nach dem Vorbild von Schloss Versailles. Natürlich legte Qianlong sein Augenmerk auch auf den Bau seines Yuling genannten Mausoleums.

Wir spazieren durch  „Xiyang Lou“ – „Westliche mehrstückige Gebäude“, von denen aber nur noch Ruinen stehen.  Außer der Gartenkunst gab es hier bedeutende Bibliotheken und Kunstsammlungen.

Ein Labyrinth steht noch bzw. wurde wieder aufgebaut. Und spätestens hier denke ich: ja, dieses Verspielte, das ist so ganz anders als die Mauern, die gewisse Strenge und Förmlichkeit der Verbotenen Stadt. Nachvollziehbar, dass auch Kaisers das hier schöner fanden. 

Opiumkriege und Zerstörung

 Monique erzählt uns von den Opiumkriegen. Am Ende des zweiten Opiumkriegs 1860 waren es die Engländer unter Lord Elgin, die im Rahmen einer Vergeltungsaktion (zuvor hatte Kaiser Xianfeng britische und französische Abgesandte foltern und töten lassen) nicht nur die Gebäude zerstört und abgebrannt haben, sondern sich zuvor auch an den Kunstschätzen „bedient“ haben. Und es wurden fünf Pekinesen erbeutet, die bis dahin ausschließlich dem Kaiserhaus vorbehalten waren. Einer davon wurde „Looty“ genannt und Königin Victoria geschenkt. Diese Hunde sind die Stammeltern der Pekinesen in Europa. Der Opiumkrieg endete, Peking musste ausländische Botschaften zu lassen (was zuvor für nicht notwendig gehalten worden war), der Opiumhandel wurde legalisiert  und Christen wurde der Besitz von Eigentum und das Missionieren erlaubt.

So ein Ritt durch die (chinesische) Geschichte vor Ort ist wirklich zu empfehlen, und weniger staubig als trockene Bücher. Um diese habe ich bislang einen Bogen gemacht, aber jetzt möchte ich doch mehr und genauer Bescheid wissen und muss mich mal auf die Suche nach einem netten Buch dazu machen.

Wiederaufbau oder im jetzigen Zustand bewahren?

Der neue Sommerpalast Yiheyuan ist wiederaufgebaut worden, der Alte Sommerpalast  Yuanming Yuan dagegen nicht. So, wie die Anlage nun ist, kann man die einstige Pracht zwar noch erahnen, kann aber auch die Zerstörung bedauern. Mit den vielen Teichen und Gewässern, den Hügeln und den nahen Berge und der Anlage insgesamt, die so gestaltet ist, dass es immer wieder neue, überraschende Aussichten gibt, ist es auch so ein schönes Ausflugsziel. Die Ruinen dienen als Mahnmal und illustrieren die Vergangenheit. Da nicht weit von hier der wiederaufgebaute neue Sommerpalast steht, finde ich es gut so wie es ist. Ich werde jedenfalls bald wieder dorthin fahren!

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5 Kommentare
  1. Kevin
    Kevin sagte:

    Hey,
    das alte China fand ich schon immer bewundernswert und wenn ich eines Tages einmal nach Peking reisen sollte, wäre der Sommerpalast definitiv auch auf meiner Liste!

    Ich würde mir jedoch wünschen, dass der Tempel in seinem jetzigen Zustand bleibt und nicht wieder restauriert wird. Dadurch würde der Charme irgendwie verloren gehen.

    Antworten
  2. Julian
    Julian sagte:

    Hallo Linn,

    ich habe nun einige Zeit auf deinem Blog verbracht und mir viele Beiträge angeschaut.
    Das hast du toll hinbekommen: Jetzt hab ich fernweh und möchte mal nach China reisen :D

    Schöner Blog mit schönen Bildern. Ich werde definitiv wiederkommen!

    Liebe Grüße
    Julian

    Antworten
  3. Auri
    Auri sagte:

    Liebe Lin,

    das sind ein paar tolle Tipps und sehr schöne Bilder! Meine Schwägerin ist aus Shanghai und daher waren meine Eltern dort schon zu Besuch. Das nächste Mal wollen sie ein bisschen mehr von China sehen, deine Tipps gebe ich ihnen auf jeden Fall mit auf den Weg.

    Viele liebe Grüße,
    Auri

    Antworten
  4. Linni
    Linni sagte:

    Hallo Auri, Kevin und Julian,

    freut mich sehr, dass es euch gefallen hat!
    Bevor wir nach Peking gegangen sind, hatte ich China überhaupt nicht auf meiner Reise-Wunschliste – und jetzt kann ich überhaupt nicht mehr verstehen, warum nicht. Bei allen berechtigten Vorbehalten: Es ist ein faszinierendes, tolles Reiseland!

    LG Linni

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  1. […] Chengde* schleppen – noch eine kaiserliche Sommerresidenz. Spätestens seit dem Besuch im Alten Sommerpalast interessiert mich das. Sollten meine drei Männer nicht wollen, bin ich aber auch nicht böse, wenn […]

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