Nachtbus-Abenteuer: Von Peking nach Liuku (Yunnan)

Nach all dem Hickhack im Vorfeld geht es am Sonntag tatsächlich los. Der Flug ist unruhig, „We are experiencing some turbulence. Please don’t worry!“ Wie war das, solange der Service nicht eingestellt wird, kein Grund zur Sorge? „Service is suspended!“ Merke: Vomex hilft nicht nur gegen Reiseübelkeit, sondern beglückt einen auch noch mit Schläfrigkeit und „Mir-Egal-Haltung“. So bin ich bei der Ankunft in Kunming halbwegs ausgeruht und gespannt auf den Nachtbus. 

Kunming ist für uns nur Zwischenstation, aufgeteilt auf zwei Taxen gurken wir einmal quer durch die Stadt zum Busbahnhof. Also nur ein flüchtiger Eindruck von Kunming: heiß, schwül, viele Hochhäuser und Baustellen. Ein Teil der Fahrt geht im Schritttempo über einen Markt, der ist so bunt, farbenfroh, wuselig, exotisch, dass wir am liebsten halten würden, um darüber zu bummeln. Aber wir müssen weiter zum Busbahnhof.

chinesischer Nachtbus mit Etagenliegen

Nachtbus Kunming-Liuku

Dort angekommen teilen wir uns auf, Nr. 3 kauft die Fahrkahrten, seine Freundin Getränke und Proviant, wir  beiden anderen bewachen das Gepäck, bestaunen das Gewusel und werden unsererseits bestaunt: wir sind die einzigen Langnasen. Wir haben noch Zeit für eine schnelle Nudelsuppe, dann entern wir den Nachtbus. Auch hier wieder Gepäckdurchleuchtung und Sicherheitsscan, großes Gepäck in den Kofferraum. Notiz an mich: Handgepäck auf das absolute Minimum beschränken, mein Daypack war definitiv zu groß für den nicht vorhandenen Stauraum…

Ja, Nachtbus: 3 Reihen schmale Pritschen auf 2 Etagen, 35 Plätze, ausgebucht. Unsere zusammenhängenden „Betten“ werden von chinesischen Frauen mit Kleinkindern belagert, also finden wir uns über den ganzen Bus verteilt wieder. 14 Stunden unterwegs. Nach gut zwei Stunden der erste Zwischenstopp an einem Rastplatz, natürlich gibt es hier keine westlichen Toiletten… Bevor wir weiterfahren, geht noch ein Uniformierter mit Taschenlampe durch den Bus, er scheint zu kontrollieren, dass alle angeschnallt sind und der Bus nicht überladen ist.

Im Bus ist es entweder kalt und zugig oder man schlüpft unter die dicke Decke, dann ist es zu warm. Immerhin, als es dunkel wird, ist draußen wirklich nichts mehr zu sehen, und ich verschlafe tatsächlich einen Großteil der Fahrt. Mitten in der Nacht fährt der Bus wieder ein Rasthaus an, aber anders als zuvor steigt niemand aus. Wir haben zwar zwei Busfahrer an Bord, aber es muss wohl eine Pflicht-Pause gewesen sein, denn es geht erst 2 Stunden später weiter.

Bei Sonnenaufgang fahren wir ins Nujiang-Tal ein. Hier befindet sich eine Zoll-Grenz-Station (Nujiang ist ein autonomer Bezirk), Soldaten mit Maschinengewehren gehen durch den Bus, wir Westler müssen aussteigen und werden am Schalter interviewt, was uns nach Liuku treibt. Nummer 3 übernimmt für uns alle, unsere Pässe werden registriert und dann dürfen wir weiterfahren. Die Straße windet sich in Serpentinen die Berge rauf und runter, dann geht es wieder eine Zeitlang am Fluss entlang. Der Nujiang (auf Deutsch meist Saluen) ist ein fast 3000 km langer Gebirgsfluss, der von Tibet aus durch Yunnan über Myanmar und Thailand bis in die Andamanensee fließt, es ist einer der wasserreichsten Abflüsse des Himalaya. Das im Hinterkopf habend bin ich entsprechend beeindruckt, als ich den schnell und wild fießenden, schlammig-braunen Fluß sehe. Was ich auch immer wieder sehe: Spuren von Erdrutschen. Ja, es ist schon eine wilde, beeindruckende Landschaft hier.

In Yunnan: Blick auf den Nujiang

In Yunnan: Blick auf den Nujiang

Auch in Liuku befindet sich der Busbahnhof am Stadtrand, wir verteilen uns wieder auf zwei Taxen und fahren ins Zentrum, wo wir ein einfaches Hotel (das aber westliche Badezimmer offeriert!) beziehen.

9 Kommentare:

  1. Hallo,
    ein tolles Erlebnis. Wir sind gerade von einem Shangai Urlaub zurück und haben uns dort auch mal in die Vororte gewagt. Man muss ja immer Schritt für Schritt ein neues Land angehen. Das Problem in China ist halt die Sprache und die Schrift.
    Ausserhalb war gar nichts mehr mit englisch untertitelt. Da tut man sich schon schwer den richtigen Linienbus zum Ziel zu erkennen. Da bleibt immer nur die Hoffnung junge Menschen anzutreffen die englisch können. Wir hatten das Glück.

    Was hat diese Fahrt gekostet?
    Kann man sich denn in China so frei bewegen? Hätte ich während meines Shanghai Aufenthaltes auch noch einen längeren Ausflug machen können ohne dies anzumelden?

    Dieser Schlafbus ist doch eine Super Idee. Sowas müsste es auch in Europa geben und auch in Flugzeugen.

    Das einfache Hotel in Liuku habt ihr das vor Ort gesucht oder schon im Vorfeld gebucht?

    Fragen über Fragen 🙂

    Liebe Grüße Lothar vom Blogger Forum

  2. Hallo Lothar,

    mir hat Shanghai vor gut 2 Jahren auch super gefallen!

    Ohja, ohne Chinesischkenntnisse wären wir in Liuku nicht weit gekommen… Oder doch, mit den vielen Übersetzungsapps wäre man sicher auch klar gekommen (lohnt sich auch für kürzere China-Reisen), aber unsere Chinesischkenntnisse waren auf jeden Fall ein großer Vorteil.

    Die Fernbusse sind noch mal was anderes als die Linienbusse in den Städten.
    Die Fahrt von Kunming nach Liuku hat wenn ich mich richtig erinnere 180 RMB gekostet – umgerechnet keine 25 Euro.

    Ja, Du hättest auch in China reisen können. Die polizeiliche Anmeldung erledigt dein Hotel für dich, nur wenn man privat übernachtet, muss man selber zur Polizei. Allerdings hat sich unser Hotel in Liuku damit schwergetan und kam nicht zu Potte mit der Anmeldung, wir waren aber wohl auch die ersten Ausländer seit langem dort. Das war insofern problematisch, als wir die Pässe brauchten, um die Busfahrkarten für den Bus nach Dali zu kaufen. In das Hotel sind wir einfach hineinspaziert, es hätte sonst noch zwei Alternativen gegeben. Mein Sohn und seine Freundin kannten sich ja in Liuku aus, von daher ging das. Wenn ich alleine reise, buche ich sonst vor, vor allem wenn ich mich vor Ort noch gar nicht auskenne.

    Alle Fragen beantwortet?

    LG Linni

  3. Hej Linni,
    als ich das Foto vom Nachtbus gesehen habe, habe ich mir nur gedacht: Ich möchte auf keinen Fall oben schlafen müssen. So einen Nachtbus kann man sich in Deutschland gar nicht vorstellen.

    Wenn ich so deine Seite anschaue bekomme ich auch Fernweh nach China.

    LG Kerstin

    • Hej Kerstin,

      ich war auch echt froh, dass meine Pritsche unten war… 🙂 Ich fahre ja eigentlich lieber mit dem Zug als mit dem Bus, aber wo es keine Zugverbindung gibt (und China ist so riesig…), da sind die Busse doch gar keine schlechte Alternative.

      LG Linni

  4. Da werden Erinnerungen an meine Chinareise mit dem Orchester vor 12 Jahren wach! Wir sind damals mit der Gruppe von rund 80 Personen im Nachtzug von Peking nach Xian gefahren – wohl behütet und durchorganisiert von einem Reiseunternehmen (ein Fagottist war mit einer Chinesin verheiratet, deren Familie in China eines besass – sehr praktisch 😉 ) in der ersten Klasse (nach westlichem Massstab: Liegewagen mit 6er-Abteilen). Und trotzdem war es ein kleines Abenteuer.

    So hat es sich zum Beispiel ausgezahlt, dass ich mir die chinesischen Zahlenzeichen eingeprägt hatte – sonst wäre es schwierig geworden, das reservierte Abteil und Bett zu finden ;). Tatsächlich hatten wir einen ganzen Wagen für uns – und ich frage mich gerade, was die chinesischen Eisenbahner wohl von der Langnasen-Party gehalten haben, die in der Nacht dort über die Bühne ging :).

    Ein Nachtbus mit Pritschen zum Liegen erscheint mir übrigens super praktisch – auf Busreisen in Europa mit Sitzen habe ich nie schlafen können – ein Grund mehr, warum ich den Nachtzug bevorzuge (da bekomme ich wenigstens ein Bisschen die Augen zu).

    Liebe Grüsse,
    Kathi „Keinstein“

  5. Haja, die Nachtbusse… wobei Eurer aber eigentlich eh ganz kommod aussieht. Wir sind vorletzte Woche in Laos in einem unterwegs gewesen, wo die Betten ganz gleich wie Stockbetten waren, mit Plastikkissen und Hello Kitty Decken, ohne Gurte, und pro „Bett“ zwei Personen. Zum Glück war der Bus nicht ausverkauft, denn als die 5. in unserem Bunde habe ich die ganze Fahrt über gezittert, dass noch irgendein schnuckeliger Laote zusteigen würde, mit dem ich dann zwangskuscheln müsse, :-).

    Jedenfalls: superspannend, Eure Reise, solche Ecken Chinas sind mit Sicherheit wirklich interessant, und ich kann mir vorstellen, dass die Menschen dort sehr herzlich sind. Mein Sohn war mit seiner Klasse kürzlich in ZhangJiaJie, sie haben dort ein Service Projekt an einer kleinen Schule gemacht, das fand er auch ganz eindrucksvoll. Zum Glück sind meine auch nicht so haklig und lassen zweifelhafte Unterbringungen, etc. über sich ergehen, haha.

    Liebe Grüße in die Hauptstadt!

    Corinna

    P.S.: Ich vermisse den Beijing-Akzent, die Menschen in Shanghai sprechen einfach nicht so schön wie die in Beijing!

  6. Hallo Corinna,

    ich mag die Pekinger auch, nicht nur den Dialekt. 🙂 Shanghaier kenne ich halt nicht viele, konnte bei meinem bisher einzigen Besuch in Shanghai vor zwei Jahren als Neuankömmling in China die Shanghaier ulkigerweise allerdings besser verstehen als die Pekinger.

    Oh, das kann ich mir vorstellen, dass es auch weniger angenehme Busse gibt. Mit Fremden auf so engem Raum kuscheln, das wäre ja gar nichts für mich!
    Unser Bus war von außen betrachtet eine ziemliche Rostlaube, wir haben auch neuere Modelle gesehen, die tatsächlich Ablagefächer haben und insgesamt „aufgeräumter“ wirken.

    Ich hoffe ja, dass wir auch noch viel mehr sehen als nur die großen Städte und touristischen Highlights. Landschaftlich und kulturell eindrucksvolle Orte gibt es ja noch unendlich viele.

    Hehe, Du kennst also auch die Diskussionen um die Unterbringungen (und das Essen!) auf Klassenfahrten? Da finde ich das mal richtig gut, dass sich unsere Schule nicht vom Kurs abbringen lässt. 🙂

    Grüsse vom 19. Parteikongress 🙂
    Linni

    • Liebe Linni,

      genau, die Diskussionen um die Hotels kennen wir auch, an der Schule in Tianjin war das jedes Jahr ein Riesenwirbel — und erstaunlicherweise eines der wenigen Themen bei dem der Direktor seine Ohren auf Durchzug gestellt hat. So weit ich mitbekommen habe, machen chinesische Schulen ähnliche Klassenfahrten und schicken die Kinder eine Woche „auf’s Land“ — und auch die chinesischen (Stadt-)Eltern sind nicht ganz glücklich über die Unterbringung — und der krasse Unterschied zwischen den modernen Städten und der Armut auf dem Land schien zumindest der Mutter, mit der ich mich kürzlich unterhalten habe, sehr nahe zu gehen.

      So einen Nachtbus wie Euren hatten wir mal in Vietnam, und da war ich schon nicht sonderlich glücklich — habe ich mich aber insgesamt ein wenig sicherer gefühlt als in dem, den wir in Laos hatten — dort gab es z.B. keine Gurte, und dadurch dass ich keinen Partner in meinem Bett hatte, bin ich in Kurven hin und her gerutscht. Trotzdem hatten wir den Nachtbus einem privaten Fahrer vorgezogen, weil die Busfahrer wenigstens Erfahrung mit den Strecken und Nachtfahrten haben. Unser Busfahrer schien jedenfalls sehr sicher zu fahren.

      In Laos gibt es jede Menge Angebote für Wanderungen im Dschungel, aber die Baumhäuser kann man tatsächlich nur per Zip-Line erreichen. Ich hätte übrigens auch nicht gedacht, dass ich es genießen würde — ich habe nämlich doch ein wenig Ehrfurcht vor Höhen, bin nicht besonders sportlich und mir wird leicht schwindelig. Ich hatte eigentlich nur zugestimmt, weil ich wusste dass der Rest an der Familie viel Freude daran haben würde. Die erste Zip-Line hat mich noch Überwindung gekostet — aber wenn man dann einmal über dem Dschungel schwebt ist das einfach nur genial, so dass ich danach selber ganz „heiß“ drauf war.

      Liebe Grüße in die Hauptstadt, die Euch in den letzten Tagen dank der Konferenz sicher mit perfekter Luft erfreut hat.

      Cheers,
      Corinna

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