Liuku

Tourismus gibt es in Liuku nicht. Wir sind hier, weil Nr. 3 und seine Freundin den Ort wiedersehen wollen, an dem sie beide ihr Freiwilliges Soziales Auslandsjahr verbracht haben. Mehr darüber findet sich hier:  Baumhaus bei Wikipedia und hier.

Zwei Tage verbringen wir hier, stromern durch die Stadt, frühstücken Xiaolongbao, wo S. früher immer gefrühstückt hat, essen Nudelsuppe, wo Nr. 3 immer gegessen hat. Die zwei werden wiedererkannt und die Leute scheinen sich aufrichtig zu freuen, wir dürfen nicht bezahlen, also lasse ich unauffällig beim Gehen einen Schein in die als Kasse dienende Pappschachtel fallen.

Mitten durch Liuku fließt der Nujiang, einige Brücken verbinden beide Ufer miteinander. Die Fußgängerbrücken schwingen stark, die teils nicht mehr komplett verschraubten Stahlplatten klappern beim darüber gehen, und zwischen den Stahlplatten sind große Lücken, durch die man unten den Fluss rauschen sieht…

Wir schlendern über einen Markt. Der ist nichts für Vegetarier und Tierschützer, allzu zart besaitet sollte man nicht sein. Aus einem Bottich am Boden springt ein großer Fisch und zappelt über den Boden auf mich zu. Augen zu und durch, ich flitze im Eiltempo an den weiteren Bottichen vorbei ans Ende dieses Ganges. Hier denke ich wie so oft auf dieser Reise, wie das die jungen Menschen alles beeindruckt und geprägt haben muss, damals noch nicht mal 20 Jahre alt, direkt nach dem Abitur in Deutschland. 

 

Die (alte) Minzu

Wir wollen natürlich auch die Schule sehen, an der Nr. 3 unterrichtet hat und wo er auch gewohnt hat. Allerdings wurde die Schule, die „Minzu“, verlegt und ist jetzt in einem Neubau am Stadtrand. Die alte Minzu, zentral und direkt an der großen Promenade am Fluss gelegen, steht nun leer und wird von einzelnen Arbeitern „ausgeschlachtet“. 60 Schüler in einer Klasse. Gemeinschaftstoiletten, die auch jetzt noch wie die Hölle stinken. Ein kleines Zimmer zu zweit, keine Heizung für die Hilfslehrer aus Deutschland. Kein fließendes warmes Wasser. Das ist alles ganz weit weg von unserer westlichen Welt, viel weiter als Peking, was an sich ja schon exotisch und fremd genug ist.

 

Goldener Buddha von Liuku

Wir gehen am Stadtrand über eine wackelige Fußgängerbrücke und klettern ein Stück einen Berg rauf und sehen uns den dortigen Tempel an, der goldene Buddha thront weithin sichtbar über der Stadt. Auf dem Weg hinauf und von oben hat man einen schönen Blick über Liuku, den Nujiang und die umliegenden Berge. Ich gehe oben in eine Halle hinein, in der ein paar kleine Souvenir-Buddhas ausgestellt sind, vor allem, weil ich einen Moment aus der prallen Sonne raus muss.

Da kommt eine alte Frau auf mich zu, und ich denke, sie will mir jetzt etwas verkaufen. Aber nein! Sie erzählt uns von dem Buddha: es ist ein weiblicher Buddha, für Fruchtbarkeit zuständig und viele Frauen mit Kinderwunsch kommen hierher und bitten um Fruchtbarkeit. Heute sind wir aber die einzigen Besucher. Wir können uns nicht dagegen wehren, sie nötigt uns, uns hinzusetzen, erzählt noch mehr über den Tempel und bringt dann auch noch Äpfel. Apfel heißt 苹果 (Píngguǒ), das ping ist ganz ähnlich wie in 平安 (Píng’ān), das Sicherheit, friedlich bedeutet. Wenn wir auf dem Weg zurück in die Stadt die Äpfel essen würden, wären wir künftig beschützt. Wir bedanken uns ganz herzlich und essen auf dem Weg die Treppen hinunter die saftigen Äpfel.

 

Sehenswürdigkeiten?

Während wir so durch die Stadt schlendern, werden wir immer wieder unverholen angestarrt. Ein etwa zehnjähriges Mädchen schlägt beide Hände vor den Mund, reißt die Augen groß auf und wispert: „Waiguoren!“ (Ausländer!) Aufgeregt zupft sie ihre Freundin am Ärmel, ob sie uns auch gesehen hat. Hat sie, und beide rufen noch mal laut: „Waiguoren!“ und grinsen über das ganze Gesicht. Das war echt drollig. 

Am anderen Flußufer ist eine hübsche, schmale Promenade, dicht bepflanzt. Als ich mir eine Pflanze näher angucken will, sehe ich mich Auge in Auge mit einer riesigen Monsterspinne. Die Biester hingen dort dicht an dicht an beiden Seiten des Weges und bis zum Ende der Promenade achte ich ganz genau darauf, in der Mitte des Weges zu bleiben…

 

Abends gehen wir mit Freunden essen und die jungen Leute gehen miteinander um, als hätten sie sich vorgestern zuletzt gesehen und nicht vor drei Jahren. 

4 Kommentare:

  1. Was für ein herrliches Abenteuer!
    LG
    Ulrike

  2. Ich liebe Orte, die nicht allzu touristisch sind. Und deine Fotos sprechen da auch eindeutig für diesen Ort, sodass es mich eigentlich etwas wundert, dass die Touristen ihn noch nicht überfallen.

    Dass man an den Ort zurückkehrt, an dem man sich kennen lernte, ist irgendwie eine nette Idee. Wenn ich an meinem ehemaligen Lieblingsort bin, an dem ich einen Sommer lang mit meinem damaligen Freund sehr oft war, muss ich sogar heute noch an ihn denken. Aber das sind schöne Erinnerungen, auch wenn die Beziehung eher doof endete.

    Übrigens: Das mit dem Schein, den man unauffällig da lässt, merke ich mir. Wenn das nächste Mal jemand mein Geld nicht nehmen will, verliere ich es halt in seiner Wohnung… Mama und Oma stellen sich manchmal etwas an 😉

    Was aus der Schule wurde, ist ja gar nicht schön zu lesen. Das tat Nr. Drei sicher weh, das zu erfahren, oder?

    Das mit der Frau bei der Buddhafigur ist ja nett… Ich hätte nicht gedacht, dass sich da Leute an solchen Orten so sehr für ihren Job begeistern können.

    Hihi, dass ihr als Ausländer so aufgefallen seid, stelle ich mir lustig vor. Gerne würde ich auch mal dieses Außenseitergefühl erleben, um mich eher in Migranten hineinversetzen zu können.

    Liebe Grüße

    • Hallo Tabea,
      die ganze Gegend ist traumhaft schön, da muss nicht jeder Ort touristisch erschlossen werden. Dazu ist Liuku auch viel zu abgelegen. 🙂
      Was die Schule angeht: gemischte Gefühle, denke ich. Ein Neubau ist allein wegen besserer sanitärer Anlagen ein Fortschritt.
      Ich bin ja jetzt jeden Tag Ausländerin. Früher habe ich immer gesagt, „Sprache ist der Schlüssel zur Integration“ – und da ist absolut etwas wahres dran, auch wenn wir als Westler ohne familiäre Verbindungen mit Chinesen uns niemals wirklich integrieren können. Wir sind definitiv nur auf Zeit hier und nicht eingewandert, das ist ja auch noch mal ein Unterschied. Aber heute weiß ich, wie schwierig das ist, eine so fremde Sprache zu lernen und sehe, dass es vielen nicht gelingt, sich auch nur die Zeit für die Basics freizuschaufeln. Und ich denke, dass wir es als Langnasen in China leichter haben, als z.B. Syrer in Deutschland. Wir werden neugierig-freundlich-interessiert bestaunt und nicht misstrauisch als potentielle Terroristen abgestempelt…
      LG Linni

  3. Hallo Linni,

    wow, danke für diesen Einblick in eine so komplett andere Welt. Ich finde ja schon die Schilderungen der mehr oder weniger touristisch erschlossenen Eckchen spannend und exotisch, aber solche Gegenden sind ja nochmal etwas ganz anderes. Bei den Spinnen wäre ich aber echt laufen gegangen. 😀

    Liebe Grüße
    Anne

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