Ein Besuch beim Cricket Man

Gestern habe ich meinen wohl bisher skurrilsten Ausflug hier in China gemacht. Mit der Patengruppe ging es über Zwischenstationen zum Cricket Man. Zunächst besuchten wir ein winziges „Museum“ im Hutong direkt hinter dem Glockenturm: eigentlich nur ein vollgestopfter Raum mit großem Tisch in der Mitte, wo uns von Frank Feng, unserem Guide, erst einmal Tee serviert wurde und er uns dann einige Ausstellungstücke näher erklärte. In den Ecken und Vitrinen ringsum staubten Plunder, Dachbodenfunde, Omas und Opas Hinterlassenschaften vor sich hin. Aber auf dem Tisch fand sich dann doch spannenderes:

Winzige Schuhe – ein kleiner Exkurs zu der leidvollen Geschichte des Füße-Abbindens. Ein alter Abakus, dazu gab es eine Minilektion Rechnen mit Abakus oder zwei Händen. Eindeutig als Bügeleisen erkennbare Gerätschaften und eine Minikasserolle, die dann doch auch ein Bügeleisen war. Eine eiserne Rassel, mit der der Arzt sein Kommen in den engen Hutonggassen ankündigte. Er konnte nicht einfach rufen, ob jemand einen Arzt braucht, denn die Frage: „Brauchst Du einen Arzt?“, bedeutet so viel wie: „Bist Du verrückt?“. Auch der Barbier kam oft in aller Herrgottsfrühe und hat dann nicht gebrüllt, sondern die Ohren der Anwohner mit einer Art überdimensionierter Stimmgabel mit ziemlich durchdringendem Ton gequält. Gutes, frisches Wasser war auch wichtig, das kam schon früher nicht aus der Leitung, sondern wurde von den Quellen hinter dem Hügel mit der Pagode hinter dem Sommerpalast in die Stadt hineintransportiert: mit Kamelen, die ihr Kommen mit einer Art Kuh-, sorry, Kamelglocke ankündigten. Insgesamt war es eine krude Mischung aus Merkwürdigkeiten und interessanten, für mich neuen Informationen zum Leben im Peking von früher. Inzwischen hatte der strömende Regen aufgehört und es ging weiter zu unserer nächsten Station, einem privaten Hutonghaus.

Mit Rikschas. Das hatte ich ganz verdrängt, als ich mich für den Ausflug angemeldet hatte. Viele von uns Westlern führen gemessen an chinesischen Maßstäben ein verflixt dekadentes Leben und das Nutzen von Fahrradrikschas ist für mich der Gipfel der Dekadenz. Muss ich nicht wieder machen, Lokalkolorit hin oder her, es fühlt sich für mich einfach grundfalsch an.

Das Haus der Familie, wo wir als 16köpfige Gruppe reinschauen durften, war schlauchförmig mit Durchgangszimmer, am Ende ein Schlafraum mit Schreibtisch, an dem eine junge Frau saß und Glasfläschchen bemalte – von innen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich das nicht wirklich richtig gewürdigt hab, dabei ist das wirklich eine elendige, wenn auch kreativ-künstlerische Fummelarbeit. Sie erzählte auch, dass man das nie mehr als 2-3 Stunden am Stück machen könnte, weil die Konzentration schwindet und man obendrein total verkrampft. Die Familie hat ihr Haus wohl seit den Olympischen Spielen für Touristen geöffnet, zumindest zeugen an der Wand befestigte zahlreiche Geldscheine aus vielen Ländern davon.

Dann ging es endlich weiter zum Cricket Man. Sein Courtyard gleicht einer Stadtoase, sobald man durch sein Tor tritt, wird es ruhiger, das viele Grün fällt auf, ein kleiner Nutzgarten, ein Kaninchen glotzt uns neugierig und kein bisschen ängstlich an und es finden sich einige Vogelkäfige, die teils auf Goldfischgläsern stehen. Ein Piepmatz kräht „Nihao, nihao!“, ein Hahn kräht tatsächlich. Wir werden hinein gebeten und versammeln uns rund um einen Tisch, bekommen auch hier Tee serviert. Frank Feng stellt uns den Cricket Man vor: Das ist Mr. Liu! Und Mr. Liu legt los und spult routiniert sein Programm ab. Sichtlich stolz zeigt er ein paar ältere Magazine herum, in denen er porträtiert wurde. Er ist ein Champion-Trainer, seine „Hero-Grille“ heißt immer „Mike Tyson“. Leider (?) bekommen wir keinen Grillenkampf zu sehen, denn die Viecher leben keine 100 Tage und die Kampfsaison dauert nur 30 Tage im Herbst. Die eine Grille, die er uns zeigt, ist auch ziemlich träge, aber eklig genug; interessanter und ansehnlicher sind seine Grashüpfer. Er zeigt uns das nötige Zubehör und erklärt uns den Grillenkampf. Eine Hero-Grille ist viel wert und mit Wetten kann man beim Grillenkampf viel Geld gewinnen – oder verlieren.

Die Grillen haben kleine Töpfe mit Deckel als Wohnung, darin gibt es eine Schlafkammer. Er zeigt uns eine alte Grillen-Waage, denn damit es fair zugeht, kämpfen nur gleichschwere Grillenmänner gegeneinander. Damit diese überhaupt aufeinander losgehen, werden sie gereizt, z.B. in dem man sie mit einer Art Pinsel mit nur 2-3 Schnurrhaaren dran anstupst. Mr. Liu schwört auf die Schnurrhaare weiblicher Ratten, andere Trainer nehmen auch Katzenhaare… Grillenkämpfe sind unblutig, der Verlierer flüchtet und schämt sich, die Siegergrille singt. 🙂 Wenn es mit den Grillen dann zu Ende geht, hat er anrührend winzige Miniatursärge für sie. 

Mr. Liu mag überhaupt Tiere, auch eine große Eidechse wohnt bei ihm und wird einmal herumgereicht. Mir reicht gucken… und dann verabschieden wir uns auch schon.

2 Kommentare:

  1. Oh, sehr spannend! Könntest Du mir bitte den Kontakt für diese Führung weiterleiten? Bin gerade dabei, unseren Umzug nach Shanghai vorzubereiten, habe aber noch ein paar „freie“ Tage, die ich gerne in Beijing verbringen würde, und das hört sich genau richtig an!

    Was Deine Bemerkung zu den Rikschas angeht — diese Einschätzung teile ich, und ich muss fast sagen, zum Glück, denn sonst hätte es mir bei meiner ersten Reise nach China sicher einiges an Ärger und schlechtem Nachgeschmack eingebracht. Ein Rikscha-Fahrer hatte mich verfolgt und mich beschimpft, dass ich wohl zu geizig sei, es koste vom Ausgang bis zurück zum Eingang der Verbotenen Stadt doch nur „drei“. Gott sei Dank, habe ich mich nicht drauf eingelassen, denn wie ich hinterher erfahren habe, behaupten sie hinterher oft sie hätten damit nicht drei Kuai, sondern dreihundert gemeint — als China-unerfahrener Tourist hätte ich damals nicht gewusst, wie ich damit umgehen soll.

    Aber wenn es natürlich sicher keine 300 wert gewesen wäre (jemand meinte, 20 sei angemessen), muss man andererseits schon sagen, dass diese Männer hart für ihr Geld arbeiten, ich will es also nicht ganz verschreien, :-).

    Dir wünsche ich noch eine schöne Zeit in Beijing und dann einen schönen Sommer!

    Cheers,
    Corinna

  2. Moin Corinna,

    ich hab Dir ne Mail mit der WeChat ID von Frank Feng geschickt, hoffe, das klappt. 🙂 Ja, mit dem 3-300-Trick bei der Verbotenen Stadt, das ist leider noch immer so. Und dass man die Frage, „was ist angemessen?“, durchaus differenziert betrachten muss, sehe ich auch so. Wenn ich bedenke, was ich in Europa für Taxi, Touristenattraktionen etc. bezahle, dann ist das hier in Wahrheit alles nicht viel; aber verglichen mit den ortsüblichen Preisen dann halt doch. Aber unabhängig vom Preis – ich möchte nicht jemanden körperlich für mich schuften lassen, nur weil ich zu faul, träge,… bin um die paar hundert Meter zu Fuß zu gehen, fehlt nur noch, dass ich mich in einer Sänfte tragen lasse… Zum Glück liegt das Mittelalter lange hinter uns! Mit Motor dran – kein Problem, gibt z.B. in Sanlitun ja überreichlich E-Rikschas. 🙂

    Hoffe, der Umzugsstress bei Euch hält sich in Grenzen, hab ein paar schöne Tage in Beijing und einen schönen Sommer! 🙂

    LG Linni

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